Im fernsten Indien war ein Weideland, das Blüten und Bäume ohne Zahl
und Wild ohne Ende hervorbrachte. In dieser Gegend hatte sich nun ein
Löwe niedergelassen. Was an wilden und reißenden Tieren vorhanden war,
stand in seinem Dienst, führte seine Befehle mit Vergnügen aus und
hielt seinen starken Schutz für die Ursache ihres glücklichen Lebens.
So vergingen einige Monate und Jahre, und der Frühling der Jugend des
Löwen veränderte sich in den Herbst des Greisenalters; seine
körperliche Kraft wurde schwach und sein Körper wurde vor Alter matt,
so daß seine Augen nicht mehr zum Sehen und seine Zähne nicht mehr zum
Essen der Speisen taugten. Ja es kam so weit, daß jedesmal, wenn er
seine Beute verzehrt hatte und eingeschlafen war, infolge des Alters
seine Lippen, wie der Mund eines Opiumrauchers nach dem Rausch, schlaff
herunterhingen und sein Rachen geöffnet war. Dann kamen alle dort
vorhandenen Mäuse und holten die Fleischreste, die zwischen seinen
Zähnen saßen, heraus. Infolge der Belästigung der Mäuse konnte der Löwe
nicht ruhig schlafen und wachte jede Stunde auf. Es war auch nicht
möglich, so viele Mäuse zu fangen, denn sobald der Löwe eingeschlafen
war, sammelten sich die Mäuse um ihn, so daß er trotz seiner Macht und
Stärke ihnen gegenüber machtlos blieb.
Der Wolf, der den Rang eines Vezirs innehatte und des näheren Umganges
mit dem Löwen gewürdigt wurde, trat eines Tages in das Privatgemach des
Löwen. Dieser erzählte ihm, was für Not er von den Mäusen leide. Der
Wolf antwortete: „Mächtiger Löwe, deine Lage gleicht ganz genau der
Geschichte von dem Kalifen von Bagdad und dem Gottesgelehrten.“ Der
Löwe fragte: „Was ist das für eine Geschichte?“ Der Wolf erzählte:
„Einer von den Abbasidischen Kalifen war durch seine Gewalt berühmt und
durch seine große Macht bekannt geworden. Eines Tages ließ sich in
seinem Empfangszimmer ein tugendreicher Gottesgelehrter, der Stolz der
Bagdader Gelehrten, nieder. Aber da es Sommer war, belästigten und
quälten die Fliegen den Kalifen über die Maßen. Der Kalif wandte sich
zum Gelehrten und sagte: ‚Warum sind wohl diese Fliegen geschaffen? Was
kann Gottes Weisheit damit bezweckt haben? Abgesehen davon, daß sie
unnütz sind, sind sie auch unrein und schmutzig.‘ Der weise Gelehrte
sagte: ‚Kalif der Welt, Gott der Herr der Welten hat nichts Unnützes
geschaffen. Er hat in seiner Weisheit die Fliegen geschaffen, um den
Mächtigen ihre Ohnmacht zu zeigen. Trotz ihrer Kraft und Macht sind sie
doch nicht in der Lage, ein so schwaches Heer zu besiegen. Aus diesem
Grunde sind dem Allmächtigen die Fliegen äußerst nötig!‘
Der Kalif freute sich sehr über die weise Rede des Gelehrten und gab
sich zufrieden.
„Wenn du also, mächtiger Löwe, die Belästigung dieser verächtlichen
Tiere nicht ertragen kannst, so ist dies eine göttliche Mahnung und
Belehrung. Aber für jeden Kummer gibt es ein Heilmittel und, wenn man
sie nicht mit Gewalt vertreiben kann, muß man List anwenden. Gott hat
für jede Sache eine Ursache geschaffen. Was der eine kann, kann der
andere nicht. So z. B. kann man den Staub eines Hauses nicht mit einem
Pfauenwedel beseitigen, dazu ist ein Besen nötig. So können wir auch
die Mäuse vertilgen. Wir haben doch einen alten Diener deines Hofes,
den Kater, der seit Jahren auf deine Befehle wartet. Wenn du befiehlst,
wollen wir ihm die Bewachung deines Thrones übertragen.“
Der Löwe war damit einverstanden, und der Kater, der den Namen
Flinkhand hatte, wurde vor den Löwen gerufen und ihm die Wache
übertragen. Flinkhand übernahm dies Amt und sagte zum Löwen: „O König
der Tiere, du hast mich zwar in deiner großen Güte zum Wächter ernannt.
