Und vom »Du« ging es zum »Sie« über und wieder zum »Du.«

Er giebt ihm einen derben Stoß, nimmt ihn am Arm und führt ihn nach dem

inneren Gitter, wo gewöhnlich die Rechnungen geschrieben wurden; alle

einundzwanzig standen dort zusammen.

Ein Calabreser überreicht der Wärterin die Nota und sagt:

»Unser Freund Pescari, der berühmte Picciotto aus Foggia, will uns heute

ein Festessen geben, hier ist der Speisezettel, nicht wahr, Pescari?«

»Ja, Herr!«

Ein anderer Calabreser antwortete statt des Gefragten.

Die Wärterin überträgt den Zettel in ein großes Register, giebt ihn

zurück und geht fort.

Sofort verbrannte ich den mit meiner Hand geschriebenen Zettel.

Alle reihten sich um Pescari und bestürmten ihn mit camorristischen

Fragen und Redensarten.

»M..., M..., heute giebt's ein Fest; alle Teufel! Der volle Korb, die

gute Waare, Wein aus Barletta! M..., M..., hier ist Ihr Fenchel und Ihr

halber Liter!«

Es war der Wirt, der aus vollem Halse brüllte, daß es in der Wölbung

widerhallte.

Ich eile an das Gitter und nehme den halben Liter Wein, meinen Becher

und den Fenchel entgegen. Dieser halbe Liter und der Fenchel wurden mir

täglich von dem Wirt verehrt.

Jeder meiner Leser wird wissen wollen, warum der Wirt mir den halben

Liter und den Fenchel verehrte, nicht wahr?

Eure Neugier soll befriedigt werden.

Als ich zuerst in das Gefängnis gebracht wurde, hatte ich einen Streit

mit dem Wirt gehabt wegen zwei Soldi Tabak, der nicht richtig im Gewicht

war; ein Wort gab das andere, bis ich ihm den Becher über den Kopf

schlug, daß er fast in Stücke ging; von da ab konnten meine Genossen ihn

nicht mehr sehen; jedes mal, wenn er kam, erscholl es aus allen drei

Zimmern:

»Hinaus mit dem Schuft, hinaus mit dem Lump!«

Der Direktor rief mich und bat mich, dem Wirt zu verzeihen und dafür zu

sorgen, daß meine Gefährten ruhig seien, sonst müßte er den Wirt

wechseln.

Der Oberwärter rief mich in Gegenwart der Wärter, wir blinzelten uns zu,

und er sagte mir:

»M..., so lange Sie in diesem Gefängnis sind, gebe ich Ihnen täglich

einen halben Liter vom besten Wein und einen Fenchel oder irgend ein

anderes Gemüse, sind Sie zufrieden?«

»Schön, aber hüte Dich, Dein Versprechen zu brechen.«

»Eher will ich es dem Teufel brechen, aber nicht Ihnen.« Dies ist der

Grund, weshalb der brave Wirt mir den halben Liter und den Fenchel gab;

jetzt kann es weiter gehen.

Meine Genossen machten eine Rechnung von fünfzehn Lire, während die

anderen fünfzehn Lire der Wärterin M... zu gute kamen.

Sie warfen die Strohsäcke zur Erde und stellten aus den Pritschen und

den Ständern eine große Tafel her und deckten das Betttuch darüber; die

zusammengerollten Strohsäcke dienten als Sitze, vor sich stellten sie

die Näpfe und eine große Flasche mit Wein; so aßen sie und tranken sie,

die Becher voll schäumenden Weines, und oft küßten sich die

Tischgenossen auf die Lippen. Ich saß auf meinem Bett, aß meinen Fenchel

und schlürfte meinen halben Liter Wein; der arme Pescari saß auf dem

Fenster und sah mich heimlich an, während er oft und schmerzlich

seufzte.

»M..., beehren Sie uns doch und speisen Sie mit,« riefen die

Tischgenossen.

»Ich danke sehr, meine lieben Freunde.«

Sie aßen und tranken mit vollem Munde, sprachen laut und verworren

durcheinander, brachten Trinksprüche aus in ihrer kalabresischen

Mundart, daß man vor Lachen platzen konnte; ein wahres Teufelsbacchanal;

einer sang, der andere lachte wie verrückt, der dritte erzählte Späße

und berichtete aus seiner Heimath, und diese tolle Posse spielte sich ab

auf Kosten des halbverhungerten, betrübten Pescari.

Die Suppe kam, ich nahm meine und aß sie[19], Pescari nahm die seinige

und stellte sie unter sein Bett, die andern wiesen sie zurück, indem sie

sagten:

»Heute brauchen wir den Brei nicht, gebt ihn den Armen; uns geht es

vorzüglich.«

[19] Es ist merkwürdig, wie M... sich hier als Rächer der verletzten

Moral aufspielt, man möchte sagen, daß er die Rolle des

Uninteressierten hervorkehren will, während er vielleicht nur seinem

Spitzbubeninstinkt gehorcht, um nicht als der Urheber dieser

Camorraszene entdeckt zu werden. Man thut gut, nicht zu vergessen, daß

der ganze Zorn gegen Pescari nicht davon herrührt, daß er die Camorra

herausgefordert hatte, sondern sich für einen Camorristen ausgegeben

hatte, ohne es zu sein. Man möchte glauben, daß M..., obgleich er es

nicht bekennen will, ein Haupt der Camorra gewesen ist. Seine

Handlungsweise ist dieselbe, wie sie Pucci (_Archivio di Psichiatria_,

V. Jahrgang 1884) und Alongi (_La camorra Studio di Sociologia

criminale, Torino, Bocca 1890_) bei den Häuptern der Camorra

beschreiben.

Bis auf den Abend dauerte das Mahl meiner Genossen. Sie erhoben sich von

der Tafel mit vollem Magen und weinerhitzten Köpfen; jeder hatte eine

gute Zigarre zwischen den Zähnen und blies mächtige Rauchwolken von

sich. Sie umringten den unglücklichen Pescari und fingen die alten

Fragen über seinen Prozeß, seinen Anwalt, über Camorristen und Picciotti

wieder an. Ich trat ans Fenster und sagte einem Wärter, der vorbeiging:

»Haben Sie die Güte, mir den Wärter di A... zu rufen, ich möchte ihn

sprechen.«

Alsbald erschien di A...

Dieser Wärter war ein armer, alter Mann, Vater von neun Töchtern, arm

wie Hiob, so daß er die Gefangenen um ein Stück Schwarzbrot anbettelte.

Er war mir gewogen, weil ich ihm Brot und etwas Tabak gegeben hatte,

auch einige Näpfe voll Brei oder Reis[20].

[20] Man sieht, wieviel dem System eines Spezialkorps für die

Gefängniswache widerspricht. Es existiert militärische Disziplin, aber

der Soldat wird von den Gefangenen unterhalten, und sucht aus seinem

traurigen Geschäft soviel wie möglich herauszuschlagen.

»Was giebt's, M..., wünschen Sie etwas?«

»Sagen Sie, di A..., kann ich mich auf Sie verlassen?«

»Gewiß, wie ich mich auf Sie verlassen habe.«

»Nun, so hören Sie mich an und thun Sie, was ich Ihnen sage: Hier ist

ein Sack mit Kleidern, ich weiß nicht, was für welche; sie sind uns hier

unbequem, und ich möchte, daß sie wegkommen; wollen Sie das

übernehmen?«

»Aber wem gehört der Sack?«

»Dem Teufel, der Dich holen soll!«

»Schön, schön, ich habe verstanden; später, M..., beim Dunkelwerden.«

»Sehen Sie zu, daß Sie sich entfernen, sobald Sie glauben, daß es

gelingt, ohne daß der Oberwärter Sie bemerkt; klopfen Sie mit dem

Schlüssel an das Gitter und pfeifen Sie, um mich zu benachrichtigen.«

»Machen Sie, daß uns keiner sieht, sonst M..., bin ich ruiniert.«

Pescari stand hinten im Zimmer, umgeben von den zwanzig Kerlen, sein

Bett, unter dem er den umfangreichen Sack niedergelegt hatte, war nahe

der Ausgangsthür.

Der Schlüssel klopft auf das Eisengitter, ich gehe ans Fenster und di

A... sagte mir:

»Bringen Sie die »Leiche« an die Thür, ich öffne rasch und Sie geben sie

mir.«

Die Thür war wie gesagt nahe dem Bett, wo der Sack war, ich ergreife ihn

unbeobachtet und gehe zur Thür, die halb geschlossen ist, eine Spalte

öffnet sich und eine runzlige, knochige, vertrocknete Hand streckt sich

aus, um den Sack entgegen zu nehmen, darauf schließt sich die Thür ohne

das geringste Geräusch.

Ich unterrichte meine Genossen von dem, was ich gemacht hatte.

Die Nacht bricht herein, die Thür öffnet sich geräuschvoll, man hört das

Klirren des Schlüsselbundes, der Oberwärter mit fünf Wärtern treten ein,

zwei tragen brennende Laternen; einer mit einer runden Eisenstange

tritt an's Gitter und klopft eine prächtige Polka. Wir waren alle auf

den Beinen, jeder am Fußende seines Bettes, die Mütze in der Hand. Der

Oberwärter ruft die Namen auf und wendet sich an den Stubenältesten:

»Wie viel sind es?«

»Zweiundzwanzig,« antwortet er.

»Zweiundzwanzig,« wiederholte der Vorgesetzte.

Er wollte gehen, als Paolo Pescari, der famose Picciotto der Camorristen

in Foggia, derselbe, welcher den Mut gehabt hatte, mir gegenüber zu

treten, um mich nach den Regeln der Camorra zu fragen[21], der, welcher

sich als »Guappo« aufspielte mit der schief aufgesetzten Mütze, aus der

Thür floh und zwischen den Soldaten hindurch in das Wachtzimmer lief,

indem er rief:

»Hilfe, Hilfe, sie wollen mich ermorden!«

[21] Das ist das große Verbrechen. M..., der dem Sansosti erklärte,

daß er auf den rechten Lebenspfad zurückkehren und von der Camorra

nichts mehr wissen wolle, obgleich er sie wer weiß wie oft zu seinen

Gunsten in Anspruch genommen hat, kehrt aus bloßem Wunsch nach Rache

zu ihr zurück. Das Unrecht des Pescari, das ersieht man aus dem

folgenden, war, sich als »Guappo« aufgespielt zu haben, ohne es

wirklich zu sein. Daraus ersieht man, wie die verbrecherische

Assoziation, wovon die Camorra ein Beispiel bildet, ein Versuch der

antisozialen Elemente ist, um andere soziale Kriterien aufzustellen,

die ihrem Temperament mehr entsprechen.

Die Wärter und der Oberwärter eilen hinzu, fassen ihn und fragen ihn,

was er habe, welches Gespenst er gesehen habe.

»Ich will nicht in diesem Zimmer bleiben, die Kalabresen wollen mich

ermorden.«

»Dann laßt sein Bett in das andere Zimmer schaffen,« befahl der

Oberwärter, »und er möge zu seinen Genossen kommen, wenn ihm schon der

kalabresische Dialekt nicht gefällt; aber eigentümlich ist es, heute

Morgen schienen sie so befreundet und jetzt liegt das Gegenteil vor;

oder er ist betrunken: er hat dreißig Lire ausgegeben, um sich mit

seinen Freunden lustig zu machen und ein Glas in ihrer Gesellschaft zu

trinken, und jetzt läuft er in das Zimmer und schreit, daß sie ihn

ermorden wollen. Ja, in der That, nett, sehr nett: entweder ist er

verrückt oder betrunken -- oder M... ist ein vollendeter Schurke.«

Paolo Pescari wird mit seinem Bett in das andere Zimmer gebracht, und

wir schrieen:

»Hoch der Picciotto der Camorristen aus Foggia, der Lumpenbande. Hinaus

mit dem Schuft; Dir haben wohl die fünf Lire gefallen, Du Kanaille; aber

jetzt hast Du mit uns zu thun; aber glaube es, wir werden uns

wiedersehen!« und Heulen, Pfeifen und Grimassen begleiteten ihn

triumphierend in das andere Zimmer.

Es war ein Teufelslärm, der Wärter konnte nicht mehr lachen und rief:

»Seid still! Was für eine Höllenzucht ist das hier!«

Eine Menge Einwohner von Lucera drängte sich unter den Fenstern der

beiden Zimmer und auf der Straße. Fragen und Antworten gehen hin und

her, man will den Grund des Lärms wissen, die Wachtsoldaten laden ihre

Flinten.

Auf die Stöße, Pfiffe und Grimassen folgten Lieder in kalabresischer

Mundart: man sang die halbe Nacht hindurch; dann legten sie sich müde,

betrunken auf die Erde und schnarchten wie eine Sauheerde, und ich,

glaubt es mir, wanderte die ganze Nacht umher mit einem Dolch und

bewachte die Schlafenden aus Furcht vor einer Überraschung oder einem

Streich, den man ihnen spielen könnte, und ich freute mich, sie so

liegen zu sehen, einer über dem andern, mit aufgesperrtem Munde, wie sie

schnarchten, schnarchten! Tags darauf wurde ich vom Direktor gerufen,

der zu mir sagte:

»Sie, mein braver junger Mann, durften nicht erlauben, daß Ihre

Landsleute den Gefangenen Pescari um seine Kleider und sein Geld

brachten; sagen Sie mir gewissenhaft, wie die Sache gekommen ist.«

»Herr Direktor, ich kann Ihnen nichts sagen; als der Gefangene Pescari

in mein Zimmer eintrat, umarmte und küßte er sich mit allen meinen

Gefährten, als ob sie seit langer Zeit Freunde gewesen seien; ich kannte

ihn nicht und blieb auf meinem Bett sitzen und rauchte meine Pfeife. Sie

haben angefangen zu reden, zu fragen und zu antworten und was weiß ich

sonst noch. Um die Speisestunde sagte Pescari, daß er auf seine Kosten

ein leckeres Mahl geben wolle, um sich zu zerstreuen, er verlangte

alles, was zum Schreiben nötig ist, um eine Aufstellung zu machen, was

er kaufen wolle. Dann kam die Wärterin und er gab ihr seine Aufstellung,

die Wärterin fragte: das wollen Sie alles kaufen? Er sagte ihr, alles,

das ist das Menu; dann ging ich und kümmerte mich um meine Sachen.«

»Nachdem das Essen gekommen war, machten sie aus ihren Bettstellen eine

große Tafel, dann setzten sie sich nieder und ließen die Zähne arbeiten

und tranken fröhlich und auf das Wohl des Paolo Pescari, des berühmten

Picciotto, wie sie ihren Genossen in ihren Trinksprüchen nannten. Ich

bin eingeladen worden, aber habe nicht annehmen wollen; nach dem Essen,

das lange dauerte, schenkten sie mir eine Zigarre. Das habe ich gesehen

und kann ich bestätigen.«

»Aber Pescari sagt, daß er einen Sack mit Kleidern in das Zimmer

gebracht hat, auch dieser ist verschwunden.«

»Ich, Herr Direktor, habe keinen Sack gesehen, und dann vermag ich auch

nicht zu glauben, daß meine Landsleute fähig sind zu stehlen. Wenn sie

ihn gestohlen haben, muß er sich in dem Zimmer finden, das beste ist,

wenn Sie eine Untersuchung vornehmen; wenn er da ist, wird er sich

finden und Sie werden den Dieb bestrafen; wenn er nicht da ist, so muß

der Gefangene Paolo Pescari ein Verleumder sein und schwer bestraft

werden[22]. Ist meine Ansicht nicht logisch, Herr Direktor?«

[22] Auch dies ist eine charakteristische Bemerkung. Man möchte sagen,

daß M... die ganze Gemeinheit der Verleumdung kennt, gerade in dem

Augenblick, wo er eine schlimme Intrigue anzettelt.

