Wirklich ließen sich selbst die Jünger täuschen, und ihre bedenkliche

Frage an Jesus scheint darauf hinzudeuten, daß sie wenigstens in

Zweifel geriethen, ob ihr Lehrer, wenn auch +wahr+, doch nicht zu

+stark+ gesprochen habe. Dieß konnte um so leichter geschehen, da

sie selbst den Sinn der Rede Jesu nicht ganz gefaßt und verstanden

hatten. Unerwartet genug für sie blieb Jesus fest auf seinem Satze,

und erklärte geradezu die Lehre und Handlungsweise der Pharisäer für

so verwerflich, daß man sie ohne Schonung widerlegen, aus den Herzen

und Augen der Menschen entfernen und gänzlich zernichten müße, weil

sie unfehlbar ins Verderben stürze. Dieses strenge Urtheil ist um so

merkwürdiger, je liebreicher, nachsichtiger und erbarmender sonst Jesus

die Fehler der Menschen ansah und behandelte. +Allein gegen Heuchler

kannte er keine Milde+; diese +will+ er ärgern; ihnen +soll+ seine

Lehre ein Todesgeruch sein; ihr Gottesdienst muß gestürzt werden, wenn

wahre Religion aufkeimen soll. Faßt man dabei +Zeit+, +Ort+, +Personen+

gehörig ins Auge, so spricht sich in Jesus eine Reinheit der Gesinnung,

eine Höhe der Frömmigkeit, eine Festigkeit des Geistes aus, welche man

nie genug bewundern kann.

Die nähere Erklärung für die Jünger ist eine sichere, unüberwindliche

Vormauer gegen Heuchelei für alle Jahrhunderte. Zwei Punkte sind es,

auf welche wir unser Augenmerk richten müßen:

1.) „Alles +Aeußere+, wenn es in den Menschen +hineinkommt+, kann

ihn +nicht unrein machen+; denn es geht nicht in das +Herz+,

sondern in den +Magen+.“

2.) „Was aber aus dem Munde +herauskommt+, das kommt aus dem

+Herzen+, und +das+ verunreiniget den Menschen.“

Ist es möglich, daß auch nur der leiseste Zweifel entstehe über die

Fragen: Wann ist der Mensch rein vor Gott? Was macht ihn mißfällig vor

Gott? Der +Geist+ des alten Testaments konnte nicht herrlicher gegen

den Tod des Buchstabens gerettet und +allgemein anwendbar+ gemacht

werden, als auf diese Weise. Die Reinigungsgebräuche sollten kein

religiöses Handwerk werden, wodurch man bei Gott etwas auf Rechnung

bringen könnte; sondern erinnern, hinweisen sollten sie auf Reinigung

des Herzens. Wer diese Sprache nicht versteht; wer von solchen starken

Winken die +Anwendung auf sich+ nicht zu machen weiß; was soll dem das

+neue+ Testament? Er hat noch nicht einmal das +alte+ erreicht!

„+Seid auch ihr noch so unverständig?+“ So sprach Jesus damals zu

seinen Jüngern; was würde er jetzt sagen?? --

XIII.

Jesus auf dem Laubhüttenfeste zu Jerusalem.[14]

Für seine Zeitgenossen -- und nur für diese? -- war das Leben unseres

Erlösers ein wahres, schwer zu lösendes Räthsel. Auf einer Seite

war er genau in Beobachtung aller +göttlichen+ Vorschriften über

Glauben und Liebe; auf der andern Seite handelte er frei in Bezug auf

+menschliche+, den göttlichen gleich sein sollende, Gesetze: bald war

er strenger Israelite, bald schien er unreiner Heide zu sein; jetzt

besuchte er ein nicht gebotenes Fest, dann schändete er wieder in

vieler Augen den Sabbat; einmal sprach er holdselige, trostreiche,

göttlich erhabene Worte, ein anderesmal ärgerte er viele durch

unerhörte, schneidende, gegen alle Schullehren verstoßende Vorträge u.

