Still vor sich hin lachte er dabei, wenn er an seinen alten Freund aus

den Minen, den Mexikaner, dachte, wie der ihn jetzt in Lima suchen und wie

wüthend er sein würde, wenn er endlich erführe, daß er da draußen auf dem

Meere schwimme. Nach Deutschland mochte er ihm dann folgen; wo sollte er

ihn da finden? Und _wenn_ er ihn wirklich fand, welches deutsche Gericht

hätte sich auf eine so wahnsinnige Anklage hin seiner angenommen?

Ganz in seine Gedanken vertieft, hatte er gar nicht mehr auf den stummen

Diener geachtet, der indessen an Bord gestiegen war, das Canoe etwas

heranzog, dann das Ruder in die Hand nahm und nun langsam den Platz

einnahm, den der steuernde Indianer vorher inne gehabt. Jetzt setzte er

ruhig das Ruder gegen die Uferbank und schob das Canoe leise in den Strom

hinaus und vom Lande ab.

»Halt, Pablo,« sagte Bockenheim, ohne aber seine Stellung noch zu

verändern, »nimm Dich in Acht; wir werden flott, und ich glaube, Du weißt

nicht besonders mit einem Canoe umzugehen.«

Pablo's Augen blitzten von unheimlicher Gluth.

»Doch, Don Gaspard,« lachte er plötzlich mit heiserer Stimme, indem er

das Canoe mit einem einzigen kräftigen Ruderschlag bis weit hinaus in die

Strömung schießen ließ -- »vortrefflich!«

»Alle Teufel!« schrie Bockenheim, in dem ersten Moment mehr davon

überrascht, daß der Stumme sprach, als noch mit einem anderen Gedanken

beschäftigt, indem er halb herum fuhr und sich auf seinen rechten Ellbogen

stützte, um den also entpuppten Diener anzusehen, der aber indeß mit

reißender Schnelle das schlanke Fahrzeug von der Landung abführte. Einen

raschen Blick hatte dieser dabei über das untere Ufer geworfen, und ein

triumphirendes Lächeln zuckte um seine Lippen, als er nirgend mehr ein

Canoe am Ufer bemerken konnte. Es bedurfte keiner weiteren Vorsicht, denn

seine Bahn war frei.

»Aber Pablo!« rief Madame Bockenheim erschreckt, »der Indianer mit den

Früchten ist ja noch auf dem Lande!«

»Kennt Ihr mich nicht, Don Gaspard?« rief da Pablo. »Hat mich die

Augenbinde, der abrasirte Bart und das kurz geschnittene Haar so verändert,

daß Ihr Euren alten Freund Felipe nicht unter der Maske des Kajütenwärters

gespürt habt?«

»Felipe!« schrie der Deutsche, während Todtenblässe seine Züge deckte,

»Teufel!« und fast krampfhaft suchte er sich emporzurichten, um den

rechten Arm frei zu bekommen und nach seinem Revolver zu greifen; aber

der Mexikaner war schneller, als er. Das Ruder in der linken Hand lassend,

griff er mit der rechten neben sich und faßte das dort versteckte Beil.

»Räuber und Mörder!« zischte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen

durch, »da nimm Deinen Lohn!« Und wie das Beil blitzschnell in die Höhe

zuckte, fuhr es zurück und grub sich tief in die Stirn des Unglücklichen,

der lautlos, nur mit einem dumpfen Röcheln, vornüber und zu seinen Füßen

zusammenbrach.

Einen einzigen gellenden, markdurchschneidenden Schrei stieß die Frau aus,

die das Entsetzliche kaum begriff. Aber sie sah den Schlag, der nach ihrem

Mann geführt wurde, hörte den dumpfen Laut, als die Waffe seine Stirn traf,

und sank ohnmächtig auf ihren Sitz zurück.

Weiter verlangte der Mexikaner Nichts, und sich um die Leiche zu seinen

Füßen nicht mehr kümmernd, legte er das Beil wieder neben sich und ruderte

dann, langsamer als vorher, den Fluß hinab, um die vorangegangenen Canoes

nicht einzuholen. Nur dicht am linken Ufer hielt er sich, damit er von der

eben verlassenen Landung nicht mehr gesehen werden konnte, und fühlte sich

dabei vollkommen sicher, daß ihm von dort ab, ehe nicht ein Canoe

vorüber kam, Niemand im Stande war zu folgen. Am Ufer hin, in Sumpf und

Schlingpflanzen, wäre es unmöglich gewesen, den Weg zurückzulegen.

