Cava dei Tirreni, 8. Mai 1878.
Meine Antwort:
Aus dem Militärlazarett zu Palermo in Cava dei Tirreni, 9. Mai 1878.
»Meine zärtliche Schwester!
Ich weiß nicht, wie ich Ihnen Ihre heilige Liebe vergelten soll;
der Dank allein kann mich nicht entlasten für die innere Zuneigung,
die Sie mir so edelmütig entgegenbringen. Meine Liebe zu Ihnen ist
heilig und fromm; ich liebe Sie, wie nur die Engel Gott lieben und
verehren können. Ich war verloren, Sie haben in meiner Brust hohe
und reine Gefühle entfacht; ich war dem Wahnsinn nahe, mich zu
töten, Sie, die Sie die Schönheit der Engel tragen, haben mir mein
armes Herz wieder geöffnet für die Schönheit des Schöpfers; Ihre
silberhelle Stimme hat mich von dem Abgrund meines Nichts
zurückgerufen und mich ermahnt, mein Mißgeschick zu tragen und zu
überwinden.
Wieviel Dank schulde ich Ihnen! Wie kann ich all' das Gute
vergelten?
Ich werde unaufhörlich zu Gott beten, im Unglück und im Wohlleben,
daß er Sie beschützt und Sie erhält zum Wohle der Unglücklichen und
Leidenden.
Mir ist jetzt wohl, nur krampft mein Herz sich zusammen, wenn ich
Sie nicht sehe, wenn Ihre Stimme mich nicht der Bangigkeit, dem
Trübsinn entreißt.
Den ganzen Tag stehe ich am Fenster meiner elenden Zelle und
erwarte Sie, bei jedem Geräusch erbebt mein Herz, das Sie so
zärtlich liebt.
Dank, Teresina, unendlichen Dank für Ihre Güte, die mir ewig
unvergeßlich bleiben wird. Nun kommen Sie, um mich zu trösten,
empfehlen Sie mich den Ihrigen und vergessen Sie nicht
Ihren Sie liebenden
Antonino M...«
Eines Morgens sagte der Arzt zu mir:
»Machen Sie sich etwas fein, der Auditeur will Sie sprechen.«
Ich sollte mich »fein machen!« Seit zwei Monaten hatte ich weder die
Bett- noch andere Wäsche gewechselt, zwei Monate lang hatte ich mir
nicht Gesicht und Hände gewaschen, denn das Wasser war mir so knapp
zugemessen, daß es kaum genügte, den Durst zu löschen. Ich war voll von
+Läusen+, von Läusen jeder Art und Größe; das Bett, die Zelle, meine
Kleider, meine Person wimmelten davon; mein Haar war lang und struppig,
der Bart nicht geschnitten und voll Schmutz: ich sah aus wie ein Wilder.
Zwei Karabinieri führten mich zum Auditeur; als wir allein waren, mußte
ich mich setzen, und er fragte mich:
»Wissen Sie, wessen Sie angeklagt sind?«
»Weil ich den Soldaten Gir... verwundet habe.«
»Nein, hier handelt es sich nicht um Körperverletzung, sondern um einen
anonymen Brief.«
»Davon weiß ich keine Silbe; ich habe keinen anonymen Brief
geschrieben.«
Der Beamte entfaltete ein Blatt, das vor ihm auf dem Tische lag und
holte einen Brief heraus, den er mir überreichte.
Ich nahm den Brief aus dem Umschlag und las:
»=Denken Sie an das traurige Ereignis vom 23.=«
Dann nahm ich den Umschlag und las die Aufschrift:
»An den Herrn Feldwebel V... von der 8. Kompagnie
20. Infanterie-Regiments
Nocera.«
Der Leser möge ermessen, was in diesem Augenblick in meinem Herzen
vorging und welchen Entschluß ich faßte.
»Nun?« fragte ich.
»Nun, können Sie mir sagen, was diese Worte bedeuten, worauf die Zahl 23
anspielt? Der Korporal S... hat den Brief Ihrem Obersten überreicht und
erklärt, daß Sie ihm denselben gegeben hätten, damit er ihn zur Post
besorgen solle.«
»Herr Auditeur, ich erkläre, daß das eine Unwahrheit ist; das ist nicht
meine Handschrift, und wenn ich den Brief doch geschrieben hätte, wozu
hätte ich ihn dann dem Korporal S... zur Besorgung übergeben? Konnte ich
nicht selbst auf die Post gehen? Auf den ersten Blick muß doch klar
werden, daß hier ein Geheimnis, eine Schändlichkeit zu Grunde liegt!«
Der Auditeur nahm meine Aussage zu Protokoll und ließ mich zum Vergleich
mit der Handschrift des Briefes einige Zeilen schreiben; ich
unterschrieb das Protokoll und wurde in meine Zelle zurückgeführt. Was
ich in diesen Tagen dachte, weiß nur Gott allein, ich war in eine
Schlinge verwickelt, aus der ich mich nicht befreien konnte, ich
zermarterte mein Hirn, um den Schlüssel des Geheimnisses zu finden, aber
vergebens, und so dachte ich: warten wir die Entwickelung dieses
rätselhaften Dramas ab.
