Es gab einen Padischah, der Dschihanschah hieß. Einst sagte er: „Ich
will das andere Ende dieser Welt finden“ und nahm einen Dampfer,
Soldaten und Lebensmittel mit sich und fuhr über’s Meer. Unterwegs
kommt ein Sturm. Nach drei bis fünf Monaten kommt er in ein Land. Die
Soldaten, die er bei sich hatte, waren umgekommen, er war allein ohne
Lebensmittel übriggeblieben. Als er so dahingeht, kommt er in ein Dorf
und bleibt als Gast bei einem Manne. Als er am Morgen aufsteht, ruft
ein Ausrufer: „Ist jemand da, der für eine Stunde Arbeit einen neuen
Anzug, tausend Piaster und ein schönes Mädchen sich verdienen will?“ Da
er unerfahren und in Not ist, sagt er: „Ich will es tun.“ Er empfängt
den Anzug, das Geld und das Mädchen.
Der Mann, der ihm den Anzug, das Geld und das Mädchen gegeben hat,
sagt: „Komm, ich werde dich an einen Ort führen.“ Er gibt ihm ein
Pferd, besteigt selber eins, nimmt sich noch zehn Pferde und zwei Leute
dazu. So ziehen sie in die Berge, kommen an einen felsigen Ort und
steigen vom Pferde. Dann tötet er ein Pferd, zieht ihm das Fell ab,
schneidet den Bauch auf, nimmt die Eingeweide heraus und sagt zum
Dschihanschah: „Zieh dich aus.“ Der sagt: „Was soll ich tun?“ Der
andere antwortet: „Du wirst in den Bauch des Pferdes gehen, eine Stunde
schlafen und mir dann genau sagen, was du im Traum gesehen hast.“ Der
zieht sich aus, läßt Geld und Kleidung zurück und geht nackt in den
Bauch des Pferdes. Der Mensch näht die Haut zu und versteckt sich mit
den andern in einem Hinterhalt. Von dem Berge kommen große Vögel,
nehmen das tote Pferd mit dem Dschihanschah darinnen, und tragen sie
weg. Auf der Spitze des Berges zerreißen die Vögel das Pferd. Der Schah
kommt aus dem Innern heraus und die Vögel zerstreuen sich. Er sieht,
daß es nicht die Stelle ist, wo er sich hat einnähen lassen, geht bis
an den Rand des Felsens und sieht sich um. Da sieht er die Leute mit
den Pferden. Die rufen ihm von unten zu: „Wirf uns von den dort
befindlichen Steinen einige herunter. Ich werde dir dann den Weg
beschreiben, komm dann herunter.“ Der Dschihanschah wirft die Steine
herunter. Die Leute sammeln die Steine, packen sie in Säcke, legen sie
auf die Pferde und gehen wieder in ihr Dorf zurück. Der Dschihanschah
bleibt dort, sucht überall einen Weg, findet aber keinen. Nach einiger
Zeit findet er einen Abstieg. Er nimmt zwei Knochen in die Hand und
stützt sich damit auf dem Abstieg. Während er hinabsteigt, hört der Weg
auf, so daß noch eine Entfernung von zwei Minarets Höhe bis zum Boden
übrigbleibt. Er wirft sich hinab. Allah bewahrt ihn vor dem Tode, er
fällt herunter und wird ohnmächtig. Als er wieder zu sich kommt, sieht
er, daß er bei Tagesanbruch den Berg herabgestiegen ist und bei
Sonnenuntergang wieder zu sich gekommen ist. Es war unmöglich, weder
vom Lande, noch vom Meere, diesen Ort zu finden. Er sieht sich um und
erblickt in der Ferne ein Schloß. Während er überall den Weg sucht,
findet er es, öffnet die Tür und geht hinein. Da sieht er einen
wohlbeleibten, schönen, weißbärtigen Mann. Als der den Dschihanschah
sieht, steht er auf und fragt ihn: „Aber, Menschenssohn, wie kommst du
hierher?“ Der erzählt ihm sein Erlebnis. Der in dem Schlosse wohnende
weißbärtige Alte sagt: „Mein Sohn, nimm diesen Schlüssel, öffne jede
Tür, aber jene Tür dort, öffne nicht, denn in drei Tagen komme ich
wieder. Aber jene Tür öffne ja nicht.“ Der weißbärtige Alte geht weg.
