Dein zärtlicher Vater

Antonino M...

[39] Hier folgt ein italienisches Wiegenlied.

Die Abreise.

Nach sechs langen Jahren der Gefangenschaft, wie ich im ersten Teil

dieser Erzählung berichtet habe, erblickte ich am 16. November 1874 die

Freiheit wieder.

Am 27. Januar 1875 hatte ich das Unglück, Soldat[40] werden zu müssen,

denn aus der Klasse 1850 wurde ich der Klasse 1855 überwiesen und auf

zwölfjährige Dienstzeit in das zwanzigste Infanterieregiment

eingestellt.

[40] Dieser Teil der Selbstbiographie des M... ist ein Beweis zu

Gunsten derer, welche behaupten, daß Verbrecher nicht in die Armee

aufgenommen werden sollten.

Die Frage ist als Gefühls- und als Nützlichkeitsfrage behandelt

worden. Ich übergehe den ersten Gesichtspunkt, weil sich darüber nicht

verhandeln läßt: ein Heer braucht namentlich in Friedenszeiten einen

hohen Grad sittlicher Reife in seinen Bestandteilen, um in Ermangelung

eines unmittelbaren Nutzens eine Existenzberechtigung zu haben.

In Kriegszeiten kommt es auf solche Moralität weniger an und niemand

würde sich darum kümmern; Sergi hat in seinem _Eroismo e criminalità_

gezeigt, wie ein Verbrecher bisweilen zu heroischen Thaten sich

erheben kann. Der Mangel an Voraussehung schwächt bei ihm das Gefühl

der Gefahr ab.

Ich will mich auf den zweiten Punkt beschränken: daß es nutzlos und

unthunlich sei, Verbrecher in die Armee aufzunehmen, und zwar auf der

Basis elementarer Gründe des Positivismus.

Wenn man zugiebt, daß der Verbrecher ein pathologischer und anormaler

Typus ist, weshalb wird diese moralische Abnormität nicht ebenso in

Betracht gezogen, wie so viele andere, die physischer Natur sind?

Individuen, die eine Mißbildung der Füße zeigen, werden

ausgeschlossen, und man sollte die nicht zurückweisen, welche eine

tiefgehende Abnormität der Seele zeigen?

Man wird sagen: Es ist schwer, diese Abnormität festzustellen. Und ich

antworte: Zugegeben; aber so schwer es auch sein mag, in der großen

Mehrzahl der Fälle ist ein unfehlbares Kennzeichen gegeben -- die

Strafen, welche die zur Aushebung sich vorstellenden Leute erlitten

haben -- oder wenn sie schon Soldaten sind, die Vergehen, welche sie

sich zu Schulden kommen lassen. Der Verbrecher wird als ein

antisoziales Element definiert, d. h., er wendet sich gegen die

Ordnungsgrundsätze, die zur Existenz einer gegebenen Gesellschaft

notwendig sind: er will sich deren Zwang nicht unterwerfen und findet

sie für sein eigenes Temperament und seine eigenen Neigungen zu eng.

Ist es nun nicht widersinnig, einen solchen Widerstrebenden in die

Schranken eines Organismus wie die Armee einzustellen, die durch eine

noch viel straffere Disziplin als die, welche in der gewöhnlichen

Gesellschaft herrscht, regiert wird? Heißt das nicht, aus einem Narren

einen Philosophen machen wollen? Sowohl der Narr wie der Verbrecher

sind individualistische Übertreibungen, Wesen, deren Verstand oder

moralisches Empfinden sich den Bedingungen des sozialen Leben, den

Vorschriften, die der Egoismus auf Gegenseitigkeit diktiert, nicht

anpassen können.

Man wirft ein: Auch das Gefängnis und das Irrenhaus sind Institute,

die von eiserner Disziplin regiert werden, aber jeder sieht ein, daß

die Zusammenstellung mit dem Heer nicht möglich ist. Dieses hat im

Staat eine opportunistische, jenes eine, im wesentlichen utilitarische

Funktion. Die Armee wird verschwinden können und müssen; die

Gefängnisse werden ihr Aussehen ändern, wenn der Begriff der Strafe

durch den der Abwehr abgelöst worden ist; die Irrenhäuser werden in

Stätten der Pflege und der Hut umgewandelt werden, da die Gesellschaft

nur stets, auch in ihren fortgeschrittensten Formen, den Begriff der

Selbstverteidigung aufrecht halten und erweitern muß, weil dies zur

Entwickelung der gesunderen und normaleren Kräfte beiträgt. Die

soziale Disziplin ist ein absolutes Bedürfnis, die militärische

Disziplin ein relatives Bedürfnis.

Nun kann die Ausbildung derer, welche Strafen von einer gewissen

Schwere erlitten, helfen, das Heer sicher zu stellen. Ich lege nicht

viel Wert darauf, weil es eine Wahrheit ist, von der wir uns in diesen

letzten Jahren überzeugt haben. Misdea, Serghetti, Scaranari, Marino,

Missivoli und endlich Pasquala Torres haben dem Heer noch mehr

geschadet als zwanzig Friedensjahre. Andererseits ist bekannt, daß das

Kriegsministerium das Aushebungsgesetz in dem Sinne reformieren will,

daß diejenigen ausgeschlossen bleiben und dem königlichen Heer nicht

angehören können, welche zu Kerkerstrafe und zu Gefängnis nicht unter

fünf Jahren verurteilt sind, während das zur Zeit in Kraft befindliche

Gesetz nur die wegen irgend eines Verbrechens zu Zwangsarbeit

Verurteilten und die zu Zuchthaus und Gefängnis wegen Verbrechen

schwerer Art Verurteilten ausschließt.

Doch sollten auch die zu geringen Strafen Verurteilten besonders

behandelt werden, indem sie während des Dienstes mit der Waffe einer

besonderen Abteilung zugewiesen werden, wie es in Frankreich und

Deutschland üblich ist.

Dazu wird nun noch ein Reglement treten, welches gleichzeitig die

Überweisung derjenigen Personen in eine besondere Abteilung verfügt,

die sich =während der Dienstzeit= schwerer Vergehen schuldig machten.

Dasselbe Ministerium anerkennt in dem der Kammer schon vorgelegten

Bericht die Nützlichkeit solcher Verfügungen, indem es hervorhebt, daß

man nicht erst jetzt darauf verfallen sei, sondern schon in einem dem

Senat am 10. Juni 1884 vorgelegten Gesetzentwurf des Ministers General

Ferrero, in dem von einem Spezialkorps die Rede war.

Damit, das wird jeder einsehen, wird die Frage verschoben, aber nicht

gelöst. Es schließt zwar die schlimmsten Verbrecher aus, aber zu viele

umfaßt es gar nicht, oder umfaßt sie mit einer Verschärfung der

Disziplin. Wenn heute der Verbrecher seine Strafe verbüßt hat, wird er

veranlaßt sein, die besondere Behandlung, die er erfährt, als eine

Ungerechtigkeit zu betrachten und den Fatalismus der Schuld zu

verstärken, von dem die Seiten M...'s voll sind. Er wird als Soldat

eine strengere Disziplin und daher mit größter Wahrscheinlichkeit die

Bestrafung finden. Ist das gerecht und logisch?

Ist im sozialen Leben die moralische oder intellektuelle Inferiorität

einer Person nicht eine Entschuldigung für uns? Von einem Bauern

verlangen wir gewisse Äußerungen des Zartgefühls nicht, die wir bei

einer gebildeten Person fordern; von jenem dulden wir, was bei dieser

eine Beleidigung wäre.

Wenn man bei einer Spezialdisziplin annimmt, daß diese Individuen

Verbrecher sind und wenn man sie nur deshalb als Soldaten betrachtet,

weil sie sich dem Recht, welches das Land über sie hat, nicht

entziehen können, so müßte man sie wenigstens dem gewöhnlichen

Gesellschaftscodex unterstellen, anstatt sie unter den militärischen

Codex zu bringen.

