kaum thätiger auf Menschenwohl bedacht sein, als sie auf seinen
Untergang. Heute waren die Pharisäer schon sehr frühe daran, ihn
endlich einmal in ihr Todesnetz zu verstricken. Daß es nicht gelang,
war gewiß nicht ihre Schuld; sie thaten alles, was teuflische List und
Bosheit im Gewande des Gesetzeseifers vermochte.
Eine Frau wurde auf frischer That als Ehebrecherin ertappet. Die
Pharisäer liessen sie sogleich ergreifen, und führten sie nicht vor
den Richter, sondern zu Jesus; denn blitzschnell hatten sie in ihr
ein Mittel entdeckt, unserm Herrn eine Falle zu legen, die beinahe
unvermeidlich und doch so trefflich verkleidet war, daß Niemand, der
nicht tiefer sah, daran das Werk der niederträchtigsten Leidenschaft
erkennen konnte.
Moses hatte auf den Ehebruch den Tod durch Steinigung als Strafe
gesetzt. Dieß galt auch noch zu den Zeiten Jesu; nur durften die
Richter die Todesstrafe nicht mehr vollziehen, ohne die Genehmigung
des römischen Landpflegers, weil der Kaiser sich als Landesherrn
betrachtete. Hätte nun Jesus den Ausspruch gethan, sie sollten nur ohne
weitere Umstände die im Gesetze bestimmte Strafe vollziehen, so wären
sie zu Pilatus gelaufen, und hätten ihn als Empörer gegen des Kaisers
Gebot angeklagt, während sie dieselbe Erklärung an jedem Andern als
ächten Patriotismus, als heiligen Eifer für Gottes Gesetz, als gerechte
Verachtung der heidnischen Herrschaft über das Volk Gottes gerühmt
und sich eines solchen Helden gefreuet haben würden. Die Geschichte
bestätiget dieß auf mehr als Einem Blatte. Gemäß der bekannten Strenge
in sittlicher Hinsicht hatten sie auch wahrscheinlich keine andere
Entscheidung von Jesus erwartet. Wurden sie aber auch in dieser schönen
Hoffnung getäuschet, so stund ihnen doch noch ein Weg der Verfolgung
gegen den Galiläer offen. Hätte nämlich Jesus sich dahin geäußert, daß
sie die Ehebrecherin zwar steinigen, aber zuvor die Bestätigung des
Pilatus einholen sollten, so würden sie ihn unter dem Volke als einen
von dem väterlichen Glauben und Gesetze Abtrünnigen, als einen Freund
und Beschützer aller Sünder und Aergernisse, als einen Schmeichler und
Partheigänger der Römer verschrieen haben. Wie fein war also nicht das
Netz gestellt!
Betrachtet man aber die Sache von einer andern Seite; wie viel Schein
des Guten hatten die Pharisäer für sich? Verdiente nicht vor allem
ihre Wachsamkeit gebührendes Lob, durch welche es ihnen gelungen war,
diese schändliche That zu entdecken? Gaben sie dem Volke nicht einen
sprechenden Beweis, daß sie seinen Lieblingslehrer selbst hochschätzen,
da sie ihm einen so wichtigen Fall zur Entscheidung vorlegten? Legten
sie nicht Eifer, Muth und Beharrlichkeit an den Tag, dadurch daß sie
Moses Gesetz selbst in den Tagen der Unterdrückung aufrecht zu erhalten
strebten? Wer kann zweifeln, daß sie nicht auch das Aeußere -- Worte,
Mienen, Stellung -- so abgemessen und einstudirt hatten, daß nicht so
leicht Jemand ihre Tücke ahnen konnte?
