19. DER GRINDKOPF

Früher war in Stambul ein grindiger Junge. Der sagte: „Wenn ich fünf

Piaster hätte, würde ich ein Kunststück vollführen.“ Ein Reicher hörte

dies, ging hin und gab ihm sieben Piaster und sagte: „Vorwärts,

Bursche, zeige dein Kunststück.“ Der grindige Junge nahm diese sieben

Piaster und ging zum Scherbethändler und sagte: „Nimm diese vierzig

Para und bringe um ein Uhr diesen Scherbet in das Bad von Tacht elqalà.

Der Sohn des Padischahs von Indien hat sich in diesem Bade ausgezogen.

Wenn er aus dem Bade gehen will, soll er den Scherbet trinken.“ Dann

ging er hin und gab einem Pastetenbäcker sechzig Para und sagte: „Um 1½

Uhr soll das der Sohn des Padischahs von Indien essen, wenn er aus dem

Bade von Tacht elqalà, wo er sich ausgezogen hat, herausgeht.“ Dann

kaufte er Tabak zu zwei Piastern und vom besten Zigarettenpapier und

wies einen Krämer an: „Um zwei Uhr bring dies in das Bad von Tacht

elqalà. Der Sohn des Padischahs von Indien hat sich dort ausgezogen und

soll ihn rauchen, wenn er das Bad verläßt.“

Er selbst geht um zwölf Uhr ins Bad, zog sich aus und verbarg seine

schlechten Kleider irgendwo und setzt sich auf den Stein in der Mitte

des Bades. Die Badediener sagen: „Grindiger Junge, geh nun endlich. Es

ist Abend geworden. Wir wollen das Bad reinigen.“ Der grindige Junge

sagte: „Langsam, langsam!“ Da schlugen sie ihn. Als er aus dem Bade

gehen wollte, klopfte man an die Tür. Der Badebesitzer sagte: „Was ist

da?“ Da sagte der Scherbetverkäufer: „Der Sohn des Padischahs von

Indien hat sich hier umgezogen. Er wird diesen Scherbet trinken, wenn

er aus dem Bade geht.“ Da wunderte sich der Badebesitzer, kam sofort

und sagte: „Mein Herr, verzeihe das Versehen der Badediener. Wir

kannten dich nicht.“ Während sie so sprachen, wurde wieder an die Tür

geklopft. Als der Badebesitzer fragte: „Was ist das?“ Da wurde

geantwortet: „Pasteten, die der Sohn des Padischahs von Indien essen

wird.“ Da glaubte der Badebesitzer es wirklich. Man breitete ein

schönes Handtuch über den Stein in der Mitte des Bades und ließ ihn

sich dort hinlegen. Die Badediener rieben ihn mit dem Frottierlappen

und führten ihn mit vieler Höflichkeit aus dem Bade auf das Lager. Als

man ihn sich hinlegen ließ, wurde wieder an die Tür geklopft. Auf die

Frage des Badebesitzers „Was ist das?“ hieß es: „Diesen Tabak wird der

Sohn des Padischahs von Indien rauchen, wenn er aus dem Bade gehen

wird.“

Sie drehen eine Zigarette und geben sie ihm. Der grindige Junge sagt

zum Badebesitzer: „Mein Kawaß [28] wollte mir meine Kleider

nachbringen. Ist er noch nicht gekommen?“ Da sagte der Badebesitzer:

„Ist nicht nötig, mein Herr. Ich habe viele Kleider.“ Dann sagte er zu

seinem Mohren: „Geh, meine Frau soll in die Festkleider in die eine

Tasche Gold und in die andere Silbergeld stecken. Dann bringe sie her.“

Der Mohr ging hin und tat so. Der Grindkopf zog die schönen Kleider des

Badebesitzers an. Als er das Bad verließ, gab er zwei Pfund den

Badedienern, vier Pfund dem Oberaufseher und sechs dem Badebesitzer.