s. w. Bei ihm waren dieß freilich keine Widersprüche mit sich selbst;

alle diese scheinbar so entgegengesetzte Handlungen waren Ein Erguß

eines sich ewig gleichen, unerschütterlichen Charakters, der allen

Umständen gebot, und doch auch sich in alle Lagen zu fügen wußte, ohne

sich selbst zu verlieren. Freunde und Feinde, Gute und Böse, Starke und

Schwache am Geiste, Geradsinnige und Tückische, Zeiten, Orte &c. gaben

dem Einen Leben so mannigfaltige Farben. Aber welch’ ein reiner und

tiefer Blick gehörte dazu; welche Einfalt und Güte des Herzens wurde

erfordert, „sich nicht zu ärgern an dem Sohne des Menschen!“

Wundern kann es uns also nicht, wenn seine Zeitgenossen

+widersprechende+ Urtheile über ihn fällten; vielmehr müßte es

befremden, wenn dieß nicht geschehen wäre. „Die Einen sagten: Er

ist rechtschaffen. Die Andern sprachen: Nein! sondern er verführet

das Volk.“ Wer hatte Recht? Unstreitig die Erstern; sie bewiesen

ein uneingenommenes Gemüth, einen reinen Willen, der fähig war, auf

die Wahrheit aufmerksam zu sein, und Erkenntniß derselben dadurch

herbeizuführen. So sahen sie, trotz aller Hindernisse, ungeachtet

alles widrigen Anscheines das Gute, das Göttliche in Jesus Lehren

und Thaten. Aber die Andern; wie kamen diese zu ihrem Urtheile?

Hier zeigten sich unläugbar die Früchte pharisäischer Bearbeitung

des Volkes. Die Pharisäer müßten weniger schlau und scharfsinnig in

Besorgung ihres eigenen Vortheiles gewesen seyn, wenn sie es nicht

frühzeitig hätten merken sollen, in Jesus sei ein Mann aufgetreten,

der ihrem Wesen und Treiben ein Ende zu machen drohe; denn er hielt

sich in Wort und That so an Gottes Wort, daß ihre selbst erfundenen

Lehren, mit denen sie das göttliche Gesetz verunstalteten, in ihrer

ganzen Grund- und Werthlosigkeit erschienen. Selbst der gemeine

Mann fieng an, dieses einzusehen. Welche Gefahr für das +damalige

Synedrium+, und in demselben natürlich für die +Religion der Väter

selbst+! In solchen Fällen erlaubt sich der gleißende Religionseifer

jedes Mittel, um mit dem Scheine der Gottesfurcht seine vortheilhafte

Sache zu retten. Reichen Gründe nicht aus -- wie es hier der Fall war

-- so nimmt man zu Lästerungen seine Zuflucht. Daher warfen sie häufig

mit +Sabbatschänder+ und +Volksverführer+ um sich, und erreichten so

bei manchem Kurzsichtigen ihren Zweck schneller und sicherer, als mit

Beweisen, die sie nicht liefern konnten oder mit wahrhaft frommen

Thaten, die sie nicht ausüben wollten. Viele im Volke, besonders die

Bewohner der Hauptstadt, sprachen den weisen und eifrigen Lehrern nach,

und lästerten, „was sie nicht verstunden.“ +So leisteten gehässige

Namen, mit denen man eine gute Sache brandmarkte, schon damals den

Heuchlern treffliche Dienste!!+

* * * * *

„+Wie versteht denn dieser die Schrift, da er sie doch nicht gelernet

hat?+“ Diese Frage würde unsere ganze Aufmerksamkeit fesseln, wenn wir

es nicht zu sehr gewohnt wären, Alles, was die Feinde unseres Herrn

sagen und thun, ungereimt und böse zu finden, ohne weiter über den

Grund der Sache nachzudenken und in unser eigenes Herz zu blicken. Wir

selbst werden an den Pharisäern gar oft auch zu Pharisäern.