„Jesus aber bückte sich nieder, und schrieb auf die Erde.“ -- Ein
Zeichen der Unaufmerksamkeit auf ihre vorgelegte Frage, wodurch er
zu verstehen gab, daß er weder von dieser Sache etwas wissen, noch
sie entlarven und beschämen wollte. Allein sie verstunden ihn nicht,
und mochten dieses sonderbare Benehmen für Unentschlossenheit und
Verlegenheit halten; um so mehr fühlten sie sich in ihrer geheimen
Freude aufgemuntert, auf eine entscheidende Antwort zu dringen. Diese
ward ihnen: „+Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe zuerst den Stein
auf sie!+“ -- Das traf, wie ein Blitz vom heitern Himmel. Betäubt,
stumm und starr vor Schrecken, Schaam und Zorn stunden jetzt die
Musterbilder der Heiligkeit da; ihre geheime Schande lag vor Aller
Augen enthüllet; aufgedecket war die tückische Bosheit bei Vorlegung
der Frage; entschieden hatte Jesus, daß sie nicht die Sünderin
strafen, sondern ihm eine Falle legen wollten; darum zeigt er, +daß
sie im gleichen Falle mit der Ehebrecherin seien; daß sie zuerst sich
selbst steinigen müßten+. Wider alle Erwartung und Wünsche drang ihnen
Jesus dieses Mal einen Beweis seiner göttlichen Sendung auf, der nun
so unwiderleglicher war, da er in +ihrem Gewissen+ einen lauten,
unabweislichen, unfehlbaren Zeugen fand. Es war nicht nöthig, ihre
Sünden auf den Boden zu schreiben[17]; sie waren mit unauslöschlichen
Zügen in die Tafel ihres Herzens gegraben; und da ließ sie Jesus
lesen, was sie nicht wollten, und was Niemand wissen konnte, als der
Herzenskenner. Läugnen und widersprechen gieng bei aller sonstigen
Dreistigkeit nicht an; sie waren zu gut getroffen, zu tief verwundet;
+sie schlichen sich Einer nach dem Andern davon+ -- und hinterließen
den Heuchlern aller Zeiten ein warnendes Beispiel, was sie von dem,
der „die Wahrheit ist“, und der „Herz und Nieren prüfet“, zu erwarten
haben, wenn sie auch ihre schwachen Brüder -- die Menschen täuschen.
XV.
Die Pharisäer untersuchen gerichtlich die wunderbare Heilung des
Blindgebornen.[18]
Licht und Finsterniß, Wahrheit und Lüge treten dießmal in einem
wunderbaren Kampfe auf; kaum läßt uns eine andere Begebenheit des
Evangeliums tiefer und deutlicher in das Labyrinth heuchlerischer
Verblendung und Verkehrtheit blicken; aber kaum zeigt uns auch eine
Geschichte der Zeit Jesu auffallender die unbesiegbare Kraft der reinen
Liebe zur Wahrheit. Daher muß jeder Zug dieses herrlichen Gemähldes
unsere ganze Aufmerksamkeit fesseln.
„Wer hat gesündiget? Dieser oder seine Aeltern, daß er blind geboren
wurde?“ Welche Frage? Wer hätte sie von den Jüngern unseres Herrn
erwartet? Es war noch pharisäischer Sauerteig, der in ihrem Herzen
gährte; in der Synagoge war er hineingelegt worden. So licht- und
lieblos konnten nur Pharisäer urtheilen; sie lehrten, daß alles Uebel
von besonderer Art wohlverdiente Strafe früher begangener Sünden
sei; ja, daß an Kindern die Vergehungen der Aeltern bestraft würden;
noch mehr, daß Jemand schon vor seiner Geburt, in einem frühern
Lebenszustande, könne gesündiget haben, und jetzt dafür leiden müße.
Damit war nun der +Gewissensrichterei+ ein weites Thor geöffnet; das
gemeine Volk lernte diese empörende Sprache nur zu bald führen, weil
sie den kürzesten Aufschluß in jedem Falle gab. Ueber der Heuchellehre
anmaßender Selbsterfinder vergaß man +Gottes Wort+, welches laut
bezeugte, daß +Hiob+, +Joseph+, +David+, +Jeremias+, viele Andere,
gelitten hatten -- nicht, weil sie in jedem Falle Sünder waren, sondern
weil Gott sie liebte und prüfte. Unter dem Lärm gelehrter Schreier
verscholl fruchtlos die Stimme +Ezechiels+, durch welchen Jehova
gesprochen hatte[19]: „+Die Seele, welche sündiget, soll sterben.
