Noch mehr! Sie +vergrößerten die Quasten an ihren Oberkleidern+. Ein

neuer Beweis der Tiefe und Länge ihrer Religiosität; den aber Jesus,

sonderbar genug, nicht gelten lassen wollte. Gott hatte geboten: „Rede

mit den Kindern Israel, und sprich zu ihnen, daß sie sich Quasten

machen an den Flügeln ihrer Kleider, unter allen ihren Nachkommen, und

an die Quaste jedes Flügels eine himmelblaue Schnur machen. Und diese

Quasten sollen euch dazu dienen, daß ihr sie ansehet und gedenket

aller Gebote des Herrn, und thut sie, und nicht wandelt nach eures

Herzens Dünken, noch nach euren Augen, daß ihr ihnen nachhuret.“[29]

Also ein neuer Anlaß, an Gottes Willen und Gebot zu denken, und

dasselbe zu +thun+, aber nicht bloß, wie die Pharisäer, schön und viel

davon zu +reden+, und mit langen, zottigen Klöppeln zu +prahlen+, um

frömmer zu scheinen, als Andere. Wer kann es Jesus verargen, wenn

er diesen wollichten Maaßstab der Gottseligkeit mit scharfer Satyre

verwarf? -- Offenbar ist in den Worten der heiligen Schrift auch

darauf hingedeutet, daß das Tragen solcher Schnüre die Juden von den

Heiden unterscheiden, und erstere zur Verabscheuung des Götzendienstes

der letztern antreiben sollte. Mußte dieses nicht lächerlich und

herzverderbend zugleich werden, wenn man die Entfernung des Sinnes

vom Heidenthume nach der Länge und Dicke der Quasten am Oberkleide

bestimmen wollte? Wer war schlechter daran, der Heide mit seinen

Götzen von Stein und Holz, oder der Pharisäer mit großen Trodeln,

welche den abgöttischen Sinn austreiben sollten? -- Allein so tief und

scharf konnte nur Jesus in das dunkle Gewebe der Gleißnerei blicken.

Wohl uns, daß er es gethan und ausgesprochen hat, was er sah!

„Wer sich selbst erhöhet, wird erniedriget werden, und wer sich

selbst erniedriget wird erhöhet werden“[30]; dieß war ein Wahlspruch

unseres Herrn, den er oft im Munde führte, und schon einmal mit

einer nachdrucksvollen Parabel den Pharisäern ans Herz gelegt

hatte, da er sah, wie ängstlich sie bei der Wahl ihrer Sitze an der

Tafel zu Werke giengen, um ja nicht zu weit hinabzurücken. Doch die

treffliche Erinnerung war ohne Erfolg geblieben; sie fuhren fort,

mit ihrer +Frömmigkeit, Rangsucht und Stolz zu paaren+. Allerdings

ein sonderbares Gemische unvereinbarer Dinge! Aber es war nun einmal

so; die Pharisäer wollten durchaus an der Tafel in der Mitte oder an

dem Ehrenplatze sitzen; in den Synagogen forderten sie nicht nur,

vor den gemeinen Leuten zu sitzen -- das verstund sich von selbst

bei so reinen Personen -- sondern schlechterdings die ersten Plätze

nahmen sie ein, wenn auch die Vornehmsten der Stadt oder des Ortes

sich einfanden. Der Geist der Religion Jesu war ächte, lebendige

Gottes- und Menschenliebe. Auch bei den Pharisäern wirkte Liebe --

aber nur Eigenliebe. Je saurer ihnen also ihr Frommthun wurde; je

mehr Anstrengung, Aufwand und Zeit es kostete, bis sie sich in Engel

des Lichtes umgestalteten, desto mehr wollten sie natürlich auch von

der Arbeit ihres Tagewerkes erndten; desto größere Vorzüge verlangten

sie vor denen, welche sich zu keinen so schweren Opfern entschlossen

hatten. Daraus mag man abnehmen, wie tief ihnen Jesus ins Herz griff

mit diesem Zuge ihrer Charakteristik.

Gruß und Rangauszeichnung waren von jeher im gesellschaftlichen

Leben keine ganz gleichgültige Sache; und zwar mit Recht. „Ehre, wem

Ehre gebühret.“ Jesus selbst hielt sich an diesen Grundsatz, und

ließ es nicht ungeahndet hingehen, wenn Jemand aus ungegründeter

Geringschätzung die herkömmlichen Höflichkeitsbezeugungen ihm versagte.

