16. DIE GESCHICHTE VOM DSCHIHANSCHAH

Es gab einen Padischah, der Dschihanschah hieß. Einst sagte er: „Ich

will das andere Ende dieser Welt finden“ und nahm einen Dampfer,

Soldaten und Lebensmittel mit sich und fuhr über’s Meer. Unterwegs

kommt ein Sturm. Nach drei bis fünf Monaten kommt er in ein Land. Die

Soldaten, die er bei sich hatte, waren umgekommen, er war allein ohne

Lebensmittel übriggeblieben. Als er so dahingeht, kommt er in ein Dorf

und bleibt als Gast bei einem Manne. Als er am Morgen aufsteht, ruft

ein Ausrufer: „Ist jemand da, der für eine Stunde Arbeit einen neuen

Anzug, tausend Piaster und ein schönes Mädchen sich verdienen will?“ Da

er unerfahren und in Not ist, sagt er: „Ich will es tun.“ Er empfängt

den Anzug, das Geld und das Mädchen.

Der Mann, der ihm den Anzug, das Geld und das Mädchen gegeben hat,

sagt: „Komm, ich werde dich an einen Ort führen.“ Er gibt ihm ein

Pferd, besteigt selber eins, nimmt sich noch zehn Pferde und zwei Leute

dazu. So ziehen sie in die Berge, kommen an einen felsigen Ort und

steigen vom Pferde. Dann tötet er ein Pferd, zieht ihm das Fell ab,

schneidet den Bauch auf, nimmt die Eingeweide heraus und sagt zum

Dschihanschah: „Zieh dich aus.“ Der sagt: „Was soll ich tun?“ Der

andere antwortet: „Du wirst in den Bauch des Pferdes gehen, eine Stunde

schlafen und mir dann genau sagen, was du im Traum gesehen hast.“ Der

zieht sich aus, läßt Geld und Kleidung zurück und geht nackt in den

Bauch des Pferdes. Der Mensch näht die Haut zu und versteckt sich mit

den andern in einem Hinterhalt. Von dem Berge kommen große Vögel,

nehmen das tote Pferd mit dem Dschihanschah darinnen, und tragen sie

weg. Auf der Spitze des Berges zerreißen die Vögel das Pferd. Der Schah

kommt aus dem Innern heraus und die Vögel zerstreuen sich. Er sieht,

daß es nicht die Stelle ist, wo er sich hat einnähen lassen, geht bis

an den Rand des Felsens und sieht sich um. Da sieht er die Leute mit

den Pferden. Die rufen ihm von unten zu: „Wirf uns von den dort

befindlichen Steinen einige herunter. Ich werde dir dann den Weg

beschreiben, komm dann herunter.“ Der Dschihanschah wirft die Steine

herunter. Die Leute sammeln die Steine, packen sie in Säcke, legen sie

auf die Pferde und gehen wieder in ihr Dorf zurück. Der Dschihanschah

bleibt dort, sucht überall einen Weg, findet aber keinen. Nach einiger

Zeit findet er einen Abstieg. Er nimmt zwei Knochen in die Hand und

stützt sich damit auf dem Abstieg. Während er hinabsteigt, hört der Weg

auf, so daß noch eine Entfernung von zwei Minarets Höhe bis zum Boden

übrigbleibt. Er wirft sich hinab. Allah bewahrt ihn vor dem Tode, er

fällt herunter und wird ohnmächtig. Als er wieder zu sich kommt, sieht

er, daß er bei Tagesanbruch den Berg herabgestiegen ist und bei

Sonnenuntergang wieder zu sich gekommen ist. Es war unmöglich, weder

vom Lande, noch vom Meere, diesen Ort zu finden. Er sieht sich um und

erblickt in der Ferne ein Schloß. Während er überall den Weg sucht,

findet er es, öffnet die Tür und geht hinein. Da sieht er einen

wohlbeleibten, schönen, weißbärtigen Mann. Als der den Dschihanschah

sieht, steht er auf und fragt ihn: „Aber, Menschenssohn, wie kommst du

hierher?“ Der erzählt ihm sein Erlebnis. Der in dem Schlosse wohnende

weißbärtige Alte sagt: „Mein Sohn, nimm diesen Schlüssel, öffne jede

Tür, aber jene Tür dort, öffne nicht, denn in drei Tagen komme ich

wieder. Aber jene Tür öffne ja nicht.“ Der weißbärtige Alte geht weg.

