»Aber sage nicht, mein Haar sei golden, Gold ist ja[30.6] so häßlich!«

»Häßlich?« Der Königssohn lachte. »Das habe ich noch nie gehört? Hast Du

denn so viel Gold gesehen, daß Du es häßlich findest?«

»Ach ja, ich sehe ja nichts als Gold, statt grüner Bäume nur Gold, statt

Blumen Gold, statt Menschen Gold, solche Haufen!« sie breitete ihre Arme

aus und drehte sich um sich selbst. »O wie viel lieber[31.1] möchte ich

auf dem schönen Tier sitzen! Ich habe noch nie ein Pferd gesehen, darf

ich's anrühren?«

»Ja, freilich, streicheln[31.2] sogar und zu mir heraufsteigen auch; Du

sollst reiten, so lange Du willst!«

Er hieß[31.3] sie, ihren Fuß auf den seinigen stellen und beide Hände in

die seinigen legen, so zog er sie vor sich auf den Sattel, schlang den

Arm um sie und gab dem Pferd die Sporen. Er dachte, sie würde sich

fürchten; das fiel der holden Unschuld aber gar nicht ein, denn sie

kannte keine Gefahr. Sobald der Boden weich wurde, gab er die Zügel

nach, und fort jagten sie, bald unter dem Waldesschatten, bald über

blumige Wiesen.

Alba jauchzte, klatschte in die Hände und rief: »Schneller! noch

schneller!«

So kamen sie in die Nähe der Stadt, die sie durchreiten mußten, um auf

einen Hügel zum Königsschloß zu gelangen. Da wurde es[31.4] plötzlich

der Maid bange:

»Sind das alles[31.5] Menschen?« fragte sie, als sie im Schritt durch

die Straßen ritten. »Und die kleinen Häuser bläst der Wind nicht um?«

»Nein!« lachte Porfirie. »Hier weht der Wind nicht so, wie dort oben bei

Euch!«

»Hier, meine Leute,« rief er, »hier bringe ich Euch Eure Königin! Sie

ist eine Wunderblume, und ich habe sie mir vom Felsen gepflückt.«

»Aber ich bin keine Königin!« sagte Alba erschrocken.

»Ich, ich bin ein König, und da Du mein Weib wirst, so wirst Du

Königin!«

»Dein Weib? Aber ich sollte ja keinen Mann haben, sagte meine Mutter.«

»Das hat sie nur so gesagt, weil sie wußte, daß keiner Dich haben

sollte, außer mir!«

»Bist Du denn gar nicht böse?«

»Nein, ich bin nicht böse.«

»Du bist also kein Mensch?«

»Doch, das[32.1] bin ich.«

»Aber die Mutter sagt, alle Menschen sind böse, und ich soll nichts mit

ihnen zu schaffen haben.«

»Wer ist denn Deine Mutter?«

»Das weiß ich nicht; sie spinnt Gold.«

»Spinnt Gold? Zu was[32.2] denn?«

»Für Bräute; aber ich will kein Gold bei meiner Hochzeit haben!« fügte

sie rasch hinzu und griff nach ihrem Kopfe, als müßte sie ihn vor der

schlimmen Berührung schützen.

»Das wird aber doch nicht anders gehen,«[32.3] sagte Porfirie, »die

Leute würden sich wundern. Hier bin ich zu Hause, jetzt reiten wir in

den Hof ein, und Du mußt mit meiner Mutter freundlich reden.«

»Ist sie alt und häßlich?«

»Nein, sie ist sehr schön und stolz.«

»Was ist stolz?« sagte Alba.

Porfirie sah ihr in die Augen; die waren so lauter und rein, wie die

Sonne; er drückte die Maid an sein Herz; dann warf er den Dienern die

Zügel zu, sprang vom Pferde, hob Alba zärtlich herunter und reichte ihr

die Hand, sie die breiten Steinstufen heraufzugeleiten.

Sie traten in einen weiten Saal, da saß eine hohe, stattliche Frau,

von[33.1] vielen Mädchen umgeben, und spann schöne, gelbe Seide. Alle

erhoben sich von der Arbeit und blickten voll staunender[33.2] Freude

auf das herrliche Paar, das eben im Glorienschein der untergehenden

Sonne unter dem Portal erschien.

