„+Heuchler, ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge!+“ Wer unter den

Christen kennt diese Stelle nicht? Wer führt sie nicht an mit Beziehung

auf Diesen und Jenen? Würde aber die Frage aufgeworfen: +Warum+ hat

Jesus die Pharisäer und Splitterrichter seiner Zeit +Heuchler+ genannt?

Wie Mancher würde verstummen? Und doch giebt gerade diese Stelle großen

Aufschluß über das +Wesen+ der Heuchelei, und über ihren +ausgedehnten

Wirkungskreis+. Den Hang, seine eigenen großen Fehler zu übersehen,

und fremde kleinere Versehen schonungslos zu tadeln; die tückische

Wendung, seine Gebrechen durch scharfsichtige Rüge der Schwachheiten

Anderer zu decken; die niedrige Kunst, auf Kosten des Nächsten als

Vorbild der Tugend zu glänzen, würden wir mit ganz andern Namen

belegen, als unser Herr, der dieses Alles mit Einem Worte +Heuchelei+

nennt. Wie treffend! um tugendhaft, um fromm zu scheinen, wenn sie es

schon nicht waren, tadelten die Pharisäer Alle, die nicht Ihresgleichen

waren, mit liebloser Strenge; sie sprachen gerne Verdammungsurtheile

aus, mit denen sie tiefe Einsicht in die Religion an den Tag legen

wollten; sie verwarfen Andere um ihrer Meinungen und Lehren willen

u. s. w. -- --

* * * * *

Hatte Jesus Unrecht, wenn er vor solchen Leuten warnte, als „+vor

falschen Propheten+?“ Freilich gab er ein Kennzeichen an, welches nur

der Geist Gottes mit solcher Bestimmtheit aufstellen konnte. „An ihren

Früchten sollt ihr sie erkennen!“ Wenn ein offenherziger Zuhörer diese

vielsagenden Worte auffaßte, und den Maaßstab Jesu an eine solche

heilige Figur genauer anlegte; mußte er nicht oft zu seinem nicht

geringen Befremden eher einen verwundenden Dorn, als eine erquickende

Traube, eher eine geschmacklose, als eine milde Feige an manchem

Meister in Israel finden? Zum größten Aerger reichte der Schaafpelz --

die rabbinische Amtstracht -- nicht hin, die Wolfsgestalt zu bedecken.

--

* * * * *

Auf nichts waren die Pharisäer so eifersüchtig, als auf den Vorzug,

viele Schüler zu haben, und von ihnen recht tief, recht demüthig, recht

sklavisch verehrt zu werden. Ein Hauptpunkt dabei war die ängstlichste

und unverbrüchlichste Anhänglichkeit an Worte, Buchstaben und Jota

ihrer Satzungen und Erblehren. Als zweite, höchst wichtige Vorschrift

galt äußerliche Gesetzlichkeit, pünktliches Ceremoniell, wobei eben

für innere Heiligung nicht die strengsten Forderungen gemacht wurden.

Kann man sich eine bessere Schule der Heuchelei denken? Giebt es einen

kürzeren Weg, nach Grundsätzen junge Gleißner zu bilden?

„+Nicht Jeder, der sagt: Herr! Herr! wird in das Reich Gottes eingehen;

sondern der den Willen meines Vaters im Himmel thut.+“ Welch’ eine

ganz andere Sprache! Jesus stellte den +heiligen Willen Gottes+ als

erste Vorschrift für seine Jünger auf; +Ehrfurcht+, +Gehorsam+, +Liebe+

gegen den Vater im Himmel machte er zur unerläßlichen Bedingung der

Aufnahme. Wer sich dazu nicht verstehen wollte, der konnte ihn mit

allen Ehrentiteln und Bücklingen, mit dem täuschendsten Scheine, mit

dem ausgesonnensten Schönthun, mit dem schnellfüßigsten Diensteifer

gegen seine Person nicht bestechen; er wurde weggewiesen aus seiner

Schule, d. i. aus dem Reiche Gottes. -- +Ob Jesus wohl seine Gesinnung

seit seiner Himmelfahrt geändert hat?!+ -- -- --

VII.