Simon, der Pharisäer, erfuhr dieß zu seiner schmerzlichsten Beschämung,

welche er um so mehr verdiente, da die Pharisäer gerade in diesem

Stücke gegen Andere sich so ungemessene Forderungen erlaubten. Wer

sich bei ihnen empfehlen wollte, mußte sie zuvorkommend und demüthig

grüßen, und nicht nur so schlechthin Rabbi tituliren, sondern im höhern

Style mit doppeltem Rabbi! Rabbi! ehrfurchtsvoll anreden. Denkt man

sich nun noch die orientalischen Umständlichkeiten hinzu, so wird es

gewiß begreiflich, wie viel Nahrung Eitelkeit und Stolz bei solchen

Complimenten fanden. Aber eben so fällt es in die Augen, wie weit diese

Heuchler hinter dem wahren Ehrgefühle und hinter der ungekünstelten

Bescheidenheit unseres Herrn zurück waren. Daher mußten sie auch bei

seinem gerechten Tadel verstummen.

Als +Lehrer+ und +Vorsteher+ des Volkes, die auf Moses Stuhl saßen,

erschienen die Pharisäer nach der Schilderung Jesu im schlechtesten

Lichte. Uebertreibung der Forderungen des Gesetzes und eigene

Uebertretung, Scheinheiligkeit und verkappter Stolz waren die Hauptzüge

dieses garstigen Naturgemäldes. Dabei hatte Jesus vorzüglich +seine

Jünger+ -- im Auge. Daher die Regeln der +Demuth+ und +Bescheidenheit+,

welche er folgen ließ. -- +Wir alle+, welche auf Christus getauft sind,

+nennen+ uns seine Jünger; +sind+ wir es auch, so lange nur noch Ein

Zug der Heuchelei der so sehr verabscheuten Pharisäer in und an uns

ist? Schaffe +Jeder+ nur diesen schädlichen Sauerteig aus +seinem+

Herzen -- und Alles wird gut werden!!

* * * * *

Schon in der Bergpredigt hatte Jesus auf den +pharisäischen Geist

des Gebetes+ aufmerksam gemacht. +Lange+ und vor +Jedermannes+ Augen

zu beten, war ihr Lieblingsgeschäft (Matth. VI, 5-7); an pünktlich

festgesetzten und eingehaltenen +Stunden+ ließen sie es auch nicht

fehlen (Luk. V, 33). Es möchte überhaupt schon befremden, wie Menschen,

welche weder wahres +Vertrauen+ noch reine +Liebe+ zu Gott im Herzen

trugen (Matth. VI, 19-34. Joh. V, 42.), nur auf den Gedanken fielen,

sich so anhaltend auf das Gebet zu verlegen. Allein so widernatürlich

dieß jedem Geradsinnigen vorkommen muß, eben so natürlich war es an

diesen +Heuchlern+. Sie beteten nicht zu Gott, sondern für ihren

+Beutel+. Das lange, mit ausstudirten Förmlichkeiten getriebene,

fleißig wiederholte Gebet war bei ihnen eine einträgliche Speculation

auf die Schwachherzigkeit, Leichtglaubigkeit und Freigebigkeit

alternder Wittwen. Dieß war der Köder, mit dem sie die Weiblein an sich

lockten, durch tausend fromme Betrügereien ihr Vermögen erschlichen,

ihre milde Hand anpriesen, wieder beteten, um neuerdings sich bezahlen

zu lassen -- und so ganze „Häuser verschlangen.“ -- Ein fluchwürdiges

Kunststückchen, wofür sie Jesus hart bedrohte! -- --

Wem fällt bei diesem Anlasse nicht unwillkührlich der +betende

Pharisäer und Zöllner+ (Luk. XVIII, 9-14.) ein? -- Unübertreffliche

Schilderung des stolzen Frömmlers und Schönwörtlers vor Gott,

der reumüthige, zerknirschte Sünder neben sich -- dem Heiligen

-- verachtet! Wie eine Käsmade unter dem Vergrößerungsglase, so

durchschaut man in dieser Parabel die Seele des Heuchlers in ihrer

ganzen Häßlichkeit und Verkehrtheit. Nur der Herzenskenner vermochte

es, uns diesen Anblick zur Belehrung und Warnung zu gewähren.

