Empfangen Sie meinen Gruß und vergessen Sie nicht

Ihren unglücklichen Sie liebenden Bruder

Antonino M...«

Aus dem Gerichtsgefängnis zu Salerno, 20. Juni 78.

Nachdem ich den Brief geschrieben hatte, fehlten mir die zwanzig

Centesimi, um ihn zu frankieren, ich wandte mich an einen Kranken, um

sie mir zu leihen, und da er sich weigerte, so wandte ich das Recht der

Camorra an und zwang ihn dazu. Ich gab den Brief zur Post und wartete

angstvoll auf Antwort, aber meine Hoffnungen wurden getäuscht.

Es fiel mir ein, meinem Bruder zu schreiben und ihn um Unterstützung zu

bitten; ich schilderte ihm meine kritische Lage und meinen traurigen

Zustand; nach einigen Tagen empfing ich folgenden liebenswürdigen Brief,

der seiner Dummheit ganz würdig war.

»Lieber Bruder!

Ich empfing Deinen Brief und bedaure Deine Lage; aber an allem bist

Du selbst schuld und wer an seinem Übel schuld ist, der muß sich

selbst beklagen.

Du hast durch Dein schlechtes Verhalten unsere ganze Familie

entehrt, so daß ich nicht mehr den Mut habe, aus dem Hause zu

gehen. Der Lieutenant P... war hier auf Urlaub und erzählte

schauderhafte Dinge von Dir, Dinge, daß wir alle uns nicht auf der

Straße zeigen mögen -- und das alles um Deinetwillen.

Du sagst, ich soll Dir etwas schicken? Zunächst, wenn ich etwas

hätte, würde ich es Dir nicht schicken, denn Du verdienst es nicht

und wir haben Dir früher viel Geld nach dem Gefängnis geschickt;

zweitens aber sind wir hier im größten Elend, meine Kinder gehen

nackt und bloß und sterben vor Hunger; ich gehe nicht aus, weil ich

keine Schuhe habe und meine Hosen keinen Boden mehr haben -- was

soll ich Dir da schicken? Freue Dich, daß Du täglich Deine Suppe

und Dein Brot umsonst hast.

Du brauchst uns nicht mehr zu schreiben, wir haben nichts mehr mit

Dir zu thun; wir klagen über unser Unglück wie Du über Deines.

Dein Bruder

Michele M...«

Parghelia, den 3. Juli 1878.

Das war das Gesudel, das mein Bruder, dieser Dummkopf, der Gatte der

Donna Michela, genannt die ...-Sau, entworfen und geschrieben hatte.

Wer ihn kennt, der möge sagen, wie ich ihn schildern soll, diesen dummen

Schweinehund. Meine Landsleute kennen ihn und bezeichnen ihn als

dreckig, falsch, engherzig, bösartig, als einen Schwindler, einen

Dummkopf, einen Schweinhund, ein Vieh, das um hundert Grad unter dem

säuischsten und schmutzigsten Vieh auf Erden steht.

Er sagt, daß er mir ins Gefängnis so viel Geld geschickt hat, und ich

behaupte und stelle unter Beweis, daß ich während meiner langen

dreizehnjährigen Leidenszeit, die ich zum größten Teil wegen seiner

Dummheit erdulden mußte, wie ich es in meinem »=Ersten Unglück=« gezeigt

habe, von diesem gemeinen Schuft nicht mehr als zwölf Lire monatlich

bekam, nur ein einziges Jahr hindurch, das letzte meiner Pein, schickte

er mir dreißig Lire, weil der Elende wußte, daß ich bald zurückkehren

würde.

Und sprecht, meine lieben Landsleute, wenn er mir monatlich die

gottgesegneten zwölf Lire schickte, hat er das von seinem Vermögen? Hat

mein unglücklicher Vater mich bei seinem Tode enterbt? Wenn seine Söhne

Hunger leiden, ist das meine Schuld? Wenn er keine ganzen Hosen auf dem

Leibe hat, wenn er sich keine Schuhe kaufen kann, ist das auch meine

Schuld?

Sprecht rund heraus, was Ihr meint, liebe Landsleute, Euch rufe ich als

unparteiische Richter an.