Als er aufstand und weggehen wollte, sagte der Badebesitzer: „Bitte,

mein Herr, bleibe heute als unser Gast.“ Sie standen auf und gingen in

das Haus des Badebesitzers. Am Morgen sagt der Badebesitzer zu seinem

Mohren: „Geh, sage dem und dem Hotelbesitzer, er soll wenigstens ein

Zimmer zurichten.“ Der Hotelbesitzer und der grindige Junge gingen in

das Hotel. Der Letztere blieb in einem Zimmer als Gast. Der grindige

Junge rief den Hotelbesitzer und sagte: „Geh, miete mir vom Bazar zwei

Diener. Der eine soll ein Mohr, der andere ein Weißer sein.“ Der

Hotelbesitzer tat so. Darauf sagte er: „Geh, bringe mir schnell einen

Soldatenrock und ein Martinigewehr.“ Der tat das auch. Der grindige

Junge gab den Soldatenrock und das Gewehr dem weißen Diener und sagte:

„Du halte Wache hier draußen vor der Tür. Wenn jemand kommt, sagst du:

‚es ist verboten.‘“ Der tat so. Dem Mohren sagte er: „Du bleibst bei

mir. Wenn der Soldat draußen sagt: ‚es ist verboten‘, gehe du auch

hinaus und frage: ‚Wer ist da?‘ Wenn der Mann draußen dann sagt: ‚Ich

bin der Diener von dem und dem‘, komme zu mir und benachrichtige mich.“

Die taten so. Er sagte zu dem Mohren: „Kennst du den Läufer des

Großvezirs?“ Der Mohr antwortete: „Ja, ich kenne ihn.“ Er antwortete:

„Geh, rufe ihn mir.“ Der Mohr ging und rief ihn. Als er kam, sagte er

zu dem Läufer: „Bist du der Läufer des Großvezirs?“ Der antwortete:

„Ja.“ Dann sagte er: „Kannst du mir morgen gegen drei oder vier Uhr das

Pferd des Großvezirs im Paradeschmuck bringen? Ich möchte etwas

umherreiten und werde dir zehn Pfund geben.“ Der Läufer sagte: „Sehr

wohl.“ Nachdem er gegangen war, sagte er zu dem Mohren: „Rufe mir den

Läufer des Seraskers.“ Er rief ihn. Als er kam, sagte er ihm dasselbe.

Auch der antwortete: „Sehr wohl.“ Am nächsten Tage legten die beiden

Läufer den Pferden Paradeschmuck an und führten sie vor das Hotel. Er

sagte zu dem Hotelbesitzer: „Suche ein gutes Pferd.“ Der antwortete:

„Sehr wohl.“

Der grindige Junge bestieg das Pferd des Großvezirs, auf das des

Seraskers setzte sich sein Soldat, auf das des Hotelbesitzers der Mohr.

Dann ritten sie spazieren. Als sie während des Rittes vor dem Palast

des Padischahs vorbeikamen, fiel das Auge der Tochter des Padischahs

auf sie. Sie fragte den Posten vor der Tür: „Wer sind die? Frage

einmal.“ Der Posten fragte den Diener: „Wer sind die?“ Der antwortete:

„Das ist der Sohn des Padischahs von Indien.“ Inzwischen wurde es

Abend. Als der Padischah in sein Schloß kam, sagte seine Tochter:

„Vater, ist der Sohn des Padischahs von Indien gekommen?“ Der Padischah

sagt: „Nein, wenn er gekommen wäre, müßte ich es erfahren haben.“ Sie

antwortete: „Als er heute hier vorbeiritt, habe ich ihn gesehen und zum

Posten gesagt: ‚Frage, wer das ist!‘ Der Posten fragte und sagte: ‚Das

ist der Sohn des Padischahs von Indien‘“. Sie ließen den Posten kommen

und sagten: „Du hast gefragt?“ Er antwortete: „Ja, mein Padischah, ich

habe gefragt.“ Da sagte er: „Hast du gefragt, wo er wohnt?“ Er

antwortete: „Nein, mein Padischah, zum Fragen war keine Zeit, sie

gingen weiter.“ Da wurde der Padischah zornig und sagte: „Soviel

Patrouillen und Geheimpolizisten haben wir, und die ahnen nichts davon,

daß der Sohn des Padischahs von Indien gekommen ist?“ Er ließ schnell

einen Menschen kommen und ließ den Sohn des Padischahs von Indien

aufsuchen. Sie fanden das Hotel und sagen dem Padischah: „Er wohnt in

dem und dem Hotel.“ Da sagte der Padischah zu einem seiner Adjutanten:

