ist &c.“ gab unvergleichlich schön und treffend der Blindgeborne zur
Antwort. Schärfer hätte er ihre Eitelkeit nicht züchtigen, tiefer
ihren schriftgelehrten Stolz nicht beugen können, als dadurch, daß er
das prunkende: „+Wir+ wissen“ mit einem solchen „+Ihr+ wisset nicht“
erwiederte. Sein mit allem Grunde empörtes Gefühl legte ihm einen eben
so kräftigen als kurzen und gehaltenen Verweis auf die Zunge. Wer
bewundert nicht die Herrschaft über sich selbst in solcher Lage? Wer
möchte ihm nicht um den Hals fallen für die Schutzrede, welche er so
bündig, so nachdrücklich, so unerschrocken seinem Wohlthäter hielt? Wer
verabscheuet nicht die Pharisäer, welche aufhörten, wie sie angefangen
hatten, indem sie auch ihn für „geboren in Sünden“ erklärten, während
sie allein die Reinen -- in +ihren+ Augen, -- waren und blieben? Wer
läßt sich nicht freudig mit dem Blindgebornen aus der Synagoge stoßen,
wo solche Versammlungen von solchen Menschen sind?
Evangelium! du Gottes Wort! Was für ein Strom von Licht, welche
Allmacht der Kraft, welcher Himmel von Seligkeit liegt in Dir! Was
hast du, Erlöser! mit Einer That aus diesem Blinden gemacht! Wie
bieder, wie gerade, wie bescheiden, wie mäßig, wie entschlossen, wie
gottbegeistert steht er da unter schlauen, verkehrten, unverschämten,
leidenschaftlichen, lichtscheuen, von der Hölle entflammten Heuchlern!
-- Und noch hatte der Verbannte seinen Retter -- den Sohn Gottes nicht
gesehen. Er sah ihn, fiel nieder, betete an -- +wir mit ihm+!!
XVI.
Beantwortung der Frage eines Schriftgelehrten über die Liebe.[21]
Schon der königliche Sänger spricht von Leuten, welche „segnen mit dem
Munde, und doch im Herzen fluchen,“ deren „Worte glatt, wie Oel, unter
deren Zunge Dolche sind.“ David lernte sie als seine furchtbarsten
Gegner kennen. Dieselbe Erfahrung machte unser Herr. Er hatte Menschen
um sich, welche seine Denk- und Redeweise einstudirten, sich ihm
mit verstellter Lernbegierde näherten, zur Verstärkung des Scheines
wohl gar ernstliche Sorgen für ihr Seelenheil blicken ließen, gar
demüthig um Belehrung über die wichtigsten Gegenstände baten -- alles
bloß in der boshaften Absicht, ihn bei solcher Gelegenheit in die
damals geführten Streitfragen zu verwickeln, und durch freimüthige
Entscheidung derselben verhaßt zu machen. So schlich sich einmal ein
Gesetzgelehrter an ihn heran, und trug die Frage vor: „Lehrer! was muß
ich thun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ Schon die Ausdrücke sind
hier mit Sorgfalt und Bedacht gewählt. Jesus sprach gerne von +ewigem
Leben+, und bezeichnete damit den höchsten, vollkommensten Zustand,
welchen der Mensch in sittlicher und religiöser Hinsicht für Zeit und
Ewigkeit erreichen kann. Die heiligen Schriften des A. B. hatten sich
derselben Sprache schon bedient; aber aus den Schulen der geistlosen
Rabbinen war sie verbannt worden oder doch verdrehet. Sie stritten sich
lieber, selbst in ihren erbaulich sein sollenden Vorträgen an das Volk,
darüber, ob die Sitten- oder die Ceremonialgesetze den Hauptpunkt der
Gottes-Verehrung ausmachten; und die Zahl derer, welche sich für Opfer
und Gebräuche entschieden, war aus sehr nahe liegenden Gründen nicht
die kleinere, bei dem großen Haufen aber die beliebtere. Stellte der
Schriftgelehrte die Frage in der gewöhnlicher Schulform, so konnte er
nicht hoffen, Jesus in die Falle zu bringen; darum heuchelte er die
Sprache unseres Herrn, und glaubte nun, seiner Sache gewiß zu sein.