»Hier, Mutter,« rief Porfirie, »ist Eure[33.3] liebe Tochter, mein süßes

Ehegemahl, das ich ganz nahe beim Himmel gefunden, und ich bin

noch[33.4] gar nicht sicher, daß es[33.5] nicht ein Himmelsbewohner ist,

der jeden Augenblick Flügel bekommen und uns[33.6] enteilen kann!«

»O Du wunderschöne Frau!« rief Alba und fiel zu den Füßen der Königin,

die sie gütig aufhob und küßte.

»Und Du spinnst auch, nur viel, viel schöner als meine Mutter; denn was

Du spinnst, ist so zart und fein wie Schneeflocken und Blumenblätter!«

»Was spinnt denn Deine Mutter?«

»Ach immer das harte, häßliche Gold!«

»Gold!« scholl es rings im Kreise, manche lachten und glaubten es nicht.

»Kannst Du auch Gold spinnen?«

»Ich kann, aber darf nicht.«

»Warum nicht?« Sie öffnete die Lippen, um zu sagen, was ihre Mutter

beim[34.1] Spinnen thue, aber plötzlich überkam sie eine merkwürdige

Befangenheit und das Gefühl, wie böse man sie ansehen würde, wenn die

Mädchen wüßten, von[34.2] wem ihnen alles Unheil in den Brautschleier

gesponnen würde. Und dabei sahen sie alle so froh und so lieb aus, die

bösen Menschen, vor denen die Mutter sie gewarnt, eigentlich viel

besser, als ihre Mutter, vor der sich die Bergmännlein so entsetzlich

fürchteten.

Sie wurde von ihrer Pein erlöst, indem eines der Mädchen flüsterte:

»Das Kleid ist Samt, echter, weißer Samt!« »Und die Juwelen? Von wem

sind die Juwelen?« sagte eine andere etwas lauter.

»Von meinen Freunden,« antwortete Alba. »Wollt Ihr sie haben? Ich habe

noch viel solches Spielzeug zu Hause,« und die Smaragden vom Halse

lösend, gab sie jedem der Mädchen einen derselben.

Mit den Perlenschnüren hätte[34.3] sie es ebenso gemacht, wenn die

Königin sie nicht daran verhindert hätte.

»Sind denn Deine Freunde so reich?« fragte sie.

»Das weiß ich nicht. Was ist denn reich? Sie bringen alles in Säcken aus

der Erde herauf, und wenn sie nicht genug bringen, so werden sie

gestraft.«

Da wurde das Gesicht der Königin finster, sie nahm ihren Sohn bei Seite

und sprach: »Das Mägdlein ist keine andere, als die Tochter der

abscheulichen Hexe Baba Coaja. Führe sie schnell wieder dahin, wo Du sie

geholt hast, sie bringt nur Unglück in unser Haus.«

»Nur das fordere nicht von mir, Mutter,« sprach der junge König

erbleichend. »Ich liebe die holde, unschuldsvolle Maid mit allen

Gedanken, mit dem Blut in meinen Adern, mit jedem Atemzug! Und

wäre[35.1] sie Baba Coaja in eigner Person, ich könnte nicht von ihr

lassen!«

Die Königin seufzte und befahl, der Maid eine Kammer neben ihrem Gemache

zu bereiten, und am nächsten Tage sollte die Hochzeit sein. Die Königin

wollte mit eigner Hand die neue Tochter schmücken; sie hatte aber einen

schweren Kampf mit ihr zu bestehen, da diese durchaus keinen Goldfaden

auf ihr Haupt haben wollte. Sie entfloh durch das ganze Schloß, wie ein

gescheuchtes Reh, sie warf sich auf die Erde, unter die Decken, die die

Diwans schmückten, sie bat und flehte mit herabströmenden Thränen, man

möge[35.2] sie verschonen. Die Königin solle ihr etwas von ihrem schönen

Seidengespinst auf die Haare legen, nur daß schreckliche Gold nicht!

