Jetzt noch einen Blick auf die Jünger! Was wird sich in den biedern,

für einfache, zwanglose Frömmigkeit und Wahrheit vielfach empfänglichen

Herzen geregt haben, als sich ihr Meister ihrer so annahm? Welche neue

Gedanken werden aufgestiegen seyn? Welche Freude werden sie empfunden

haben, daß Jesus ihnen kein so schweres Joch auflegte? Welcher Redliche

freuet sich nicht mit ihnen?

* * * * *

Der wirklich glänzende Sieg, welchen Jesus über die Pharisäer davon

getragen hatte, verschaffte ihm von ihrer Seite so wenig Ruhe, daß sie

ihn vielmehr rachsüchtiger verfolgten, als vorher. Ist dieß nicht das

Schicksal des Gerechten, so oft er den schweren Kampf gegen Bosheit

wagt? Läßt sich nicht natürlich noch Schlimmeres von der Heuchelei, als

von einfacher, offener Verkehrtheit des Herzens erwarten? Je weniger

die Pharisäer in sich selbst hineinsehen wollten, desto sorgfältiger

belauschten sie Andere, besonders den ihrem Ansehen so gefährlichen

Jesus. Sie rechneten sich dieses Spionenwesen sogar zum Verdienste vor

Gott an; denn sie sorgten ja dadurch für Erhaltung und Beförderung der

Ehre Gottes -- wenigstens vor den Augen der Menschen. Daher umspannen

sie Jesus überall mit den Netzen ihres Argwohnes; nirgends aber

lauerten sie sorgfältiger, als im Tempel, und in den Synagogen. Sehr

begreiflich; denn dieß waren die eigentlichen Tummelplätze ihres faden

gelehrten Krames und ihres prahlerischen Gottesdienstes.

Dießmal gab ein +Mann mit einer lahmen Hand+ Anlaß zu einem

merkwürdigen Vorfalle. Es war +Sabbat+; die Synagoge hatte sich gefüllt

mit Menschen; vermuthlich auch darum, weil man wußte, daß Jesus komme.

Der Lahmhändige stellte sich so hin, daß Jedermann sehen konnte, er

suche Hülfe bei Jesus. Auf den Gesichtern der Pharisäer drückte sich

der fromme Unwillen aus, den sie schon bei dem Gedanken empfanden, daß

der Festtag durch die Heilung dieses Mannes entweihet werden könnte.

Wirklich zeigte sich Jesus geneigt. Um aber die Falschheit ihrer Lehre

und die Verkehrtheit ihres Willens selbst dem gemeinen Manne lebhaft

genug vor die Augen zu stellen, fragte er sie zuvor öffentlich: +Ob

es erlaubt sei, am Sabbate Gutes oder Böses zu thun?+ -- Was sollten

sie thun? Ihm erlauben, dem Unglücklichen eine Wohlthat zu erweisen?

Dieß gestattete weder ihr System noch ihr liebloses Herz. Sagen, er

sollte Böses thun? Dieß durften sie um des Volkes willen nicht. --

„+Sie schwiegen+,“ und warteten den Erfolg ab, um daraus Stoff für

ihre religiöse Rachsucht zu sammeln. -- „+Sie schwiegen+,“ damit die

geheime Bosheit ihres Herzens nicht öffentlich bekannt würde. --

„+Sie schwiegen+“ -- wie tief läßt uns dieß in die heillose Kunst und

Gewandtheit der Heuchelei blicken, die so reich an Ausflüchten und

Schleichwegen ist, auf welchen sie bei aller Scheinheiligkeit die

niederträchtigsten Ränke schmiedet!!

„+Jesus aber sah sie alle umher an mit Unwillen.+“ Der göttliche

Erlöser zürnt; er fühlt bittern Schmerz über die Verblendung ihres

Herzens, mit welcher sie die Augen vor den eindringenden Lichtstrahlen

der Wahrheit gewaltsam schlossen. Wie ganz anders zürnten die

Pharisäer!

Unser Herr ließ sich nicht irre machen; er heilte die Hand, entheiligte

den Sabbat nach dem Urtheilsspruche der Pharisäer, und heiligte ihn

nach dem Sinne und Willen seines Vaters. Wie lehrreich für alle

Jahrhunderte!!!