Wohlthuend ruht das betrübte Geistesauge auf dem reinen Herzen des

Zöllners!

Wessen Herz zerfließt nicht in Wonne, wenn er bedenkt, wie und was

+Jesus+ vom Gebete lehrte? So kurz, so gehaltvoll, so kindlich, so

herzlich, so zuversichtlich, so kühn, so demüthig, so anhaltend (Matth.

VI, 9-15. XXVI, 39. Luk. XI, 5-13. XVIII, 1-8. Mark. XI, 22-26.)!! --

Doch vor den Pharisäern galt dieß nichts; denn es war Geist und Leben,

und sie fanden nur Behagen am Todtendufte des Leichnames.

* * * * *

Der gelehrte Stand hatte auch in Palästina, wie überall, seine

Auszeichnung. Die Schriftgelehrten bildeten einen großen Theil

desselben, und trugen Schlüssel, an Riemen befestiget, als Zeichen

ihrer Würde. Darauf waren nun die Schriftgelehrten der pharisäischen

Parthei nicht wenig stolz, daß sie das Recht zum Oeffnen und Schließen

der Pforte der Wahrheit hatten. Ein schönes Sinnbild, und ein

herrliches, großes Vorrecht! Aber welchen schnöden Gebrauch machten

sie davon?! Der, welcher „+der Weg, die Wahrheit und das Leben ist+,“

war gekommen, bot sich an, lud die Menschen zu sich ein; allein die

Pharisäer giengen nicht zu ihm, und liessen, so viel an ihnen lag, auch

Andere nicht zu ihm gehen. Sie wollten durchaus nicht, daß Jemand an

Jesus glauben sollte, weil sie aus leidenschaftlicher Verblendung nicht

an ihn glaubten. Unglauben an Jesus war ihr erster und wichtigster

Zweck, den sie zu erreichen strebten. Dabei waren die sonst so

zartfühlenden Gewissen dieser guten Leute wenig verlegen in der Wahl

der Mittel. Lästerung, Verläumdung, Verdrehung der Worte, Verfälschung

der Aussage, Drohungen, Verrath, Mordanschläge -- Alles war ihnen

willkommen, wenn es nur dem Zimmermannssohne Verderben brachte. Wer hat

das Evangelium gelesen, und kennt die Belege zu dieser Wahrheit nicht?