Der Grundsatz der Ausschließung, nach der vorher erlittenen Strafe

beurteilt, hat für mich keinen Wert. Der Soldat kommt immer im

jugendlichen Alter zur Aushebung; wenn er ein Verbrecher war, so war

es in seinen Jugendjahren, wo einerseits das Strafgesetzbuch und

andererseits das Mitleid der Geschworenen ihm alle möglichen

mildernden Umstände zubilligen.

Das sieht man aus der ersten Strafe des M... wegen Mordes, wo die

Überlegung und die Nachstellung nicht hinderten, daß die Strafe auf

fünf Jahre beschränkt wurde, und man sieht es aus den Antecedentien

aller Soldaten, die in diesen letzten Jahren erschossen oder dem

Kerker übergeben wurden. Alle hatten Strafen erlitten und keiner hatte

vom Dienst befreit werden können. Die angeblichen fünf Jahre würden in

der That zwanzig bis dreißig Jahren Gefängnis gleichkommen. Vier

Körperverletzungen und drei Widersetzlichkeiten gegen die

Polizeiorgane würden weniger gelten als ein versuchter Mord, und zwar

für einen Soldaten, für den das Spezialgesetzbuch des Heeres die

Erschießung von hinten sanktioniert, wenn er nur mit bewaffneter Hand

seinen Vorgesetzten bedroht.

Die Blätter des M... können dazu ermahnen, eine offene und wirkliche

Lösung zu finden, die einerseits dem Heere nützt und andererseits den

Postulaten des gesellschaftlichen Positivismus entspricht.

In dieser Anmerkung, das begreift jeder, habe ich eine solche Lösung

nur andeuten können.

Ich reiste nach Florenz, um zu meinem Regiment zu kommen.

In diesem Regiment war ein Landsmann von mir, Signor Pietropaolo A...,

Lieutnant; diesem würdigen und wohlverdienten Herrn wurde ich empfohlen;

und er wies mich der achten Kompagnie zu: das Unglück schien mir

anzuhängen; diese Kompagnie war die meist gequälte vom ganzen Regiment

und bestand aus Leuten, die sich nicht durch gute Führung hervorthaten.

Als Signor Pietropaolo von meiner Ankunft hörte, kam er in mein Quartier

und hielt mir eine Vorlesung über die Art und Weise, wie ich mich zu

benehmen hätte; er empfahl mich den Vorgesetzten, meinem Hauptmann und

den Lieutenants, mit denen ich zu thun hatte.

Tags darauf erhielt ich das Gewehr, den Säbel, die Patronentaschen und

was sonst noch dazu gehört; dann wurde ich mit den anderen Rekruten auf

den Exerzierplatz geführt, wo ein Korporal und ein Sergeant uns

unterrichtete; sobald einer sich irrte oder ein Kommando schlecht

ausführte, wurde er geschimpft und mißhandelt, und oft hörte man solche

Worte:

»Sie sind ein Rindvieh, ein Dummkopf, Sie sind ein Schweinehund!« und

ähnliche Schmähungen. Mir stieg das Blut zu Kopf, wenn ich sah, wie ein

unwissender Vorgesetzter uns so behandeln konnte.

(Hier fehlen im Manuskript einige Blätter.)

Ich stand an meinem Bett, hatte Helm und Gürtel abgelegt und suchte

meine Mütze, die ich am Morgen an die Wand gehängt hatte. Inzwischen

stellte sich die Kompagnie in Reih und Glied auf und da ich weiter

suche, kommt der Korporal C... auf mich zu und fragt mich wütend,

weshalb ich mich nicht auf meinen Platz begebe.

»Ich suche meine Mütze, die ich heute Morgen hier aufgehängt habe.«

»Sie wissen nicht, was Sie sagen; Sie verlieren immer etwas.«

»Ich habe noch nie etwas verloren; aber meine Mütze finde ich nicht.«

»Schweigen Sie! Passen Sie besser auf, Sie Schweinehund! Was meinen Sie

denn, wer Sie sind, Sie Galgenschwengel?«

Mir stieg das Blut zu Kopf, ich verlor meine Kaltblütigkeit, wütend wie

eine Hyäne sprang ich ihm an den Hals, gab ihm eine mächtige Ohrfeige

und schüttelte ihn hin und her wie ein Rohr.

Der Korporal verliert das Gleichgewicht und fällt hin, ich werfe mich

mit voller Kraft auf ihn, halte ihn an der Gurgel fest und ziehe einen

Dolch aus der Tasche, um ihn zu ermorden -- in diesem Augenblick stürzt

sich ein Haufe von Offizieren und Gemeinen auf mich, reißen uns

auseinander und ich werde in die Wachtstube geführt, wo man mich mit

Schimpfreden überschüttet, um mich dann unter einer Eskorte von acht

Chargierten mit aufgepflanztem Bajonett ins Gefängnis zu führen.

Tags darauf suchte mich Signor Pietropaolo auf; Thränen standen ihm in

den Augen, er beklagte den Vorfall und sagte, daß er alles thun werde,

um die Gefahr abzuwenden; dann ging er, nachdem er mir zwei Cigarren

gegeben und einen zärtlichen Blick auf mich geworfen hatte.

Eingeschlossen, allein, sah ich mehrere Tage hindurch niemand;

unvertraut mit den militärischen Gesetzen wußte ich nicht, was aus mir

werden sollte und machte mich auf alles gefaßt. Signor Pietropaolo kam

wieder und sagte lächelnd:

»Ich habe alles besorgt; morgen wirst Du in Freiheit gesetzt werden,

aber versprich mir, daß Du Dich gut führen willst.«

»Je nach den Umständen«, antworte ich.

In der folgenden Nacht, etwa um ein Uhr, wird die Thür meines

Gefängnisses geöffnet; ich fürchtete, daß man mir etwas böses thun werde

und schickte mich an, mich zu verteidigen.

Es war der Hauptmann, der mich herausrief. Ich folgte, er führte mich

auf den Hof, eintöniges Schweigen herrschte ringsum, nur unterbrochen

durch die Schritte der Schildwache; der silberne Mond stand am

Himmelsbogen.

»Der Herr Oberst verzeiht Ihnen diesmal, morgen werden Sie in Freiheit

gesetzt; aber ich empfehle Ihnen, sich gut zu führen, dann werden Sie in

drei Monaten die Korporaltressen bekommen.«

»Ich danke Ihnen, Herr Hauptmann und bitte Sie, dem Herrn Oberst

ebenfalls meinen Dank zu sagen; wenn ich nicht gereizt worden wäre,

würde ich einen solchen Schritt nicht gethan haben, aber --«

»Genug, genug, seien Sie in Zukunft ruhiger. -- Korporal, führen Sie den

Mann ins Gefängnis.«

Ich wurde wieder eingeschlossen, tausend Gedanken durchzogen mein Gehirn

und ungeduldig erwartete ich die Stunde meiner Befreiung.

Tags darauf wartete ich angstvoll, jedes Geräusch gab mir einen Stich

ins Herz; aber niemand kam, auch der Lieutenant Pietropaolo nicht. Es

wurde Abend, endlich höre ich den Schlüssel klirren, die Thür öffnet

sich und ein Sergeant, den ich nicht kenne, sagt:

»Auf, M..., schnell, es geht los; alles ist bereit.«

Ich folge ihm, auf dem Hof steht ein verschlossener Wagen, von drei

schwarzen Pferden gezogen, die ungeduldig scharren und wiehern; auf dem

Bock sitzt ein Soldat mit aufgepflanztem Bajonett, vier andere Soldaten,

zwei Korporale und zwei Sergeanten, alle mit aufgepflanztem Bajonett,

standen um den Wagen herum.

»Rasch, M..., steigen Sie ein und machen Sie sich's bequem,« sagte ein

Sergeant in befehlerischem Ton.

