No. 307. Strafanstalt zu Lucca. Brief des Gefangenen Antonino M...[69]

[69] Dieser Brief des Antonino M... bildet ein merkwürdiges und

wichtiges psychologisches Dokument. Zwar giebt ihm der Bruder eine

ziemlich einfache Deutung, daß er nämlich dazu dienen soll, sein

Mitleid zu wecken, um die weitere Sendung der fünfzehn Lire monatlich

zu erreichen, aber es ist unleugbar, daß im Stil eine gewisse

Überzeugung sich bemerkbar macht. M... hat immer einen Hang zur

Religiosität, zum Mystizismus gezeigt, das beweisen seine spekulativen

Versuche, und auch sein zur Ascetik neigender Fatalismus. Die

vollständige Einsamkeit und etwaige religiöse Lektüre müssen auf

seinen -- was Form und Abstraktion anbelangt -- leicht

suggestionierten Geist ein, man kann wohl sagen, psychologisches

Wunder bewirkt haben. Die Tendenz seines leidenschaftlichen

Gigantismus, die Venturi in seinem Gutachten so vorzüglich

hervorgehoben hat, und welche Übergänge und halbe Maßregeln nicht

zuläßt, und in Antithesen lebt, scheint ihn auch hier zum Exzeß

geführt zu haben.

Vielleicht war der mächtigste Faktor die Unmöglichkeit, sich zu

bewegen. Wenn der Teufel =alt= wird, so wird er Eremit, sagt das

Sprichwort, und es ist bekannt, daß die Dirnen, wenn sie altern, unter

die Betschwestern gehen: dasselbe scheint mit M... der Fall zu sein.

Und da er ein Epileptiker ist, so ist dabei nichts zu lachen, es würde

vielmehr eine besondere psychische Bildung vorliegen, wie bei dem Koch

Berardi, der, nachdem er gemordet hat, mit Skapularen behängt, im

Namen der Religion den König schmäht.

Bei der Psychologie der Heiligen, mit der Professor Lombroso sich

beschäftigt, wird er sich sicher mit diesem seltsamen Zusammenhang

auseinandersetzen müssen. Es genügt, an den Epileptiker Sankt Paulus

und so viele andere Menschen zu erinnern, die in der Blüte ihrer Jahre

einen verworfenen Lebenswandel führten, und im Alter heilig gesprochen

wurden, um zu begreifen, daß das Phänomen nicht ungewöhnlich ist und

in anderer Form auf dem Gebiet der Pathologie der Seele wiederkehrt.

Den 18. September 1892.

Teurer, edelmütiger Bruder!

Gern hätte ich Dir schon früher geschrieben, wenn es erlaubt

gewesen wäre. Wir haben einen neuen Direktor bekommen, eine große

edle Seele, und auf meine Bitte hat er mir gern gestattet, Dir zu

schreiben. Seit mehreren Tagen liege ich zu Bett wegen

Nervenschwäche; meine Beine wollen mich nicht mehr tragen; und was

ich für Schmerzen habe, weiß nur Gott im Himmel, aber größer und

schlimmer sind meine moralischen Schmerzen. Seit einem Jahre bin

ich in dieser Zelle und verbringe meine traurigen Tage damit, Gott

den Herrn anzuflehen um Vergebung für meine großen Verbrechen, für

meine Thorheiten, meine schlechten Handlungen, meine Verworfenheit.

Wenn Du mich sehen könntest, würde Dein gerechter Zorn dahin

schwinden, und Du würdest weinen, daß Du mir nicht verziehen hast

-- denn Du würdest nur einen Schatten Deines Bruders sehen, in

einem Jahr ist mein Haar und mein Bart grau geworden bei dem

Gedanken an meine Verworfenheit; zu sehr haben mir die angedrohten

Strafen des Herrn das Herz zerrissen und nur zu gerecht ist seine

Rache. Mein Leib ist krank und hinfällig unter seiner Geißel

geworden; ich finde keinen Frieden in mir, wenn ich an meine

schwere Sündenschuld denke. Zu groß ist meine Verworfenheit, und

alle meine Kraft reicht nicht aus, um Gott zu versöhnen; Tag und

Nacht lastet der Druck meiner Sünden auf meiner Seele.

Ich habe Gott von mir gewiesen und mir mein Elend selbst

geschaffen, deshalb leide ich gerecht.

Ich weiß, daß Gott mir diese schwere Züchtigung zufügt, und daß Du

lieber Bruder, und alle meine Angehörigen, die ihr so gut und so

edelmütig seid, von Gott als Werkzeug seines Willens ausersehen

seid, um einen Verderbten, einen Verbrecher, einen Verworfenen zu

strafen. Ich denke an die alten Zeiten, wo der Herrgott die ganze

Welt wegen eines meinem ähnlichen Verbrechen gestraft hat[70] und

ich erkenne, daß in allen seinen Werken die furchtbare

Gerechtigkeit herrscht. Diese Gerechtigkeit hat mich getroffen und

Tag und Nacht liege ich mit der Stirn im Staube und flehe um

Mitleid, um Verzeihung.

Bald wird meine arme Seele vor ihrem Richter stehen -- und deshalb

fühle ich die Pflicht in mir, Dich von ganzem Herzen demütig um

Verzeihung zu bitten, für alles Übel und alle Undankbarkeit, die

ich Dir neun Jahre lang erwiesen habe, auch Dein liebes Weib, Deine

Söhne, unsere lieben Schwestern, alle unsere Landsleute bitte ich

um Verzeihung, und bereue alles Üble, das ich gethan, allen Kummer,

den ich verursacht habe. Ich würde leichter sterben, wenn ich Dir

die Hand küssen könnte, die Hand, die mir so lange Jahre hindurch

nur Gutes erwiesen hat. Ich erkläre, daß bei allen unsern

Streitigkeiten stets ich die Ursache, der Missethäter gewesen bin.

Deinen Edelmut habe ich stets mit Undankbarkeit und Schlechtigkeit

vergolten. Verzeih' mir, um der bitteren Schmerzen willen, die ich

leide. Ich verzeihe allen und insbesondere auch den Zeugen, die

falsch geschworen haben.

Mein lieber Bruder, um unserer lieben Eltern willen verzeihe mir!!

Ich umarme und küsse Dich und alle die Unseren, verzeiht mir von

Herzen.

Dein unglücklicher Bruder

Antonino M...

Gesehen. Der Direktor der Strafanstalt zu Lucca.

[70] Er meint die Sündflut, welche den Mord Abels durch Kain rächte.

Druck von A. Seydel & Cie., Berlin C., Neue Friedrichstr. 48.

Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M... · 第 24 / 24 题