und Aeltesten des Volkes sich versammelten. Er saß auf dem Oelberge,
Jerusalem gegenüber, warf tiefe Blicke in die Zukunft, gab hohe Lehren,
sprach von seiner Wiederkunft mit seinen Jüngern -- „und als er alle
diese Reden vollendet hatte, sprach er zu seinen Jüngern: Ihr wisset,
daß nach zwei Tagen Ostern ist, und daß der Sohn des Menschen übergeben
wird, um gekreuziget zu werden.“ -- „Die Hohenpriester und die
Schriftgelehrten und die Aeltesten des Volkes versammelten sich in dem
Pallaste des Hohenpriesters, der Kajaphas hieß. Und sie hielten Rath,
wie sie ihn mit List ergreifen und tödten könnten.“ (Matth. XXVI, 1-4.)
Lebendiger ließen sich wohl die Gegensätze nicht schildern, aber
auch richtiger die Stimmung beider Theile nicht darstellen, als es
der Evangelist hier mit wenigen Zügen thut. Jesus wußte, was er zu
erwarten hatte -- den Tod. Die Pharisäer waren gewiß, was sie ihm
anthun wollten -- den Tod. So kamen sie einander entgegen; er gieng
hin, wie +sein+ Vater es wollte; sie suchten zu vollbringen, was +ihr+
Vater liebte. Er hatte seinen Angriff offen gethan; sie sannen auf
Hinterlist. So geziemte es der Wahrheit und der Lüge.
„Ja nicht an dem Feste, damit kein Auflauf unter dem Volke entsteht!“
-- Sehet da die Helden des Tages der jüdischen Welt! Sehet die
Häupter Israels! wie sie zittern vor dem kräftigen Wahrheitssinne des
„Erdenvolkes“, wie sie es nannten! Wäre Christus der große Verbrecher
gewesen, für den sie ihn, von ihrer Leidenschaft gezwungen, hielten,
so hätten sie ihn ohne Bedenken am hellen Tage ergreifen, und zum
warnenden Beispiele für Alle am Feste hinrichten dürfen. Allein ihr
eigenes Gewissen bezeugte ihnen das Gegentheil; daher die nur zu
gegründete Furcht, als Prophetenmörder betrachtet und behandelt zu
werden. +Charakterlose Menschenscheue ist wesentliches Kennzeichen der
Heuchelei.+ --
Und doch konnten sie es nicht über sich gewinnen, in ihren Herzen von
den Mordanschlägen abzustehen. +Ihre+ Religiosität forderte blutige
Rache. Aber wie sollten sie zum Zwecke kommen bei der Vorsicht und
Klugheit Jesu? Dieser Verlegenheit wurden sie unerwartet entrissen --
durch +Judas+. Teuflischer Verrath des Jüngers an seinem Meister, des
Freundes am Freunde! Wer wird ein solches Anerbieten nicht mit Abscheu
von sich stoßen? Die Pharisäer -- „+sie freuten sich+!!“ (Matth.
XXVI, 14-16. Mark. XIV, 10-11.). -- Göttlicher Erlöser! was wird
dein Herz voll gränzenloser Menschenliebe empfunden haben, als Du im
Geiste sahest, wie süßes, gräßliches Entzücken altväterlicher Lust am
Prophetenmorde die rabbinischen Herzen deiner Feinde durchbebte! -- --
Wäre Judas nicht von Neid und Geiz geblendet gewesen; er hätte in
den funkelnden Augen, in den freundlich grinsenden Mienen, in der
gebrochenen, gehaltenen Sprache, selbst in erkünstelten Lobsprüchen der
Hohenpriester ihr böses Herz und ihre frömmelnde Gottlosigkeit deutlich
lesen können. Aber so fesselten ihn die „dreißig Silberlinge“ um so
mehr, je feiner sie ihn als den einzigen Redlichen, Wahrheitsliebenden
unter der verruchten Schaar herausstrichen, je schmeichelhafter sie
den gehorsamen Sohn rühmten, der den Vätern des Volkes getreu die
Hand bot, den verderblichsten Betrüger wegzuräumen. Auch ohne Satans
eigenste Verführung waren solche Ausdrücke hoher Freude, die noch dazu
-- freilich sehr dünne -- versilbert wurden, beinahe hinreichend, den
+Judas+ zum entsetzlichsten Verbrechen fortzureißen.