„Geh, rufe ihn, er soll kommen und unsere Unaufmerksamkeit verzeihen.“

Als der Adjutant kam und nach oben gehen wollte, sagte der Posten: „Es

ist verboten.“ Der Mohr kam heraus und fragte: „Wer ist da?“ Der

Adjutant sagte: „Wenn es erlaubt ist, möchte ich den Bej [29]

besuchen.“ Der Mohr ging hinein, der Prinz antwortete: „Nein, er soll

nicht kommen.“ Der Adjutant ging wieder zum Padischah und sagte: „Er

hat mich nicht hineingelassen.“ Der Padischah dachte: „Er ist zornig,

weil wir ihm nicht entgegengegangen sind. Deswegen ist er ärgerlich.“

Er ging zum Großvezir und sagte: „Rufe du ihn, er möge kommen.“ Er

ging, wurde aber wie der Adjutant nicht hineingelassen. Da sagte der

Padischah zum Scheich ul Islam: „Geh du hin. Wenn er nicht kommt, werde

ich hingehen.“ Der Scheich ul Islam ging hin. Wieder sagte der Posten:

„Es ist verboten.“ Der Mohr kam und fragte: „Wer ist da?“ Da sagte er:

„Ich bin der Scheich ul Islam. Wenn es erlaubt ist, möchte ich

eintreten.“ Der ging und sagte dem Grindköpfigen: „Der Scheich ul Islam

ist gekommen. Darf er eintreten?“ Der sagte: „Ja, er mag kommen.“ Der

Scheich ul Islam trat ein. Der Grindköpfige stand auf. Der Scheich ul

Islam ließ ihn sich hinsetzen, begrüßte ihn und fragte ihn nach seinem

Befinden und sagte: „Wie geht es deinem Vater, ist er gesund?“ Er

sagte: „Es geht ihm gut, er läßt euch grüßen.“ Der Scheich ul Islam

sagte: „Dein Vater ist ein sehr guter Mann. Er war mein Schulkamerad.“

Nachdem sie sich gegenseitig nach ihrem Befinden erkundigt hatten,

sagte der Scheich ul Islam: „Komm doch, bitte. Unser Padischah wünscht

dich zu sehen.“ Da sagte der Grindköpfige: „Ist das bei euch so Sitte?“

Der antwortete: „Was verlangst du?“ Er antwortete: „Ich verlange eine

Regimentskapelle und ein Regiment Kavallerie.“ Er ging zum Padischah

und sagte es ihm. Der antwortete: „So soll es sein.“ Alle Vezire holten

ihn mit Ehrenbezeugungen in den Palast. Sie unterhielten sich im Palast

bis zum Abend. Alle Anwesenden entfernten sich. Als sie allein waren

und nur der Padischah und der Grindköpfige allein waren, ging die

Tochter des Padischahs spazieren. Sie war in den Grindköpfigen

verliebt, nimmt ein Tuch und schickt es durch eine Sklavin zu ihrem

Vater. Damals herrschte die Gewohnheit, wenn ein Mädchen sich in jemand

verliebt hatte, so schickte sie ihm solche Zeichen. Der Padischah

verstand, daß seiner Tochter der Grindköpfige gefiel. Der Padischah

dachte nach. Da sagte der Grindköpfige: „Mein Padischah, woran denkst

du?“ Der erklärte ihm die Sache. Dieser sagte: „Sehr wohl, mein

Padischah, aber ohne die Erlaubnis meines Vaters und meiner Mutter geht

es nicht.“ Der Padischah sagte: „Ich werde an deinen Vater und Mutter

schreiben, um die Erlaubnis zu erlangen. Ich werde einen Brief mit der

Post schreiben.“ Der antwortete: „Wenn ich nicht selber hingehe, ist es

unmöglich. Nach drei bis fünf Monaten werde ich hingehen und die

Erlaubnis holen und wiederkommen. Dann mag es sein, wie du gesagt