Eines Tages beschwerte ich mich bei dem Arzt, daß die Läuse mich beinahe
lebendig auffräßen und entsetzt ordnete dieser verweichlichte Feigling
an, daß ich gewaschen und umgekleidet würde. Ich bekam ein reines Bett,
man ordnete mein Haupt- und Barthaar, man wusch und striegelte mich, wie
in der Strafanstalt zu Neapel und gab mir saubere Kleidung.
Meine Teresina verließ mich nicht, lange Stunden saß sie unter meinem
Fensterchen und tröstete mich mit ihren Ermahnungen und sanften
Ratschlägen. Gott segne sie und lasse ihr seine Gnade zukommen, der
edelmütigen Seele.
Eines Morgens sagte der Arzt zu mir:
»M..., nachher werden Sie den Besuch des Herrn Generals bekommen, ich
empfehle Ihnen, sich anständig zu betragen und nicht soviel zu
sprechen.«
»Gut«, sagte ich, »schon lange wollte ich eins von diesen großen Tieren
sehen, endlich ist die Stunde gekommen, und besser spät als nie, sagt
ein altes Sprichwort.« Am Mittag hörte ich Geräusch und Stimmengewirr
auf dem Korridor, die Thür öffnet sich und ein großer Mensch in
Generalsuniform mit dem Obersten und verschiedenen Ärzten des Lazaretts
tritt herein, während andere draußen warten.
»Wie heißen Sie?« fragte der General mit grober rauher Stimme, indem er
mich vom Kopf bis zum Fuß musterte.
»M..., Antonino M... vom 70. Infanterieregiment, zur Zeit hier im
Lazarett in Behandlung.«
»Weswegen sind Sie angeklagt?«
»Ich weiß es nicht, ich glaube, ich bin unschuldig, und ungerechter
Weise büße ich in dieser schmutzigen Zelle, von Guten und Bösen
verlassen, von Gelehrten und Unwissenden verworfen, von Mächtigen und
Elenden erniedrigt, von Tyrannen und Sklaven gequält, von ...«[52]
[52] Wer ein Irrenhaus besucht hat, wird mehr als einen gefunden
haben, der ihm so antwortete und durch seine geschwollene
Ausdrucksweise sein Unglück zu adeln suchte. Diese Großsprecherei ist
für die Wahnsinnigen charakteristisch.
»Genug, genug! Sie haben nur auf das zu antworten, was Sie gefragt
werden.«
»Herr General haben mich gefragt und ich glaubte, es sei meine Pflicht,
mit klaren Worten zu antworten.«
»Schweigen Sie! Antworten Sie nur auf das, was ich sage, und sonst
nichts. -- Wie geht es Ihnen hier?«
»Sehr schlecht, Herr; zwei Monate liege ich in diesem Jammerloch, von
Gott und allen Heiligen verlassen; zwei Monate lang atme ich diese
üblen Dünste, die mir die Lunge zerfressen; unendlich oft habe ich den
Herrn Oberst gebeten, gefleht, angebettelt, mir eine einzige Stunde
frische Luft zu gestatten -- er hat es nicht gewährt. Tage lang wurde
mein armer Körper von Ungeziefer gereizt, ich war voll, übervoll von
Läusen.«
»Schweigen Sie, so spricht man nicht zu einem Vorgesetzten; ich werde
Sie in Eisen legen lassen!«
»O, Herr, hören Sie mich an, erfüllen Sie meine einzige Bitte; ich flehe
Sie an, gewähren Sie mir eine einzige Stunde am Tage in freier Luft, auf
dem Hof!«
»Nein, das geht nicht; Sie sind Gefangener, ich kann es nicht erlauben.«
»O dann, Herr«, rief ich wütend, »dann lassen Sie mich lieber
niederschießen, anstatt mich langsam hinzumorden; machen Sie ein Ende
mit dieser verfluchten Dienstzeit!«
Fluchend gingen sie fort, die Thür fiel krachend in's Schloß.
Als ich allein war, erfaßten mich die Furien der Hölle, ich war
entschlossen mich zu töten und hätte mich nicht die Stimme meiner
Teresina an's Fenster gerufen, wer weiß, welche Schandthat ich befangen
hätte!
Gegen Abend wurde mir meine Suppe gebracht und die Thür wurde
aufgelassen; ich aß die Suppe und überlegte, endlich stand ich auf und
ging hinaus und setzte mich zu den anderen Kranken auf den Hof.
Die Wachtposten sahen mich, aber keiner hielt mich an.
So ging es mehrere Tage und schon hatte ich die Absicht gefaßt, einen
Fluchtversuch zu machen, die Ringmauer war von innen nur mannshoch --
wie sie von außen war, das wußte ich nicht, aber wenn ich auch fürchten
mußte, mir Hals und Beine zu brechen, ich war entschlossen, einen
Versuch zu machen.