* * * * *

„+Mein Vater wirket bis jetzt, und so wirke auch ich.+“ Mit diesen

Worten zeigt uns Jesus die sogenannten Sabbatschändungen von einer

neuen Seite. Er deutet damit auf das ganz eigenthümliche Verhältniß

hin, in welchem er, als +Sohn+, mit dem +Vater+ steht, und leitet

daraus das Recht ab, am Sabbate Gutes zu thun. +Gott+ entweihet den

Sabbat nicht dadurch, daß er für das Wohl der Menschen thätig und

wirksam ist; eben so wenig kann man es seinem Sohne verargen, wenn er

dem erhabenen Beispiele des Vaters folgt. Wahrlich! eine gründlichere

und Gottes würdigere Schutzrede für die +Heilung des 38jährigen Kranken

am Sabbate+ läßt sich gar nicht denken. Die Feinde Jesu wollten sie mit

+Steinwürfen+ beantworten -- das gewöhnliche Werkzeug des Beweisens

für beschämte und besiegte Heuchler. Welche Herzen mußten das sein,

die eine solche göttliche Sprache nicht verstunden; von solchen Thaten

nicht gerührt wurden? Eine solche widrige Erscheinung war nur bei

Menschen möglich, welchen +Ehre bei Menschen+, die glänzte und in die

Augen fiel, mehr galt, als +die Ehre bei dem unsichtbaren Gotte+;

welche sich zum Beweise ihrer Rechtglaubigkeit auf +Moses Ansehen+ und

+Schriften+ beriefen, während sie im Leben seine +Lehre+ und seinen

+Geist+ verleugneten; welche der Weissagung Moses vom Messias +nicht

glaubten+, weil sie ihrem +Interesse+ widersprach. War es für solche

Menschen nicht noch eine Ehre, wenn man sie +Heuchler+ nannte? nicht

umsonst bezeugte Jesus, daß es seinen Gegnern an +Wahrheitssinn+ fehle,

daß das +Wort Gottes+ und die +Liebe Gottes+ nicht in ihren Herzen

+wohne+ -- --

Die Lehre, daß Religion nicht +bloße+ Aeußerlichkeit der Gebräuche,

daß +Menschenliebe+ ihre schönste Krone sei, daß +Gott selbst+ sich

als +Muster+ dafür aufstelle -- diese Lehre war lebensgefährlich für

unsern Herrn; wird dieß jetzt weniger der Fall sein, wenn Jemand mit

diesem Ernste diesen Geist gegen manchen Buchstaben geltend machen, und

das, was Jesus vom Sohne Gottes sagt, verhältnißmäßig auf Gottes Kinder

anwenden wollte? Ist wirklich der Pharisäismus so ganz aus unsern

Herzen gewichen? --

X.

Jesus, Simon, der Pharisäer, und die Sünderin.[11]

Schon damals scheinen Einladungen zu Mahlzeiten nicht immer Beweise

vertrauter Freundschaft, sondern öfter auch Complimente und Hofsitte

schlauer Füchse gewesen zu sein. Wer wundert sich nicht? Jesus wurde

von dem Pharisäer Simon zur Tafel geladen. Doch wohl ein Beweis, daß

er den Propheten zu schätzen wußte! So mochte, so sollte es vielleicht

+scheinen+; allein es +war+ nicht so. Das +Betragen+ Simon’s ist Bürge

dafür, daß die Einladung nur geschah, entweder um den seltsamen Lehrer

auch ein Mal in der Nähe zu sehen, oder damit manche Verehrer Jesu gut

von Simon denken möchten u. s. w. Das, was die Leute sahen und hörten

-- die Einladung; und das, was im Verborgenen des Hauses vorgieng --

die Behandlung des Gastes; welch’ ein Contrast! Aber unstreitig ächt

pharisäisch.