Ueberdieß war der Punct, wie man wohl sieht, von höchster Bedeutung; es
handelte sich um das Wesen der Religion. Die Frage selbst lautete so
allgemein und unbestimmt, daß die entgegengesetztesten Antworten statt
finden konnten.
Dazu wurde auch dem Gesetzgelehrten freier Spielraum gegeben. Er
mußte sich selbst in seiner Schlinge fangen. „Was steht im Gesetze
geschrieben? Wie liesest du vor“ -- in der Synagoge oder im Tempel?
Mit dieser Gegenfrage nöthigte ihn die göttliche Weisheit, die Antwort
selbst zu geben, und zwar aus dem +Gesetze+, nicht nach Lehrmeinungen
der Schule. Ganz im Sinne Jesu berief er sich auf die geistreichste
Schriftstelle, welche hier beizubringen war. Er hatte die Lehrart
unseres Herrn gut und richtig gefaßt, und wußte sich fein genug zu
wenden. Allein alle Schlauheit half nichts. „Du hast recht geantwortet;
thue das, so wirst du leben,“ hieß es, und damit hatte +Gottes Wort+
entschieden. Einwenden ließ sich nun eigentlich so geradezu nichts; das
fühlte der Schriftgelehrte nur zu gut. Für das Gegentheil stunden ihm
keine Schriftstellen zu Gebote. Aber er war nun in eine ärgerliche
Verlegenheit gerathen. Entweder mußte er den Verdacht auf sich ruhen
lassen, daß er gleiche Gesinnung mit dem Lehrer von Nazareth hege,
oder er gab sich auf einer andern Seite bloß, als uneingeweihter und
ungeschickter Vertheidiger seiner Schule. Doch half er sich noch
einiger Maaßen heraus durch eine neue spitzfindige Schulfrage: „+Wer
ist mein Nächster?+“ -- Spitzköpfige, engherzige Rabbinen hatten
auch da den hohen, reichen Sinn der heiligen Schrift sich und andern
verkümmert, dadurch daß sie unter dem Nächsten +nur den Juden+
verstanden wissen wollten. Dieser Lehre der Alten mit dürren Worten zu
widersprechen, war eben nicht ganz rathsam, schon um einen langen und
heftigen Streit zu vermeiden. Da stund unserm Herrn ein unfehlbares
Mittel zu Gebote -- die +Parabel+. In dieser lag die Antwort und der
Beweis, beide durch eine Geschichte anschaulich gemacht, so klar
und unwiderleglich, daß sie dem überraschten Schriftgelehrten das
Geständnis abzwang, „der, welcher Barmherzigkeit an ihm gethan hat“, d.
i. der +Samarite+ sei der +Nächste+ des +Juden+ gewesen. Nun konnte er
auch nicht mehr läugnen, daß die Liebe ächter Art weder an eine Nation,
noch an eine Religionsform, noch an einen Stand gebunden sei, sondern
dort walte, wo ein edles Herz sich finde, welches dem göttlichen Zuge
folgt. Schwer mag es allerdings den Rabbi angekommen sein, solche Dinge
einzuräumen, die mit seiner Lehre in geradem Widerspruche stunden; und
wohl wurde es ihm noch sauerer darum, weil seine Glaubensgenossen,
ein +Priester+ und ein +Levite+, die Gott und sein Gesetz so genau im
Kopfe hatten, eine gar schlechte Rolle spielten neben dem hochherzigen,
menschenfreundlichen Samariten.
XVII.
Ueber Heuchelei im Urtheilen.[22]
„+Heuchler! Das Ansehen des Himmels wisset ihr zu beurtheilen, aber bei
den Zeichen der Zeit vermöget ihr es nicht?+“ -- Auch bei dieser Stelle
glaubt man es unserm Herrn gewöhnlich auf sein Wort, daß et seinen
guten Grund gehabt habe, die Pharisäer Heuchler zu nennen; aber selten
bekümmert man sich darum, zu seiner eigenen Warnung und Belehrung, die
Ursache dieses Vorwurfes zu erforschen. Und doch liegt sie so nahe!