Kaum hatte er aber die nächste Biegung hinter sich und sah die Bahn auch

vor sich frei, als er sich nach einem Platz umschaute, an welchem er, von

dem Gebüsch versteckt, landen konnte; denn mit der Frau durfte er natürlich

nicht nach Colon fahren. Eine solche Stelle zeigte sich auch bald. Dicht

unterhalb einer Schlammbank hatte sich eine natürliche kleine Bucht

gebildet, die auch jetzt weit genug von der zuletzt verlassenen Hütte

ablag, um dort ein Hülferufen nicht mehr zu hören. Wohl durchzuckte ihn der

Gedanke, auch die Frau des Verbrechers unschädlich zu machen; denn war sie

todt, so konnte sie nicht mehr als Klägerin gegen ihn auftreten -- aber

er sträubte sich auch gegen den Mord eines Weibes -- den Verbrecher

hatte seine Strafe ereilt -- sie selber trug keine Schuld, und rasch und

geschickt lenkte er jetzt den Bug des Canoes mitten in die überhängenden

Zweige hinein, und hatte es wenige Minuten später so sicher hinter dem

Gebüsch verborgen, daß selbst ein vorbeifahrendes Canoe seinen Versteck

nicht hätte finden können.

Die Frau lag noch in ihrer Ohnmacht, und er benutzte die freie Zeit, um den

schweren Leichnam des Deutschen ans Land zu heben und zu untersuchen. Den

Revolver und die Brieftasche nahm er an sich, das Gold, welches er bei ihm

fand, legte er zurück ins Canoe. Das beendet, zog er dem Ermordeten die

oberen Kleider aus, band ihm ein Seil, das er bei sich führte, um den

Körper, befestigte das Ende desselben im Canoe und ließ dann den Leichnam

wieder ins Wasser gleiten, damit die Frau, wenn sie sich erholte, nicht

seiner ansichtig würde.

Das geschah indessen rascher, als er selber geglaubt, und wie furchtbar ihr

Erwachen war, läßt sich denken. Aber die Angst lähmte ihre Zunge, denn

sie sah sich mit dem Furchtbaren allein, und wußte nicht, was nun auch

ihr Schicksal sein würde. Felipe bemerkte aber kaum, daß sie zur Besinnung

zurückgekehrt sei, als er ruhig sagte:

»Sennorita, Sie haben für sich Nichts zu fürchten, wenn Sie sich still

verhalten und nicht wahnsinnig genug sind, Hülfe herbeirufen zu wollen, wo

keine zu bekommen ist.«

»Aber mein Mann -- mein Mann!« stöhnte die Arme.

»Er war ein Schurke!« rief der Mexikaner finster, »und alles Gold, das er

mit nach Peru gebracht, nur der Raub, den er _mir_ abgenommen, als er mich

meuchlings im Kalifornischen Walde überfiel. Er hat seine Strafe erhalten

-- die Alligatoren des Chagres verzehren jetzt schon ihre Beute.«

»O mein Gott! O mein Gott!« winselte die arme Frau, »und was wird jetzt aus

mir?«

»Wenn Sie mir das Versprechen geben,« sagte der Mexikaner, »daß Sie sich

_heute_, an der Stelle auf welcher ich Sie hier aussetzen muß, vollkommen

ruhig verhalten wollen, so werde ich Ihnen Geld genug geben, um Ihre

Rückfahrt zu decken. Es ist mehr, als Ihr Mann damals für mich gethan.

Morgen früh kehren dann die Canoes zurück, die jene Passagiere nach

Colon gebracht haben -- die mögen Sie anrufen und um Hülfe bitten. Auch

Lebensmittel sollen Sie da behalten, um davon zu zehren; ich habe keine

Vergeltung an Ihnen zu üben, nur an dem Verbrecher.«

»Und hier, in dem furchtbaren Sumpf soll ich allein zurückbleiben?« stöhnte

die Frau entsetzt.