»Sehr logisch und verständig.«

Der Direktor, der Oberwärter und die Wärter begaben sich in mein Zimmer

und jeder Gefangene stellte sich mit der Mütze in der Hand am Fuße

seines Bettes auf.

»Kalabreser,« sprach der Direktor, »Ihr seid alle brave junge Leute, ich

habe viel Nachsicht mit Euch gehabt, weil Ihr fern von Eurer Heimat

seid, und glaubt mir, ich will Euch wohl, aber heute habt Ihr mir einen

Kummer verursacht, den ich von Euch nicht erwartet hätte[23]. Gestern

ist der Gefangene Pescari hier hereingekommen. Er sagt, daß Ihr ihn mit

Gewalt veranlaßt habt, dreißig Lire auszugeben, das einzige Geld, das er

hatte; dann hatte er, als er hereinkam, einen Sack mit Kleidern bei

sich, auch dieser Sack ist inzwischen verschwunden. Ist das wahr, was

Pescari behauptet?«

[23] Diese wohlwollende, fast furchtsame Redensart ist keine

Übertreibung. Die Camorra behauptet sich noch heute in den südlichen

Gefängnissen, dank dieser Höflichkeit der Gefängnisdirektoren. Diese

armen Büreaukraten wissen, daß in einer Epoche politischer Wandlungen

das beste, was sie thun können, ist, ihren Vorgesetzten keinen Ärger

zu machen.

Wenn sie durch die Energie ihrer Maßregeln üble Laune erregt und sich

der Gefahr eines Aufstandes ausgesetzt hätten, so hätten sie den

Schaden einer Versetzung gehabt. Wenn sie dagegen ihren Gefangenen

gegenüber ruhig blieben, konnten sie ihr Leben unbemerkt verbringen.

Es ist übrigens nicht lange her, daß infolge eines Aufstandes in einem

Bagno das Ministerium eine Untersuchung angeordnet hatte. Es handelte

sich um eine durch das Essen veranlaßte Unzufriedenheit. Wenn es sich

um einen Bauernaufstand gehandelt hätte, hätte man die Leute

eingesperrt und die einzige Untersuchung, die angestellt worden wäre,

wäre die durch die Gerichtsbehörde gewesen, welche ihr Urteil

ausgesprochen hätte, ohne daß das Essen besser geworden wäre.

Zwanzig Stimmen erwiderten auf einmal:

»+Der Gefangene Pescari ist ein Hallunke!+ Er ist ein Dieb, ein Lügner!«

Und alle schrieen sie durcheinander, daß die Schildwache, welche

vorbeiging, die Wache zu den Waffen rief.

Ein Haufe von Luceranern rief von außen:

»Die Kalabreser töten die ganze Wache, sie empören sich, sie wollen

fliehen.«

Der Direktor und die Wärter gehen eilig fort, die Thür heftig

zuschließend, und wir lachen, heulen und singen.

So schloß die Posse, und Paolo Pescari, der Picciotto mit der schiefen

Mütze, bezahlte die Zeche der Camorra mit dreißig Lire und einem Sack

neuer Kleider, die etwa fünfzig Lire wert sein mochten; so bezahlte er

teuer die fünf Lire, die ich ihm im Gefängnis zu Foggia gegeben hatte.

+Wer schlecht handelt, verdient es noch schlechter.+

Von dem Sack mit Kleidern hatten die Kalabreser wenig, sie kamen ganz

dem armen Wärter zu Gute.

In dem anderen Zimmer waren zwei neapolitanische Camorristen, meine

Bekannte, sie erkundigten sich nach dem Geschehenen, und als sie

erfuhren, daß er sich den Namen und die Eigenschaften eines Picciotto

beigelegt habe, während er durch ein bekanntes Zeichen und etwas

anderes, das ich nicht sagen darf, kenntlich war, wollten sie ihn

verstümmeln; aber ich wollte es nicht und bat sie, ihn nicht zu

berühren, da seine Strafe genügend sei; aber er bekam eine ordentliche

Tracht Prügel und Fußtritte.

So standen die Dinge vorzüglich. Man lebte im Gefängnis wie ein Fürst

und nie kam mir der Wunsch, frei zu sein[24]; ich hatte die Freiheit

vollständig vergessen, als ob ich sie nie genossen hätte, und Spielen,

Singen und Schwelgen war unser Leben; aber der liebe Gott will es

anders; unsere Fehler sollen nicht durch Spielen, Singen und Schwelgen

vergolten werden. Das Wechselfieber fing an zu wüten, die armen

Kalabreser wurden ein Opfer dieser Krankheit; der im Gefängnis San

Francesco befindliche Krankensaal war von Leidenden überfüllt. Dieser

Krankensaal war luftig, sauber, mit guten Betten, reiner Wäsche und

wollenen Matratzen; man befand sich hier sehr wohl. Der Krankenwärter,

ein Hallunke erster Klasse, Soldat im Detachement von Monteleone war

wegen Diebstahls vom dortigen Gerichtshof zu drei Jahren Gefängnis

verurteilt worden, und als unwürdig für den Heerdienst mit den

Kalabresen nach Lucera beordert worden; die anderen vier Unterwärter

waren reine Kalabresen.

[24] Dies ist ein sehr wichtiges Argument, ein neuer Beweis dafür, was

die positive Schule immer behauptet hat, daß das Gefängnis so, wie es

in der klassischen Schule hergerichtet ist, die voll Sentimentalität

war, nicht bleiben kann. Man halte diese Worte des M... mit den andern

zusammen, die Lombroso gesammelt hat (_Palimsesti del Carcere_): »Ich

bin glücklicher als St. Petrus. Hier werden wir von Lakaien bedient.

Welches Wohlleben! Hier ist es besser wie auf dem Lande.« -- »Triumph!

Ich bin wegen Diebstahls verhaftet, an dem ich unschuldig bin. Lebt

wohl Freunde. Thut mir um der Barmherzigkeit willen den Gefallen,

flieht nicht aus diesem Gefängnis, hier ißt, trinkt und schläft man

und braucht nicht zu arbeiten« -- und man wird folgenden Ausruf eines

Gefangenen nicht ganz ungerechtfertigt finden: »Hier behandelt man uns

zu gut und übt zu viel Rücksicht.« Und den Schluß aus diesen Prämissen

hat der berühmte Dieb Leblanc sehr gut zu ziehen gewußt, der dem

Polizeipräfekten Gisquet sagen mußte:

»Wenn ich nicht Dieb aus Beruf wäre, würde ich es aus Neigung sein.

Ich habe alle Vorteile und Nachteile der anderen Berufszweige gegen

einander abgewogen und gefunden, daß das Stehlen immer noch das beste

ist ... Ich weiß wohl, daß wir im Gefängnis enden können, aber von

18000 Dieben, die in Paris sind, ist nicht ein Zehntel im Gefängnis,

folglich genießen wir neun Jahre in Freiheit gegen eines im Gefängnis.

Und wo ist der Arbeiter, der nicht eine arbeitslose Periode hat?...

Und wenn wir schließlich eingekerkert werden, so leben wir auf Kosten

der andern, man kleidet, speist und wärmt uns, und alles zu Lasten

derer, die wir bestohlen haben. Und ich gehe noch weiter: Während

unseres Aufenthaltes auf der Galeere oder im Gefängnis vervollkommnen

wir uns und bereiten neue Mittel, die uns Erfolg verbürgen, vor.«

Es ist meine Pflicht, das Benehmen des vorzüglichen Direktors Herrn B...

zu rühmen, der daran dachte, den Kalabresen die Dienststellen zu

überweisen. Die Unterwärter hatten einen Lohn von sechs Lire monatlich,

einen halben Liter Wein täglich und die Krankenkost, ausgenommen das

Brot, welches sie =gemeinschaftlich hatten=[25].

[25] Viele der Stellen, die im Manuskript unterstrichen waren und in

gesperrtem Druck erscheinen, waren es augenscheinlich in der Absicht,

sie als den Schreiber nicht befriedigend und darum einer Korrectur

bedürftig zu kennzeichnen. Vielleicht rührt das Unterstreichen auch

von Personen her, denen das Manuskript zum Lesen gegeben wurde.

Die Zimmerältesten waren alle Kalabresen und hatten einen Lohn von drei

Lire monatlich, ebenso die Zimmerkehrer.

Die Köche waren Gefangene, sie genossen die Freiheit, begaben sich mit

einem Wärter in die Stadt, um Einkäufe zu machen und den Kessel, aus dem

die Suppe gereicht wurde, aus einem Gefängnis ins andere zu tragen; sie

bekamen sechs Lire monatlich, ohne das, was sie stahlen. Die

kalabresischen Gefangenen wurden vom Direktor sehr geliebt und geachtet,

wie auch von den Wärtern und den apulischen Gefangenen -- sie waren

gefürchtet, denn mehr als einer war in den Krankensaal gekommen, um sich

den Kopf oder eine Wunde zwischen den Rippen verbinden zu lassen.

Das Wechselfieber suchte uns heim, uns arme hilflose Geschöpfe!

Der Krankensaal war voll von Kranken, so daß alle fünfunddreißig Betten

belegt waren und die andern in den Zimmern selbst behandelt werden

mußten. Mehr als zwanzig ließen ihr Leben, ob nun der elende Arzt, ein

schläfriges Vieh, die Ursache war oder die nicht regelrechte Medizin

oder Verpflegung; Thatsache ist, daß die Ärmsten erbarmungslos sterben

mußten.

Auch ich wurde ein Opfer des Fiebers und kam in den Krankensaal; ich war

so hinfällig, daß ich das Essen nicht verdauen konnte und es wieder

ausbrach, wenn ich es kaum gegessen hatte, lange und starke Delirien

überkamen mich. Das Chinin hatte keine genügende Kraft mehr, um das

traurige Übel zu entfernen, in der Milz empfand ich heftige Stiche und

brennende Schmerzen. Einige Tage, als ich im Krankensaal war, bemerkte

ich, wie der Oberwärter mit seinem Messer den Kalk von der Wand

abkratzte und ihn mit dem Chinin mischte; das entsetzte und empörte mich

nicht wenig, so daß ich eine Eisenstange aus dem Bett losriß und ihm

zwei gute Hiebe über den Rücken und auf den Kopf gab, so daß er wie ein

Mondsüchtiger auf der Erde herumrollte; wenn mir nicht ein anderer

Kranker den Arm gehalten hätte und mich nicht, um Hilfe rufend, wie mit

eisernen Klammern umschlossen hätte, dann hätte ich ihn sicher kalt

gemacht.

Es kam alles zur Kenntnis des Direktors, der ihn sofort aus dem

Krankensaal entfernen ließ, während einige Tage darauf ein Kalabreser

ihn mit der Klinge eines Rasiermessers gehörig auf beide Wangen

zeichnete, so daß er ein Auge verlor -- zum Andenken an seine

Schändlichkeit.

Ein alter kalabresischer Priester, der zu sechs Jahren Gefängnis

verurteilt war, übernahm den Posten als Oberwärter.

Zwischen dem Direktor, dem Arzt und dem Chef der Wache wurde beraten und

beschlossen, daß die vom Wechselfieber ergriffenen Kalabreser nach der

Strafanstalt geschickt werden sollten.

Es wurde in diesem Sinne ans Ministerium geschrieben, nach wenigen Tagen

begannen sie, nach ihrem Bestimmungsort abzureisen.

Ich blieb allein zurück, aber die zwanzig Betten der Kalabreser in

meinem Zimmer wurden mit apulischen Gefangenen belegt.

Krank und elend wie ein Leichnam bat ich den Direktor, mich nicht

abreisen zu lassen, denn eine bessere Pflege und so gute Vorgesetzte

fand ich nicht wieder.

Die zwanzig Apulier waren sämtlich Angeschuldigte, Landleute, unwissend

und dumm; keiner konnte lesen und schreiben; ich besorgte täglich ihre

Briefe, wurde ihr Schreiber, machte mich zu ihrem Schulmeister, um ihren

blöden Verstand einigermaßen zu schärfen, besorgte die Briefe an ihre

Familien, ihre Anwälte, die Bittschriften an den Staatsanwalt, um die

Entscheidung ihrer Sachen zu beschleunigen; dafür beschenkte mich der

eine mit Wein, der andere mit Cigarren, der dritte mit Obst und

Eßwaaren; sie liebten und achteten mich wie einen Gott. Wenn ihre

Familien nach Lucera kamen, um ihre Anverwandten zu sehen, so brachten

sie in ihren Ranzen Käse und andere schöne Sachen mit. Sie nahmen alles,

legten es auf mein Bett und sagten:

»Meister, alles dies gehört Ihnen, machen Sie damit, was Ihnen am besten

dünkt.«[26]

[26] Dies bestätigt die Vermutung, daß M... ein Haupt der Camorra war.

Die Halbbildung einzelner Gefangener war eine derartige, daß sie sie

gegenüber dem Analphabetismus der Menge stark und mächtig machte. Es

genügt, über diesen Gegenstand das Kapitel bei Alongi zu lesen:

_Camorristi letterati e causidici_ (a. a. O.). Der Titel »Meister«,

der M... gegeben wurde, ist gerade der, den man den Häuptern der

Camorra gab.

Und ich verteilte es unter alle, und sie waren dankbar und zufrieden.

Die vollständigste Harmonie und Liebe herrschte unter uns, ich fühlte

mich glücklich, mich unter so vielen guten Jünglingen zu sehen.

Der Direktor ruft mich und sagt:

»M..., Sie sind von nun an Zimmerältester in Ihrer Stube.«

»Ich danke«, antwortete ich, »aus persönlichen Gründen kann ich dieses

Amt nicht annehmen, was brauchen wir einen Zimmerältesten, wenn wir eine

Familie sind und uns alle wie die Brüder lieben?«

»Es ist der Regel wegen, ein Zimmerältester muß sein, und Sie müssen es

werden.«

»Wie Sie meinen, Herr Direktor.«

Den anderen Zimmerältesten gab er monatlich drei Lire; mir wies er auf

mein Konto alle Monate fünf Lire an, zwölf Lire hatte ich von Hause

monatlich, fünf gab mir der Direktor, mit siebzehn Lire monatlich ging

es mir vorzüglich.[27]

[27] Und dann sagt man, daß die Gefängnisse Strafanstalten sind, bei

diesen übermäßigen Lobsprüchen!

Ich blieb acht Monate bei diesen braven Apuliern; das Fieber verließ

mich nicht, ich sah aus wie Haut und Knochen, meine Augen lagen tief in

den Höhlen und waren halb erloschen, die Wangen dürr und eingefallen,

ohne physische und geistige Kraft.