Die Heilung des Schlagflüßigen.[8]

Gewöhnlich leihet man der eifersüchtigen Liebe Argusaugen und

Adlersblicke; aber der Heuchelei fehlen sie auch nicht. Der Unterschied

ist nur der, daß die Liebe den geraden Weg zur Selbsttäuschung wandelt,

die Heuchelei aber etwas Anderes thut, und etwas Anderes will. Wie oft

eifert sie für Gott, Religion und Tugend, während sie +innerlich+ nur

von +Abneigung+, wohl gar von +Haß gegen eine gewisse Person, oder

gegen ihre Meinungen+ getrieben wird! Jesus war noch gar nicht lange

als Lehrer und göttlicher Gesandter aufgetreten, als es die Pharisäer

und Schriftgelehrten schon für nöthig fanden, „aus allen Ortschaften

von Galiläa und Judäa, und von Jerusalem zusammenzukommen“, um seine

Lehren und Thaten in der Nähe zu beobachten. Die neuen, mit den ihrigen

so sehr contrastirenden Lehren des von ihnen nicht begutachteten

Propheten beunruhigten sie ausserordentlich. Allein diese Unruhe, so

wie der Neid über den schnell und allgemein wachsenden Beifall des

Nazareners, wußten sie künstlich genug unter frömmelnder Gebehrde zu

verstecken, daß wohl Mancher sie noch gelobt haben mag wegen ihres

Eifers, mit welchem die treuen Hirten Israels über der Religion der

Väter hielten, und sich keine Mühe zu groß, keine Reise zu weit sein

liessen, um gefährlichen Lehren heilsam den Weg zu versperren. --

So finden wir sie jetzt beisammen in dem Hofraume eines Hauses zu

Kapernaum, wo sich Jesus, wenn er nicht umherzog, gewöhnlich aufhielt.

In der Mitte ist Jesus; um ihn her bilden die Pharisäer einen Kreis,

mit Ansehen den ersten Platz behauptend; hinter ihnen das Volk in dicht

gedrängter Masse. Jesus lehrt; sie horchen und lauern auf jedes Wort.

Umsonst; er spricht lautere Wahrheit. Geheimer Verdruß beschlich schon

die Herzen, daß Zeit und Mühe dießmal verloren sei. Doch unerwartet

ereignet sich Etwas, wodurch die Hoffnung, ihm beizukommen, wieder

belebt wird. Ein Schlagflüßiger wird unter sonderbaren Umständen unserm

Herrn zu Füßen gelegt: „da er ihren +Glauben+ sah +sprach er+: +Mensch,

dir sind deine Sünden vergeben!+“ -- -- Gott sei gedankt! Jetzt wird

den Herren leichter um das Herz; sie haben -- +eine Gotteslästerung+

(!?) gehört. Das Innere geräth bereits in Aufruhr, d. h. in gerechten,

heiligen Eifer; Rachegedanken durchkreuzen sich wie Blitze in der

geistigen Nacht der Heuchelei; Alles drohet nahen Ausbruch -- -- als

Jesus ihre Bosheit in ihren Herzen las, sie ans Licht zog, und mit

einer +wundervollen That beschämte+. Zur Vollendung ihrer Niederlage

brach das Volk in laute Lobpreisung Gottes aus, und in Erstaunen über

die hohe Macht unseres Herrn. Heiliger Schauer hatte Alle durchdrungen;

verbissene Wuth kochte in den Pharisäern -- bei +einem und demselben

Werke Gottes+. Läßt sich Wahrheitssinn und Herzenseinfalt, dem

Vorurtheile und der Tücke gegenüber, lebendiger malen? --

VIII.

Die Berufung des Matthäus; Beantwortung von zwei Fragen.[9]

Vom Standpunckte göttlicher Wahrheit und Liebe, und darum so rein,

frei und milde beurtheilte und behandelte Jesus die Menschen und ihre

Verhältnisse. Kein Wunder, daß er mit den einseitigen, herzlosen,

selbstsüchtigen Maximen der Pharisäer und Schriftgelehrten so oft

in Gegenstoß kam. Eitler Stolz auf die Vorrechte des Volkes Gottes

hatte sie vermocht, die +Zolleinnehmer+ ihrer Tage für +öffentliche

Sünder+ zu erklären, und so eine Art Bann über sie auszusprechen, weil

sie von den Römern, als Heiden und Feinden der Nation, ihre Stellen

pachteten. Niedriger Eigennutz von Seite vieler Zöllner verschaffte

ihnen einen gültigen Vorwand, dieses Urtheil zu rechtfertigen, und die

Scheidewand zwischen den Rechtschaffenen und Sündern immer länger und

höher zu führen, so daß kein eifriger Pharisäer mit einem Zöllner auf

irgend eine Weise vertraut umgieng. Er hätte dadurch seine gesetzliche

Reinigkeit verletzet.

