Mein einzig geliebter Junge![65]

Dies ist der dritte und vielleicht der letzte Brief, den ich Dir

hinterlasse, und ich glaube, dies ist auch der letzte Teil meiner

Erzählung, mit dem ich die traurigen und seltsamen Abenteuer meines

Lebens abschließe.

Meine Angehörigen quälten mich furchtbar, fortwährend lebte ich in

Aufregung, sie beleidigten mich durch rauhe Worte und reizten mich auf

tausenderlei Weisen, würdig einer Vettel, würdig der Tochter Spilingas,

die von dem berüchtigten Ruina und den Schweinehändlern von Monte Poro

großgezogen ist.

Deine Landsleute werden einmal entscheiden zwischen mir und dem elenden

Scheusal, der mein Bruder heißt, dem ehrlosen, ruchlosen, engherzigen,

verräterischen Wicht; die Gesellschaft wird, wenn meine Erzählung das

Licht erblicken wird, urteilen über meine Handlungen und die des

niederträchtigen Michele M..., über das unsaubere Betragen seines

würdigen Weibes, der Schülerin des berüchtigten Ruina, der berühmten

Tochter des berühmten Schweinehändlers von Poro, des Weibes, das

sittenlos, geschwätzig, schmutzig, unwürdig ist, den geheiligten Namen

Mutter zu tragen, wie wir im Verlauf dieser Erzählung sehen werden.

Alles wirst Du hören, mein lieber Francesco, und Deine Landsleute werden

es bestätigen.

Tötlichen Haß sollst Du hegen gegen diese gemeine Brut, ich befehle es

Dir; bekämpfe sie, wenn Du kannst, bis ins zehnte Glied und Deinen

Söhnen, Deinen Enkeln übermache mein Gebot; ein ewiger Vernichtungskrieg

muß zwischen beiden Familien herrschen, das befehle ich Dir, bis von

Deinem oder von ihrem Geschlecht kein Sproß mehr übrig ist -- dann werde

ich vom Höllenrand aus Dich segnen, werde Deine Kinder und Kindeskinder

segnen und mein teuflisches Lachen wird die Kommenden erbeben lassen.

Dein Vater

Mai, 1888. Antonino M...

[65] Daß er die einzelnen Teile seiner Schriften mit einem Brief an

den Sohn beginnt, ist ein Charakteristikum des Graphomanen.

Wieder daheim.

So bin ich denn erlöst von den schweren Ketten meines traurigen

Unglücks, erlöst von dem grausamen Druck der Militärzeit, unter dem ich

vierzehn lange Jahre geschmachtet habe.

Ich bin im Schoße meiner Familie, in meiner lieben Heimatstadt

Parghelia, in der Umgebung meiner Wohlthäter, meiner lieben Landsleute,

die alle freundlich, liebevoll und edelmütig gegen mich sind.

Wir stehen im Monat September 1882.

Ich umarmte meinen Bruder, seine Sprößlinge; ich sah seine würdige

Gattin an, und ein neues Leben erschloß sich vor mir, ein Leben voll

zärtlicher Familienbande, ein Leben des Jubels, des Friedens, der

brüderlichen Liebe.

+Es war ein Traum, ein entsetzlicher Traum!!+

Gleich am ersten Tage sagte ich meinem Bruder, daß ich Liebe,

Freundlichkeit und Wohlwollen gebrauche, da ich vierzehn Jahre alles

hatte entbehren müssen, daß ich physischer und moralischer Hilfe

bedürftig sei, und daß Mitleid mit notthue, bis ich mich an das neue

Leben gewöhnt hatte; ich erklärte ihm rund heraus, daß er allein die

Zügel der Familie halten solle, daß er das einzige Oberhaupt sein solle,

um mit Sinn und Verstand alles zum Guten zu lenken; daß ich alles dazu

beitragen wolle, für das Wohl seiner Kinder zu wirken, daß Harmonie und

Friede zwischen uns herrschen, und eine weise Sparsamkeit im Haushalt

walten müsse; nur um zwei Soldi für Tabak bat ich ihn, da dies das

einzige Laster ist, dem ich ergeben bin.

