50. DIE ENTEN UND DIE SCHILDKRÖTE

In einem Bache, der wie ein Spiegel leuchtete und an Lieblichkeit und

Süße mit der Quelle des Lebenswassers und mit dem Paradiesesbrunnen

Selsebil wetteiferte, lebten zwei Enten und eine Schildkröte. Infolge

ihrer Nachbarschaft war unter ihnen die engste Freundschaft entstanden.

Plötzlich drohte das grimme Geschick, ihr Zusammensein zu trennen. In

dem Teiche, in dem sie ihren Lebensunterhalt fanden, machte sich von

Tag zu Tag eine Abnahme des Wassers bemerkbar.

Als die Enten ihre traurige Lage bemerkten, entschlossen sie sich, ihre

ihnen liebgewordene Heimat zu verlassen und in die Fremde zu ziehen. In

Niedergeschlagenheit gingen sie mit feuchten Augen zu der Schildkröte

und sagten ihr Lebewohl. Als diese von der Abreise der Freunde hörte,

jammerte und wehklagte sie: „Wie sollte ich ohne euch denkbar sein.

Jetzt habe ich kaum die Kraft, euch Lebewohl zu sagen. Wie sollte ich

die Trennung ertragen?“ Die Enten erwiderten: „Auch unser Herz ist von

dem Stachel der Trennung verwundet und unsere Brust brennt von dem

Feuer der Abreise. Aber der Wassermangel droht unser Leben zu

vernichten, so müssen wir notgedrungen in die Ferne ziehen und den

lieben Freund und das paradiesische Land verlassen.“

Die Schildkröte sagte: „Der Wassermangel berührt mich auch, denn ohne

Wasser ist mein Leben verwüstet. Seid so freundlich und achtet die alte

Freundschaft, laßt mich nicht in diesem Unglück allein. Wenn ihr geht,

nehmt mich mit.“ Die Enten erwiderten: „Lieber Freund und alter

Genosse, die Trennung von dir ist für uns die schlimmste Folter und die

böseste Pein. Überall, wo wir in Ruhe und selbst in der größten

Bequemlichkeit wohnen, wird unserem Auge der Glanz und unserer Brust

die Ruhe fehlen, da wir von deinem lieben Anblick getrennt sind. Auch

wir haben weiter kein Verlangen als deine Gesellschaft und weiter

keinen Wunsch als deine Kameradschaft. Aber was sollen wir machen? Denn

wir können nicht mit dir auf der Erde wandern und mit unserem schwachen

Körper und schwachen Füßen Täler und Wüsten durchqueren und du wiederum

kannst nicht die Weiten des Himmels durchfliegen. Wie soll da auf

dieser Reise Begleitung und Genossenschaft zwischen uns möglich sein?“

Die Schildkröte sagte: „Das überlasse ich wieder eurer Einsicht, und

die Lösung dieser Schwierigkeit hängt von eurem Scharfsinn ab. Was

könnte ich mit meinem schwachen Geist, der durch den Abschiedsschmerz

krank und durch die Trennung von den Freunden ganz gebrochen ist,

herausfinden?“ Die Enten erwiderten: „Lieber Freund, wir haben schon an

eine Möglichkeit gedacht, aber da wir wissen, daß du etwas leichtsinnig

bist, so kannst du wahrscheinlich nicht so, wie wir denken, handeln.“

Die Schildkröte sagte: „Wäre es möglich, daß ich, während ihr zu meinem

Besten einen Plan ausdenkt, mein Versprechen nicht halten sollte,

obgleich es zu meinem Nutzen ist?“ Die Enten sagten: „Wir können dich

unter der Bedingung durch den weiten Himmelsraum tragen, daß du weder

Hand noch Fuß rührst und kein Wort sprichst. Denn es werden uns Leute

begegnen, die uns irgendein Wort zurufen oder sich sonst irgendwie

bemerklich machen. Da ist es nötig, daß du, magst du auch hören und

sehen, was du willst, deinen Mund fest unter Siegel hältst.“ Die

Schildkröte sagte: „Ich tue, wie ihr befehlt.“

Die Enten brachten einen Stock und steckten die Mitte davon der

Schildkröte in das Maul. Sie faßten an beiden Enden an und hoben ihn

hoch. Als sie so flogen, kamen sie über ein Dorf. Alle Leute, jung und

alt, groß und klein, sahen dies Ereignis und verließen, um es sich

genauer anzusehen, die Häuser, wunderten sich und riefen von allen

Seiten: „Die Enten tragen eine Schildkröte.“ Eine Zeitlang war die

Schildkröte ruhig, dann konnte sie es nicht mehr aushalten und

antwortete auf das Gerede der Leute: „ja.“ Sobald sie zur Antwort den

Mund geöffnet hatte, fiel sie vom Himmel zur Erde.

Die Enten sagten tadelnd: „Du Unverständiger, du Leichtsinniger, vom

Boten verlangt man nur, daß er seine Botschaft überbringt, von den

Freunden, daß sie raten, und von den Verständigen, daß sie zuhören und

demgemäß handeln.“

Türkische Märchen · 第 72 / 91 题