Der dreckige Brief ärgerte mich nicht wenig und ich nahm mir vor, nicht

mehr zu schreiben.

Ich erhielt die Anklageschrift von der Staatsanwaltschaft, welche mich

als den Verfasser des anonymen Briefes erklärte.

Es kam der Tag, wo die Verhandlung stattfand, zwei Karabinieri führten

mich zum Gerichtssaal, ich nehme auf der Anklagebank Platz, mein junger

Verteidiger war zur Stelle und mit ihm der Zivilanwalt Herr di Leo, der

erste von Salerno.

Der Gerichtshof trat ein, jeder nahm seinen Platz ein, die Akten wurden

gelesen, meine Vorstrafen festgestellt, der Staatsanwalt T... war zur

Stelle, mit seiner großen schwarzen Toga angethan, und ließ mich nicht

aus den Augen.

Nach den gewöhnlichen Formalitäten fragte mich der Präsident:

»Was haben Sie auf die Anklage zu erwidern? Ist es wahr, daß Sie dem

Korporal S... einen Brief zur Besorgung übergeben haben?«

»Großmütiger Herr Richter«, antwortete ich, »von dem Verbrechen, dessen

man mich anklagt, weiß ich nichts. Es ist unwahr, daß ich dem S... einen

Brief zur Besorgung übergeben habe; es ist eine schwarze Verleumdung und

eine Sünde und Schande; ich schwöre es vor Gott und vor den Menschen.

Ich könnte mich leicht vor diesem S... schützen, aber ich will von

Dingen nicht reden, die eine so gebildete Zuhörerschaft entsetzen würde;

ich will nur meine Ehrenhaftigkeit betonen.«

»Ich bin unschuldig, ich bin unschuldig und Sie als hervorragende

Militärs und gelehrte Juristen werden einen Unschuldigen nicht wegen der

niederträchtigen Verdächtigung eines Schurken verurteilen wollen, der

nicht wert ist, daß er zur menschlichen Gesellschaft zählt.«

»Mein Herz sagt mir, daß Sie mich verurteilen werden; aber mein Herz

sagt mir auch, daß bald Licht in dieses grausige Geheimnis kommen wird,

und dann -- o dann ist es zu spät und Sie werden es bereuen, daß Sie

einen Unschuldigen verurteilt, einen Menschen hingemordet haben.«

»Und wer sagt Ihnen, daß ich schuldig bin?«

»Der Korporal S..., S..., dieses verworfene Geschöpf, S..., dieser

passive Päderast, der schändliche Sodomit, der Abschaum der Menschheit,

der Auswurf der Natur! S..., ein ehrloses, sinnloses Wesen ... Soll ich

das beweisen, soll ich es ihn mit eigenem Munde aussprechen lassen?«

»Und Sie könnten wollen, daß ich den Schlingen der Bosheit und

Schändlichkeit zum Opfer falle? Muß ich erst diesen Zwitter S... zeugen

lassen?«

»O, ich schaudere bei dem Gedanken, und eine schwarze eiserne Larve

müßte unsere und der ganzen Armee Gesichter bedecken, wenn das geschehen

sollte.«

»Seien Sie gerecht, nur um Gerechtigkeit, nicht um Gnade flehe ich, ich,

der arme, unschuldige Mann, ich fordere von dem unerbittlichen Schwerte

des Gesetzes, von den unbestechlichen Richtern, ein Urteil, das durch

Argwöhnungen und betrügerische Verdächtigungen nicht beeinflußt ist

-- der Schuldige verlangt Gnade, Verzeihung, Erbarmen!«

»Machen Sie, in deren Hände das Gesetz gelegt ist, daß diese mit dem

Banner Italiens geweihte Halle, die das Entsetzen der Bösen und ein Hort

der Gerechten ist, nicht dem Betrug, der Fälschung eines verworfenen

Schurken dienstbar werde.«[53]

[53] Diese wahnsinnigen Tiraden erinnern an die Verteidigungsrede, die

der Soldat Francesco Torres vor dem Militärgericht zu Mailand hielt.