Ich bin mäßig im Essen, und der Mensch, der lange im Unglück gelebt hat,

muß es sein. Ein Bohnengericht, eine Suppe und ein Stück schwarzes Brot

genügten mir, wenn ich das hatte, da dünkte ich mich ein Papst oder ein

Prinz -- mit einem Salat, oder einigen Tomaten war ich glücklich.

Nie bin ich ein =Fresser= gewesen, die Sparsamkeit hat meine Kehle und

meinen Magen stets regiert, nie bin ich lecker gewesen -- ob die Suppe

zu viel oder zu wenig gesalzen war -- stets habe ich sie mit gleichem

Appetit verzehrt.

Ich muß immer noch daran denken, wie ich in Neapel im Gefängnis saß, und

der Reis schlecht gekocht und schlecht gewürzt war; damals schüttete ich

meine Portion in einen großen Napf, aus dem wir uns sonst zu waschen

pflegten, belegte mir ein großes Stück Schwarzbrot damit und verzehrte

es mit dem größten Appetit der Welt.

Meine schwache Feder möge ein Bild geben von den Familienmitgliedern,

ihren Charakterzügen und inneren und äußeren Eigenschaften, damit man

sich eine klare Vorstellung machen kann von den Personen, die in dieser

schmutzigen Komödie auftreten.

Michele M..., Familienoberhaupt, Hauptperson meines Dramas.

Ein Mann in den Vierzigern, mit argwöhnischem, vorsichtigem, unruhigem

Auge. Auf den ersten Blick sagt man: das ist ein Verräter, ein

kleinlicher Sophist, eine niedrige Seele, ein Schwindler von Natur, ein

Skeptiker, ein Haufen von Scheußlichkeit. Michela M..., aus Spilinga,

die Gattin des erwähnten Michele, die Schülerin des berüchtigten Ruina,

die Tochter des Schweinehändlers von Monte Poro, eine abgetakelte

Fregatte, mit der Kraft eines hungrigen Riesen, regelmäßig gebaut, dick

und fett; die Haare braun und struppig, die Stirn breit und flach, die

Augen glanzlos; sie ist kurzsichtig und weitsichtig zu gleicher Zeit,

sie blickt mit halbgeöffneten Augen und kneift sie zusammen, als ob sie

den Blick in eine Ecke des Auges konzentrieren will; sie sieht über ihre

ungeheure Nase nicht heraus, die Unterlippe verschwimmt mit dem Kinn zu

einer Fettmasse. Die Ohren sind lang und breit, die Wangen fettig und

rot gefleckt, die Backenknochen vorstehend; der Mund ist groß und krumm,

die Oberlippe schmal, trocken, blutlos, die Zähne schwarz und schief,

der Hals dick und stark und zwei starke Brüste hangen aus dem Schlitz

des schmutzigen Hemdes und Kleides heraus, die immer offen stehen, denn

sie sagt, sie ist zu fett; die Hand ist kurz und schmierig.

Was meint Ihr dazu? Und ich erzähle die Wahrheit, die reine Wahrheit,

die mehr als einmal durch Zeugen erwiesen ist, und ich bin gewiß, ganz

gewiß, daß wenn meine Erzählung nur einer der Bestien in die Hände

fällt, die in diesem schmutzigen Drama eine Rolle spielen, sie trotz

aller ihrer Bestialität nur sagen kann: Er erzählt nur die reine

Wahrheit.

Fünf Kinder, zwei Knaben und drei Mädchen.

Francesco Antonio, der erste Sohn, ein verweichlichter Lümmel, der, wenn

er geht, mit dem Kopf wackelt, als ob er einen Schlaganfall gehabt hat;

er wiegt sich hin und her und wackelt mit den Hinterbacken, wie seine

würdige Mutter Donna Michela: wie die Mutter, so der Sohn.

Das älteste Mädchen, jetzt siebenzehnjährig, mit denselben Grundsätzen

wie ihre Mutter, die brave, würdige Donna Michela, geschwätzig und

liederlich.

Die andern schmutzige und hungrige Murmeltiere.