Der Arzt ordnete an, daß ich in das Gerichtsgefängnis überführt würde,

der Luftveränderung wegen; ich kam dorthin und da die Zimmer zu ebener

Erde feucht und dunkel waren, wurde ich noch kränker.

Während ich in diesem Gefängnis war, ereignete sich ein Vorfall, den ich

erzählen möchte.

Ein alter Mann und sein Sohn wurden in öffentlicher Verhandlung

abgeurteilt; der Gerichtshof verurteilte den Vater zu fünfzehn, den Sohn

zu zehn Jahren Zwangsarbeit; der Alte sagte zum Vorsitzenden:

»Diese fünfzehn Jahre werden Sie für mich abmachen!«

Als sie ins Gefängnis gebracht waren, war der Alte heiter und lächelnd,

als ob er in Freiheit gesetzt wäre und sagte, daß er mit der Strafe

zufrieden sei. Abends gingen alle in den Hof, um Luft zu schöpfen; der

Alte wollte nicht mitkommen und blieb allein im Zimmer; aus dem Strick,

an dem die Lampe hing, machte er eine Schleife, befestigte sie an einem

großen Nagel, an dem die Lampe in die Höhe gezogen wurde, steckte den

Kopf hinein und baumelte sich auf wie eine Wurst.[28] Nachdem die

Freistunde beendet ist, treten wir ins Zimmer und sehen den Alten

baumeln, mit der Zunge aus dem Halse, mit hervorgequollenen Augen und

leichenblassem Gesicht. Er war tot!

[28] Die moralische Unempfindlichkeit des M... wird durch seine

Ausdrucksweise bestätigt. Für ihn ist nur das schändlich, was zu

seinem Nachteil geschieht. Hingegen bezeichnet er als »gut« die

Wunden, die er einem andern beibringt, die Hiebe mit einer

Eisenstange, die er auf den Kopf eines Krankenwärters niedersausen

ließ.

Der Richter und die anderen Beamten kamen, er wurde abgeschnitten und

weggetragen.

Der anwesende Staatsanwalt nähert sich dem Nagel an der Wand, um ihn zu

untersuchen und findet folgende mit Bleistift in großen Lettern

geschriebene Worte:

»Der Schurke von Staatsanwalt wird die fünfzehn Jahre Zwangsarbeit für

mich abmachen; er sei verflucht!«

Ich wurde zum Gefängnis San Domenico zurückgebracht, aber das verfluchte

Fieber hatte sich bei mir festgebissen.

Man erlaubt mir, in die Stadt zu gehen, ich begebe mich in ein Wirtshaus

und esse, und gehe dann auf dem Lande spazieren, betrachte die Natur,

die Schlechtigkeit der Menschen, die Güte und Barmherzigkeit Gottes;

aber die Gunst, die mir der brave Signor B... erweist, ist vergebens,

denn ich werde immer kränker und immer stärker werden die brennenden

Schmerzen in der Brust.

Der Arzt und der Direktor ersuchten mich, eine Eingabe an das

Ministerium zu machen, um nach Kalabrien überführt zu werden; der

Direktor versprach mir, mein Gesuch zu unterstützen und alles zu thun,

daß meine Bitte erhört werde. Ich reichte das Gesuch ein; nach einigen

Tagen sollte ich mit einem besonderen Transport abreisen.

Der Direktor gab mir bekannt, daß ich den Rest meiner Strafe in Trogen

verbüßen sollte.

Zwanzig Monate war ich in Lucera gewesen; gesund, kräftig und lebensfroh

kam ich hin, elend, schwach und sterbenskrank ging ich von dannen.

Ich umarmte meine lieben Genossen, empfing fünfundvierzig Lire, die auf

meinem Konto standen, steckte mir zwanzig Chininpillen in die Tasche und

nachdem ich mich von den guten Vorgesetzten verabschiedet hatte, reiste

ich mit Thränen auf den hageren Wangen im Wagen nach Foggia ab, von zwei

Karabinieri begleitet.

In diesem Gefängnis, wo der Gefangene Paolo Pescari, der Picciotto aus

Foggia, mir die fünf Lire abgenommen hatte, nahm ich nachts die zwanzig

Chininpillen ein, ein letzter Versuch, das Fieber zu bannen.

Tags darauf reiste ich mit der Eisenbahn nach Neapel, so dieselbe Reise

zurückmachend, die ich vor einundzwanzig Monaten hin gemacht hatte.

Man sperrte mich in das Gefängnis del Carmine in Neapel, wo ich den

unglücklichen Perrone vor dem Messer des berühmten Camorristen Sansosti

gerettet hatte.

In der Strafanstalt.

Ich blieb eine Nacht in dem Durchgangszimmer des Gefängnisses del

Carmine in Neapel und fand dort eine camorristische Gesellschaft von

Neapolitanern und Sizilianern; sie wußten von meinem Kommen und kannten

die Erkennungsrechte.[29] Am Morgen wurde ich in das Amtszimmer des

Wachtmeisters gerufen, wo ich zwei Karabinieri fand, die mich

transportieren sollten; man gab mir mein Geld, das ich bei meinem

Eintritt abgegeben hatte, fesselte mich und fort ging's. Wir nahmen auf

einem Wagen Platz, während ein Karabiniere sagte:

»Der Weg ist recht lang.«

[29] Die »Erkennungsrechte« sind die Handlungen, durch welche der

neuangekommene Camorrist zeigt, daß er die Autorität des Vorgesetzten

und die camorristische Hierarchie anerkennt.

Der Kutscher fragte:

»Wohin geht es?«

»Nach der Strafanstalt Santa Maria Apparente«, erwiderte ein

Karabiniere.

»Wie?« sagte ich verwundert, »Santa Maria Apparente? Sie irren, ich soll

nach Kalabrien.«

»Nach Kalabrien?«

Er öffnet seine Tasche, die er an der Seite hatte, nimmt eine

Papierrolle heraus, untersucht sie und sagt:

»Wie heißen Sie?«

»M..., Antonino mit Vornamen.«

»Zu wieviel Jahren sind Sie verurteilt?«

»Fünf Jahre.«

»Von den Assisen zu Monteleone?«

»Zu Monteleone.«

»Wer hat Ihnen gesagt, daß Sie nach Kalabrien sollten?«

»Der Direktor des Gefängnisses in Lucera, wo ich war.«

»Der Direktor hat Sie zum besten gehabt.«

»Zum besten gehabt!« Wie mir in jenem Augenblicke war, kann ich nicht

beschreiben, ich ergab mich in mein grausames Schicksal.

Wir kamen in der Strafanstalt an; der Oberwärter und andere Wärter

bemächtigen sich meiner, führen mich in ein leeres Zimmer und lassen

mich eine gute halbe Stunde warten, dann werde ich in das Bureau des

Chefs der Wache gerufen, der meinen Namen und Vornamen, Signalement

u. s. w. in ein dickes, staubiges Register einträgt, dann fragt er:

»Haben Sie Geld?«

»Etwas.«

»Schön, geben Sie es hier ab.«

Er nahm mein Geld und legte es auf den Tisch.

»Sie heißen M..., nicht wahr? Von jetzt ab verlieren Sie diesen Namen

und heißen Nummer =fünfhundertneunundneunzig=. Begriffen?«

»Ja.«

»Wenn Sie wieder frei sind, erhalten Sie den Namen Ihres Vaters wieder.«

Er läutet eine Glocke, die auf dem Tisch steht, sofort erscheint ein

Wärter.

»Sie befehlen?«

»Führen Sie den Gefangenen ins Bad.«

»Vorwärts, 599, kommen Sie mit!« sagt der Wärter.

Ich folgte ihm durch mehrere Korridore, bis er ein eisernes Gitter

öffnet und schließt.

Grabesstille herrschte in diesen Mauern, sie schienen von niemandem

bewohnt zu sein.

Der Wärter führt mich in mein Zimmer, wo ein Untergebener, zwei

Gefangene und eine mit frischem und krystallklarem Wasser gefüllte Wanne

sich befanden.

»Schnell, 599«, sagt der Wärter, »kleiden Sie sich aus und steigen Sie

ins Bad!«

Ich kleide mich aus und setze mich in die Wanne; das Wasser ging mir bis

an die Schultern, glücklicherweise waren wir in der heißen Jahreszeit.

Nachdem ich fünf Minuten im Wasser gewesen war, um mir etwas zu

verschaffen, das ich nicht nennen darf, fingen die zwei Gefangenen, die

jeder eine rauhe Bürste in der Hand hatten, an, mich zu =striegeln= und

=striegelten= mich ungefähr eine halbe Stunde lang, dann sagte der

Beamte:

»Genug; 599, kommen Sie heraus.«

Ich kletterte aus der Wanne und stand nackt und triefend da. Nicht

zufrieden damit, daß sie mir die Schultern und den Rücken =gestriegelt=

hatten, wollten sie mir jetzt noch die Beine, den Bauch und den ganzen

übrigen Körper striegeln. Ich trockne mich mit einem Tuch ab und denke:

Was zum Teufel ist das für ein Ort, wo die Christenmenschen wie die

Pferde gestriegelt werden; das mußte ich erst noch erleben, ehe ich

sterbe: mich in einen Bottich mit Wasser zu setzen und mich zu

striegeln! Schön, reizend, wahrhaftig!!!

Hier stelle ich ein in die Schwemme gerittenes Pferd dar, ich bin

neugierig, was sie von mir wollen.

»Kleiden Sie sich an«, sagt der Beamte, »dort sind Ihre Kleider.«

Es war ein vollständiger Anzug mit einem Paar neuer Schuhe, einem Hemd,

einer kaffeebraunen Cravatte, einer Jacke, Weste, Hosen und einer Mütze,

alles dunkelbraun.

Ich kleide mich an und frage dann:

»Und meine Kleider?«

»Sind im Lagerraum«, sagt der Beamte. »Wenn Ihre Strafzeit zu Ende ist,

bekommen Sie sie zurück.«

Sie führten mich durch dieselben Korridore, wir stiegen verschiedene

Treppen hinauf und man schloß mich in eine Zelle ein, indem man mir

sagte:

»Nachher wird der Arzt kommen, um Sie zu untersuchen, auch der Barbier

wird kommen, um Sie zu scheeren und zu rasieren; dieser Schnurrbart

steht Ihnen nicht!« --

Bald nachher öffnete sich die Thür, zwei Gefangene brachten mir das Bett

und Decken, dann erscheint der Barbier, der ein Gefangener war. Ich

setze mich auf das Bettgestell und der Barbier beginnt sein Werk; mitten

in der Arbeit sagt er:

»Ich weiß, wer Sie sind -- das Losungswort?«

»Recht und Brüderlichkeit«, antworte ich.

»Recht und Brüderlichkeit werden Sie finden. Das Haupt der Gesellschaft,

D. Gennarino, mit der Registernummer 188, läßt Sie grüßen.«

»Bestellen Sie ihm meinen Gruß.«

»Wenn Sie etwas brauchen -- nachher wird ein Wärter kommen, dem teilen

Sie es mit.«

»Sehr wohl, grüßen Sie die Genossen.«

»Wir erwarteten Sie, wir wußten von Ihrem Kommen, aus Lucera hatte man

es uns geschrieben.«[30]

[30] Diese Dinge, so unwahrscheinlich sie sind, bestehen noch von

einem Gefängnis zum andern, die Camorra unterhält noch ihre

Verbindungen, indem sie sich der Auswechslung von Gefangenen und sogar

der Versetzung von Wärtern bedient.

»Das Haupt der Camorra«, schreibt Pucci (_Archivio di Psichiatria_;

a. a. O.), »muß von allen Neuigkeiten, die in den verschiedenen

Zimmern vorkommen, unterrichtet sein; diese Informationen werden durch

Billets ermittelt, und wenn das nicht möglich ist, wird eine Krankheit

fingiert und man begiebt sich in das Zimmer, wo das Haupt sich

befindet.« Die Weise, in der M... von diesen Dingen spricht, als ob

sie die natürlichsten von der Welt wären, ist der beste Beweis, wie

sie eingewurzelt waren. Auch dem Zellengefängnis ist es nicht möglich

gewesen, das Übel zu beseitigen. »Ich habe in dieser Hinsicht

Gefangene, Wachtbeamte und gut unterrichtete Personen gefragt«,

schreibt Alongi (_La Camorra, Turin, Bocca 1890_), »und alle

versicherten mich übereinstimmend, daß die Camorra in den

süditalienischen und sizilianischen Gefängnissen noch existiert und

mächtig ist.« Die neuerlichen Prozesse in Bari gegen die _Mano

fraterna_ beweisen es.

Die Erzählung des M... ist ferner ein neuer Beweis für das, was

Lombroso in seinen _Palimsesti del Carcere_ (_Turin, Bocca 1891_) zu

beweisen versucht hat, daß gerade die Ziele der Zellengefängnisse

diejenigen sind, die am wenigsten erreicht werden. Die vollständige

Abgeschlossenheit wird sich nimmer erreichen lassen: was für Mittel

man auch anwenden mag, man wird immer gegen die instinktive Schlauheit

der Verbrecher ankämpfen müssen, gegen den Scharfsinn, den die

Einsamkeit entwickelt, indem sie ihm das erste und nötigste Element,

die Geduld, verleiht. _Le génie c'est de la patience_, hat Buffon

geschrieben, und obgleich diese Maxime bekämpft worden ist, so ist

doch unleugbar, daß die erzwungene Einsamkeit zum Nachdenken und

Sinnen anregt. Und so gelangt der Verbrecher dahin, den besten

Anordnungen, der strengsten Überwachung nur raffiniertere Mittel

entgegenzustellen. Und es verlohnt sich hier, eine Stelle aus Alongi

zu citieren, über den heutigen Stand der Mittel, durch welche von

einer Zelle zur andern korrespondiert wird. »Der Post- und

Telegraphendienst von einer Zelle zur andern, vom Gefängnis nach

außerhalb, ist mit einer Genauigkeit eingerichtet, die

bewunderungswürdig wäre, wenn sie nicht entsetzlich wäre. Lange

Gespräche und lange Mitteilungen gelangen von einem Saal zum andern;

es giebt ein Alphabet mit den Fingern, eines mittelst Schlagens an die

Mauern. Jeder Saal hat seine Telegraphenbeamten. Man wird einwerfen,

daß dies System nur bei zwei aneinanderstoßenden Sälen bequem ist.

Aber man vergißt, daß jeder Saal seine Telegraphenbeamten hat, so daß

ein von einem Saal zum andern befördertes Telegramm bequem bis zum

entferntesten gelangen kann. Aber das erfordert Zeit! Und fehlt die

vielleicht dem Gefangenen? Wie kann er die Stunden der Muße besser

anwenden? Und was liegt an einer oder zwei Stunden, wenn man sich auf

diese Weise mit einem Mitangeklagten unterhalten kann, den die Justiz

in ihrem unendlichen Scharfsinn geschickt isoliert zu haben glaubt.