* * * * *
Judas hielt genau sein Wort. Vielleicht wäre Jesus schon beim letzten
Mahle überfallen worden; allein dieß hatte er dem Judas unmöglich
gemacht, weil er den Petrus und Johannes in die Stadt vorausschickte,
ohne das Haus und den Eigenthümer näher zu bezeichnen, als durch
Umstände, die nur ein mehr als menschlicher Blick ihm entdecken konnte.
In Gethsemane +wollte+ er seine Gefangennehmung nicht mehr verhindern;
„denn seine Stunde war gekommen.“ Da verrieth Judas, als würdiger
Schüler der Pharisäer, den Sohn Gottes und des Menschen durch einen
+Kuß+ -- das schönste Zeichen der innigsten Liebe und Freundschaft!
* * * * *
Scharf bezeichnend ist die Anrede unseres Herrn an die Schaar, welche
ihn überfallen hatte: „Wie gegen einen Räuber seid ihr ausgezogen mit
Schwerdtern und Stangen. Obwohl ich täglich bei euch im Tempel war,
habt ihr doch die Hände nicht nach mir ausgestrecket. +Doch dieß ist
eure Stunde, und die Macht der Finsterniß.+“ Das graußenhafte Dunkel
der Nacht war das beste Sinnbild ihrer Denkart, ihrer Plane, ihres
getreuesten Verbündeten -- des Vaters der Lüge und des Mordes. Wie tief
läßt uns Jesus in die Abgründe des Lasters der Heuchelei blicken!!
* * * * *
+Annas+, der Schwiegervater des Kajaphas, war der Erste, vor welchen
Jesus gebunden, als Verbrecher, gestellt wurde. Wer schaudert nicht
zurück? „Der Allerheiligste“ steht vor dem Sünder zu Gericht. Der alte
Hohepriester fühlte sich geschmeichelt und hochgeehret, daß man den
Todfeind aller Gleißner so geraden Weges im Triumphe zu ihm führte. Ihm
schwoll das vom Göttlichen leere Herz; sein lüsternes Auge weidete sich
an dem gefesselten Nazarener; seine Miene verkündete Sieg und Tod; in
Haltung und Ton ein Richter „fragte er Jesus über seine Jünger und über
seine Lehre.“ Der Schlaukopf! Ueber etwas, wovon er selbst Augen- und
Ohrenzeuge war, was Jedermann in Jerusalem wußte, legte er gerichtliche
Fragen vor -- damit Jesus sich selbst verstricken sollte. So waren
diejenigen beschaffen, zu welchen die Schrift sagte: „Ihr seid Götter,“
d. h. als Richter Gottes Stellvertreter! Was soll man erst noch zu
der Handlung des Schergen sagen, der Jesus in das Gesicht schlug?
Nicht falsche Demuth, sondern tiefes Gefühl seiner menschlichen und
göttlichen Würde leitete unsern Herrn; bei Niederträchtigkeiten, die
man sich gegen ihn erlaubte, +schwieg Er nicht; aber sein Richter, der
Hohepriester, schwieg+!! --
* * * * *
Annas war jetzt schon befriediget; er schickte Jesus zu +Kajaphas+. Ein
neuer, merkwürdiger Auftritt! Hier fanden sich gewesene Hohepriester,
Aelteste des Volkes und Schriftgelehrte zahlreich noch am späten
Abend ein. Wie sehr sich doch diese Herren Gottes Sache angelegen
seyn ließen! Sogar die Ruhe der Nacht opferten sie ihrem heiligen
Mordgeschäfte auf!