Hierauf können wir den Faden unserer ekelhaften Geschichte wieder

aufnehmen.

Zunächst begegnete mir mein Bruder und seine würdige Gattin, wie seine

Söhne mit Liebe. Wir aßen zusammen, und ich schlief in einem mir

gehörigen Zimmer, das seiner Wohnung benachbart war.

Mehrere Tage ging die Sache gut, ich liebte meinen Bruder und seine

schmutzigen Kinder; täglich empfing ich zwei Soldi für Tabak.

Die starke Donna Michela lief den ganzen Tag mit den bloßen Brüsten

herum, und es gefiel ihr, sie profanen Blicken zu zeigen, während sie

mit den Hinterbacken schaukelte.

Mein Bruder sagte zu ihr:

»Michela, steck' die Klötze weg!«

»Das halte ich nicht aus,« sagte sie schamhaft, indem sie ihren Hintern

liebkoste. Dann zog sie sich die Strümpfe aus, so daß der große, lange

und breite Fuß in seinem ganzen Schmutz sichtbar wurde, setzte sich

nieder, hob den Rock auf und fing an Flöhe zu fangen: der Sohn und die

Tochter standen dabei und lachten und freuten sich über ihre Mama. Welch

schönes Beispiel, welche Schamhaftigkeit!

Ich ärgerte mich. Ja ich, der ich an jede Art von Laster und Schmutz

gewöhnt war, nahm Anstoß an der ekelhaften Scene.

Eines Tages begab sich meine Tante, die Nonne und ich nach Mandaradoni,

einem kleinen Dorf, wo wir gemeinschaftlich einen Acker hatten;

unterwegs fragte ich sie:

»Habt Ihr Euer Testament gemacht?«

»Ja«, sagte sie mit erloschener Stimme, »das haben wir gemacht.«

»In welcher Weise, wenn man fragen darf?«

»Wir haben Euch Beiden alles vermacht.«

»Aber in welcher Weise?«

»Wir haben Euch Beiden alles vermacht.«

Mehr konnte ich nicht herausbringen; aber als wir heim gingen, fragte

ich sie noch einmal und drohte ihr, wenn sie es mir nicht sagte, sie auf

der Straße zu lassen und allein nach Hause zu gehen.

Da erfuhr ich, daß sie alles meinem Neffen Francesco Antonio, dem Sohn

des Michele M... vermacht hatten; auf Anraten des Kanonikus Scord...,

ihres Beichtvaters, den Michele M... dazu gebraucht hatte, war das erste

Testament umgestoßen worden.

Eines Tages saßen wir bei Tisch, die eine Tante nahm das Essen wie

gewöhnlich mit den Fingern aus der Schüssel.

»Scher' Dich vom Tisch, geh und friß' mit den Schweinen!« rief Donna

Michela.

Diese Unverschämtheit empörte mich nicht wenig, und der elende

Schwachkopf Michele stimmte ihr zu; das durfte die dreckige widerliche

Tochter des Schweinehändlers von Monte Poro wagen, die arme alte Nonne

so anzureden, die Tochter des verstorbenen Antonino M..., genannt der

Baronetto! Ich war still aus Klugheit, aber ich stand im Begriff, ihr

einen Faustschlag auf ihre dicke Nase zu versetzen.

Jeden Tag, jeden Augenblick herrschte Zank zwischen Donna Michela und

dem alten Schwachkopf, sie schimpfte ihren Mann mit unflätigen Worten,

und er schluckte das alles in stillem Ärger hinunter. Diese häßlichen

Szenen mißfielen mir und als ich dem Schwachkopf das sagte und ihn zur

Rede stellte, antwortete er:

»Was willst Du? Sie ist aus Spilinga und in dem Schmutz des

Schweinehändlers von Spilinga aufgewachsen, und vollgepfropft und

vollgestopft mit den Ansichten ihres vieledlen Onkels Ruina, der auch so

ein Schwein ist! Sie hat mir gedroht, mich von ihren Brüdern umbringen

zu lassen.«

»Was, und das glaubst Du? Du fürchtest, daß die halbblinden Spilingoten

Dich umbringen? Aber Mensch, Du bist ein Weib oder ein Hornvieh, Du

fürchtest Dich, daß Deine Michela Dich könnte ermorden lassen! Und von

wem? Von den Spilingoten? Eher glaube ich, daß Donna Michela Dich selbst

umbringt, mit ihren dicken, fetten Hinterbacken!«

»Ich fürchte mich vor ihren Brüdern.«

»Elender Wicht, feiger Bruder! Was nützt Dir das Leben, wenn Du nicht

einmal soviel Mut hast!«

Die elende Bestie erzählte mir, in welcher Weise er von den Brüdern der

Michela gequält, geärgert und geschunden wurde.

Eines Tages gingen der Schwachkopf und ich nach Spilinga, um meine

Schwestern zu besuchen; die eine hatte den Antonio M... zum Mann, über

diese kann ich mich nicht beklagen, sonst fehlte es ja nicht an

Gelegenheit, aber er kümmerte sich nie um meine Angelegenheiten.

Ich mußte vor Lachen bersten, als ich den Giuseppe, den großen, dicken

Giuseppe sah, den Mann meiner anderen Schwester. Nach seinem

riesenhaften, kolossalen Aussehen machte er zuerst den Eindruck wie ein

großes Tier beim Gericht, ein Koloß von Knochen, Fleisch und Nerven,

eine lebende Maschine; eine große Nase hatte er, mit mächtiger Brille,

die er sich mit wichtiger Miene aufklemmte, als ob er Wunder was wäre,

aber es war nur Albernheit, denn =ein dicker Mann, ein dummer Mann=, wie

das Volk sagt; selbst in meinen langen Unglückszeiten sah ich nicht ein

so dummes Vieh, wie meinen stumpfsinnigen Schwager, den großen Giuseppe.

Für gewöhnlich ritt er seinen Maulesel, als fahrender Ritter; das arme

Tier! alle Halbjahr wurde es gepfändet und von den Karabinieri nach

Tropea gebracht, gepfändet wegen rückständiger Steuern, das unglückliche

nichtsahnende Vieh, das aber weniger dumm und unwissend ist als sein

Herr, dies Erzvieh!

Er hatte struppiges Haar, eine Stirn, Augen wie ein hungriger Wolf,

einen nußfarbenen Bart, dicke Lippen, einen großen, krummen Mund,

häßliche Zähne, einen Hals wie ein Stier und ein Gesicht wie ein

verunglückter Hanswurst; damit ist seine physische Beschaffenheit

geschildert, was die moralische betrifft, so war er ein ausgemachter

Esel, ein liederlicher Schreier, ein gemeiner Verräter, ein schmutziger

Filz, auf dem Mist geboren und bestimmt, dereinst auf dem Mist zu

verenden.

Meine Schwestern kamen mir freundlich entgegen, sie sprechen nur von

Schweinereien, Keilereien, Prügeln, Faustschlägen, Ohrfeigen, Fußtritten

u. s. w.: »Sage mir, mit wem Du umgehst und ich werde Dir sagen, wer Du

bist.«

Nach zwei Tagen war ich müde, ihre Renommistereien, Donquixoterien

anzuhören, ich kehrte zurück, und lachte über ihre Albernheiten und

beklagte den armen Schwachkopf, der soviel Angst vor ihnen hatte.

Ganze Tage lang lief Donna Michela herum mit ihren bloßen Brüsten, die

aus dem Schlitz des Kleides heraushingen, und lag im Fenster, um sich zu

zeigen, immer hatte sie die Hände im Schoß oder streichelte ihre

wackelnden Hinterbacken. Nie nahm sie eine Nadel in die Hand und sie

that wohl daran, denn sie konnte doch den Faden nicht einfädeln. Auch

kochen konnte sie nicht, wo hätte sie in Spilinga kochen lernen sollen;

ich muß noch lachen, wie sie mir einmal ein Hemd geflickt hatte, es war

ein Meisterwerk, das nach Paris oder New-York auf die Ausstellung

gehört hätte; nie sah man sie spinnen oder stricken oder ein Möbel

abwischen, wie es einer guten, fleißigen Hausfrau zukommt; sie wusch

weder sich noch ihre Kinder, die voll Dreck und Läusen und Schmutz

herumliefen.

