Synagogen auf, hielt Vorträge, die ungemeinen Beifall fanden,
und bestätigte in und außer den Synagogen seine Lehre mit
Wundern. Allgemein und laut erscholl der Ruf von dem neuen Lehrer
und Wunderthäter. Endlich kam er nach Nazareth. Als armer und
unbescholtener, aber sonst wenig bekannter, +Zimmermannssohn+ hatte
er das Städtchen vor wenigen Wochen verlassen -- und jetzt kam er als
+Prophet+ zurück. Welch’ ein Abstand! Wie muß dieß die Kleinstädtische
Neugierde gespannt haben?! -- Es ist Sabbat; Jesus besucht die
Synagoge; Alle drängen sich herbei; er deutet eine der geistreichsten
Weissagungen vom Messias mit eben so viel Bescheidenheit als Nachdruck
auf sich. Man lobt, man bewundert den +trefflichen Redner+; übersieht
aber die +große Wahrheit+. Noch sind Alle von Erstaunen ergriffen
-- und schon fangen sie an, sich an seiner +geringen Herkunft+ zu
ärgern. Wie schnell und leicht doch die Nazarethaner die +Sache+ über
der +Person+ vergessen! „+Ist er nicht der Sohn Josephs?+“ -- Allein
hinter der schon an und für sich engherzigen Rede lag noch etwas ganz
Anderes versteckt; und darauf antwortete eigentlich der Herzenskenner.
+Beleidigter Stolz+ war es, was ihnen den „Zimmermannssohn“ ins
Gedächtniß rief. Jesus hatte es groß übersehen, daß er die Fülle
seiner Gotteskräfte nicht +zuerst+ in Nazareth +auskramte+ -- mehr
+verlangten+ sie auch nicht; denn +belehrt+ und +gebessert+ wollten
sie nicht werden, aber +gekitzelt+ und +unterhalten+. -- Noch größer
war das Versehen, daß Jesus +auch jetzt+, da er so spät eintraf, noch
keine Anstalt machte, Wunderdinge zu verrichten. „War er mit Einem
Male so vornehm geworden? Achtete er seine Landsleute weniger, als
Fremde? Sollte er ihnen nicht gerade die stärksten Proben seiner
Wunderkraft vorlegen?“ -- +Und er that es nicht -- der Sohn Josephs!+
-- -- Noch mehr! Er hatte die Kühnheit, ihr +Verlangen+ zu +tadeln+,
und ihr +Betragen+ so +verwerflich+ zu nennen, wie das der Israeliten
zu den Zeiten Elias und Elisa. Er gab zu verstehen, daß er ihnen
weniger Glauben an Gottes Wort und Kraft zutraue, als den Heiden.
+Bewiesen sie es nicht durch ihr Betragen?+ Allein welchen Sturm
erregte diese ernstliche und wohlgemeinte Zurechtweisung! +Sie wollten
einen Gegenbeweis führen, wie ihn alle Mal derjenige führet, welcher
der Wahrheit bei einem bösen Gewissen mit triftigen Gründen nicht
widerstehen kann, und doch Recht behalten will.+ (Luk. IV, 14-29.)
VI.
Die Bergpredigt.[7]
Rein +antipharisäisch+ ist der Geist und Ton dieser unübertrefflichen
Rede. Vorzüglich geben einige Stellen Anlaß, der Heuchelei so
eigentlich von mehr als Einer Seite auf den Grund zu sehen, und
allgemein wichtige Bemerkungen zu machen; wie denn auch Jesus gewiß
eben so gut die künftigen, als das damalige ehebrecherische Geschlecht
im Auge hatte.