Der Dschihanschah denkt: „Ach, was sollte geschehen. Ich habe schon

soviel Unglück erlebt, da will ich auch diese Tür öffnen. Mag

geschehen, was will.“ Er öffnet die Tür, tritt ein und sieht, daß in

der Mitte ein Wasserbecken ist und rings darum ein Rosengarten. In den

übrigen Räumen, deren Türen er geöffnet hatte, war nichts so Schönes,

und keine Nachtigall ließ sich dort hören. Indem er am Rande des

Wasserbeckens spazieren geht, setzt er sich unter einen Rosenbaum. Da

kommt eine Taube und setzt sich auf den Stein des Beckens. Dann sieht

er, daß sie ein Mädchen wird und daß noch eine, und noch eine Taube

kommt. Die drei Tauben werden Mädchen. Das älteste Mädchen sagt: „Seht

euch um, ob kein Mensch hier ist.“ Die jüngste sagt: „Seit Sultan

Solimans Zeiten ist kein Mensch hierhergekommen. Zieht euch nur aus!“

Sie ziehen sich aus. Als die jüngste sich auszieht, verliert der

Dschihanschah die Besinnung und wird ohnmächtig. Diese Tauben kamen

einmal im Jahre zu jenem Becken, badeten sich und gingen dann wieder

weg. Nachdem sie sich nun gebadet hatten, gingen sie auch wieder weg.

Als der weißbärtige Alte wieder kam, sah er, daß der Dschihanschah

nicht im Schlosse ist. Er suchte ihn überall, konnte ihn aber nicht

finden. Da kommt ihm in den Sinn: „Vielleicht hat er die Tür, von der

ich gesagt hatte ‚öffne sie nicht‘, geöffnet und ist eingetreten, und

dann ist ihm ein Unglück zugestoßen.“ Er fing an, im Garten zu suchen.

Während er suchte, sah er ihn unter einem Rosenbaum liegen. Er ging

hin, schüttelte ihn, hob ihn auf und fragte: „Was ist dir geschehen?“

Der sagte: „Ach, Vater, ich will alles tun, was du willst, aber sage

mir, wie ich das jüngste Mädchen bekommen kann. Ich will dir mein

ganzes Leben dienen, aber verschaffe mir dies Mädchen.“ Der sagte: „Das

sind Peris. Sie kommen einmal im Jahre hierher, baden sich in diesem

Becken und gehen dann fort. Sogar wenn ich hier bin, kommen sie nicht.

Nur wenn ich im Jahre die Regierung über die Vögel ausübe, kommen sie,

wenn ich dazu weggegangen bin, in Gestalt von Tauben. Wenn du noch ein

Jahr wartest, kommen sie wieder, so, wie du es jetzt gesehen hast. Wenn

das jüngste Mädchen ihr Hemd ausgezogen hat, nimm das Hemd, und wenn

sie dich auch noch so sehr bittet, laß dich nicht täuschen und gib es

nicht, ehe sie dir ein Kind geboren hat.