Zwischen beiden ist eine große Familienähnlichkeit. Und das beweist,

was Lombroso aufgezeichnet hat, daß nämlich der Begriff der sozialen

Gerechtigkeit im Keime vorhanden ist; M... erklärt sich als einen

»reinen, unschuldigen Mann«, als ob er nicht an dem päderastischen

Verhältnisse beteiligt wäre, das M... dem S... in so glühenden Worten

vorwirft, als ob er ihm nicht den anonymen Brief diktiert und noch

schlimmeres angeraten hätte.

Es ist derselbe Fall wie bei dem Straßenräuber, den Lombroso

(_Palimsesti del carcere_) beschrieben hat, der, um seine Unschuld zu

erweisen, den Schauplatz der Straßenräuber zeichnete, wobei er den

unmittelbaren Empfänger einer Uhrkette darstellte, die ein anderer

gemeinschaftlich mit der Uhr eines Passanten aus der Tasche gerissen

hatte. Und darüber war geschrieben: =Ich bin unschuldig.= -- Das

Kriterium der Unschuld bestand darin, daß er als Räuber beider

Gegenstände angeklagt war, während er nur die Kette genommen hatte.

»Genug M..., genug,« unterbrach mich der Präsident, »das Gesetz ist für

alle gleich.«

Der Feldwebel V... wird gerufen und sagt aus:

»Ich hatte mit dem Gemeinen M... nichts zu thun gehabt, er war ein guter

Untergebener, ich habe ihm mehrere Male Geld geliehen, das er mir

später zurückgab, ich kann nicht begreifen, weshalb er mir den Brief

hätte schreiben sollen.«

Der Korporal S... wird gerufen und sagt aus:

»Ich war mit M... sehr befreundet, er vertraute mir manches an, und

dabei schimpfte er auf den Feldwebel V...«

»Weshalb that er das?« fragte der Präsident.

»Ich glaube, das hat er mir nicht gesagt, oder ich habe es vergessen;

aber ich weiß, daß er ihn haßte. Eines Abends sagte er: Ich gebe Dir

einen Brief, willst Du mir den Gefallen thun und ihn zur Post besorgen?

Ich versprach es, er gab mir den Brief; ich las die Aufschrift und

vermutete, daß Schmähungen und Drohungen darin enthalten sein konnten;

darauf war ich unentschlossen, was ich thun sollte, vier Tage behielt

ich den Brief bei mir, M... fragte mich mehrere Male, ob ich ihn

abgeschickt hatte und ich sagte immer ja; endlich wurde M... krank und

kam ins Lazarett, und da entschloß ich mich, die Sache dem Herrn Oberst

zu melden.«

Ich lasse den S... fragen, wo ich ihm den Brief übergeben haben soll, er

antwortet, in einem Wirtshaus um ein Uhr Mittags. »Herr Präsident,« sage

ich, »es scheint mir ein Unding, daß ich um ein Uhr Mittags, wo ich zwei

Freistunden vor mir hatte, einen so gefährlichen Brief einem Andern zur

Besorgung übergeben haben sollte. Weshalb gab ich ihn denn nicht selbst

zur Post? Wer hinderte mich daran?«

Die Richter nickten verständnisinnig zu meinen Worten, der Staatsanwalt

erhebt sich, hält seine Anklage aufrecht und beantragt schließlich vier

Jahre Gefängnis.

Darauf ergreift mein jugendlicher Verteidiger das Wort, widerlegt der

Reihe nach die Ausführungen des Staatsanwalts und unterzieht dann den

S... einer Beurteilung, in der er ihn in den schwärzesten Farben

schildert, ihn einen falschen Verleumder, einen ehrlosen Schurken nennt;

er stellt den Richtern ernste und sorgfältige Erwägung des Falles

anheim.

Nunmehr endet der Advokat di Leo und ruft, indem er sich das Gesicht mit

den Händen bedeckt:

»Man müßte sich das Gesicht verhüllen, um, ohne zu erröten, die

Schandthaten des S... aufzuzählen; und er trägt noch die Tressen! Soll

ich Ihnen das schmutzige Verhältnis dieses Ungeheuers mit dem armen M...