Schon die erste Stelle (Matth. V, 19-20.), in welcher er die
+Pharisäer+ und +Schriftgelehrten+ ausdrücklich nennt, enthält eine
tief gehende Lection. Die Pharisäer +lehrten+ wohl das Gesetz Moses
recht genau; aber sie +übertraten+ es leichtsinnig. Bei ihnen war
also Wissen und Thun +getrennt+, Kopf und Herz +entzweiet+; darin
erkannte Jesus das charackteristische Merkmal der Heuchelei. Er gab
aber diesem Ausspruche eine für alle Zeiten passende Form, +weil dieser
Doppelsinn ein Grundzug des menschlichen Verderbens ist+. Nichts wird
uns leichter, als schön, sittlich, fromm zu reden, zu ermahnen, zu
trösten; Nichts schwerer, als edel, uneigennützig, gottesfürchtig zu
handeln. Wir dünken uns noch dazu, etwas Großes zu sein, wenn wir einen
so hohen Ton anstimmen; dabei sind wir erfinderisch, unsere Vergehen zu
verkleinern oder gar wegzuvernünfteln. Wie +klein+ müssen wir in den
Augen unseres Erlösers sein, der nur diejenigen +wahrhaft groß+ nennt,
welche +Wort+ und +That+ mit einander verbinden! Möchten wir uns doch
nie den Vorwurf machen dürfen, daß +unsere+ „Gerechtigkeit nicht besser
sei, als die der Pharisäer!“
* * * * *
Ueberall trennt der Heuchler, was Eines sein soll; nicht nur Lehre und
Thun setzt er in Widerspruch; auch in die Lehre trägt er die Spaltung,
welche sein Inneres zerreißt, hinein. Er klebt am +Buchstaben+, und
vernachläßiget den +Geist+, wenn er +Gottes Wort+ deutet; uneingedenk,
daß der Urheber desselben +Geist+ und +Leben+ ist. Dabei hält er sich
noch für +weise+, und beruft sich mit vielsagender Miene auf „die
Alten.“
„Du sollst nicht tödten!“ -- so betete der Schriftgelehrte Moses nach,
und blieb beim +leiblichen+ Morde stehen. Fremd, unverständlich, ja
ärgerlich kam ihnen darum gewiß die Auslegung vor, welche Jesus von
diesem Verbote machte -- und welchem schriftgelehrten Silbenstecher ist
sie es nicht noch heut zu Tage?
Jesus drang auf die +Gesinnung+ ein, welche bei einem Menschenmörder
+herrschend+ werden muß, bevor er zu der gräßlichen That schreitet.
Diese bösartige Stimmung des Gemüthes, diese verkehrte Richtung des
Willens fand Er schon in ihren ersten Anfängen so strafbar, und in
ihren Fortschritten noch strafbarer als die Gesetzerklärer seiner Zeit
den Mord. +Dieß lag in dem Geiste des Gesetzes.+
Nur so wird es begreiflich, warum er es als genauere Erklärung und
schärfere Bestimmung des den Alten bekannten: „Du sollst nicht tödten,“
angeben konnte, wenn Er sprach: „+Wer über seinen Bruder zürnt ohne
Ursache+“ &c.
Nicht das Zürnen überhaupt verbietet Jesus; denn erkannte das Wesen und
das Verhältniß menschlicher Kräfte des Herzens und Willens zu gut, als
daß er +Widernatürliches+ gebieten, und die +Kraft+ und den +Eifer+
des für das +Wahre und Gute begeisterten Mannes+ hätte lähmen können.
Zürnte doch Er selbst! (Mark. III, 5. Joh. II, 15-16. Mark. VIII,
17-18. Matth. XXIII &c.) Nur +grundlos+, +unbegränzt+, +unangemessen+
sollte der Unwille nicht sein; dieß wird er aber, sobald der Mensch
der +Eigenliebe+, der +Sinnlichkeit+, und dem +Bösen+ auf irgend eine,
wenn auch die feinste Weise huldiget. Solchen Zorn setzt Jesus einem
schweren Vergehen gleich, und hatte er daran Unrecht? Freilich die
Pharisäer werden darüber bittere Glossen gemacht, wohl auch gespottet
haben. Heut zu Tage haben die Meister in Israel zu viel Achtung vor
dem Sohne Gottes, um sich so zu vermessen; sie beugen ihr Haupt tief
-- und +verkehren seine göttliche und rein menschliche Lehre in eine
erschlaffende Heuchellehre läppischer Sanftmuth+ -- oder besser,
charackterloser Schwäche. -- Wer von den sogenannten +Asceten+ viele
gelesen hat, wird dieß bestätigen.