»Es geschieht Ihnen Nichts,« lachte der Mexikaner bitter; »halten Sie sich

nur ein wenig vom Ufer ab, daß Sie nicht in der Nacht mit einem Alligator

zusammentreffen, dann haben Sie nichts zu fürchten; aber,« setzte er

drohend hinzu, »wagen Sie es, auch nur _einen_ Hülferuf auszustoßen, dann

sind Sie verloren. Gleich unterhalb dieser Stelle werde ich selber bis

Mitternacht versteckt bleiben, um dann nach Colon herunter zu fahren. Höre

ich einen einzigen Laut, dann haben Sie kein Erbarmen mehr zu hoffen; denn

ich darf mich selber keiner Gefahr aussetzen.«

Noch während er sprach, hatte er die Frau ans Land geführt und ihre Sachen,

die er recht gut kannte, aus dem Canoe geschafft, ebenso fast Alles,

was sich an Lebensmitteln im Fahrzeug befand. Die Frau war auf den Boden

gesunken und barg ihr Antlitz in den Händen. Leise schob indessen der

Mexikaner das Canoe wieder vom Land ab und schleifte den daran hängenden

Körper hinter sich her, bis in tiefes Wasser. Die Frau regte sich nicht.

Wenige Minuten später befand er sich draußen in der Strömung, durchschnitt

das Seil, das den Leichnam hielt, und glitt jetzt, so rasch ihn das Ruder

fördern konnte, den Strom hinab.

Dort galt es allerdings, vor allen Dingen die Blutspuren im Canoe

fortzuschaffen, damit diese nicht einen Verdacht gegen ihn wecken konnten.

Das that er, während er, von der Strömung getragen, weiter trieb mit den

dem Deutschen abgenommenen Kleidungsstücken, die er nachher ins Wasser

warf. In kaum einer halben Stunde, und noch vor oder mit eben einbrechender

Dunkelheit, war er fertig und hatte sein Canoe wieder so sauber und blank

gewaschen, daß man auch nicht das mindeste Außergewöhnliche mehr daran

erkennen konnte. Er dachte aber gar nicht daran, sich in der Nähe der am

Ufer zurückgelassenen Frau versteckt zu halten; die Drohung sollte nur dazu

dienen, sie einzuschüchtern, damit sie nicht vor der Zeit doch noch Hülfe

herbeischrie und unbequeme Verfolger auf seine Fährte setzte. Jetzt hatte

er deshalb Nichts weiter zu thun, als den Canoes der übrigen Passagiere

auszuweichen, und in Nacht und Dunkelheit war schon keine Gefahr mehr, mit

ihnen zusammenzutreffen.

Wer von diesen bekümmerte sich aber auch um andere Passagiere, noch dazu

um die Deutschen, mit denen sie wenig oder gar nicht an Bord verkehrt? Ein

Theil von ihnen beabsichtigte, direkt nach New-York, ein anderer nach San

Thomas zu fahren; es fragte Keiner von Allen darnach, wohin _sie_ sich

gewandt.

Der Mexikaner erreichte Colon etwa um elf Uhr Abends, gedachte aber nicht,

an der Stadt anzulegen, und fragte nur einen Fischer, den er noch an

der Mündung des Stromes mit seinen Netzen beschäftigt fand, ob er wisse,

welcher der beiden dort südlich von ihnen liegenden Dampfer zuerst abfahren

werde.

»=Caramba, Señor=, seht Ihr denn das nicht?« lachte der Mann. »Der eine

raucht ja schon aus Leibeskräften. Wenn Ihr da noch an Bord wollt, müßt Ihr

machen.«

Felipe verlangte nicht, mehr zu hören; er legte sich scharf ins Ruder, und

war bald langseit des Dampfers, wo sich die Matrosen, die sein Gepäck an

Bord zu nehmen hatten, nicht wenig über das _Gewicht_ der beiden kleinen

Koffer wunderten. Aber Niemand fragte ihn, woher er käme, oder achtete

darauf, daß er vorn ins Zwischendeck ging und dort seine Passage nahm. Nur

bei dem Clerk des Dampfers mußte er sich melden und diesem die Fahrt nach

San Thomas, wo das englische Boot zuerst anlegte, zahlen.