Wer fühlt aber auch nicht ohne weitere Erklärung die Gerechtigkeit und

Vollwichtigkeit des Vorwurfes, den Jesus den Pharisäern machte? -- --

Wahre Schlangenpolitik im schlimmsten Sinne lag in dem Verfahren der

Pharisäer gegen unsern Herrn und gegen sich selbst. Ihm arbeiteten

sie aus allen Kräften entgegen; sie wandten unermüdet Alles an, den

Eingang in Gottes Reich, welches er begründete, zu versperren, oder

wenigstens sehr gefährlich zu machen; und für ihre Schule -- wie

väterlich waren sie besorgt! Wie weit stund die Pforte offen! Wie breit

und eben war der Weg! So fanden sie nicht einmal genug zu thun in

Israel; denn da rechneten sie Alle zu ihrer Parthei, welche ihre Lehren

und Vorschriften äußerlich annahmen. Die wenigen einsiedlerischen

+Essäer+, die reichen, leichtsinnigen +Sadducäer+ kamen beinahe in

keine Berechnung. Darum machten eifrige Pharisäer, als wahre Lichter

der Welt Reisen zu Wasser und zu Land, um unter +Heiden+ Proselyten

zu machen, und das Volk Gottes zu vermehren. Dafür nennet sie Jesus

+Heuchler+, ihre Neubekehrten +zweimal ärgere Höllenkinder, als sie

selbst+. Ein hartes Urtheil! Womit konnte er es rechtfertigen? Mit

unwiderleglichen Thatsachen; nämlich mit der tiefen Unwissenheit, mit

der ungeheuren Sittenlosigkeit, mit dem schrecklichen Verfalle des

lebendigen Glaubens, der reinen Liebe und thätigen Gottseligkeit unter

dem Volke Gottes -- bei allem äußerlichen Gepränge und Treiben in

religiösen Gebräuchen. Bei den Proselyten war die Hauptsache, welche

Pharisäer betrieben, +Beschneidung+ und +Opfer+, nicht Vertrauen auf

den Einen Gott, nicht herzliche Liebe zum Vater und zu seinen Kindern,

nicht Umänderung des ganzen Sinnes und Wandels. Was war also eine

solche Bekehrung? Ein Ceremonien- und Kleiderwechsel, der den Neuling

noch stolz und übermüthig machte, weil er innen Heide, außen Jude war

-- also viel schlimmer, als der pharisäische Jude. -- Vergleiche man

damit +Nikodemus+, die +Samariterin+, +Matthäus+, die +Sünderin+,

den +Schlagflüssigen+, den +acht und dreißigjährigen Kranken+,

den +Blindgebornen+, +Zachäus+, den +Hauptmann+, das +Kananäische

Weib+![31] -- -- --

* * * * *

Ohne Schauder und Entsetzen kann man unmöglich das lesen, was Jesus

den Pharisäern in Hinsicht der +Eidschwüre+ zum Vorwurfe macht. Wer

nur noch ein wenig Zartgefühl des Gewissens hat, bebt zurück bei dem

Gedanken an die vielen und schrecklichen Ungerechtigkeiten, welche die

Folge von +solchen Auslegungen des Gesetzes+ waren.

Die pharisäischen Schriftgelehrten machten einen genauen Unterschied

zwischen +strenge+ verbindenden und +leicht+ verbindenden Eidschwüren.

Schon an und für sich eine sonderbare Theilung, gleichsam als wenn

es Fälle geben könnte, wo man mit Freiheit und Bewußtseyn Gott zum

Zeugen anrufen, und doch sein Wort nicht halten, die Wahrheit nicht

sagen dürfe. Allein noch greuelhafter wird die Sache, wenn man hört,

aus +welchem Grunde+ sie diesen Unterschied ableiteten. Das +Gold+

des Tempels, die +Gabe+ auf dem Altare legte dem Schwörenden strenge

Verbindlichkeit auf; ein Schwur beim +bloßen+ Tempel oder Altare

durfte nicht gehalten werden. Man sollte es für unmöglich halten, daß

Vorsteher und Lehrer des Volkes die niederträchtigste Habsucht so zur

Schau tragen möchten; und doch war es so! Durch solche goldene und

fette Schwüre mehrten sich der Schatz und die Opfer im Tempel; dabei

fanden die eigennützigen Gesetzausleger ihre gute Rechnung. Daß der

unwissende Mitbruder im Volke auf diese Weise Vermögen, Ehre und Leben

einbüßen konnte; was gieng das sie an? +Thaten+ sie es doch nicht,

wenigstens nicht öffentlich, sie +lehrten+ ja nur so. Wenn aber ein

Heide gewissenlos geprellt wurde, so war dieß in ihren Augen eher

Verdienst, als Sünde. Die Schätze dieser „unreinen Hunde“ sollten

ohnehin dem „Volke Gottes“ d. h. ihnen heimfallen; folglich nahmen sie

nur, was ihnen schon gehörte.

Versetzen wir uns in die damalige Zeit, und vergegenwärtigen wir

uns die verheerenden Wirkungen dieser Lehren für Leib und Seele! --

Wahrlich! unser Herr bewies auch hier wieder, daß „er nicht gekommen

war, zu richten, sondern selig zu machen;“ er hätte sonst mit Elias

Blitze auf die scheinheiligen Bösewichter fallen lassen müßen. Doch so

sprach seine Anrede: „Ihr blinden Wegweiser! Ihr Thoren!“ mehr Bedauern

und Mitleid aus, als Richterernst. Es war der Ton des strafenden und

bessernden Ernstes, der aber doch zugleich dem Volke einen Fingerzeig

gab, wie weit es mit gutem Gewissen solchen Männern trauen und folgen

dürfte.

Jetzt wird es Jedermann erst ganz begreifen, warum die Pharisäer unsern

Erlöser +ausspotteten+, als er sprach: „Ihr könnet nicht Gott und dem

Mamon dienen.“ Ihre Frömmigkeit war nur Götzendienst, weil sie nur auf

Ehre und Gewinn berechnet war; eine solche Herzensreinheit, wie Jesus

forderte, konnten sie sich nicht einmal denken, vielweniger war ihnen

dieselbe aus Erfahrung bekannt; also kam sie ihnen belachenswerth vor!