Aber nun erst der Hauptauftritt! die +Sünderin+ tritt in das

Speisezimmer, nähert sich Jesus, weint Thränen einer reuevollen,

dankbaren Liebe, küßt und salbt die Füße ihres Erretters vom ewigen

Tode. Kalter Schauder überläuft die fromme Haut des +reinen Pharisäers+

bei diesem Anblick. „Wenn dieser ein Prophet wäre, so würde er wissen,

wer und was für ein Weib es ist, welche ihn anrühret“ -- so spricht

er im Herzen sein Gewissenrichterisches Urtheil. Allemal glaubt der

Heuchler, in dem Innern Anderer richtig zu lesen, was sein verkehrter

Sinn ihm eingiebt. Er ist immer auf Reinerhaltung der Ehre und des

Gewissens seiner Nebenmenschen bedacht, und vergißt darüber sich

selbst. Der Sohn Gottes las richtiger im Herzen Simon’s, und gab ihm

davon einen Beweis, der ihn auf ernste und heilsame Gedanken hätte

führen können, wenn er nicht von Selbstsucht zu sehr verblendet gewesen

wäre. Widerlegte Jesus nicht recht gründlich und schonend zugleich

durch die +That+ den Zweifel Simon’s an seiner Prophetenwürde?

Es läßt sich gar nicht sagen, wie viel Zurückstossendes, zarte

Herzen Empörendes in der Gesinnung des Pharisäers gegen Jesus und

gegen die Sünderin liegt. Ganz versenkt in die Vorstellung seiner

+gesetzlichen+ Heiligkeit; trunken von Freude über seine Sittenreinheit

+vor den Augen der Menschen+ blickt er Jesus und die Sünderin mit

verachtendem Widerwillen und Eckel an. Es wäre wirklich lehrreich

für den Menschenkenner, Stirne, Augen, Mund und Gebehrden des treuen

Sklaven eines heilig sein sollenden Buchstabens zu sehen. Aber kaum

würde er seinen Unwillen unterdrücken können beim Anblicke der

grinsenden Lieblosigkeit des aufgeblasenen Heuchlers, der gefühllosen

Härte des unbekannten Sünders, des undankbaren Herzens gegen seinen

wohlthätigen Schöpfer. Aus dieser bittern Quelle floß die geläufige

Sophistik, welche blitzschnell beweisen konnte, daß +Jesus kein

Prophet+ sei, +weil+ er sich von einem +solchen+ Weibe berühren ließ.

Das Verdammungsurtheil war +systematisch+ und +rabbinisch+ vollkommen

consequent; also +mußte+ es wahr sein, +so sehr es auch allem Geiste

der Lehren und Thaten Gottes widersprach+.

Zwischen der Sünderin und dem scheinheiligen Simon befand sich der

+göttliche Mittler+. Konnte er gleichgültig oder auch nur geduldig die

schonungslose Verachtung ansehen, mit welcher die bessere Sünderin

von dem schlechtern Frömmler behandelt wurde? Unmöglich! Er müßte die

verlornen Schaafe Israels weniger geliebt haben, wenn er geschwiegen

hätte. Aber er machte die Rüge dadurch ausserordentlich eindringend

und scharf, daß er durch eine treffliche Parabel den sich weise

dünkenden Simon zuerst dahin brachte, über sich selbst das Urtheil zu

fällen, und dann die aufrichtige Reue, die flammende Gottesliebe, den

unbegränzten Dank, das felsenfeste Vertrauen der berüchtigten Sünderin

+verglich+ mit der eingebildeten Heiligkeit des kleinen Schuldners,

der aber so wenig als die große Schuldnerin bezahlen konnte; mit der

starrenden Kälte des frommen Stolzes gegen den Allerbarmer; mit der

unhöflichen Aufnahme des hohen Gastes; mit dem mißtrauischen Sinne des

selbstgerechten Gottesgelehrten, der nur auf sich bauete.

Je länger man dieses herrliche Sittengemälde betrachtet, desto

mehr gewinnt es an Bedeutung und Anwendbarkeit für Kopf und Herz.

