unsern Herrn an, als die Schaaren seiner Verehrer ein lautes Hosianna
dem Sohne Davids erschallen ließen. Die Jünger und die Volkshaufen,
welche nach Bethanien gekommen waren, wurden durch die wechselseitig
erregte Erinnerung an die großen Thaten Jesu ganz begeistert; sie
waren jetzt gewiß, daß er und kein Anderer der Messias sei; darum
gaben sie dem mächtigen Drange ihrer überzeugten Herzen nach, und
drückten sich lebhaft und stark genug aus. Jesus ließ es geschehen,
weil dieser ehrende Zuruf nur volle und reine Wahrheit enthielt. Die
Sache so angesehen, gehörte doch nicht wenig freche Tadelsucht und
schamlose Eigenliebe dazu, Jesus öffentlich darüber Vorwürfe zu machen.
Aber hatten denn die Pharisäer auch hier wiederum gar so Unrecht? War
Jesus nicht vom Synedrium förmlich als falscher Prophet und Messias
erklärt worden? Wie konnten die alten, frommen Väter Israels sich so
ganz an ihm versehen, wenn er der Sohn Gottes wirklich gewesen wäre?
Was bedurfte es da noch einer eigenen Untersuchung jedes Einzelnen, wo
die Vorsteher schon so bestimmt entschieden hatten? Diese unberufenen
Tadler handelten im Geiste ihrer Sekte, und konnten sich in ihren Augen
an einem Menschen, wie Jesus war, unmöglich versündigen.
Die Wahrheit dieser Erklärung wird unwiderleglich bestätiget durch
den Ausbruch pharisäischen Unwillens, welchen Johannes erzählt: „+Ihr
sehet, daß ihr nichts ausrichtet; sehet, die ganze Welt läuft ihm
nach!+“ Sie hatten also schon gegen Jesus entschieden; einer nähern
Prüfung wollten und konnten sie weder gemeinschaftlich noch für sich
selbst seine Lehren und Thaten nicht mehr unterwerfen. Ihr ganzes
Bemühen war nur dahin gerichtet, ihn um das Zutrauen des Volkes zu
bringen, oder, wenn dieß nicht möglich wäre, aus dem Wege zu räumen.
Daher der niederträchtige, feigherzige Zorn, als keines von beiden
gelingen wollte. Und doch bildeten sie sich dabei ein, die Stützen der
Wahrheit und Religion zu sein. Wie liebenswürdig erscheint hier der
gemeine Jude, der sein redliches Herz dem Zuge des himmlischen Vaters
folgen ließ, und Jesus als Messias bekannte, ohne einen Pharisäer zu
fragen!
Als Jesus nach seinem Einzuge im Tempel verweilte, kamen Blinde
und Lahme zu ihm, um geheilt zu werden. Der laute Ruf seiner
Thaten, besonders der wiederbelebte Lazarus, hatte sie ohne Zweifel
zu diesem Schritte ermuntert -- und zu ihrem Besten. Sie wurden
wieder hergestellet. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten waren
+Augenzeugen+ dieser göttlichen Thaten, die doch wohl laut genug
für seine Messiaswürde sprachen; sie sahen und hörten die Freude,
den Jubel und Dank der Geheilten gegen Gott und seinen Sohn -- und
+blieben ungerührt+! Aber noch mehr! Knaben fanden sich auch dabei
ein; diese hatten es schon in den Straßen gehört, und hörten es jetzt
von den Geretteten wahrscheinlich wieder mit Enthusiasmus ausrufen,
daß Jesus der Sohn David’s sei; was war daher natürlicher, als daß sie
mit jugendlicher Unschuld und Freude nachriefen: Hosianna dem Sohne
David’s?! Dieß brachte die Pharisäer außer sich. „+Hörest du, was diese
sagen?+“ Wie herzlos, wie empörend, und doch auch lächerlich klingen
diese Worte im Munde der Meister Israels!! Jünger, Kinder -- Steine
verkündigten die Ehre unseres Herrn; die Heuchler fluchten ihm, und
segneten sich dabei -- Jehova zu Ehren! --
Kein Wunder! Jesus hatte sie auch zu arg gereizet. Zum zweiten Male
nahm er ihnen ihr frommes Gewerbe im Tempel, indem er die Verkäufer
austrieb. Dieß war in ihren Augen offenbar nur Rachsucht gegen sie,
die er unter dem Schutze des mit ihm eingezogenen Volkes verübte. Da
es schon Abend war, mußten sie es geschehen lassen; aber sie sannen
wüthend auf Wiedervergeltung. Wie mancher Pharisäer wird sich in der
folgenden Nacht wie ein getretener Wurm auf seinem Lager gewälzet und
auf Racheplane gedacht haben!