Nicht umsonst vergleicht +David+ so oft die +Zunge+ mit „Dolchen und
Pfeilen;“ er hatte dieses gefährliche Werkzeug mehr als Ein Mal durch
traurige Erfahrung kennen gelernet. +Die Zunge eines feindlichen
Heuchlers ist ein wahres Mordinstrument.+ Darum erklärte Jesus einen
solchen Gebrauch der Zunge für ein dem Todtschlage gleiches Verbrechen.
Wie werden die Pharisäer über diese neue Auslegung des Gesetzes in
Erstaunen und Aerger gerathen sein! Sie machten sich wenig daraus,
ihren Nebenmenschen um Ehre und Zutrauen zu bringen, sobald er ihren
Planen und Vorurtheilen oder ihrem Eigennutzen im Wege stund. Johannes
und Jesus sind sprechende Beispiele. -- Aber darum segne sich nicht so
leicht Jemand! Diese Verirrung liegt dem menschlichen Herzen näher,
als man glaubt. Unerschöpflich ist die Sophistik der Eigenliebe an
Gründen, warum man die Ehre Anderer nicht schonen dürfe; und nicht
selten schmückt sie sich -- empörend genug -- mit +Liebe Gottes und des
Nächsten+!!!
Eitler Stolz auf die einzig wahre Gotteserkenntniß blähte die Juden
damals auf; und so sehr sie den Namen des Gottes Israels mit ihren
Thaten schändeten, so waren sie doch stets bereit, Heiden, Samariter
und anders Denkende überhaupt, selbst Abkömmlinge Abrahams auf die
empfindlichste Weise zu verunglimpfen. Gewiß ein ächter Zug eines
festsinnigen und lieblosen Rechtglaubigen! -- -- So Etwas zu billigen,
wie die Pharisäer, war Jesus so weit entfernt, daß er sich auf eine
wahrhaft furchtbare Weise dagegen erklärte. Wer ohne die vollgültigsten
Gründe, aus Verdammungssucht, bei eigener Kälte gegen Gott, seinen
Nächsten für einen +Thoren+, d. h. für einen Gottesleugner, Ketzer &c.
erklärt, der ist dem menschenfreundlichen Erlöser ein größerer Greuel,
als jeder Mörder -- +Jesus findet ihn so verwerflich, wie die dem
Moloch verbrannten Menschenopfer+. Ein schreckliches Wort!
* * * * *
„+Gehe hin, und versöhne dich zuvor mit deinem Bruder!+“ --
Wie doch Jesus allen Rechtglaubigen so geradezu widersprechen, und eine
so ärgerliche Lehre unumwunden vortragen kann! Gelten also ihm Menschen
mehr, als Gott? Müssen die Pflichten der Nächstenliebe der Liebe zu
Gott vorgezogen werden? Ist Versöhnung mit Sündern besser, als Opfer?
Welche neue Lehre! welche nachtheilige Folgen wird sie haben für
+Priester+ und +Leviten+, welche doch +Gott eingesetzt hat+? -- Solche
Rede war einem Pharisäer +damals+ natürlich; und eben so natürlich die
Seligpreisung, daß er diese gefährliche Lehre durchschaute.
„Wie täuschte er sich in seiner Heuchelei!“ höre ich rufen. Ja wohl!