Durchsuchen wir doch die geheimsten Gänge und Falten unseres Busens,

schütteln wir ihn ganz aus! Denn wir haben einen Herrn und Richter,

der alle stolzen Ansprüche selbstgerechter Heiligkeit kräftig

niederschlägt, der äußere Frömmigkeit ohne innere in ihrer ganzen

Nacktheit darstellt, der die Liebe nach Thaten wäget, nicht nach Worten

und Gefühlen, der auf ein gebessertes, reines Leben mehr hält als auf

schulgerechte Lehrformen u. s. w.

XI.

Heilung eines Besessenen, der blind und stumm war. Urtheil der

Pharisäer. Antwort Jesu.[12]

Mit einem Worte seiner Allmacht hob Jesus ein dreifaches Uebel

vollkommen. Konnte er eine That verrichten, die seine Sendung von

Gott stärker bewies? +Auf die Herzen des Volkes+ machte sie auch

wirklich einen solchen Eindruck. Verwunderung, Staunen, heiliger

Schauer ergriff die Zuschauer, sie fühlten die Nähe Gottes, weil sie

unbefangen und geradsinnig die That ansahen, und gar wohl begriffen,

daß etwas geschah, was kein Mensch so zu thun vermochte. So stieg dann

in ihren unverdorbenen Herzen der Gedanke auf: „Sollte dieser nicht der

Messias sein?“ Richtig zog ihr gesunder Verstand den Schluß, daß dem,

der Macht hat, solche Dinge zu thun, wohl auch die Rettung der Nation

für Zeit und Ewigkeit nicht unmöglich sei. Das Wunder führte also die

+unpartheiischen+ Menschen dahin, wo Jesus sie haben wollte -- an die

enge Pforte des Glaubens an ihn, als den Sohn David’s und Gottes.

Noch jetzt wird man lebhaft ergriffen, wenn man sich diese wahrhaft

beseligende Scene vergegenwärtiget; welche Wirkung muß sie erst an

Ort und Stelle hervorgebracht haben! Wer konnte ungerührt bleiben?

Niemand blieb es -- als +die Pharisäer und Schriftgelehrten, welche

von Jerusalem gekommen waren+. Ist es möglich? Sollten +sie+ bei ihrer

gelehrten Bildung nicht früher und besser als das Volk, die göttliche

That bemerkt und bewundert haben? Nicht nur dieses nicht, sondern noch

unglaublich mehr. Sie fällten über dieses offenbare und allgemein dafür

anerkannte Wunder ein Urtheil, welches an ruchlosem Unsinne kaum seines

Gleichen in der Geschichte findet. „+Jesus+“, sagten sie, „+treibt

die Teufel anders nicht aus, als durch Beelzebub, den Obersten der

Teufel+.“ Damit glaubten sie das dumme Volk eines Bessern zu belehren,

das Erstaunen über die göttliche Heilung niederzuschlagen, den Glauben

an Jesus im Keime zu ersticken, und seiner Lehre vorsichtig und

wohlweise den Weg zu versperren. Und der Beweis für diese sinnlose,

empörende Wundererklärung? Sie hatten keinen andern, als +ihr Ansehen+,

von dessen Allgewalt sie mächtigere Wirkungen sich versprochen,

als von Gottes Wort und That. Ihnen sollte das Volk ohne Beweis und

Siegel glauben; bei Jesus sollte Gottes Siegel ungültig sein -- +eben

weil es Jesus war+, der verhaßte Neuerer, der fluchwürdige sogenannte

Prophet, der sie um ihren Kredit beim Volke, um ihre Bequemlichkeit im

Sorgenstuhle des religiösen Ceremonielles, um den Ruhm der Schrift- und

Satzungsgelehrtheit, um ihr selbstgeschaffenes Ideal vom Sohne David’s

und von seinem Reiche -- um alle geliebten Scheindinge zu bringen

drohte. Ein solcher Mensch +konnte+ nichts Gutes thun, weil er es

nicht thun +sollte+, und nach +ihrem+ Sinne nicht thun +wollte+. Eher

mußte der +Teufel+ ihm zur Seite stehen, als Gott, so entschieden auch

Letzteres war. Bei Jedem aus ihrer Kaste hätten sie Jehova gepriesen

für den Sieg über den Satan; nur bei Jesus nehmen sie zum Wahnsinne

Zuflucht, +weil sie von Leidenschaft gegen ihn an Kopf und Herz

gefesselt waren+.