Der Dschihanschah denkt: „Ach, was sollte geschehen. Ich habe schon
soviel Unglück erlebt, da will ich auch diese Tür öffnen. Mag
geschehen, was will.“ Er öffnet die Tür, tritt ein und sieht, daß in
der Mitte ein Wasserbecken ist und rings darum ein Rosengarten. In den
übrigen Räumen, deren Türen er geöffnet hatte, war nichts so Schönes,
und keine Nachtigall ließ sich dort hören. Indem er am Rande des
Wasserbeckens spazieren geht, setzt er sich unter einen Rosenbaum. Da
kommt eine Taube und setzt sich auf den Stein des Beckens. Dann sieht
er, daß sie ein Mädchen wird und daß noch eine, und noch eine Taube
kommt. Die drei Tauben werden Mädchen. Das älteste Mädchen sagt: „Seht
euch um, ob kein Mensch hier ist.“ Die jüngste sagt: „Seit Sultan
Solimans Zeiten ist kein Mensch hierhergekommen. Zieht euch nur aus!“
Sie ziehen sich aus. Als die jüngste sich auszieht, verliert der
Dschihanschah die Besinnung und wird ohnmächtig. Diese Tauben kamen
einmal im Jahre zu jenem Becken, badeten sich und gingen dann wieder
weg. Nachdem sie sich nun gebadet hatten, gingen sie auch wieder weg.
Als der weißbärtige Alte wieder kam, sah er, daß der Dschihanschah
nicht im Schlosse ist. Er suchte ihn überall, konnte ihn aber nicht
finden. Da kommt ihm in den Sinn: „Vielleicht hat er die Tür, von der
ich gesagt hatte ‚öffne sie nicht‘, geöffnet und ist eingetreten, und
dann ist ihm ein Unglück zugestoßen.“ Er fing an, im Garten zu suchen.
Während er suchte, sah er ihn unter einem Rosenbaum liegen. Er ging
hin, schüttelte ihn, hob ihn auf und fragte: „Was ist dir geschehen?“
Der sagte: „Ach, Vater, ich will alles tun, was du willst, aber sage
mir, wie ich das jüngste Mädchen bekommen kann. Ich will dir mein
ganzes Leben dienen, aber verschaffe mir dies Mädchen.“ Der sagte: „Das
sind Peris. Sie kommen einmal im Jahre hierher, baden sich in diesem
Becken und gehen dann fort. Sogar wenn ich hier bin, kommen sie nicht.
Nur wenn ich im Jahre die Regierung über die Vögel ausübe, kommen sie,
wenn ich dazu weggegangen bin, in Gestalt von Tauben. Wenn du noch ein
Jahr wartest, kommen sie wieder, so, wie du es jetzt gesehen hast. Wenn
das jüngste Mädchen ihr Hemd ausgezogen hat, nimm das Hemd, und wenn
sie dich auch noch so sehr bittet, laß dich nicht täuschen und gib es
nicht, ehe sie dir ein Kind geboren hat.
Der Dschihanschah wartet ein Jahr. Nach einem Jahre geht der Herr des
Schlosses zu den Vögeln und übergibt ihm die Schlüssel. Wie das
erstemal öffnet er die Tür, verbirgt sich unter dem Rosenbaum. Die
Tauben kommen und ziehen sich aus. Der Dschihanschah nimmt das Hemd des
jüngsten Mädchens, geht weg und setzt sich unter den Rosenbaum. Die
älteren Mädchen ziehen sich an und fliegen weg. Das jüngste Mädchen
fleht: „Ach, gib mir mein Hemde und ich will dir angehören.“ Der
Dschihanschah gibt es ihr nicht, bis der Herr des Schlosses kommt. Der
kommt. Das Mädchen sagt: „Verheirate mich mit dem Dschihanschah.“ Der
Dschihanschah sagt: „In Gegenwart meines Vaters will ich die Hochzeit
machen. Hier gehe ich nicht ins Hochzeitsgemach.“ Der Schloßbesitzer
ermahnt den Dschihanschah: „Paß auf, gib ihr nicht das Hemd.“ Das
Mädchen nimmt ihn auf den Rücken und fliegt in die Luft, zeigt auf eine
Stadt und fragt: „Welche Stadt ist das?“ Der Dschihanschah sagt: „Das
ist meines Vaters Stadt.“ Das Mädchen steigt mit dem Dschihanschah
zusammen herab. Der Vater und die Mutter des Dschihanschah sehen ihren
Sohn nach drei Jahren mit einem schönen Mädchen zusammen. Sie begrüßen
ihn und fragen: „Aber, Kind, woher kommst du?“
Der Dschihanschah befiehlt: „Spaltet einen Marmorstein.“ In die Spalte
steckt er das Hemd. Dann befiehlt er: „Es soll ein Schloß gebaut
werden.“ Diesen Stein macht er zum Grundstein des Schlosses. Er läßt
das Schloß bauen und die Hochzeit zurichten. Er beendigt das Schloß und
auch die Hochzeitszurichtungen. Dann bringt man das Mädchen ins Schloß.