Ganz anders dachte und handelte Jesus. Er sah in den Zöllnern

unglückliche Menschen, verirrte Kinder seines himmlischen Vaters;

er fand nicht alle unverbesserlich und durchaus verwerflich; darum

entsetzte sich sein menschenfreundliches Herz über die gefühllose

Kälte und Härte, mit welcher die Pharisäer diesen Menschen den Weg

zur Besserung versperrten; sein himmlisch hoher Geist schwang sich

über diese finstern Vorurtheile der Meister Israels empor; edel und

freisinnig wandelte er den Pfad der Erbarmungen Gottes um die verirrten

Schaafe aufzusuchen -- und nicht vergeblich. Er fand mehr als Einen,

über den er sich mit dem ganzen Himmel freuen konnte. +Matthäus+ wird

als der Erste genannt; Mancher wird wohl noch einst im Buche des Lebens

angeschrieben stehen, den die Menschen nicht kennen.

Welch’ ein entzückender Anblick! Jesus geht an der Zollbank vorbei,

sieht den Matthäus, fordert ihn auf, sein Jünger zu werden; dieser

erhebt sich mit raschem Entschlusse, verläßt freudig sein einträgliches

Gewerbe, und wird Schüler des armen Propheten. Wo sind da die feinen

Ueberredungskünste, wo die lockenden Versprechungen von der einen,

wo die wegwerfenden Manieren, wo die sklavische Erniedrigung von der

andern Seite, wie Beides bei den Pharisäern Statt fand? Wie kurz, wie

natürlich, wie zwanglos, wie +thatenreich+ ist der ganze Hergang! Wie

edelmüthig, frei und doch voll Anstand und Würde ist das wechselseitige

Betragen! Welch’ ein Ausdruck hoher Freude liegt in der Veranstaltung

des Gastmahls bei Matthäus! Welche hinreißende Herablassung in der

Theilnahme Jesu daran! Ohne Bedenken aßen seine unverdorbenen Jünger

mit dem reuigen Sünder; Matthäus und seine Genossen dachten nicht an

den harten Richterspruch der Pharisäer; sie sahen nur den Propheten,

fühlten Wonne im Herzen und Kraft zur Besserung.

+Gott und seine Engel freuten sich des herrlichen Anblickes.+ -- --

+Die scheinheiligen Pharisäer murrten, zürnten, tadelten laut unsern

Herrn!!!+ -- Wer vermag das Abscheuliche, Niederträchtige, Empörende

einer solchen Denk- und Handlungsweise zu schildern?

Muth ist nicht Sache des Heuchlers, wenigstens nicht offener Muth; das

böse Gewissen schlägt ihn. Darum zieht er Seitenangriffe vor; er tritt

dem Gegner nicht leicht vor die Augen. Dieser Zug schändet auch hier

die Pharisäer. Sie wagten es nur nicht, Jesus unmittelbar selbst zu

tadeln; nur an seine Jünger stellten sie im religiösen, strafenden

Tone die Frage: „Warum esset und trinket ihr und euer Meister mit

den Zöllnern und Sündern?“ Vielleicht hatten sie dabei noch die

hinterlistige Absicht, durch ihr Ansehen und durch die öffentliche Rüge

die Jünger von Jesus abwendig zu machen.

Aber schnell nahm Jesus das Wort, und vertheidigte +sich+, nicht die

Jünger; denn er wußte zu gut, +wem+ der Vorwurf gelten sollte. Und

welche Vertheidigung? In drei Innhaltsschweren Sätzen rechtfertigte er

seinen Besuch bei Matthäus, enthüllte die Schande seiner Gegner, und

schilderte die göttliche Milde seines Berufes.

