III.

Antonino M... wurde in Parghelia, Provinz Catanzaro, im Jahre 1850

geboren. Er ist heute 42 Jahre alt. Er war einer jener kleinen

Grundbesitzer, die für die südlichen Provinzen charakteristisch sind.

Seine Eltern sind tot; sein Vater starb im Alter von 45 Jahren an

Bauchfelltuberkulose (_tabes mesenterica_), die Mutter mit 37 Jahren in

der Entbindung. Der Vatersbruder starb als Verrückter, er hatte eine

bescheidene Bildung, aber glaubte, daß er an Gelehrsamkeit und Weisheit

unerreicht dastehe, er litt an gelegentlichem Verfolgungswahn, so daß er

mehrere Male in große Erregung geriet, weil er meinte, daß unter seinem

Bette Soldaten verborgen seien, die ihm nach dem Leben trachteten, und

daß er sich von den Leuten, die nur in seiner Phantasie lebten, dadurch

befreien wollte, daß er sein Haus ansteckte.

Eine Vaterschwester, die noch lebt, wird in der ganzen Stadt die

»Verrückte« genannt, sie führt ein einsiedlerisches Leben, flucht

unaufhörlich und läuft aus dem Hause.

M... hat einen Bruder und eine Schwester, die gesund sind.

Im Alter von 10 Jahren wurde M... mehrere Monate krank, man hielt ihn

für schwindsüchtig, aber er genas vollständig. Er genoß keinen anderen

Unterricht, als in der Elementarschule seiner Vaterstadt, einer Schule,

die vor dreißig Jahren als ein legalisierter Analphabetismus bezeichnet

werden kann. Das ist bemerkenswert, denn es macht die Proben von Genie,

die sich in der Selbstbiographie fanden, noch auffälliger.

Mit siebzehn Jahren begannen die Verhängnisse seines -- wie er es nennt

-- bejammernswerten Lebens. Eines Tages schoß er auf öffentlichem Platz,

ohne ersichtlichen Grund, nur um eine seinem Bruder zugefügte Kränkung

zu rächen -- auf einen Landsmann, der sofort eine Leiche war. Der

Gerichtshof in Monteleone verurteilte ihn zu fünf Jahren Gefängnis.

Hier schloß er Freundschaft mit den berühmtesten Camorristen jener Zeit;

die berüchtigsten kalabrischen Briganten, die in den Gefängnissen

Catanzaros saßen, waren, wie er sagt, seine treuesten Freunde.

Er nahm an einem Aufstand im Gefängnis teil, der durch das Eingreifen

der Zivilbehörden von Catanzaro beigelegt wurde. Von hier aus kam er

nach Pizzo, dann nach Lucera di Puglia.

In Pizzo blieb er nur einen Monat, aber das genügte schon für ihn, die

Strafgefangenen zu einem Fluchtversuch zu verleiten, der nur durch

Zufall mißlang.

Von Pizzo kam er nach Neapel in das Gefängnis del Carmine, wo er von dem

Haupt der Camorristen herzlich aufgenommen wurde. Fortan hatte er seinen

Genossen Liebe und Achtung und dem Masto blinden Gehorsam geschworen; er

war Mitglied der Camorra. Mit lebhaftem Verstand begabt, begriff er

rasch die Regeln der Gesellschaft, sein Name war bekannt und gefürchtet

wie der eines alten Genossen. Von Neapel kam er nach Foggia und dann

nach Lucera mit einigen Gefährten, die ihn als Haupt der Camorra

anerkannten.

So fand er, ein Jüngling noch, ehe er noch den Einfluß der ersten Strafe

richtig gefühlt hatte, welche Verbrecher von nicht verdorbenen Anlagen

demütigt, im Gefängnis einen Ort, welcher der Entwickelung einer

verbrecherischen Persönlichkeit Vorschub leistet, die nur schlechter und

raffinierter aus dem Gefängnis heraus kommt: der impulsive und

blutdürstige Charakter hat dort oft Gelegenheit, hervorzubrechen und

nicht immer in richtiger Beziehung zu den Thatsachen, die entweder

falsch interpretiert werden oder sich als kleine Funken erweisen, welche

einen ganzen Brand entfachen, der von dem immer brennenden Herd ausgeht.

Wenig fehlte und er hätte eines Tages den Krankenwärter erschlagen, der

nach seiner Darstellung in das Chinin Kalkstaub mischte.

Von Lucera, wo ihn das Sumpffieber heimsuchte, kam er nach der

Strafanstalt zu Neapel. Hier setzte er sich sofort mit den Camorristen

in Beziehung und nahm Teil an einem heftigen Kampf zwischen kalabrischen

und neapolitanischen Camorristen, einer wahren Schlacht, bei der

sechzehn tötlich verwundet, einem Wächter die Eingeweide ausgerissen,

zwei getötet und einer leicht verwundet wurde. Von Natur blutdürstig,

fand er im Kampf seine eigentliche Atmosphäre. Als Camorrist tätowierte

er sich, indem er sich auf die Brust ein Losungswort der Camorra

schrieb: Tod der Schmach!

Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M... · 第 3 / 24 题