Als es eintritt, riecht es den Geruch seines Hemdes, nimmt aus dem
Stein unter dem Grundstein das Hemd, fliegt auf das Fenstergesims und
verbleibt dort.
Als die Hodschas den Dschihanschah unter Gebet in das Hochzeitsgemach
führen, sieht er, daß das Mädchen nicht in seinem Zimmer ist. Er denkt:
„Bin ich in ein falsches Zimmer gekommen oder bin ich verwirrt?“ Als er
wieder umkehren will, sagt das Mädchen: „Du bist nicht verwirrt. Ich
bin hier auf dem Fenstersims.“ Er sagt: „Komm herunter.“ Sie antwortet:
„Als der Padischah der Vögel als Hodscha uns dort ins Brautgemach
führen wollte, sagtest du: ‚Mein Vater und meine Mutter sollen ihren
Wunsch erfüllt sehen.‘ Jetzt haben dein Vater und deine Mutter ihren
Wunsch erfüllt gesehen, aber meine Eltern noch nicht. Wenn du mich
liebst und mich haben willst, komm, suche mich im Perilande meines
Vaters.“ Mit diesen Worten flog sie weg.
Der Dschihanschah weinte und alle Verwandten und seine Eltern kamen und
sagten: „Wir wollen dir die Tochter von dem und dem Vezir geben.“ Aber
es nützte nichts.
Das Mädchen ging zu ihren Eltern und erzählte die Geschichte, die ihr
passiert war. Der Vater sagte: „Ach, meine Tochter, das war ein
Königssohn. Dem warst du bestimmt. Du hättest nicht fliehen müssen.“
Das Mädchen antwortete: „Ich hoffe, daß er mich suchen und finden wird
oder meinetwegen sterben wird. Außerdem muß er in dem Schlosse des
Vogelpadischahs am Becken gefunden werden.“ Auf diese Worte hin
schickte ihr Vater zwei Peri aus, um jenen Menschen zu suchen.
Der Dschihanschah bestieg wieder wie das erstemal einen Dampfer, fand
das Land, in dem der Ausrufer ausrief, und ging wieder in das Dorf. Der
Ausrufer fing wieder an auszurufen: „Für einen Anzug, tausend Piaster
und ein schönes Mädchen ist eine Stunde Arbeit zu tun.“ Der
Dschihanschah nahm Anzug, Geld, Mädchen. Sie besteigen die Pferde und
gehen an den Fuß des Berges. Wie das erstemal geht er in den Bauch des
Pferdes — aber diesmal nimmt er Anzug und Geld mit. — Die andern
verbergen sich. Von der Spitze des Berges kommen die großen Vögel und
holen das tote Pferd mit dem Dschihanschah und legen es oben auf dem
Berge nieder. Der Dschihanschah kommt heraus, die Vögel zerstreuen
sich. Er geht an den Rand des Berges und schaut nach unten. Die Leute
sagen: „Wirf von dort Steine herab und wir werden dir den Abstieg
zeigen.“ Der Dschihanschah warf ihnen keine Steine hinunter, weil sie
ihn das erste Mal getäuscht hatten. Die Steine hatten nämlich die
osmanische Okka [24] den Wert einer Last Gold. Wie das erstemal nimmt
er da, wo er absteigt, für den Abstieg zwei Knochen in die Hand, stützt
sich darauf und steigt allmählich hinunter. Als er in der Höhe von zwei
Minarets keinen Pfad und keine Felsspalte, in die er den Knochen setzen
konnte, findet, wirft er sich hinunter und wird ohnmächtig, kommt
wieder zu sich, sieht sich um, erblickt das Schloß und geht hin. Er
findet den weißbärtigen Alten, küßt ihm Hände und Füße. Dieser weiß,