So viele und so große Wunder hatte Jesus bereits gethan vor den Augen
Israels. Waren dieß nicht kennbare und leicht verständliche +Zeichen
Gottes+ zu +ihrer Zeit+, die ihnen sagten, was jetzt geschehe, und
was bald kommen werde -- +das Reich Gottes mit seinem Sohne+? Gehörte
dazu mehr Schärfe und Tiefe des Verstandes, als zu den alltäglichsten
Wetterprophezeihungen? Wo fehlte es denn? Im +Herzen+; an +gutem
Willen+; an +reiner Liebe zur Wahrheit+. Die Natur sahen die Pharisäer
nicht als ihren Feind an; von ihr befürchteten sie nichts für ihr
System, für ihre Ehre oder für ihren Beutel. Ganz anders verhielt es
sich mit Jesus. Darum wurde ihr Geistesauge böse, neidisch, trübe; sie
sahen nicht an Jesu Lehren und Thaten, was sie am Himmel wahrnahmen --
+weil sie nicht wollten+. Obwohl die Zeichen so deutlich waren, als
Wolken, Farbe, Wind im Luftkreise, so verstunden sie doch davon so
wenig, daß sie von Jesus ein „Zeichen vom Himmel“ verlangten, d. h. ein
ungewöhnliches, recht viel Lärm und Aufsehen erregendes Spektakel. Ihr
triefäugiger Sinn und Verstand erblickte in den göttlich wohlthätigen
Heilungen Jesu nur etwas Gemeines, Alltägliches; sie argwöhnten sogar
-- wie in unsern Tagen -- nur Täuschung und Betrug. Ein klarer Beweis,
daß sie an Jesus ihren Mann nicht gefunden hatten, daß er bisher noch
gar nicht nach ihrem Sinn und Geiste gehandelt hatte; darum waren sie
auch nicht aufgelegt, ihn zu verstehen und anzuerkennen. Fand nun hier
nicht Tücke des Herzens, Krümmung der Seele statt? Entwickelte sich
nicht daraus nothwendig Verdüsterung der Erkenntniß? --
Doppelsinn im Herzen, getheilt zwischen Gott und der Welt, hinkend auf
beiden Seiten, ist der Heuchler nie im Stande, jede Sache in ihrem
natürlichen und wahren Gesichtspunkte zu fassen, und ein richtiges
Urtheil zu fällen. Diese Verkehrtheit im Urtheilen ist es auch, was
Jesus hier vorzüglich bestimmte, die Pharisäer der Heuchelei zu
beschuldigen. Davon überzeugt uns am besten die Verbindung, in welcher
die eben behandelte Stelle bei Lukas vorkommt. Das unserm Herrn
aufgedrungene Schiedsrichteramt, welches die unübertrefflichen Lehren
über Reichthum, Vertrauen auf Gott und Wachsamkeit veranlaßte; dann die
tiefen Bemerkungen über die entgegengesetzten Wirkungen der Stiftung
seines Reiches im Vorhergehenden geben mit dem folgenden Licht genug,
um uns zu zeigen, worinn nach dem Sinne Jesu Heuchelei des Urtheiles
bestehe. Wie lehrreich sind in dieser Beziehung die Erzählungen von den
hingerichteten Galiläern und von der Heilung der Frau am Sabbate[23]!
Man kann durch Vergleichung und Nachdenken daraus lernen, wie groß das
Gebiet der Heuchelei sei, wie tief ihre Wurzeln in das Innerste unseres
Herzens dringe, wie mannigfaltig sich ihre Erscheinung gestalte. Wer
soll sich zu Betrachtungen dieser Art nicht hingezogen fühlen, da
dieselben mit unserm Heile in so naher Verbindung stehen?
XVIII.
Verhalten der Pharisäer vor, bei und nach dem Einzuge Jesu zu
Jerusalem.[24]
In den letzten Tagen unseres Herrn nahm alles einen weit höhern
Schwung, einen viel raschern Gang; Thaten drängten sich auf Thaten,
Reden auf Reden. Noch ein Mal durchbrach die untergehende Sonne der
Gerechtigkeit die düstern Wolken des Hasses und der Verfolgung, und
leuchtete in ihrer ganzen Kraft und Herrlichkeit, um die Herzen der
Menschen für Wahrheit und Liebe zu entzünden. Aber auch die Werkzeuge
des Fürsten der Finsterniß verdoppelten ihre Kräfte, ließen boshafte
Ränke, tückische Arglist, offenen Haß und verbissenen Grimm in allen
höllischen Farben der Heuchelei spielen, und erhöhten dadurch die
Majestät des Glanzes, der vom Sohne Gottes ausgieng.
