Eine weite Wiese im nebeligen, dunkelblauen Schatten von unendlichen
Wäldern, in die kein Vogel dringt!... In ihrer Mitte fließt ein
azurblauer Bach... Tausende von Pferden und Stuten tollen im goldigen
Licht der neuaufgehenden Sonne... Hunderttausende von Schafen blöken.
Gebrüll und Gewieher! In weiter Ferne erheben sich unzählige Gipfel
schneebedeckter, hoher Berge, die silbergekrönten Häuptern gleichen, in
den Himmel. In der Mitte ein Schloß. Vor der Tür des Gartens, der es
umgibt, stehen bewaffnete, berittene Helden und bellen Hunde.
Das ist der Wohnort eines türkischen Bejs.
Der Besitzer dieses Heims ist der fünfundzwanzigjährige Hassan Bej. Er
kennt nicht die Zahl seiner Schafe, Pferde, Kamele und seiner in alle
Welt ziehenden Karawanen. Die Grenzen seines Besitzes sind unbekannt.
Aus Azerbaidschan, Turkistan, Bagdad, Syrien, Anatolien, aus der
europäischen Türkei kommen Briefe seiner Leute und sagen: „Mehr als die
Hälfte der Welt gehört Hassan Bej.“ Die Reisenden erzählen, daß vom
Osten bis zum Westen sein Name genannt wird.
Hassan Bej, der sein Vermögen und seinen Besitz nicht kennt, besaß zwei
Zwillingskinder im Alter von sechs Jahren, Turgud und Korkud. Die
schönste Frau der Welt, Uludsch Begum hatte sie Hassan im Jahre, da sie
ihn geheiratet, geboren. Jeder hielt sie für Feenkinder. So schön waren
sie, daß ihre großen schwarzen Augen, die sich gänzlich glichen, zu
sehen, die Frauen von den Stämmen, die mehr als einen Monat entfernt
wohnten, kamen und Uludsch Begum beglückwünschten.
Hassan Bej war der einzige Sohn seines reichen, heldenhaften Vaters,
der vor drei Jahren gestorben war. Jeden Tag ging er auf die Jagd,
spielte Polo, dankte Gott für den unzählbaren Reichtum, den ihm das
Geschick gegeben, unterstützte die Armen, half den Hilfesuchenden, kurz
tat nichts anderes als Gutes, Großes und Heldenhaftes.
Obgleich er so reich war, gab er doch nicht seinen Gelüsten nach, trank
nicht, brachte sein Leben mit seiner geliebten Uludsch Begum und seinen
Kindern zu, ging früh zu Bett und stand früh auf. Er war sehr
glücklich.
Aber eines Nachts erschien ihm im Traum ein Derwisch und fragte ihn:
„Hassan Bej, dir wird ein großes Unglück zustoßen. Soll es in deinem
Alter oder in deiner Jugend kommen?“
Er gab keine Antwort und sagte, als er aufwachte: „Hoffentlich läuft es
gut ab.“ Er umarmte Turgud und Korkud, die vor ihm aufgewacht waren und
küßte sie. An dem Tage war er bis zum Abend weder auf der Jagd noch
beim Polo aufgelegt. In der Nacht konnte er in seinem Bette nicht
einschlafen. Gegen Morgen kam eine Müdigkeit über ihn. Kaum waren seine
Augenlider zugefallen, als der gestrige Derwisch wieder vor ihm stand
und, während sein langer Bart sich bewegte, fragte:
„Hassan Bej, über dich wird ein sehr großes Unglück kommen. Soll es in
deinem Alter oder in deiner Jugend kommen?“
Wieder fuhr er empor und wachte auf. Seine Kinder und ihre geliebte
Mutter schliefen noch. Er sah sie an. Also dieses Heim, dieses heilige
Nest, sollte von der grausamen Hand des Schicksals zerstört werden.
Aber jetzt oder später? Er fing an nachzudenken. Er konnte sich nicht
entschließen, zu sagen: „Jetzt ... in meiner Jugend.“ Sollte er nicht
Mitleid haben mit einer solchen Frau und solchen zwei schönen Kleinen?
Mögen sie groß werden, mag es dann in seinem Alter kommen, was es auch
sein möge.
An dem Tage ging er nicht aus. Er saß wie ein Kranker zu Hause. Gegen
Abend änderte sich allmählich sein Entschluß. So reich wie Hassan Bej
war, so tapfer war er auch. Wie er sich vor keinem Feinde fürchtete, so
fürchtete er sich auch nicht vor dem Unglück. Warum sollte er dies
Unglück in seinem Alter wünschen? Wenn indessen das Unglück in seiner
Jugend über ihn käme, würde er das ihm entgegentretende Unglück mit der
Kraft seines Armes erhellen können. Er vertraute auf sich. Da das
Unglück ihm nun einmal bestimmt war, sollte es in der Zeit der Kraft
und des Feuers, in der Jugend, über ihn kommen.
Sobald er den Entschluß gefaßt hatte, schlief er gut. Im Traum kam
wieder der Derwisch und wiederholte seine Frage:
„Hassan Bej, über dich wird ein sehr großes Unglück kommen. Soll es in
deinem Alter oder in deiner Jugend kommen?“
Hassan Bej rief: „In der Jugend, in der Jugend“ und wachte auf.
Uludsch Begum und die Zwillinge wachten auf. Er aber sagte ihnen nur:
„Schlaft nur. Ich habe im Traum gerufen. Macht es euch nur bequem.“
Bis zum Morgen schloß er kein Auge. Als es Morgen wurde, befahl er die
Pferde zu satteln. Er wollte frische Luft schöpfen und einen längeren
Ritt machen. Während er mit seinen Leuten aus der Tür des Hauses ging,
sah er fünf bis zehn Bettler. Ihre Kleider waren zerrissen. Durch die
Risse ihrer Mäntel waren ihre verwundeten Körper zu sehen. Sie
schwankten, da sie sich vor Hunger nicht mehr aufrecht halten konnten.
Er steckte seine Hand in seinen Busen und zog eine Handvoll Goldstücke
heraus und warf sie unter die Armen als Almosen.
Er dachte, sie würden gierig danach greifen. Jedoch keiner rührte sich.
Da sagte Hassan Bej: „Ihr Unglücklichen, warum nehmt ihr nicht mein
Geschenk?“