Der Tag brach an; Jesus kam in den Tempel; das Volk strömte herbei;
Jesus lehrte, wie gewöhnlich; die Hohenpriester und die Aeltesten
des Volkes stellten sich auch ein; sie hatten schon ein Mittel
ausgesonnen, sich für die Schmach des vorigen Tages empfindlich an ihm
zu rächen. Todeshaß im Herzen, Brandmale im Gewissen, Ruhe im Gesicht,
Wahrheit und Recht im Munde, Amteswürde im Gange -- so traten sie zu
Jesus, unterbrachen seinen Vortrag und stellten feierlich die Frage:
„Sage uns, aus welcher Vollmacht hast du das gethan? Und wer hat dir
die Macht gegeben?“ -- Es war nicht so leicht, auf diese listige,
unerwartet vorgelegte amtliche Frage auf der Stelle eine genügende
Antwort zu geben. Wer Mißbräuche abstellen will, muß dazu befugt sein;
Jesus hatte dieß gethan, und zwar auf eine für den Priester- und
Levitenstand gar nicht ehrenvolle Weise. Sie hatten ihm dazu keine
Erlaubniß gegeben; und er würde wohl auch vergeblich darum nachgesucht
haben. Mit gutem Grunde konnten sie also ihm Verletzung der bestehenden
Ordnung, Kränkung ihrer Ehre und Verminderung ihres Ansehens vorwerfen.
-- Aber Jesus war ja als Messias in die Stadt eingezogen, und hatte
mithin als solcher gehandelt! Eben dieß war es, worauf sie lauerten.
Wie geschwinde würden sie ihm Beweise seiner Messiaswürde abgefordert,
diese ungültig und nichtig befunden und ihm, als Betrüger, den Prozeß
gemacht haben! Die Heuchler maßen unsern Herrn nach ihnen selbst;
darum verrechneten sie sich so sehr. Reinheit des Herzens, Heiligkeit
des Lebens, Wahrheit der Lehre, Weisheit und Kraft Gottes -- dieß
waren die Waffen, mit denen er den großen Kampf für uns kämpfte. Er
war bereit, sich zu verantworten, und öffentlich sich als Messias zu
bekennen, sobald die Hohenpriester eine vorläufige Frage öffentlich
beantworten würden; nämlich, ob Johannes, der Täufer, ein Prophet
gewesen sei, oder nicht? Bejaheten sie die Frage, so hatte Jesus einen
göttlichen Gesandten zum Zeugen, daß er Gottes Sohn sei; ein für Juden
unwidersprechlicher Beweis! Leugneten sie die Sendung des Täufers,
so mußten sie Beweisgründe anführen; woher wollten sie aber diese
nehmen? Jesus war also auf jeden Fall gesichert -- durch Wahrheit;
sie geriethen in die schrecklichste Verlegenheit. Welche Hölle mit
allen Aengsten der Verzweifelung und Ohnmacht werden diese Elenden
empfunden haben! Da stunden sie vor den Augen des Volkes; sagten sie
ja, so mußten sie mit Schande abziehen; sagten sie nein, so drohten
die gemeinen Leute, ihnen mit Steinwürfen den Gegenbeweis ihrer Lüge
zu machen. Ihre Fuchsnatur fand noch einen Schleichweg -- +sie wußten
es gar nicht+, ob Johannes von Gott oder Menschen gekommen sei. Nun
blieb auch Jesus seine Antwort schuldig. Aber lieber wollten sie die
Sache unentschieden lassen und mit Schande bedeckt abziehen, als dem
verhaßten Nazarener Recht geben. --
Winkelzüge dieser scheußlichen Art, Verleugnung der Wahrheit und
Anhänglichkeit an die Lüge unter der Maske des Guten mit solcher Tücke
und Verhärtung -- welche Warnung für uns Alle! Wie sehr sollen wir uns
hüten vor den Anfängen und leisesten Spuren der Heuchelei um nicht so
zu enden!