Man glaubt kaum, wie sehr der Kerker und die Müssigkeit, die dort

herrscht, den Geist der Geduld, List und scharfsinnige Verschlagenheit

entwickeln. Die konventionellen Mittel, Chiffern und Zeichen, welche

die Verliebtheit zweier Liebenden ersonnen hat, um sich trotz der

vieläugigsten und eifersüchtigsten Wachsamkeit zu verständigen, sind

ein Kinderspiel im Vergleich zu den Erfindungen der Gefängnisse. Die

Säume und Nähte der Wäsche sind wahre Postkisten, die lange

Papierstreifen enthalten, vermittelst deren die Korrespondenz der

Gefangenen mit einer Präzision und Heimlichkeit hin und hergeht, die

man im amtlichen Postdienst nicht findet. Und wenn Ihr sie gefunden

habt, so könnt Ihr nichts lesen, denn die Tinte wird durch

Citronensäure ersetzt, die blos an der Wärme erscheint, und wenn Ihr

auch das wißt, so nützt es Euch nichts, denn die Worte haben eine

näher vereinbarte Bedeutung, auch sie sind Chiffern, zu denen Euch der

Schlüssel fehlt.«

Und dies ist keine Übertreibung; es ist bekannt, was für vorzügliche

Kommunikationsmittel für Mitteilungen sowohl im Zellengefängnis zu

Mailand, wie in der Generala zu Turin die Leitungsröhren der Heizung

und die Latrinen waren.

Und um diese schon etwas lange Anmerkung zu schließen, will ich hier

eine Probe des seltsamen telegraphischen Alphabets geben, das in den

Gefängnissen im Gebrauch ist. Die Zahlen geben die Schläge an.

1--1=a; 1--2=b; 1--3=c; 2--1=g; 2--3=h; 3--1=m; 3--2=n; 4--1=r;

4--2=s; 4--3=t u. s. w.

Damit ging der Barbier weg, der Schneider kam, um mir auf den linken

Ärmel der Jacke die Nummer 599 in großen roten Ziffern zu nähen, die auf

ein viereckiges Stück Tuch gestempelt waren.

»Ihr Losungswort?« sagte er.

»Recht und Brüderlichkeit.«

»Ihr Landsmann Borghese, mit der Registernummer 56, grüßt Sie und freut

sich, Sie zu umarmen, er ist Haupt der Gesellschaft und freut sich,

einen neuen Adepten aufzunehmen; später wird sich ein Wärter zu Ihrer

Verfügung stellen.«

»Ich danke meinem Landsmann von Herzen und unterwerfe mich seinen

Befehlen, aber bitte sagen Sie mir, warum hat man mich hierher

geschickt?«

»Die Vorschriften der Anstalt gebieten es; jeder Neuling muß in einer

Zelle abgesondert werden und wird behandelt wie alle anderen

Gefangenen: jeden Morgen spricht der Arzt vor, um den Ankömmling genau

zu untersuchen, aus Besorgnis, daß irgend eine ansteckende Krankheit

sich entwickeln könnte. Wenn der Monat der Einzelhaft um ist, macht der

Arzt dem Direktor Mitteilung; ist der Neuankömmling krank, so wird er im

Krankenhaus untergebracht, ist er gesund, so kommt er mit den anderen

Gefangenen zusammen.«

»So muß ich einen Monat hier bleiben?«

»Gewiß.«

Wenn ich daran dachte, daß ich einen Monat hier allein in der engen

Zelle eingeschlossen verbringen sollte, dann empörte sich mein Gemüt und

ich verfluchte wiederholt den Direktor des Gefängnisses zu Lucera, Herrn

B...[31], der mich zum besten gehabt hatte, wie jener Karabiniere sagte.

[31] Charakteristisch für den geborenen Verbrecher ist seine geringe

Zuneigung. M..., der erst nur begeisterte Worte und Segenswünsche für

den Direktor des Gefängnisses in Lucera hatte, verflucht ihn jetzt

wiederholt. Wahrscheinlich machte dieser den M... glauben, daß er nach

Kalabrien gebracht werden solle, um ihn gutwillig zur Abreise zu

bestimmen, da M... in seiner Eigenschaft als einflußreicher und

gefürchteter Camorrist irgend welchen Aufstand hätte hervorrufen

können.

Man muß wissen, daß ich, nachdem ich in Foggia fortging und die zwanzig

Chininpillen genommen hatte, kein Fieber mehr hatte; ich glaube, es ist

die Luftveränderung gewesen. Der Arzt kam, Herr Biondi, ein

Neapolitaner, ein schöner Mann mit langem schwarzen Bart und einer

blitzenden Brille auf der Adlernase; ich muß mich nackt ausziehen, und

er untersucht mich langsam von Kopf bis zu Fuß, bald meine Haut, bald

meine Augen, Nase, Stirn und so weiter betrachtend; dann legt er das Ohr

an meine Brust und meinen Rücken und sagt:

»Sagen Sie drei!«

»Drei, drei, drei«, sage ich.

Und ich denke, warum drei und nicht vier oder zwanzig oder hundert. Will

sich der elende Schüler Aeskulaps über mich lustig machen? Und ich war

im Begriff, ihm einen Schlag auf die Brille zu geben.[32]

[32] Ein echt verbrecherischer Zug, der sich durch nichts

rechtfertigen läßt.

»Was für eine Krankheit haben Sie gehabt?«

»Das Wechselfieber, einundzwanzig Monate lang.«

»Wo waren Sie?«

»In Lucera della Puglia.«

»Sie sind sehr zurückgekommen, wir werden Sie aber gesund machen, hier,

da Sie nach dem Reglement nicht in das Krankenhaus dürfen; fassen Sie

Mut, bald sind Sie geheilt.«

Er ging, ich blieb allein mit meinen schwarzen Gedanken. Ich bekam

Krankenkost und der Wächter sagte:

»D. Gennarino, 188, Gesellschaftshaupt, fragt an, ob Sie irgend etwas

brauchen.«

»Ich möchte rauchen.«

»Rauchen! Tabak und Cigarren sind hier streng verboten; in den Anstalten

darf nicht einmal der Direktor rauchen, wir nicht, keiner, auch nicht

Viktor Emanuel II. Wenn Sie Schnupftabak wünschen, können Sie ihn haben

und welche Sorte Sie wollen.«

»Dann bitte ich um etwas Schnupftabak.«

»Und was wollen Sie essen und trinken?«

»Nichts, sagen Sie Gennarino meinen Dank und meinen Gruß.«

»Es soll geschehen; fassen Sie Mut, Ihre Genossen wachen über Ihr

Wohlergehen.«

»Aber sagen Sie mir, wie viel Gesellschaftshäupter sind hier?«

»Es sind hier zwei Parteien in der Anstalt, die Kalabreser und die

Neapolitaner.«

Damit ging er.

Bei Gott! dachte ich, da liegt der Hase im Pfeffer! Hier heißt es

neutral sein, sonst giebt es ein Unheil. Also sei vernünftig, lieber

M...! Also es sind zwei Parteien hier, Kalabreser und Neapolitaner!

Der Wärter kam und brachte mir etwas Schnupftabak und bestellte Grüße

von den neapolitanischen und sizilianischen Camorristen.

Am Abend bekam ich die zweite Suppe, denn hier gab es täglich zwei

Suppen und zwei Brote. Der Wärter sagte:

»Das Gesellschaftshaupt Borghese, Ihr Landsmann und seine Gefährten

lassen Sie grüßen; falls Sie etwas wünschen, möchten Sie es mir sagen.«

»Ich danke Ihnen und brauche nichts.«

Doch ich will die Sache kurz machen.

Einen Monat wohnte ich in der Zelle, jeden Morgen kam der Arzt oder der

Wundarzt, um mich wie gewöhnlich zu untersuchen, wobei er mir von Zeit

zu Zeit ein Fläschchen Medizin verschrieb. Der =Reporter= der beiden

=camorristischen= Parteien erschien regelmäßig, ich aber war klug und

sagte, daß ich nichts brauchte. Als der Monat der Einzelhaft um war,

wurde ich in das Krankenhaus gebracht, um meinen schlechten

Gesundheitszustand zu bessern.

Hier suchte mich D. Gennarino mit seinen Genossen auf, erzählte mir

Wunder was für Schlechtigkeiten von Borghese und meinen Landsleuten und

versuchte mir einzureden, daß ich zu ihnen gehören müsse.

Ich gab ihnen zu verstehen, daß es meine feste Absicht sei, neutral zu

bleiben, und daß ich es nicht für anständig und eines ehrenhaften Mannes

für würdig halte, gegen meine Landsleute zu konspirieren, und daß es

auch für ein Mitglied der ehrenhaften Sekte der Camorra sich nicht

schicke, gegen die Anhänger seiner Gesellschaft aufzutreten, daß ich sie

alle gleichmäßig liebte und achtete als meine Genossen und

Leidensgefährten, und erinnerte an einen Artikel unseres Statuts,

welcher besagt:

»Wenn sich ein Zwiespalt der Parteien in der Camorra und unter den

Camorristen zeigt, so kann jeder Genosse sich neutral zeigen, ohne

irgend ein Gesetz zu verletzen. Artikel 151. Gezeichnet: Cirillo

Capucci, Ettore Longo, G. Buongiovanni.«

»Gestempelt.«[33]

[Illustration]

[33] Dies ist das Facsimile des Stempels, der sich im Manuskript des

M... fand. Es ist unverständlich. Man erblickt zwei Degen, ein Auge

und andere Zeichen, die ich vergebens mit den camorristischen

Tätowierungen und den Verbrecherhieroglyphen in Einklang zu bringen

versucht habe.

»Sie haben Recht, lieber Freund«, sagte mir das Gesellschaftshaupt,

»aber Sie dürfen auch für Ihre Landsleute nicht Partei nehmen.«

»Nein, ich bin neutral und der Freund und Bundesgenosse aller.«

»Ihre Hand!«

»Hier ist sie!«

Wir schüttelten uns die Hände und sahen uns in die Augen. Abends kam

Borghese, der berühmte Camorrist, aus Reggio di Calabria; nachdem er

wegen eines in Procida verübten Verbrechens fünfzehn Jahre im dortigen

Bagno gewesen war, war er zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt; er war

der Meister der Schneiderstube und hatte eine kleine Einnahme von

monatlich zwanzig Lire, ohne irgend etwas zu thun, und erfreute sich

nicht geringer Achtung und Rücksicht von Seiten seiner Vorgesetzten.[34]

[34] Ein neuer Beweis für das, was ich von der Schwäche der Beamten

der Camorra gegenüber gesagt habe.

»Landsmann und Genosse«, sagte er, nachdem er mich umarmt hatte, »ich

freue mich, Sie zu sehen, ein neuer Genosse wird unserer Gesellschaft

eingereiht werden; verlangen Sie aber auch, wenn Sie etwas brauchen. Es

schmerzt mich, Sie leiden zu sehen, aber bald hoffe ich, werden Sie so

gesund und blühend sein, wie Sie jetzt krank sind. Ich habe mit dem

Herrn Direktor gesprochen, Sie werden ebenfalls zu mir in die

Schneiderstube kommen. Die elenden Kanaillen, die Neapolitaner, werden

wir über die Klinge springen lassen!!!«

»Mein teurer Landsmann, ich nehme für niemand Partei; ich liebe und

achte Sie wie einen anderen Menschen, und das ist meine Pflicht; alle

meine Genossen muß ich gleichmäßig lieben und achten.«

Es fiel mir schwer, den erbitterten Feind der Neapolitaner zu

überzeugen, daß ich auf alle Fälle neutral bleiben wolle.

Endlich sagte er:

»Nun wohl, Landsmann, machen Sie, was Sie für gut halten, ich habe kein

Recht, Sie zu zwingen; aber wenn Sie etwas brauchen, so verlassen Sie

sich auf mich; wenden Sie sich nicht an die Neapolitaner! Sind wir

einig?«

»Ja, wir sind einig«, erwiderte ich.

Ich blieb zwei Monate in dem Krankenhaus, umgeben von den

Aufmerksamkeiten der Neapolitaner und der Kalabreser. Dann wurde ich an

den Direktor, Herrn Luigi M... di Aversa, gewiesen, einem Manne von

gutem Herzen, einem wahren Vater der Gefangenen. So treffen sich böse

und gute Menschen auf dem Pfade des Unglücks. Luigi M... war der Typus

eines Edelmannes; eine zärtliche Mutter ist nicht so liebevoll, geduldig

und freundlich gegen ihre Kindlein, wie jener Luigi M... gegen uns Söhne

des Unglücks, uns traurige, bloßgestellte Geschöpfe war.

»Wie geht es, 599?« fragte er, als er meiner ansichtig wurde.

»Herr Direktor, es geht gut, Gott sei Dank.«

»Und ich sage mir Glück dazu, wie Ihnen selbst; ich hörte, es ging Ihnen

schlecht, als Sie hierherkamen?«

»O, Herr Direktor, sehr schlecht.«

»Armer Unglücklicher!« Zwei Thränen traten ihm in die Augen. »Sie haben

gelitten, aber hier wird es Ihnen gutgehen, wenn Sie meinen Rat anhören.

Vertrauen Sie auf Gott, er ist unser Vater und verläßt uns nicht. Ich

will Ihnen eine Mahnung zu Teil werden lassen, aber ich bitte Sie,

nehmen Sie sie nicht übel. Sie sind Mitglied der Camorra, das ist für

einen anständigen jungen Mann nicht schicklich; ich bin überzeugt, daß

man Sie durch Versprechungen und hochtrabende Redensarten dazu verleitet

hat; aber es ist ein Verderben, es ist der schlüpfrige Weg, der direkt

zum Übel führt. Wir haben hier in der Anstalt traurige Vorkommnisse

gehabt wegen dieser verwünschten Sekte, die hier in zwei Parteien

gespalten ist, die sich täglich mit dem Messer zu Leibe gehen; sie

wissen nicht, wieviel Kummer sie uns dadurch verursachen, oder sie

wollen es nicht wissen. Tausendmal habe ich sie gebeten, wie nur ein

zärtlicher Vater seine Söhne bitten kann, diese Streitigkeiten zu

lassen, sich einander zu lieben, wie es Leidensgefährten zukommt; aber

ich habe nicht das Glück gehabt, verstanden zu werden. Sie zwangen mich

zur Strafe: fünf Gefangene sind in kurzer Zeit in das Gerichtsgefängnis

überführt worden, um sich wegen Mord und Körperverletzung zu

verantworten. Glauben Sie, 599, solche Handlungen, die unter meiner

Leitung vorkommen, betrüben mich und ich werde schlecht belohnt für die

Liebe und das Wohlwollen, das ich ihnen erweise.«

Der brave Mann war untröstlich.