Sie war gewohnt, ihren lieben Mann mit Ohrfeigen, Fußtritten und

Schimpfworten zu behandeln, sie beherrschte alle im Hause, die Einnahmen

und Ausgaben gingen durch ihre Hand, und wenn der schwachköpfige Affe

sich für zwei Soldi Tabak kaufen wollte, mußte er sein liebes Weibchen

erst bitten, ehe sie es ihm unter einer Flut von Schimpfworten gewährte.

Ich, der ich sie kannte und richtig schätzte, hütete mich vor ihr und

war entschlossen, wenn sie mir zu nahe käme, ihr einen Schlag ins

Gesicht oder einen Tritt in den Hintern zu geben. Ich bat den armen

Schwachkopf wiederholt, sich als Mann zu zeigen, und den dreckigen

Unterrock, den er sich hatte über den Kopf stülpen lassen, abzuwerfen.

Meine Ermahnungen waren fruchtlos, er konnte nicht los, er saß fest drin

und ließ sich Leib und Seele fesseln, der Ärmste!

Jeden Augenblick schrie, zankte, fluchte und schimpfte sie; einmal, als

gerade die kräftige Faust der Donna Michela dem armen Schwachkopf auf

die Nase sauste, warf sich meine Tante, die alte kindische Nonne

dazwischen: ein mächtiger Fußtritt schleuderte sie auf das Pflaster, daß

sie die Beine in die Luft streckte; aber schnellfüßig erhob sie sich

wieder und sprang wieder zwischen die kämpfenden Gatten, ein neuer

Fußtritt, ein Schlag ins Gesicht brachte sie wieder aus der Schußlinie;

ich stand dabei und wartete gespannt auf das Ende dieser liebevollen

Eheszene, und lachte, lachte aus vollem Halse.

+Ein edles Weib!+

Nie habe ich in Stadt und Land ein so niederträchtiges Weibsstück

gesehen, wie Donna Michela, einen solchen Haufen von Gemeinheit und

Schmutz.

O Mastriani, Du hättest die Scheußlichkeit dieses verkommenen Geschöpfes

schildern müssen, und Du hättest ein Meisterwerk geschaffen, das Deine

»Bettlerin«, Deine »Geheimnisse«, tausendfach übertroffen hätte; ich

weiß nichts und kann nichts, meine Feder vermag meinen Gedanken nicht zu

folgen; aber andererseits, eine einfache Schilderung wird auch vom

einfachen Menschen verstanden, der die Schriften eines Dante, eines di

Vico, eines Manzoni und anderer Genies nicht fassen würde.

Und noch eines! Ich glaube, daß der Schriftsteller sich dem Thema

anpassen muß, das er darzustellen hat; wenn man über Philosophie

schreibt, braucht man Verstand, über Geschäfte, Gedächtnis, und über

Litteratur, Kunst und Industrie, so braucht man Nachdenken und

Kenntnisse -- aber ich schreibe die Abenteuer der säuischen Donna

Michela und des schmutzigen Schwachkopfes, deshalb muß ich säuisch und

schmutzig schreiben.

Habe ich recht, Francesco Mastriani?

Täglich sagte ich dem Schwachkopf, daß es so nicht weiter gehe, daß ich

Ruhe und Frieden brauchte und nicht Zank und Streit sehen möchte, er

war betrübt, trostlos und sagte:

»Was soll ich machen, ich habe das Unglück, einen Satan zum Weib zu

haben.«

Ich wurde krank; allein, von allen verlassen, mußte ich meine Schmerzen

dulden.

Der Doktor di V... kam, niemand war da, ihm einen Stuhl anzubieten; er

sagte:

»Wie, Nino, Du bist allein hier? Deine Tante, die kräftige Donna Michela

kümmert sich nicht um Dich?«

»Nein, ich bin allein, von allen verlassen, wie Sie sehen.«

Er untersuchte mich, verordnete mir Umschläge von Lattich und ging

betrübt von dannen.