Der Dschihanschah wartet ein Jahr. Nach einem Jahre geht der Herr des

Schlosses zu den Vögeln und übergibt ihm die Schlüssel. Wie das

erstemal öffnet er die Tür, verbirgt sich unter dem Rosenbaum. Die

Tauben kommen und ziehen sich aus. Der Dschihanschah nimmt das Hemd des

jüngsten Mädchens, geht weg und setzt sich unter den Rosenbaum. Die

älteren Mädchen ziehen sich an und fliegen weg. Das jüngste Mädchen

fleht: „Ach, gib mir mein Hemde und ich will dir angehören.“ Der

Dschihanschah gibt es ihr nicht, bis der Herr des Schlosses kommt. Der

kommt. Das Mädchen sagt: „Verheirate mich mit dem Dschihanschah.“ Der

Dschihanschah sagt: „In Gegenwart meines Vaters will ich die Hochzeit

machen. Hier gehe ich nicht ins Hochzeitsgemach.“ Der Schloßbesitzer

ermahnt den Dschihanschah: „Paß auf, gib ihr nicht das Hemd.“ Das

Mädchen nimmt ihn auf den Rücken und fliegt in die Luft, zeigt auf eine

Stadt und fragt: „Welche Stadt ist das?“ Der Dschihanschah sagt: „Das

ist meines Vaters Stadt.“ Das Mädchen steigt mit dem Dschihanschah

zusammen herab. Der Vater und die Mutter des Dschihanschah sehen ihren

Sohn nach drei Jahren mit einem schönen Mädchen zusammen. Sie begrüßen

ihn und fragen: „Aber, Kind, woher kommst du?“

Der Dschihanschah befiehlt: „Spaltet einen Marmorstein.“ In die Spalte

steckt er das Hemd. Dann befiehlt er: „Es soll ein Schloß gebaut

werden.“ Diesen Stein macht er zum Grundstein des Schlosses. Er läßt

das Schloß bauen und die Hochzeit zurichten. Er beendigt das Schloß und

auch die Hochzeitszurichtungen. Dann bringt man das Mädchen ins Schloß.

Als es eintritt, riecht es den Geruch seines Hemdes, nimmt aus dem

Stein unter dem Grundstein das Hemd, fliegt auf das Fenstergesims und

verbleibt dort.

Als die Hodschas den Dschihanschah unter Gebet in das Hochzeitsgemach

führen, sieht er, daß das Mädchen nicht in seinem Zimmer ist. Er denkt:

„Bin ich in ein falsches Zimmer gekommen oder bin ich verwirrt?“ Als er

wieder umkehren will, sagt das Mädchen: „Du bist nicht verwirrt. Ich

bin hier auf dem Fenstersims.“ Er sagt: „Komm herunter.“ Sie antwortet:

„Als der Padischah der Vögel als Hodscha uns dort ins Brautgemach

führen wollte, sagtest du: ‚Mein Vater und meine Mutter sollen ihren

Wunsch erfüllt sehen.‘ Jetzt haben dein Vater und deine Mutter ihren

Wunsch erfüllt gesehen, aber meine Eltern noch nicht. Wenn du mich

liebst und mich haben willst, komm, suche mich im Perilande meines

Vaters.“ Mit diesen Worten flog sie weg.

Der Dschihanschah weinte und alle Verwandten und seine Eltern kamen und

sagten: „Wir wollen dir die Tochter von dem und dem Vezir geben.“ Aber

es nützte nichts.

Das Mädchen ging zu ihren Eltern und erzählte die Geschichte, die ihr

passiert war. Der Vater sagte: „Ach, meine Tochter, das war ein

Königssohn. Dem warst du bestimmt. Du hättest nicht fliehen müssen.“

Das Mädchen antwortete: „Ich hoffe, daß er mich suchen und finden wird

oder meinetwegen sterben wird. Außerdem muß er in dem Schlosse des

Vogelpadischahs am Becken gefunden werden.“ Auf diese Worte hin

schickte ihr Vater zwei Peri aus, um jenen Menschen zu suchen.