Der Sohn soll nicht tragen die Missethat des Vaters.+“ War es nicht
gerechte Strafe von Gott, wenn er solche „blinde Führer“ in die Irre
gehen ließ, daß sie eher eine Art +heidnischer Seelenwanderung+ zur
Erklärung des Uebels zu Hülfe nahmen, als Belehrung aus +ihres Gottes
Wort+ und +That+ schöpften?
In himmlischer Verklärung trit auch hier das Evangelium mit seinem
reinen Gottesglauben der doppelherzigen Heuchelei gegenüber. „Weder
dieser hat gesündiget, noch seine Aeltern; sondern +Gottes Werke
sollten an ihm offenbar werden+.“ Freilich eine ganz andere Auflösung
des Knotens, als die pharisäische! Gott ließ diesen Mann blind geboren
werden, damit er durch die Heilung desselben mittelst seines Sohnes
verherrlichet würde. Der Vater im Himmel behandelt seine Kinder nicht
nach dem erträumten Strafcodex sauertöpfischer Heuchler, sondern er
leitet sie in unendlicher Liebe zu seines Namens Ehre. Wenn anders die
Worte unsers Erlösers zu unserer Belehrung und Anweisung gesprochen
sind: so dürfen wir es als unbezweifelten Grundsatz der göttlichen
Regierung auch heute noch annehmen, daß Unglückliche in der Welt
sind, damit der +Sohn+ des Vaters Werke -- Erbarmung, Rettung, Liebe
-- an ihnen mit göttlicher Macht und Weisheit thue, und damit die,
+welche dem Sohne angehören+, in ihrem Kreise und nach ihren Kräften
+deßgleichen thun+. Welch’ ein Trost für den Elenden! Welch’ eine
Aufmunterung für den Glücklichen! Welch’ eine Schande für den Heuchler!
--
Diese Schande muß bis zum Erblassen und Erstarren, so wie jener Trost
bis zum Frohlocken und Jubel steigen, wenn man den Sohn Gottes sein
+Werk Gottes am Sabbate+ schon zum voraus rechtfertigen höret. Die
Aufträge der Liebe seines Vaters gegen seine Kinder gestatten keinen
Sabbat, sondern müßen an jedem Tage, zu jeder Stunde, wo es seyn
kann, vollzogen werden. Die Sonne erquicket und erfreuet nach ihres
Schöpfers Willen alle Tage die ganze Natur; so handelt auch Jesus,
die Sonne der Gerechtigkeit für die Geisterwelt. Es wäre Entheiligung
seiner Bestimmung auf Erden, wenn er im pharisäischen Sinne Sabbatsruhe
halten, frömmelnde Gebete sprechen, und die Unglücklichen schmachten
lassen würde. -- -- Haben nicht auch die Menschen Werke Gottes in Liebe
jeder in seinem Kreise zu verrichten? Sind nicht alle zu Lichtern der
Welt berufen? Sollen, dürfen sie da ausruhen vom Gutesthun? Dürfen sie
der Welt je ihr Licht entziehen? Heuchler! könnet ihr es vergessen, daß
„+eine Nacht kommt, wo Niemand wirken kann+?“ -- --
Der Blindgeborne wandelt ohne Führer frohlockend durch die Straßen
Jerusalems. Viele Menschen bemerken ihn, staunen, zweifeln, lassen sich
die Wahrheit seines Sehens von ihm selbst bestätigen -- und gerathen
in wilden Eifer, als sie hören, daß und wie ihn +Jesus+ am +Sabbate+
sehend gemacht habe. „Wo ist der --?“ fragten die pharisäisch gesinnten
Frommen mit drohender Gebehrde, die zu verstehen gab, daß er von ihnen
nichts geringeres als Steinwürfe für diese Wohlthat zu erwarten habe.