Jesus ließ Manches der Art ohne besondere Bemerkung an sich
vorübergehen; aber dieser Vorfall ergriff ihn selbst zu lebhaft,
regte gerechten Unwillen und tiefes Mitleid zu sehr in ihm auf, als
daß er den Pharisäern ihr Unrecht nicht hätte zu verstehen geben und
noch einen Versuch zu ihrer Besserung machen sollen. In malerischen
Gegensätzen schilderte er ihr Betragen gegen Gott und seine Gesandten,
und brachte sie auch dießmal dahin, sich selbst das Urtheil zu
sprechen. Ein gewaltiger Stich aber mußte ihnen durch ihr Herz gehen,
da Jesus vor allem Volke den Täufer für einen Propheten erklärte, und
ihre erheuchelte Unwissenheit beschämte. Kränkender konnte überdieß
kaum etwas sein, als daß er Huren und Zöllner mehr bei Gott gelten
ließ als sie, die angepriesenen Musterbilder ächter Frömmigkeit. Ein
ernster, wohl zu beherzigender Wink, daß Gott Sünder, die +offenen+
Ungehorsam verüben, aber denselben +innig+ und +thätig+ bereuen,
liebevoll aufnimmt, während er Frömmler, die +scheinbar+ seinen Willen
thun, +im Geheimen+ aber seinen Namen schänden, und +keine Reue+
fühlen, wohl gar auf +Belohnung+ Anspruch machen, mit richterlichem
Unwillen verwirft! Der gewöhnliche Sünder spricht: „Ich will nicht,“
und thut zuletzt doch noch den Willen des Vaters; der schlaue Heuchler
sagt mit schmeichelnder Miene: „Ja, Herr!“ und thut das Gegentheil. Mit
welchem haltet ihr es lieber, Menschenkinder?! -- --
Doch unser Herr war damit noch nicht zufrieden, bloß überhaupt das
Betragen dieser Leute gerüget, und die göttliche Sendung Johannes
in Schutz genommen zu haben; sie hatten in seinen Augen -- und bei
wem nicht? -- eine noch schärfere Ahndung in Bezug auf ihr Verhalten
gegen seine eigene Person verdient. Aber er kleidete diesen äußerst
eingreifenden Verweis in Parabeln ein -- von den +Pächtern des
Weinberges+ und von der +königlichen Mahlzeit+.
Sie faßten auch den Sinn so richtig und ganz, wenigstens so weit er
sie betraf, daß sie schon nach der ersten Parabel fest entschlossen
waren, sich seiner zu bemächtigen, und ihm für die Zukunft Gelegenheit
und Macht zu solchen Angriffen zu nehmen. Nur eines hielt sie ab --
Heuchelei. Mit dem Volke wollten sie es nicht verderben; denn dieses
hielt Jesus für einen Propheten, und entschiedene, öffentliche,
formwidrige Prophetenmörder wollten sie doch nicht sein. Listiger waren
sie doch, als -- ihre Väter.
Als aber Jesus auch die zweite Parabel mit gleicher Unbefangenheit und
Unerschrockenheit vortrug, riß ihre Geduld, die Furcht ward überwunden
auf einer Seite, auf der andern waren sie noch gefesselt davon; darum
„+giengen sie hin, und hielten einen Rath, wie sie ihn fienqen in
seiner Rede+.“
In diesem Rathe ward ein Projekt beliebt, ihn sagen zu machen, daß dem
Kaiser der Zins nicht gebühre. Eigentlich waren die Pharisäer wider den
Kaiser, hatten ihm auch keinen Eid schwören wollen; aber der König der
Wahrheit war +ihnen+ noch mehr zuwider, weil sie bei dem noch mehr zu
verlieren hatten. Und so schickten sie sich in die Zeit, und machten
Allianz mit dem Kaiser, um sich durch den geringern Feind den größern
vom Halse zu schaffen. Christus sollte sagen; es sei nicht recht, daß
man dem Kaiser Zins gebe; und dann war er verloren -- meinten sie.
Aber wie macht man ihn das sagen? -- Die schlauen Füchse kannten
sich, und wußten, daß eine Wanne mit Wasser eher überfließt, wenn sie
in Bewegung gesetzt ist. Deßwegen beschloßen sie weiter, ihm durch
verstelltes Lob und durch Anerkennung seiner Competenz das Herz vorher
groß zu machen, seine Wahrhaftigkeit, seinen geraden Sinn und sein
Nichtachten der Person vor dem Volke zu loben, damit er geneigt würde,
gleich eine Probe davon gegen den Kaiser zu geben.