„Das +ganze+ Synedrium suchte falsche Zeugen gegen Jesus.“ Bestund
denn das Synedrium nur aus Pharisäern? Unstreitig befanden sich auch
viele +Sadducäer+ darunter, da die Reichen und Vornehmen häufig dieser
Sekte zugethan waren. Und mit diesen Unglaubigen vereinigten sich die
Pharisäer? Warum denn nicht, wenn es den Tod des Nazareners galt, der
beiden Partheien gleich verhaßt war? Ein höchst merkwürdiger Zug in dem
Charakter dieser Heuchler!
„Sie suchten falsche Zeugen gegen Jesus, +um ihn zum Tode zu bringen+.“
Die höchste Gerichtsstelle des Landes hielt feierliches Verhör, nicht
um über die Schuld oder Unschuld unseres Herrn genaue Erkundigung
einzuziehen, sondern um ihn unter dem Schutze von +gerichtlichen
Formen+ zu morden. So glaubten sie ihr eigenes Gewissen belügen und
Gott und Menschen über und um sich täuschen zu können.
Allein der fein ausgedachte Plan scheiterte; die Zeugen widersprachen
sich oder wichen wenigstens in ihren Aussagen zu weit von einander
ab. Sie vermochten damit nicht einmal scheinbar den Forderungen
des oft so leicht zu befriedigenden Rechtes zu genügen. Was die
schlimme Sache noch mehr verdarb, war das unerwartete, entschlossene,
würdevolle Stillschweigen des Beklagten, der, selbst vom Hohenpriester
aufgefordert, nicht eine Sylbe zur Widerlegung der lügenhaften Zeugen
vernehmen ließ. So war es unmöglich, ihn ins Garn zu bringen. Was
blieb ihnen nun übrig? Nur ein +verzweifelter Schritt+, wenn sie
anders zum sehnlichst erwünschten Ziele gelangen wollten. +Kajaphas+
trat in eigener hoher Person auf, und nahm unserm Herrn unter einer
+Eidesformul+ das Geständniß ab, +daß er der Messias+ sei. Mit welchem
Rechte, nach welchem Gesetze konnte er den +Beklagten+ seine eigene
+Anklage+ mit einem +Schwure+ vor Gott +bekräftigen+ lassen?! Welch’
ein ungeheurer Mißbrauch richterlicher Gewalt und Würde! +So gründete
Heuchelei ihr Unrecht auf die Gewissenhaftigkeit des Angeklagten!!+
Jesus ließ sich dieses aus Gehorsam gegen den heiligen Willen seines
Vaters und aus Liebe zu uns gefallen; er „bekannte das schöne
Bekenntniß“, der Hohepriester zerriß im heiligen Zorn darüber sein
Kleid, das Synedrium, von ihm aufgerufen, fand den Sohn Joseph’s des
+Todes schuldig+. Darin nun waren sie keine Heuchler; denn Kajaphas und
seine Genossen waren wohl fest überzeugt, daß Jesus der Messias nicht
sein +könne+. Nur in der Art und Weise, wie sie zu diesem Schlusse
kamen, lag Heuchelei.
* * * * *
Den eifervollen Wächtern über das Gesetz, welches oft so
menschenfreundlich und milde den Schwachheiten der Menschen begegnet,
macht es unstreitig alle Ehre vor den Augen Gottes und der Menschen,
daß sie den verurtheilten Lehrer dem niederträchtigsten Muthwillen
der rohesten Henkersknechte die ganze Nacht hindurch Preis gaben. Ein
ächtes Kennzeichen ihrer rabbinischen Menschenliebe, die sich wohl an
einem Gotteslästerer nicht versündigen konnte, wenn sie ihn auch noch
so sehr mißhandelte!