Wenn nur diese Täuschung, und mit ihr auch die Ursache, +jetzt+
verschwunden wäre! Zwar hat +Christus+ unter denen, die sich nach
seinem Namen nennen, so viel Ansehen, daß sie ihn nicht tadeln, wenn er
von Opfern nichts wissen will, welche mit unversöhntem Herzen gebracht
werden; aber der +Prediger+ soll „diese harte Lehre“ nicht zu +oft+,
nicht zu +eindringend+, nicht zu +genau+ einschärfen. Die Zuhörer
fühlen sich gestört in ihrer bequemen Gottseligkeit, welche dem „Herrn
Himmels und der Erde“ huldiget mit reichen Gaben, um seine Unterthanen
ungestraft quälen zu können, um ihre Rachsucht zu kühlen, um ihre
Habsucht zu befriedigen u. s. w. u. s. w. Noch andere Leute finden
solche Lehren für ihr Amt, für ihre Existenz, also für die Religion
gefährlich und höchst bedenklich -- -- +Hat denn Jesus zu allen Zeiten
Pharisäer, mit und ohne diesen Namen, gegen sich und sein Wort?+
* * * * *
Man darf im alten Testamente nicht sehr bewandert sein, um zu wissen,
daß trotz allen gesetzlichen Vorschriften doch häufig und ernstlich
genug auch auf das +Herz+ gewirket, auf +heilige Gesinnung+ gedrungen
wird. Desto mehr befremdet es, wenn man sieht, wie die Schriftgelehrten
und Pharisäer gar so Geistesarm waren und sklavisch am Buchstaben
hiengen. Es war dieß die natürliche Folge und wohlverdiente Strafe
ihres der reinen Wahrheit aus Gott nicht empfänglichen Herzens. Der
+Kopf allein+, wenn er noch so tief- und scharfsinnig, noch so sehr
mit allem Rüstzeuge theologischer Gelehrtheit versehen ist, +schließt
die heilige Schrift nicht auf+. „Sohn, gieb mir dein Herz!“ Dieß ist
die +erste+ und +unerläßliche+ Bedingung. -- Moses hatte es als Gebot
Gottes aufgezeichnet: „Du sollst nicht ehebrechen!“ Die Pharisäer
bestimmten den Fall; setzten Strafen fest; wachten über die +äußere,
grobe+ That, und liessen das Herz leer ausgehen. Wie ganz anders
geht Jesus zu Werke! Er will jede unerlaubte, wenn auch noch so
unentbehrlich scheinende +Begierde+ schon im Keime erstickt wissen.
Ein lüsterner +Blick+ ist nach seiner Lehre -- +und diese ist ewige
Wahrheit+ -- so strafbar vor Gott, als die +That+.
Sicherer und fester kann der Heuchelei der Weg kaum versperret werden,
als auf diese Weise. Es ist aber kaum irgendwo nothwendiger, als in
diesem Stücke; denn kein Trieb liegt tiefer, keiner wirkt mächtiger,
keiner nimmt mehrere und feinere Gestalten an, als sinnliche Liebe.
Nichts wird leichter übersehen, gewissenloser und sophistischer
entschuldiget. Nirgends erlaubt sich der Mensch in und ausser der Ehe
mehr, als hierin -- zu allen Zeiten! daher das durchgreifende strenge
Gebot unseres Erlösers.
* * * * *
Ein wahrer Schlangenzug im Charakter der Heuchelei ist dieser, daß
sie es so trefflich versteht, die Gebote Gottes zur Entschuldigung
ihrer gröbsten Verbrechen zu benützen. Wie fein war nicht die Wendung,
mit welcher gleißende Wohllüstlinge die göttliche Nachsicht in dem
Gebote: „Wer sein Weib entläßt, gebe ihr einen Scheidebrief“, für
sich anwandten, und eine Erlaubniß, sein Weib aus +jeder beliebigen
Ursache+ zu entlassen, herauserklärten? Wenn irgend einmal, so verräth
sich gewiß hier das arglistige Herz, welches seine bösen Lüste hinter
religiöser Maske verbirgt. Möchte doch dieß die letzte Schrifterklärung
dieser Art gewesen sein!
