Erlauchte und gnädige Richter![67]

[67] Das folgende ist ein Teil der Verteidigungsrede des M..., als er

wegen Mordversuches auf seine Schwägerin vor Gericht stand.

Widerwillig habe ich auf der Anklagebank Platz nehmen müssen, um mich

gegen eine Anklage zu verteidigen, welche in schwarzen und tragischen

Farben mein geliebter Bruder, Michele M..., gegen mich vorgebracht hat.

Ich verteidige mich mit klaren Beweismitteln, um die Schändlichkeit und

Dummheit einiger Spilingoten zu entlarven, und die Feigherzigkeit,

Unwissenheit und den schlechten Charakter meines vorbesagten Bruders an

das Licht der Gerechtigkeit zu bringen, ich nehme die Aufgabe auf mich,

die häufigen Leiden, die Qualen und Heimsuchungen klarzulegen, die ich

acht lange Jahre von diesem elenden Spilingoten habe erdulden müssen.

Ich bitte Sie flehentlich, meine Herren Richter, mir das Wort zu

gestatten, bis ich meine Aufgabe erfüllt habe, da ich diese Aufgabe

keinem Anwalt anvertrauen wollte und zwar aus den folgenden Gründen.

1) um mir keine Kosten zu machen; da ich ein armer Familienvater bin,

habe ich es für besser gehalten, meinen armen Kindern ein Stück Brot zu

geben, als es in den gierigen Rachen eines Advokaten zu werfen.

2) niemand vermag besser als ich die Kraft und die Wärme der

Verteidigung zu empfinden, und niemand kennt besser als mein gequältes

Herz die Leiden und die Schmähungen, die Drohungen und die Kränkungen,

die mein lieber Bruder und seine würdige Gattin Donna Michela mir

zugefügt haben.

Am Mittag des 17. September 1868 gab mir mein Bruder eine große Pistole

in die Hand und sagte:

»Geh', töte ihn!«

Ich war damals ein Jüngling, von erregbarem Temperament, ich ergriff die

tötliche Waffe und habe auf öffentlichem Platze einen armen Menschen

getötet.

Die gnädigen Richter zu Monteleone verurteilten mich zu fünf Jahren

Gefängnis, während der Anstifter nur meinetwillen frei ausging, da ich

leugnete, daß er mich zu der unseligen That angeregt hatte.

Ob mittelbar oder unmittelbar, mein lieber Bruder war die Ursache, daß

ich einen armen Menschen ermordet habe und einer langen Zeit zwischen

düsteren Kerkermauern entgegenging.

Aber die Hand Gottes wacht über unseren Geschicken. Die fünf Jahre

verstrichen, ich wurde Soldat im königlichen Heer; dort habe ich mich

nicht so geführt, wie ich sollte (ich möchte nicht, daß die ehrenwerten

Spilingoten nebst meinem engherzigen Bruder erst ihr Urteil darüber

abgeben; das hieße mich feige zeigen; nein, meine mündliche Erklärung

möge Ihnen genügen). Wie gesagt, beim Militär habe ich mich nicht brav

geführt, zweimal wurde ich verurteilt und ein Jahr war ich bei der

Strafkompagnie. Das ist das, was die Spilingoten Ihnen vorstellen

wollen, in dem Glauben, daß sie auf diese Weise Ihre leuchtende

Urteilskraft blenden, wie sie es mit so viel anderen gethan haben.

Nachdem ich wieder zu Hause war, war es mein fester Entschluß, bei

meinem Bruder zu bleiben.

Es war im September des Jahres 1882, ich umarmte meinen Bruder, seine

Zöglinge, ich sah seine Gattin an, und ein neues Leben erschloß sich vor

mir, ein Leben voll zärtlicher Familienbande, ein Leben des Jubels, des

Friedens, der brüderlichen Liebe.

+Es war ein Traum, ein entsetzlicher Traum!!...+[68]

[68] Hier folgt die Wiederholung derselben Worte, die im Anfang dieses

Kapitels sich befinden.

Und nun, meine gnädigen Herren Richter, bitte ich um Gerechtigkeit, ich

erkläre mich für nichtschuldig, ich fürchte die Anklage meines Bruders

und den Einfluß seiner Verwandten nicht.

Er behauptet, daß ich ihn in die Hand gebissen habe, das ist falsch,

eine schwarze Verleumdung, fragen Sie, meine Herren, ob er nicht gern

lügt, fragen Sie seine Landsleute.

Einen Menschen für schuldig halten, ist das wirklich ein Urteil?

Mir erübrigt nur, dem Michele M... eine letzte Antwort zu geben, und ich

will mich eines Dichterworts bedienen --

Den grimmen Wogen sucht er zu entfliehen ...

Anhang.

Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M... · 第 23 / 24 题