Beim Anblick einer solchen bewaffneten Macht ward ich bestürzt und wußte

nicht, was geschah; ein Sergeant ließ mich in den Wagen hinein und nahm

an meiner Seite Platz, die beiden anderen Plätze nahmen zwei Korporale

ein; ich sehe mich verständnislos um und frage mich, ob ich träume, ob

man eine Komödie mit mir aufführen will?... Der Wagen setzt sich in

Bewegung, hält an, fährt weiter, hält wieder an und rast dann im Galopp

davon; neben mir und vor mir sehe ich die unbeweglichen, kalten

Gesichter der Soldaten, deren Augen auf mich gerichtet sind und die

schweigend die Gewehre zwischen den Knieen halten. Draußen sehe ich eine

Abteilung Soldaten, die dem Wagen folgte.

Endlich ermanne ich mich, den Sergeanten zu fragen, wohin man mich

führt.

»Das werden Sie später sehen; wir sind jetzt am Ziel.«

»Aber der Herr Hauptmann hat mir doch gesagt, ich würde heute früh in

Freiheit gesetzt werden; wozu denn jetzt dieser Unsinn?«

»Der Herr Hauptmann hat Sie zum Besten gehabt,« antwortet lachend der

Sergeant.

»Zum Besten gehabt!« rufe ich aus.

»Ja, er hat Sie zum Besten gehabt.«

Ich fange an nachzudenken, wo ich dies Wort schon einmal gehört habe,

und ich erinnere mich, daß es der Karabiniere mir sagte, als ich in die

Strafanstalt zu Neapel abgeführt wurde.

»Dies ist das zweite Mal,« denke ich, »daß man mich zum Besten hat, zum

dritten Mal soll es bei Gott nicht geschehen!«

Bald darauf hielt der Wagen an, eine Stimme fragte:

»Wer ist da?«

»Ein Gefangener wird eingeliefert,« entgegnete eine andere Stimme.

Darauf entstand ein Fragen und Antworten, das ich nicht unterscheiden

konnte; der Wagen setzt sich langsam in Bewegung, hält an; der Schlag

wird geöffnet und ich werde mit unfreundlicher Stimme zum Aussteigen

aufgefordert.

Ich steige aus und werde unter Bedeckung ins Gefängnis geführt, ein

Sergeant trägt meinen Namen und mein Signalement in ein Register ein.

»Sie sind der thätlichen Insubordination angeklagt, begriffen?«

»Sehr wohl, aber gestern und heute Nacht habe ich es nicht begriffen!«

»Schweigen Sie, und schwatzen Sie nicht,« sagte der Sergeant wütend.

Die Soldaten von meinem Regiment zogen ab, ohne mich eines Blickes zu

würdigen.

Man führte mich in meine Zelle, ein großes Zimmer zu ebener Erde in der

Festung Abasso, hier war auch das Militärgericht. In diesem Zimmer

befanden sich etwa zwanzig Angeschuldigte von verschiedenen

Waffengattungen.

Als ich den rohen, unwissenden Soldaten entrückt und unter

Leidensgefährten war,[41] fühlte ich mich von einer schweren Last

befreit, ich überblickte meine kritische Position und zermarterte mir

das Gehirn, weshalb Signor Pietropaolo und der Hauptmann bei seinem

nächtlichen Besuch mir gesagt haben könnten, daß ich befreit werden

würde, während ich jetzt im Gegenteil geheimnisvoll ins Gefängnis

gebracht wurde. Wozu diese elende Komödie. Schuftige, lügnerische

Menschen, die dafür bezahlt werden, daß sie heucheln!... Wann wird man

ihnen ihre von Bosheit befleckte Maske vom Gesicht reißen können?

[41] Ein Beweis für das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das

Familiengefühl, das unter den Verbrechern existiert.

O meine Seele, was trauerst Du? Denke an die Vergangenheit, erinnere

Dich an die Seufzer und die Leiden, damit ich dereinst mit den Farben

der Wahrheit das Bild meines Unglücks entwerfen und die Unwissenheit der

engherzigen, selbstsüchtigen Despoten schildern kann. --

Erinnere Dich an die Thaten eines unseligen, verworfenen Tyrannen!

Verkünde, wenn Du es vermagst, die Handlungen des Autokraten, der,

väterliche Gefühle und kindliche Liebe mißachtend, auf dem

Scheiterhaufen des Vaterlandes die jugendliche Hoffnung Italiens als

Brandopfer darbrachte, der die Stützen darbender Familien vom häuslichen

Heerd hinwegriß, der Industrie die Kraft des Fortschritts raubte, um das

erhabene Andenken der Freiheit zu schänden, und dem Bajonett, dem

Galgen und der Galeere das Recht gab, den letzten Gedanken der

Unglücklichen zu Todesseufzern zu gestalten.

Du allein, o meine Seele, kannst in den Tagen des Unglücks die Klagen

deuten, welche in diesem Kreise ertönen, wo Leiden, Kummer, Qualen und

der Wille eines gesetzlich sanktionierten Vatermörders die jugendlichen

Hoffnungen aus dem Herzen des jungen Soldaten reißen, um die fern

weilenden Familien in Verzweiflung zu stürzen.

Nach drei Tagen suchte mich der Lieutenant Pietropaolo auf, er war

trostlos über mein Schicksal und sagte, daß der Oberst anfänglich die

Absicht gehabt habe, mir zu verzeihen, in Anbetracht meiner Vorstrafen

aber vorgezogen hätte, mich vor ein Kriegsgericht zu stellen; er flößte

mir Mut ein und sagte, daß er meine Verteidigung vor Gericht übernehmen

wolle.

Ich gab meine Aussage vor dem Untersuchungsrichter ab; am 13. Juli 1875

sollte die Verhandlung stattfinden.

Signor Pietropaolo kam wieder zu mir und teilte mir unter Thränen mit,

daß seine arme Mutter krank sei, daß er infolge dessen Urlaub genommen

habe und daß statt seiner der Advokat C..., der erste in Florenz, meine

Verteidigung führen werde.

Der 13. Juli erschien; vier Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett unter

Führung eines Sergeanten brachten mich zum Gerichtssaal; dort fand ich

den Advokaten C..., einen schönen Mann mit langem schwarzem Bart. Er

trat auf mich zu und sagte:

»Mut, M..., heute werden Sie frei sein; der Vorsitzende und die Richter

sind gute Freunde von mir, der Staatsanwalt ist ein Bekannter von mir

-- was brauchen Sie zu fürchten?«

»Ich, Herr Advokat, fürchte nichts, und wenn es auch sicher wäre, daß

mir schweres Unglück bevorsteht, ich bin gewöhnt zu leiden, lange habe

ich an den Brüsten des Unglücks gelegen; Mut glaube ich zu haben, meine

Seele zittert nicht in den Zeiten des Mißgeschicks.«

»Brav, M..., heute werden wir bei mir eine Flasche trinken.«

»Wenn wir nur nicht Fiasko machen!« antwortete ich.

Ich setze mich auf die Anklagebank, zum zweiten Mal in meinem Leben;

meine Personalien und Antecedentien werden verlesen; der Staatsanwalt

vergleicht mich mit den Räubern Kalabriens, der Verteidiger empfiehlt

mich mit Stentorstimme der Gnade der Richter.

Nach einer Stunde erscheint der Gerichtshof, der sich zur Beratung

zurückgezogen hat, wieder, und ich werde wegen Insubordination und

thätlichen Widerstandes gegen einen Vorgesetzten zu drei Jahren

Militärgefängnis und zu den Kosten des Verfahrens verurteilt.

Der Gerichtshof entfernt sich, ich werde ins Gefängnis zurückgeführt;

unterwegs treffe ich den Advokaten C...