Steinwürfe als Belohnung eines Wunders? -- Warum denn nicht? Welche
Feier des Sabbates war wohl solcher Leute würdiger, als die durch
tumultuarischen Menschenmord zur Ehre ihres entstellten und verkannten
Gesetzes? +Kinder des Vaters der Lüge und des Mordes+ -- dafür
hatte sie die ewige Wahrheit selbst erklärt -- prahlten sie mit den
prunkenden Tituln: „+Kinder Abrahams+, Kinder Gottes“, und verleugneten
diesen und jenen im Leben durch Wort und That. Hatten sie doch kurz
zuvor an +eben diesem Sabbate+ Jesus +im Tempel steinigen+ wollen,
weil er sich für den ewigen Sohn Gottes etwas räthselhaft erklärt.
Kaum entgieng er ihren gesetzeseifrigen Händen[20]. Jetzt sollte er
nicht mehr entkommen, weil er himmlische Wahrheit der Lehre noch durch
eine wunderbare Wohlthat zu besiegeln und zu verstärken sich erkühnte.
Welche tiefe Bedeutung erhält nun ihre Frage: „Wo ist der --?“
Leidenschaft macht blind; Einseitigkeit religiöser Ansichten mit
unerleuchtetem Eifer erzeugt Ungerechtigkeit, die man für Gottesdienst
hält. Einen Beleg dazu liefert das, was jetzt mit dem Blindgebornen
erfolgte. Da er nicht angeben konnte, wo Jesus sei, so nahmen die
Fragesteller dieses für bösen Willen und für geheimes Einverständniß
mit dem verhaßten Lehrer; sie fanden daher ihn wegen seiner
Anhänglichkeit an Jesus eben so schuldig, als diesen selbst, und
führten ihn vor ein Gericht schriftgelehrter Pharisäer, um Untersuchung
wegen Sabbatsverletzung über ihn zu veranlassen. Sollten sie für diesen
kräftigen Beweis ihrer Anhänglichkeit an das Gesetz so ganz ohne
wortreiche Lob- und Segenssprüche entlassen worden sein? -- --
Der arme Blindgeborne! Kaum hat er durch ein Wunder das Tageslicht
erblickt; kaum der schönen Welt seines Gottes einige Augenblicke sich
gefreuet; noch ist sein gutes Herz trunken von Jubeldank und Liebe;
noch haben seine Augen den Retter nicht gesehen -- und schon wird er
angefeindet, verfolgt, vor Gericht gezogen um Jesus willen! Noch vor
wenigen Stunden hatte ihn wohl mancher Pharisäer als einen wegen seiner
Sünden von Gott Geplagten verachtet; jetzt wird er eben von solchen
Menschen des größten Verbrechens beschuldiget, weil Gott ihm durch
Jesus geholfen hat! Welche Gefühle und Gedanken fliegen in ihm auf, als
er das erstemal eine Versammlung von Menschen, und in ihnen bereits
seine Feinde erblickte? Doch ein edles Gemüth, innig und lebendig von
Wahrheit und Liebe ergriffen, findet sich überall zu recht. Einfach und
bescheiden, aber auch bestimmt und fest beantwortet er die erste Frage
über seine Heilung.
Wie der Blitz in einer grauenvollen Gewitternacht die Gegend in ein
klares, aber zu plötzliches und schauerliches Licht versetzt: so
wirkte der Geradsinn und die Wahrheit in der Antwort dieses Mannes
auf die düstern Herzen der Heuchler. In einem Nu verwandelt sich die
Scene; nicht mehr der Sabbat und seine Heiligkeit, noch weniger der
Blindgeborne und das an ihm geschehene Wunder, sondern +Jesus einzig
und allein+ ist jetzt der Gegenstand, der ihren Geist und ihr Gemüth
fesselt; entschieden, obwohl unbewußt, trit es hervor, das nicht
die Sache, sondern seine Person in Untersuchung kommen soll; der
böse Schatz des Herzens thut sich auf: „+Dieser Mensch ist nicht von
Gott, weil er den Sabbat nicht hält.+“ Jesus hat Erde mit Speichel
gemischet, die Augen des Blinden damit bestrichen, diesem noch einen
weiten Gang und eine Waschung aufgebürdet -- also hat er +gearbeitet+
und Arbeit +befohlen+; also den +Sabbat geschändet+; folglich ist
er ein Sünder, mithin +kein göttlicher Gesandte+! Eine treffliche
Schlußreihe! Zuerst macht man eine beliebige Auslegung der Heil.