Schon mit zwölf Jahren hatte der Sohn des Zimmermannes die Alten

in der Tempelschule durch Fragen und Antworten in Verlegenheit und

Staunen gesetzt; und später hatte er es niemals nöthig gefunden, zu

den Füßen eines Rabbi zu sitzen, um Weisheit zu lernen; und doch

war er ihnen in der Blüthe des männlichen Alters an Schriftkenntniß

unendlich überlegen. Sie führten den prangenden Titul; Er hatte

die wichtige Sache. Daher spricht ihre Frage eben so viel Neid und

Verkleinerungssucht als Befremdung und Verwunderung aus. Den meisten

Antheil daran hatte aber offenbar ihr gleißender Charakter, vermöge

welchem sie es nur nicht begreifen konnten, daß Jesus außer ihrer

+Schule+, ohne ihre +Formen+, frei von ihren +Erblehren+ die Wahrheit

sollte gefunden haben. Es liegt in der Natur des Heuchlers, daß er vor

allem fragt, +wie+, +wo+, bei +wem+ Jemand etwas gelernet habe, nicht

+was+ er wisse, und welche +Gründe+ er dafür gelten mache. Auch in

dieser Beziehung wird Aeußeres für Inneres, Form für Sache genommen;

wie wichtig ist aber dieß bei Religionswahrheiten!

In der Antwort auf die hämische Frage der Juden bekennet sich Jesus zu

einer ganz andern und höhern Schule, als die Tempelschule zu Jerusalem

war, welche so häufig als die einzig ächte Quelle der Wahrheit und

Weisheit gepriesen wurde. +Er hatte seine Lehre unmittelbar von Gott

empfangen+; kein Wunder, wenn sie von dem menschlichen Machwerke

seiner und aller Zeit so himmelweit verschieden war. Dagegen gab er

aber auch ein +Kennzeichen+ seiner Lehre an, auf welches die Pharisäer

unmöglich verfallen konnten, und welches sie eben so unbrauchbar finden

mußten. Um die +Wahrheit+ und +Göttlichkeit+ seiner Lehre zu erproben,

forderte er einen +praktischen Versuch+, und versprach als +unfehlbaren

Erfolg+, die lebendigste und festeste Ueberzeugung. Wie natürlich! Wer

den Willen Gottes nach dem Evangelium zu befolgen sich bestrebt, dem

erweiset sich diese Lehre in seinem +Herzen+ durch +Erfahrung+ als eine

solche, welche das Reich Gottes und mit demselben die ganze Fülle alles

Friedens und aller Seligkeit bringt. Wie könnte sich da Jemand noch um

künstliche Schlüsse für und wider das Evangelium kümmern; er hat ja

schon den +Thatbeweis+; wozu noch +Worte+ und +Zeichen+? Diese können

doch mehr nicht thun, als ihn +von Außen+ anregen, aufmerksam, geneigt

machen, die Probe im Leben zu unternehmen, ohne welche jeder andere

Beweis nicht wahrhaft und fest im Innern wurzelt, weil die Erfahrung

fehlt.

Aber wie sollten sich die Pharisäer zu einer +solchen+ Prüfung der

Lehre Jesu verstehen! Bei ihnen mußte ja der Meister sein Werk loben;

von Gott aber heißt es nur: „Die Himmel verkündigen die Ehre Gottes.“

Dieses galt auch von Jesus und von seiner Lehre.