-- welche Blindheit!

Aber dem Hohngelächter derer, die nicht wußten, und nicht wissen

wollten, was es heiße, „reich bei Gott sein,“ trat die Parabel vom

+reichen und armen Manne+ mit furchtbarem Ernst in den Weg (Luk. XVI,

13-31). Sollten wir dabei nicht nachdenkend werden, und uns vor den

schrecklichen Folgen der Heuchelei, welche frommen Schein mit Geiz

verbinden will, zu verwahren suchen?

Ueberhaupt waren die Ansichten unseres Herrn über Opfer und Gaben

+ganz antipharisäisch+. Er konnte mit ihnen unmöglich zu recht kommen.

Sie zählten das Geld, wogen das Fleisch, schätzten das Mehl, welches

geopfert wurde, weil sie davon genoßen; Er sah auf das +Herz+, nicht

auf die +Hand+ des Opfernden. Rührend ist daher das Lob, welches er der

+Wittwe+ spricht, die einen Heller -- ihr ganzes Vermögen! -- opferte

(Mark. XIII, 41-44. Luk. XXI, 1-4).

* * * * *

+Den Zehnten zu geben+, war für jeden Israeliten heilige Pflicht, weil

das Heiligthum und seine Diener davon unterhalten wurden. Eigennutz

mochte Viele verleiten, wenig oder doch Schlechtes zu liefern. Die

Pharisäer machten aber hierin eine ehrenvolle Ausnahme. Niemand gab

den Zehnten pünktlicher, als sie; ja sie entrichteten denselben

sogar von den kleinsten Gartengewächsen, deren keine Erwähnung im

Gesetze geschah. Legten sie da nicht eine handgreifliche Probe ihrer

Gewissenhaftigkeit und ihres gesetzlichen Eifers an den Tag? Jesus will

nichts davon wissen; er sieht auch hier nur wieder Heuchelei, weil sie

die +Hauptsache+ -- „Gerechtigkeit, Liebe Gottes, Barmherzigkeit und

Treue“ vernachläßigten. Diese erklärt er für +unumgänglich nothwendig+;

den Zehnten „von Münze, Till und Kümmel“ +sollten+ sie geben. Er

legte also den Nachdruck gerade wieder auf Etwas, wovon die Heuchler

nichts hören wollten. Bei ihm war Gottesfurcht und Frömmigkeit nicht

so leichten Preises zu erkaufen, wie bei ihnen; da reichten ein paar

Kräuter hin, den Ruf der Heiligkeit zu gründen; Er forderte Thaten der

Gottes- und Menschenliebe.

Nur gar zu gerne fühlen wir uns um so viel besser, als die allgemein

verhaßten Pharisäer, weil wir nicht eben denselben Fehler begehen

-- mit Zehnten; aber sind wir denn immer so frei von dem Vorwurfe,

daß wir auf Kleinigkeiten großen Werth legen, und wichtige Dinge oft

leichtsinnig übersehen? „Blinde Wegweiser! die ihr Mücken seihet, und

Kameele verschlucket!“

* * * * *

Die +gesetzlichen Reinigungen lagen+ zur Zeit unseres Herrn allen Juden

sehr am Herzen; Niemand aber war in diesem Stücke ängstlicher, als die

Pharisäer. Ihre Genauigkeit gieng bis zur Quaal für sich und Andere.

Dabei hatte aber ihr Geist eine Richtung genommen, welche dem ächten

und tiefen Schriftsinne ganz entgegen war. Lüge unter dem Scheine der

Wahrheit charakterisirte sie durchaus, doch kaum irgendwo stärker,

als hier. Da aber eben diese scheinbare Sorgfalt für das Gesetz den

großen Haufen ungemein blendete, und in den Pharisäern etwas Großes

und Heiliges erblicken ließ; so deckte Jesus den heiligen Betrug

schonungslos auf, und stellte ihre innere Häßlichkeit zur Schau dar.