Schrift zur Grundlage; dann zieht man eben so willkürliche Schlüsse aus
entstellten Thatsachen, schmiedet diese mit Schriftworten zusammen, und
verurtheilt den Heiligsten und Gerechtesten als den größten Verbrecher
und Betrüger! Das von Neid, Haß und geistiger Herrschsucht kranke
Auge schielt weg über die Kraft Gottes auf Umstände und Nebendinge,
ärgert sich ohne Grund der Wahrheit an diesen, und verabscheuet die
That und den Mann, weil dieser sich keine von Menschen erfundene Form
aufzwängen läßt, sondern ein natürliches Gewächs in Gottes Garten sein
will.
Doch nicht Allen gefiel dieses Urtheil. Bei Manchen regten sich
Bedenklichkeiten und Zweifel an der Wahrheit desselben. Es klang ihnen
gar zu sonderbar, das Wunder als wirklich geschehen dahingestellt sein
zu lassen, und den Urheber einer göttlichen That für einen gottlosen
Menschen zu erklären. Die Sprache leidenschaftlicher Uebereilung war
hier zu kennbar. Sie machten daher auf das Unzusammenhängende und
Widersprechende aufmerksam. Dieß hatte eine Theilung der Meinungen
zur Folge, welche die Versammlung zu einem höchst sonderbaren
Schritte verleitete. Der Blindgeborne sollte sein Urtheil über Jesus
abgeben, und sich darüber aussprechen, daß Jesus diese Heilung eben
am Sabbate vorgenommen habe. Die brennende Begierde unsern Herrn auf
irgend eine Weise in eine Schuld zu verwickeln, ließ die guten Männer
ihren gelehrten Stolz, ihre richterliche Würde und ihre erkünstelte
Rechtschaffenheit auf einige Augenblicke so ganz vergessen, daß sie
von einem gemeinen Manne Belehrung über eine so wichtige Sache, von
einem Angeklagten ein Urtheil, von einem wunderbar Geheilten Undank
gegen seinen Retter erwarteten. Dieß thaten die frommen Lehrer Israels
-- am Sabbate!! Wie mußten sie sich im Stillen schämen, als der
biedersinnige Mann mit edler Haltung sprach: „Er ist ein Prophet?“ Als
er darauf unbeweglich bestund, Jesus habe ein Wunder an ihm verrichtet,
also den Sabbat nicht verletzet, also nicht gesündiget; folglich habe
Gott ihn gesandt? Da lag ihre schlaue Sophistik, durch das reine
Wahrheitsgefühl und durch die innige, dankbare Liebe zu der Wahrheit
und zu ihrem Urheber von einem blind gewesenen Bettler besiegt,
schimpflich am Boden.
„Nun glaubten die Juden nicht, daß er blind gewesen und sehend geworden
war.“ Ein seltsamer Sprung! Nachdem sie mit ihren hochfahrenden
Urtheilen, mit scheinheiligen Verdrehungen und Verläumdungen, selbst
mit aller Niederträchtigkeit an der redlichen Standhaftigkeit des
Geheilten gescheitert waren, verwandelten sie sich plötzlich in
scharfsinnige Zweifler; jetzt erst fanden sie für nothwendig, sich zu
erkundigen, ob dieser Mensch auch wirklich blind geboren, ob nicht das
Ganze ein feiner Betrug sei. Anfangs war ihnen die That willkommen,
weil sie hofften, auf irgend eine Weise dieselbe zur Sabbatschändung
zu stempeln; als dieses nicht angieng, läugneten sie das Wunder. So
wechselt das heuchlerische Chamäleon alle Farben!