Zu Bethanien erscholl das Allmachtswort: „+Lazarus, komm heraus!+“
Und der Verstorbene kam heraus. Wer vermag den Eindruck dieser
erstaunlichen That zu beschreiben? Was mußte sich in den Herzen der
Maria und Martha und gleichgesinnter Zuschauer regen? Wie demüthigend
und erhebend zugleich werden sie die Nähe Gottes gefühlt haben? „Viele
von den Juden, die zu Maria gekommen waren, und sahen, was er that,
+glaubten an ihn+.“ Dieß waren keine gemeinen Leute, sondern angesehene
Männer aus der Hauptstadt. Bisher hatten sie sich nicht zu recht
finden können in Bezug auf die göttliche Sendung Jesu; aber dieser
außerordentliche Thatbeweis überwog alle Zweifel und Bedenklichkeiten;
sie wurden überzeugt, und bekannten ihre Ueberzeugung laut am Grabe.
An ihnen erfüllte sich das, was Jesus in seinem Dankgebete gesprochen
hatte.
Aber wer hätte es glauben sollen? Einige blieben ungerührt bei der
erhabenen, wahrhaft göttlichen That. Es waren wohl dieselben, welche
die unschätzbaren Thränen Jesu am Grabe seines Freundes mit ihrer
Lästerzunge begeiferten, und die lieblichen Worte bewegter Seelen:
„Siehe! wie lieb er ihn hatte!“ mit unmenschlicher Gefühllosigkeit als
Zeichen der schmerzlich gefühlten Ohnmacht des vorgeblichen Propheten
deuteten. „Konnte der, welcher die Augen des Blinden aufthat, nicht
machen, daß dieser nicht starb?“ -- Welche Herzen! Welche Gesinnungen!
Das war die fromme Bildung, welche die Pharisäer den ihrigen gaben! Wem
schaudert nicht vor dieser pharisäischen Gerechtigkeit, welche taub
gegen die Stimme der Natur, unempfindlich gegen die zartesten Rührungen
der trauernden Liebe, ausgelernt in boshafter Verdrehungskunst wüthende
Schlangenbisse des unversöhnlichsten Religionshasses in die Unschuld
der reinsten Menschlichkeit thut? Befremden kann es da freilich nicht
mehr, aber Entsetzen über den Abgrund der Verkehrtheit und Verhärtung
erregt es, wenn man lieset: „+Einige aber aus ihnen giengen hin zu
den Pharisäern, und sagten ihnen, was Jesus gethan hatte+.“ Wie mit
der erfreulichen Nachricht eines unerwartet entdeckten Verbrechens
eilten sie in die Hauptstadt, um anzusagen, der verhaßte Nazarener
sei plötzlich in Bethanien erschienen, und habe da schon wieder einen
Todten erwecket. Waren es gutmüthig dumme Werkzeuge der Pharisäer,
oder wußten sie, was sie thaten, und warum? In beiden Fällen bebt
der wahrhaft Gute zurück -- ein Mal vor der schrecklichen List und
Gewalt heuchlerischer Gottesgelehrter, und dann vor der furchtbaren
Selbstverblendung befangener, herzloser Systematiker, wie sie damals in
Judäa waren.
Welch’ ein großes Gewicht die Pharisäer zu Jerusalem auf diese Anzeige
legten, läßt sich daraus abnehmen, daß sogleich der hohe Rath sich
versammelte, um in seiner Weisheit zweckmäßige Maaßregeln zu ergreifen
gegen den kühnen Volksverführer. Dieß war wirklich der Standpunkt,
auf welchen sie ihre Leidenschaft gestellt hatte. Johannes lüftet
den Schleier, und läßt uns mehr als Einen Blick in das Geheimniß der
Bosheit thun. In ihre Berathungssaale legten sie, weil sie unter sich
und einander gleich waren, die Maske der Heiligkeit ab, und äußerten
ihre Gesinnungen unverholen: „+Was thun wir? Denn dieser Mensch thut
viele Zeichen.+“ Eine ganz andere Sprache, als die, welche · sie
vor den Ohren des Volkes führten: „Er treibt die Teufel nur durch
den Obersten der Teufel aus.“ -- „Was hat er dir gethan? Wie hat er
deine Augen aufgethan?“ Da leugneten sie die Wunder, oder wollten
wenigstens den Schein gründlicher und redlicher Zweifler haben. Jetzt
können und wollen sie nicht mehr läugnen, aber auch nicht glauben.