Das Alles war hier nun freilich nicht angebracht; aber sie verstunden
das nicht besser, und so sandten sie denn ihre Jünger -- Und Herodis
Diener mußten gleich mitgehen, damit es bei dem Zeugenverhör desto
weniger Weitläufigkeit gäbe, oder als gute Freunde, die den Sieg mit
ansehen und ausbreiten helfen sollten. Ja oder Nein! und in beiden
Fällen siegten die Pharisäer. Denn sollte Christus den Zins gut heißen,
und also dem Hauptprojekte ausweichen, so verdarb er es beim Volke, das
den Zins ungern bezahlte, und von seinem Messias Befreiung von allem
fremden Joch erwartete.
Die Sache war sehr klug angelegt, und wäre unter gleichen Umständen
gewiß Zehn- gegen Einmal durchgegangen. Hier, wie gesagt, gieng’s
nicht.
„Da nun Jesus ihre Schalkheit merkte, sprach er: Ihr Heuchler, was
versuchet ihr mich?“
Das war der freimüthige, gerade Sinn &c. den sie aus Schalkheit gelobt
hatten, wahrhaftig; aber anders, als sie erwarteten.
Mathematisch gewiß waren wohl die Pharisäer des guten Ausganges nicht;
denn sonst wären sie selbst gekommen, und hätten nicht ihre Jünger
geschickt. Indessen hatten sie doch ohne Zweifel, gute Erwartungen, und
sie haben ohne Zweifel den Deputirten Jüngern in einem nicht geringen
Tone von ihrer klugen Anlage und Erfindung gesprochen, und diese hatten
gewiß ihre heimliche Freude, daß Christus von dem allem nichts wisse,
und ihrem ehrbaren Gesichte nicht ansehen werde, was hinter ihrer Frage
stecke. Da kann man denken, wie sie erschrocken sind, als unser Herr
Christus anfieng zu sprechen, und seiner Gewohnheit nach nicht dem
Gesichte, sondern dem Herzen antwortete.
„Wessen ist das Bild und die Ueberschrift?“ Fühlst du nicht den
+feinen+ Sinn? -- Ueber das Ebenbild Gottes hatten die Eiferer für die
Religion nichts zu fragen, wohl aber über das silberne Ebenbild des
Kaisers. -- Die Zinsmünze und das Geben oder Nichtgeben derselben war
im Grunde eine kleine und unbedeutende Angelegenheit, die über ihre
Glückseligkeit nichts entschied. -- Ueberhaupt war die ganze Frage
über das Recht und Unrecht der Zinsmünze eine sehr alberne Frage, und
gerade soviel, als wenn ein Ehebrecher fragen wollte, ob es recht sei,
die auf den Ehebruch gesetzte Strafe zu bezahlen? -- Man sieht, wie
die Pharisäer eigentlich stunden, und was von allen Seiten für Anlaß
und Raum zu bitterer Antwort war; und Gott weiß, daß sie hier nicht
unverdient gegeben wäre. Aber Er war zu +gut+, bitter zu sein. Auch war
er nicht gekommen, das letzte Wort zu behalten, und über die Künste der
Pharisäer und +Welt+-Weisen zu triumphieren, sondern die Künstler selig
zu machen.[25]
* * * * *
Die Antwort unseres Herrn war entscheidend und beschämend; der Sieg
vollkommen. Erstaunt über seine Weisheit und Scharfsichtigkeit
schlichen sich die jungen Männer davon, welche als Werkzeuge boshafter
Tücke gedient hatten. Sollte sich nicht Mancher darüber geschämt
haben? Sollte nicht bei Manchem ein Zweifel an der Redlichkeit und
Wahrheitsliebe der Meister in Israel aufgestiegen sein? Wenn wir in
ihren Herzen hätten lesen können! Was mag Jesus darin gesehen haben! --
Wie unglücklich macht doch Heuchelei!