Während sie aber knieend bat und jammerte, gab die Königin einen Wink;

zwei Mädchen banden ihr die Hände, während die dritte den goldenen

Schleier befestigte. Alle erwarteten nun einen Ausbruch von Zorn und

Verzweiflung. Aber Alba ward ganz still. Bleich wie der Tod neigte sie

das Haupt unter der Last: »Du bist härter als meine Mutter!« sagte sie;

»die[36.1] wollte mich keinem Manne geben, damit ich nicht unglücklich

würde,[36.2] Du aber rufst selber das Leid auf mich herab!«

Niemand verstand diese Rede, und Alba war nicht dazu[36.3] zu bewegen,

sie zu erklären, was das allgemeine Mißtrauen vermehrte. Sie sah so

traurig aus, daß das Volk in ihr gar nicht mehr die strahlende Maid von

gestern erkannte, und alle Worte der Liebe ihres jungen Gemahls konnten

nicht die Wolken von ihrer Stirn scheuchen.

Am[36.4] Hofe war aber bald von nichts anderem mehr die Rede, als von

den ungezählten Schätzen der jungen Königin, und viele trieben den

König, sich dieselben in der Nähe zu betrachten. Ihm[36.5] war es nicht

um die Schätze zu thun; er dachte nur daran,[36.6] sein junges Weib

wieder lächeln zu sehen, und meinte, wenn er ihr die Sachen holte, die

sie besessen, so werde sie fröhlich werden.

Sowie sie aber hörte, Porfirie beabsichtige nach ihrer Burg

zurückzureiten, erschrak sie heftig und bat und beschwor ihn, das nicht

zu thun! »Es wird Dein Tod sein, ganz gewiß!«

Er aber ließ[36.7] sich nicht bereden, und je[36.8] mehr sie ihm die

Gefahr schilderte, die ihn dort erwarte, um so mehr reizte ihn eben

diese Gefahr, und ganz heimlich machte er sich auf den Weg, als sie noch

im tiefen Schlummer lag. Mit wenigen Begleitern sprengte er zur Burg von

Baba Coaja hinan. Die aber sah ihn von weitem und rief ihm entgegen:

»Fluch über Dich, der Du mein Kind entführt hast, um es unglücklich zu

machen! Da, sättige die Habgier, die Dich zu mir zurücktreibt, Du

Unglücklicher! Ich habe nichts nach Dir gefragt, was[37.1] suchst Du

mich?«

Mit diesen Worten schüttete sie Juwelen in endlosen Massen auf die

Reiter nieder; die Edelsteine aber wurden in der Luft zu Eis und Schnee

und wirbelten dergestalt,[37.2] daß die Unglücklichen sich nicht wehren

konnten, und geblendet den Weg nicht mehr sahen. Die meisten stürzten in

den Abgrund; der junge König aber, der im Rachedurst sich der Burg

näherte, um die Alte zu erwürgen, ward dermaßen eingehüllt, daß er bald

kein Glied mehr rühren konnte, und bevor er noch ein Wort hervorbrachte,

war er tief unter dem Schnee begraben. Baba Coaja lachte hämisch und

sagte: »Jetzt wird sie kommen, zu ihm, und nicht zu mir, aber sie kommt

zu mir und nicht zu ihm! Ich habe[37.3] mein Kind wieder, das nicht in

der bösen Welt bleiben soll, und unter den Menschen, die ich hasse!«

* * * * *

Und wirklich dauerte es nicht lange, da eilte Alba, vom Wandern matt, im

weißen Samtkleide, daß vom Staube befleckt war, den Berg herauf.

»Wo, wo ist er?« fragte sie mit blassen Lippen.