* * * * *
Der Tag brach an; noch einmal versammelte sich das Synedrium,
wahrscheinlich, weil am Abende vorher in der Eile nicht alle Mitglieder
erschienen waren. Dazu kam noch, daß eine wiederholte Untersuchung
der Sache des Gefangenen, einen großen Schein der Bedachtsamkeit,
Unpartheilichkeit und Gewissenhaftigkeit auf sie warf.
Jesus wurde vorgeführet, neuerdings gefragt, ob er der Messias sei?
Er blieb seiner Aussage getreu, so wie dem Beisatze, daß er bald
zur Rechten Gottes sitzen, d. h. sich in seiner Herrlichkeit als
Welterlöser befinden und durch Thaten beweisen werde. Wie hätten seine
Richter es über sich vermocht, ihm dieses Wort zu glauben! Widersprach
nicht sein ganzer gegenwärtiger Zustand gerade zu dieser Erklärung? Ja,
sie trug nur dazu bei, sie vollends irre zu machen; denn Wahrheit und
Gottes Wege waren nun einmal ihre Sache nicht.
Wirklich nahmen sie auch darauf so gar keine Rücksicht, daß sie nur
hastig wieder die Frage stellten: „Du bist also der Sohn Gottes?“
-- Wer greift es nicht mit Händen, was sie eigentlich wollten? Jesus
sollte rund heraus und einfach bekennen: „Ja, ich bin es;“ dann hatten
sie, was sie suchten -- Gelegenheit und Recht ihn zu verurtheilen. Er
that es, und sie fanden ihn todeswürdig. Falsche Zeugen waren jetzt
nicht mehr nöthig; dieses ehrenvolle Amt übernahmen sie selbst; denn
sie hatten es mit eigenen frommen Ohren vernommen, wie er sich für den
Messias ausgab, da er es doch nicht war, nicht sein konnte.
* * * * *
+Rachsucht+ und +Mordlust+ verunreinigte keinen Pharisäer, aber der
+Pallast+ des Pilatus hätte unfehlbar so etwas bewirkt, wenn sie
denselben am frühen Morgen des festlichen Tages betreten hätten. Damit
sie also mit +gutem Gewissen+ „das Passamahl essen konnten“, ließen sie
Pilatus zu sich herauskommen, als sie Jesus gebunden zu ihm führten.
Der Römer mochte schon durch die frühe Zudringlichkeit und durch die
Bitte, heraus zu kommen aus dem Pallaste gereizt sein; die Feinde
Jesu waren es nicht weniger dadurch, daß sie sich gezwungen sahen,
das Todesurtheil durch Pilatus bestätigen zu lassen, weil sie ihre
Unabhängigkeit an die Römer verloren hatten. Daraus erklärt sich die
allgemeine, unbestimmte, stolze Anklage: „Wenn er nicht ein Verbrecher
wäre, so hätten wir ihn dir nicht überliefert.“ Pilatus sollte also
Jesus zum Tode verurtheilen, bloß weil der hohe Rath es wollte. Welche
Leidenschaftlichkeit! Da erwachte aber der Stolz des Welteroberers in
dem Römer, und er ließ die trotzigen Ohnmächtigen ihre ganzes Schwäche
in beißendem Spotte seiner Antwort fühlen: „Nehmet ihr ihn, und richtet
ihn nach eurem Gesetze.“
Jetzt mußten sie ihr Unvermögen, Jesus ohne Mitwirken des Pilatus zu
morden, eingestehen, und zugleich den eigentlichen Klagepunkt genauer
angeben. Dieß war kein anderer, als: „Er wolle König -- Messias der
Juden sein.“ -- Die Hohenpriester machten bei Jesus ein Todesverbrechen
-- vor dem Ausländer, Pilatus -- aus dem, was sie an Jedem gelobt und
verschwiegen hätten, +der nach ihrem Sinne Messias hätte sein wollen,
der vom Vater versiegelte sollte am Kreuze verbluten+!!! --
Uebersehen dürfen wir es dabei nicht, welche Kunstgriffe sie anwandten,
der Klage eine Gestalt zu geben, die auch den Römer in ihr Interesse
ziehen sollte, „Wir finden, daß er das +Volk verführt+, und es
+abhält+, dem +Kaiser den Tribut+ zu +geben+, indem er sagt, Er sei der
Gesalbte, der König.“ Ein herrliches Probestückchen, wie viel sie schon
von „ihrem Lügenvater“ gelernt hatten!