Allein diese giftige Schlange verbargen sie tief im Busen; überfüllt

von ihrem Geifer im Innersten, färbten sie den Ausbruch desselben

mit religiöser Schminke. Daher sollte die wüthendste Lästerung für

Beförderung der Ehre Gottes, die ungemessenste Verfolgungssucht

für Bewachung des Seelenheiles der Israeliten, die unersättlichste

Rachsucht für gerechten Unwillen angesehen werden, weil sie von

+Jerusalem, der Stadt Gottes+, gekommen waren.

Unser Herr breitet sich nicht leicht über eine Sache aus; aber dießmal

that er es mit aller Kraft seiner himmlischen Beredsamkeit. Er wollte

unstreitig die Scheußlichkeit und Strafbarkeit dieser Art von Heuchelei

ins hellste Licht setzen, um die Menschen -- seine bis in den Tod

geliebten Brüder -- dringend zu warnen. Zuerst zeigt er das Ungereimte,

Widersprechende in ihrer Behauptung, also das innerlich Unmögliche.

Dann widerlegt er sie durch die Werke ihrer eigenen Kinder, und durch

den wahren Begriff vom Reiche Gottes, als Gegensatz der Herrschaft

des Satans. Hierauf macht er auf das äußerlich Unmögliche der Sache

in einer Parabel aufmerksam. Endlich stellt er sich selbst geradezu

als Gegner des Satans auf, und erklärt feierlich, daß man zu Einer von

beiden Partheien sich schlagen müsse -- zu Gott oder zum Satan. Dabei

unterscheidet er genau sein +damaliges+, leicht verkennbares Verhältniß

zu Gott, und vergiebt es daher gerne, wenn man +ihn+ lästert; aber

unverzeihlich für Zeit und Ewigkeit nennt er es, wenn man die +Werke+

des +Geistes Gottes+, der in ihm wirkt, dem +Teufel+ zuschrieb,

+bloß um nicht an Jesus glauben zu dürfen+. Solche Menschen findet er

unheilbar und unverbesserlich, so fromm sie scheinen mochten. Endlich

deckt er das Brandmal ihres Herzens auf, aus dem nichts Gutes kommen

konnte. Er weiset nach, daß ihre gleißenden Worte nur Ausgeburten der

alten Schlange seien. Sogar auf das furchtbare Gericht Gottes lenket er

den Blick hin, um die zu schrecken, welche er nicht rühren konnte.

Wären die Pharisäer noch einer Besserung fähig gewesen; hätten sie

sich nicht verkriechen müßen vor Reue und Scham über die höhnische,

absprechende, scheinbar warnende und wohlmeinende Gebehrde und Sprache,

mit der sie Jesus verläumdet hatten? Welche Gründe der Wahrheit, welche

Thatsachen stritten für ihn! Was mußte ein redlicher Zuhörer denken?

Was sollen +wir+ dabei denken, daraus lernen?? --

XII.

Ueber die Lehre von den gesetzlichen Reinigungen.[13]

„+Warum übertreten deine Jünger die Erblehre der Alten? Denn sie

waschen die Hände nicht, wenn sie das Brod essen.+“ -- So stellten die

Pharisäer unsern Herrn zur Rede, und forderten ihn zur Verantwortung

auf. Sie thaten es um so dreister und zudringlicher, weil sie von dem

Hauptsitze der Religion und Gottesgelehrtheit -- von Jerusalem gekommen

waren, um das Treiben des Nazareners in Galiläa mit eigenen hohen

Augen wahrzunehmen, und bei guter Gelegenheit ihm zu Leibe zu gehen.