Wahrhaftigkeit und Heuchelei werden daher von unserm Herrn auch noch

in einer andern Beziehung einander entgegengesetzt. Die Pharisäer

gaben sich alle erdenkliche Mühe, das von Gott gegebene Gesetz mit

recht vielen, fein ersonnenen, Geräusch der Frömmigkeit erregenden

Zusätzen zu vermehren, die Gebote Gottes und ihre eigenen sorgfältig

zu vermengen, aus beiden ein kunstvolles Gewebe oder System zu machen,

und so sich den Ruhm der Schriftgelehrtheit zu erwerben. Dieses ganze

Unternehmen war offenbar nichts anderes, als ein Bestreben, ihre eigene

schlechte Waare unter göttlicher Firma einzuschwärzen in das Reich

Gottes, und als Erfinder neuer Wahrheiten zu glänzen, wohl auch guten

Gewinn daraus zu ziehen. Sie suchten daher bei ihren Religionsvorträgen

nur sich, nicht Wahrheit, noch weniger das Wohl ihrer Mitmenschen, noch

weniger Gott und seine Ehre. Wie ganz anders dachte und handelte Jesus,

„der Wahrhaftige, in dem kein Unrecht war, weil er nur die Ehre dessen

suchte, der ihn gesandt hatte!“

Ist diese Selbstverläugnung bei Verkündigung der Wahrheit und besonders

des Wortes Gottes, ist diese Demuth und Bescheidenheit, ist diese

Uneigennützigkeit von unserm Erlöser nur den Pharisäern gegenüber

geübt und angedrungen worden, oder drang sein allsehender Blick auch

in künftige Jahrhunderte? Gab er auch ihnen eine solche Anweisung? Wer

zweifelt daran? Und doch -- --

* * * * *

Von der Vertheidigung seiner Lehre nahm Jesus natürlichen Anlaß, auch

seine Handlungsweise zu rechtfertigen, +weil bei ihm Wort und That

nie getrennt war+. Man hatte ihm bei seiner letzten Anwesenheit zu

Jerusalem die Heilung des 38jährigen Kranken als Sabbatsschändung

gedeutet, und gesetzlich eifrige Juden wollten ihn schon damals

steinigen -- um einer Wohlthat willen! Zwar entgieng er ihren

Händen, aber nicht ihren Racheplanen; sie brüteten jetzt noch auf

Mordanschlägen; und die Frage: „Wo ist er?“ mag in dem Munde manches

Eiferers nichts anderes gewesen sein, als ein ungeduldiger Ausbruch des

ungesättigten Durstes nach dem Blute des verhaßten Nazareners. Jesus

wußte dieß gar wohl; hatten die Pharisäer doch schon in Galiläa, wo

Jesus seine meisten Anhänger hatte, bei der Heilung des Lahmhändigen

mit den Herodianern Rath gepflogen, wie sie ihn umbringen könnten, da

sie ihn nicht mit geistigen Waffen zu besiegen im Stande waren. Um so

gefährlicher war diese gleißende Parthei für ihn zu Jerusalem; darum

gieng er ganz in der Stille und erst nach dem Beginnen des Festes

dahin, damit sein unvermuthetes Erscheinen die Plane seiner Feinde

schon größtentheils vereitelte. Sie konnten nämlich keine sichern

Anstalten treffen, und als er durch seinen Vortrag alle Zuhörer

in Erstaunen setzte, war für sie der günstige Augenblick verloren,

aber für ihn war die Stunde gekommen, wo er die gute Stimmung der

Zuhörer benützen und eine für seine Würde wie für sein Leben höchst

nachtheilige Beschuldigung widerlegen konnte. +Welche Klugheit

und Vorsicht! -- Aber mit Taubeneinfalt, nicht mit pharisäischer

Schlangenlist gepaart!+

Wie vertheidigte sich nun Jesus? So, daß er seine Feinde mit ihren

eigenen Waffen schlug; denn es kostete wenig Mühe, ihnen Widersprüche

ihres eigenen Betragens mit ihrem Urtheile über die Heilung des

Kranken augenscheinlich zu zeigen. Moses hatte ihnen das strengste

Gebot gegeben, den Sabbat zu heiligen; sie rühmten sich dessen und der

pünktlichen Erfüllung dieses Gesetzes; und doch verrichteten sie die

Beschneidung -- eine mühsame und schmerzhafte Operation, also eine

Arbeit am Sabbate, weil ein anderes Gebot diese Ceremonie auf den

achten Tag nach der Geburt unerläßlich festsetzte. War hier das Gesetz

oder die Menschen mit sich selbst im Widerspruch? Keines von beiden;