+Jesus schwieg+ -- aber so würdevoll, so mit allem Bewußtsein der
Unschuld, daß der Scharfblick des Richters es leicht entdecken konnte,
um so mehr, da es dem Pilatus nicht unbekannt war, „daß ihn die
Hohenpriester aus +Neid+ ausgeliefert hatten.“ Er nahm mit Jesus ein
geheimes Verhör in dem Richthause vor, und überzeugte sich vollkommen
von seiner Unschuld. +Diese Ueberzeugung sprach er auch öffentlich
aus.+ Welche Ehre für unsern Herrn! Welche Schande für seine Kläger!
Was wollten sie nun weiter thun? Wie ihren Racheplan durchsetzen? Der
wüthendste Haß, die grimmigste Verfolgungssucht, gewissenloser Ehrgeiz
ließ die frommen Väter alle Folgerichtigkeit der Gedanken, geschweige
die Gerechtigkeit und Wahrheit, vergessen. Sie gaben die erste Anklage
auf, und brachten eine +ganz neue+ vor; „Er wiegelt das Volk auf,
+indem er in ganz Judäa umherlehret+, angefangen von +Galiläa+ bis
hieher.“ Gewiß ein neues und bis auf diesen Tag unerhörtes Verbrechen!
Jesus +lehrte+, also hat er den +Tod+ verdient; so lautet die
Schlußweise der Heuchler. Außer der Kürze fehlt nichts, als -- Wahrheit.
Pilatus mußte die Verlegenheit und verhaltene Wuth der Elenden
bemerken; doch wollte er es mit ihnen nicht ganz verderben. Daher
faßte er das Wort: Galiläa, auf, um diesen Prozeß an +Herodes+
hinüberzuweisen. Wie mußte sie dieser Aufschub ärgern! -- Wer
fände aber schwarze Galle und herbe Worte genug, um den Ingrimm
dieser Menschen zu schildern, +als auch Herodes, ihr Landsmann und
Glaubensgenosse, nicht auf Tod erkannte+! Und sie hatten sich so viele
Mühe gegeben, Jesus recht kräftig zu verklagen bei dem Könige, der aber
doch die +schweigende Unschuld+ beredter fand als die klatschende Lüge!
* * * * *
Als die Juden unsern Herrn von Herodes zu Pilatus zurückbrachten,
erklärte dieser +neuerdings+, daß er ihn nicht verurtheilen könne.
Geißeln wollte er ihn lassen -- den Unschuldigen! -- nur um den
Blutdurst der Hohenpriester einiger Maaßen zu befriedigen.
Diese Gesinnungen des römischen Richters trieben den Todeshaß bis zur
gränzenlosen Wuth. Nicht einmal falsche Anklagen, keine Scheingründe
stunden ihnen zu Gebote; sie mußten beinahe verzweifeln, als ihnen
die erfinderische Leidenschaft doch noch ein Mittel an die Hand gab --
+Geschrei des Aufruhres+.
