[69] Dieser Brief des Antonino M... bildet ein merkwürdiges und
wichtiges psychologisches Dokument. Zwar giebt ihm der Bruder eine
ziemlich einfache Deutung, daß er nämlich dazu dienen soll, sein
Mitleid zu wecken, um die weitere Sendung der fünfzehn Lire monatlich
zu erreichen, aber es ist unleugbar, daß im Stil eine gewisse
Überzeugung sich bemerkbar macht. M... hat immer einen Hang zur
Religiosität, zum Mystizismus gezeigt, das beweisen seine spekulativen
Versuche, und auch sein zur Ascetik neigender Fatalismus. Die
vollständige Einsamkeit und etwaige religiöse Lektüre müssen auf
seinen -- was Form und Abstraktion anbelangt -- leicht
suggestionierten Geist ein, man kann wohl sagen, psychologisches
Wunder bewirkt haben. Die Tendenz seines leidenschaftlichen
Gigantismus, die Venturi in seinem Gutachten so vorzüglich
hervorgehoben hat, und welche Übergänge und halbe Maßregeln nicht
zuläßt, und in Antithesen lebt, scheint ihn auch hier zum Exzeß
geführt zu haben.
Vielleicht war der mächtigste Faktor die Unmöglichkeit, sich zu
bewegen. Wenn der Teufel =alt= wird, so wird er Eremit, sagt das
Sprichwort, und es ist bekannt, daß die Dirnen, wenn sie altern, unter
die Betschwestern gehen: dasselbe scheint mit M... der Fall zu sein.
Und da er ein Epileptiker ist, so ist dabei nichts zu lachen, es würde
vielmehr eine besondere psychische Bildung vorliegen, wie bei dem Koch
Berardi, der, nachdem er gemordet hat, mit Skapularen behängt, im
Namen der Religion den König schmäht.
Bei der Psychologie der Heiligen, mit der Professor Lombroso sich
beschäftigt, wird er sich sicher mit diesem seltsamen Zusammenhang
auseinandersetzen müssen. Es genügt, an den Epileptiker Sankt Paulus
und so viele andere Menschen zu erinnern, die in der Blüte ihrer Jahre
einen verworfenen Lebenswandel führten, und im Alter heilig gesprochen
wurden, um zu begreifen, daß das Phänomen nicht ungewöhnlich ist und
in anderer Form auf dem Gebiet der Pathologie der Seele wiederkehrt.
Den 18. September 1892.
Teurer, edelmütiger Bruder!
Gern hätte ich Dir schon früher geschrieben, wenn es erlaubt
gewesen wäre. Wir haben einen neuen Direktor bekommen, eine große
edle Seele, und auf meine Bitte hat er mir gern gestattet, Dir zu
schreiben. Seit mehreren Tagen liege ich zu Bett wegen
Nervenschwäche; meine Beine wollen mich nicht mehr tragen; und was
ich für Schmerzen habe, weiß nur Gott im Himmel, aber größer und
schlimmer sind meine moralischen Schmerzen. Seit einem Jahre bin
ich in dieser Zelle und verbringe meine traurigen Tage damit, Gott
den Herrn anzuflehen um Vergebung für meine großen Verbrechen, für
meine Thorheiten, meine schlechten Handlungen, meine Verworfenheit.
Wenn Du mich sehen könntest, würde Dein gerechter Zorn dahin
schwinden, und Du würdest weinen, daß Du mir nicht verziehen hast
-- denn Du würdest nur einen Schatten Deines Bruders sehen, in
einem Jahr ist mein Haar und mein Bart grau geworden bei dem
Gedanken an meine Verworfenheit; zu sehr haben mir die angedrohten
Strafen des Herrn das Herz zerrissen und nur zu gerecht ist seine
Rache. Mein Leib ist krank und hinfällig unter seiner Geißel
geworden; ich finde keinen Frieden in mir, wenn ich an meine
schwere Sündenschuld denke. Zu groß ist meine Verworfenheit, und
alle meine Kraft reicht nicht aus, um Gott zu versöhnen; Tag und
Nacht lastet der Druck meiner Sünden auf meiner Seele.
Ich habe Gott von mir gewiesen und mir mein Elend selbst
geschaffen, deshalb leide ich gerecht.
Ich weiß, daß Gott mir diese schwere Züchtigung zufügt, und daß Du
lieber Bruder, und alle meine Angehörigen, die ihr so gut und so
edelmütig seid, von Gott als Werkzeug seines Willens ausersehen
seid, um einen Verderbten, einen Verbrecher, einen Verworfenen zu
strafen. Ich denke an die alten Zeiten, wo der Herrgott die ganze
Welt wegen eines meinem ähnlichen Verbrechen gestraft hat[70] und
ich erkenne, daß in allen seinen Werken die furchtbare
Gerechtigkeit herrscht. Diese Gerechtigkeit hat mich getroffen und
Tag und Nacht liege ich mit der Stirn im Staube und flehe um
Mitleid, um Verzeihung.
Bald wird meine arme Seele vor ihrem Richter stehen -- und deshalb
fühle ich die Pflicht in mir, Dich von ganzem Herzen demütig um
Verzeihung zu bitten, für alles Übel und alle Undankbarkeit, die
ich Dir neun Jahre lang erwiesen habe, auch Dein liebes Weib, Deine
Söhne, unsere lieben Schwestern, alle unsere Landsleute bitte ich
um Verzeihung, und bereue alles Üble, das ich gethan, allen Kummer,
den ich verursacht habe. Ich würde leichter sterben, wenn ich Dir
die Hand küssen könnte, die Hand, die mir so lange Jahre hindurch
nur Gutes erwiesen hat. Ich erkläre, daß bei allen unsern
Streitigkeiten stets ich die Ursache, der Missethäter gewesen bin.
Deinen Edelmut habe ich stets mit Undankbarkeit und Schlechtigkeit
vergolten. Verzeih' mir, um der bitteren Schmerzen willen, die ich
leide. Ich verzeihe allen und insbesondere auch den Zeugen, die
falsch geschworen haben.
Mein lieber Bruder, um unserer lieben Eltern willen verzeihe mir!!
Ich umarme und küsse Dich und alle die Unseren, verzeiht mir von
Herzen.
Dein unglücklicher Bruder
Antonino M...
Gesehen. Der Direktor der Strafanstalt zu Lucca.
[70] Er meint die Sündflut, welche den Mord Abels durch Kain rächte.
Druck von A. Seydel & Cie., Berlin C., Neue Friedrichstr. 48.