Aber auch wie unheilbar! Wer hätte es erwartet, daß die Pharisäer nach
so vielen, schmachvollen Niederlagen die Angriffe auf Jesus nicht
aufgeben würden? Und doch war es so. Kaum waren die albernen Einwürfe
leichtsinniger Sadducäer gegen die Auferstehung mit Würde und Nachdruck
beantwortet, als schon wieder eine Parthie zusammentrat, und die alte
Streitfrage über das +wichtigste Gebot+ im Gesetze wieder auf die Bahn
brachte. In Galiläa und Judäa blieb sich diese Secte gleich; engherzig,
streitsüchtig und eigenliebig drehte sie sich stets im Kreise um
denselben Punct und verwarf und verfolgte Jeden, der diesen Kopf und
Herz betäubenden Kreisgang nicht mitmachte. Was half es, daß Jesus sie
auch in Jerusalem in diesem Stücke zurecht wies? Sie hörten, wandten
sich weg, warfen seine Antwort weg -- aber nicht ihren Haß gegen ihn.
Bewundern muß man in solcher Lage die Langmuth und die Liebe Christi,
der nicht müde wurde, seine Todfeinde zu retten, noch weniger müde, als
sie, ihn zu verderben.
* * * * *
Ein höchst demüthigendes Beispiel von der tiefen Geistesarmuth der
in ihrer Einbildung an Gotteskenntniß überreichen Pharisäer liefert
die +letzte Frage+, welche Jesus ihnen vorlegte. „Was dünket euch
von Christus? Wessen Sohn ist er?“ -- „+David’s+“ war die fertige
Antwort, die sie mit schülerhafter Hast und wohl nicht ohne hämischen
Seitenblick über die Leichtigkeit der Frage gaben. Allein sie hatten
nur halb die Wahrheit getroffen. Sobald daher Jesus auch die andere
Hälfte verlangte, und sie mit David’s eigenen Worten darauf hinwies,
verstummten sie, und „konnten ihm nichts antworten.“ War es möglich?
Sogar nothwendig. Die Heuchler suchten nicht Gott, sondern unter
einem heiligen Namen nur sich; sie forschten nicht nach Wahrheit,
sondern unter gutem Vorwande nach eigenem Vortheile; daher wollten
sie als Messias zunächst einen Sohn David’s, groß, mächtig, reich,
angesehen, kriegerisch, allenfalls auch gesetzlich fromm und den Heiden
feindlich. Dabei fanden sie ihre Rechnung. Wie hätten sie da an eine
höhere -- göttliche Natur und Würde des Messias denken, wie die Frage
unseres Herrn auch nur verstehen können! Gottes Sohn war ihnen etwas
Unbedeutendes gegen einen Helden, der die Römer schlug, und ihre Beutel
und Bäuche füllte. Unter seiner milden Regierung hätten sie wohl auch
Jehova -- und sich Wolken von Weihrauch aufsteigen und fette Opfer
bluten lassen.
Schmerzlich wird es den hochgelehrten Rabbinen doch gefallen sein,
daß sie mit der Antwort auf eine so wichtige, und wie man allgemein
vermuthen mußte, ihnen wohl bekannte Frage ins Stocken geriethen; und
dieß dem neuen Lehrer gegenüber, auf den sie gewiß nicht selten mit
Verachtung herabsahen, weil er in ihren Erblehren und Zusätzen zu Moses
nicht bewandert war, ja nicht einmal Werth darauf legte. Was dachte
wohl das umstehende Volk? Ein neuer Grund, sich zu schämen und zu
ärgern. So stößt der Heuchler am Ende überall an.
XIX.
Letzte Rede Jesu gegen die Lehre und gegen das Leben der Pharisäer.[26]
Paulus gehörte einst auch selbst zu der angesehenen Secte der
Pharisäer. Allein er riß sich davon los, nachdem er die Allgewalt
des Wortes Gottes auf die erschütterndste und ergreifendste Weise an
sich selbst erfahren hatte. Niemand konnte daher die Kraft göttlicher
Aussprüche besser und zuverläßiger schildern, als er; Keiner hat es
auch nachdrücklicher gethan, als er in seinem Briefe an die Hebräer
IV, 12-13, wo er den Unglauben und Ungehorsam bedroht: „+Lebendig
ist Gottes Wort und kräftig, und schärfer als jedes zweischneidige
Schwerdt; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von
Mark und Bein; und es richtet Gedanken und Anschläge des Herzens; und
kein Geschöpf ist verborgen vor ihm, sondern Alles ist enthüllt und
aufgedeckt vor den Augen dessen, von dem wir reden+“ -- nämlich vor
Jesus von Nazareth, dem Sohne Gottes und der Menschen. Durch ihn
haben sich auch „diese Worte vor unsern Ohren erfüllet,“ da er wenige
Tage vor seinem Welterlösenden Tode eine Charakterschilderung der
Heuchler seiner Zeit entwarf, wie es nur der „Herzenskenner“ vermochte.