Glücklicher Weise bot ihnen Pilatus, zum Theil auf Verlangen des
Volkes, die Loslassung eines zum Tode verurtheilten Verbrechers
an, als Zeichen, daß ehemals sie selbst das Recht über Leben und
Tod gehabt hatten. Die Zeit, welche verstrich, bis +Barabbas+
herbeigebracht wurde, und bis Pilatus die Nachricht vom Traume seiner
Frau beantwortete, benützten die erbosten Schlauköpfe meisterhaft;
sie vertheilten sich unter die Haufen des Volkes, erhitzten durch
alle Mittel, welche ihnen als Aeltesten, Priestern, Gesetzgelehrten,
Scheinheiligen zahlreich zu Gebote stunden, die beweglichen Gemüther,
besonders der Einwohner der Hauptstadt, und brüllten nun in immer
steigendem Ungestümme dem vermittelnden Richter ihr entsetzliches
„+Kreuzige!+“ entgegen. Dieses unsinnige +Geschrei+ mußte jetzt alle
+Gründe+ ersetzen, alle Stimmen des +Gewissens+ übertäuben, die
natürlich für den wohlthätigen Lehrer gegen den verderblichen Mörder
entschieden hätten. Unglaublich wäre diese Verblendung der Heuchler
selbst und ihrer Verführten, wenn nicht die heilige Geschichte sie
bestätigte.
* * * * *
Noch machte Pilatus einen letzten Versuch, Jesus wenigstens am Leben zu
erhalten. Er ließ ihn die grausame römische Geißelung bestehen, um so
das +Mitleiden+ gegen den mißhandelten Unschuldigen zu erregen. Allein
theils die zwecklose, muthwillige Verspottung der Königlichen Würde des
Messias, theils die unermüdliche Geschäftigkeit der Vornehmen, für die
väterliche Religion scheinbar eifernden Volksverführer erstickte alles
menschliche Gefühl. Gräßlich donnerte die Schaar der Hohenpriester und
ihrer Geistessklaven dem Pilatus ihr Todesgeschrei entgegen.
Wiederholt bezeugte der Richter die Schuldlosigkeit unseres Herrn. Da
trieb sie verzweifelte Rachsucht wieder auf die +erste+ Anklage zurück.
Sie beriefen sich auf ihr göttliches Gesetz, welches Jesum zum Tode
verurtheile, „+weil er sich selbst zum Sohne Gottes gemacht habe+.“ --
Dieses Mal aber sprach wieder der heuchlerische Lügengeist laut aus
ihnen. Das +Gesetz+ belegte den +Gotteslästerer+ und den +falschen+
Propheten mit dem Tode der +Steinigung+[34]; mit welchem Rechte konnten
sie diese Stellen auf +Jesus+ anwenden? Hatten sie unpartheiisch
geprüft? Waren sie mit Gottesfurcht dabei zu Werke gegangen? Man
frage die Geschichte! Den wahren Grund dieser trügerischen Berufung
auf das Gesetz geben sie mit zwei Worten an: „+Er selbst+,“ +d. h.
nicht durch uns+ hat er sich zum Messias aufgeworfen. Die wahrhaft
göttlichen Lehren und Thaten Jesu waren kein Beweis seiner Sendung von
Gott, weil +sie+ ihn nicht gesandt, +sie+ ihn nicht anerkannt, +sie+
ihn nicht bestätiget hatten. +Unmittelbar+ von Gott +konnte+ eine
solche Sendung nicht geschehen; die Häupter der Nation hatten dabei
+auch+ und +vorzüglich+ mitzusprechen, ob der Messias die in +ihren+
Schulen festgesetzten Kennzeichen an sich habe. Nur +sie+ wußten die
Propheten recht auszulegen. Daher schlossen sie nach den Regeln ihres
heuchlerischen Verstandes: „ein Gotteslästerer und falscher Prophet muß
gesteiniget werden -- also Jesus, als falscher Messias, gekreuziget
werden.“ --
Dieses Gewebe von Bosheit, Egoismus, Lüge und Neid konnte Pilatus
unmöglich durchschauen. Aber auf ihn machte etwas anderes tiefen
Eindruck, das Wort: „Sohn Gottes.“ Auch Heiden glaubten an Göttersöhne,
freilich von sehr menschlicher Art;[35] an einem solchen wollte er
sich nun doch nicht versündigen.[36] Daher stellte er Jesus darüber
zur Rede. Die Erklärung, welche er erhielt, flößte ihm Hochachtung und
Furcht ein. Jetzt war er gar nicht mehr geneigt, das Todesurtheil der
Hohenpriester zu bestätigen. -- -- Menschenkinder! wendet euren Blick
ab! Lasset Thränen der bittersten Wehmuth fließen! -- -- ~Die Heuchelei
vollendet ihr teuflisches Werk.~
„+Wenn du diesen losläßest, so bist du kein Freund des Kaisers.+“
Noch mehr:
„+Wir haben keinen König, als den Kaiser+.“
-- „Da übergab ihn Pilatus ihnen, daß er gekreuziget würde -- -- --!“
* * * * *
Triumph! -- Sie sehen ihn bluten! Sie weiden ihr mordsüchtiges Auge
an dem Gekreuzigten! Eine ganze Hölle von wilder Lust befriedigter
Rachsucht durchwühlt die laut pochenden Herzen der scheinheiligen
Frevler! Wer findet dieß nicht +natürlich+?