Die Aeltern des Blindgebornen wurden gerufen; der Sohn mußte abtreten;
jene kamen in die Versammlung, wurden gefragt, bestätigten vor Gericht
die Thatsache, daß dieser ihr Sohn blind geboren sei. Mehr wollten
sie nicht wissen. Gar erbaulich ist der Grund, welchen Johannes
für diese geflissentliche Unwahrheit angiebt -- +Furcht vor dem
Kirchenbanne+. Das Synedrium hatte nämlich einen Beschluß bekannt
gemacht, daß Jeder, welcher Jesus für den Messias bekennen würde, von
der Synagoge ausgeschlossen werden sollte. Mit Recht fürchteten daher
diese gemeinen Leute die Auslegungskunst dieser gelehrten Herren;
denn wie leicht war es, jede Sylbe die sie zu seiner Gunst auch nur
zu sprechen +schienen+, dahin zu +deuten+, daß sie dem Nazarener von
Herzen zugethan, ihn +äußerlich+ wenigstens für einen Propheten,
innerlich aber Zweifels ohne für den Messias hielten, also in den
Bann verfallen seien? Schelmisches Lächeln würde die Lippen des
Schriftgelehrten unausstehlich verzogen haben, wenn es ihm gelungen
wäre, an dem sichtbar mit Bedacht zweideutig abgefaßten Beschlusse
ein solches Pröbchen seiner Kunst zu geben. Fein und listig bleibt
die Wendung alle Mal, daß sie bloß verboten, „ihn für den Messias zu
erkennen.“ Daß er seine Lehren mit Wundern bestätigte, folglich ein
Prophet sei, war zu offenkundig, als daß sie es läugnen durften; daß
er für den Messias gehalten sein wolle, davon glaubten sie viele Spuren
entdeckt zu haben; endlich hatten sie schon öfter bemerkt, wie geneigt
die erstaunten und begeisterten Schaaren seien, ihm diese höchste
Würde beizulegen. Es blieb also keine bessere Auskunft übrig, als bei
harter Strafe einen solchen entscheidenden Schritt jedem Einzelnen zu
verbieten, und sich die Hinterthür offen zu lassen, entweder diese
Entscheidung selbst zu geben, wenn +ihre+ Erwartungen vom Messias an
ihm in Erfüllung giengen, oder seinen und des Volkes Plan wo möglich zu
vereiteln. Im ersten Falle hätte man ihre weise Vorsicht -- eigentlich
schön verkleidete Gewissensherrschaft, loben müßen; im zweiten wollten
sie jeden Widerspenstigen ihren starken Arm fühlen lassen, d. h. Gott
widerstreiten. Die Schlauen wurden aber in ihrer eigenen List gefangen;
und dieß ist vom Herrn geschehen!!
Das Verhör mit den Aeltern war eben so fruchtlos, wie das mit dem
Sohne. Bei diesem konnten die Pharisäer ihr verläumderisches,
voreiliges Urtheil nicht durchsetzen, weil sie selbst nicht einig
waren; bei jenem fanden sie eine Bestätigung, statt einer Widerlegung
des Wunders. Wenn ein Sterblicher in dieser Stunde das Innere dieser
Unglücklichen hätte durchschauen können, wie würde er sich entsetzt
haben über dem wilden, ungestümmen, greulichen Kampfe des in den Banden
der Sophistik schmachtenden Wahrheitsgefühles und des mit Gewalt
unterdrückten Gewissens mit der in Schlangenkrümmungen sich windenden
Heuchelei und mit zügellosem Hasse, Neide und Stolze? und doch war
der letzte Auftritt noch nicht erfolgt; noch stund Aergeres bevor.
Jesus konnte, durfte und sollte das Wunder nun einmal nicht verrichtet
haben; es war unannehmbar, unglaublich, unmöglich, +weil er nicht ihr
Mann war+. In solchen Fällen ist +Gott zu Ehren+ das Schlimmste zu
vermuthen, zu behaupten, zu thun erlaubt in den Augen des Heuchlers.
Folgen wir der Geschichte, damit diese beweise, daß man den Pharisäern
nicht leicht zu viel Böses zutrauen könne!