Man durfte nur ein wenig mehr, als gewöhnlich Pharisäer, mit dem

Geiste des alten Testamentes vertraut sein, um aus den Psalmen und

Propheten zu wissen, wie zärtlich Gott um die Bekehrung der Sünder

sich gleichsam bekümmerte; wie väterlich er für Menschenwohl sorgte;

wie oft gerade von dieser menschenfreundlichen Seite auch der Messias

geschildert wurde. Darum konnte Jesus nicht +Schriftgemäßer+ sich

als Retter Israels ankündigen, als dadurch, daß er als +Seelenarzt+

auftrat. Allein eben dieß war es, wovon die damaligen Lehrbücher

nach den Erblehren der Alten nichts enthielten; und von den Psalmen

und Propheten wußten die Pharisäer wenig. Wie konnten sie also das

Benehmen und die Lehre unseres Herrn verstehen?

Desto geübter und bewanderter waren sie im Ceremoniell des

Gottesdienstes jeder Art und Gattung. Opfer waren die Hauptsache der

Religion; denn wenn sie selbst opferten, so glaubten sie, Gott damit

für sich zu gewinnen; opferten aber Andere, so war dieß für Priester

und Leviten einträglich. Daß diese Art von Religiosität nur verkappter

Eigennutz war, bewies ihre +Lieblosigkeit gegen alle Menschen+, und

ihre +an Grausamkeit gränzende Härte gegen Sünder und Irrende+. --

Der natürliche Grund davon lag in dem Mangel an Kenntniß der heiligen

Schrift, in der geringen Vertrautheit mit ihrem Geiste, in blinder

Anhänglichkeit an alte Lehrer und an selbstgewählten Gottesdienst.

Daher war die Antwort unseres Herrn so eindringend und unwiderstehlich:

„+Gehet hin und lernet, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, und

nicht Opfer!+“ Wie menschlich, wie milde und freundlich ist doch die

von +Gott selbst+ ausgesprochene Religion! Wie hart, wie starr und

ertödtend das von +Heuchlern+ mit diesem ehrwürdigen Namen ausstaffirte

Gespenst! Menschenliebe und Eigennutz -- welche Gegensätze!!

Ganz im Geiste des Allerbarmers trat Jesus auf, und munterte +alle

Sünder+ zur Besserung auf. „Gerechte“, d. h. in sich selbst Fromme,

maschinenmäßig Heilige, daher Unverbesserliche, wie die Pharisäer,

konnte er nicht zur Sinnesänderung einladen. Wahrhaft Gute schlossen

sich von selbst an ihn an.

So mußten seine tadelsüchtigen Gegner, kräftig widerlegt, nachdrücklich

zurechtgewiesen, fein angestochen, ruhmlos abziehen, und ihren Verdruß

wiederkauen.

* * * * *

Einstimmig lassen drei Evangelisten einen Vorfall folgen, der

selbst der Zeit nach, nicht bloß wegen seines Innhaltes, mit dem

Vorhergehenden zusammenzuhängen scheint. Die Pharisäer konnten es,

trotz ihrer Frömmigkeit, doch nicht so leicht verzeihen, daß Jesus sie

vor +Zöllnern und Sündern+ zu Schanden gemacht hatte. Sie sannen auf

Rache; und diese wird solchen Leuten nicht schwer. Dießmal verfielen

sie aber auf ein fein und listig erdachtes Mittel. Jesus und Johannes

sollten im Widerspruche begriffen dargestellt, die Jünger des Täufers

als Werkzeuge benützt, die Schüler unseres Herrn von ihm abgewandt

werden. Ein trefflicher, der gewandtesten Heuchler würdiger Plan!