Er zeigte, wie sie beim +Aeußern+ stehen blieben, und das +Innere+

vernachläßigten; als wenn Gott nur jenes, nicht auch dieses geschaffen

hätte, und nur jenes, nicht auch dieses, und zwar vor jenem rein

erhalten haben wollte. Wie grell treten nun die Gegensätze hervor! Die

Heuchler reinigten und fegten die Schüsseln, und die Speisen darin

waren geraubtes Gut; sie wuschen die Hände, und das Herz sann auf

Ungerechtigkeit; sie machten vor Gott Bücklinge, und unterdrückten

seine Kinder. Ihre Religion klebte also an Tellern, Tischen, Sesseln,

Kleidern und Füßen -- überall; nur das Herz gieng leer aus. Gott war

ihr Herr über den Leib, aber die Seele hatte kein Verhältniß zu ihm.

+Bequem+ war eine solche Gottesverehrung unstreitig auch wieder, so

sehr sie sonst beengte. Sie kroch mit dem Leibe vor Gott, blendete die

kurzsichtigen Sterblichen, und unterstützte alle Ränke der niedrigsten

Leidenschaft. Drei Zwecke mit Einem Mittel! Welch’ ein Meisterstück in

der Kunst zu leben!

Jesus schlug eine ganz andere Art, die Speisen zu reinigen vor. „+Gebet

von dem, was darin ist Almosen; und sehet, Alles ist rein für euch!+“

Er wußte gar wohl, daß die Pharisäer hartherzig und lieblos waren, und

doch keinen Fehler an sich sahen, weil sie Gott äußerlich so viele

Ehre erwiesen, und wohl noch etwas +über sein Gesetz hinaus+ thaten,

um sich für ihre Lieblingsneigungen ein Privilegium zu erschleichen;

denn sie liebten nicht Gott, nur sich selbst. Darum sagte Jesus: Das

Reinigen der Schüssel ist gut und gesetzlich; aber euren Händen könntet

ihr eure überspannte Mühe ersparen, und sie zu etwas Besserm anwenden,

als zu ewigem Fegen und Waschen. Theilet den Armen von euern Speisen

mit! Machet auch diesen einen frohen Tag! So werden eure Speisen Gott

wohlgefälliger, als durch die pünktlichste Reinigung. Wie weise, wie

göttlich -- aber wie ärgerlich und anstößig!

* * * * *

Es ist bekannt, daß Berührung eines Todten gesetzlich

verunreinigte.[32] Daher flohen die Juden selbst Grabstäten, damit

sie dem Gesetze nicht zu nahe traten. Wer unwissend an einen solchen

Platz kam, und es hintennach entdeckte, war allemal in seinem Herzen

unruhig, ob er nicht unrein sei; und er nahm es lieber an, als daß er

das Gesetz verletzte. Daraus wird es denn auch begreiflich, daß das

Tünchen und Einfassen der Grabmäler nicht bloß eine Ehrenbezeugung für

die Verstorbenen, sondern auch eine Warnung für die Lebenden war.

Treffend benützte Jesus diese Sitte in beiden Rücksichten, um den

Charackter der Heuchler bis zum Leben ähnlich zu zeichnen. Einmal

galten die Pharisäer wegen ihrer Gesetzlichkeit in den Augen der

Meisten für Leute, von denen für Tugend, Ehre und Gut nicht nur nichts

zu fürchten, sondern wohl noch Gewinn zu erwarten war. Deß ungeachtet

waren sie Ehebrecher, Verläumder und Geizhälse. Es gieng also den

Leuten mit ihnen, wie mit unbekannten Grabstäten. -- Wer aber wie

Jesus, den Lügengeist dieser Menschen kannte, ließ sich durch kein

tugendhaftes und religiöses Gepränge täuschen; ein böses und verkehrtes

Herz grinsete als Schreckgestalt aus der Larve der Heiligkeit. Auch

die schönste Grabstätte betrat der Jude nicht ohne Noth, weil Aas und

Knochen darin waren. Vielmehr machte ihn eben die weise Farbe des

Grabes noch aufmerksamer. So ergieng es auch Jesus mit den Heuchlern

seiner Zeit! -- --

Sichtbar wurde Jesus zu diesem charackterischen Zuge der Pharisäer

hingeleitet durch den unmittelbar vorhergehenden Gedanken von der

übertriebenen und verkehrten Sorgfalt für Reinigung der Schüsseln &c.

Aber eben durch diesen Zusammenhang springt die innere, sittliche

Unreinigkeit und die gleißnerische Denk- und Handlungsweise der

Pharisäer um so mehr in die Augen; so wie sich im Verfolge die Rede von

den Grabstäten der Propheten höchst natürlich anschließt.