»Sie, 599, werden mir keinen Anlaß zum Mißfallen geben, nicht wahr?«

»Nein, Herr Direktor, ein so edles Herz wie Ihres verdient Achtung,

Ergebenheit und Dankbarkeit.«

»Brav! Auch Sie haben ein edles Herz. Wenn Sie etwas brauchen, so wenden

Sie sich direkt an mich und Sie werden einen Vater finden. Eine Zeitlang

werden Sie in der Schneiderstube beschäftigt werden; später werden Sie

dem Schreiber des Krankenhauses als Gehilfe beigegeben werden; dort wird

es Ihnen gefallen, und Sie werden vor den bösen Genossen geschützt

sein.«

»Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit, ich hatte nicht gehofft, hier

einen so edelmütigen, menschenfreundlichen Mann zu finden; ich werde für

Ihr Wohlergehen zu Gott beten.«

»Thun Sie das, ich habe es nötig.«

Ein Wärter führte mich in das Magazin; er gab mir einen zinnernen Napf,

einen hölzernen Löffel und eine ebensolche Gabel, ein Litergefäß aus

Zinn und einen irdenen Becher, reines Handtuch, reine Kleider und eine

Schuhbürste, trotzdem die Schuhe nie geputzt wurden, da es streng

verboten war und sie die natürliche Lederfarbe tragen mußten. Ich habe

nicht begreifen können, weshalb man mir eine Schuhbürste gab, wenn ich

von einer Schuhbürste keinen Gebrauch machen konnte. Dann gab man mir

ein zinnernes Becken und ein viereckiges Stück Pappe mit der Nummer 599,

die ich am Kopfende meines Bettes anbringen mußte. Der Wärter führte

mich in ein großes Zimmer, ich blicke über die Thür und lese in großen

Lettern: Schlafzimmer der Schneider. Der Zimmerkehrer stellte mir das

Bett und die anderen Sachen zurecht, und danach führte der Wärter mich

zum Arbeitszimmer der Schneider. So gut ich kann und in dunklen Farben

will ich die Anstalt hier beschreiben. Von der äußeren Treppe

herkommend, trifft man auf zwei einander gegenüber liegende Bureaux, das

zur rechten gehört dem Rechnungsführer, das zur linken dem Direktor.

Fünf Meter weiter trifft man ein großes hohes eisernes Gitter, durch

welches man auf einen finsteren, etwa fünfundzwanzig Meter langen

Korridor gelangt, der rechts und links mit Zimmern besetzt ist, wo die

Gefangenenwärter schlafen; ferner sind dort die Zimmer der Schreiber und

einige Lagerräume. Am Ende des Korridors ist ein zweites Gitter, dem

ersteren ähnlich; dann kommt ein krummer Gang und ein Hofraum, etwa

zwölf Meter lang und acht Meter breit; in diesem Hof sind zwei mit Erde

gefüllte Becken, in denen Bäumchen und Blumen wachsen. Wenn die

Gefangenen sich auf diesen Hof begeben, um Luft zu schöpfen, eine Stunde

abends und eine Stunde morgens, so gehen sie paarweise in langer Reihe

um diese Becken herum; für die, welche müde sind und nicht mitgehen

wollen, sind an der Wand mehrere steinerne Sitze angebracht. Hier

bewegen sich die Kalabreser und eine fünf Meter hohe Mauer trennt diesen

Hof von einem andern, wo sich die Neapolitaner und die Sizilianer

bewegen.

Früher waren beide Höfe ein einziger gewesen, da aber die beiden

Parteien sich gebildet hatten, hielt der verdienstvolle Direktor es für

gut, ihn zu trennen, damit sich die feindlichen Parteien nicht täglich

umbrachten. Die Fenster der Schlafzimmer der Schneider, Former und

Tischler gingen nach diesem Hofe hinaus. Am Ende des Hofes stand die

Kapelle, wo der Priester, Signor Domenico Borzelli, ein gelehrter und

geistreicher Mann, Sonntags die Messe las und von Camorra und Picciotti

predigte. Wir wenden uns zurück, ein kleiner Gang, ein kurzer Korridor,

zur rechten die Zimmer der Schneider, Former und Tischler, und die

Zimmer der Zimmerkehrer und Köche, zur linken die Arbeitszimmer der

Weber und eine Treppe, eine große Bibliothek, die Bücher über Reisen in

Innerafrika und Asien enthielt und zum Gebrauch der Gefangenen diente,

an der Wand der Bibliothek hing eine Pendeluhr.

Wenn die Werkstatt der Weber passirt war, befand man sich einem langen

Korridor gegenüber, der zur rechten und zur linken etwa zwanzig Zellen

hatte, deren jede sechs Gefangene faßte, wo die Neapolitaner und die

Kalabreser schliefen. Wir wenden uns zurück, begeben uns in den Korridor

der Bibliothek und stehen einer Treppe gegenüber, wir gehen hinauf und

befinden uns in einem dunklen Korridor, auf dessen beiden Seiten lange

Reihen-Zellen für sechs Personen: hier schliefen Kalabreser,

Neapolitaner, Abruzzen und Sizilianer.

An der Thür jeder Zelle war ein kleines Pförtchen, von wo aus der Wärter

sie Tag und Nacht übersehen konnte, und in jeder Zelle war ein großes

langes Fenster mit einem Gitter aus Gußeisen, vier dicke eiserne

Stangen. Links von diesem Korridor eine massive Thür, ein kurzer gerader

Gang und acht dunkle Zellen, die Strafzellen. Ich blieb neun Monate in

der Schneiderwerkstatt, wo ich Schnupftücher, Handtücher &c. säumte, ich

verdiente das ansehnliche Gehalt von 6 Centesimi täglich,

hundertundachtzig Centesimi monatlich, aber wir Gefangenen konnten unser

Geld nicht ausgeben; nur Schnupftaback gab es beim Oberwächter zu

kaufen, soviel man wollte. Rauchtabak und Cigarren waren streng

verboten, und es rührte mich, als ich sah, wie einige etwas

Schnupftabak in ein Tuch banden und sich den Knäuel in den Mund

steckten, um den Tabak zu kauen. Ich versuchte es ebenfalls, aber in

zwei Tagen schwoll mir der Gaumen und das Zahnfleisch an und wurde

rissig, so daß ich diese neue Art zu kauen aufgab.

Ich wurde der Gehilfe des Schreibers des Krankenhauses, eines braven

Burschen aus Benevent, mit dem ich lange Zeit wie mit einem Bruder

lebte. Ich hatte Krankenkost, eine Suppe, ein gutes Stück gebratenes

Fleisch, einen Becher Wein und Morgens ein Weißbrod, Abends Mehl- oder

Reissuppe, Fleisch oder zwei Eier, Käse, Brod und einen Becher Wein; es

ging mir gut und ich hatte mehr Freiheit als die anderen Gefangenen.

Soll ich eine Episode erzählen, die Euch erschauern lassen wird? So

hört:

Eines Tages traf ein Jüngling von vierzehn Jahren in der Anstalt ein,

aus der Provinz Salerno, er war zu drei Jahren verurteilt, rosig und

frisch. Nach einem Monat Einzelhaft wurde er in die Schneiderwerkstatt

geschickt, wo ich mich befand. Mehrere kalabresische und abruzzische

Camorristen fingen an, ihm den Hof zu machen und die Eifersucht

bemächtigte sich der elenden Sodomiten. Eines Abends löschten sie die

Lampe aus, die mitten im Zimmer brannte und blieben im Dunkeln; ich

ahnte, was für ein Unglück kommen sollte, sprang im Hemde aus dem Bett,

steckte die Hand in meinen Strohsack und holte ein langes krummes

Messer heraus, das gut geschärft und gespitzt war, und auf dem Bettrand

sitzend, hielt ich Wacht.

Die Lampe wird wieder angezündet und zwei mit langen Dolchen bewaffnete

Camorristen fingen an, in größtem Stillschweigen zu fechten, das Blut

floß in Strömen aus ihren Wunden, aber stets herrschte Scherzton, die

Kämpfenden waren entblößt, die übrigen Gefangenen saßen auf ihren

Betten. Mit furchtbarer Gewandtheit springen sie hin und her, jetzt sich

beugend, jetzt einen Stoß parierend, auf einmal fällt einer der

Gefangenen, erhebt sich wieder und rollt mitten in das Zimmer; der

andere stürzt sich auf ihn, setzt ihm das Knie auf die Brust, hält mit

der rechten den bewaffneten Arm des Gefallenen und stößt mit der Linken

wiederholt seinen Dolch dem Unglücklichen in Hals und Brust. Mit Blut

bespritzt erhebt er sich, öffnet das Fenster und ruft die dienstthuende

Wache.

»Was giebt's?« antwortet ein Mann von draußen.

»Rufen Sie einen zweiten Wächter, um Nummer 336 in die Totenkammer zu

bringen.«

Die Wächter mit ihrem Chef eilen herbei, sehen das entsetzliche

Schauspiel und erbleichen, der blutgetränkte Leichnam wurde

fortgeschleppt, der Mörder in eine Zelle geschafft, -- wir schlossen in

jener Nacht kein Auge.

Tags darauf wurde der vierzehnjährige Jüngling, die unfreiwillige

Ursache des blutigen Ereignisses, in seinem eigenen Bette schwer

verstümmelt gefunden. Der Leib war ihm bis zum Nabel aufgespalten, er

war bewußtlos und starb am Abend, unaufhörlich nach seiner Mutter

rufend. Wenn ich alles erzählen wollte, würden Euch vor Grausen die

Haare sich sträuben und das Blut in den Adern gerinnen, aber die gute

Sitte, die Rücksicht auf den Leser verbietet es.[35]

[35] Man beachte, daß er selbst ein Sodomit ist, wie sich in der Folge

zeigen wird.

Meint Ihr, daß Tags darauf von dem traurigen Ereignis gesprochen wurde?

Niemals, als ob nichts passiert wäre; wenn man jemand fragte, so

antwortete man ganz trocken:

»Ich weiß nichts, kümmern Sie sich um Ihre eigenen Sachen.«

Ein ander Mal ermordete ein Sizilianer einen armen Wächter in der

Schneiderwerkstatt mittelst einer Scheere, weil er ihm untersagt hatte,

laut zu sprechen.

In der Werkstatt sollte die größte Ruhe herrschen, alle Gebote wurden

übertreten; man sprach, lachte und scherzte, in dem Schlafzimmer durfte

nur halblaut gesprochen werden, statt dessen herrschte dort ein

Höllenlärm, weil der Direktor nie Strafen verhängte. Es war strenge

Vorschrift, daß alle arbeiten sollten: aber niemand kümmerte sich darum,

der eine blieb in seinem Zimmer, der andere ging zwar in die Werkstatt,

aber arbeitete nicht.

Einmal wurden zwei Gefangene, ein Abruzze und ein Neapolitaner, krank;

nachdem der Arzt gekommen war, wurden sie in das Krankenhaus geschickt,

dort ziehen sie in Gegenwart des Arztes ihre Messer und stechen auf

einander los; der Wärter, der sie trennen sollte, erhielt einen

tüchtigen Messerstich in den Unterleib, der eine der Kämpfenden eine

tötliche Wunde, der andere eine leichte Schmarre; bei einem neuen

Versuch, sie zu trennen geht der Medizinkasten in Stücke, das

Schreibpult des Arztes fällt um, und die in einander verbissenen Gegner

waren noch nicht vom Blut gesättigt.

Ein ander Mal war ich auf dem Hof, um Luft zu schöpfen, als ein Mann von

der andern Seite der Mauer ruft:

»+Ihr elenden Kalabreser!+«

Das war kein Ruf, sondern ein Kampfsignal. Dreißig Kalabreser klettern

auf die Mauer, die Waffen in der Hand, ein wütender Angriff erfolgt, man

kämpft Mann gegen Mann; das Blut fließt in Strömen; der Wächter, der

Direktor, eine Abteilung Soldaten eilen herbei; sie drohen Feuer zu

geben, wenn die Gefangenen nicht auseinander gehen -- vergebens. Mit

aufgepflanztem Bajonett gehen sie auf die blutdürstigen Tiger los.

Sechszehn blieben zum Tod verwundet liegen, ein Gefangenenwächter mit

den Eingeweiden in den Händen, zwei Neapolitaner tot, einer leicht

verwundet, und Gennarino, das Haupt der Gesellschaft der Neapolitaner,

mit zerfetztem Gesicht, mit blutbefleckten Händen, kämpft wie ein

Rasender mit Borghese, dem Haupt der Kalabreser, der trotz Stichwunden

im Gesicht und in der Brust den Dolch meisterhaft handhabte.

Das sind die Wirkungen der Camorra und die schweren Folgen der Spaltung

in zwei feindliche Parteien. Elf Neapolitaner und Kalabreser wurden in

das Gefängnis gebracht, um wegen Totschlags und schwerer

Körperverletzung verurteilt zu werden. +Arme Thoren!!+

Der brave Direktor jammerte, er sagte, er wolle die Anstalt verlassen,

da seine Liebe und sein Interesse für die Gefangenen so schlecht belohnt

würden. Nach diesem blutigen Kampf herrschte Frieden und fünf Monate

lang war alles ruhig; und es ist recht so, daß nach dem Sturm die

Windstille folgt, und die gequälten Herzen sich beruhigen können.

Inzwischen kam Befehl vom Ministerium, daß die Gefangenen, die sich gut

geführt hätten, nach der Insel Caprera gebracht würden, um dort

Erdarbeiten auszuführen.

Der Direktor verfiel darauf, die kalabresischen und neapolitanischen

Camorristen abzuschicken, teils, um sich die Sache vom Halse zu

schaffen, teils um ihnen Gelegenheit zu geben, sich in aller Ruhe nach

Belieben umzubringen.

Zweiunddreißig reisten ab, aber nach wenigen Tagen kehrten sie zurück,

da sie sich nicht gut geführt hatten; andere kamen hin und blieben dort.

Von neuem sind die feindlichen Parteien wieder zusammen und ein

Gefangener aus Benevent entfacht den Streit wieder, indem er Borghese

einen Messerstich in den Rücken giebt, im Auftrage D. Gennarinos, der

von seinem Leiden wieder hergestellt war. Das erbitterte die Partei der

Kalabreser sehr, und sie schworen blutige Rache. Ich schlief in dem

Zimmer, wo Borghese und andere Camorristen waren, mir gefiel es da

nicht, heute oder morgen konnte ich in einen Kampf verwickelt werden, so

daß ich keinen heilen Knochen behielt; ich ließ den Direktor rufen und

bat ihn, mich in eine der unteren Zellen zu bringen; er willigte gern

ein und lobte mein Betragen.

Ich kam in eine Zelle, wo fünf Gefangene waren, zwei brave

neapolitanische Schuster und drei sizilianische Former; hier war ich in

Frieden, den ganzen Tag war ich im Krankenhause, wo ich dem Schreiber

half: Abends plauderten und scherzten wir in der Zelle wie gute

Kameraden, und liebten einander von ganzem Herzen.

Es besteht die Vorschrift, daß ein Gefangener, der während der Zeit, wo

auf dem Hof spazieren gegangen wird, den Abtritt benutzen muß, einen

Zettel heraushängt, auf dem das Wort »Besetzt« steht; und auf dessen

Rückseite das Wort »Frei« sich befindet, welches sichtbar zu machen ist,

wenn er seine Bedürfnisse befriedigt hat. Wenn ein Gefangener das Wort

»Besetzt« vorfindet, muß er warten und darf die Thür des Abtritts unter

keinen Umständen öffnen, widrigenfalls er schwerer Strafe entgegensieht.