»Nun, M..., wir müssen Berufung einlegen; das Urteil ist ungerecht, ich

werde es aufheben lassen, ich werde --«

»Sachte, Herr Advokat,« unterbreche ich ihn, »kennen Sie nicht die Fabel

von der Katze und der Maus?«

»Was Fabel, was Maus? Man hat Ihnen Unrecht gethan, wir müssen

appellieren.«

»Hören Sie mich einen Augenblick an, Herr Advokat, und dann appellieren

Sie, so viel Sie wollen.«

»Es war einmal ein Kater, der unter seinen nahen Verwandten eine arme

kleine Maus hatte; diese rief: Onkel, Onkel; aber der gerufene Kater

hörte die sanfte Stimme der kleinen Maus nicht. Als die andern Mäuse das

jämmerliche Rufen hörten, sagten sie: Ihr eigener Onkel läßt sie so

verzweifelt schreien; wenn, was Gott verhüte, wir mit den Grausamen

zusammen kämen, die wir fremd sind, würden wir sicher umgebracht

werden.«

»Sie, Herr C..., haben gesagt, daß der Vorsitzende und die Richter Ihre

besten Freunde, daß der Staatsanwalt ein alter Bekannter von Ihnen wäre,

daß also mit Rücksicht auf Sie, auf Ihre Freundschaft, die freundlichen

Beamten mich freisprechen würden -- nicht wahr?«

»Aber erlauben Sie, ich hatte nicht geglaubt --«

»Wenn Sie es nicht geglaubt haben, so doch ich, also --«

»Werden wir appellieren!«

»Weiser Mann, verschonen Sie mich mit dem Appellieren; warten Sie die

Moral meiner Fabel ab und dann appellieren Sie zweimal, wenn Sie

wollen.«

»Wenn die Richter mit Rücksicht auf Sie mir die gelinde Strafe von drei

Jahren auferlegten; wenn, was Gott verhüte, der brave Herr Lieutenant

Pietropaolo mich an irgend einen anderen Anwalt empfohlen hätte, der

keine freundschaftlichen Beziehungen mit den gnädigen Beamten

unterhalten, was für eine Strafe würde ich dann bekommen haben? Lassen

wir die Possen, Herr Advokat, mit dem Militärgericht ist nicht zu

spaßen, ich bin zu drei Jahren verurteilt und werde sie in Frieden

abmachen! Die Schlauheit der Advokaten ist groß, aber die Schlauheit der

Beamten ist größer.«

»Nein, bei allen Teufeln, wir müssen appellieren!«

»Noch einmal, appellieren Sie soviel und so oft Sie wollen -- ich

nicht!«

Nach einigen Tagen wurde ich in das Militärgefängniß zu Savona gebracht,

wo jeder Gefangene zehn Stunden täglich angestrengt arbeiten mußte. Es

war dort eine Druckerei, eine Weberei, eine Schneider-, Schuhmacher-,

Tischler-, Klempner- und Matratzenmacherwerkstatt, eine Falz- und

Gummiranstalt und mehrere andere kleinere Betriebe.

Ich kam zuerst in die Schneiderwerkstatt; hier blieb ich acht Monate,

nähte Hosen, Jacken, Hemden, Bettwäsche und Taschentücher und verdiente

täglich zwölf Centesimi.

Dann kam ich in die Falzerei, wo ich drei Monate blieb und täglich

fünfzehn Centesimi verdiente.

Von da kam ich in die Druckerei, einen großen langen Raum mit fünfzehn

großen und zwanzig kleinen Pressen, ich mußte das große Rad einer

Maschine drehen und bekam täglich zwanzig Centesimi; sechs Monate blieb

ich dabei und im Schweiß meines Angesichts, arbeitend wie ein Ochse am

Pflug, verdiente ich mein Brot und meinen Käse; nach diesen schweren

sechs Monaten kam ich an eine Presse, wo ich mit einem braven jungen

Toskaner zusammen arbeitete.

Meine schwache Feder sträubt sich, all' die Leiden und Qualen und

Kümmernisse aufzuzählen, die ich in diesen harten zweieinhalb Jahren

erduldet habe, ein Visconti Venosta, ein de Amicis, ein Francesco

Mastriani könnte hunderte von Bänden damit füllen.

Italien hatte das Unglück, seinen Herrscher Viktor Emanuel II.[42] zu

verlieren, und die armen Gefangenen erlebten die Freude, daß ihnen bei

der Thronbesteigung König Humbert I. sechs Monate =der Strafe= durch

eine allgemeine Amnestie nachgelassen wurden; am 19. Januar wurde durch

das Kriegsgericht meine Strafe um sechs Monate gekürzt.

[42] Kurz vorher hat er ihn einen »Autokraten«, einen »gesetzlich

sanktionirten Vatermörder« genannt.

Da somit meine Strafe am 19. Januar 1878 verbüßt war, verließ ich das

Militärgefängniß in Savona und wurde nach Nocera bei Salerno geschickt,

wo sich mein Regiment befand. In Neapel machte ich Halt, um mich zwei

Tage zu ruhen und nach zweieinhalb Jahren die lang entbehrte Freiheit zu

genießen. Ich erreichte mein Regiment; an der Kasernenthür fragte mich

der wachthabende Lieutenant:

»Kommen Sie vom Urlaub?«

»Nein«, antwortete ich, »ich komme aus dem Gefängnis zu Savona.«

»Kommen Sie herein und gehen Sie zu Ihrer Kompagnie -- die wievielte ist

es?«

»Die achte.«

»Korporal, führen Sie diesen Soldaten zur achten Kompagnie!«

Ein Schurke. -- Unschuldig verurteilt.

Als der Feldwebel V... von meiner Kompagnie mich in meiner schlechten

Kleidung und in dem durch die langen Leiden verursachten

heruntergekommenen Zustand sah, betrachtete er mich einige Minuten lang

und sagte dann, sich erhebend:

»Wie, M..., so sind Sie heruntergekommen?«

»Das Brot der Unglücklichen schmeckt bitter.«

»Wissen Sie, M...«, sagte er in mißachtendem Tone, »daß Sie sich zwei

Tage versäumt haben; alle Soldaten und Offiziere wissen das, denn wir

erwarteten mit Ungeduld Ihre Rückkehr. Der Kommandant ist von der

Verspätung unterrichtet, ich kann nichts thun, um Ihnen eine Bestrafung

zu ersparen.«

»Ich danke Ihnen, Herr Feldwebel, wenn der Herr Kommandeur meint, daß

ich gefehlt habe, so wird er mich bestrafen und ich werde meine Strafe

geduldig tragen.«

Tags darauf wurde ich vom Hauptmann dem Obersten vorgeführt.

»Endlich!« rief dieser, als er mich sah, »endlich! Sie kommen etwas

spät, zwei Tage zu spät!«

»Herr Oberst«, erwiderte ich mit unterwürfiger Stimme, »ich habe in

Neapel Rast gemacht, ich war zu müde, um die Reise fortsetzen zu

können.«

»So reden sich faule Zahler aus«, sagte der Schuft von Hauptmann.

»Nun«, sagte der gütige Oberst in väterlichem Tone, ohne auf die

höhnische Bemerkung des Hauptmanns einzugehen, »ich verzeihe Ihnen, aber

ich empfehle Ihnen, sich von heute ab gut zu führen; ich weiß es nur zu

gut, das Soldatenleben ist voll Leiden; aber wenn Sie brav sind, sollen

Sie in drei Monaten die Korporaltressen haben -- versprechen Sie es

mir.«

»Herr Oberst, ich bin nicht gewöhnt, leicht zu versprechen, aber Ihnen

verspreche ich, brav zu sein und meine Pflicht zu thun unter der

Bedingung aber, daß ich nicht von meinen Vorgesetzten gereizt und daß

ich nicht als Sklave, Dummkopf und Schweinehund behandelt werde, wie es

die Korporale zu thun lieben.«

»Sehen Sie, Herr Hauptmann«, wandte sich der Oberst an meinen

Vorgesetzten; »das heißt nicht kommandieren; die ganze Schuld liegt an

den Unteroffizieren, das weiß ich; Sie müssen sie im Auge haben,

überwachen und ermahnen. Über diesen Soldat wünsche ich täglich

unterrichtet zu werden.«

Dann wendete er sich an mich.