sondern da die Beschneidung schon von Abraham eingeführt war, so mußte

der später eingesetzte Sabbat der ältern göttlichen Verordnung weichen;

und man glaubte sich keine Verletzung seiner Feier zu Schulden

kommen zu lassen, wenn man nach Gottes Vorschrift die Beschneidung

vornahm. Wer findet dieß nicht natürlich? Ist es aber nicht höchst

widernatürlich, wenn man nun bei Beurtheilung der Thaten Jesu die

Pharisäer gerade den entgegengesetzten Weg einschlagen sieht? Kann man

in diesem Zuge die doppelsinnige Gleißnerei verkennen? +Wie Gott alle

Tage den Menschen Gutes thut, so machte es Jesus auch am Sabbate+; er

heilte Kranke, die sich ihm eben anboten. Die Pharisäer nannten ihn

+deßwegen+ einen Sabbatschänder, und wollten ihn ermorden. War etwa

+Gottes+ eigenes +Beispiel+ noch kein gültiger Grund? Lag nicht die

+reinste+ und +erhabenste Idee+ des menschlichen Lebens darin? War es

nicht die +älteste+ und +höchste+ Vorschrift, Gutes zu thun wie Gott?

Mußte also der Sabbat hier nicht noch mehr zurückstehen, als bei der

Beschneidung?

Was wollten, was konnten die Feinde Jesu gegen diese Beweisführung

sagen? Sie verstummten, von ihrem Gewissen zwar unsichtbar, aber desto

unwiderstehlicher geschlagen. Um so nachdrücklicher wirkte dann ein

anderer Vertheidigungsgrund, vermöge welchem Jesus seiner Heilung einen

unbestreitbaren Vorzug vor der Beschneidung beilegte. Diese bezog

sich nur auf einen Theil des Menschen, und machte ihn auch nur in so

ferne und wegen dieses Zeichens fähig, an den Wohlthaten des Volkes

Gottes Theil zu nehmen; aber die Heilung am Sabbate stellte den ganzen

Menschen wieder her zum frohen Genusse der Rechte eines Kindes Gottes.

Welch’ ein Uebergewicht fällt bei dieser Vergleichung auf die Seite

unseres Herrn? Wie wollten seine Feinde jetzt den Schluß entkräften:

also durfte ich ohne Sünde am Sabbate heilen? Hätten sie nicht selbst

und laut diesen Schluß ziehen und die That Jesu loben sollen, wenn sie

aufrichtig vor Gott gewesen wären? +So aber fanden sie das an Jesus

todeswürdig, was sie sich selbst zum Verdienste vor Gott anrechneten!+

Wie voll tiefen Sinnes müssen uns jetzt die Worte sein: „+Urtheilet

nicht nach dem äußern Ansehen; sondern fället ein gerechtes Urtheil!+“

Wahrheitsliebend, rücksichtslos, unpartheiisch, rein von Eigenliebe,

frei von Vorurtheil, abgewandt vom Scheine, auf die Sache gerichtet

soll das Auge unseres Geistes sein, wenn wir Reden und Thaten Anderer

beurtheilen, besonders in religiöser Beziehung. Prüfen wir uns selbst,

und zwar genau! -- -- -- Oder wollen wir noch nach 18 Jahrhunderten

die Parabel vom Splitter und Balken in und an uns selbst wiederholen??