* * * * *
+Beim Himmel!+ -- +Bei der Erde!+ -- +Bei Jerusalem!+ -- +Bei
meinem Haupte!+ -- so schwur der +Jude+ dem +Heiden+. Dieser, nur
einigermaaßen gewissenhaft, traute jenem; denn er hatte Ehrfurcht vor
diesen Gegenständen. Jener hielt sein Wort nicht, weil der Rabbi ihn
lehrte: „Es steht geschrieben: Du sollst +Jehova+ deinen Eid halten!“
Also ist kein Eid verbindlich, als der „bei Jehova.“ Welche Stelle
des alten Testamentes konnten diese Lehrer für sich anführen? -- Doch
wozu sollten sie Schriftstellen aufsuchen, mühsam ihren göttlichen
Geist wegerklären, kunstreich sie drehen und wenden? Sie hatten ja
eine entscheidende Autorität für sich -- „+die Lehre der Alten+.“ Seit
Menschengedenken haben alle weisen Rabbi diese Stelle so verstanden und
erklärt; also +hat+ sie keinen andern Sinn; +kann+ keinen andern haben.
Was fehlt diesem Schlusse, als Wahrheit? -- --
Es ist schwer zu begreifen, wie derjenige, welcher solchen Lehren
Eingang in sein Herz gestattet, noch die so hochwichtige Pflicht der
Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit ausüben kann. Wenn solche Grundsätze
herrschend würden, so müßte alles Zutrauen und aller Verkehr unter den
Menschen aufhören. Wohin führt nicht Heuchelei? Eben deswegen stellte
Jesus seine Lehre in so scharfen Gegensatz gegen den Rabbinismus
seiner Zeit. Unbegränzte Wahrhaftigkeit, felsenfesten Biedersinn macht
er uns zur theursten Pflicht. Das einfache Ja eines Christen soll an
Eides Statt gelten. Goldene Zeit, wenn erscheinest du? -- Nicht zu
übersehen ist, wie treffend und unwiderstehlich Jesus die falschen
Eidesformeln der Pharisäer aus dem +Geiste der heiligen Schrift+
widerlegt.
* * * * *
Nur gar zu gerne verkleidet sich unerbittliche +Rachsucht+ in
hehre Gestalt der +Gerechtigkeit+; und es fehlt zu keiner Zeit an
dienstfertigen Auslegern göttlicher und menschlicher Gesetze, welche
die gröbsten Verletzungen aller Menschlichkeit zu beschönigen wissen.
In den Tagen unseres Herrn hatten die pharisäischen Schriftgelehrten
den beliebten Dienst auf sich genommen, Ungerechtigkeit durch
Verdrehung des Gottes-Wortes zur Gerechtigkeit zu machen. Sie beriefen
sich auf „die Alten,“ welche gelehrt haben sollten, daß „Aug um Auge,
Zahn um Zahn“ nicht eine +gesetzliche+, +richterliche+ und darum
+billige+ Genugthuung für Beleidigungen gewähre, sondern das Recht
ertheile, Rache nach Belieben selbst zu nehmen. „Die guten Alten!“ was
mußten und müssen sie nicht Alles gelehrt haben?
Bei dieser Stelle dürfen wir aber nicht vergessen, daß Jeder von uns
einen solchen pharisäischen Schriftausleger und Rechtsgelehrten in
seinem Herzen sitzen hat, der als Affekt oder Leidenschaft sehr fertig
und beredt Aussprüche von sich giebt, denen wir nur zu oft Gehör
verleihen. Um so sorgfältiger sollen wir die Lehre unseres Erlösers zu
Gemüthe ziehen, welche +unbegränzte Billigkeit+ als ein zwar herbes,
aber zuverläßiges Gegenmittel empfiehlt.