»So!« sprach die Alte, »mir[37.4] bist Du entlaufen, mit einem fremden

Mann, und kommst wieder und fragst nicht nach mir, sondern nach ihm? Er

ist nicht hier!« --

»Doch,[38.1] doch, ich fand seine Spur, bis zu dem Schnee dort!«

»Weiter kam er auch[38.2] nicht!« lachte die Alte. »Er ist in Deinen

Edelsteinen erstickt!«

Mit einem furchtbaren Schrei stürzte Alba auf die Schneefläche und

begann mit ihren Händen sie wegzuscharren. Aber umsonst. Zu schwer lag

die Decke, die den Geliebten verhüllte, zu fest war sie gefroren! Mit

dem Ausruf: »O, Mutter! Mutter! Was hast Du mir gethan?« fiel Alba tot

neben Eis und Schnee hin. Baba Coaja stieß einen so furchtbaren Fluch

aus, daß der Berg wankte, ihre Burg zusammenstürzte und sie samt ihrem

Golde unter ihren Trümmern begrub. --

An der Stelle aber, wo die schöne Alba ihr Leben ausgehaucht hatte,

keimte eine weiße Blume in weißem Samtkleide auf, die man seitdem »Alba

Regina,«[38.3] zu deutsch »Edelweiß,«[38.4] genannt hat. Sie blüht nur

dicht beim ewigen Schnee, der den Geliebten bedeckt, so weiß und rein,

wie sie selber war. --

Vielleicht verwandelt sich der Schnee einstmals wieder in Edelsteine,

wenn ihn eine unschuldsvolle Jungfrau betritt. --

Das Stück Goldfaden, das Alba gesponnen, sucht man noch immer, und jede

Braut hofft, sie habe es erhascht; darum fürchtet sich keine vor den

Goldfäden,[38.5] die so gefährlich sind, sondern jede glaubt, ihr sei

das Glück beschert.

IV

Der Tschachlau

In der Moldau[39.1] steht ein mächtiger Berg, fast so hoch wie der

Bucegi;[39.2] der heißt der Tschachlau; er erscheint sogar höher als der

Bucegi, weil er ohne Vorberge gerade aus dem Thal emporsteigt und seinen

schneegekrönten Gipfel leuchten läßt, als ein Wahrzeichen rumänischen

Heldentums.

* * * * *

An einem Morgen, sehr frühe, stieg ein berühmter alter Bärenjäger mit

leichten Schritten den Berg empor.

Mosch[39.3] Gloantza war weit und breit wegen seiner kühnen Jagden

bekannt; er ging[39.4] sogar in die Höhle des Bären, mit einem

brennenden Wachslicht am Ende des Büchsenlaufs und schoß den Baren tot.

Ein guter Erzähler war er auch, Mosch Gloantza, der gern den jungen

Leuten die Zeit vertrieb und von ihnen wohl gelitten war.

Jetzt kam er in einen dichten Nebel, den er aber bald durchschritten

hatte, und über demselben schien die aufgehende Sonne auf eine enge

Felsplatte und auf das lieblichste Bild, das sie nur[39.5] bescheinen

konnte: eine Schar junger Mädchen war dort um ein Muttergottesbild[40.1]

versammelt, das sie eifrig mit Kränzen und Blumen schmückten, während

sie durch die weißen, wogenden Nebel von der ganzen Welt abgeschnitten

waren.

Als Mosch Gloantza die Felsplatte erreichte, zuckte ein Blitz zu seinen

Füßen und dröhnte ein Donner, wie Erdbeben, von unten herauf.

»Ah! Mosch Gloantza!« scholl es[40.2] von allen Seiten. »Willkommen hier

oben! Wir bringen der Mutter Gottes Blumen, weil sie hier immer Wolken

hat, und siehe, nun hat sie schon den Segen gesandt! Jetzt erzähle uns

was,[40.3] erzähle!« --

Der alte Mann schob die Pelzmütze zurück und die buschigen Augenbrauen

in die Höhe:

»Was soll ich denn erzählen?«

»Von alten, alten Zeiten!« riefen die Mädchen, zogen ihn auf ein

Felsstück nieder und sammelten sich um ihn, die einen setzten sich ihm

zu Füßen, die andern blieben vor ihm stehen, noch andere erschienen

lachend auf den Felsen über ihm und legten sich dorthin, um besser zu

hören. Er aber hub an:

»Wißt ihr denn, wer den Tschachlau gemacht hat?«

»Nein« -- »Ja! o gewiß!« scholl es ringsum; »der liebe Gott[40.4]

natürlich!«

»Fehlgeschossen!«[40.5] rief der Alte, »der liebe Gott hat die Sonne

gemacht und die andern Berge und die Flüsse, aber den Tschachlau,

den[40.6] haben die Rumänen gemacht.«

»Die Rumänen?« riefen die Mädchen, wie aus einem Munde.