Aber wie kam es, daß Johannes Jünger sich von ihnen so leicht

mißbrauchen ließen, da der Täufer so dringend vor Pharisäern gewarnt

hatte? Dazu mußten mehrere Triebfedern künstlich in Bewegung gesetzt

werden. Aus einem frühern Vorfalle (Joh. III., 26.) ergiebt sich

ungezwungen, daß einige Schüler des Täufers +eifersüchtig+ waren auf

das schnell wachsende Ansehen unseres Herrn; diese leidenschaftliche

Stimmung konnte seit der Gefangennehmung des Täufers nicht abgenommen,

vielmehr durch Schmerzgefühl über den Verlust ihres Lehrers nur

zugenommen haben. Von einer andern Seite hiengen diese Schüler

noch sehr an einem äußerlich strengen Leben, wie es ihr Lehrer,

+seinem Berufe+ und +Zwecke gemäß+, geführt, und wozu er sie, als

+Vorbereitung+ zum Reiche Gottes, ebenfalls angewiesen hatte. Da

nun nicht leicht Jemand scharfsichtiger ist in der Entdeckung der

Schwachheiten Anderer, als der Heuchler, weil er selbst viele Blößen zu

decken hat; und da eben solche Menschen fremde Fehler am schlauesten

zu benützen wissen, weil sie aus der Kurzsichtigkeit der Menschen für

sich selbst täglich und stündlich Vortheil ziehen müßen: so konnte es

den Pharisäern gewiß nicht schwer werden, einige Johannes-Jünger in

ihr Interesse zu ziehen. Je +tiefer+ und +stiller+ aber eben darum

+freier+ und +zwangloser+ die Religiosität unseres Herrn war, desto

leichter war es, unter den gegebenen Umständen, sie verdächtig zu

machen. Ohne viele Mühe und mit täuschendem Scheine ließ sich zeigen,

daß Jesus, der mehr sein wolle, als der +große+ Johannes -- schwerlich

werden die Pharisäer erheucheltes Lob gespaart haben -- nicht einmal

die +Kennzeichen+ alltäglicher Frömmigkeit an sich habe. Solche Dinge

von Männern vorgetragen, welche im +Geruche+ der Heiligkeit stunden;

wie verführerisch mußte es sein! um aber das schöne Vorhaben von

allen Seiten zu befördern, und jedes mögliche Hinderniß bedachtsam

zu entfernen, mußten sich Einige der eifrigsten Pharisäer-Schüler

zu denen des Johannes gesellen. Auf diese Weise bildeten sie eine

zusammengesetzte, gar nicht verächtliche Gesandtschaft, welche unsern

Herrn +öffentlich über den Mangel an Gebetstunden und Fasttagen für

seine Jünger+ zur Rede stellen sollte. In welchem Lichte mußte Jesus

vor den Augen der beschränkten kurzsichtigen Menge erscheinen, wenn

er diesen Angriff nicht kräftig und ganz von sich ablenken konnte?

+Wahrlich, wer sich in Ränken und Verfolgungskunstgriffen üben will,

darf nur zu Pharisäern in die Schule gehen!+

Es hatte die Feinde Jesu nicht wenig Nachdenken, Scharfsinn, Kunst und

Mühe gekostet, diesen Angriff auf die tadellose Frömmigkeit zu Stande

zu bringen. Jesus arbeitete indessen unbesorgt und rastlos an Besserung

und Beseligung der Sünder; und als sie den Schlag ausführen wollten,

waren sie mit Einem Allmachtsworte der unüberwindlichen Wahrheit

besiegt. Der Gott vertrauende, Menschen liebende Fromme besteht fest

und ungebeugt, wie Libanons Ceder, den Sturm, während der Boshafte mit

Wurzel und Stamm verderbt wird.

Ueber das +Gebet+ gab Jesus merkwürdig genug gar keine nähere Antwort.

Dieses Stillschweigen beweist wohl mehr, als alle scheinheiligen

Schutzreden, daß Jesus dem +Geiste des Gebetes+ keinen Zwang angethan

wissen wollte durch Formeln und Zeiten und Orte. Bei ihm und seinen

Jüngern war es nicht so, wie bei den Pharisäern. Die geistlose

Anhänglichkeit an bloße äußere Gebräuche und Selbstquälungen hätte

gar nicht sinnreicher und tiefer verglichen werden können, als mit

+Trauergebräuchen zur Zeit der Freude+, mit +neuen Lappen auf alte

Kleider+. Wie mußte dieß die Heuchler ärgern, wenn sie den Werth ihrer

mühsamen und hart errungenen Heiligkeit so herabgesetzt sahen! Wer

freuet sich nicht, daß wir einen Bräutigam und keinen Todtengräber zum

Stifter unserer Religion haben? -- Junger herber Wein, der dem Gaumen

nicht behagt, und den Schläuchen schadet, ist ein sinnvolles Bild der

sauertöpfischen Frömmigkeit dressirter Heuchler.

IX.