Am Morgen, nachdem ich diesen Entschluß gefaßt hatte, kam mein Arzt und
teilte mir mit, daß ich in das Krankenhaus des Zivilgefängnisses zu
Salerno überführt werden würde.
Ich machte Einwendungen, da ich noch zu krank sei, aber er sagte, daß
mir ein Wagen gestellt werden würde.
Man brachte mir meine Kleider, ich kleidete mich an, zwei Karabinieri
begleiteten mich zur Polizeistation; dort stand ein offener Wagen
bereit, und daneben zwei andere Karabinieri und ein Frauenzimmer in den
Dreißigern, das ich für eine =Prostituierte= hielt, worin ich mich nicht
täuschte.
Die Karabinieri ließen das Frauenzimmer einsteigen und wollten mich auf
den Bock schieben.
Ich weigerte mich standhaft, indem ich sagte, daß der Wagen für mich und
nicht für sie und ihre Dirne sei und nach langem Hin- und Herstreiten,
wobei der Karabiniere mir den Arm mit der Handfessel zusammenschnürte,
daß mir beinahe die Adern zerschnitten wurden, wurde mir endlich der
Platz neben dem Weibe eingeräumt.
Nach mehreren Stunden Fahrt kamen wir in Salerno an. Als wir in die
Stadt einfahren, laufen die Einwohner aus den Schenken heraus und treten
an die Fenster und schreien:
»Seht den Soldaten, mit dem schönen Fräulein ist er ausgerückt, aber sie
haben ihn gefaßt!« Und Lachen, Spotten und Pfeifen tönt hinter mir her.
Ich werde zum Kriegsgericht abgeführt, ein Karabiniere meldet mich dem
Staatsanwalt, ich werde hereingerufen und wen erblicke ich! Den
Staatsanwalt Herrn T..., denselben, der in Florenz die Staatsanwaltschaft
vertrat, wo ich zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
Er sieht mich an und lacht, dann sagt er:
»Das ist das zweite Mal, daß Sie vor mir erscheinen, Sie scheinen Pech
zu haben.«
»Was soll ich machen, Herr Staatsanwalt? Das Geschick des Menschen ist
unbegreiflich, das Unglück verfolgt mich -- und sehen Sie, Herr
Staatsanwalt, wie eng mir die Karabinieri die Handfesseln geschnürt
haben, meine Hände sind ganz geschwollen, ist das nicht unrecht?«
»Lassen Sie sehen«, und er nahm meine Hand, »nein, sie sind gar nicht
eng, im Gegenteil, sie scheinen zu weit zu sein.«
»Ich danke Ihnen für Ihre Versicherung; das Lamm, das sich mit dem Wolf
einläßt, geht seinem Tode entgegen. Es scheint mein Verhängnis, daß mir
alles in die Quere geht.«
Der Herr Staatsanwalt lacht, die Karabinieri lachen mit, und, um ihnen
einen Gefallen zu thun, lache auch ich, aber es war ein böses giftiges
Lachen.
Er stellt mir den Schein für das Gefängnis aus, dann sagt er:
»Seien Sie vernünftig, M..., Sie scheinen unter keinem guten Stern
geboren zu sein.«
Ich wurde in das Zivilgefängnis eingeliefert, weil es in Salerno kein
Militärgefängnis giebt und ich fühlte mich glücklich, weil es mich an
die alten Zeiten erinnerte, wo ich noch nicht Soldat war.
Nach einigen Tagen wurde ich meinem Verteidiger vorgestellt, einem
jungen zwanzigjährigen Mann, der die Advokatenkarrière macht, er empfing
mich freundlich und ich erzählte ihm alle Einzelheiten meines
Verhältnisses zu dem elenden Korporal S... und alles, was ich von dem
anonymen Brief wußte. Er machte mir gute Hoffnungen und ging.
Ich dachte immer an die Zuneigung, die jene Teresina M... mir
entgegengebracht hatte, und es zerriß mir das Herz, wenn ich dachte, daß
ich das Lazarett hatte verlassen müssen, ohne sie noch einmal sehen und
ihr meinen neuen Aufenthaltsort mitteilen zu können; ich hatte ihr noch
einmal danken wollen und daher schrieb ich ihr folgenden Brief:
»Meine liebe Schwester!
Meine Seele ist von Qualen zerrissen, während ich Ihnen schreibe,
um Ihnen mitzuteilen, daß ich ohne jedes Vorwissen in dieses
Gefängnis gebracht worden bin, so daß ich keine Zeit mehr hatte,
Sie zu benachrichtigen. Wo auch das Schicksal mich zu leben
verdammen mag, mein erster Gedanke gilt Ihnen, die Sie ein Teil
meiner Existenz sind. Wegen eines Vergehens, das ich nicht begangen
habe, wegen der Schandthat eines bartlosen Jünglings, muß ich hier
dulden, aber ich vertraue auf die göttliche Gerechtigkeit, wie Sie
es mir geraten haben und werde für Sie, für Ihr Wohlergehen zu Gott
beten.
Sobald ich weiß, was aus meinem Prozeß geworden ist, werde ich Sie
benachrichtigen.