* * * * *
„+Liebet eure Feinde!+“ Dieß ist der wahre Todesstoß für die
+Scheinliebe+, welche +Gränzen+ aussteckt, auf +Bedingungen+
unterhandelt, nach +Rück-+ und +Nebenabsichten+ schielt, +Personen+
ansieht &c. Gewiß haben auch die Pharisäer diesen Stoß schmerzlich
genug empfunden; denn die Wunde blutet heut zu Tage noch bei ihren
Geisteskindern, die mit ihren Vätern sich bitter beklagen, daß
die fruchtbringende Lehre: „Liebe deinen Freund, (d. i. deinen
Kirchen-Zunft-Standes-Staatsgenossen) und hasse deinen Feind,“ mit
dem Ausspruche Jesu umgestürzt werde; und zwar ohne Hoffnung, da der
göttliche Lehrer so weise Rücksicht auf die menschliche Natur nahm,
nicht Unmögliches forderte, keine süssen, freudigen Gefühle, keine
freundschaftliche, innige Zuneigung, sondern ein +racheloses Herz+
und +Thaten+ des +Wohlwollens+ -- des +Wohlthuns+ -- der +Fürbitte+,
wenn sonst nichts möglich ist, zur edeln Pflicht macht, und das
unverwerflichste Muster an dem +Vater im Himmel+ aufstellt.
* * * * *
„+Hütet euch, daß ihr euer Gutes nicht vor den Menschen thut, um von
ihnen gesehen zu werden!+“
Mit diesen Worten beginnt ein neuer Gedankenkreis. Nicht
Schriftverdrehungen und Herzverderbende Auslegungen werden gerügt,
sondern die +Thaten+ der Pharisäer nach göttlichem Maaßstabe bestimmt,
ihr Werth oder Unwerth ausgesprochen. Wie denn? Einfach, daß ein Kind
es fassen; kunstlos, daß der Ungeübteste es thun; unfehlbar, daß
der Zweifelvollste sicher gehen kann. In das +Innere+ weiset Jesus
hinein; auf die Quelle alles Guten und Bösen, auf das +Herz+, auf
die +Gesinnung+ macht er aufmerksam. Hier soll nur +Liebe Gottes+
und des +Nächsten+ herrschen; alles Andere ist vom Argen. In diesem
Heiligthum darf kein Götzenbild der Eigenliebe aufgestellt werden; mit
der Wachsamkeit des Eifersüchtigen muß jede leise Regung belauscht
werden, wenn der Heuchelei der Eingang verschlossen bleiben soll.
Streben nach Menschenlob ist Todesduft für Christentugend. -- Wer kennt
das menschliche Herz, d. i. sein eigenes, und findet dieß nicht wahr,
nicht wichtig, nicht nothwendig? Wer weiß nicht, welche Wendungen und
Krümmungen die alte Schlange in uns macht? Unerläßlich, aber schwer ist
es, in diesem Stücke den Pharisäer auszuziehen, und Christus anzuziehen.
Doch unser Herr erleichtert die Bürde durch +Beispiele+, die ins Große
gehen. Lernen wir zu seinen Füßen!
Wenn ein Pharisäer +Almosen+ gab, so mußte es alle Welt wissen. Die
hochtönende +Trompete+ erklang lieblich für das Ohr des Dürftigen, und
lud ihn stolz zur Gabe; sie verkündete prahlerisch der Nachbarschaft,
was auf der Gasse vorgieng; und was wird die Eitelkeit des Gebers
empfunden haben? -- Einer solchen Art von Wohlthätigkeit sprach
Jesus allen Werth ab; ja, er nannte sie geradezu Heuchelei. Nicht
menschliches Mitgefühl, nicht Linderung der Noth, nicht Erquickung
des Leidenden war Beweggrund; sondern eigenes Lob, lauter Beifall,
Flittergold des Namens eines Wohlthäters. Sollte es weniger gleißende
Menschenliebe sein, wenn die Trompete nicht von Metall, sondern von
+Fleisch+ oder gar nur aus +Papier+ gebildet ist?? -- --
Das muß man gestehen, trefflich haben die Pharisäer ihr religiöses
Handwerk verstanden. Sie wußten recht gut, was dazu gehört, die
Menschen zu blenden, und mit ihrer Frömmigkeit recht viel Aufsehen
zu machen. Wenn der Eifer des Gebetes so weit reicht, daß man laut
und öffentlich an den Strassenecken betet; wer soll diese Muster
der Heiligkeit nicht anstaunen? Wer nicht den Schluß ziehen, daß zu
Hause noch weit mehr geschehen müße? Und Jesus nennt solche Leute --
+Heuchler!+ Wie Vielen wird er die Augen geöffnet haben über den wahren
Geist des Gebetes mit seiner unübertrefflichen, Vernunft und Herz
befriedigenden, den Geist zum Himmel erhebenden Lehre?