* * * * *

»Vor langen, langen Jahren, es[41.1] weiß kein Mensch, wie lange, da war

hier ein großer Krieg. Die Feinde, die zum Dniestr[41.2] heranrückten,

waren gar nicht wie Menschen, sondern wie wilde Tiere. Sie waren klein

und krumm[41.3] und hatten flache Gesichter, so gelb wie Zitronen, und

ihre Augen waren so klein, daß man sie gar nicht sah. Sie waren mit

ihren Pferden zusammengewachsen[41.4] und jagten dahin, wie die

Heuschrecken mit dem Ostwind. Wo[41.5] sie hinkamen, da war alles im

Umsehen verzehrt und blieb nichts zurück als der nackte Boden. Die Kunde

von ihnen hatte das Land mit Schrecken erfüllt, doch waren die Rumänen

entschlossen, ihren Boden bis aufs äußerste zu verteidigen. Sie

verbündeten sich mit einem andern Volke, das war von heller Haut,

blauäugig[41.6] und hoch gewachsen, mit langem, gelbem Haar, von dem

einige mit dem Messer in Holzstäbe[41.7] schreiben konnten, und vereint

zogen sie an den Dniestr, die Schwärme von grausamen Heuschrecken nicht

herüberzulassen. Der Kampf war lang und heiß, und das Wasser des Dniestr

war rot von Blut und schwer von Leichen, aber die Leute ohne Augen

ließen sich durch nichts erschrecken. Und wie viele man ihrer auch[41.8]

tötete, es kamen mehr und mehr, immer drei für einen, der gefallen war.

Sie hatten vergiftete Pfeile, die den[41.9] sichern Tod gaben, und wenn

sie in nächster Nähe einen[41.10] abgeschossen, so jagten sie davon, um

mit Lanzen wieder vorzustürmen. Die Leichen im Dniestr bildeten endlich

eine Brücke, über welche die kleinen Pferde herüberkamen, und die

Rumänen mußten sich hinter den andern Fluß, den Pruth,[42.1]

zurückziehen, um sich dort von neuem zu verteidigen. Die Schlacht

dauerte acht Tage; blutrot ging die Sonne auf, und blutrot ging sie

unter, und blutrot waren Fluß und Feld. Endlich sprach der Fürst[42.2]

der gelbhaarigen Leute: »Wir müssen weichen, aber wo finden wir ein

Bollwerk gegen diese Drachen?«

»Wir haben noch ein schönes Land!« riefen die Rumänen, und zeigten den

Weg. Da rief ihr weiser Fürst:

»Hört mich an, Ihr Mannen![42.3] Ein jeder von Euch nehme[42.4] eine

Hand voll Erde und werfe sie vor sich!«

Sie thaten, wie ihnen geheißen war, und da ihrer so viele waren, hatten

sie bald einen großen Berg gebaut, den sie[42.5] Tschachlau, die

Gelbhaarigen aber Kaukland nannten.

Noch bevor die furchtbaren Feinde herangestürmt waren, ragte der Berg in

die Wolken, und die Heere lagerten auf demselben in unerreichbarer Höhe.

Hier waren sie die stärkeren und schlugen jeden Angriff aus ihrer Höhe

ab. Die Drachen unten gedachten aber, sie auszuhungern und umzingelten

den Berg, so daß keiner mehr herunter konnte.[42.6] Bald wurden der

Lebensmittel wenige, und aus hohlen Augen sahen die Heere auf die

feindliche Flut im Thale, die sich auf ihren Äckern und Weiden sättigte,

nachdem sie alle Weiber und Kinder, die sich nicht hatten flüchten

können, getötet, und alle Wohnungen in Brand gesteckt hatten.

Das schlimmste war der Durst. Da der Berg noch unbewaldet war, so konnte

es[43.1] auch keine Quellen geben, und jeder Krug Wasser, der aus dem

Thal geholt wurde, kostete einem oder mehreren das Leben. In dieser

großen Not gingen die Fürsten schon zu Rate, ob sie nicht einen Ausfall

machen wollten und kämpfend zu Grunde gehen.

Da trat ein Hirte vor sie hin, jung und schön, mit langen schwarzen

Locken und Augen, schwarz wie Kohlen, der sprach: »Ich habe Tag und

Nacht gesonnen, den Drachen da unten den Untergang zu bereiten; denn sie

haben vor meinen Augen meiner geliebten Maid die Brust durchstochen, sie

so an einen Baumstamm genagelt, den[43.2] ihren Pferden an die Schweife

gebunden und sie fortgeschleift, daß eine blutige Straße den Weg

bezeichnete, auf dem sie von dannen gejagt, bis von der wundervollen

Maid nichts mehr da war, als eine lange Haarsträhne, die sich fest um

den Baum geschlungen. Ich weiß, wie ich meinen Rachedurst befriedigen

kann, wenn ich auch[43.3] selber dabei den jämmerlichsten Tod erleiden

muß. Ich habe den ganzen Berg umgangen, den wir gebaut, und fand eine

Stelle, die man loslösen und hinabwälzen kann. Ich will sie Euch zeigen;

wenn Ihr tief genug gegraben, so gehe ich hinab und sage den Drachen

dort unten, ich wolle ihnen den Weg zeigen, wie sie den Berg stürmen

können, und wenn ich den Bucium[43.4] hören lasse, so wälzt den Berg auf

sie herunter, aber nicht eher, damit ihrer[44.1] genug beisammen sind,

und Ihr über Geröll und Leichen entkommen könnt!«

»Wie heißt Du denn, Du Tapferer?« sprachen die Fürste.