Sie gerathen in Verlegenheit; denn es liegt am Tage, daß Jesus Wunder
thut, Wunder sind aber nach ihrer eigenen Lehre Beweise göttlicher
Sendung; warum erkennen sie Jesus nicht als Propheten? Hat er etwa nur
Scheinwunder verrichtet? Auf denn! Entdecket den Betrug, entlarvet
den Verführer, und weiset das Volk zu recht! Fehlt es euch doch nicht
an kritischem Scharfsinn und feiner Verdrehungskunst; die Geschichte
des Blindgebornen beurkundet, daß ihr Sterne der ersten Größe am
allerneuesten exegetischen Himmel sein könntet --
„+Wenn+ wir +ihn gehen lassen, werden alle an ihn glauben+.“ Das war
ein Mal aufrichtig gesprochen; nicht die Lehre, nicht die Wunder
stunden ihnen im Wege, sondern die +Person+ Jesu und das allgemeine
große +Ansehen+, welches er sich ohne ihr Zuthun, ja gegen ihr Wollen
und Sträuben erworben hatte. Sich glaubten sie zurückgesetzt zu sehen,
ihr Ansehen zernichtet, ihre Lehrstühle entbehrlich gemacht, wenn
der Nazarener so viele Anhänger finde. Jesus hätte nicht nur ihre
Menschensatzungen, er hätte Moses und die Propheten angreifen und
umstürzen dürfen, wenn er nur Befreiung vom römischen Joche geprediget,
den Pharisäern geschmeichelt, ihnen hohe, einträgliche Stellen in
seinem Reiche versprochen hätte. Da er aber nur von Besserung, von
einem himmlischen Reiche, von Freiheit durch lebendige Wahrheit, von
Demuth und Selbstverleugnung, von reiner Liebe sprach, und dieß Alles,
ohne von ihnen dazu autorisirt zu sein: so konnte Gott mit dem ganzen
Himmel wohlthätiger Kräfte und Thaten an diesen selbstsüchtigen Frommen
nichts ausrichten; sie drückten die Augen zu vor dem Glanze seiner
Herrlichkeit; sie verhärteten ihr Herz gegen seine Vaterstimme; sie
stritten gegen Gott, um +ihre+ Religion zu vertheidigen.
Aber mit welchen Waffen wollen sie sich in diesen entsetzlichen Kampf
wagen? Mit geistigen nicht: diese haben sie nicht; sondern mit dem
Rüstzeuge dieser Welt. „+Dann werden die Römer kommen und uns Land
und Leute nehmen.+“ Höret ihr die staatsklugen Väter des Volkes? Da
sie unsern Herrn von sittlicher und religiöser Seite nicht mit Grund
anklagen, da sie seine Wunderthaten nicht leugnen oder widerlegen
konnten, so liehen sie seinem göttlichen Plane der Menschenerlösung
eine +politische+ Wendung. Durch den Glauben an Jesus war der Staat
bedroht. Eigentlich aber drückten sie sich nur zweideutig aus; denn
der +Staat+ -- das waren +sie+. -- -- Die Geschichte bestätiget es
unwiderleglich, daß nach dem Tode unseres Herrn die fanatischen
Pharisäer sich von den schlechtesten Betrügern, als vorgeblichen
Messiassen (Joh. V, 43), zu allen Greueln der Empörung hinreißen
ließen; worauf dann wirklich die Römer kamen, und ihnen Land und Leute
nahmen. Diejenigen aber, welche an Jesus glaubten, entgiengen diesem
Grausen erregenden Untergange des jüdischen Staates. -- Es bleibt aber
ein für alle Jahrhunderte merkwürdiger Zug des Verfolgungsgeistes
scheinheiliger Heuchler, daß die Pharisäer die Sache der Religion so
listig mit der Politik zu vermischen wußten.