* * * * *

Lehrreich im hohen Grade ist es immer, so oft die Zeitgenossen unseres

Herrn über die Erwartung des +Messias+ ihre Meinung abgeben. Da zeigt

es sich recht klar, welchen schädlichen Einfluß die verkehrten Lehren

der Pharisäer auf die Auslegung der eben so einfachen als erhabenen

Weissagungen der Propheten hatten. Anstatt die auf den Messias Bezug

habenden Stellen zusammenzutragen, mit Sorgfalt, Umsicht und Ehrfurcht

zu vergleichen, und daraus das Bild des Sohnes David’s und seines

Reiches zu entwerfen, giengen sie mit +vorgefaßten Meinungen+ an dieses

wichtige Unternehmen, +und suchten diese aus der heiligen Schrift zu

bestätigen+. Schielende, halb wahre, auf selbst ersonnene Ansichten

sich stützende Schullehren, der damaligen unangenehmen politischen

Lage nachgebildete Ansichten, eitle Wünsche ihres verdorbenen Herzens

-- dieß waren die Grundlagen dessen, was sie vom Messias lehrten,

und mit Schriftstellen, wie mit Purpurlappen, umhängt, dem Volke als

einzige und ewige Wahrheit anpriesen und einprägten. Je sinnlicher,

dem Eigennutzen und Nationalstolze schmeichelnder diese Lehre war,

desto lieber hörte man sie, desto mehr Eingang in Kopf und Herz fand

sie, weil der eigene innere Zustand vollkommen damit harmonirte.

Unerträglich aber, irrig, ärgerlich und gefährlich schien die Art

und Weise, wie Johannes und Jesus die Lehre vom Messias behandelten.

Welch’ ein Gegenstoß zwischen Gott und den Menschen in ihren Ansichten!

Allein reine Wahrheit und gleißende Lüge können unmöglich anders sich

verhalten.

Wenn man nun Einwohner von Jerusalem, bei denen sich solche Vorurtheile

aus sehr begreiflichen Ursachen am meisten festsetzten, so sprechen

hört: „+Von diesem wissen wir, woher er ist; wenn aber Christus

kommt, weiß Niemand, woher er ist+;“ zu welchen Betrachtungen wird

man da nicht veranlasset? Wer erkennt nicht auf den ersten Blick das

menschliche Machwerk dieser Lehre? Wo hatten die Propheten so ins

Blaue hineingesprochen? Freilich gaben sie Fingerzeige auf eine mehr

als irdische Abkunft und Größe des Messias; aber nicht auf eine solche

vieldeutige Art. --

* * * * *

Simon, als er das Kind Jesus in seinen Armen hielt, hatte weissagend

gesprochen: „Dieser ist gesetzt zum Zeichen, dem widersprochen wird“

-- „damit die Gedanken vieler Herzen offenbar werden.“ Man vergleiche

mit diesen Worten des von Gott begeisterten Greisen die Erzählung des

Evangelisten: „Viele aus dem Volke glaubten an ihn, und sprachen:

Christus, wenn er kommt, kann er wohl mehr Zeichen thun, als dieser

gethan hat? Die Pharisäer hörten, daß das Volk dieses von ihm murmele;