»Haben Sie verstanden? Sie werden hier alle mögliche Rücksicht finden,

aber für Ihre Verspätung müssen Sie eine leichte Strafe bekommen

-- einstweilen haben Sie bis auf weiteres Kasernenarrest.«

Der Hauptmann teilte seinen Untergebenen den Wunsch des Obersten mit,

ich wollte mich gerade niedersetzen, um meiner Familie meinen neuen

Aufenthaltsort zu schreiben, als ich in die Wachtstube gerufen wurde.

Ich stelle mich dem dienstthuenden Lieutenant vor, der mir sagt:

»Der Herr Oberst hat befohlen, daß Sie in Arrest müssen.«

»Aber, Herr Lieutenant, ich habe nichts gethan, der Herr Oberst hat mir

die Verspätung verziehen.«

Er zeigt mir eine schriftliche Ordre mit der eigenhändigen Unterschrift

des Obersten, ich lese sie und sage:

»Es ist richtig, jeder Fehler verdient seine Strafe.«

Der diensthabende Sergeant führte mich in strengen Arrest ab; das

Arrestlokal lag neben dem für einfachen Arrest bestimmten Raum.

Hier fand ich einen Korporal aus meiner Kompagnie, mit Namen Alfonso

S... Wir sahen uns an und verstanden uns, und unsere Augen schworen sich

tötlichen Haß.

»Wie heißen Sie?« fragte der Korporal mich, während ich in dem Zimmer

auf und ab ging. »Woher kommen Sie, weswegen haben Sie Arrest?«

»Was wollen Sie?« antwortete ich gereizt, »sind Sie

Untersuchungsrichter?«

Der Korporal S... setzte sich nachlässig auf seine Pritsche.

Es kam die Stunde, wo unser Brot gebracht wurde, S... erhielt auch Käse

und Cigarren; er lud mich ein, mit ihm zu essen; ich lehnte wiederholt

ab -- schließlich, um nicht unhöflich zu erscheinen, nahm ich

widerwillig an; aber mein Herz ekelte sich vor dem gemeinen Zwitter.

Zehn Tage bei Wasser und Brot verbrachte ich mit diesem schweinischen

Ungeheuer, zehn Nächte voll schändlichsten Schmutzes, den zu beschreiben

die Feder sich sträubt, der meinen Namen als Sohn Adams mit Kot bedeckt,

daß ich mein Antlitz mit schwarzer Larve verhüllen mochte. O Mensch, Du

Ebenbild Gottes, Herrscher der Natur, Traum des Idealen, Gottheit des

Schönen, warum bist Du so verderbt?

Diese zehn Tage und diese zehn höllischen Nächte kann nur das rohe und

schmutzige Gemüt des ausschweifendsten geilsten Lüstlings unter allen

höllischen Wesen sich vorstellen; nein, auch dieses nicht, und wenn es

das vermöchte, so würde es erschaudern ob solcher Unflätigkeit.

.....

Der Korporal S... wurde in Freiheit gesetzt, seine Strafe war

abgelaufen, ich mußte noch fünf Tage im Arrest bleiben.

Endlich war auch meine Strafe verbüßt, ich wurde befreit und der achten

Kompagnie wieder zugeführt; dort setzte ich die bisherige geile

Freundschaft, die schändliche Buhlerei mit dem S... fort.

Der Lieutnant Pietropaolo war zu uns abkommandiert, er suchte mich auf

und machte mir lebhafte Vorstellungen.

Einst als ich mich ihm gegenüber über das Soldatenleben beklagte, sagte

er:

»+Töte Dich!!+«

Ich setzte die heimliche Buhlerei mit dem Korporal S... fort. Abends

gingen wir zusammen spazieren, und da ich in Nocera unbekannt war, so

führte S... mich; später gingen wir in eine abgelegene Schänke, tranken

einen oder zwei Liter herben Wein, wobei S... immer bezahlte;[43]

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[43] Die Verlagshandlung der deutschen Ausgabe sah sich hier genötigt,

eine auf den päderastischen Umgang bezügliche Stelle zu streichen.

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................... Wir traten in die Grotte mit dem dicht belaubten

Gesträuch, und dort, im Dunkeln, unter dem gestirnten Himmelszelt, im

Schweigen der Natur, sündigten, sündigten wir entsetzlich![44]

[44] Vielleicht ist eine Gegenüberstellung dieses ungebildeten M...

mit einem der begabtesten Dichter und Schriftsteller der Decadence,

Paul Verlaine, der wegen Verletzung eines seiner sodomitischen Freunde

verurteilt ist, nicht unangebracht. Auch M... wird poetisch, wie

Verlaine, wenn er von seiner Verworfenheit erzählt.

Daß sie auf das freie Land gehen, um ihren Lastern zu fröhnen, ist

auch ein charakteristischer Zug dieser Menschen. Sighele schreibt:

Fast mehr noch als die Tribaden lieben es die Päderasten, ihre Laster

mit der seltsamen und starken Wollust des Schmerzes zu vereinen. Sie

empfinden es als ein Bedürfnis, ihrem widernatürlichen Instinkt die

Empfindung der Gefahr hinzuzufügen, und wenn sie nicht soweit gehen,

daß sie für ihr Leben fürchten möchten, so suchen sie wenigstens für

ihre Ehre etwas zu riskieren.

Eines Tages teilte der schändliche Zwitter mir mit, daß er den Feldwebel

unserer Kompagnie tötlich haßte, weil dieser, der einst sein glühender

Liebhaber gewesen, ihn verlassen habe und ihn täglich tadelte und

Strafen aussetzte[45] und weil er, als er befördert werden sollte, durch

eine falsche Strafanzeige jenes Feldwebels zu vierzehn Tage strengen

Arrestes verurteilt worden war; infolgedessen war seine Beförderung

ausgeschlossen und sein fester Entschluß war, sich zu rächen.

[45] Ein weiterer Beweis für die Mischung von Liebe und Haß. Die

natürliche Liebe stillt im Besitz der Stürme die Leidenschaften und

gewinnt im Affekt ihr Gleichgewicht. Die widernatürliche Liebe kann

naturgemäß keinen normalen Abschluß und kein Gleichgewicht haben.

»Nachdem er mir meine Ehre genommen hatte,« sagte er, »nachdem er mich

acht Monate lang betrogen hatte, verließ er mich, er konnte mich nicht

mehr sehen! Der Undankbare! Einst sagte er, daß er mich liebte, er

nannte mich seine süße Alfonsine; ..........

.............................

.............................

.........[46] Er ist es gewesen, der mich durch Vorspiegelungen und

Versprechungen verführt hat, ach! und wie habe ich ausgehalten; mir war

als ob ich mit einem eisernen Pfahl gespalten wurde und mehrere Monate

habe ich an Blutungen gelitten; der Schändliche! als er genug hatte, hat

er mich verlassen!«

[46] Man erkennt die weibische Natur der passiven Päderasten an ihrer

Sprechweise.

»Was willst Du, mein lieber S...«, sagte ich, »Du bist schön und

verführerisch wie ein Weib; der Feldwebel V... hat es verstanden;

nachher ist er Deiner überdrüssig geworden und hat Dich sitzen lassen.«

»Ich will mich rächen. Ich beabsichtige ihm einen anonymen Brief von

Beleidigungen und Drohungen zu schreiben.«

»Nein, mein reizender S..., das geht nicht; der Feldwebel V... würde

über Deine Thorheit lachen, und wenn es entdeckt wird, würdest Du

streng bestraft werden. Ich empfehle Dir einen einfacheren und

natürlicheren Weg, um zu Deinem Ziel zu kommen.«

»Und der wäre?«

»Ich meine, lieber S..., es wäre das Beste, wenn Du den Feldwebel

irgendwo einmal Abends auflauertest, und ihm ein paar ordentliche

Säbelhiebe über den Kopf und die Schultern giebst; wenn Du da entdeckt

würdest, was ich übrigens für sehr schwer halte, so hättest Du

wenigstens die Genugthuung, daß Du ihm den Schädel oder die Knochen

eingeschlagen hättest, und hättest Ersatz für Deinen ruinierten

Körperteil.«

»O nein, das kann ich nicht, dazu habe ich weder Mut noch Kraft.«

»Und Du willst Soldat sein!«

»Warum willst Du mich nicht rächen? Du weißt, wie sehr ich Dich liebe;

und ich meine, es ist die Pflicht des zweiten Liebhabers, die

Beleidigungen des ersten zu rächen.«[47]

[47] Auch die Feigheit ist, wie Sighele zeigt, ein Charakteristikum

der passiven Päderasten und Tribaden. -- Sie bedienen sich der neuen

Eroberung fast stets, um sich für den Verrat der vorhergehenden zu

rächen.