Wie Bileam wider seinen Willen Israel segnete, so weissagte Kajaphas
das größte Heil für das Menschengeschlecht, da er Tod und Verderben
über Jesus schnaubte. „+Besser ist es, Ein Mensch sterbe für das
Volk, als daß das ganze Volk zu Grunde gehe.+“ Wie wahr im Sinne
Gottes, und wie entsetzlich im Munde des staatsklugen Oberpriesters!
Der Mann war würdig in dem Rathe der Pharisäer oben an zu sitzen,
obwohl er selbst nicht zu diesem Orden gehörte, sondern Sadducäer war.
Aber in listiger Verstellung und vermummter Ungerechtigkeit gab er
dem wüthendsten Pharisäer nichts nach. Ohnehin haßten die Sadducäer
Jesus so sehr, als die Pharisäer. -- Das rasche, blutige Wort riß die
erbitterten, aber unschlüssigen Pharisäer aus ihrer Verlegenheit. Ob
Jesus schuldig oder unschuldig sei, kam jetzt nicht mehr in die Frage;
sondern ob er noch länger geduldet werden könne, oder nicht. Sie fanden
ihn unerträglich für ihre Lehre und mehr noch für ihre Lebensweise;
also war er gefährlich, staatsverderblich -- +todeswürdig+. Von nun an
dachten sie ernstlich auf seinen Untergang und auf die Mittel dazu. Um
aber doch auch die Form des Rechtes zu beobachten, machten sie einen
Befehl bekannt, daß jeder eifrige Jude gehalten und verbunden sei, den
geheimen Aufenthaltsort Jesu anzuzeigen, damit man ihn ergreifen könne.
Woher ist denn diesen weisen Vätern der Muth auf ein Mal so sehr
gewachsen, daß sie es wagten, öffentlich die Hand nach Jesus
auszustrecken? Diese Kühnheit ist so groß nicht, als sie beim ersten
Anblicke zu sein scheint. Sie hatten ja schon einen vorbereitenden
Schritt gethan durch das Verbot, Jesus für den Messias zu erkennen. Da
er sich dadurch von seinem Lehren und Wirken nicht abschrecken ließ;
da es vielmehr von seiner Messiaswürde immer lauter wurde: so schien
dieser zweite Befehl nicht übereilt zu sein. Ueberdieß durften sie
auf ihr priesterliches Ansehen doch auch etwas rechnen, besonders zu
Jerusalem und in Judäa; und für diese Gegend scheint die Aufforderung
besonders gegolten zu haben wegen dem Aufenthalte Jesu während der
Festzeit. Endlich war ihr Anhang unter dem vornehmen und niedrigen
Pöbel immer noch groß und stark genug, um die sich erst bildende
Parthei unseres Herrn zu überwältigen, da sich ohnehin nur gute, stille
Menschen an ihn anschlossen. Man vermißt also auch bei diesem offenen
Mordanschlage die Fuchsnatur der Heuchler nicht.
* * * * *
Einen schönen Contrast mit der im Finstern schleichenden Bosheit der
Pharisäer bildet die +ächte Klugheit+ und der +wahre Muth+, welchen
Jesus in seiner immer schwieriger werdenden Lage bewies.
Er wollte sterben zum Wohle der Menschen, aber nicht früher und nicht
anders, als es der Wille seines Vaters war. Darum wich er mit der
besonnensten Vorsicht der Verfolgungswuth seiner erboßten Feinde
aus, und zog sich nach Ephraim zurück, einem Städtchen, welches nahe
an der Wüste lag, und ihm einen sichern Zufluchtsort gewährte. In
dem Charakter unseres Herrn lag also weder die unüberlegte Hitze
des Fanatikers, der sich blindlings in Gefahr und Tod stürzet, noch
die schwachherzige Feigheit des Heuchlers, der Wahrheit und Tugend
menschlichen Rücksichten opfert. Durch weise Mäßigung ward er uns
Muster der Nachahmung. --
Als seine Stunde gekommen war, legte er einen Muth und eine
Entschlossenheit an den Tag, welche seine Freunde in die höchste
Begeisterung versetzte, und alle Feinde in die schrecklichste
Verlegenheit stürzte. Wer hätte es erwartet, daß er sich sobald wieder
nach Bethanien wagen würde? Ja, er ließ sich von Maria als den Retter
ihres Bruders auf eine ausgezeichnete Weise verehren, billigte nicht
nur ihre dankbare Gesinnung, sondern nahm sie sogar gegen pharisäische
Seitenbemerkungen des Judas und der von ihm verleiteten Jünger in
Schutz.