Andere Passagiere trafen noch ein, aber Alle für die Kajüte, Keiner von

Allen kam nach vorn, und als um zwölf Uhr die Räder anfingen zu arbeiten,

der schwere Anker aus der Tiefe kam, saß Felipe in Sicherheit vorn auf der

Back des Fahrzeuges und schaute mit finster zusammengezogenen Brauen nach

der Mündung des Chagresflusses, der sein Opfer barg, hinüber.

Am nächsten Morgen schien ganz Colon in Aufregung; denn ein Indianisches

Canoe war mit der Frau des Ermordeten eingetroffen, und die Polizei

augenblicklich auf den Füßen -- aber zu spät. Der nordamerikanische Dampfer

sollte San Thomas anlaufen, um den Verbrecher dort aufzuspüren, aber der

Kapitän weigerte sich; es war ein Postschiff, das seine Zeit einhalten

mußte und sich nicht tagelang aus dem Wege fahren konnte. Die Frau wollte

er nach New-York mitnehmen, weiter konnte er nichts für sie thun.

Es hätte ihnen auch Nichts genützt; denn vor San Thomas kreuzen, sobald der

englische Dampfer anlegt, augenblicklich eine Menge kleiner Segelfahrzeuge

nach den verschiedenen Inseln, ja selbst nach Venezuela ab; und wer hätte

nachher sagen können, welches von allen der Flüchtige benutzt hatte, um vor

der Hand nur erst einmal die Verfolger von seiner Spur abzubringen? Er

war fort und in Sicherheit mit seinem Raub, und die Frau des Schuhmachers

kehrte später mit dem kleinen Kapital, das sie in ihrem eigenen Koffer

geborgen, nach Deutschland zurück. Allerdings gewann sie noch eine Summe

aus dem Erlös ihrer Brillanten, die ihr der Mexikaner gelassen, oder an die

er wohl nicht einmal gedacht, und nahe an tausend Thaler lieferte auch

noch die später in Lima verkaufte Einrichtung; aber wie anders hatte sie

geglaubt, das Vaterland wieder zu betreten!

Sie gab auch, dort angekommen, die Hoffnung noch nicht auf, den Mörder zu

erreichen. Augenblicklich machte sie die Anzeige, und der ***sche Gesandte

in Mexiko, wie die verschiedenen Consuln, bekamen bestimmten Auftrag, nach

demselben zu forschen, daß man nur erst einmal seinen Aufenthalt erfuhr.

Es blieb vergeblich. Ob Felipe Corona gar nicht wieder nach Mexiko

zurückgekehrt war? Seine Spur wurde nie wieder aufgefunden.

Ein =prize-fight= oder Boxerkampf in Cincinnati.

Als ich nach Cincinnati kam, beschäftigte die dortige Presse in dem

Augenblick fast einzig und allein ein in den nächsten Tagen abzuhaltendes

Preisboxen, das zwischen zwei berühmten Boxern Jones und McCoole

stattfinden sollte. Wahlen, indianische Ueberfälle im Westen, Alles war in

dem einen, zu erwartenden Genuß vergessen, und dabei wurde diese von den

Gesetzen doch so streng verbotene Sache mit einer so naiven Oeffentlichkeit

betrieben, daß es besonders den Fremden in Erstaunen setzen mußte. Ueberall

klebten die Zettel, die mit der Abbildung beider Kämpfer zur Theilnahme

aufforderten, und Jones besonders, von dem man wußte oder wissen wollte,

daß er die =science of the art= auf das Gründlichste verstehe, gab schon

vorher eine Art von Vorstellung in der »Mozart-Halle,« die dann auch bei

dichtgedrängtem Hause stattfand.