»Ich heiße Bujor.«

»Weißt Du denn, Bujor, was Dich erwartet, wenn sie Dich als Betrüger

erkennen?«

»Ich weiß es,« sprach der junge Mann mit gerunzelten Brauen, »ich sah,

wie sie die Unschuld behandeln, was werden sie den Schuldigen thun!«

»Und Du fürchtest Dich nicht?«

»Wovor soll ich mich denn noch fürchten, da mir das Leben leid ist, ohne

meine Maid, die ich habe sterben sehen! Mich kann der Tod nicht

schrecken!« --

Sie gruben nun Tag und Nacht eine tiefe Rinne in den Berg, sie trugen so

viele Steine zusammen, als sie nur[44.2] finden konnten, was alles keine

leichte Arbeit war, da sie von Durst ermattet waren. Aber endlich war

die Erde genug gelockert, um beim ersten Anprall hinabzustürzen, und

Bujor nahm von ihnen Abschied, machte das Zeichen des Kreuzes[44.3] und

stieg zu Thal.

Er sagte den Wachen, er wolle mit dem Fürsten sprechen, er sei dem

Verhungern nahe und wolle viele vom Tode retten.

Als er vor dem Gefürchteten stand, schlug dem jungen Manne doch das

Herz; denn der Fürst sah ganz entsetzlich aus. Ihr müßt Euch vorstellen,

was Ihr Euch nur[44.4] von Grausamkeit und Bosheit denken könnt, und

dann ist das alles noch lammfromm gegen[45.1] des Drachenfürsten

Gesicht.

Er grinste und leckte sich die Lippen, als ihm Bujor erzählte, er wolle

ihm eine Stelle zeigen, die ganz unbewacht sei, und an der er leicht den

Berg erstürmen könne.

»Wenn Du mich aber irre führst,« sprach der Fürst, »so wirst Du so

sterben, daß der Tod Dir als süßes Labsal erscheinen wird.«

»So geschehe[45.2] mir,« sprach Bujor ernst und bat um einen Trunk

Wasser.

Die Nacht brach dunkel und sternlos herein, da rückten die Feinde zum

Tschachlau heran, in schweigsamen Scharen; die Hufe der Pferde hatten

sie mit Heu umwickelt, damit sie keinen Lärm machen konnten. Bujor ging

zwischen zwei Reitern, die aus ihren Augenschlitzen ihn unverwandt

anschielten. Er ging sehr langsam, damit möglichst viele dicht am Berge

seien, bevor er das Zeichen gab; er wußte die Stelle genau, wo der

Bucium versteckt war, und mit klopfendem Herzen ging er voran: Wenn es

ihm nicht gelang, sein Horn an die Lippen zu setzen, ohne daß[45.3] die

Drachen es merkten, was dann? --

Er sah ihre schwarzen Scharen sich dichter und dichter um ihn drängen;

jetzt begannen sie zu steigen, und hier lag der Bucium.

Bujor nahm ihn fest in die Hand, sah sich noch einmal unter den Feinden

um, machte das Kreuz und blies aus aller Kraft. In dem Augenblick wurden

ihm sämtliche Zähne eingeschlagen und eine Schlinge um seinen Hals

gezogen. Ehe er aber das Bewußtsein verlor, sah er den Berg sich bewegen

und hörte ein Dröhnen, als wenn der Erdenschoß sich aufthäte, dann ein

Angstgeheul ringsum, und dann lag er begraben, inmitten von tausenden

von Feinden. Die Rumänen aber stürmten zu Thal, über Schutt und Erde und

Leichen von Menschen und Pferden fort; es ward ein solches Gemetzel, daß

man noch Jahre nachher nichts als Schädel und Gliedmaßen fand, wie

Maiskörner geschichtet. Die Feinde wichen zurück, und die Rumänen

bahnten sich[46.1] den Weg in die Berge, wo sie geborgen waren; die

Drachen gaben es endlich auf, sie zu verfolgen, und jagten in andere

Länder davon, sie[46.2] zu verheeren.

