In den Märchenbüchern ist geschrieben und auch von den Weisen der
Vorzeit ist erwähnt worden, daß einst in dem Hafen einer Insel ein
großes Schiff, das von Menschen verlassen war, geblieben war. Dieses
Schiff war vorher von einem Sturm betroffen und an das Ufer
geschleudert worden und alle darin befindlichen Lebewesen waren
umgekommen. Nur ein Schaf war gerettet worden. Dies Schaf verließ
bisweilen das Schiff, weidete am Ufer, ging des Abends wieder in das
Schiff und schlief dort.
Nun wohnte in dem Walde jener Insel ein großer Löwe. Alles Wild jener
Gegend gehorchte ihm. Eines Tages machte er eine große Jagd, und
nachdem er und alle, die unter seinem Schutz lebten, sich gesättigt
hatten, fiel der Blick des Löwen, als er am Ufer spazierenging, auf das
Schiff. Er betrat sofort das Schiff, das ihm sehr gefiel, und während
er alles betrachtete, sah er das Schaf. Da er satt war, hatte er
Mitleid mit dem Schaf, schenkte ihm das Leben, lud es zu sich ein,
behandelte es sehr freundlich, zog es in seine nächste Umgebung, ließ
ihm von niemandem Unrecht tun, da es fremd in dieser Gegend war,
versorgte es mit allem Nötigen und gewährte ihm Sicherheit. Das Schiff
machte er zu seinem Palast, lud sein ganzes Gefolge nach dem
Nachmittagsgebet dorthin ein und ließ dort Diwan [38] abhalten. Das
Schaf verkehrte auch ohne weitere Förmlichkeiten bei dem Löwen. Eines
Tages hatte der Löwe mit seinem Gefolge bis zum Abend gejagt, aber kein
Wild gefunden. Am folgenden Tage fanden sie gleichfalls nichts. Als sie
am dritten Tage auch keine Beute fanden, war sowohl der Löwe wie auch
sein Gefolge vor Hunger am Ende ihrer Kräfte. Seine Vezire beschlossen
einstimmig den Tod des Schafes und gingen zum Löwen. Dieser sagte: „Ich
will lieber vor Hunger sterben, als mein Wort brechen und einem
schuldlosen Wesen, dem ich Sicherheit versprochen habe, einen Schaden
zufügen.“ Seine Vezire sagten: „Jawohl, das Wort des Königs der Tiere
ist Wahrheit, und seine Rede ist die absolute Weisheit, aber heute ist
Euer erlauchter Körper vor Hunger nahe am Tode. Nun, was macht es, wenn
ein Sklave sich für das Wohl der Untertanen des Königs opfert? Schon
die Weisen sagen: ‚Der Schaden des einzelnen ist besser als der Schaden
der Gesamtheit.‘ Statt daß alle deine Diener umkommen, ist es besser,
daß einer deiner Sklaven sich opfere. Es ist billig, daß du für das
Wohl so vieler Seelen dieses Schaf uns als Mahlzeit gibst.“
Der Löwe hörte auf ihre Rede und wollte das Schaf töten, konnte aber
keinen Vorwand finden. Während er nach einem Grunde suchte, kam das
Schaf nach Gottes Ratschluß zum Löwen. Dieser sagte: „Du ungebildetes
Tier, nimmst du gar keine Rücksicht auf Könige? Jedesmal wenn du kommst
und gehst, dich hinsetzt und aufstehst, machst du meinen Thronsaal voll
Staub.“ Das arme Schaf, das die wahre Sachlage nicht ahnte, sagte: „O
Löwe, du Unvergleichlicher, unterlasse doch, bitte, derartige
unverständige Scherze. Ist wohl auf einem Schiffe im Meere Staub, daß
durch meine Bewegungen dein Thronsaal staubig werden könnte?“ Als der
Löwe dies hörte, schwieg er, aber der Fuchs, der von allen seinen
Günstlingen unter den Tieren besondere Gunst genoß, trat hervor und
sagte: „Du Schaf, dein Benehmen ist schon an und für sich sinnlos und
schmachvoll, aber diese Entschuldigung ist die reine Gemeinheit und
wird allerlei Buße nach sich ziehen, denn gibt es eine größere Sünde
als den Königen gegenüber das Wort zu ergreifen und ihre Perlen
ausstreuende Rede Lügen zu strafen? In deiner großen Dummheit begreifst
du nicht einmal deine Schuld und widersprichst dem Könige. Diese
unverständige Entschuldigung ist wie die Entschuldigung, die der
Stallknecht seinem Herrn gegenüber vorbrachte. Deine Entschuldigung ist
schlimmer als dein Vergehen.“ Der Löwe fragte: „Was ist das für eine
Geschichte?“ Der Fuchs antwortete:
„Es wird erzählt, daß ein angesehener Mann eines Nachts aus einer
Gesellschaft nach Hause zurückkehrte. Während er die Treppe
hinaufstieg, hörte sein Stallknecht, der im Stall war, das Geräusch der
Schritte. Er kommt heraus und sieht, daß in der Dunkelheit jemand die
Treppe emporsteigt. Nun war der Stallknecht jedesmal von der jungen
Hausherrin beehrt worden. Er dachte also, es sei die junge Frau, kam
herbeigesprungen, um ihr unter die Arme zu greifen.[20] Er konnte aber
nicht abwarten, bis er die Hälfte der Treppe erstiegen hatte und drückt
den Knöchel seines Herrn, aber da er diesen Knöchel nicht so weich wie
sonst fand, faßt er Verdacht und schaut genauer auf das Gesicht. Da
sieht er, daß der Knöchel, den er im Glauben, es sei der der jungen
Frau, gedrückt hatte, der seines Herrn ist. Aus Furcht fängt er an um
Verzeihung zu bitten und zu schwören: ‚Bei Gott, ich wußte nicht, daß
Sie es waren, ich dachte, es sei die junge Frau. Jedesmal, wenn sie
kommt, beehrt sie mich an der Treppe. Ich dachte, sie sei gekommen.
Darum seien Sie mir, bitte, nicht böse und zürnen Sie mir nicht.‘ Mit
diesen Worten entschuldigte er sich. Nun, die Entschuldigung des
Schafes gleicht ihr. Deshalb muß es auch seine Strafe erhalten.“
Der Löwe zerriß sogleich mit diesem Vorwand das arme Schaf.