Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten
folgendes. In alten Zeiten hatte eine Frau zwei Männer, der eine war
ein Dieb, der andere ein Taschendieb. Diese hatten einander noch nie
gesehen.
Eines Tages will der Dieb verreisen und läßt sich von seiner Frau ein
Blech Pastete machen. Die Frau gibt die Hälfte dem Diebe. Als er sie
bekommen hat, macht er sich auf den Weg. Jetzt kommt der Taschendieb
nach Hause und sagt zu seiner Frau: „Frau, morgen werde ich verreisen.“
Die Frau gibt ihm die andere Hälfte der Pastete. Er nimmt sie und macht
sich auf den Weg. Nach einiger Zeit begegnet er dem Taschendiebe und
sagt: „Kamerad, wohin gehst du?“ Der Dieb antwortet: „Ich gehe nach
Aleppo, wollen Kameradschaft halten.“ Der ist auch damit einverstanden,
und sie machen sich gemeinschaftlich auf den Weg. Nach einiger Zeit
hungerten sie und sagten: „Komm, Kamerad, wollen ein wenig essen“ und
setzen sich hin. Der Dieb holt aus seinem Sack eine Pastete und legt
sie hin. Der Taschendieb holt auch aus seiner Tasche eine Pastete und
legt sie hin. Da sieht der Dieb, daß beide eine Pastete sind, auf einem
Bleche gebacken. Darauf sagt der Dieb: „Diese Pastete hat meine Frau
gemacht.“ Der Taschendieb sagt: „Meine Frau hat sie gemacht.“ Der Dieb
fragt: „Wie heißt deine Frau?“ Der Taschendieb sagt: „Meine Frau heißt
Nasime.“ Der Dieb sagt: „Das ist meine Frau.“ Der andere sagt: „Das ist
meine Frau.“ Sie erhitzen sich im Streit, und gehen in ihr Haus. Jetzt
sagt der Dieb: „Du, bist du nicht meine Frau?“ Die Frau sagt zu ihm:
„Ja.“ Der Taschendieb sagt: „Du, bist du nicht meine Frau?“ Die Frau
sagt zu ihm: „Ja.“ Da sagt der Dieb: „Seit so langer Zeit hast du zwei
Männer gebraucht, du Herumtreiberin! Sieh mal, hat sie es mir wohl
gesagt?“ Sie stehen auf, gehen zum Gericht und erzählen die Sache, wie
sie sich verhält, dem Herrn Richter. Der Richter antwortet: „Ihr müßt
beide eine Prüfung ablegen. Wer gewinnt, dem gehört die Frau.“ Die
gehen wieder in ihr Haus. Eines Tages sagt der Dieb zu seiner Frau:
„Gib deine Brosche her, wollen sie beim Goldarbeiter verkaufen und uns
Lebensmittel dafür kaufen.“ Der Taschendieb kam von draußen dazu. Der
Dieb nimmt die Brosche. Während er auf den Markt geht, gibt ihm der
Taschendieb einen Stoß, stiehlt ihm die Brosche und bringt sie nach
Hause. Der andere ahnt davon nichts, kommt zum Goldarbeiter, will sie
herausholen und zeigen. Da sieht er, daß die Brosche nicht da ist. Er
denkt: „Ich habe sie zu Hause gelassen“ und kehrt nach Hause um. Er
sagt: „Frau, ich habe die Brosche hier wohl vergessen, gib mir die
Brosche.“ Er nimmt sie, und während er geht, stiehlt sie ihm der
Taschendieb wieder bei Gelegenheit aus dem Busen und bringt sie nach
Hause. Der andere ahnt wieder nichts davon und bringt sie zum
Goldarbeiter. Als er sie geben will, sieht er, daß die Brosche nicht da
ist. Wieder denkt er: „Merkwürdig, ich muß sie wieder zu Hause
vergessen haben“ und kehrt wieder um, Zu Hause sagt er: „Frau, ich habe
wieder die Brosche vergessen. Gib sie, ich will sie ordentlich
verstecken.“ Er nimmt sie, während der Taschendieb aufpaßt, und bindet
sie ums Gesäß und geht auf den Markt. Währenddessen kommt der
Taschendieb, nimmt ihm den Fes weg und wirft ihn auf das Dach eines
Ladens. Der Dieb sieht ihn an: „Was tust du da, du ungebildeter Kerl?“
Der sagte: „Ach, Verzeihung, mein Herr, mir fiel meine Jugend ein.