Niemals trug Jesus seine Wunderthaten zur Schau; aber eben so wenig
verbarg er sie ohne Noth. Dießmal wollte er die Erweckung des Lazarus
so laut und öffentlich bekannt gemacht wissen, als es möglich war; denn
diese That war entscheidend.
Was werden die Hohenpriester von diesen scheinbaren Widersprüchen der
Schüchternheit und Kühnheit in dem Betragen Jesu gedacht und gefaselt
haben? Ungefähr dasselbe, was noch heute sadducäische Feinde und
pharisäische Freunde von seinen Lehren und Thaten träumen und schwätzen.
* * * * *
An der heiligen Flamme des Gottbegeisterten Führers entzünden sich
die Herzen Aller, die mit frommem Vertrauen um ihn sind. Dieß war der
Fall bei Maria, Martha und Lazarus. Unverholen bekannten sie sich zu
dem verfolgten, geächteten Lehrer von Nazareth, liebten und verehrten
ihn als ihren Freund und Retter vor den Augen Aller, in der Nähe der
Hauptstadt, in dem Angesichte seiner Todfeinde, die mächtig, angesehen
und gewissenlos genug waren, um alles Böse fürchten zu lassen.
Das Volk -- war es anders gesinnet, als die hochherzigen
Geschwisterte? Schaarenweise zog es nach Bethanien, sahe Lazarus,
und glaubte an Jesus, gegen das scharfe Verbot der Hohenpriester: Die
Wahrheit sprach zu laut zum Herzen des gemeinen Mannes, daß er nicht
Gott mehr hätte gehorchen sollen, als den Menschen.
Anstatt durch solche auffallende Zeichen auf Gottes Wege aufmerksam
zu werden, „giengen die Hohenpriester damit um, auch den Lazarus zu
tödten.“ War es möglich, die Verblendung weiter zu treiben? Konnte
verhärtete Bosheit und Heuchelei schrecklicher wüthen? Gottes Werke
wollte menschliche Tücke widerlegen -- +durch doppelten Mord+!!!
Unserm Herrn blieb von allen diesen Planen gewiß nichts verborgen;
deßungeachtet ließ er sich nicht abschrecken, festen Sinnes den letzten
Schritt zu thun, und seinen feierlichen Einzug zu Jerusalem als Messias
zu halten. Welch’ ein Muth! Welche unerschütterliche Ergebung in den
Willen seines Vaters! Aber auch andererseits welche Reinheit, welche
Demuth, welche göttliche Hoheit! -- Da zieht er den Oelberg heran
-- David’s und Gottes Sohn -- auf dem Füllen einer Eselin, das mit
Kleidern seiner Jünger gepolstert ist.
Schaaren seiner Jünger und Verehrer begleiten ihn mit frohen Gefühlen.
Jetzt kommt er auf die Spitze des Berges; Jerusalem, die prächtige,
die sündhafte liegt zu seinen Füßen; ihr Anblick entflammt seine
Begleiter zum lauten Triumphgeschrei -- +Jesus zerfließt in Thränen
der Wehmuth und Erbarmung+. -- Kleider bedecken die Straße, Palmzweige
wehen in den Händen, Freudenruf erfüllet die Luft -- Ihm glänzt die
Thräne im Auge. +So ist er seinen Feinden furchtbar und unbezwinglich!+
--
Hier lernet Heuchelei und Wahrhaftigkeit, beide in ihrer Siegeshöhe,
kennen; jene fliehen, diese nachahmen!!
* * * * *
Der Einzug unseres Erlösers zu Jerusalem giebt uns noch Gelegenheit
zu mehr als Einer interessanten Vergleichung der Pharisäer mit andern
geradsinnigen Menschen.