da schickten die Pharisäer und Hohenpriester Gerichtsdiener ab, daß

sie ihn ergreifen sollten.“ War es möglich, den Widerspruch gegen

Jesus und gegen sich selbst weiter zu treiben? Ein Theil des Volkes,

welcher noch am Geiste nicht verkrüppelt und im Herzen von Heuchelei

nicht angesteckt war, verehrte in Jesus nicht nur den Propheten,

sondern den Messias selbst, +weil er mit göttlicher Lehre göttliche

Thaten verband+. Allein eben darin erkannten die Vorsteher und Führer

der Nation einen Grund, ihn zum Tode zu bringen, als Betrüger und

Volksverführer. Wer von beiden hatte nun den Balken im Auge? Die

Pharisäer konnten das Sonnenlicht der Wahrheit und Liebe, welches

von dem Sohne Gottes segenreich sich über Israel verbreitete, nicht

ertragen, weil es den düstern Kerzentag ihrer irdischen Weisheit

überstralte. Sie selbst glaubten die Sonne zu sein, um welche sich

Erde, Mond und Sterne in demüthiger Entfernung bewegen sollten. Neid,

Furcht und Erbitterung mußten daher den höchsten Grad erreichen, als

sie sahen und hörten, daß viele Menschen bereits anders dachten, und

den Zimmermannssohn über ihre alten, verordneten Lehrer erhoben. Wie

hätten sie sich da anders helfen können, als mit Gefangenschaft und Tod

des gefährlichen Mannes? Wenn er den Augen des Volkes entrissen ist,

dachten sie, wird er bald vergessen sein, und unser Ansehen wird sich

dann von neuem befestigen.

Als aber der Anschlag mißlang; als die Gerichtsdiener mit leeren

Händen zurückkamen; als sie sich mit der unwiderstehlichen Kraft der

Wahrheit, die von seinem Munde floß, entschuldigten; wie scheußlich

öffnete sich da der böse Schatz ihres tückischen Herzens? Was sprachen

sie aus der Fülle desselben? -- „+Habt auch ihr euch verführen lassen?

Glaubt auch Jemand von den Vorstehern oder von den Pharisäern an ihn?

Sondern dieser Pöbel da, der das Gesetz nicht kennt -- -- verflucht

sind sie!+“ -- Entsetzliche Worte! Eine solche Sprache führen die

+Richter+ Israels, da sie Lehren und Thaten eines göttlichen Mannes

nach Wahrheit unpartheiisch prüfen sollten?! Solche wilde Ausbrüche

der niedrigsten Leidenschaft erlauben sich die +Meister+ Israels,

die vor den Augen des Volkes als Muster der Einsicht, Frömmigkeit und

Heiligkeit glänzten und schimmerten?! Weil Jesus +ihren+ Ansichten,

+ihren+ Erwartungen, +ihren+ Wünschen nicht entsprach; weil er sein

Ansehen nicht von +ihnen+ borgte; weil er anders lehrte und handelte,

als +sie+ es wollten: so wird er nur geradezu für einen „+Verführer+“

erklärt, mochte auch das innigste Wahrheitsgefühl und der ganze Himmel

göttlicher Kräfte für ihn zeugen. Wer kann das Maaß des Stolzes und

der Herrschsucht bestimmen, welche aus der Anmaßung sprechen, daß das

Volk nicht anders glauben dürfe, als die „+Vorsteher+ und +Pharisäer+?“

Welch’ ein Gewissenszwang! Welch’ ein eisernes Joch! Nicht Wahrheit

der Lehre, nicht Göttlichkeit des Lebens und der Wunder, nicht

unwiderstehliche Ueberzeugungsfülle des Kopfes und Herzens redlicher

Menschen -- Nichts von allem -- +ihr Ansehen, ihr Wille, ihre Meinung+

entschied, obgleich +sie+ beinahe die leibhaftige Lüge selbst waren.

Wem schaudert nicht? -- --

Armes, unglückliches Volk! du mußt dir deine +Unwissenheit im Gesetze+

zum Vorwurfe machen lassen; und von wem? Von denen, welche sich deine

Hirten, Führer und Lehrer nannten; von denen, welche vor deinen Augen

und Ohren mit ihrer Schrift- und Schulgelehrtheit sich breit machten,

und dir von ihrer, wie sie behaupteten, reich besetzten Tafel geistiger

Gerichte so wenig zukommen ließen, als jener reiche Mann dem armen

Lazarus. Welch’ ein Grad von Bosheit und Heuchelei gehörte dazu, es dir

für ein Verbrechen anzurechnen, wenn du hungerig und durstig anderswo

Sättigung fandest -- und zwar „Brod aus dem Himmel“ und lebendiges

„Wasser“ -- bei Jesus von Nazareth?! Aber eben deßwegen trifft

dich der +Fluch+ deiner Lehrer und Vorsteher, weil du nicht länger

ihre unverdaulichen Speisen verschlingen oder gar darben wolltest.