Der Dschihanschah bestieg wieder wie das erstemal einen Dampfer, fand

das Land, in dem der Ausrufer ausrief, und ging wieder in das Dorf. Der

Ausrufer fing wieder an auszurufen: „Für einen Anzug, tausend Piaster

und ein schönes Mädchen ist eine Stunde Arbeit zu tun.“ Der

Dschihanschah nahm Anzug, Geld, Mädchen. Sie besteigen die Pferde und

gehen an den Fuß des Berges. Wie das erstemal geht er in den Bauch des

Pferdes — aber diesmal nimmt er Anzug und Geld mit. — Die andern

verbergen sich. Von der Spitze des Berges kommen die großen Vögel und

holen das tote Pferd mit dem Dschihanschah und legen es oben auf dem

Berge nieder. Der Dschihanschah kommt heraus, die Vögel zerstreuen

sich. Er geht an den Rand des Berges und schaut nach unten. Die Leute

sagen: „Wirf von dort Steine herab und wir werden dir den Abstieg

zeigen.“ Der Dschihanschah warf ihnen keine Steine hinunter, weil sie

ihn das erste Mal getäuscht hatten. Die Steine hatten nämlich die

osmanische Okka [24] den Wert einer Last Gold. Wie das erstemal nimmt

er da, wo er absteigt, für den Abstieg zwei Knochen in die Hand, stützt

sich darauf und steigt allmählich hinunter. Als er in der Höhe von zwei

Minarets keinen Pfad und keine Felsspalte, in die er den Knochen setzen

konnte, findet, wirft er sich hinunter und wird ohnmächtig, kommt

wieder zu sich, sieht sich um, erblickt das Schloß und geht hin. Er

findet den weißbärtigen Alten, küßt ihm Hände und Füße. Dieser weiß,

daß das Mädchen entwischt ist. Der Vater des Mädchens hatte zwei Peri

geschickt, um den Jüngling zu suchen. Er fragte die Vögel: „Wißt ihr

das Land der Peris?“ Die Vögel sagten: „Wir wissen es nicht, aber es

gibt einen großen Vogel, der Smaragdvogel heißt, den frage.“ Er rief

den Smaragdvogel und fragt ihn: „Der Vogel antwortete: Als ich noch als

Junges im Nest lag, nahm mich meine Mutter und entfloh bis zur Grenze

des Perilandes. Die Grenze weiß ich. Darüber hinaus gehe ich nicht.“

Von der Grenze bis zur Stadt des Vaters des Mädchens war zu fliegen ein

Weg von sechs Monaten, von der Grenze bis zum Schlosse des Padischahs

der Vögel zu fliegen ein Weg von drei Monaten. Der Herr des Schlosses

füllte einen Schlauch voll Wasser — etwa zwanzig Okka —, lädt es dem

Dschihanschah auf den Rücken und setzt ihn auf den Vogel und schrieb

einen Brief für ihn. Eine Monatsreise entfernt wohnte nämlich sein

älterer Bruder. Der war auch Vogelpadischah. Er setzte ihn also auf den

Vogel und ermahnte ihn: „Wenn der Vogel, auf den du gestiegen bist,

‚tschak‘ sagt, gib ihm ein Stück Fleisch, wenn er ‚Tschunk‘ sagt, gib

ihm etwas Wasser.“ Zum Vogel sagte er: „Führe diesen Dschihanschah zu

meinem älteren Bruder. Von dort komme du wieder zurück.“ Der

Dschihanschah nahm das Fleisch, das Wasser und den Brief und stieg auf

den Vogel. Der Vogel brachte ihn zum Vogelpadischah, gab ihn ab und

kehrte wieder um und gab den Brief dem älteren Bruder. Der öffnet ihn

und liest: „Setze diesen Dschihanschah auf einen Vogel, schreibe an

unseren älteren Bruder einen Brief, daß er ihn mit einem Vogel in das

Periland führe.“ Der setzte ihn auf einen Vogel und schickte ihn zu

ihrem älteren Bruder. Dieser berief die Vögel zusammen, gab einem

großen, starken Vogel Anweisungen und der setzte den Dschihanschah, wie

er ihm auf einem Vogel geschickt war, auch auf einen Vogel an der

Grenze des Perilandes ab und kehrte um. Da traf er die beiden Peris,

die der Vater des Mädchens abgeschickt hatte, um ihn zu suchen. Die

sagten: „Das ist der Mensch, den der Peripadischah sucht.“ Sie packten

ihn, ohne ihm weh zu tun, und brachten ihn zum Vater des Mädchens. Der

sagte: „Ich bin zufrieden“, richtete die Hochzeit zu und führte den

Dschihanschah in das Brautgemach und dieser erreichte seinen Wunsch.

Nach einiger Zeit setzte er, um den Vater des Dschihanschah zu

besuchen, seine Gemahlin auf Peris und schickte kostbare Geschenke mit.

Als sie durch die Luft flogen, sahen sie in einem öden Lande einen Ort

mit Wiesen und Weiden. Indem sie sagten: „Hier wollen wir eine Nacht

bleiben“, stiegen sie aus der Luft herunter und verweilten dort.

Während sie da saßen, ging das Mädchen, um sich den Rücken zu waschen,

weiter fort ans Wasser und zieht sich aus. Als es in das Wasser gehen

will, kommt aus dem Walde ein Wolf, zerreißt das Mädchen und tötet es.

Der Jüngling erfährt, daß ein Wolf das Mädchen aufgefressen hat. Er

hört nicht auf zu weinen, geht weder zu seinem Vater noch zu dem des

Mädchens, sondern verweilt dort und stirbt dort.

Türkische Märchen · 第 33 / 91 题