Ich mußte aufstehen, mich in die Küche schleppen, und selbst die

Lattichblätter kochen, ein Tuch zurecht machen und die Umschläge

anlegen.

Und während dieser drei Tage, die ich krank war, wollten sie mich

verhungern lassen, ja verhungern!

Ich wurde wieder gesund und ging meinem gewöhnlichen Leben und

häuslichen Gewohnheiten nach, ich kam zum Essen; oben am Tisch saß die

brave Donna Michela, die Brüste hingen heraus, das Haar baumelte ihr bis

auf die Nase, die Hände waren dreckig und schwarz, das Kleid schmierig

und zwei Rotzlichter flossen ihr aus der Nase; ihre halbverhungerten

Kinder waren auch da, mit ihren Köpfen voller Patz und Läuse, ihren

Rotznasen und Triefaugen; gierig schmatzend schlangen sie den elenden

Fraß hinunter.

Täglich beklagte sich der Schwachkopf bei dem üppigen Mahl, daß er etwas

im Essen fand, lange Haare, Stücke Stroh oder Holz, Fliegen oder

Mistkäfer; dann wieder schimpfte er, daß das Essen nicht gar oder

versalzen war, und seine Klagen waren gerechtfertigt, wie ich bezeugen

kann, aber Donna Michela sagte:

»Wenn Dir das Essen schmeckt, so iß; wenn nicht, geh in's Wirtshaus.«

Eine alte schiele Vettel mit eitertriefenden Augen, schmierig und

schmutzig zum Übermaß trug das Essen auf, das sie und die säuische Donna

Michela gekocht hatte.

Ich konnte nicht über meine zwei Soldi für Tabak verfügen, ich durfte

kein Stück Brot annehmen; alles ging durch die Hände der Donna Michela,

ich war immer zurückhaltend gegen das bösartige Weibstück und ließ mich

nicht mit ihr ein. In meinem Bruder Michele fand ich die ganze

Erbärmlichkeit des Mannes, in der Donna Michela die ganze Schlechtigkeit

des Weibes.

Ich überlegte, was mir von einem Tag zum andern bei diesen beiden

Dummköpfen begegnen konnte, hauptsächlich von der Verworfenheit und

Bosheit der Spilingotin, und ich beschloß, mich von ihnen zu trennen.

Als rücksichtsvoller Mensch teilte ich meinem Bruder mit, daß ich mich

von ihnen trennen und für mich allein leben wollte. Mein Bruder willigte

ein, und so gingen wir auseinander.

Ich dachte ernstlich über meine Lage nach und fand sie höchst traurig;

in allem mußte ich mich allein bedienen, -- that ich das nicht, so war

ich in vierzehn Tagen voller Läuse.

Mein Bruder liebte in mir nicht den Bruder, sondern seinen Vorteil, er

wäre froh gewesen, wenn ich mir den Hals gebrochen hätte, damit er noch

das Wenige nehmen könnte, das mir mein verstorbener Vater hinterlassen

hatte; um seines Vorteils willen hätte der hinterlistige Mensch, mit

seinem Herzen so schwarz wie die Nacht, seine Söhne verraten oder

umgebracht, um seines Vorteils willen hätte er sein Weib zur Hure

gemacht, um seines Vorteils willen hätte er seine Ehre dahingegeben,

wenn er eine besessen hätte, ja sein Leben.

Und verdient dieses Vieh den Namen Mensch?

Du unersättliche Bestie, Du Vieh unter dem Vieh, Du würdest Deine Ehre

um Deines Vorteils willen verraten, Deine Kinder verschachern, Dein

schmutziges Weib verkaufen, Du Erbärmlicher, Du boshafte Bestie unter

den Bestien, Du würdest Gott, Vaterland und Familie verraten um Deines

Vorteils willen, feile Bestie!