Das dringendste und wärmste Gebet ist +Herzensergießung+ vor Gott in
unsern +geheimen Anliegen+; wer will, wer kann mit Fug diese vor der
Menschen Ohren bringen? Nur ein Schwärmer oder ein Betrüger; Jesus
spricht keinem das Wort. „Wenn du betest, so gehe in deine Kammer“ &c.
Wer die Weisheit und das Naturgemäße dieser Vorschrift einsehen will,
muß die Pharisäer -- aller Zeiten -- vor Augen haben.
Wo es an Aufrichtigkeit und Zutrauen fehlt, dort werden gewöhnlich die
meisten Worte gemacht. So betrugen sich auch die Pharisäer gegen Gott;
sie waren ihm, menschlich zu reden, überlästig mit ihrem „heidnischen
Geplapper.“ -- Um so ärgerlicher kam ihnen die Lehre Jesu vor, welcher
eine so einfache, kindlich zutrauliche, kurze Anweisung zum Beten
gab; der Gott in einem so milden Lichte, als Vater, zeigte; der ihm
zarte Theilnahme an den Bedürfnissen seiner Kinder beilegte. Welch’
ein Absprung von dem steifen, hofmäßigen, Geschenksüchtigen, Worte
zählenden, kalten, überhohen Gotte der Heuchler! Welch’ ein Abstand
von ihren Gebetsformeln! Besonders ist Ein Punkt antipharisäisch --
+Versöhnlichkeit und Liebe des Nächsten+, ohne welche Jesus alle Gebete
verwirft. -- Was würde er heut zu Tage sagen über die Wortreichen,
Geistarmen, Glaubensleeren, Selbstsuchtsvollen Gebete, welche häufig,
mit Thränen eingebildeter Gottesliebe, mit Herzen voll Menschenhaß, in
kriechender Stellung, mit stolzirendem Nacken, laut gesprochen werden?!
O, wie oft kreuzen wir uns vor Pharisäern, und sind zwei Mal ärger,
als sie -- bei unsern Einsichten!! Beinahe ans Komische streift die
Schilderung eines +fastenden Heuchlers+. So sehr verabscheute Jesus
eine solche Handlungsweise, daß sein hoher, göttlicher Ernst bis zum
beißenden Tone hingerissen wurde. Ein merkwürdiger Zug! Doch kann man
ihn auch schon beim Almosen und Gebete des Pharisäers wahrnehmen.