»Ich sage es Dir rund heraus, mir fehlt der Mut dazu.«

»Weißt Du, S..., Du paßtest besser ins Bordell als in die Kaserne; man

sollte Dir einen Unterrock anziehen, aber nicht eine Uniform; was meinst

Du dazu?«

»Du willst immer scherzen, M...; da ich mich Dir hingab, weil ich Dich

liebe, meinst Du, ich könnte mich auch einem andern hingeben?«

»Und wenn Dir ein anderer besser gefällt, als ich, würdest Du ihn da

nicht an meine Stelle rücken lassen?«

»Sicher!«

»Du bist wie die Königin Karoline von Neapel, die nie müde wurde, ihre

Liebhaber zu wechseln.«

»Ich weiß von keiner Königin und von keiner Karoline; ich weiß nur, daß

ich dem Feldwebel einen Brief schreiben, und ihn beleidigen und bedrohen

will.«

»Unsinn mit Deinem Brief, Du wirst thun was ich sage und nicht was Du

denkst.«

»Es ist mir unmöglich, ich habe nicht einmal den Mut gehabt, ihn mir

abzuschütteln, als er damals bei mir war, -- im Gegenteil!«

Er setzte mir so lange mit dem anonymen Brief zu, daß ich seinem Drängen

nicht widerstehen konnte; eines Abends sagte ich zu ihm:

»Gieb mir Papier und Bleistift, ich werde Dir den Brief vorschreiben,

nachher kannst Du ihn abschreiben.« Er gab mir sein Notizbuch und ich

schrieb:

»Denke an den 23ten!!!«

Am 23ten war S... in Folge der falschen Anzeige des V... mit strengem

Arrest bestraft worden.

Er nahm das Blatt Papier, las die von meiner Hand geschriebenen Zeilen

und sagte:

»Ist das wenig! Ich will es ihm ordentlich besorgen!«

»Nun, acht Monate lang hat er es ja ordentlich verdient!«

»M..., ich lasse mich nicht beleidigen!«

»Na, nachher werde ich es wieder gut machen.«[48]

[48] Aus der cynischen Ausdrucksweise des M... geht hervor, wie wenig

echt sein Abscheu gegen seinen Gefährten war.

»Sprich nicht so, wir wollen die Sache mit Verstand machen ...«

»Ganz recht, wir wollen es mit Verstand machen, wie der Feldwebel.«

»Ich mag Dich nicht mehr leiden, ich hasse Dich. Nein, ich liebe Dich,

ich liebe Dich..., rasch M..., einen Kuß!«

»Und zitternd küßte er mich auf die Lippen ...«

»Und zitternd küßte er mich auf die Lippen ...«

»Weißt Du, mein liebes Milchgesicht,« und mit der Hand streichelte ich

ihm das Kinn und die purpurnen Lippen, »die eine Zeile sagt soviel wie

zwei ganze Seiten.«

Wir gingen zu unserer laubbewachsenen Grotte und besiegelten den Brief

an den Feldwebel V... auf unsere Weise.

Nach einigen Tagen wurde ich von einem traurigen Leiden ergriffen, ich

stellte mich dem Stabsarzt vor, der mich auf die Krankenstation brachte,

die sich in derselben Kaserne befand. Nach fünf Tagen fühlte ich heftige

Schmerzen und das Übel griff weiter um sich.

Am Morgen des sechsten Tages kam ein Sergeant mit zwei bewaffneten

Soldaten zu mir, auf Befehl des Obersten wurde ich ins Gefängnis

gebracht, in denselben Raum, wo der schändliche S... mich zur Sünde

verleitete.

Wer diese einfachen und ungeschminkten Zeilen liest, der möge meinen

Zustand ermessen: ich raste, ich fluchte, ich raufte mir die Haare, biß

mir in die Hände, rannte mit dem Kopf gegen die Wände; wenn mich jemand

gesehen hätte, er hätte mich für verrückt gehalten -- so verbrachte ich

den Tag und sah niemand als den Sergeant, der mir meine Suppe und Wasser

brachte.

Noch trauriger war die Nacht, die ich auf der alten Pritsche zubrachte;

meine Schmerzen nahmen zu, und mir war, als ob der kranke Körperteil von

tausend Nadeln durchbohrt würde.

In meiner Kompagnie war ein Landsmann von mir, Namens Antonio P...,

genannt Catanzaro, der noch am Leben ist und die Wahrheit meiner

Erzählung bezeugen kann: ich versuchte jedes Mittel, um ihn zu sprechen

und zu erfahren, weshalb man mich ins Gefängnis gebracht hatte, aber es

war vergebens.

So vergingen drei Tage und drei Nächte in grausamen Qualen, endlich am

vierten Tage öffnet sich die Thür, S... tritt lächelnd und heiter ein,

die Thür schließt sich und S... bleibt als Gefangener bei mir. Ich

fragte ihn:

»Kannst Du mir sagen, warum ich hier bin?«

»Der Soldat Gir... hat Dich verraten, er hat dem Oberst unser Verhältnis

mitgeteilt und wir kommen zur Strafkompagnie; aber Gir... ist nicht

hier, er hat einfachen Arrest; aber wenn wir auch zur Strafkompagnie

kommen, das thut nichts.«

Wer mich liest, möge ermessen, von welchen Gedanken blutiger Rache gegen

den Gir... ich erfüllt war.[49] Bald darauf wird S... abgerufen, ich bin

wieder allein, in der finsteren Ungewißheit über meine Lage. Ich lasse

mir den Arzt kommen, er untersucht mich kaum und verspottet mich; mit

Wut im Herzen lege ich mich auf meine Pritsche.

[49] Die blutige Rache erscheint bei M... als die natürlichste Sache

in der Welt.

Am Abend läßt man mich heraus, um Luft zu schöpfen; ich komme mit den

andern Soldaten zusammen, die im einfachen Arrest sind; ich suche mit

dem Blick, um Gir... zu finden, mit blutrünstigen Augen sah ich ihn an,

wie ein hungriger Löwe seine Beute, ehe er sie im Rachen hat.

Es regnete, wir Gefangenen standen alle unter einem Schutzdach, nahe dem

Gefängnis, ich spähe in das Wachtzimmer hinein und sehe meinen Landsmann

Antonio P..., genannt Catanzaro, ich winke ihn zu mir herein, und

flüstere ihm zu:

»Kannst Du mir ein scharfes Messer geben?«

Er steckte die Hand in die Tasche, holt ein altes Messer heraus und

sagt:

»Da, mach' es nicht stumpf!«

Mit diesem alten Messer, ohne Schärfe und Spitze gehe ich in meine Zelle

zurück, um es zu prüfen, ich finde es für meine Zwecke unbrauchbar, aber

ich denke: du wirst es versuchen, und wenn es glückt, bist du gerächt

und die verwünschte Dienstzeit hat ein für alle Mal ein Ende.