Nun geschah es, daß ein Sizilianer auf den Abtritt ging und das Wort

»Besetzt« herausgehängt hatte; nachher vergaß er, den Zettel umzudrehen.

Ein Former, der nachher kommt, findet das Wort »Besetzt« und wartet,

aber aus dem Abtritt kommt niemand heraus, so daß ihm der Gedanke kommt,

die Nr. 448 ist tot. Ich stehe dabei und berste vor Lachen, während der

Dummkopf eine halbe Stunde steht und wartet. Ich kann mich nicht mehr

lassen; er stiert den Zettel an, wie ein Gespenst, das ihm zu sagen

scheint: Hinweg, komm' nicht heran! Der arme Teufel verzehrt sich in

seinen Nöten; endlich kann er den inneren Drang nicht mehr halten und es

passiert ihm etwas; in seinem Zorn und um zu sehen, ob die Nr. 448 tot

ist, öffnet er die Thür und bleibt wie gebannt stehen -- der Abtritt ist

leer, Nr. 448 ist nicht da; wie ein Rasender eilt er zu den Gefangenen,

sucht und findet Nr. 448, nähert sich ihm und giebt ihm eine riesige

Ohrfeige mit den Worten:

»+Verfluchter Dummkopf, warum hast Du den Zettel nicht umgedreht?+«

Auf diesen Gewaltakt stürzten einige Landsleute der 448 hinzu und

verabfolgten dem Missethäter einige Ohrfeigen: das zündet, man ergreift

die Waffen, und wenig fehlte, so wäre eine zweite Schlacht gefolgt; so

endete die Sache mit einigen leichten Verwundungen.

Mein Verwandter Cosmo M..., der in Neapel wohnte, suchte mich auf und

war trostlos, als er mich so elend und abgemagert sah; er stellte sich

mir zur Verfügung, wenn mir etwas fehlen sollte und gab mir seine

Visitenkarte und seine Adresse. Durch einen Gefangenenwächter

übermittelte er mir ein Päckchen Rauchtaback, eine Pfeife und

Zündhölzchen; der Wächter brachte sie mir heimlich, so daß ich mir

Nachts eine Pfeife leisten konnte. Ich teilte den Tabak in zwei Hälften,

die ich in mein Taschentuch einwickelte und versteckte, die eine im

Kopfende, die andere im Fußende meines Strohsackes, die Pfeife und die

Zündhölzer verbarg ich da, wo ich meine Waffen hielt. Nach zwei Tagen

wurde eine Untersuchung veranstaltet, während die Gefangenen in den

Werkstätten waren; man begiebt sich in meine Zelle, untersucht den

Strohsack und findet eine Hälfte mit Tabak.

Der Direktor kommt und sagt mir:

»Woher haben Sie diesen Tabak?«

»Das kann ich auf keinen Fall sagen.«

»Wissen Sie, daß der Rauchtabak hier streng verboten ist?«

»Nur zu gut.«

»Ich müßte Sie mit vierzehn Tagen Wasser und Brot bestrafen, aber

diesmal will ich Ihnen verzeih'n, hüten Sie sich in Zukunft.«

Und ich ging frei aus. Ich erfuhr, daß derselbe Wächter, der mir den

Tabak gebracht hatte, den Verräter gespielt hatte. Der Tabak war unter

den Wächtern verteilt worden. Ich brachte in Erfahrung, daß Tags darauf

eine neue Untersuchung stattfinden solle, wobei die andere Hälfte des

Tabaks gefunden werden sollte. Am Abend nehme ich den Rest des Tabaks

und verstecke ihn in dem Strohsack eines Genossen ohne dessen Wissen;

dann fülle ich ein Taschentuch mit Koth und stecke es in meinen

Strohsack. Tags darauf gingen wir wie gewöhnlich in die Werkstatt. Die

Untersuchung erfolgt, man findet Waffen aller Art, man begiebt sich in

meine Zelle und derselbe Wächter, der mir den Tabak brachte und ihn

nachher entdeckte, stürzt wie ein Hungriger hinein auf meinen

Strohsack, steckt die Hand hinein und holt das zusammengerollte Tuch

hervor, zeigt es seinen Genossen, drückt es mit väterlicher Liebe an die

Brust und sagt:

»Hier ist die Leiche!«

Der Kot spritzt ihm in's Gesicht, über die Brust und die Hände, entsetzt

starrt er die »Leiche« an, während die andern durcheinander riefen:

»Prächtig, wahrhaftig reizend; was für eine kostbare Bartwichse! Und der

schöne Geruch; Dich hat man schön herausgeputzt!« Und sie bersten vor

Lachen.

Der arme Wächter mit dem beschmierten Gesicht warf das Tuch empört auf

den Korridor und wischte sich das Gesicht, die Hände und die Brust ab.

In der Werkstatt wurde viel über das Abenteuer gelacht, ich weiß nicht,

ob der Direktor davon erfahren hat, jedenfalls ließ er mich nicht rufen.

Inzwischen lief die Strafzeit des Schreibers im Krankenhaus ab, und ich

nahm seine Stelle ein mit zwölf Lire monatlich, eben so viel bekam ich

von Hause, so daß ich im Ganzen vierundzwanzig Lire hatte, die mir

gutgeschrieben wurden. Wir konnten unser Geld nicht ausgeben, sondern

zuweilen uns nur einen Käse, ein Ei oder einen grünen Salat leisten, was

uns dann verrechnet wurde. Aber endlich gab der Direktor unserm

Verlangen nach, da wir mehrere Male die Kost verweigerten, und wir

konnten uns kaufen, was wir wollten, aber Wein nicht mehr als einen

fünftel Liter, und Liqueur war streng untersagt. Als der gute Direktor

sah, daß Ruhe in der Anstalt herrschte, ließ er uns eine Musikkapelle

bilden, wozu er selbst die Instrumente kaufte. Wir waren siebzehn

Musiklehrlinge, ein tüchtiger neapolitanischer Meister kam zwei mal

täglich, drei Stunden Morgens und drei Stunden Abends, um uns zu

unterrichten, wofür er vom Direktor monatlich hundertfünfzig Lire

erhielt. Wir lernten rasch, machten uns Notenpulte und alle Abend

spielten wir ein paar Stunden auf dem Hof in Gegenwart der Wache, des

Direktors und des Rechnungsführers, die sich über unsere schönen

Leistungen freuten.

Der Präfekt, der Syndikus und andere behördliche und angesehene Personen

wollten uns eines Tages spielen hören und lobten das Werk des Direktors.

Die Aufführung ging nach Wunsch, wir freuten uns an unserem friedlichen

Dasein und liebten einander, während die Rasenden, die in das

Gerichtsgefängnis gebracht waren, zu fünf bis zehn Jahren Zuchthaus

verurteilt wurden. Die armen Thoren!!...

Ob es ein ehernes Gesetz der menschlichen Natur, des Schicksals oder der

Hand Gottes ist -- es ist ein Verhängniß, daß der ins Unglück geratene

Mensch nicht lange sich am Frieden, an der Ruhe, an einem Lächeln

erfreuen soll. Es ist uns armen Sterblichen nicht gestattet, dem Willen

der Gottheit nachzuforschen und ist uns Verruchten und Verachteten nicht

erlaubt, in dem geheimnisvollen Drama des Lebens dem leitenden Grunde,

dem Unerforschlichen nachzuspüren und zu ergründen, woher das Elend und

die Schande in dem sinnlosen Leben so vieler Millionen böser Menschen,

die sich mit sardonischem Lächeln über alles hinwegsetzen. Geschick,

Fügung, Glück, Schande, Unglück -- dunkle, sinn- und verstandlose Worte,

Abstraktionen unseres Geistes, ein eingebildeter Traum unserer Träume...

Traum und Hirngespinnst ist alle Philosophie und Sophisterei, des

Gottesleugners wie des Zweiflers, des Heiden und Christen, des

Materialisten und des Rechtgläubigen, des Gelehrten und des Unwissenden,

des Reichen wie des Armen; alles, alles, das All im All, ein

unerbittlicher Traum unserer Träume ist das menschliche Leben, sein

tragischer Verlauf, seine schlafwandelnden Abenteuer; und wenn ich

glaubte am Ziel zu sein und den unsinnigen Traum deiner Träume erfaßte,

den düsteren Traum der Todesangst, den röchelnden Traum des Sterbenden,

dann empfing ich den Urquell deiner Träume und aller Träume deines

körperlichen und geistigen Schlafwandelns, die du schließlich in die

Metamorphose des ewigen Traumes umwandeltest. Das ist das Leben, das ist

das eherne Geschick, das grausame Verhängnis, das herzlose Schicksal,

das traurige Unglück. Das ist der Traum der Weisen und der des

Urmenschen; der gräßliche Traum des Reichen und der hungrigen Armen. Das

ist der unabänderliche Lauf des menschlichen Lebens. Und setzt sich der

irdische Traum in der Ewigkeit fort? Der tiefe Abgrund, der das

träumende Schlafwandeln scheidet, weist darauf hin, daß dort in der

Welt, in die man geht und aus der man nicht zurückkehrt, fortgeträumt

wird; aber es ist kein Traum mehr im Schlaf. O nein, es sind wachende

Träume, Träume aus dem vergangenen Leben, Träume von deinen

Leidenschaften, deinen Wahnvorstellungen, von dem Schmutz und der

Schändlichkeit, mit der du dich beflecktest, als du einstmals träumtest;

ein Traum ist deine kleinmüthige Schwäche, hartnäckige Unwissenheit,

Träume sind die häßlichen Schauspiele deiner verderbten Liebe, deiner

ungeheuerlichen Neigungen!!

Das ist weltliche Philosophie, das ist das Problem des Lebens und des

Todes, das ist die Lösung unseres Dramas. Gefällt's Euch? Scheint's Euch

paradox? Wollt Ihr daraus lernen? Soll ich's Euch sagen? Aber nehmt

keinen Anstoß daran.

Nehmt den scheußlichsten, den ungeheuerlichsten, den düstersten Traum

heraus aus den Träumen Eures Traums.

Der Gedanke ist der Dichter, der das hat wahr machen müssen, was ich

behaupte.

Ein Traum war mein Lebenslauf hienieden und wer kann die Geheimnisse

desselben ergründen? Wer kann die Zukunft erforschen und voraussehen?

Ein höchstes Wesen.

Welche Komödie bieten unsere unglücklichen Väter hier auf dieser

Erdkugel dar? Die Komödie des Bösen, den Traum des Unglücks, der

Krankheit. Welche Komödie stellen wir dar? Die Komödie des Scheußlichen,

den widerlichen Traum unserer Schande, unserer Verderbtheit.

Welche Komödie werden unsere Nachkommen darstellen?

Die Komödie des Betruges, der Sophisterei, den gräßlichen Traum der

Ungeheuerlichkeit.

Was ist die Geschichte? Eine verderbliche Komödie, die von den Träumen

der Sterblichen erzählt, den Träumen, die sie auf dem großen Theater der

Erdkugel dargestellt haben.[36]

[36] Der Abschnitt, mit dem dieses Kapitel schließt, trägt

unzweifelhaft den Stempel der Verrücktheit an sich; aber man sieht

ein, daß der erste Entwurf alles andere als vulgär ist -- es ist

derselbe, den Shakespeare durch den Mund einer seiner Persönlichkeiten

ausgesprochen hat, welche an die Unendlichkeit der Welt denkt und sie

mit der unendlichen Kleinheit des Menschen, mit der Relativität aller

seiner Abstraktionen in Gegensatz stellt. Auch die Shakespeare'sche

Persönlichkeit versinnbildlicht die menschliche Thätigkeit in einer

Reihe von Träumen.

Aus einer Sammlung von poetischen Manuskripten des M... nimmt der

Herausgeber hier zwei heraus, welche rein philosophische Themen

behandeln und welche von der seltsamen Verbrecherphantasie eine

Vorstellung geben.

Ha!!!...

Wir stehen im Jahre 1873 und ich befand mich in der Strafanstalt zu

Neapel, als ein tausendköpfiges Ungeheuer tausende von Opfern in einem

Augenblick dahinraffte, die Cholera, die furchtbare Cholera. Ja, die

Cholera, dieser unheimliche Wanderer, das entsetzliche, tausendköpfige

Ungeheuer rafft tausende von Opfern in einem Augenblick dahin.

Neapel, das schöne, lachende Neapel, die Parthenope von einstmals, ist

von der Cholera überfallen, und in welcher Weise! Der Tod der herrlichen

Gegend, der grausame Tod mit der unerbittlichen Sichel, mähte seine

Opfer rasch dahin, keine Spur hinterlassend. Es war Sonntag, wir

arbeiteten nicht, wir hatten die heilige Messe und eine lange Predigt

des Hanswursts von Pfarrer Herrn Borz...[37] gehört. Wir hatten die

Kapelle verlassen, da stürzt ein armer Gefängniswächter, Vater von neun

Kindern, gegen die Thür der Kapelle, stößt einen verzweifelten Schrei

»Ha!« aus und fällt wie vom Blitz getroffen auf der Schwelle nieder, als

ob er ohnmächtig geworden wäre; aus dem Munde quoll ihm ein grünlicher

Schleim, sein Gesicht und seine Hände wurden rotblau; er wird ins

Krankenhaus gebracht, der Arzt kommt und findet ihn als Leiche,

zusammengekrümmt und mit weit geöffneten gläsernen Augen.

[37] Derselbe, den er vorher als einen »gelehrten und geistreichen

Mann« bezeichnete.

»Die Cholera,« sagt der Arzt.

Nun wurden in der Anstalt ernstliche Vorsichtsmaßregeln getroffen; die

Werkstätten wurden in Schlafräume umgewandelt, und in den Zimmern, wo

bisher zehn Gefangene waren, blieben nur fünf, wo sechs waren, nur

drei, und die Betten wurden auseinandergerückt.

In einem großen Raum wurden die leicht Erkrankten untergebracht, in der

Schneiderstube, die höher lag als die anderen Werkstätten und Zimmer,

die schwer Erkrankten, welche von vier Gefangenen bedient wurden, die

fünf Lire täglich bekamen und essen und trinken konnten, was sie

wollten. Eine außerordentliche Reinlichkeit herrschte in der ganzen

Anstalt; wir =rauchten= den ganzen Tag, die Zimmerthüren waren Tag und

Nacht geöffnet; die Kapelle spielte häufig; am Tage und in der Nacht

wachten je zwei Ärzte, und der menschenfreundliche Direktor nahm seine

Frau und einen Sohn von zehn Jahren in der Anstalt auf. Es war ein

förmliches Schlachtfeld; wir bewaffneten uns mit Kanonen, Mitrailleusen,

Flinten, Revolvern, Pistolen, geraden und krummen Säbeln, Bajonetten und

Dolchen -- kurz, wir waffnen uns und rüsten uns, daß wir unbesiegbar

sind und nehmen mächtig Lebensmittel und Munition ein; alles, um Mann

gegen Mann das entsetzliche vielköpfige Ungeheuer, die Cholera, zu

bekämpfen. In dem tödlichen Kampf mit der Stadt war dieses gräßliche

Ungeheuer kühn und dreist geworden, es kämpfte gelassen und schritt

durch die Paläste der Reichen, die bescheidenen Häuser der Arbeiter und

die Hütten der Elenden dahin; es ließ sich gierig in der herrlichen

Straße Corso Vittorio Emanuele nieder und griff mit mächtigem Ansturm

unsere Burg an, die wir unerschrocken verteidigten gegen das Ungeheuer,

das mit schwarzen Leichen umgeben war; da erscholl ein Geheul aus

tausend Kehlen; ein Schrei der Verzweiflung rang sich aus der Brust von

sechshundert Gefangenen; der furchtbare Drache hatte Bresche gelegt in

unsere Mauern und mit blutrünstigen Augen schwang er seine unerbittliche

von Blut befleckte Sichel -- nur Sieger, nie besiegt, nur triumphierend,

nie niedergeschmettert -- und doch boten wir dem Feinde noch Trotz.

