10. DIE GESCHICHTE VOM DIEBE UND VOM TASCHENDIEBE

Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten

folgendes. In alten Zeiten hatte eine Frau zwei Männer, der eine war

ein Dieb, der andere ein Taschendieb. Diese hatten einander noch nie

gesehen.

Eines Tages will der Dieb verreisen und läßt sich von seiner Frau ein

Blech Pastete machen. Die Frau gibt die Hälfte dem Diebe. Als er sie

bekommen hat, macht er sich auf den Weg. Jetzt kommt der Taschendieb

nach Hause und sagt zu seiner Frau: „Frau, morgen werde ich verreisen.“

Die Frau gibt ihm die andere Hälfte der Pastete. Er nimmt sie und macht

sich auf den Weg. Nach einiger Zeit begegnet er dem Taschendiebe und

sagt: „Kamerad, wohin gehst du?“ Der Dieb antwortet: „Ich gehe nach

Aleppo, wollen Kameradschaft halten.“ Der ist auch damit einverstanden,

und sie machen sich gemeinschaftlich auf den Weg. Nach einiger Zeit

hungerten sie und sagten: „Komm, Kamerad, wollen ein wenig essen“ und

setzen sich hin. Der Dieb holt aus seinem Sack eine Pastete und legt

sie hin. Der Taschendieb holt auch aus seiner Tasche eine Pastete und

legt sie hin. Da sieht der Dieb, daß beide eine Pastete sind, auf einem

Bleche gebacken. Darauf sagt der Dieb: „Diese Pastete hat meine Frau

gemacht.“ Der Taschendieb sagt: „Meine Frau hat sie gemacht.“ Der Dieb

fragt: „Wie heißt deine Frau?“ Der Taschendieb sagt: „Meine Frau heißt

Nasime.“ Der Dieb sagt: „Das ist meine Frau.“ Der andere sagt: „Das ist

meine Frau.“ Sie erhitzen sich im Streit, und gehen in ihr Haus. Jetzt

sagt der Dieb: „Du, bist du nicht meine Frau?“ Die Frau sagt zu ihm:

„Ja.“ Der Taschendieb sagt: „Du, bist du nicht meine Frau?“ Die Frau

sagt zu ihm: „Ja.“ Da sagt der Dieb: „Seit so langer Zeit hast du zwei

Männer gebraucht, du Herumtreiberin! Sieh mal, hat sie es mir wohl

gesagt?“ Sie stehen auf, gehen zum Gericht und erzählen die Sache, wie

sie sich verhält, dem Herrn Richter. Der Richter antwortet: „Ihr müßt

beide eine Prüfung ablegen. Wer gewinnt, dem gehört die Frau.“ Die

gehen wieder in ihr Haus. Eines Tages sagt der Dieb zu seiner Frau:

„Gib deine Brosche her, wollen sie beim Goldarbeiter verkaufen und uns

Lebensmittel dafür kaufen.“ Der Taschendieb kam von draußen dazu. Der

Dieb nimmt die Brosche. Während er auf den Markt geht, gibt ihm der

Taschendieb einen Stoß, stiehlt ihm die Brosche und bringt sie nach

Hause. Der andere ahnt davon nichts, kommt zum Goldarbeiter, will sie

herausholen und zeigen. Da sieht er, daß die Brosche nicht da ist. Er

denkt: „Ich habe sie zu Hause gelassen“ und kehrt nach Hause um. Er

sagt: „Frau, ich habe die Brosche hier wohl vergessen, gib mir die

Brosche.“ Er nimmt sie, und während er geht, stiehlt sie ihm der

Taschendieb wieder bei Gelegenheit aus dem Busen und bringt sie nach

Hause. Der andere ahnt wieder nichts davon und bringt sie zum

Goldarbeiter. Als er sie geben will, sieht er, daß die Brosche nicht da

ist. Wieder denkt er: „Merkwürdig, ich muß sie wieder zu Hause

vergessen haben“ und kehrt wieder um, Zu Hause sagt er: „Frau, ich habe

wieder die Brosche vergessen. Gib sie, ich will sie ordentlich

verstecken.“ Er nimmt sie, während der Taschendieb aufpaßt, und bindet

sie ums Gesäß und geht auf den Markt. Währenddessen kommt der

Taschendieb, nimmt ihm den Fes weg und wirft ihn auf das Dach eines

Ladens. Der Dieb sieht ihn an: „Was tust du da, du ungebildeter Kerl?“

Der sagte: „Ach, Verzeihung, mein Herr, mir fiel meine Jugend ein.