Bujor war aber nicht tot; ein Stein hatte ihn gedeckt, anstatt[46.3] ihn

zu zerschmettern, so daß die nachstürzende Erde leichter auf ihm

geschichtet lag und ihm etwas Luft gewährte.

Nach mehreren Stunden kam er zu[46.4] sich und spürte die Schlinge an

seinem Halse; als er sie losmachen wollte, fühlte er eine erkaltete,

steife Hand, die sie hielt und die er nicht öffnen konnte. Er gedachte,

sie mit den Zähnen zu zerbeißen, da merkte er, daß er keine Zähne mehr

hatte, und wenn er sich zu viel bewegte, rollte die Erde herab und

beengte mehr und mehr den Raum, in welchem er atmete. Da kroch er

langsam an die tote Hand heran, lockerte die Schlinge und zog den Kopf

heraus. Jetzt konnte er sich rühren. Mit großer Vorsicht begann er, wie

ein Maulwurf, die Erde wegzukratzen, den Platz unter dem Stein schonend,

daß er atmen konnte. Er mußte oft absetzen, denn immer, wenn er glaubte,

Luft zu haben, stieß er auf einen Toten, den er nicht aus dem Wege

räumen konnte.

Aber endlich, endlich ward eine Stelle hell, so weit wie die Dicke eines

Fingers, dann wie eine Hand, und wie trunken sog er die Luft ein, die

hereinströmte. Mit letzter Anstrengung arbeitete er sich frei. Als er

den Tag sah, ward er ohnmächtig. Wie lange er so gelegen, wußte er

nicht. Als er die Augen aufschlug, war es ringsum totenstill; Freund und

Feind waren verschwunden, und was[47.1] unter dem Berge begraben lag,

das stand nicht mehr auf, um zu erzählen, was geschehen sei. Bujor kam

sich gar nicht vor wie ein großer Held, der er doch war, sondern wie ein

armes, verlassenes Menschenkind, das gar kein Recht hatte, am Leben zu

sein, da es[47.2] tot war, für Freund und Feind. Doch regten sich Hunger

und Durst, und er schwankte auf matten Beinen zu Thal. Lieber wollte er

von den Drachen gespießt und geschleift werden, als so elend

Hungers[47.3] sterben, allein unter lauter Leichen. Aber kein Feind

ließ[47.4] sich sehen, und Bujor konnte zum Fluß gelangen, seinen Durst

zu stillen; dann sah er sich um, wo die Seinen hingekommen sein könnten.

Auf[47.5] Tage im Umkreise gab[47.6] es keine Menschen dort; was[47.7]

Beine hatte, war entflohen, und was nicht fliehen konnte, war getötet.

Bujor wandte sich den Bergen zu; dort konnten die Heere sein, die

wie[48.1] vom Erdboden verschwunden waren. Er schlug aber einen falschen

Weg ein und kam weiter und weiter von ihnen ab. Sie waren schon wieder

zu Thal gezogen, bevor er sie erreichte. Endlich war er das[48.2] Suchen

müde und dachte: »Sie halten mich ja doch für tot, warum suche ich sie

noch?« stieg weiter in die Berge und ward wieder Schäfer, wie er

es[48.3] früher gewesen.

Wenn er dann abends[48.4] den Hirten seine Geschichte erzählte, so

lachten sie über seine schöne Erfindung, denn bis zu ihnen war der

Kriegslärm nicht gedrungen, sie hatten auch die Drachen nicht gesehen

und Bujors eingeschlagene Zähne schrieben sie einem Streite zu. Sie

sagten: »Bujor erzählt so oft seine Geschichte, daß er sie schon selber

glaubt!« --

* * * * *

»Der Arme!« riefen die Mädchen, als Mosch Gloantza still war. »Was

machte[48.5] er denn dann?« -- »Ist er immer dort geblieben?« -- »Wurde

er nie belohnt, für seine Heldenthat?« so schwirrten die Fragen der

Mädchen durch einander.

Aus meinem Königreich: Tales from the Carpathian Mountains · 第 2 / 10 段