Fasten ist aber nur Beispiel für +religiöse, besondere Uebungen jeder
Art+. Wenn frömmelnde Eitelkeit, Geruch der Heiligkeit, Menschenlob
oder Tadel, elende Schmeichelei, charakterlose Aefferei u. d. gl. uns
zu solchen +außerordentlichen, nicht gebotenen, nicht unumgänglich
nothwendigen+ Dingen treibt; was soll man dazu sagen? „Machet es so,
wie die Heuchler?“ -- --
Sonderbar! wird Mancher denken; hier dringt Jesus so strenge auf das
Handeln „+im Verborgenen+“, und früher hatte er mit Nachdruck gelehrt:
„+Lasset euer Licht leuchten vor den Menschen!+“ Das will sich ja
nicht zusammenreimen. -- O recht gut, wenn man nicht an Worten klebt,
sondern den Geist der Rede auffaßt. Das Gute +deßwegen+ thun, damit
es die Menschen sehen, und uns loben; dieß nennt Jesus Heuchelei. Und
daran hat er vollkommen Recht, weil eine irdische, gemeine, schlechte
Absicht einen schönen Anstrich bekommen soll. Die +Gesinnung+, das
+Herz+ ist unserm Herrn immer die Hauptsache; da fordert er nun, daß
der Mensch die Tugend nicht +seiner Person+ zu lieb, sondern einzig
um des +unsichtbaren Gottes+ willen ausüben soll. Dabei verlangt er
aber keinesweges, daß man mit seinen edeln Handlungen geheim thue, und
gleichsam Verstecken spiele. Nein, offen, vor Aller Augen, an hellen
Tage soll unser Gutes geschehen. Wir haben uns dessen nicht zu schämen,
noch uns, aus falscher Demuth, vor Menschen zu scheuen. Das Licht
leuchtet Allen im Hause; +aber mehr thut es auch nicht+, weil es gegen
seine Natur wäre. So soll es auch bei uns sein. +Das Gute sollen wir
thun+ -- vor Gott und Menschen; aber weiter nichts dazu setzen, was
Künstelei, Gepränge, Prahlerei, Selbstsucht u. s. w. heissen könnte;
Solche selbstgewählte, ausserwesentliche Verzierungen sind Dünste und
Nebel, welche den reinen Glanz des Lichtes verhüllen, und um Wahrheit
und Liebe täuschende Farbenringe der Lüge bilden, welche schimmern und
blenden, aber vor Gott und vor seinen ächten Kindern Nichts sind.
+Licht+ will Jesus in und an den Seinigen sehen -- +Licht von Gott+;
nicht selbstgemachte +Fackeln+. Von diesen sagt der Prophet: „Sehet,
Alle schlagt ihr Feuer, Fackeln anzuzünden! Geht hin beim Scheine euers
Feuers, bei eurer Fackeln Licht! Von meiner Hand geschieht euch dieß,
mit Schmerzen ringend liegt ihr da!“ (Jes. L, 11.)
* * * * *
Die vom stürmenden Winde gepeitschte Meereswoge ist unstät; der Fels
am Ufer trotzt unwandelbar ihren Schlägen: so schwankt der Heuchler im
Mißtrauen auf Gott; der Glaubige hält sich unverrückt an dem Anker der
Hoffnung auf den, „der da ist, und den er nicht sieht.“ So schildert
Jesus die Pharisäer seiner Zeit, wenn er spricht: „+Niemand kann zwei
Herren dienen. -- Ihr könnet nicht Gott und dem Mamon dienen.+“
Wer verabscheuet nicht diese Zwittergeschöpfe des Mundglaubens und
thätigen Mißtrauens? Wer lobt nicht den schönen, erhabenen Ausspruch
„der göttlichen Weisheit, die wußte, was im Menschen war?“ -- +Weiß
Er es jetzt nicht mehr+, wenn wir Tag und Nacht rastlos daran sind,
sinnen und sorgen, uns mühen und quälen, Geld und Gut zu erwerben --
-- um für die ungewisse Zukunft uns sicher zu stellen, um das Wohl der
Unserigen zu gründen, u. s. w. u. s. w. dabei aber das Reich Gottes
in uns aus Augen und Sinn verlieren? +Weiß Er es jetzt nicht mehr+,
wenn wir der Vaterliebe unseres Gottes nur halb trauen, nirgends
Ruhe finden, unser armes Herz mit tausend widersprechenden Gedanken,
Hoffnungen, Besorgnissen, Planen, Gewinn- und Verlustrechnungen foltern
und zerreißen -- und dann doch in Angst und Unglauben +beten+ -- +um
Nahrung und Kleidung+, wie Heiden, die keinen Gott kennen? +Weiß Er da
nichts mehr+ von getheilten Herzen, von gespaltenen Schlangenzungen,
von schielenden Augen, von studierten Hofmanieren &c. der Betenden?
Möchte doch dieses Alles nur von den alten Pharisäern gegolten haben!
-- --
* * * * *