Am Tage nach dem Tode des Wächters aßen zwei Genossen gemeinschaftlich

aus einer Schüssel etwas Reis, da erhebt sich der eine zitternd, tastet

an der Mauer entlang und beginnt sich zu erbrechen; unter wilden

Schmerzen, mit rauher angstvoller Stimme stößt er ein »Ha« aus und fällt

wie vom Blitz getroffen zu Boden. Er wurde aufgehoben und in das Zimmer

der Erkrankten getragen, bald darauf war er eine kalte Leiche und

schwarz am ganzen Körper.

»Herr Direktor, welche Krankheit darf ich bei Nr. 119 verzeichnen?«

»Cholera!«

Ich war von Furcht ergriffen und vor Schrecken gelähmt, denn Tag und

Nacht mußte ich die Ärzte begleiten und die Mittel niederschreiben, die

sie verordneten.

Die Kost wurde gewechselt; wir erhielten Morgens trockenen Mehlteig mit

geschabtem Käse und ein schönes Stück gebratenes Fleisch, sowie einen

mächtigen Becher Wein; Abends Kalbsbraten, Weißbrot und einen Becher

Wein; beim Schluß des Tages jeder ein Glas mit Chinin versetzten

Rosenliqueur.

Die Streitigkeiten der camorristischen Partei verloren an Heftigkeit,

die Feindseligkeiten und die Ränke hörten auf, man dachte daran, sich

gegenseitig zu lieben und das Ungeheuer zu bekämpfen, das uns zu

verzehren drohte.

Inzwischen war der Saal der Erkrankten überfüllt; viele starben ohne

Erbarmen, nachdem sie aus ihrem ausgetrockneten Halse das letzte »Ha«

ausgestoßen hatten.

Da empörten sich die Gefangenen.

»+Gift!!+« riefen sie.

Sie verschworen sich gegen die Ärzte, den Direktor, die Wache, wollten

die Bureaux überfallen und die Beamten morden.

Die Frau des Direktors, eine ausgezeichnete Dame aus feiner

neapolitanischer Familie, begab sich mit ihrem geliebten Söhnchen auf

den Hof, in die Zellen und ermahnte mit thränenden Augen die Rasenden

zur Geduld, zum Mut und zur Ergebung.

Der Direktor bat weinend und mit vor Entsetzen gesträubten Haaren um

Frieden; nicht ein Gift sei es, wie sie meinten, sondern eine tötliche

Krankheit, welche die Stadt bedrohe und Tausende von Opfern fordere.

Der Rechnungsführer begab sich nach Castellamare, wo er eine Ladung

Citronen kaufte, die unter den Gefangenen verteilt wurden.

Lob, ewiges Lob gebührt dem edlen und christlichen Herzen des Direktors

Cav. Luigi M... di Aversa, Lob, unvergängliches Lob seiner edlen

Gemahlin, der Zierde christlicher Tugend. Tag und Nacht begaben sich

beide in die Zellen der Erkrankten, und salbten die schwarzen Körper der

Leidenden mit wohlriechenden Düften, reinigten sie vom Schmutz, und die

edle Herrin umfing die unglücklichen Sterbenden und murmelte ein Gebet,

während ein Strom eklen Erbrechens ihr über Brust und Hände ging. O Du

Deines Heilandes würdiges Weib! Edles Mutter- und Frauenherz; meine

Feder ist zu schwach, um Deine heiligen Tugenden zu schildern, Deinen

unerschrockenen Mut, Deine Selbstverleugnung, eine Ruhmespalme ist Dir

im Himmel gewiß, und sicher hat der Schöpfer, wenn er Dein heiliges und

frommes Wirken sah, sich gefreut, daß er Dich in die Welt gesandt hat.

Den ganzen Tag ging sie mit einem Korb voll Obst, Biskuit, einer

Rumflasche umher; wandelte durch die Zellen, gab dem eine Frucht, jenem

ein Stück Citrone, dem dritten ein Glas Rum und sprach:

»Mut, meine lieben Söhne, Gott will unsere Geduld auf die Probe

stellen.«

Brot und Braten warfen wir auf den Hof und auf die Korridore, der Hunger

war verloren, jeder war satt, die Cholera hatte uns gesättigt. Es war

ein Leben, das ich nicht fortsetzen konnte; am Tage immer mit den Ärzten

unterwegs, Nachts vier oder fünf Mal in den Zimmern umher; ich fühlte

mich wie vernichtet.

Im Bureau des Krankenhauses war das Depot des Weines und der Liqueure,

die ich morgens und Abends an sechshundert Gefangene austeilen mußte.

Ich mache dem Direktor Mitteilung, daß ich mich in mein Zimmer

zurückziehen möchte, da ich dieses Leben nicht mehr aushalten könne.

»Nein«, antwortete er, »als der Wind still war, da wollten Sie fahren;

nun müssen Sie auch im Sturme ausharren -- ich werde Ihnen zwei Genossen

als Helfer beigeben.«

Die Apotheke befand sich in der Anstalt selbst, im Krankenhause; der

Oberwärter, ein braver Mann aus Piombini, der zu zwanzig Jahren

verurteilt war, wußte mit Arznei gut Bescheid und that als Apotheker

Dienste.

Zwei oder drei starben jede Nacht, nichts als ein schmerzliches »Ha«

ausstoßend. Sie wurden sofort in einen gemeinschaftlichen Kasten

=eingesargt= und hinausgebracht, um mit den andern, die in der Stadt

starben, zusammen begraben zu werden. Die Gefangenen wußten nicht, wer

oder wieviel starben oder erkrankt waren.

Einige Tage war Waffenstillstand, die heimtückische Krankheit schien des

entsetzlichen Mordens müde zu sein, und wir Verschonten dankten Gott.

Und dann? Das unerbittliche tausendköpfige Ungeheuer war nicht müde, es

schöpfte nur Atem, um sich gieriger als zuvor zu erheben. In Neapel, in

der Anstalt neue Opfer; da verdoppelte sich die Sorgfalt und

verdoppelten sich die Mittel, um den Drachen zu bekämpfen.

Verzweiflung und Entsetzen herrschten in den Herzen, die einer

Dolchspitze und einer Messerschneide furchtlos entgegenblickten.

Eines Morgens fragte ich den Doktor Biondi:

»Herr Doktor, was muß man thun, um sich vor der entsetzlichen Krankheit

zu bewahren?«

»Immer Wein und Liqueur trinken, nie Wasser, und im Essen und Trinken

sehr mäßig sein.«

Wein und Liqueur hatte ich zu meiner Verfügung, mäßig zu sein, hing von

mir selbst ab. Ich fing an, nicht wenig zu trinken, Tag und Nacht trank

ich im Übermaß. Bisweilen hatte ich starkes Fieber mit heftigen

Schmerzen im Unterleib und im Magen, mein Kopf schien sich umzudrehen,

als ob ich im Strudel des Meeres wäre, kraftlos hielt ich mich mit Mühe

auf den geschwollenen Beinen. Ich begab mich zu dem Chirurgen Herrn C...

und ließ mich untersuchen.

»Sie haben ein pferdemäßiges Fieber«, rief er aus.

»Ja, ich fühle mich sehr krank und leide heftige Schmerzen im

Unterleib.«

»Wie ist die Verdauung?«

»Seit vier oder fünf Tagen schlecht.«

»Und Sie haben nichts gesagt?«

»Was sollte ich ... die Furcht vor der Cholera.«

»Ich kann Ihnen jetzt keine Purgiermittel geben. Gehen Sie in's

Krankenhaus, wir werden sehen.«

Ich ging in's Krankenhaus, ein anderer übernahm nun meinen Posten.

Diese abgefeimte Bestie von einem Chirurgen verschrieb mir Chinin, kaum

hatte ich es genommen, als sich das Fieber zum Delirium steigerte; den

Abend und die Nacht erbrach ich mich unaufhörlich und litt an

fortwährenden Durchfällen, so daß ich Bett, Betttuch und alles, was in

meiner Nähe war, beschmutzte; vor meinem geistigen Auge erschienen

Gespenster, Schatten, Gräber und Grüfte.

Am Morgen kam Dr. Biondi, der Arzt, um mich zu untersuchen.

»Cholerasymptome,« sagte er, »er muß in das Zimmer der Cholerakranken

gelegt werden.«

»Ich gehe nicht,« rief ich, »ich will nicht! Genossen, ich verlasse mich

auf Euch!«[38]

[38] Ein weiterer Beweis, daß M... ein einflußreiches Haupt der

Camorra war.

Borghese und einige Kalabreser und Neapolitaner waren zur Stelle.

»Zu den Cholerakranken darf er nicht kommen,« beschwor Borghese den

Arzt, »sonst steht heute Abend die Anstalt in Flammen.«

»Er soll nicht!« riefen die andern.

»Wir morden die Ärzte, den Direktor und die Wache,« drohte der Genarius.

»599 soll hier bleiben und von uns bedient werden,« sagten einige

Neapolitaner, »wehe dem, der ihn anrührt.«

Der Direktor kommt, und es wird entschieden, daß ich im Krankenhaus

bleibe, während zwei Kalabreser mich am Tage und zwei Neapolitaner des

Nachts bedienen sollen.

Der Arzt Biondi beklagte sich über den Chirurgen, weil dieser mir Chinin

verschrieben hatte; er sagte, daß er mich getötet habe und befahl dem

Chef der Wache, daß keiner mit mir sich abgeben solle, da ich unter

seiner eigenen Behandlung stände.

Nachts wurde es schlimmer mit mir; gräßliche Gespenster, furchtbare

Grüfte mit Gespenstern und Ungeheuern standen vor mir und quälten mich;

ich hörte nichts mehr; ein eiserner Ring schloß meine Eingeweide ein; in

Zwischenräumen litt ich an Erbrechen und Durchfällen, ich konnte mich

nicht bewegen und mit vieler Anstrengung und Vorsicht mußte ein Genosse

mich hin und her wenden; ich lag im Sterben.

Nach der Arznei wurde mir übel -- aber was bedeutete das! Zwei Tage und

zwei Nächte wußte ich nichts von mir -- ich war tot!

Nach achtundvierzig Stunden heftigen Fiebers gewann ich soweit die

Herrschaft über meine Sinne wieder, daß ich mir meine kritische Lage

klar machen konnte.

Der Arzt kommt, er sperrt den Mund auf, sieht den Krankenwärter an und

spricht mit ihm und den Gefährten, die mich bedienten; ich hörte nichts,

denn ich war gänzlich taub, aber ich sah, wie der Wärter kopfnickend

sein Einverständnis mit dem ausdrückte, was der Arzt sagte. Als der Arzt

ging, fragte ich, was er gesagt habe. Man wollte es mir anfangs nicht

sagen, bis auf mein wiederholtes Bitten einer meiner Genossen mir

Folgendes aufschrieb:

»Der Doktor sagte, daß es sehr schlecht mit Ihnen steht, und daß Sie

vielleicht heute Nacht sterben werden, daß der Priester gerufen werden

solle, um Ihnen die letzte Tröstung der Religion zu spenden.«

Ein elektrischer Schlag hätte mich nicht so erschüttern können, wie die

Worte, die ich las und die mein Todesurteil enthielten; mit

übermenschlicher Kraft erhebe ich mich im Bett, die Augen weit geöffnet,

die Arme mit drohend geballten Fäusten gegen ein großes Kruzifix

ausgestreckt und rufe:

»Und Du, Christus, Du Gott, willst es zugeben, daß ich am Ende meiner

Strafzeit sterbe, daß ich sterbe, fern von meiner Heimat, in diesen

Mauern, im Kerker! daß ich an der Cholera sterbe, niedergebeugt vom

Unglück, im Fieber meiner Leiden! Und Du lebst? O Gott, Gott, ist es

wahr, daß Du lebst? Sagen es nicht Millionen von Schlafwandelnden? Ist

nicht das Firmament das Werk Deines Willens, entzündet sich nicht der

leuchtende Glanz des Tagesgestirns an Deinem Blick? Rauschen es nicht

die tosenden Meere, daß Du lebst? Der thörichte Zweifler leugnet Dich

mit dem Wort, aber in seiner Brust klingt es träumend: +Ein Gott lebt!+«

»Und Du, der Du lebst, läßt mich sterben, den letzten Schrei aus

trockener Kehle ausstoßen! Nein, das wirst Du nicht, das kannst Du nicht

thun! Ist es denn nicht wahr? Bist Du denn nicht der zärtliche Vater

aller Deiner Geschöpfe; ist Deine Geduld nicht lang, wie die

Jahrhunderte lang sind? Und Du lässest zu, daß ich sterbe? Nein, das

kannst Du nicht!«

Am Abend kam der Pfarrer und fragte mich ich weiß nicht was, denn ich

war taub, ich antwortete nur ja, ohne zu verstehen, was er wollte. Der

Krankenwärter sagte ihm, daß ich taub sei von dem Chinin, das der

Chirurg mir verordnet hatte, und daß er mir seinen Wunsch aufschreiben

möge. Darauf schrieb er:

»Der Pfarrer fragt Sie, ob Sie beichten wollen in Anbetracht der großen

Gefahr, in der Sie schweben.«

»Jetzt habe ich keine Lust zu beichten,« sagte ich empört; »wenn ich

wieder gesund bin, dann will ich beichten.«

Ehrwürden machte ein langes Gesicht, ließ den Kopf sinken und ging ab.

Diese Nacht, diese entsetzliche Nacht, in der mein Todesurteil vollzogen

werden sollte, fluchte ich unaufhörlich jenem Christus am Kreuze. Meine

Genossen suchten mich zu beruhigen, aber vergebens; ich verwünschte mit

lauter Stimme die Natur, die Welt und den Himmel; ich fürchtete mich zu

schlafen, um vielleicht in den ewigen Schlaf hinüber zu schlummern. Im

Fieber verging mir die verhängnisvolle Nacht. Am Morgen sagte der Arzt,

nachdem er mich untersucht hatte:

»St. Petrus scheint Ihr Freund zu sein, er hat die Himmelsthür nicht

öffnen wollen -- oder vielmehr die Pforten der Hölle waren eingerostet,

so daß Cerberus sie nicht öffnen konnte. Jetzt werden Sie leben, das

schwöre ich bei meinem Seelenheil.«

Die Gefahr war vorüber; Christus, dem ich so glühend geflucht hatte,

hatte sich meiner erbarmt und gesprochen:

»Lebe und leide!«

Ich erhielt ein Telegramm von meiner Familie, die Nachricht über mich

wünschte. Der Direktor brachte es und er telegraphierte, daß ich genesen

sei und demnächst selbst schreiben würde.