Der Tag kam, und anstatt Eintrittskarten wurden weiße und lila Bänder

verkauft (der Preis für ein lila Band für den inneren Ring =à= 7 Dollars),

die zugleich für freie Passage auf dem Extrazug galten. Aber Niemand wußte,

wo der Kampf stattfinden sollte, als die wenigen Eingeweihten, und die

Polizei mußte jetzt doch einschreiten und Jones verhaften, der aber

augenblicklich wieder auf Bürgschaft entlassen wurde, als er sich

verbindlich machte, den Frieden des Counties, in welchem Cincinnati lag

(=Hamilton county=) nicht zu stören. Ueber die Grenzen desselben hinaus

hatte die Polizei keine Macht. Allerdings wußte man, daß der Preiskampf

nichtsdestoweniger an der Grenze stattfinden würde, aber Niemand natürlich,

nach welcher Himmelsrichtung, und man ließ der Sache eben ihren Lauf, ja

kehrte sich sogar nicht daran, als Zeit und Bahnhof genau angegeben und von

jedem Theilnehmer gekannt waren.

Die Abfahrt sollte Morgens halb zwei Uhr stattfinden und fünfzehn jener

riesigen amerikanischen Eisenbahnwagen standen bereit, die Zuschauer an den

Ort ihrer Bestimmung zu schaffen. Es wurde aber fast drei Uhr, ehe der Zug

abging, und die Wägen fanden sich dann auch gestopft voll Menschen. Nicht

allein die Sitze waren überfüllt, nein in jedem Wagen standen auch

überdieß noch 25-30 unglückliche Individuen, von denen Viele wohl die ganze

vorherige Nacht durchgeschwärmt hatten und vor Müdigkeit nicht mehr die

Augen aufhalten konnten.

Der Zug konnte nicht rasch vorrücken, denn der Verkehr auf der Bahn ist ein

sehr starker, und nur zu oft mußten wir halten, um regelmäßige Züge, die

sich eben so regelmäßig verspätet hatten, durchzulassen. Endlich nach sechs

Uhr erreichten wir den Platz -- ein kleines, parkartiges Gehölz, das zu der

Farm eines Baptistenpredigers gehörte und zu dem Zweck von ihm gemiethet

war. Einige der Passagiere wunderten sich darüber, daß der Geistliche

sein Grundstück zu einem, noch dazu durch das Gesetz verbotenen Boxerkampf

hergeben sollte, Andere aber vertheidigten ihn wieder und behaupteten, er

würde keineswegs gewußt haben, wozu man es gebrauchen wolle. In Amerika ist

aber, noch dazu bei der Aussicht, Geld zu verdienen, Alles möglich, und so

gut wie jetzt die Methodisten in Omaha ihre kleine Kirche auf zehn Jahre

an einen deutschen Wirth verpachtet haben, um für diese Zeit eine Bierhalle

daraus zu machen, eben so gut konnte der Baptist auch das kleine Gehölz

einmal auf ein paar Stunden für einen Schauplatz roher Brutalität

vermiethen und sicherlich nicht mehr in der kurzen Zeit damit verdienen.

Doch dem sei, wie ihm wolle. Wir waren da, und kaum hielt nun der Zug, als

das wilde blutdürstige Volk schon wie ein Schwarm von den Wägen hinabsprang

und sich über die unter ihm zusammenbrechende Fenz warf, um einen »guten

Platz« zu bekommen und den Kämpfenden so nahe als irgend möglich zu sein.

Ja, damit waren Viele noch nicht einmal zufrieden, und wie sie nur das

kleine Gehölz erreichten, suchten schon Hunderte an den nächsten Bäumen

emporzuklettern, um von denen aus keinen Moment des »interessanten Kampfes«

zu versäumen. Vielen gelang das auch, und einzelne kleine, leicht

zu ersteigende Bäume waren im Nu mit Menschen gefüllt, die oft in

lebensgefährlicher Weise bis in die äußersten Zweige hinauskletterten

und dort hängen blieben. Andere, als sie dort keinen Platz mehr fanden,

versuchten sich an dickeren Bäumen, und Manche entwickelten dabei eine

erstaunliche Fertigkeit. Wehe aber dem armen Teufel, dessen Kräfte

unterwegs nachließen -- Aller Augen, da es noch weiter nichts zu sehen

gab, hingen an ihnen, und wie sie nur hielten, ertönten schon spöttisch

ermuthigende Zurufe, die sich aber zu einem indianischen Geheul steigerten,

sobald der Unglückliche, mit hochhinaufgerutschten Hosen, seinen nicht mehr

zu verheimlichenden Rückweg begann.