Und Du bist Schullehrer in dieser Stadt, und stiehlst der Gemeinde und

den armen Familienvätern das Geld; Du bist Lehrer! Was verstehst Du

denn, Du, der von Dummheit, Gemeinheit und Bosheit strotzest, was weißt

Du, was kannst Du? Deiner Frau den Unterrock tragen, das kannst Du!

Dieses dreckige Schwein ist Lehrer! Meine armen Landsleute!

Ich wollte das Gemüt meines Bruders auf die Probe stellen und stellte

mich verrückt, ich fing an mit den Armen umherzufuchteln, das Gesicht zu

verzerren und mit stieren, gläsernen Augen in eine Ecke zu blicken; ich

aß wenig und auf Fragen antwortete ich gar nicht oder unsinnig.

Eines Tages war ich allein in meinem Zimmer, ich ging hin und her,

gestikulierte und zog Grimassen; mein Bruder und sein niedriges Weib

guckten durch die Thürspalte, sahen was ich machte und lachten vergnügt;

mein Bruder sagte zu seiner Ehehälfte: »Er ist verrückt, total

verrückt;« und Donna Michela antwortete lachend.

Nun war ich entschlossen, für immer mit diesen schändlichen Bestien zu

brechen und nur an mich und meine Zukunft zu denken.

Ich sprach mit Herrn Francesco Antonio Z... und bat ihn, meinem Bruder

mitzuteilen, daß ich die Absicht hätte, mich von ihm zu trennen.

Mein Bruder war traurig über die Trennung, denn er sah seine Hoffnungen

getäuscht, aber ich blieb fest und wir gingen auseinander. Nun ich

allein war, dachte ich an Gegenwart und Zukunft: allein konnte ich nicht

wie ein Mensch leben; ich brauchte Liebe, Beistand, Gesellschaft; ich

entschloß mich, ein Weib zu nehmen und auf des Himmels Fügung droben zu

bauen. -- Der arme Diego P... teilte meinem Bruder mit, daß ich sein

liebes Töchterchen zur Frau verlangt hätte und daß er nach sorgfältiger

Erkundigung über mich eingewilligt habe.

Mein Bruder war anfänglich vernichtet; als er wieder zu sich kam,

versuchte er, den P... umzustimmen, indem er ihm sagte, daß ich

verrückt, ein Sträfling, ein Schuft, ein Mordgeselle, ein Trunkenbold

und ich weiß nicht was sonst noch, sei.

Aber trotz meines lieben Bruders und seines Weibes, trotz der

Spilingoten heiratete ich meine liebe Vincenzina und machte sie zur

Herrin meines Herzens und meiner Hoffnungen.

Meine Schwester schrieb an Herrn Diego P... und nannte seine Tochter

eine Dirne; die Spilingoten, mein Bruder, sein Weib, meine Verwandten

fielen über mich her und Monate lang wurde ich von den Verfolgungen

dieser verfluchten Brut gequält.

Da ich mich nicht mehr halten und in meinem niedergeschlagenen Geist

keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte, so ging ich alle Abend nach

der Droguerie Cal..., wo sich die Honoratioren von Parghelia zusammen

fanden; ihnen stellte ich mein Unglück vor und bat sie:

»Meine Herren, ich kehre zur Gesellschaft zurück, geben Sie mir einen

Rat; meine Verwandten beleidigen mich schwer,« und ich erzähle ihnen,

was ich zu erdulden hatte; die braven, ehrenwerten Herren rieten mir zur

Klugheit und ich folgte ihren vorzüglichen Ratschlägen wörtlich.

Dann begab ich mich nach der Pharmacie des V... und auch hier bat ich

die Herren um Rat.

Die Donna Michela kam mir öfter mit den Fäusten ins Gesicht, ich litt es

geduldig und noch viel, viel mehr, so daß ich tagelang erzählen könnte.

-- Mein unglücklicher Onkel starb und hinterließ mir zwei Zimmer, die

mit denen meines Bruders gemeinschaftlichen Eingang hatten. Und wollt

Ihr es glauben? Eines Abends, als ich nach Hause kam, verschlossen sie

mir die Thür, ich klopfte mehrere Male; aber von innen hörte ich mehrere

Stimmen rufen: »Fort, Du Mörder! Dies ist nicht Dein Haus!« Und sie

brüllten, so laut sie konnten. Und meint Ihr, daß ich mich erregte?