Aber +widernatürlich+ war es, des Unglücklichen, des Verfolgten,
des Besiegten, des Gekreuzigten -- +spotten+. So etwas konnten nur
+freiwillige Werkzeuge des Satans in Gestalt heiliger Gesetzlichkeit+
thun.
* * * * *
+Jesus stirbt+ -- Ruhe seiner Asche! Unter Menschen wohl, aber nicht
bei Heuchlern! Das +Grab+ „des Betrügers“ wird mit Wachen umgeben,
damit er in drei Tagen nicht „gestohlen“ werde. Nach dem Tode noch
wüthen sie gegen den +Leichnam+ und gegen das +Andenken+ unseres
Erlösers. Entsetzlich -- aber ganz nach ihres Herzens Tücke!
* * * * *
+Jesus ist erstanden!+ -- Die Hohenpriester +erkaufen+ von der Wache
die +Lüge+, „sein Leichnam sei, während sie schliefen, gestohlen
worden.“ Doch wohl ein eben so gewissenhafter und heiliger Gebrauch
des „Tempelschatzes,“ als der, da sie mit Judas „Blutgeld“ des Töpfers
Acker zum frommen Zwecke „einer Fremdenbegräbniß“ erhandelten.
* * * * *
+Hosianna in der Höhe! Jesus lebt und siegt! Mit ihm Wahrheit und
Liebe! Satan und die Heuchler liegen bestürzt, zernichtet in Schmach
und Elend! Weg mit der Heuchelei aus unsern Herzen! Wahrheit und Liebe,
wie sie Jesus Christus ist, herrsche in uns -- zum ewigen Leben! Amen!+
Druckfehler
in
M. Wirth, die Pharisäer.
Seite Zeile Lies Statt
17 10 Bosheit Ketten Bosheitketten
23 6 Hange Gange
29 20 denn dann
32 12 Synedrium Synodrium,
(welches noch öfter steht.)
44 28 ich sage dir sage dir
48 9 hinter der hinter
60 13 aber als
66 6 thue thun
74 21 immer über
79 10 ruhmlos rühmlos
99 24 Erstaunen Erstannen
103 12 es diesen diesen
104 11 Fällen stracks stracks
118 14 Eiferers Eifrers
16 ungesättigten unbesättigten
121 4 Volkes Gottes Volkes
131 29 einen ein
140 1 hat er er
144 14 war es war
148 3 diesem Wege diesem
149 19 bewundert nicht bewundert
26 auch ihn auch
153 2 ließ sich ließ
161 7 Was hat er Was er
164 22 Von nun an Von nun
175 18 Unrecht nicht hätte Unrecht hätte
187 19 ungemessenste ungemessendste
188 24 Nation nicht Nation
207 19 Verkehrtes Herz Verkehrtes
220 9 sie die
Neue Verlagsbücher
der
+Stettin+’schen Buchhandlung in +Ulm+.