Das zweite Verhör begann mit den Worten: „+Gieb Gott die Ehre!+“ --
Was soll diese heilige Formel an der Spitze? Mehr nicht, aber auch
nicht weniger, als: Du bist bisher nicht ganz aufrichtig gegen uns
gewesen: noch hast du uns manchen Nebenumstand von Bedeutung verborgen;
denke, du stehest vor Gott, dem Allwissenden; darum sage die Wahrheit,
d. h. mache durch eine wohlangebrachte Lüge Jesus zu Schanden, um
unsere Ehre zu retten. Empörend; aber noch nicht genug! „+Wir wissen,
daß dieser Mensch ein Sünder ist.+“ -- +Wir!?+ Also auf +ihr Wort+
sollte der Blindgeborne seine auf +Gottes Kraft und Geist+ gegründete
Ueberzeugung aufgeben? Hatte ihr bisheriges Betragen ihm so viel
Zutrauen einflößen können? Warum gaben sie Jesus für einen Sünder
d. h. für einen Irrlehrer und Betrüger aus? Weil er nicht zu ihren
Füßen saß, und die Lehren der Alten hörte; weil er den Sabbat nicht
heiligte, wie sie, sondern wie Gott, sein Vater; weil er den Buchstaben
des Gesetzes übertrat, um den Geist zu befolgen. -- Von gerechtem
Unwillen ergriffen, gab der biedere Mann ihnen ihre Lieblosigkeit
deutlich genug, aber doch mit seltener Mäßigung zu verstehen. Ueber die
beleidigende Ansicht seiner persönlichen Gesinnung gieng er edelmüthig
weg; zeigte ihnen mit feiner, satyrischer Anwendung auf sich, wie sie
Jesus hätten beurtheilen sollen, und blieb unbeweglich dabei, daß er
blind gewesen, und durch den Propheten sehend geworden sei.
Diese Zurechtweisung wäre stark genug gewesen, um Menschen, welche
weniger erboßt und nicht so ganz an innere Schande gewöhnt waren,
verstummen zu machen; die Pharisäer aber wurden nur noch schamloser
und zudringlicher mit Fragen: „+Was hat er dir gethan? Wie hat er
deine Augen aufgethan?+“ Auf diesem Wege hofften sie wenigstens der
äußerlichen Schande zu entgehen, und ihre Ehre vor Menschen zu retten,
wenn der Blindgeborne bei so oft wiederholter Erzählung etwas weglassen
oder hinzusetzen würde, was ihnen Anlaß gäbe, die That und ihren
Urheber verdächtig zu machen. Welche Niederträchtigkeit!
Diese Bemerkung entgieng auch dem armen Manne nicht. Es ist wirklich
ein anziehendes Schauspiel, das Lamm mitten unter Wölfen mit so viel
Ruhe, Besonnenheit, Muth und Geistesgegenwart reden und handeln zu
sehen. Je schlichter sein Verstand, je unverdorbener sein Herz war,
desto tiefer und schmerzlicher empfand er die Tücke seiner Gegner.
Entschlossen weigerte er sich, die Erzählung zu wiederholen, und schloß
mit einer beißenden Gegenfrage: „Oder wollet etwa auch ihr seine Jünger
werden?“
Das gieng ihnen durch das Herz; sie sahen, daß der Mann ihre Arglist
durchschauet habe, und ergrimmten. Allein es war ein ohnmächtiger
Grimm, der sich höchstens in +Schimpfwörtern+ Luft machen konnte.
So sehr vergaßen sich die Meister Israels, die Vorbilder der
Rechtglaubigkeit und Frömmigkeit, die Richter über göttliche Thaten und
göttliches Leben!!! Moses Sendung von Jehova war jetzt ihr letzter
Anhaltspunkt; Moses Jüngerschaft ihr einziger Wunsch, ihr Stolz --
wer hätte dieses von den unumschränkten Vertheidigern der Satzungen
der Alten erwarten sollen? An Jesus können sie nur keine Spur einer
göttlichen Sendung finden.