Nein, ruhig zog ich zur Droguerie Cal... und erzählte dort den Vorfall

und bat die Herren um Rat, und sie rieten mir, zum Bürgermeister zu

gehen und im Namen des Gesetzes Einlaß zu fordern; das that ich, und so

konnte ich unter meinem Dach schlafen.

Als ich im Gefängnis war und zu fünf Jahren verurteilt war, heiratete

meine Schwester, mein Bruder heiratete auch, und das väterliche Erbteil

gelangte zur Verteilung.[66]

[66] Hier bricht die Erzählung ab.

An eine Seele.

Du bist im Jenseits, entweder im Reiche der Glücklichen oder im tiefen

Abgrund der Sünde; glaube es, meine Seele, mein Gedanke, meine

Erinnerungen an ehemals sind mir ein furchtbarer Traum; denkst du noch

an den unheilvollen Tag? An jenen Augenblick, wo unsere Sünden sich

vereinten, um gegen die Natur zu kämpfen, trotz der schwachen, irdischen

Materie; -- sprich, o meine Seele, hast du mich denn damals verflucht?

Hast du den Hauch eines leuchtenden Augenblicks empfunden? Kannten sich

unsere Seelen in der unermeßlichen Leere des Äthers? Und du weissagtest,

daß unsere Seelen mit einander kämpfen werden? Und wer weiß es? Du

sicherlich nicht, und wenn ein Funke des Bewußtseins im Spiegel deiner

Seele erschienen ist, so ist er nicht von mir ausgegangen -- nein, schön

und häßlich kann nicht eins sein, nicht der Traum und das Wachen, der

Geist der Hölle und des Lichtes; die Finsternis kann nicht das Gestirn

des Tages erzeugen.

Es ist die Wahrheit. Und du, o meine Seele, siehst du mich von dort,

schauen deine Augen das geheimnisvolle Drama des nichtigen Daseins?

Siehst du es, das Ich des ewigen Lebens? Kannst du durch den ungeheuren

Raum schweifen, durch die Unendlichkeit fliegen und meiner Seele dich

nahen?

Wer weiß? Es ist ein Geheimnis.

In dem Traum meiner Träume hast du mir die Arbeit meines Lebens gezeigt:

du hast befohlen und ich habe gehorcht.

Das sind diese Blätter, die ich ohne deinen Hauch nicht hätte verfassen

können. Du forderst sie, du hast sie verlangt, und ich glaube mich einer

alten Schuld entledigen zu müssen, wie ich sie dir darbiete, sie sind

dein, dir gehören sie nach Recht und deinem Wunsch.

Weißt du, wie ich dieses mein Werk eingeteilt habe? In vier Teile.

Im ersten Teil sind schmerzensreiche Erlebnisse und ich widme sie dir

unter dem Namen: =Mein erstes Unglück=.

Den zweiten und dritten Teil, der meine Leiden als Soldat darstellt,

betitelte ich: =Meine Dienstzeit=.

Den vierten Teil, der Familienerlebnisse schildert, betitelte ich:

=Getäuschte Hoffnungen=.

Du meine Seele hast mich begeistert im Unglück und in der Trübsal, du

hast mir große und edle Gefühle eingehaucht. Ich bin dir dankbar. Nimm

diese ärmlichen Blätter an als Pfand meiner Dankbarkeit und deines

gütigen Verzeihens, und sei nachsichtig und mild, wenn du mich liebst,

wie du es immer warst.

Wenn ich ein gutes Werk vollbracht hatte, so stände es mir nicht zu, es

zu beurteilen, aber glaube mir, ich habe nur danach gestrebt, ein gutes

Werk zu vollbringen.

Verzeihe mir, meine Seele, in meinem Eifer und verzeihe in deinem

Edelmut dem Unglücklichen, der dir so viel Leid zugefügt hat.

Parghelia, 20. Februar 1889.

Stets der Deine

Antonino M...

Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M... · 第 22 / 24 题