daß das Mädchen entwischt ist. Der Vater des Mädchens hatte zwei Peri
geschickt, um den Jüngling zu suchen. Er fragte die Vögel: „Wißt ihr
das Land der Peris?“ Die Vögel sagten: „Wir wissen es nicht, aber es
gibt einen großen Vogel, der Smaragdvogel heißt, den frage.“ Er rief
den Smaragdvogel und fragt ihn: „Der Vogel antwortete: Als ich noch als
Junges im Nest lag, nahm mich meine Mutter und entfloh bis zur Grenze
des Perilandes. Die Grenze weiß ich. Darüber hinaus gehe ich nicht.“
Von der Grenze bis zur Stadt des Vaters des Mädchens war zu fliegen ein
Weg von sechs Monaten, von der Grenze bis zum Schlosse des Padischahs
der Vögel zu fliegen ein Weg von drei Monaten. Der Herr des Schlosses
füllte einen Schlauch voll Wasser — etwa zwanzig Okka —, lädt es dem
Dschihanschah auf den Rücken und setzt ihn auf den Vogel und schrieb
einen Brief für ihn. Eine Monatsreise entfernt wohnte nämlich sein
älterer Bruder. Der war auch Vogelpadischah. Er setzte ihn also auf den
Vogel und ermahnte ihn: „Wenn der Vogel, auf den du gestiegen bist,
‚tschak‘ sagt, gib ihm ein Stück Fleisch, wenn er ‚Tschunk‘ sagt, gib
ihm etwas Wasser.“ Zum Vogel sagte er: „Führe diesen Dschihanschah zu
meinem älteren Bruder. Von dort komme du wieder zurück.“ Der
Dschihanschah nahm das Fleisch, das Wasser und den Brief und stieg auf
den Vogel. Der Vogel brachte ihn zum Vogelpadischah, gab ihn ab und
kehrte wieder um und gab den Brief dem älteren Bruder. Der öffnet ihn
und liest: „Setze diesen Dschihanschah auf einen Vogel, schreibe an
unseren älteren Bruder einen Brief, daß er ihn mit einem Vogel in das
Periland führe.“ Der setzte ihn auf einen Vogel und schickte ihn zu
ihrem älteren Bruder. Dieser berief die Vögel zusammen, gab einem
großen, starken Vogel Anweisungen und der setzte den Dschihanschah, wie
er ihm auf einem Vogel geschickt war, auch auf einen Vogel an der
Grenze des Perilandes ab und kehrte um. Da traf er die beiden Peris,
die der Vater des Mädchens abgeschickt hatte, um ihn zu suchen. Die
sagten: „Das ist der Mensch, den der Peripadischah sucht.“ Sie packten
ihn, ohne ihm weh zu tun, und brachten ihn zum Vater des Mädchens. Der
sagte: „Ich bin zufrieden“, richtete die Hochzeit zu und führte den
Dschihanschah in das Brautgemach und dieser erreichte seinen Wunsch.
Nach einiger Zeit setzte er, um den Vater des Dschihanschah zu
besuchen, seine Gemahlin auf Peris und schickte kostbare Geschenke mit.
Als sie durch die Luft flogen, sahen sie in einem öden Lande einen Ort
mit Wiesen und Weiden. Indem sie sagten: „Hier wollen wir eine Nacht
bleiben“, stiegen sie aus der Luft herunter und verweilten dort.
Während sie da saßen, ging das Mädchen, um sich den Rücken zu waschen,
weiter fort ans Wasser und zieht sich aus. Als es in das Wasser gehen
will, kommt aus dem Walde ein Wolf, zerreißt das Mädchen und tötet es.
Der Jüngling erfährt, daß ein Wolf das Mädchen aufgefressen hat. Er
hört nicht auf zu weinen, geht weder zu seinem Vater noch zu dem des
Mädchens, sondern verweilt dort und stirbt dort.