Infolge der sorgfältigen Pflege, die mir der treffliche Professor Biondi

angedeihen ließ und der warmen Hilfe von seiten meiner Genossen,

besserte sich mein Zustand bald, aber ich war taub; ich applizierte mir

zwei spanische Fliegen hinter die Ohren, aber sie halfen nichts.

Ich nahm mir vor, wenn ich taub bliebe, die Bestie, den Chirurgen, zu

ermorden.

Dann ließ ich mir eine Blase im Nacken ziehen, was viel Wirkung hatte,

indem ich allmählich das Gehör wieder erlangte. Eine spanische Fliege

legte ich auf die Schläfe, eine zweite hinter die Ohren und auf diese

und andere Weise erlangte ich endlich das Gehör wieder. Ich zählte die

an der Cholera Gestorbenen, es waren neunundsechszig, mit dem Söhnchen

des Direktors siebenzig; der Erkrankten waren zweihundert

zweiundzwanzig. Als ich ganz geheilt war, ließ ich den Direktor rufen

und bat ihn, mich meiner Pflicht als Schreiber zu entbinden, und mir zu

gestatten, mich in meine Zelle zurückzuziehen, da ich dringend Ruhe

brauche. Ich wollte dort die Bücher aus der Bibliothek lesen und die

sieben Monate, die ich noch abzumachen hatte, in Frieden verbringen. Er

willigte ein und ich zog mich in eine der unteren Zellen zurück.

Die Cholera hörte auf; das tausendköpfige Ungeheuer zog weiter, und

hinter sich ließ es Jammer, Trauer und Entsetzen.

In meiner Zelle waren sechs brave Genossen, fünf davon erkrankten, ich

allein las und schrieb und dachte über die trüben Traumbilder des

menschlichen Lebens nach.

Mir geschah etwas, das ich mitteilen möchte.

Eines Tages, gegen Abend, als meine Gefährten bereits von der Arbeit

zurückgekommen waren und ich ruhig in meiner Zelle in einem Winkel lag

und meine Pfeife rauche, öffnete sich die Thür mit Geräusch und ich

mußte die brennende Pfeife in die Tasche verstecken.

»599,« sagt der Wächter, »geben Sie mir die Cigarre.«

»Ich habe keine Cigarre.«

»Rasch, geben Sie mir die Cigarre, Sie haben geraucht.«

»Ich habe nicht geraucht und habe keine Cigarre.«

»Sie haben geraucht, ich habe es gesehen und den Tabaksgeruch gerochen.«

»Sie irren sich.«

»Ich irre mich nicht, geben Sie mir die Cigarre.«

Und er kam näher um die Hand in meine Tasche zu stecken, da erhebe ich

rasch die Hand und versetze ihm eine mächtige Ohrfeige.

Nach diesem niederträchtigen Streich nimmt der Wächter das Schlüsselbund

und will sich auf mich stürzen, ich trete einen Schritt zurück, nehme

eine Fechterstellung an und reiße die Pfeife aus der Tasche; der arme

Wächter hält sie für einen Dolch, schließt die Thür, rennt den Korridor

entlang und ruft um Hülfe.

Der Chef der Wache mit einigen Leuten eilt herbei und ich werde in eine

Strafzelle geführt.

Wenn ein Gefangener etwas verbrochen hatte, fand ein förmliches Verhör

statt, bei dem der Direktor als Vorsitzender, der Rechnungsführer als

Ankläger und der Pfarrer als Verteidiger fungierte.

Ich werde in das Bureau des Direktors geführt, die Zeugen werden

aufgerufen und leugnen, daß ich dem Wächter eine Ohrfeige gegeben und

ihn mit bewaffneter Hand angegriffen habe, vielmehr habe der Wächter

mich beleidigt und ich mich nur mit Worten verteidigt. Ich werde zu

vierzehn Tagen Wasser und Brot verurteilt und in Ketten gelegt, der

Wächter erhält zwei Monate Wachtdienst und sein Lohn wird für diese Zeit

gespart.

Nachdem die Strafe verbüßt ist, kehre ich in meine Zelle zurück, der

Wächter wird nach einer andern Strafanstalt versetzt.

Drei Monate fehlen noch bis zu meiner Befreiung, da werde ich vom

Direktor gerufen, der sagt: »599, Sie müssen noch drei Monate verbüßen,

wo wollen Sie Ihr Domizil aufschlagen?«

»In Parghelia, meinem Geburtsort.«

Als noch zwei Monate fehlen, rief der Direktor mich und sagte:

»599, Sie müssen noch zwei Monate verbüßen; wenn Sie wollen, lassen Sie

sich den Bart und die Haare wachsen.« Als der Tag der Freiheit sich

näherte, konnte ich Nachts nicht mehr schlafen und baute Luftschlösser.

Meine Gefährten thaten sich zusammen, um ein prunkvolles Mahl zu

veranstalten und so meine Freiheit zu feiern.

Der Direktor wurde um seine Erlaubnis gebeten, daß wir uns alle in einem

großen Zimmer zusammen finden durften, um den letzten Tag meiner

Gefangenschaft zu feiern, als Beweis unserer Treue, Liebe und Achtung.

Am Vorabend vor meiner Befreiung waren wir einundzwanzig vereint, und

aßen und tranken heiter, die Trinksprüche galten alle mir, die einen

wünschen mir Glück, die andern langes Leben, und alle diese Wünsche

kamen aus aufrichtigen aber unglücklichen Herzen; wir hatten Kuchen,

Süßigkeiten, Liqueure, Caffee und auch die so sehr verbotenen Cigarren.

Am Abend umarmten und küßten wir uns, Thränen feuchteten mir die Wangen,

während einer sagte:

»599, denken Sie an mich im Reich der Lebenden.«

Ein anderer:

»Werden Sie mir schreiben, um mich zu trösten?«

Ein dritter umarmte mich und flüsterte mir ins Ohr:

»Werden wir uns wiedersehen, Genosse?«

Am Morgen wurde ich von den Gefangenen unbeobachtet nach dem Bureau des

Rechnungsführers gebracht, man gab mir mein Geld und einen Brief an den

Delegierten in Neapel. Ich vergaß zu erwähnen, daß ein Landsmann, der

Spediteur Cosmo C... in Neapel, mir einen Anzug besorgt hatte, den ich

nunmehr statt der Gefängnistracht anlegte.

Der Direktor kam, fragte mich, ob ich etwas vorzubringen hatte, und

hielt mir dann eine schöne Predigt, wie ich mich in Zukunft betragen

solle.

Ein Schutzmann erscheint, ich küsse dem braven Direktor die Hand und

gehe mit dem Schutzmann eine lange Treppe hinauf, ein großes massiv

eisernes Gitter öffnet sich und ich befinde mich auf der Straße. Will

man es glauben? Ich konnte nicht mehr gehen; meine Augen schmerzten von

dem Licht, das Blut jagte in den Adern und am ganzen Körper hatte ich

ein Jucken, als ob ich die Krätze hätte. Wenn man lange die Freiheit

verloren hat, weiß man, wie süß sie ist.

Wir gingen zum Delegato, der mich in ein Register eintrug und dann

sagte:

»Wann wollen Sie reisen?«

»Ich möchte einige Tage hier bleiben.«

»Schön, wenn Sie reisen wollen, holen Sie Ihren Paß und das Reisegeld

ab.«

Ich suchte Leonardo und Cosmo C... auf, besuchte einige Freunde und

nachdem ich mich fünf Tage vergnügt hatte, ging ich zum Delegato, der

mir meinen Paß und das Reisegeld gab.

Tags darauf reiste ich mit dem Dampfschiff ab und nach vierundzwanzig

Stunden angestrengter Reise kam ich nach Pizzo, wo ich mit dem Wagen

nach Monteleone fuhr. Dort versuchte ich, einen Wagen zu finden, um mich

nach Tropea zu begeben, aber ein Wagen war augenblicklich nicht zu

haben.

Da traf ich vier Seminaristen, denen ich mich anschloß und die ich

fragte:

»Wohin gehen Sie?«

»Nach Tropea«, antwortete einer.

»Und haben Sie einen Wagen?« fragte ich.

»Nein. Hier wohnt der Bischof Vaccari, mit dem ich zusammen fahre; meine

drei Gefährten hier fahren mit dem Lastwagen, der unser Gepäck zum

Seminar bringt.«

»Dann gestatten Sie, daß ich mitfahre.«

Sie willigten gern ein und wir verabredeten Zeit und Ort, wo wir uns

treffen wollten.

»Ich möchte dem freundlichen Bischof die Hand küssen.«

»Kommen Sie mit, und Sie werden ihn sehen.«

Sie führten mich in das Haus des Apothekers Ortona, wir treten in eines

der Zimmer und ich sehe den Bischof wie eine Wurst gekrümmt im Bett

liegen; er sagte zu dem Priester Ortona, dem Bruder des Apothekers:

»Ich bin müde, ich habe von der Reise gelitten.«

Ich trat ans Bett und küßte ihm die Hand.

»Wo sind Sie her, braver junger Mann?« fragte er.

»Aus Tropea.«

»Und woher kommen Sie?«

»Aus Neapel, ich war auf dem Colleg.«

Der Apotheker unterbrach unser Gespräch, das wer weiß was für ein Ende

hätte nehmen können.

»Nun kommt mit mir zum Essen«, sagte Ortona. Die vier Seminaristen

erheben sich und folgen dem Hausherrn, ich stehe ebenfalls auf, werfe

dem Bischof einen Blick zu und begebe mich mit den andern in ein großes

Zimmer, einen wahren Speisesaal. Wir setzen uns zu Tisch, jeder erhält

eine halbe Literflasche Wein, es kommt eine Schüssel mit Käse, eine

andere mit Schinken, dazu frisches Brot. Ich esse von allem, trinke noch

eine Flasche Wein, dann gehen wir; ich in einen Gasthof, um zu ruhen,

denn schlafen kann ich nicht -- wer aus dem Gefängnis kommt, gewöhnt

sich nur langsam wieder an den Schlaf der Freiheit.

Tags darauf fuhren die drei Seminaristen und ich auf dem Lastwagen ab,

der mit Decken und Matratzen belegt war; als wir nach einem Ort namens

Piozzi kamen, sehe ich hinter uns einen Menschen herlaufen; ich lasse

den Wagen anhalten und wir sehen, daß es Silvestro C... ist, der nach

Monteleone gegangen war, dort aber keinen Wagen gefunden hatte und nun

sechs Stunden gelaufen war, um uns einzuholen -- ein nettes Vergnügen!

In Tropea verließ ich die Seminaristen und ihren Wagen und ging mit

Silvestro C... in einen Gasthof. Dort fanden wir einen schurkischen

Mönch, der sich uns anschloß; wir ließen uns Würstchen braten und Wein

und Brot bringen und aßen und tranken zu drei.

Nachher wollte der schurkische Mönch nicht bezahlen; Silvestro C..., vom

Wein umnebelt, fängt an zu lallen, der Mönch antwortet ihm ebenfalls

lallend.

Silvestro C... glaubt, daß der Mönch ihn verhöhnt und fängt an zu

schimpfen, auf den Mönch, die Priester, den Papst und die ganze

Klerisei.

Der Mönch wird nun auch zornig und benennt C... mit häßlichen Worten,

sie fassen sich an, ziehen sich hin und her und lallen.

»Za--ah--le Du!«

»Nein, za--ah--le Du!«

»Ich za--a--ah--le nicht!«

»Ich za--a--ah--le die Hä--ä--älfte!«

»Nein, Du za--a--ahlst all--les!«

»Nein, u--nd ich za--a--ahle ni--ichts!«

»Wa--arum willst Du nicht za--a--ahlen?«

»Nein -- nein, es geht mich nichts a--an!«

»Dann za--ahlen wir zusa--ammen!«

»Ja, za--a--ahlen wir zusammen!«

Zweiter Teil.

Meine Dienstzeit.

Ein klassischer Schriftsteller, eine wissenschaftliche Abhandlung

wird von gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen

verstanden; eine gewöhnliche Darstellung, die leicht geschrieben

ist, wird sowohl vom gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen

Menschen, wie vom unwissenden Mann aus dem Volke verstanden: sonach

ist es besser, sich beiden als blos einem verständlich zu machen.

Vorbemerkungen.

Wer unklug ist, findet im Soldatenspielen den Samen der Gelehrsamkeit.

Der Soldat legt seinen Verstand ab, bevor er die Kaserne betritt.

Schande, Feigheit, Trug, Falschheit, Mißbräuche, Quälereien und Tyrannei

sind der Teil des Soldaten.

Und wenn Du Dich beklagst, kommst Du auf die Galeere.

Sklaverei und Soldatenspielen sind Geschwister.

Der Heeresdienst ist ein Übel, das innen und außen schadet.

Willst Du verdammt sein? Werde Soldat!

An mein liebes Söhnchen Francesco Antonio.

Mein heißgeliebter Junge!

Für Dich allein schreibe ich diese schmerzensreichen Abenteuer meines

Lebens, das durch vierzehn lange Jahre eines furchtbaren Geschickes und

durch heftige Schmerzen und Unglücksfälle zerrissen ist. In diesen

Zeilen, die von meiner heißen Liebe zu Dir diktiert sind, findest Du die

traurigen Wechselfälle des menschlichen Lebens und die raschen

Wandlungen dieser schmutzigen, unsauberen, bösen Welt.

Mögen Dir diese Denkwürdigkeiten als Schule auf dem schlüpfrigen Pfade

in der Welt dienen, als Warnung vor der heuchlerischen Gesellschaft, als

Führer in den Banden der Freundschaft, als Zügel in den maßlosen

Leidenschaften, als Beruhigung im Unglück, als Ermutigung und

Unterwerfung in die Schicksalsschläge des Lebens.

Du wirst diese meine Briefe durchlesen, Du wirst, mein geliebter Sohn,

das Ergebnis meiner Leiden betrachten und mit einem Herzen voll

kindlicher Liebe wirst Du den beklagen, der Dir das Leben gab, der Dich

Jahre hindurch in seinen Armen trug, der Dir soviel Küsse gab, wie

Sterne am Himmel stehen, und der mit überströmender Liebe Deine ersten

Schritte lenkte, denn Du allein warst der kostbare Edelstein meiner im

Unglück verbitterten Seele.

Um Dich habe ich manche lange und kalte Winternacht durchwacht und hier,

in diesen väterlichen Armen, habe ich Dich ganze Nächte lang gewiegt;

ich spürte keinen Frost; der Schlaf floh meine Augen und nimmer müde,

nimmer überdrüssig, habe ich Dich gewiegt. Ja, mein geliebter Sohn, ich

war glücklich, Dich an meine Brust zu drücken, in der Stille der Nacht,

wenn draußen der kalte, eisige Wind raste und an unserem Fenster

rüttelte, dann war ich glücklich und zufrieden und sang Dich in den

Schlaf.[39]

Parghelia, den 20. Juni 1888.

Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M... · 第 13 / 24 题