vorenthalten? Nein, darum lassen Sie die Thüren schließen, denn was ich

mitzuteilen habe, paßt nicht für das Ohr der Öffentlichkeit.«

»Herr Präsident, stellen Sie beide gegenüber und lassen Sie den

unglücklichen M... ihn fragen, ob er sich an die Vergangenheit erinnert,

an die laubverhüllte Grotte, an den strengen Arrest, an die Klagen des

S... über den Feldwebel V..., der ihm einen Blutfluß verursacht hatte,

=über das Verhältnis Beider, um ihn dann zu verfolgen=; ob er sich

erinnert, wie er sagte: =Nachdem er mir die Ehre geraubt und mich acht

Monate lang genossen hat, verließ er mich, um mich zwei Jahre lang zu

mißhandeln, er nannte mich seine süße Alfonsine u. s. w.=«

»Wollen Sie noch mehr! Soll ich noch weiter wühlen in diesem Abgrund von

Schmutz und Kot? Sehen Sie ihn sich an, meine Herren, seht ihn an, den

Korporal S..., wie er bleich, zitternd und gebeugt dasteht, wie er

weint! Meinen Sie, daß er Reue über seine Schandthat fühlt! Nein, meine

Herren, solche verworfenen Geschöpfe empfinden keine Reue, weil sie kein

Herz haben.«

Und er schließt mit dem Ersuchen um ein freisprechendes Urteil.

Der Gerichtshof zieht sich zurück und erscheint nach drei Stunden

wieder. Ich muß mich erheben, der Präsident liest das Urteil vor: wegen

Insubordination werde ich zu einem Jahr Militärgefängnis verurteilt.

Meine Verteidiger waren außer sich, das Publikum ging zischend hinaus,

und ich blieb kalt und unbeweglich angesichts dieser furchtbaren Komödie

stehen. Sie wollten appellieren, ich wollte nicht, um nicht mehr von

diesen Dingen sprechen zu hören; dann wurde ich in das Gefängnis

zurückgeführt.

In mein armes unglückliches Taschenbuch schrieb ich die Worte ein:

Antonino M... vom 20. Infanterie-Regiment ist am 18. Juni 1878 vom

Militärgericht zu Salerno unschuldig zu einem Jahre Gefängnis

verurteilt, wegen der Schändlichkeit des Korporals Alfonso S...

Eines Tages werde ich in das Wachtzimmer geführt und wen sehe ich?

Teresina's Vater; ich werfe mich an seine Brust, wir umarmen und küssen

uns wie Vater und Sohn; der arme Greis weinte heiße Thränen, er brachte

mir einen Brief von Teresina, den zunächst der Chef der Wache las und

abstempelte. Wir sprachen von gar manchen Dingen, er erzählte mir, daß

seit meiner plötzlichen Abreise Teresina keinen ruhigen Augenblick mehr

gehabt habe und täglich von mir spreche und mein Unglück beklagte.

Als ich ihm mitteilte, daß ich zu einem Jahr verurteilt wäre, drückte

der gute Alte mir lange und fest die Hand; wer vermöchte zu sagen, wie

viel Liebe und Schmerz in diesem Händedruck lagen.

Er gab mir acht Lire, die mir Teresina schickte, ich wollte sie um

keinen Preis nehmen, aber da er sagte, daß es Teresina Schmerz bereiten

würde, wenn ich sie zurückwiese, so mußte ich sie wohl oder übel

behalten. Wir verabschiedeten uns und er ging, ohne seine Thränen

verbergen zu können. Teresina schrieb mir:

»Mein heißgeliebter Bruder!

Ich habe Ihren Brief erhalten und lange, lange geweint.

Ich wollte hinkommen, um Sie zu sehen, aber meine Eltern haben es

nicht erlauben wollen.

Ich bete stets zu Gott, daß ich Sie bald wieder gesund und frei

sehe, denn erst dann kann ich wieder fröhlich werden.

Ich schicke Ihnen acht Lire, das einzige Geld, das wir armen Leute

zu Hause haben; für den Augenblick werden sie genügen, später, wenn

Sie dort bleiben, werde ich selbst kommen und recht viel

mitbringen.

Schreiben Sie mir oft, lassen Sie mich nicht in Trauer verharren.

Vertrauen Sie auf Gott, der uns heimsucht und tröstet. Wir sind

allzumal Sünder und müssen büßen. Die Mutter Gottes möge zu Ihrem

Haupte wachen und Sie vor jedem Ungemach behüten.

Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M... · 第 16 / 24 题