Die Pharisäer setzten ein großes Verdienst darein, die +Grabmäler der

Propheten+ mit frommer Spende zu schmücken. Daß sie dabei lange Gebete

sprachen, die Tugenden und den hohen Glaubensmuth der Männer Gottes

anpriesen, zu ihrer Nachahmung nach +ihrer+ Art ermunterten, versteht

sich von selbst. Wer sollte es von solchen heiligen Sprachmaschinen

anders erwarten? Nicht genug; sie tadelten noch die früher verstorbenen

Israeliten -- „ihre Väter“ --, daß diese die Propheten gemordet hatten.

Auch dieser fromme Unwille wurde gewiß mit allem äußerlichen Ernste

und Abscheu ausgesprochen. Allein Jesus fand gerade in alle diesem

Machwerke das wahre Kennzeichen, daß sie „Söhne der Prophetenmörder

seien“, d. h. nicht nur +leibliche+ Nachkommen, sondern auch Erben

ihres +Sinnes+ und +Nachahmer+ ihrer Thaten -- an +Jesus+ und seinen

+Jüngern+!!! -- Diese neuen göttliche Gesandten waren ihnen eben so

unwillkommen, als ihren Vätern die frühern; denn sie widersprachen

ihren Lehren und Thaten zu laut und zu stark, als daß ihre versteckten

Leidenschaften nicht hätten hervorbrechen und die giftigste Rache an

diesen „Söhnen Gottes“ nehmen sollen.

Furchtbar ertönt von da an die Stimme des Weltrichters; Donner Gottes

sprechen aus seinem Munde, um die Frevler heilsam zu erschüttern, und

von blutigen Thaten zurückzuschrecken -- umsonst! wie konnte ihnen der

verachtete Galiläer mit Drohung göttlicher Gerichte etwas abgewinnen,

da sie seine göttlichen Thaten verworfen hatten!

Jesus wußte das; nur wollte er auch dieses letzte Mittel der innigsten

und thätigsten Feindesliebe nicht unversucht lassen. Sie ließ er nun

ihren Weg zum Verderben ziehen; allein sie rissen Stadt und Land

mit sich hinein. Dieser Gedanke gab dem Affekte unseres Herrn eine

ganz entgegengesetzte Richtung. Statt der Richtersprüche ertönte die

wehmüthige, mitleidsvolle Stimme der zärtlichsten Vaterlandsliebe,

welche die Ihrigen blind und taub dem Untergang entgegeneilen sah. Wie

rührend klagt er! Wer preßte dem göttlichen Herzen solche Trauertöne

ab? +Heuchelei!+ -- O, laßt uns fliehen vor dieser giftigsten aller

Ausgeburten der alten Schlange! Lassen wenigstens wir uns warnen, da

es die Zeitgenossen nicht thaten! Jesus spricht so deutlich, so ernst,

so liebevoll zu uns; hören wir ihn doch, da es noch Heute ist!! --

XX.

Jesus wird von den Pharisäern an das Kreuz gebracht.[33]

Kaum dürfte Jemand im Stande sein, sich eine deutliche Vorstellung von

dem zu machen, was die Pharisäer bei dieser Strafpredigt empfunden,

gedacht und gewünschet haben. +Scham+ über ihre entlarvte Gleißnerei,

+Selbstanklage+ des Gewissens, welches gebrandmarket war, +Ingrimm+

über ihr vermindertes Ansehen, +Rachsucht+ bis zur +Mordlust+,

peinliche +Verlegenheit+ über die Mittel und Wege, diesen gefährlichen

Mann wegzuräumen, +Furcht+ vor dem Volke, +ängstliches Ringen+, die

fromme Haltung nicht zu verlieren, und dem Galiläer den Sieg zu lassen

-- und wie manche andere Gefühle, Gedanken und Begierden mögen in ihren

Herzen gewechselt haben! --

Jesus hingegen verließ in der ruhigsten Fassung den Tempel. So scheidet

die sinkende Sonne im sanften Abendschimmer, wenn sie die Gewitter des

Tages besiegt hat. Düster entfliehen die verheerenden Wolken in das

Dunkel der Nacht.

Die Pharisäer Ein Beitrag zum leichern Verstehen der Evangelien und zur Selbstprüfung · 第 9 / 11 段