hast.“ Der Padischah: „Es ist nicht nötig, daß du selber hingehst.“ Er

schrieb einen Brief und gab ihn dem Tataren. Der stieg auf den Dampfer

und fuhr nach Indien. Eines Tages kam er in Indien an, ging zum

Padischah und gab den Brief dem Padischah. Der Padischah saß in der

Versammlung, öffnete den Brief, sah ihn an, legte ihn wieder in den

Umschlag und steckte ihn in die Tasche. Als er am Abend nach Hause

gekommen war, las er ihn und lachte. Seine Frau sagte: „Was lachst du?“

Er sagte: „Irgend ein junger Mann ist zum Padischah gegangen, hat ihn

überredet, daß er der Sohn des Padischahs von Indien sei. Der ist

bereit, ihm seine Tochter zu geben. Der junge Mann hat uns als seine

Eltern angegeben und gesagt, daß es ohne unsere Erlaubnis nicht

anginge. Der Padischah hat deswegen an uns geschrieben. Was soll man da

tun?“ Seine Frau sagte: „Das ist ja gut. Ohne uns zu sehen, hat er uns

als Eltern angenommen. Deswegen wollen wir, indem wir sagen: ‚Sehr gut,

wir sind damit einverstanden‘, morgen einen Brief schreiben und von

dem, von meinem Vater ererbten Vermögen einen Dampfer ausrüsten und als

Geschenk schicken.“ So taten sie. Das Schiff mag nun nach Stambul

gehen! Unsere Geschichte kehrt jetzt zu dem Grindköpfigen zurück.

Seitdem der Dampfer nach Indien gefahren war, hatte er keinen ruhigen

Schlaf gehabt. Was sollte er machen? Er schlief nicht, in dem Gedanken:

„Wenn sie sagen, der Sohn des Padischahs von Indien hat keinen Sohn,

werden sie mich sofort töten.“

Der Dampfer kam nach Stambul, seine Pfeife ertönte. Der Grindköpfige

wußte nicht, was er tun sollte, und ging ans Fenster indem er dachte:

„Ich werde mich aus dem Fenster stürzen, dann bin ich wenigstens tot.“

Die Posten ließen ihn aber nicht an das Fenster. Der Tatar kam und gab

den Brief dem Padischah. Der Grindköpfige stand Todesqualen aus. Der

Padischah las den Brief und sagte: „Siehst du, dein Vater hat die

Erlaubnis gegeben.“ Der Grindköpfige sagte: „Dann ist die Sache

erledigt. Mein Vater hat zu befehlen.“ Der Padischah sagte: „Die

Hochzeit soll stattfinden.“ Nachdem vierzig Tage lang die

Hochzeitsfeierlichkeiten gedauert hatten, sagte der Padischah am

Brautnachtsabend: „Fordere von mir, was du wünschest.“ Der Grindköpfige

sagte: „Gib dem Badebesitzer in Tacht el qalà ein Paschalik, dem und

dem Hotelbesitzer den Posten eines Majors und dem Mann, der die fünf

Piaster gegeben hat, einen Posten.“ Der Padischah sagte: „Es soll

sein.“ Der Grindköpfige wurde Schwiegersohn des Padischahs. Jetzt

wollte der Grindköpfige mit seiner Frau nach Indien gehen. Der

Padischah gab die Erlaubnis und sie gingen nach Indien. Als die Pfeife

des Dampfers ertönte, fragte das Volk: „Was ist das?“ Man sagte: „Der

Sohn des Padischahs ist gekommen. Es sollen Feste gefeiert werden und

die Bevölkerung soll ihm entgegen gehen.“ Die alten Leute sagten:

„Hatte der Padischah einen Sohn? Das ist nicht sein Sohn.“ Trotzdem

gingen sie ihm entgegen und führten ihn ins Schloß. Dort lebten sie

vergnüglich.

Türkische Märchen · 第 36 / 91 题