Ich begab mich zu den anderen Soldaten und suchte den Gir..., ich

näherte mich ihm, er suchte mir zu entfliehen und behielt mich im Auge;

mehr und mehr überzeugte ich mich, daß er die Ursache meiner Leiden sei,

mit einem Sprunge war ich bei ihm, faßte ihn an der Brust und rief:

»Elender, so rächt sich Deine Schändlichkeit!«

Mit dem alten losen Messer schnitt ich ihm schnell mehrere Male durchs

Gesicht und stieß es ihm in die Kehle, dann klappt das Messer zu und

schneidet mir zwei Finger entzwei; ich muß meine Beute loslassen, aber

verfolge sie wütend in den Hof, jedoch vergebens: die Schildwache ruft

»Heraus!«, die wachthabenden Soldaten eilen herbei, das Gewehr in der

Hand, der Lieutenant mit gezogenem Säbel ruft:

»Halt, M..., halt, oder ich lasse schießen!«

Wütend wie eine Hyäne, der man ihr Opfer entrissen, entblöße ich meine

Brust, wende mich um und brülle, während der Schaum mir vorm Munde

steht:

»Hier ist meine Brust, lassen Sie schießen, aber rasch, ich sterbe gern,

wenn ich unter der Knechtschaft der Tyrannen leben muß.«[50]

[50] Das ist Wahnsinn; man beachte auch, daß die Tyrannei in diesem

Fall darin besteht, ihn an der Ausübung der Päderastie zu behindern.

Es ist sehr wohl möglich, daß M... diese Worte wirklich gesprochen

hat; die Thatsache ist bekannt genug, daß der mörderische Impuls sich

in einen selbstmörderischen verwandelt, besonders bei den

Epileptikern.

Nunmehr versucht der Lieutenant es im Guten:

»M..., kommen Sie zu sich, gehen Sie in Ihre Zelle, niemand soll Ihnen

ein Haar krümmen, ich schwöre es bei meinen Tressen.«

Durch diese Worte beruhigt ging ich zurück, die Thür meiner Zelle schloß

sich hinter mir und ich blieb allein mit meinen trüben Gedanken. Mein

erster Gedanke war, das alte Messer aus dem Wege zu bringen, um den, der

es mir gegeben hatte, nicht bloszustellen; ich sehe mich um und suche,

aber finde keinen geeigneten Ort; es aus dem Fenster werfen, hieße es

den Vorgesetzten direkt in die Hände liefern, denn das Fenster ging auf

den Hof hinaus; aber ist es ein geheimnisvolles Gesetz des Zufalls,

Gottes oder des höllischen Teufels: die Heißblütigen und Kopflosen

werden gewöhnlich vom Zufall in ihren Gefahren, ihrem Mißgeschick

begünstigt. So gelang es mir, das Messer zwischen die Bretter meiner

Thür, die eine Art Doppelthür war, zu bringen und so das _corpus

delicti_ zu entfernen.

Nachts erschienen mehrere Offiziere und Chargierte, ich wurde an Händen

und Füßen gefesselt und mit Schmähreden überhäuft, von denen mir nur

eine zu Gemüt ging. Ein Lieutenant schlug mich mit der Scheide auf den

Arm und sagte:

»Wenn ich dabei gewesen wäre, hätte ich Dich durchbohrt.«

»Bisher haben Sie mich mit Ihrem langen Säbel noch nicht durchbohrt und

werden auch schwerlich dazu kommen«, erwiderte ich rasch.

»Mörder, Lump!« rief er zornig und gab mir eine Ohrfeige.

»Pfui, Elender«, zischte ich, »Elender, einen gefesselten Menschen zu

ohrfeigen!« Und ich fuhr in die Höhe, um ihn zu beißen.

Die ganze Nacht saß ich gefesselt auf meiner Pritsche, meine Schmerzen

waren furchtbar, unerhört; aber sie drückten mich nicht nieder -- ich

dachte an die Ohrfeige und nahm mir fest vor, wenn der Lieutenant mir

wieder zu nahe kommen sollte, ihm die Nase abzubeißen.

Am Abend des folgenden Tages wurde ich nach dem Hof gebracht, das ganze

Regiment war aufgestellt, ein Dienstwagen mit einem kräftigen Maultier

bespannt, stand bereit; ich stieg ein, sechs Soldaten, vier Sergeanten

und ein Offizier reihen sich darum. Der Wagen setzt sich in Bewegung, er

hält an; die vier Sergeanten nehmen neben mir Platz; der Wagen setzt

sich von neuem in Bewegung und führt einen Halbkreis im Hof; ich wende

mich den schweigenden Truppen zu und grüße kalt und lächelnd mit der

Hand und ein Ausruf erscholl aus allen Kehlen, ein Ausruf der

Bewunderung.[51]

[51] Klassische Verbrechereitelkeit.

Der Wagen verließ die Kaserne in Begleitung der bewaffneten Soldaten.

Nach zwei Stunden kamen wir in Cava dei Tirreni an, wo das

Militärlazarett war; hier wurde ich in die Kleiderkammer geführt, ein

Sergeant trug mich in ein Register ein und befahl mir, mich auszuziehen.

Während ich das that, näherte sich einer der Sergeanten, die mich

eskortiert hatten, und flüsterte seinen Kameraden einige Worte ins Ohr.

»Herr Sergeant«, sagte ich, »es ist überflüssig, daß mein Sergeant mich

Ihnen empfiehlt. Ich bin ein schlechter Soldat, ich komme vors

Kriegsgericht, und wenn es mir glücken sollte, auszureißen, so würde ich

nicht erst Lebewohl sagen, deshalb behalten Sie mich im Auge.«

Alle lachten und ich lachte mit.

Ich kleidete mich aus, legte ein Hemd von rauher Leinwand, ein Paar

wollene Hosen an, die mit Flicken aller Art, in allen Farben, bedeckt

waren, außerdem waren sie zu weit und vier Handbreit zu lang, aber ich

krempelte sie um und so leisteten sie dieselben Dienste, dazu zog ich

ein Paar Pantoffeln an, die Simson gepaßt hätten, sowie ein Rock, der

mir bis auf die Fersen hing und mit Blut und Eiter befleckt war, so daß

mir übel wurde; auf den Kopf stülpe ich mir eine Mütze, die bis über

die Ohren geht; so im Paradeanzug stelle ich mich den beiden Sergeanten

vor:

»Nun, was meinen Sie, könnte ich nicht auf der Bühne auftreten? Das wäre

zu nett! Wenn Sie erlauben, würde ich als wandernder Mime gleich

losziehen.«

Und ich trällerte ein Liedchen; beide lachten aus vollem Halse.

Ein Sanitätskorporal führte mich in meine neue Wohnung. Es war eine

Zelle, die etwas länger war als mein Bett, ein kleines Fenster mit

Gitter und einem Drahtnetz gesichert, ging auf das Feld hinaus, ein

anderes großes breites vergittertes Fenster auf einen Korridor, eine

hölzerne Bank, ein zinnerner Napf, ein ebensolcher Becher und ein

Holzsessel machten das bescheidene Mobiliar aus.

Am folgenden Morgen höre ich einen neapolitanischen Gruß sagen, die Thür

meiner Zelle öffnet sich und herein tritt ein Stabsarzt mit einem

Sergeanten, man reißt mir die Bettdecke weg, der Arzt befühlt und

besieht mich und sagt dann:

»Hier müssen wir schneiden, ein Stück abschneiden!«

»Alle Wetter, Herr Doktor, was sagen Sie?« rief ich aus, »schneiden Sie

mir lieber den Kopf ab.«

»Haben Sie den Dreck so lieb?«

»Er ist mein Abgott, und das Entzücken meiner armen Nerven.«

Lachend und trällernd ging er ab, die Thür wird geschlossen und ich

bleibe allein. Der Stabsarzt war ein Dreißiger, heiter und sorglos, er

scherzte gern mit mir und oft sagte er:

»Sie haben eine gute Natur, ein fröhliches und starkes Gemüt; wenn ich

in Ihrer Haut steckte, würde ich keine vierundzwanzig Stunden leben.«

Zur Essenszeit kam der Sergeant mit einem Lazarettgehilfen und brachte

mir etwas Salbe auf Papier, etwas gelbes Wasser in einem Becher, meine

Suppe und mein Brot.

