12. DIE GESCHICHTE VON ALI DSCHENGIZ

Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten

folgendes. In alten Zeiten hatte eine Frau einen Sohn. Der war sehr

schön und hatte in der Welt nicht seinesgleichen. Er war auch sehr

geschickt. Diese Frau nahm den Jungen und brachte ihn ins Schloß. Eines

Tages langweilte sich der Padischah und sagte: „Kennt einer unter euch

das Ali Dschengizspiel?“ Das Kind sagte: „Mein Padischah, wenn Sie

erlauben, werde ich es lernen und wiederkommen.“ Der Padischah gab die

Erlaubnis und entsandte den Jüngling. Als der Bursche zum Hause des Ali

Dschengiz ging, traf er unterwegs einen Derwisch. Der sagte: „Mein

Sohn, wohin gehst du?“ Er antwortete: „Ich gehe, um das Ali

Dschengizspiel zu lernen.“ Da sagte der Derwisch: „Komm, mein Sohn, ich

werde es dich lehren.“ Er ging mit dem Sohn in die Berge. Nach einiger

Zeit kamen sie an eine Höhle und traten ein. Nachdem sie noch eine

Minute gegangen sind, kommen sie in das Zimmer, wo der Derwisch wohnt.

Nachdem sie dort etwas verweilt, langweilt sich der Bursche und geht

aus dem Zimmer. Während er umhergeht, kommt er an ein Zimmer dort in

der Nähe. Er tritt ein und sieht dort ein Mädchen, schön wie der Mond

am vierzehnten, dessen Augen voller Feuer sind. Das saß dort und

stickte. Der Bursche sagte: „Bist du ein Geist oder ein Dschinn?“ Das

Mädchen sagte: „Ich bin weder ein Geist noch ein Dschinn, ich bin ein

Mensch.“ Als er fragte: „Aber wie bist du denn hierher gekommen?“ sagte

sie: „Als Kind ging ich in die Schule. Eines Tages nahm mich dieser

Derwisch und brachte mich hierher. Wie sehr er sich auch bemühte, mich

zu unterrichten, ich sagte nie das nach, was er vorsagte. Schließlich

hat er mich in dies Zimmer eingesperrt.“ Dann zeigte sie ihm einen

Brunnen, der bis an den Rand mit Menschenleichen angefüllt war. Da

verliert der Bursche seine Besinnung. Als er wieder zu sich kommt,

ermahnte ihn das Mädchen: „Jüngling, wenn der Derwisch dich richtig

unterrichtet, lies du das Gegenteil, mache Fehler und lies nie

richtig.“ Der Bursche geht wieder dahin, wo der Derwisch sich befand.

Der sagte: „Komm, mein Sohn, ich will dich unterrichten“ und nimmt den

Jungen sich vor. Der Bursche kniet nieder und fängt an zu lesen. Wenn

der Derwisch Elif sagt, sagt er Stange, wenn er Be sagt, sagt er Wanne.

[22] Kurz, als er auf diese Art bis zum Schluß zu lesen anfängt, ärgert

sich der Derwisch, legt ihn hin und verprügelt ihn nach Herzenslust.

Dann läßt er ihn das Ali Dschengizbuch lesen, auch das liest er

verkehrt. Der Bursche lernt es vollständig auswendig, aber der Derwisch

sagt sich: „Er wird es nie lernen“, verprügelt ihn und jagt ihn auf

einen Berg.

Dann geht der Junge zum Hause seiner Mutter und sagt zu ihr: „Mutter,

morgen werde ich ein Pferd werden, nimm mich und verkaufe mich dem

Padischah, aber hüte dich, meinen Zaum zu geben.“ Am Morgen steht die

Mutter auf und sieht, — ihr Sohn ist im Stalle tatsächlich ein Pferd

geworden. Dann faßt sie ihn am Halfter, führt ihn zum Padischah,

verkauft ihn für 100000 Piaster, nimmt seinen Zaum und geht nach Hause.

Am Abend kommt ihr Sohn und sagt ihr: „Mutter, morgen werde ich ein

Widder sein. Wieder verkaufe mich wie das erste Mal dem Padischah.“ Am

nächsten Morgen ist der Sohn ein Widder geworden. Während sie ihn zum

Padischah führt, merkt es der Derwisch. Er sagt: „Weh, dies Schwein von

Junge hat mir meine Kunst gestohlen.“ Voll Wut vertritt er der Frau den

Weg und sagt: „Mutter, nimm dies Geld und verkaufe mir den Widder.“ Als

die Frau ihn auch dem Derwisch geben will, wird der Bursche ein Vogel

und fliegt davon. Sofort wird der Derwisch eine Taube und verfolgt ihn,

um ihn zu fangen. Die arme Frau bleibt ganz erstaunt stehen. Diese

kommen allmählich zum Schloß des Padischahs. Während der Padischah im

Gartenhaus sitzt und zuschaut, wird der Vogel ein Apfel und fällt dem

Padischah in den Schoß. Die Taube wird wieder ein Derwisch, tritt in

das Gartenhaus ein und sagt: „Mein Padischah, das ist mein Apfel.“ Der

Padischah sagt verwundert: „Nein, das ist mein Apfel.“ Als schließlich

der Padischah ihm den Apfel geben will, wird der Apfel Hirse in seiner

Hand und fällt auf den Boden. Der Derwisch wird ein Huhn und während er

anfängt die Hirse aufzupicken, wird die Hirse sofort ein Marder,

springt auf das Huhn und erwürgt es, schüttelt sich und wird wieder wie

früher ein Jüngling. Der Padischah sagt: „Ach, bist du es, mein Sohn?“

Er antwortete: „Ja, mein Padischah, das nennt man das Ali

Dschengizspiel. Jener Derwisch war mein Lehrer. Er bemühte sich, mich

zu töten, aber ich bin sein Meister geworden und habe ihn getötet.“

Die Sache gefiel dem Padischah sehr, er gab ihm 100000 Piaster und

machte ihn zum Pagen und schenkte ihm auch einen großen Palast.

Diese Geschichte ist nun auch aus und damit Schluß!

Türkische Märchen · 第 29 / 91 题