Komm, ich werde auf deine Schulter steigen und ihn herunterholen.“ Der

Dieb sieht, daß seine Schuhe schmutzig sind und sagt: „Deine Schuhe

sind schmutzig. Ich werde auf deine Schulter steigen und ihn

herunterholen.“ Als dieser auf seine Schulter steigt, nimmt er ihm

leise die Brosche von seinem Gliede und steckt sie in seinen Busen.

Der Dieb kommt zum Goldarbeiter. Als er sie ihm geben will, sieht

er, daß die Brosche nicht da ist und ruft aus: „Nanu, was ist denn

das mit mir!“

Der Goldschmied sagt: „Willst du dich über mich lustig machen?“ Da wird

der Dieb zornig, geht nach Hause und sagt: „Hallo Frau, ich habe die

Brosche ordentlich verborgen; jetzt ist sie nicht da. Was ist das wohl

mit mir?“ Da kommt der Taschendieb und sagt: „Nun Bruder, hast du es

jetzt gesehen. Das ist meine Kunst. Nun zeige mir deine Kunst.“

Der Dieb sagt: „Folge mir.“ Sie stehen auf, gehen auf den Markt, kaufen

einen Korb Nägel und einen Hammer, gehen zur Nacht in das Schloß des

Padischahs, schlagen Nägel in die Wand, steigen hinauf und auf der

anderen Seite der Mauer hinunter. Im Garten war eine Gans. Der Dieb

ergreift sie, schlachtet sie und sagt zum Taschendieb: „Ich gehe jetzt

in das Zimmer des Padischahs und stehle alles, was dort an wertvollen

Gegenständen vorhanden ist. Du mache hier Feuer und brate die Gans.“

Der Dieb geht in das Zimmer, wo der Padischah ist. Da sieht er, daß der

Padischah auf seinem Bett liegt und sein Hofmeister zu seinen Füßen ihm

die Kniee reibt und gleichzeitig Mastix kaut, damit er nicht

einschläft. Der Dieb tritt unbeachtet ein, reißt sich ein Haar aus,

steckt es dem Hofmeister in den Mund und nimmt ihm leise den Mastix aus

dem Munde. Dann schläft der Hofmeister ein. Sofort legt er ihn in den

Korb und hängt ihn an der Decke auf, dann geht er hin und reibt die

Kniee des Padischahs und sagt zum Padischah: „Mein Padischah, ich werde

dir eine Geschichte erzählen, aber du darfst mir nichts tun.“ Der

Padischah befiehlt: „Erzähle.“ Er erzählt:

„Mein Padischah, einst gab es einen Dieb und einen Taschendieb. Beide

hatten eine Frau. In der Nacht gebrauchte sie den einen und am Tage den

andern. — Dreh die Gans um, damit sie nicht anbrennt. [17] — Als die

Sache bekannt wurde, kam sie vors Gericht. Dort sagte man: ‚Ihr müßt

eine Prüfung ablegen.‘ Der Taschendieb führte seine Sache aus. — Dreh

die Gans um, damit sie nicht anbrennt und unser Padischah es merkt! —

Der Dieb kommt in dies Schloß. Der Taschendieb briet die Gans, der Dieb

steckte den Hofmeister des Padischahs in einen Sack und hängte ihn an

die Decke. Er selbst ging zum Padischah und fing an ihm die Kniee zu

reiben. — Dreh die Gans um, damit sie nicht anbrennt!“ — Als der

Taschendieb dies draußen hört, sagt er: „Wenn der Padischah merkt, daß

ich die Gans brate, dann schlägt er uns beiden den Hals ab“, und seine

Hände und Füße fangen an zu zittern. Der Padischah sagt: „Hofmeister,

was soll das heißen: ‚Dreh die Gans um, damit sie nicht anbrennt!‘“ Er

antwortete: „Mein Herr, das ist eine Redensart. Dann, mein Padischah,

kamen sie hierher, verlangten weiter nichts, haben nur Ihre Gans

gegessen und aus Ihrem Schlosse nichts genommen und der Dieb hat soviel

Mut gezeigt. Wem fällt nun die Frau zu?“ Der Padischah sagte: „Dem

Diebe.“ Schließlich schlief der Padischah ein.

Sie gingen wieder in ihr Haus. Als der Padischah aufwachte, rief er

seinen Hofmeister. Es war nichts von ihm zu hören. Er fragte nochmals:

„Hofmeister, wo bist du?“

Türkische Märchen · 第 25 / 91 题