»Damit reiben und waschen Sie die Wunde; wenn etwas passiert, rufen Sie

nur aus dem Fenster.«

Ich blieb allein, und obgleich ich mich kaum bewegen konnte, mußte ich

mich selbst besorgen. Ich kletterte aus dem Bett und kroch auf der Erde

zu dem Kübel hin, um mich selbst zu bedienen, mich selbst zu kurieren!

Wenn mir dann oft die Kräfte zu erlahmen schienen, dann sagte ich mir

oft:

Mut, M..., Mut! Auch dieses Drama wird sein Ende haben; und ich lachte,

ich lachte wie ein Wahnsinniger.

Um nicht zu weitschweifig zu werden und so viel unnützes Zeug zu

erzählen, komme ich zum Nötigsten.

Eines Tages, um Mittag, da ich mich gerade niedergelegt hatte und im

Begriff war, einzuschlafen, höre ich, wie an mein Fenster geklopft wird,

ich öffne die Augen und sehe einen Stock, der an das Gitter klopft, ich

erhebe mich von meiner Pritsche und klettere, mir die Schmerzen

verbeißend, auf die Bank, die unter dem Fenster steht, und was erblicke

ich? Ein reizendes junges Mädchen, siebenzehn Jahre alt, schön wie eine

Madonna, mit schwarzen schmachtenden Augen, das goldene Haar in Zöpfen

gebunden und auf dem Kopf durch ein rotes Tuch bedeckt, die Stirn

marmorweiß und keusch.

»Was wünschen Sie, mein liebes Fräulein?« fragte ich.

Und sie sagte:

»Sie sind hier allein, Sie Armer! Wissen Sie, ich habe Mitleid mit den

Soldaten; ich habe einen Bruder bei der Kapelle des 90. Regiments. Wenn

Sie wüßten, wie ich Sie beklage ... haben Sie eine Mutter, einen

Vater?... woher sind Sie?«

»Ich bin verwaist, meine Eltern sind lange tot ... ich bin aus Kalabrien

und sehr unglücklich.«

»O Sie Armer!« beklagte mich das reizende Geschöpf. »Verwaist! Fern von

der Heimat im Gefängnis eingeschlossen, ohne Hülfe, von allen verlassen«

-- sie weinte heiße Thränen -- »aber wissen Sie, verlieren Sie das

Vertrauen nicht, der liebe Gott lebt für uns Unglücklichen und er

verläßt uns nicht, wenn wir auf ihn und seine Vorsehung vertrauen. Sagen

Sie, Bruder, und erlauben Sie, daß ich Sie von jetzt ab mit diesem süßen

Namen nenne; was haben Sie begangen und wie lange müssen Sie hier

bleiben?«

»Ich weiß nicht, weswegen ich hier bin, aber ich glaube, ich werde hier

zwei Monate lang bleiben müssen.«

»Es schmerzt mich, Sie so leiden zu wissen, aber ich werde Sie zu

trösten versuchen, und Ihnen Gesellschaft leisten, ich werde meinen Papa

und meine Mama mitbringen; ich werde Gott für Sie bitten so lange, bis

ich das Glück habe, Sie frei zu sehen. Und wenn Ihnen jetzt etwas fehlt,

so öffnen Sie Ihr zerrissenes Herz Ihrer armen Schwester.«

»Ich möchte ein Licht und Streichhölzer haben, weil man mich Abends im

Dunkeln läßt, sowie etwas Papier, eine Feder und Halter, um meiner

Familie zu schreiben und sie um etwas Geld zu bitten.«

»Nachher werde ich alles bringen, seien Sie nicht mehr traurig.«

Am Mittag kam sie mit ihrem Vater, ihrer Mutter und einem kleinen

Bruder, und brachte mir etwas Fleisch, Käse, Pasteten, Wein, zwei

Cigarren und ich weiß nicht was sonst noch.

Ich öffnete das Drahtnetz und reichte meinen Napf heraus, so wurde nach

und nach der ganze Vorrat hereingeschafft. Teresina bat mich dann, sie

als meine liebe Schwester anzureden; ich that, wie sie mir sagte; sie

sprach so freundlich und teilnahmsvoll zu mir und ermahnte mich,

geduldig und mutig im Unglück zu sein. Dann gingen sie alle wieder fort,

schmerzerfüllt über mein Mißgeschick.

Ich schrieb mehrere Male an den =Ehrenmann=, meinen Bruder, und bat ihn,

mir für meine dringendsten Bedürfnisse etwas Geld zu schicken, aber auf

alle meine Briefe, die ich durch Teresina zur Post besorgen ließ,

empfing ich keine Antwort.

Traurig und träge schlichen meine Tage dahin, meine Schmerzen nahmen zu,

immer war ich allein, immer eingeschlossen, nie konnte ich ein einziges

Mal nur frische gesunde Luft atmen; der ekelhafte Geruch der Salbe und

meiner Exkremente verursachte mir Schmerzen in Kopf und Brust.

Wiederholt bat ich den Arzt, den Lazarettinspektor, daß sie mir eine

Stunde Bewegung auf dem Hof gestatten möchten -- sie antworteten:

»+Wir können es nicht!+«

Mein einziger Trost war das unaussprechliche Glück, täglich mehrere Male

Teresina zu sehen, die mir zu essen, trinken und rauchen brachte, alles

was ich wünschte. Eines Tages schrieb sie mir folgenden Brief, den ich

noch aufbewahre als Pfand meiner Ergebenheit und Dankbarkeit; durch

ihren Bruder hatte sie ihn mir geschickt:

»Mein lieber Bruder!

Gestern konnte ich nicht kommen, Sie zu besuchen, ich war mit

Hausarbeiten beschäftigt, deshalb schreibe ich, damit Sie mir sagen

sollen, wenn Sie etwas brauchen; das Essen und das andere schicke

ich durch meinen Bruder.

Schon lange wollte ich Ihnen etwas sagen, aber ich hatte keinen Mut

dazu, das persönlich zu thun, deshalb schreibe ich es jetzt und

bitte, es mir nicht übel deuten zu wollen.

Sie wissen, daß die Zuneigung, die ich zu Ihnen habe und immer

haben werde, daher rührt, daß ich ein lebhaftes Mitgefühl habe für

alle, welche leiden, und besonders für Sie, der Sie leidend und von

allen verlassen sind; der bloße Gedanke daran erpreßt mir Thränen

und zerreißt mir das Herz. Ich weiß aus den Reden meines Vaters,

daß mein Mitleid mit den armen Soldaten mir zuweilen anders

ausgelegt wird, aber ich bin nun einmal so: ich liebe die

Unglücklichen und die Leidenden, aber mit heiliger, reiner,

schwesterlicher Liebe, und deshalb müssen Sie mich ebenfalls als

Schwester lieben, denn wenn Sie irgend welche andere bösen

Absichten hätten, dann müßte ich aufhören, Ihnen gut zu sein.

Seien Sie nicht traurig, daß Ihr Bruder nicht auf Ihre Briefe

antwortet, vielleicht hat er sie nicht erhalten oder irgend ein

Umstand hindert ihn am Schreiben, und was fehlt Ihnen denn auch?

Bin ich nicht hier? Ich werde Ihnen mit allem zur Seite stehen, so

lange Sie hier sind, wenn Sie dann frei sind, dann suchen Sie mich

auf und ich werde glücklich sein, Sie zu sehen.

Ich bete täglich zu Gott, daß er Ihre Schmerzen lindern möge, und

mein armes Herz sagt mir, daß Sie bald in Freiheit sein werden. Und

beten auch Sie in Ihrer Zelle zu ihm, inmitten Ihrer Schmerzen und

Kümmernis, denn das Gebet der Unglücklichen dringt bald zu unserm

Heiland; beten Sie auch für mich.

Fassen Sie Mut, verzagen Sie nicht, alles ist vergänglich, alles

ist ein schrecklicher und abscheulicher Traum.

Nehmen Sie meinen schwesterlichen Gruß und denken Sie oft an Ihre

arme Schwester

Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M... · 第 14 / 24 题