Wäre an diesen Menschen noch etwas zu bessern gewesen, so hätte sie
diese gewaltige prophetische Strafrede unfehlbar aus scheinheiligem
Sündenschlafe aufgeschreckt. Doch dieß gieng nicht mehr an. Indeß
konnte es Jesus auch nicht ärger mit ihnen verderben, als es bisher
durch Lehre und That geschehen war. Auf jeden Fall lernte sie das
Volk kennen, wenn er ihnen die Heuchlerlarve abriß, und sie in ihrer
häßlichen Naturgestalt unverhüllt sehen ließ. Seine Jünger konnte er
nicht kräftiger vor Heuchelei warnen, als wenn er ihnen das Bild dieses
scheußlichen Lasters so lebendig vor Augen stellte. --
Bei dem verzehrenden Feuereifer, von dem unser Herr bei dieser
Rede ergriffen war; bei dem grimmigen Hasse seiner erbosten,
niederträchtigen Feinde; bei dem gewaltigen Einflusse auf die Herzen
des Volkes; bei dem mehr als menschlichen Ansehen und Berufe, den
er hatte, bleibt es -- menschlich betrachtet -- immer eine eben so
bewunderungswürdige, als nachahmungswerthe Erscheinung, daß er in
seinem Vortrage sogar nichts Ueberspanntes zeigte, so weit von
schwärmischer Hitze entfernt war. Mit der ruhigsten Besonnenheit und
billigsten Schonung räumt er den Pharisäern die Würde und die Rechte
ein, die ihnen gebührten. Mit dem Priester, mit dem Leviten hatte
er nichts zu thun, aber an dem Heuchler in beiden hatte er vieles
zu tadeln. Er that dieses, ohne jenem die seinem Amte gebührende
Achtung zu versagen. „+Auf Moses Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und
Pharisäer &c.+“ damit erkennet er ihr Recht, Gottes Wort vorzulesen
und auszulegen -- wie es ehedem +Moses+ gethan hatte -- aber freilich
in Moses +Sinn+ und +Geiste+! Was sie so gebieten würden, sollten alle
Juden halten. Man übersehe es nicht, +wie Jesus das Volk anweiset, den
wahren Lehren der ordentlichen Vorgesetzten sich anzuschließen! Er
billigte es nicht, daß Jeder seinen eigenen Weg gieng, und sich selbst
sein Gesetz machte.+
„+Aber nach ihren Werken sollet ihr nicht thun; denn sie sagen es
wohl, aber thun es nicht.+“ Welche Wendung! Was für Lehrer waren die,
deren Thaten ihren schönen Worten widersprachen? Gaben sie damit nicht
selbst Jesus die Waffen in die Hand? Glichen sie nicht Giftpflanzen mit
lockenden Blüthen? Ihrem Lehramte ließ Jesus volles Recht widerfahren;
allein um so schärfer und schonungsloser mußte er nach Allem, was er
von ihnen sah und hörte, ihr Leben angreifen. +Sagen+ und +nicht thun+.
Andern strenge gebieten, und selbst übertreten -- Darin fand Jesus den
charakteristischen Zug der Heuchelei, und diesen hob er ohne Rücksicht
hervor.
Nun folgen +Beispiele+ von Reden und Thaten der Pharisäer, denen
man +nicht+ folgen soll. -- Das Erste, was Jesus rügte, war ihre
+Schriftauslegung+. Sie machten Gottes Wort zu einer unerträglichen
Last. Nicht nur zerstückelten und zerschnitten sie den Text so lange,
bis alles Leben und aller Geist verschwunden war, sondern sie gaben
jedem Gesetze die ungemessenste Ausdehnung, wollten triefäugigen
Sinnes alle möglichen Fälle vorhersehen, und ersäuften auf diese Weise
Gottes hohe und reine Gedanken in dem todten Meere rabbinischer Noten
und Glossen. Die gesetzlichen Vorschriften häuften sich daher durch den
gelehrten Eifer und durch die scharfsichtige Frömmigkeit der Meister
Israels so sehr, daß man sie kaum fassen, viel weniger ausüben konnte.