Indessen wurden Anstalten gemacht, um den sogenannten Ring aufzuschlagen,

was aber durch die augenblicklich herbeidrängenden Menschen zur

Unmöglichkeit wurde. Außerdem war der Boden hart und trocken und die Pfähle

ließen sich nur sehr schwer eintreiben. Es dauerte auch in der That

eine volle Stunde, bis man die wie wahnsinnigen Menschen nur so weit

zurücktreiben konnte, um die Arbeit in Angriff zu nehmen, und weder

Vernunftgründe noch Gewalt schienen bei ihnen etwas auszurichten. Sehen

wollten sie -- Alles sehen, wofür sie ihr Geld bezahlt, und nur erst, als

sie doch wohl einsahen, daß in solcher Weise der Kampf nie stattfinden

könne, gaben sie endlich nach.

Die Pfosten wurden etwa 12 Fuß von einander eingetrieben, so daß sie ein

etwa 18 Fuß im Quadrat haltendes Viereck umschlossen, und dann mit festen

Tauen so gut als möglich zusammengeschnürt. Die Taue mußten auch dazu

dienen, die Kämpfer, wenn sie dagegen geworfen würden, aufrecht zu halten.

Dicht -- so dicht als möglich um das Viereck lagerten aber die Zuschauer,

und da sich etwa 3000 von diesen auf dem Plan befanden, so wäre es später

für die hinten Stehenden nicht möglich gewesen, auch nur einen Blick in den

Ring zu werfen. Dafür mußte Abhülfe geschafft werden, und es begann jetzt

von Neuem die sehr undankbare Arbeit, die Menschenmasse, die sich sicher

im Besitz eines guten Platzes fühlte, wieder eine ganze Strecke

zurückzutreiben und nicht allein einen größeren Kreis, sondern auch einen

freien Platz um den Ring zu bekommen.

Auch dieß geschah endlich, nachdem ein Zeitungsredakteur, von Chicago,

glaub' ich, der besonders zu dem Zweck hierher gekommen, eine Rede an das

»Volk« gehalten und ihm damit gedroht hatte, daß der Kampf (=the fight=)

unter keinen Umständen stattfinden könne, wenn sie nicht den Anordnungen

der Kommission Folge leisteten. Widerstrebend gaben sie endlich Raum, aber

nur Zoll für Zoll, bis sie endlich etwa zehn Schritt freie Bahn zwischen

sich und dem Kampfplatz hatten. Dann wurden die ersten fünf bis sechs

Reihen beordert, die Ersten sich zu lagern, die Anderen zu knieen, und

wenn dann die Hintersten aufrecht standen, konnte jeder an dem Genuß Theil

nehmen.

Bis dahin war es etwa zehn Uhr geworden und das Publikum hatte, einzelne

kleine Zwischenfälle abgerechnet, gar kein Vergnügen, denn die Kampfrichter

konnten sich noch nicht über einige Formalitäten einigen. Für Zwischenfälle

sorgten aber die auf den Bäumen sitzenden Zuschauer, denn mehr und

mehr kletterten hinauf, und hie und da knackte ein Ast, was die dadurch

Bedrohten zwang, ihr Heil in der Flucht zu suchen. Ein paarmal brach auch

ein zu sehr beladener Ast und die darauf Sitzenden stürzten dann, zum

Jubel der ganzen Versammlung, auf den Boden nieder -- glücklicherweise ohne

ernstlichen Unfall.

Auch einige Streitigkeiten kamen vor, denn die Herren in den Bäumen kauten

sehr natürlich, nach amerikanischer Sitte, Tabak und mußten ausspucken, und

das konnte eben so selbstverständlich nur nach unten geschehen. Von unten

wurde dann hinaufgedroht und von oben heruntergelacht, und die Sache blieb

beim Alten.

Endlich -- es war fast elf Uhr geworden -- gerieth die Menge in Bewegung.