Aber ich war schon seit vielen Jahren an deinem Hofe, ohne daß ich
eines gnädigen Blickes von dir für würdig erfunden wurde. Das ist um so
merkwürdiger, als ich nicht nur ein alter Freund Euer Majestät bin,
sondern auch Verwandtschaft zwischen uns beiden besteht.“ Der Löwe
fragte: „Inwiefern?“ Darauf antwortete der Kater: „Als Noah in der
Arche war, da waren alle Tiere machtlos gegen die Menge der Mäuse in
der Arche und beklagten sich bei Noah. Infolge göttlicher Eingebung
strich Noah mit der Hand über die Stirn des Löwen. Da kamen aus seinen
zwei Nasenlöchern zwei Katzen zum Vorschein, die meine Ahnen sind. Alle
Tiere in der Arche waren nun befreit von der Belästigung durch die
Mäuse und hatten ihre Ruhe. Im Schutze deiner Herrschaft habe ich nun
auch dieses Amt übernommen.“
Tatsächlich verschwanden alle Mäuse, wo Flinkhand sich zeigte. Aber er
fing und tötete keine einzige, sondern verhinderte nur, daß sie sich
vor dem Löwen zeigten. So hatte dieser seine Ruhe, und Flinkhands
Ansehen vermehrte sich von Tag zu Tag.
Als Flinkhand auf diese Weise zu der nächsten Umgebung des Löwen
gehörte, brachte er eines Tages seinen ältesten Sohn zu ihm, ließ ihn
den Erdboden küssen und sagte: „König der Tiere, dies ist mein ältester
Sohn. Er versteht gut die Hofetiquette und kann alle Dienste
verrichten. Wenn ich bisweilen andere Geschäfte erledige, kann er mich
vertreten und das Wächteramt übernehmen.“ Der Löwe gestattete es.
Eines Tages hatte Flinkhand anderweitig zu tun, ließ seinen Sohn an
seiner Stelle zurück und ermahnte ihn, gewissenhaft seinen Dienst zu
erfüllen. Als dieser nun das Wächteramt übernahm, verfuhr er nicht wie
sein Vater mit Schonung, kümmerte sich auch nicht um das Geheimnis und
den weisen Zweck der Milde, sondern tötete jede Maus, die sich zeigte.
Er tötete so viele, daß er bis zum Morgen alle umgebracht hatte, ohne
auch nur eine einzige übrigzulassen.
Am nächsten Tage kam sein Vater Flinkhand. Als er sah, daß Berge von
getöteten Mäusen vorhanden waren, da geriet er außer sich und sagte zu
seinem Sohn: „Du unverständiger Tor, diesen königlichen Posten, den ich
nach allerlei Mühen am Ende meines Lebens erlangt hatte, hast du mir
geraubt und mein Ansehen dem Staube gleich gemacht. Du Tor, du
Dummkopf, wenn man uns Gutes tut, so ist es nur der Mäuse wegen. Wozu
taugten wir, wenn es keine Mäuse gäbe?“ Also tadelte und schalt er ihn
heftig.
Einige Tage danach sah der Löwe, daß von den Mäusen nichts mehr
geblieben war, und sagte zum Wolf: „Nun wollen wir Flinkhand entlassen,
denn der Grund für ein Amt liegt in der Beschäftigung und Arbeit. Wenn
diese nicht vorhanden sind, einen Menschen in ein Amt zu setzen, ist
genau dasselbe, als wenn man einem Blinden eine Nadel gibt. Flinkhands
Amt war das Mäusefangen. Da keine Mäuse mehr vorhanden sind, so wäre es
Dummheit, ihn noch zu den Beamten zu rechnen. Besonders da das
Katzengeschlecht sehr blutgierig ist und ich auch von der Strafe, die
sie wegen ihrer Grausamkeit trifft, mitgefaßt werden könnte. Das
Verständigste ist also, ihn zu entlassen.“
Sofort wurde er entlassen. Er befand sich wieder in dem alten traurigen
Zustande der Verabschiedung.