Desto unbarmherziger bestunden die Pharisäer auf der pünktlichsten
Beobachtung eines jeden Jota und Striches. Nur Eines vergaßen sie
dabei -- das +eigene gute Beispiel+. Dazu wollten sie sich so wenig
verstehen, daß sie alle verschmitzten Kunstgriffe aufboten, um sich,
wenigstens im Stillen, die Last des Gesetzes vom Halse zu schaffen.
Sinnreich erfanden sie tausend Gründe, mit denen sie ihr Gewissen
über die gröbsten Gesetzesverletzungen zu beruhigen wußten. Aber die
Leute durften das nicht wissen, viel weniger sehen. Vor den Augen der
Menschen thaten sie selbst den übertriebensten Forderungen Genüge,
damit sie bewundert und gelobt wurden -- die guten, großen Geister!
„Kommet Alle zu mir, die ihr müheselig und beladen seid, und ich will
euch erquicken! Nehmet +mein+ Joch auf euch! -- Denn mein Joch ist
milde, und meine Bürde ist leicht.“ So rief Jesus seinen Zeitgenossen
zu. Welchen Nachdruck, wie viel Wahrheit gewannen diese Worte in seinem
Munde den Pharisäern gegenüber? War es dem Volke zu verargen, wenn es
dem Propheten von Nazareth in großen Schaaren nachzog? Und doch thaten
es die Lehrer und Vorsteher der Nation nicht, fluchten dem Volke,
wütheten gegen Jesus -- aber die verkehrte Lehre und den vor Gottes
Augen greuelhaften Wandel zu ändern, daran dachten sie nicht.
Thaten denn die Pharisäer gar nichts Gutes? Vieles, recht Vieles, +wenn
es nur die Menschen sahen, und sie dafür lobten als fromme, gottselige
Männer+. Diese schnöde Religiosität ist daher das Zweite, was Jesus
nicht ohne satyrische Züge diesen Helden der Verstellung vorwirft.
Gottesverehrung und Eigenliebe, gutes Beispiel und Gefallsucht,
Frömmigkeit und Eitelkeit wollten diese armseligen Kleingeister mit
einander verbinden.
Das Lamm sollte beim Wolfe wohnen, ohne daß +Gott+ diesen Bund
gestiftet hatte. Wohl mag es diese selbstsüchtigen Frömmler so recht
eigentlich gekitzelt haben an dem Herzflecken der Heuchelei, wenn sie
mit ihren heiligen Zierrathen die Augen der staunenden Leute auf sich
zogen, bewundernden Blicken begegneten, süßes Lob flüstern hörten. Wie
wird sich da der Götze im Herzen groß gefühlt haben! Und worauf denn? --
Vor allem auf recht +breite Denkzettel+! -- So lautete Gottes Wort
durch Moses an Israel: „Es soll dir ein Zeichen an deiner Hand, und
ein Denkmal zwischen deinen Augen sein, auf daß des Herrn Gesetz sei
in deinem Munde; daß der Herr mit mächtiger Hand dich aus Aegypten
geführet hat.“[27] Unwiderstehlich dringt sich Jedem der Sinn
auf: Gottes Wohlthat, die Befreiung Israels aus Aegypten, soll den
Israeliten so unvergeßlich sein, als ein auf die Hand eingeätztes
Merkmal, als eine Streife von Linnen oder Pergament, welche man zur
Erinnerung an die Stirne hängt.[28] Die Juden nahmen dieß buchstäblich,
und machten sich wirklich solche Denkzettel. Auch gut, wenn dankbare
Liebe und unverfälschter Glauben die Triebfedern waren. Allein dieß
war bei den Pharisäern der Fall nicht; sondern sie wollten sich nur
+auszeichnen+ als die Eifrigsten in Erfüllung des Gesetzes; sie
wollten den Buchstaben +zur Schau+ tragen, um den Geist des Gesetzes
zu zernichten in Wort und That. Daher ließen sie Sprüche der heiligen
Schrift auf sehr breite Pergamentstreifen schreiben, wohl gar in
Kapseln fassen, und trugen sie an Stirn und Armen. Welch’ eine
ausgebreitete Frömmigkeit! --