Ueber Heiligung und Entweihung des Sabbates[10]

Der wahre Gottesverehrer und der Heuchler verhalten sich zu einander

wie Geist und Buchstabe, wie Sache und Form, wie Wirklichkeit und

Schein. Wer kennt Moses und die Propheten, und weiß es nicht, daß

die +Feier des Sabbates+ ein Grundgesetz der israelitischen Religion

war? Der Glauben an den Einen wahren Gott, als Weltschöpfer und

Weltregenten, hieng an der Beobachtung oder Vernachlässigung dieses

Gebotes; Israel fiel oder stund jederzeit mit dem Sabbate. Seit

der Wiederherstellung eines großen Theiles der Nation nach dem

babylonischen Exil wurde mit ausserordentlicher Strenge über diesem

Gesetze gehalten, weil man, nachdem der Rausch des Götzendienstes

verrauchet war, die Wichtigkeit dieser Feier einsah. Allein Esra’s und

Nehemia’s Geist lebte nicht fort in ihren Nachkommen; diese blieben

bald häufig nur bei der Form stehen, und trieben Abgötterei damit.

Besonders die Pharisäer entwarfen ein Bild von der Heiligkeit des

Sabbates, das an Personification gränzte, und zu den abentheuerlichsten

Vorschriften verleitete, von denen die heil. Schrift durchaus nichts

wußte. Sie trieben es so weit, daß die Feier dieses Tages zur

Hauptsache und zum Zwecke, der Mensch zur Nebensache und zum Mittel

wurde. Daher überluden sie die Menschen mit kleinlichen Regeln,

Gesetzen und Bestimmungen darüber, welche körperliche Verrichtungen

man vornehmen dürfe, um „nicht zu arbeiten.“ Alles wurde wieder nur

auf Gebräuche, Ceremonien, Wortformen, Schritte, Bewegungen -- bis zur

Anwendung von Arzneimitteln eingeschränkt; das Herz gieng leer aus

dabei; der Geist mußte Hunger leiden; das Gewissen kam in die Noth --

wie überall bei der Heuchelei.

Jesus war Israelite im ächten Sinne des Wortes, und eben darum nichts

weniger als ein Verächter des Sabbates, wohl aber der pharisäischen

Lehre über den Sabbat. Diese mit Lehre und That zu bestreiten, war

sein hoher und fester Entschluß. Daher ließ er es gerne geschehen,

daß seine wenigstens in diesem Punkte unpharisäischen Jünger an einem

Sabbate Aehren abrupften, sie mit den Händen zerrieben, und aßen --

zum nicht geringen Aerger der Pharisäer. Diese waren nämlich ihm

und seinen Jüngern auch hier nachgeschlichen, oder hatten sich mit

verstellter Miene der Freundschaft zu Begleitern aufgedrungen. Blinder

Religionseifer treibt zu Allem, und erlaubt sich Alles; ist ja der

Zweck heilig; warum nicht auch jedes Mittel? Wie werden sie sich in

+ihrem+ Gott gefreuet haben, als sie diesen Fehler entdeckten? Nun

lag ja die Sündhaftigkeit und die verführerische Lehre des verhaßten

Propheten zu Tage; nicht nur Er selbst hielt nichts auf göttliche

Einsetzungen, sondern gestattete auch bereits seinen Jüngern,

ungescheuet den Sabbat zu schänden.

Womit wollte Jesus sich rechtfertigen gegen so scheinbar wichtige und

gegründete Vorwürfe? Wenn es mit Gründen aus der pharisäischen +Schule+

hätte geschehen müßen, wäre er freilich in die dringendste Verlegenheit

gerathen; denn er hätte weder einen alten noch einen neuen berühmten

Rabbi für sich anführen können. Allein Jesus hielt sich vorerst an

die +heil. Schrift selbst+; und da war das Recht auf seiner Seite.

Im +Gesetze Moses+ war das, was die Jünger gethan hatten, den Armen

ausdrücklich erlaubt, und am Sabbate wenigstens nicht verboten. Von

dieser Seite konnten ihm seine Feinde nicht beikommen. Aber er war im

Stande, noch weiter zu gehen, und ein +unverwerfliches Beispiel aus

Gottes Wort+ anzuführen, daß selbst bestimmte göttliche Vorschriften

für äußere Gebräuche im Falle eines dringenden Bedürfnisses ihre

verbindende Kraft verlieren. Was ließ sich dagegen sagen, wenn der

+Hohepriester Achimelech+ und +David+ so gehandelt hatten? Warum

tadelten denn die Pharisäer nicht auch das +Gesetz Gottes+, welches den

Priestern Arbeit zum Behufe des Opferns am Sabbate gestattete?