Ueberhaupt mußte es diesen argwöhnischen und eifersüchtigen Rabbinen

schon verdächtig vorkommen, daß Jesus, als vorgeblicher Verbesserer

der Religion, das Licht der hierosolymitanischen Wahrheit und die

scharfen Blicke des Synedriums zu scheuen und sich und sein Unwesen in

dem fernen Galiläa zu verbergen schien. Ueberdieß waren die Galiläer

in Jerusalem als unwissende Menschen in Betreff der Religion verachtet

und vernachläßiget; die Leviten und Gesetzgelehrten gaben sich nur

keine Mühe, sie besser zu unterrichten; um so bedenklicher mußten die

Herren an der Tempelschule es finden, daß der neue Lehrer sich um

„die verlornen und verlassenen Schaafe Israels“ annahm; da konnten

seine gefährlichen Grundsätze im Volkstone vorgetragen den raschesten

Fortgang machen. So selten daher die Pharisäer Galiläa mit ihren

Besuchen beehrten, so begierig ergriffen sie jetzt diese Gelegenheit,

ihre väterliche Sorgfalt für die Erhaltung der reinen Lehre in Galiläa

mit allem Nachdrucke zu bethätigen.

Wenn man nicht unbemerkt von dem Gedanken beschlichen wird, Jesus habe

als Sohn Gottes, ein Privilegium gehabt, sich über religiöse Gebräuche

seines Volkes wegzusetzen, da er sie doch als Israelite beobachten

sollte: so kann es nicht anders als sehr auffallend sein, daß er in

manchen Fällen stracks und geflissentlich das Gegentheil von dem that,

was die Pharisäer als gesetzliche Vorschrift lehrten und übten. Da er

in andern Fällen so nachgiebig und schonend war, u. z. B. den geheilten

Aussätzigen zu den Priestern sandte, die Tempelsteuer bezahlte, das

Fest der Tempelweihe besuchte: so kann man mit Recht fragen: +Warum

war er gerade gegen die Erblehre der Alten so eingenommen?+ Sollte

der Grund nicht darin liegen, +weil sie der Heuchelei Thür und Thor

öffnete+?

Es gehört mit zu dem Verderben von Adam’s Söhnen, daß sie sich mit

dem +Worte Gottes+ selten begnügen, sondern von jeher diesen alten,

milden Wein mit ihrem neuen, rauhen Säuerling genießbarer zu machen

glaubten, und sich nicht wenig darauf einbildeten. An diesem Erbübel

litten auch die Pharisäer. +Moses+ Gesetz war ihrem Kleinigkeitsgeiste

nicht scharf genug in seinen Bestimmungen; +David’s+ Psalmen fand ihr

an Glauben und Liebe armes Herz zu kurz und zu trocken; die +Propheten+

-- -- -- kurz, +Gottes Geist+ hatte sich nicht deutlich, nicht breit,

nicht ängstlich genug ausgesprochen; die +Rabbi+ späterer Jahrhunderte

sahen ernst die Punkte auf dem Jota und alle Beistrichgen recht genau,

gaben Alles haarklein an, entschieden mit frommem Scharfsinne alle

+möglichen+ Fälle, zogen einen Zaun um das Gesetz Gottes, daß man

von demselben nichts mehr sah, sondern den Zaun für das Hauptgebäude

beinahe ansehen mußte. Allein +Moses+, +David’s+, +Jesaias+ Geist

wehte nicht in den Lehren der Alten; die +wahre, innige, herzliche,

lebendige, thatenreiche Frömmigkeit gewann nicht nur nichts, sie verlor

alles+. Darum trat Jesus diese Satzungen der Alten kühn mit Füßen.