»Sie kommen!« so lief der Ruf durch die Versammlung, und nach kurzer Zeit

erschien einer der Kämpfer auf dem Schauplatz. Schon ehe er denselben

erreichte, warf er, nach alter Boxersitte, seinen runden Hut voran und

hinein, und ein Jubelschrei begrüßte ihn. Es war der Engländer Jones,

eine breitschultrige, derbknochige, aber gemein aussehende Gestalt, doch

anständig gekleidet und nur mit einem breiten, ausdruckslosen und jetzt

augenscheinlich bleichen Gesicht und kleinen Augen. Er schien grüne

Handschuhe zu tragen.

Ohne Aufenthalt kroch er unter den Tauen durch in den »=ring=« und nahm,

da er die Wahl der Ecken hatte, seinen Platz in der einen, oberen, wo schon

ein Stuhl für ihn bereit gestellt war. -- Auch seine beiden Sekundanten,

allem Anschein nach der untersten Schicht der Gesellschaft angehörend,

kamen jetzt herzu, und nachdem sie sich die bezeichnenden seidenen Binden

um die Hüften gelegt, als Zeichen, welcher Partei sie zugehörten, hielt der

Eine von ihnen einen ausgespannten Regenschirm über Jones, um ihn gegen die

Strahlen der schon ziemlich heiß brennenden Sonne zu schützen. -- Es war

ein rührendes Bild.

Jetzt aber brach ein wilder Jubelsturm los, denn ein guter Theil der

Anwesenden schien dem irischen Volksstamm anzugehören, und der Hut

McCoole's, des Iren, flog wirbelnd in den Ring, während die riesige Gestalt

desselben keck und wie siegesgewiß demselben folgte und seine Freunde

lächelnd begrüßte.

Ich selber zweifelte in dem Augenblick keinen Moment mehr, wer von Beiden

Sieger des heutigen Tages bleiben würde -- Jones oder McCoole.

Der Ire nahm die andere Ecke ein. Es war eine hohe, mächtige Gestalt, über

sechs Fuß, mit breiter Brust, aber einem rohen, wüsten Ausdruck in den

Zügen. Er ging in einen dicken Rock fest eingeknöpft und hatte noch

außerdem, und trotz der Hitze, einen wollenen Shawl um den Hals geschlagen.

Auch seine beiden Sekundanten gesellten sich, unter den nämlichen

Vorbereitungen, zu ihm und Beide verharrten dann wohl volle zehn Minuten,

vielleicht länger, in ihrer Stellung, nur dann und wann Einer nach dem

Andern einen verstohlenen Blick hinüber werfend, um die Chancen des Kampfes

vielleicht zu berechnen.

Endlich warf Jones seinen Rock ab und löste sich das Halstuch, welchem

Beispiel gleich darauf sein Gegner folgte. Die Sekundanten waren dabei

beschäftigt, ihnen die Schuhe aus- und ein Paar Halbstiefeln anzuziehen,

an denen sich, wie bei Steigeisen, scharfe Spitzen befanden, um ihr

Ausrutschen auf dem Rasen zu verhindern.

Wieder eine kurze Pause. McCoole hatte ein paar Worte mit seinen

Sekundanten gewechselt und die Kampfrichter wurden auf die grünlichen Hände

Jones' aufmerksam gemacht, die man Anfangs für mit Handschuhen bedeckt

angesehen hatte. Es scheint, daß McCoole den Verdacht geäußert, sie könnten

mit einer giftigen Substanz versehen sein. Jones wurde deßhalb von dem

vorhandenen Arzte, nachdem dieser sie berochen -- was genau so aussah, als

ob er dem Preisboxer die Hand küßte -- aufgefordert, daran zu lecken. Er

that das auch lächelnd und mit so augenscheinlich gutem Willen, daß jeder

Verdacht schwinden mußte. Es war nur eine bei Preisboxern nicht seltene

Gerbestoffmasse, mit welcher er die Hände angestrichen hatte, um die Haut

fester zu machen und sie bei einem schweren Schlag nicht so leicht zu

gefährden.

Jetzt wurden den beiden Kämpfern die Beinkleider ausgezogen, unter denen

sie kurze Hosen und lange Strümpfe trugen. Und nun erst erhob sich Jones

und dann McCoole, warfen ihre Oberhemden ab und zeigten die breite nackte

Brust, wie den muskulösen Bau der Schultern.

Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen · 第 17 / 18 段