25. DER LÖWE UND DAS SCHAF

In den Märchenbüchern ist geschrieben und auch von den Weisen der

Vorzeit ist erwähnt worden, daß einst in dem Hafen einer Insel ein

großes Schiff, das von Menschen verlassen war, geblieben war. Dieses

Schiff war vorher von einem Sturm betroffen und an das Ufer

geschleudert worden und alle darin befindlichen Lebewesen waren

umgekommen. Nur ein Schaf war gerettet worden. Dies Schaf verließ

bisweilen das Schiff, weidete am Ufer, ging des Abends wieder in das

Schiff und schlief dort.

Nun wohnte in dem Walde jener Insel ein großer Löwe. Alles Wild jener

Gegend gehorchte ihm. Eines Tages machte er eine große Jagd, und

nachdem er und alle, die unter seinem Schutz lebten, sich gesättigt

hatten, fiel der Blick des Löwen, als er am Ufer spazierenging, auf das

Schiff. Er betrat sofort das Schiff, das ihm sehr gefiel, und während

er alles betrachtete, sah er das Schaf. Da er satt war, hatte er

Mitleid mit dem Schaf, schenkte ihm das Leben, lud es zu sich ein,

behandelte es sehr freundlich, zog es in seine nächste Umgebung, ließ

ihm von niemandem Unrecht tun, da es fremd in dieser Gegend war,

versorgte es mit allem Nötigen und gewährte ihm Sicherheit. Das Schiff

machte er zu seinem Palast, lud sein ganzes Gefolge nach dem

Nachmittagsgebet dorthin ein und ließ dort Diwan [38] abhalten. Das

Schaf verkehrte auch ohne weitere Förmlichkeiten bei dem Löwen. Eines

Tages hatte der Löwe mit seinem Gefolge bis zum Abend gejagt, aber kein

Wild gefunden. Am folgenden Tage fanden sie gleichfalls nichts. Als sie

am dritten Tage auch keine Beute fanden, war sowohl der Löwe wie auch

sein Gefolge vor Hunger am Ende ihrer Kräfte. Seine Vezire beschlossen

einstimmig den Tod des Schafes und gingen zum Löwen. Dieser sagte: „Ich

will lieber vor Hunger sterben, als mein Wort brechen und einem

schuldlosen Wesen, dem ich Sicherheit versprochen habe, einen Schaden

zufügen.“ Seine Vezire sagten: „Jawohl, das Wort des Königs der Tiere

ist Wahrheit, und seine Rede ist die absolute Weisheit, aber heute ist

Euer erlauchter Körper vor Hunger nahe am Tode. Nun, was macht es, wenn

ein Sklave sich für das Wohl der Untertanen des Königs opfert? Schon

die Weisen sagen: ‚Der Schaden des einzelnen ist besser als der Schaden

der Gesamtheit.‘ Statt daß alle deine Diener umkommen, ist es besser,

daß einer deiner Sklaven sich opfere. Es ist billig, daß du für das

Wohl so vieler Seelen dieses Schaf uns als Mahlzeit gibst.“

Der Löwe hörte auf ihre Rede und wollte das Schaf töten, konnte aber

keinen Vorwand finden. Während er nach einem Grunde suchte, kam das

Schaf nach Gottes Ratschluß zum Löwen. Dieser sagte: „Du ungebildetes

Tier, nimmst du gar keine Rücksicht auf Könige? Jedesmal wenn du kommst

und gehst, dich hinsetzt und aufstehst, machst du meinen Thronsaal voll

Staub.“ Das arme Schaf, das die wahre Sachlage nicht ahnte, sagte: „O

Löwe, du Unvergleichlicher, unterlasse doch, bitte, derartige

unverständige Scherze. Ist wohl auf einem Schiffe im Meere Staub, daß

durch meine Bewegungen dein Thronsaal staubig werden könnte?“ Als der

Löwe dies hörte, schwieg er, aber der Fuchs, der von allen seinen

Günstlingen unter den Tieren besondere Gunst genoß, trat hervor und

sagte: „Du Schaf, dein Benehmen ist schon an und für sich sinnlos und

schmachvoll, aber diese Entschuldigung ist die reine Gemeinheit und

wird allerlei Buße nach sich ziehen, denn gibt es eine größere Sünde

als den Königen gegenüber das Wort zu ergreifen und ihre Perlen

ausstreuende Rede Lügen zu strafen? In deiner großen Dummheit begreifst

du nicht einmal deine Schuld und widersprichst dem Könige. Diese

unverständige Entschuldigung ist wie die Entschuldigung, die der

Stallknecht seinem Herrn gegenüber vorbrachte. Deine Entschuldigung ist

schlimmer als dein Vergehen.“ Der Löwe fragte: „Was ist das für eine

Geschichte?“ Der Fuchs antwortete:

„Es wird erzählt, daß ein angesehener Mann eines Nachts aus einer

Gesellschaft nach Hause zurückkehrte. Während er die Treppe

hinaufstieg, hörte sein Stallknecht, der im Stall war, das Geräusch der

Schritte. Er kommt heraus und sieht, daß in der Dunkelheit jemand die

Treppe emporsteigt. Nun war der Stallknecht jedesmal von der jungen

Hausherrin beehrt worden. Er dachte also, es sei die junge Frau, kam

herbeigesprungen, um ihr unter die Arme zu greifen.[20] Er konnte aber

nicht abwarten, bis er die Hälfte der Treppe erstiegen hatte und drückt

den Knöchel seines Herrn, aber da er diesen Knöchel nicht so weich wie

sonst fand, faßt er Verdacht und schaut genauer auf das Gesicht. Da

sieht er, daß der Knöchel, den er im Glauben, es sei der der jungen

Frau, gedrückt hatte, der seines Herrn ist. Aus Furcht fängt er an um

Verzeihung zu bitten und zu schwören: ‚Bei Gott, ich wußte nicht, daß

Sie es waren, ich dachte, es sei die junge Frau. Jedesmal, wenn sie

kommt, beehrt sie mich an der Treppe. Ich dachte, sie sei gekommen.

Darum seien Sie mir, bitte, nicht böse und zürnen Sie mir nicht.‘ Mit

diesen Worten entschuldigte er sich. Nun, die Entschuldigung des

Schafes gleicht ihr. Deshalb muß es auch seine Strafe erhalten.“

Der Löwe zerriß sogleich mit diesem Vorwand das arme Schaf.

Türkische Märchen · 第 46 / 91 题