IV.

Nach verbüßter Strafzeit kehrte er nach Parghelia zurück, blieb hier

einen Monat und wurde dann Soldat. Auch als solcher setzte er sein

schlimmes Leben fort. Er duldete keine Vorwürfe, keine Tadel, verachtete

die Vorgesetzten, verlor ihre Achtung und zettelte Intriguen gegen sie

an. Seine gewaltthätige, blutdürstige, bösartige Natur wurde durch ein

übertriebenes Selbstgefühl angestachelt: überall witterte er

Nachstellung, Mangel an Respekt, Verrat; überall sah er Kränkungen und

Aufreizungen.

Zeitweilig war er ruhig und friedlich; während solcher immer kurzen

Periode war er freundlich gegen die Kameraden, die Vorgesetzten und

seine fern weilende Familie. Aber plötzlich war das vorbei, die Luft

nahm in seinen Augen eine andere Farbe an, und Zorn- und Wutausbrüche,

Flüche, Blut- und Rachedurst waren die Folgen, ohne einen anderen Grund,

als daß ein Wort oder eine Handlung mißgedeutet wurde, die für jeden

anderen ohne Belang gewesen wären.

Eines Tages gebot ein Vorgesetzter ihm Ruhe -- er ohrfeigte ihn und

versuchte ihn zu töten. Er wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt;

nachdem diese verbüßt waren, kam er wieder zum Regiment. Er änderte sich

nicht. Die Perversität seiner Empfindungen machte ihn zum Päderasten,

er knüpfte mit einem Kameraden ein Verhältnis an. Er schrieb einen

anonymen Brief gegen seinen Sergeanten und verwundete seinen Kameraden

im Gesicht, und wurde zu einem weiteren Jahre verurteilt. Im Kerker

versuchte er mit einer halben Scheere, aus der er sich einen Dolch

gemacht hatte, einen Kameraden umzubringen, um sich wegen einer alten

Kränkung zu rächen, obschon der Gegenstand seines Hasses schon an sich

in einem Zustand war, der Mitleid hätte einflößen können. Von da kam er

zur zweiten und dann zur ersten Strafkompagnie in Venedig, wo er sich

durch sein tückisches und unverbesserliches Benehmen auszeichnete.

Strenger Arrest, langes Fasten nützten nichts; für ihn waren die Strafen

immer ungerecht; jeder mißhandelte, mißachtete ihn.

Schon um diese Zeit (1879) brach sein heftiger und wilder Haß gegen

seinen Bruder Michele los, der, wie er meinte, ihn vernachlässigte und

seinen Tod wünschte, um sich die väterliche Erbschaft anzueignen, die

schon zum größten Teil sich angeeignet zu haben er ihn beschuldigte. Die

ersten Zeichen dieses Hasses traten hervor, als er im Lazarett zu Cava

dei Tirreni war, wo er einen Brief seines Bruders, der Nachricht von ihm

verlangte, mit häßlichen Worten und Hohngelächter empfing. Der einzige

Grund für diese Zwietracht konnte in dem Temperament des M... gefunden

werden.

Bei der Strafkompagnie versuchte er eines Tages einen Lieutenant zu

ermorden, weil dieser ihn bestraft hatte. Er wartete, bis der

unglückliche Lieutenant Nachts die Ronde machte, und mit dem Dolch in

der Hand, den er sowohl als Gefangener wie als Soldat immer bei sich zu

tragen oder im Strohsack oder im Futter der Kleidung zu verbergen

pflegte, lauerte er Stunden lang; und nur dem Umstand, daß der

Lieutenant von einem Kameraden gewarnt wurde, ist es zu danken, daß der

Anschlag mißglückte.

Der Mangel an moralischem Gefühl zeigt sich auch darin, daß er eines

Tages einen Kameraden, einen Schreiber im Militärbureau, dazu verführte,

ihm eine Änderung in dem Register zu gestatten, indem er das Datum

seiner Aushebung um ein Jahr zurückschrieb, um auf diese Weise ein Jahr

früher vom Militär loszukommen.

Durch diese Fälschung gelang es ihm, ein Jahr früher verabschiedet zu

werden; auf der Heimreise bekam er Händel mit den Eisenbahnbeamten und

um ein Haar wäre es zur Schlägerei gekommen.

Die Fälschung wurde entdeckt, und er wurde von der Militärverwaltung

reklamiert, darüber entrüstete er sich heftig, bewaffnete sich wie ein

richtiger Brigant und begab sich in die Wälder. Aber er sah ein, daß er

auf diese Weise doch nicht durchkommen würde und stellte sich der

Militärbehörde in Catanzaro, die ihn wieder nach Venedig zur

Strafkompagnie schickte. Durch eine günstige Beurteilung des

Thatbestandes wurde er von der Anklage der Desertion freigesprochen.

Kaum wieder bei der Kompagnie, wurde er zu zwei Monaten Wasser und Brot

und zur Kettenstrafe verurteilt. Er hatte den Skorbut; nachdem er

geheilt war, kam er wieder in strengen Arrest bei Wasser und Brot und so

verbrachte er das ganze Jahr fast immer in Arrest und in Ketten.

Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M... · 第 4 / 24 题