Zur unwiderleglichen Rechtfertigung solcher Schritte gaben die

Pharisäer unserm Herrn die Mittel selbst an die Hand. Noch immer

ließen sie die heilige Schrift als Gottes Wort gelten, bezeugten

mit schönen Reden die tiefste Verehrung, obwohl sie in der That sie

aus ihrem Lehrgebäude verdrängten. Um so kräftiger zeugten dann die

Männer Gottes gegen sie, daß sie verstummen mußten; Dießmal war es

wieder +Jesaias+, den Jesus anführte, um die Rüge seiner Feinde zu

Schanden zu machen. Durch diesen geistreichen Seher eiferte Jehova

gegen Lippendienst, an dem das Herz keinen Theil nahm; er tadelte es

scharf, daß +sein+ Wort und +sein+ Gesetz durch +Menschenlehren+ und

+Menschensatzungen+ verdrängt wurde. Darum verwarf auch Gott die hohle,

leere, eitle Frömmigkeit Israels; denn sie war Heuchelei. Waren die

Pharisäer nicht in demselben Falle? „Es ist +Korban+!“ Dieses heilige

Zauberwort setzte an die Stelle liebevollen dankbarer Elternpflege +ein

für die Priester und Leviten einträgliches Opfer+. Gott hatte also

Unrecht, wenn er +Liebe+ forderte und nicht Opfer; Gott hatte Unrecht,

wenn er ein +reines Herz+ verlangte, +und nicht bloß gewaschene Hände,

Schüsseln+ und +Stühle+ u. s. w. Dieß sagten freilich die Pharisäer

nicht mit dürren Worten; wie hätten sie es wagen dürfen? Aber auf fein

ersonnenen Umwegen gelangten sie zu demselben Resultate. Sie priesen

den Werth der Opfer; schilderten die Pracht und Freude der heiligen

Gebräuche; strichen die göttliche Einsetzung derselben heraus; rühmten

den Eifer und die Weisheit der Alten in diesen Dingen; schärften den

Buchstaben der Reinigungsgesetze ein -- schwiegen dagegen, oder

sprachen doch wenig und schwach von Glauben, Liebe, Treue, Redlichkeit,

Barmherzigkeit, Keuschheit, Versöhnlichkeit, Wohlthätigkeit,

Uneigennützigkeit &c.; und was blieb? +Eine schöne Larve ohne Kopf und

Geist!+

Wir versetzen uns viel zu selten recht lebendig in die +Zeit+ und

+Lage+ unseres Herrn, um es tief und ganz zu fühlen, wie erhaben über

Vorurtheile, wie rein von Zusätzen, wie neu und unerhört das Evangelium

damals war. Darum verliert so mancher Ausspruch sein Anziehendes;

es fehlt ihm an Klarheit und Bedeutsamkeit; man weiß ihn nicht zu

brauchen. Wie ganz anders wird dieses Alles bei Zeit gemäßer Ansicht!

Wer erkennt dieß nicht bei dem Schritte, den Jesus eben jetzt that,

indem „+er das Volk zusammenrief+“ und ihm +seine+ Lehre von Rein

und Unrein im grellsten Gegensatze gegen die Lehre der Pharisäer

vortrug. Dabei fordert er zum richtigen Verstehen derselben nichts, als

unbefangene Anwendung von Aufmerksamkeit und gewöhnlicher Einsicht.

„Höret und denket nach! -- Wer Ohren hat, zu hören, der höre!“ Dieß

ist alles, was er verlangt; es war aber auch nicht mehr nothwendig, um

die Wahrheit und Milde seiner Lehre zu erkennen, und das abergläubisch

Abgeschmackte und läppisch Uebertriebene der Schriftgelehrten

zu finden. Freilich mochte es vielen an offenem, ungebundenem,

reinem Sinne für diese schöne Lehre fehlen, und dann konnte sie den

heuchlerischen Geist nicht austreiben. Doch ganz fruchtlos blieb gewiß

auch dieser Versuch unseres Herrn nicht.

Wundern wird man sich eben auch nicht, daß dieses Verfahren unseres

Herrn sowohl als seine Grundsätze den Pharisäern ärgerlich, empörend

und gottlos vorkam. Hieß das nicht ihr Ansehen beim Volke zernichten,

wenn Jeder selbst entscheiden sollte? Drohte nicht ihrem Lehramte

mit dieser Anrede an das Volk der Untergang? Stund nicht ihr ganzes

System in der dringendsten Gefahr, wenn diese neue Lehre Eingang fand?

Wer war Pharisäer, und mußte nicht so denken? Sie gaben es auch laut

genug zu verstehen, wie entsetzlich anstößig ihnen die Begriffe Jesu

über Rein und Unrein seien; +nur wußten sie nichts Gründliches dagegen

beizubringen+, und zogen deßwegen voll Unwillen ab, den sie mit frommem

Abscheu artig zu maskieren wußten.

Die Pharisäer Ein Beitrag zum leichern Verstehen der Evangelien und zur Selbstprüfung · 第 4 / 11 段