+Baur+, S., +Denkwürdigkeiten aus der Menschen-Völker und
Sittengeschichte alter und neuer Zeit+. Zur angenehmen und
belehrenden Unterhaltung für alle Stände, 6 Bände. 8. brosch. 8
Rthlr. oder 12 fl.
+Conz+, +Gedichte, neue Sammlung+. 8. 1 Rthlr. 16 ggr. oder 2 fl.
30 kr.
+Dann+, +über das Interusurium+, oder den gegenwärtigen baaren
Werth einer erst künftig zahlbaren Summe, mit 2 Tabellen und
mehreren Beyspielen. 4 brosch. 18 ggr. oder 1 fl. 12 kr.
+Dresch+, _D._ L. von, +Grundzüge des baierischen Staatsrechts+.
gr. 8. 3 Rthlr. oder 4 fl. 30 kr.
+Ebner+, G. F., +Anweisung zum Flachsbau+. 8 brosch. 3 ggr. oder 12
kr.
+Erhard, J. G. D.+, +die christliche Auferstehungslehre+. Ein
philosophisch exegetischer +Versuch+. gr. 8. 8 ggr. oder 30 kr.
+Gräter+, _D._, +zerstreute Blätter+. 2te Sammlung. 2 Rthlr. oder 3
fl.
+Haug+, Fr., +Bacchus, Anti-Momus, Jocus und Sphinx+. 8. 2 Rthlr.
oder 3 fl.
+Höck+, J. D. A., +statistische Darstellung der Landwirthschaft in
den deutschen Bundesstaaten+. gr. 8. 1 Rthlr. 4 ggr. oder 1 fl. 48
kr.
+Lieder, moralische, für die Jugend.+ Theils für kleine, theils
auch für größere Kinder, meistens nach bekannten Melodien. 12. geb.
12 ggr. oder 48 kr.
+Magenau+, R. F. G., +der Güßenberg und die Güßen+. Ein Beitrag zur
Kenntniß des Brenzthals und seiner Umgegend. gr. 8. 12 ggr. oder 48
kr.
+Melchinger+, +Anleitung zur deutschen Orthographie für Schulen+.
gr. 8. 10 ggr. oder 40 kr.
_+Möller+, I., +über die Brauchbarkeit der nordischen Mythologie+
für die schönen zeichnenden Künste. Aus dem Dänischen übersetzt von
G. Fries. gr. 8. 8 ggr. oder 30 kr._
+Molt+, +Unterricht im schriftlichen Rechnen, neue Auflage+. 8. 5
ggr. oder 20 kr.
+Rösling+, _D._ C. L., +Grundbegriffe, Wesen und Organismus der
Mathematik+. gr. 8. 1 Rthlr. 16 ggr. oder 2 fl. 30 kr.
---- ---- kritische Prüfung und Berichtigung der
Electricitätslehre, durchgängig auf Experimente gegründet; als
Vorarbeit zu einer berichtigten Theorie vom Galvanismus. gr. 8. 2
Rthlr. 8 ggr. oder. 3 fl. 30 kr.
+Schaul+, J. B., +italien. Grammatik+ für Frauenzimmer. gr. 8. 1
Rthlr. oder 1 fl. 30 kr.
+Seutter+, J. G. Fr. von, +die Staatswirthschaft+ auf die
Grundlage der National-Oekonomie in ihrer Anwendung auf
innere Staatsverwaltung und die Begründung eines gerechten
Auflage-Systems. 3 Thle. gr. 8. 6 Rthlr. oder 9 fl.
+Taschenbuch von der Donau, herausgegeben von L. Neuffer.+ Mit
Kupfern. 1ter Jahrgang für 1824. 2 Rthlr. oder 3 fl. 36 kr.
+Weisser+, Fr., +Muse und Muße+. In einem Kranz von Erzählungen,
Lustspielen, Satyren und vermischten Aufsätzen. 8. 1 Rthlr. 16 ggr.
oder 2 fl. 30 kr.