Höchst merkwürdig und lehrreich bleibt es, wie unser Herr stets den

+Menschensatzungen+ und +Erblehren+ seiner Feinde +Gottes Wort+ und

+That+ entgegengesetzt, und sie damit verstummen machte. In welchem

Lichte ihre Kenntniß göttlicher Dinge dabei erschien, darf wohl nicht

erst gezeigt werden.

Obwohl das bisher Gesagte mehr als hinreichend war, die Handlung der

Jünger und dadurch auch Jesus selbst zu rechtfertigen: so fügte er

doch noch +besondere Gründe+ bei, welche unsere ganze Aufmerksamkeit

verdienen, weil sie den Charackter der Wahrheit und Liebe, so wie der

Heuchelei ins hellste Licht setzen.

Die Pharisäer fanden es untadelhaft, daß die Priester und Leviten die

Sabbatsruhe brachen; denn es geschah +im Tempel+ und folglich +zur Ehre

Gottes+. Jesus erklärte, daß seine Jünger noch mehr Recht dazu hätten,

als jene, da „+Er größer sei, als der Tempel+.“ Damit gab er sich

deutlich genug zu erkennen, als den +Sohn Gottes+, als die +lebendige

Wohnung, in welcher die Fülle der Gottheit thronte+. Es ist ein

trauriges Zeichen der tiefen Verblendung, in welche geistlose Systeme

die Menschen stürzen, daß die Pharisäer diesen starken Fingerzeig weder

gut noch böse aufnahmen; ja, gar nicht vernommen zu haben scheinen.

Auch bei dieser Gelegenheit führte Jesus wieder den Spruch des

Propheten an: „Barmherzigkeit will ich, und nicht Opfer.“ Damit

deutet er auf die +eigentliche Quelle+, aus welcher der Vorwurf der

Sabbatsschändung geflossen war. Lieblosigkeit, Verdammungssucht,

Partheihaß war es, was sie bestimmt hatte, unserm Herrn auf dem

einsamen Pfade durch Saatfelder nachzuschleichen, und die unschuldigen

Jünger zu tadeln. Welch’ einen Begriff von Frömmigkeit hatten diese

Heuchler? Was ließ sich mit ihrer Religiosität nicht Alles reimen? Wie

listig wußten sie ihre Leidenschaften mit Gottes Sache zu vermischen!

Aber Jesus durchschaute die Tücke ihres Herzens, und enthüllte sie --

+zu unserer Belehrung und Warnung+.

„+Der Sabbat ist um des Menschen willen, nicht der Mensch um des

Sabbats willen da.+“ So kehrte Jesus mit kühner Freimüthigkeit, wie sie

nur der Wahrheit eigen ist, die Lehre der Pharisäer um, und stellte

das ursprüngliche, alte Verhältniß wieder her. Man muß sich ganz in

die damalige Heuchlerische Lehre hineindenken, um das Neue, Treffende,

Wahre, aber für die Rabbinen höchst Aergerliche -- und +für alle Zeiten

Anwendbare+ recht tief und innig zu fühlen.

Aus dem eben aufgestellten Grundsatze leitete Jesus eine eben so

wichtige als damals anstößige Folge ab: „+Also ist der Sohn des

Menschen Herr auch des Sabbates!+“ Mit bewunderungswürdiger Feinheit

hat er hier sich und seine Jünger zugleich vertheidiget. Menschensohn

bezeichnet den +Menschen überhaupt+, und insbesondere den +Messias+.

Beides konnte er mit vollem Rechte von sich sagen; aber auch für seine

Jünger galt es, daß sie über dem Sabbat, nicht der Sabbat über ihnen

stehe. Keine äußere Feier des Sabbates wollte Jesus so verstanden

wissen, daß der Mensch, wenn ihn ein unausweichliches Bedürfniß

drängte, nicht das Ceremoniel des Sabbates umgehen dürfe, um den Geist

dieser Feier zu behalten -- nämlich +Ruhe, frohen Genuß vor Gott,

Andenken an die Schöpfung durch Gott, Dank gegen den Geber alles Guten,

Erneuerung und Befestigung des Glaubens und der Liebe+. Solche reine

und freie Ansichten finden an den Pharisäern aller Zeiten Gegner.

Die Pharisäer Ein Beitrag zum leichern Verstehen der Evangelien und zur Selbstprüfung · 第 3 / 11 段