Welche tiefe, herzzerreißende Wahrheit liegt in den Worten des

Evangelisten[15]: „Jesus ward innigst gerührt über sie; denn sie waren

verschmachtet und zerstreuet, wie Schaafe, die keinen Hirten haben!“

Nikodemus, der sonst so schüchtern war, konnte den empörenden Auftritt

nicht mehr aushalten; das lebendige Gefühl für Wahrheit und Recht,

welches ihn beseelte, gab ihm Muth, die hohe Versammlung auf ihre

übereilte Hitze und Partheilichkeit aufmerksam zu machen. Wahrlich

ein Licht am finstern Orte, dessen reiner Strahl für das Geistesauge

um so lieblicher und willkommener ist, je tiefer und stürmischer die

Nacht der Leidenschaften den Zuschauer umhüllt! Allein sein edler Sinn,

sein besonnenes Wort, seine schonende, kluge Warnung macht nur die

Verkehrtheit der Andern noch bemerklicher. Nicht nur richtete Nikodemus

nichts aus; er selbst wurde mit dem brandmarkenden Sektennamen des

„+Galiläers+“ belegt, und wie sie wähnten, widerlegt. Zuletzt schloß

sich die Scene, wie sie eröffnet worden war -- mit Scheingründen,

welche der bitterste Haß angab: „+Aus Galiläa ist noch kein Prophet

aufgestanden+“ -- also +wird+ keiner auferstehen; also +kann+ Jesus

kein Prophet sein! Eine Schlußart, die solcher Meister im Heucheln und

Verfolgen würdig ist!

War denn Jesus ein +geborner+ Galiläer? Hielt es gar so schwer, der

Wahrheit durch Nachfrage auf die Spur zu kommen? Oder ließ es die

schriftgelehrte Erbitterung und der beleidigte Stolz nicht zu? Auf

jeden Fall bleibt es merkwürdig, wie Gott auch diesen Umstand der

verkannten Geburt seines Sohnes zur Probe der reinen Wahrheitsliebe,

die nicht an Zeit und Ort hängt, machte, und zur Erreichung seines

göttlichen Planes benützte.

„Und ein Jeder gieng in sein Haus.“ Lassen wir uns dieses sein Symbol

geistiger Einkehr bei und in uns selbst sein, um über diese wichtigen

Vorfälle vor Gott nachzudenken -- +um unser selbst willen+!

XIV.

Die Pharisäer und die Ehebrecherin vor Jesus.[16]

Was der heilige Sänger von der Sonne mit frohem Jubel ausspricht:

„Sie stralt hervor, wie ein Bräutigam aus seinem Zimmer, und freudig,

wie ein Held, durchläuft sie ihre Bahn;“ dasselbe gilt in einem noch

viel höhern Sinne von Jesus, bei der rastlosen Vollendung seines

Erlösungswerkes. Jeden Morgen gieng er mit unerschöpfter Kraft,

mit nie zu ermüdender Beharrlichkeit, mit dem heitersten Eifer an

seinen Beruf, den Menschenkindern den „Willen seines Vaters bekannt

zu machen“ „und Gutes zu thun.“ So fand er sich auch an dem Tage

nach dem Laubhüttenfeste mit Tagesanbruch im Tempel ein; denn sehr

wahrscheinlich hielten sich noch viele Festpilgrimme zu Jerusalem auf,

und traten erst an diesem oder dem folgenden Tage ihre Rückreise an.

Diesen wollte er noch durch Lehren eine göttliche Wohlthat erweisen.

Sonst war es eben nicht seine Gewohnheit, lange in der Hauptstadt zu

verweilen.

Die Pharisäer Ein Beitrag zum leichern Verstehen der Evangelien und zur Selbstprüfung · 第 5 / 11 段