Komm, ich werde auf deine Schulter steigen und ihn herunterholen.“ Der
Dieb sieht, daß seine Schuhe schmutzig sind und sagt: „Deine Schuhe
sind schmutzig. Ich werde auf deine Schulter steigen und ihn
herunterholen.“ Als dieser auf seine Schulter steigt, nimmt er ihm
leise die Brosche von seinem Gliede und steckt sie in seinen Busen.
Der Dieb kommt zum Goldarbeiter. Als er sie ihm geben will, sieht
er, daß die Brosche nicht da ist und ruft aus: „Nanu, was ist denn
das mit mir!“
Der Goldschmied sagt: „Willst du dich über mich lustig machen?“ Da wird
der Dieb zornig, geht nach Hause und sagt: „Hallo Frau, ich habe die
Brosche ordentlich verborgen; jetzt ist sie nicht da. Was ist das wohl
mit mir?“ Da kommt der Taschendieb und sagt: „Nun Bruder, hast du es
jetzt gesehen. Das ist meine Kunst. Nun zeige mir deine Kunst.“
Der Dieb sagt: „Folge mir.“ Sie stehen auf, gehen auf den Markt, kaufen
einen Korb Nägel und einen Hammer, gehen zur Nacht in das Schloß des
Padischahs, schlagen Nägel in die Wand, steigen hinauf und auf der
anderen Seite der Mauer hinunter. Im Garten war eine Gans. Der Dieb
ergreift sie, schlachtet sie und sagt zum Taschendieb: „Ich gehe jetzt
in das Zimmer des Padischahs und stehle alles, was dort an wertvollen
Gegenständen vorhanden ist. Du mache hier Feuer und brate die Gans.“
Der Dieb geht in das Zimmer, wo der Padischah ist. Da sieht er, daß der
Padischah auf seinem Bett liegt und sein Hofmeister zu seinen Füßen ihm
die Kniee reibt und gleichzeitig Mastix kaut, damit er nicht
einschläft. Der Dieb tritt unbeachtet ein, reißt sich ein Haar aus,
steckt es dem Hofmeister in den Mund und nimmt ihm leise den Mastix aus
dem Munde. Dann schläft der Hofmeister ein. Sofort legt er ihn in den
Korb und hängt ihn an der Decke auf, dann geht er hin und reibt die
Kniee des Padischahs und sagt zum Padischah: „Mein Padischah, ich werde
dir eine Geschichte erzählen, aber du darfst mir nichts tun.“ Der
Padischah befiehlt: „Erzähle.“ Er erzählt:
„Mein Padischah, einst gab es einen Dieb und einen Taschendieb. Beide
hatten eine Frau. In der Nacht gebrauchte sie den einen und am Tage den
andern. — Dreh die Gans um, damit sie nicht anbrennt. [17] — Als die
Sache bekannt wurde, kam sie vors Gericht. Dort sagte man: ‚Ihr müßt
eine Prüfung ablegen.‘ Der Taschendieb führte seine Sache aus. — Dreh
die Gans um, damit sie nicht anbrennt und unser Padischah es merkt! —
Der Dieb kommt in dies Schloß. Der Taschendieb briet die Gans, der Dieb
steckte den Hofmeister des Padischahs in einen Sack und hängte ihn an
die Decke. Er selbst ging zum Padischah und fing an ihm die Kniee zu
reiben. — Dreh die Gans um, damit sie nicht anbrennt!“ — Als der
Taschendieb dies draußen hört, sagt er: „Wenn der Padischah merkt, daß
ich die Gans brate, dann schlägt er uns beiden den Hals ab“, und seine
Hände und Füße fangen an zu zittern. Der Padischah sagt: „Hofmeister,
was soll das heißen: ‚Dreh die Gans um, damit sie nicht anbrennt!‘“ Er
antwortete: „Mein Herr, das ist eine Redensart. Dann, mein Padischah,
kamen sie hierher, verlangten weiter nichts, haben nur Ihre Gans
gegessen und aus Ihrem Schlosse nichts genommen und der Dieb hat soviel
Mut gezeigt. Wem fällt nun die Frau zu?“ Der Padischah sagte: „Dem
Diebe.“ Schließlich schlief der Padischah ein.
Sie gingen wieder in ihr Haus. Als der Padischah aufwachte, rief er
seinen Hofmeister. Es war nichts von ihm zu hören. Er fragte nochmals:
„Hofmeister, wo bist du?“