»Gott sei Dank!« murmelte er leise vor sich hin, als er vorn am Bug stand

und mit leuchtenden Blicken die Schnelle beobachtete, mit welcher sich der

Dampfer vom Hafen entfernte. »Gott sei Dank, und nun kann Don Felipe,

wenn er wieder nach Lima zurückkommt, sich ein Vergnügen machen, mich dort

aufzusuchen. Daß der Schuft auch --,« er murmelte das Uebrige nur leise

durch die Zähne; denn selbst die neben ihm stehende Frau sollte nicht

erfahren, nach welcher Richtung seine Gedanken abschweiften.

Die Fahrt nach Guayaquil war eigentlich eine Vergnügungstour, und die

fünf Tage vergingen den Reisenden wie im Flug. Besonders genoß aber Madame

Bockenheim dieselben; denn von Niemanden gekannt, war sie hier vollkommen

im Stande, die vornehme Frau zu spielen, und that das wirklich nach besten

Kräften. Auf der spiegelglatten See und dem geräumigen Fahrzeug wurde

natürlich Niemand krank. Damen kleiden sich trotzdem gewöhnlich an Bord

außerordentlich einfach, denn sämmtliche Passagiere bilden ja doch, für die

Dauer der Reise, gewissermaßen _eine_ Familie, und man ist da nicht gern

genirt. Es befanden sich denn auch etwa acht oder neun Sennoritas in der

Kajüte -- einige davon aus den ersten Familien Lima's und Valparaiso's, auf

einer Vergnügungstour nach Europa; aber wirkliche Toilette machten sie auf

der ganzen Reise nicht, und gingen nur gewöhnlich in einem ganz einfachen

Hauskleid, in dem sie sich frei und bequem bewegen konnten.

Madame Bockenheim _strahlte_ zwischen ihnen; schon zum Frühstück rauschte

sie in Seide und Spitzen unter ihnen herum, und zum Diner erschien sie

sogar mit ihrem Brillantschmuck und lächelte vergnügt vor sich hin, wenn

die anderen Damen leise mitsammen zischelten -- war es ja doch nur der

blasse Neid, der sie bewegte.

Am fünften Tag erreichten sie Guayaquil, die südliche Hafenstadt Ecuadors;

aber die Passagiere bekamen keine Zeit, das Land zu betreten, da sich

der Dampfer nur wenige Stunden hier aufhielt, die für Ecuador bestimmten

Passagiere absetzte, Andere für Panama an Bord nahm und dann augenblicklich

wieder den Strom hinabkeuchte. Der Steward erhielt kaum Gelegenheit, eine

Partie der wundervollen Früchte an Bord zu nehmen, die in Canoes an der

ganzen Landung aufgeschichtet lagen und die Luft mit ihrem Arom erfüllten.

Eine Menge neues Volk war dadurch an Bord gekommen, besonders aber viel

Kajüten-Passagiere, da eine neue Revolution in Ecuador auszubrechen drohte,

und manche Ecuadorianische Familien es doch vorzogen, dieselbe in einem

anderen Theile Amerika's abzuwarten. Es fehlte dadurch fast an Bedienung

an Bord, und besonders mußten alle Aufwärter aus der vorderen Kajüte oder

vielmehr dem Zwischendeck herbeigezogen werden, um bei Tisch zu bedienen.

Die Zwischendecks-Passagiere mochten sehen, wie sie allein fertig wurden;

denn viel Umstände machte man mit denen nicht.

Am besten bedient waren aber, merkwürdiger Weise, die beiden Deutschen

an Bord, Bockenheim und seine Frau; denn einer der Aufwärter, den sie bis

Guayaquil noch gar nicht an Bord gesehen, nahm sich ihrer an und schien nur

auf ihren Wink zu lauschen, um ihnen augenblicklich zu Diensten zu stehen.

War es, daß ihm das vornehme Aussehen der Dame imponirte, oder hatte er

sich vielleicht kluger Weise eine ihm reich scheinende Familie ausgesucht,

um dann nachher von dieser ein desto ansehnlicheres Trinkgeld zu erhalten:

genug, wenn er sich selbst am entferntesten Ende des Salons befand und

Bockenheim drehte nur den Kopf, so schoß er schon herbei, um seine Befehle

zu erwarten und dann mit fabelhafter Schnelle auszuführen.

Leider war der Bursche -- Peruaner oder Ecuadorianer ließ sich nicht gut

unterscheiden, da man alle möglichen Schattirungen der Haut bei beiden

Völkern trifft -- vollkommen stumm, eine Unterhaltung mit ihm also nicht

möglich, auch trug er um das linke Auge eine schwarze Binde. Ueberhaupt

konnte man ihn nicht hübsch nennen, denn eine auffallend dicke Oberlippe

gab seinem Gesicht einen merkwürdigen, fast unangenehmen Ausdruck. Aber er

blieb die Gefälligkeit und Aufmerksamkeit selber und gewann sich dadurch

die Zuneigung der Frau auf das Vollständigste.

Sein Lohn blieb auch nicht aus. Als sie endlich Panama erreichten, wo die

Passagiere in den Hôtels den Abgang der »Karavane« erwarten mußten, gab sie

ihm selber »für gute Bedienung« ein Zwanzig-Frankenstück, und hatte dafür

die Genugthuung, daß er ihr demüthig und dankbar die Hand küßte. Sprechen

konnte der arme Teufel ja nicht. Nur seinen Namen hatte er ihnen schon

früher einmal aufschreiben müssen. Er hieß Pablo.

In Panama wurden die Reisenden einige Tage aufgehalten; denn die Eisenbahn,

die den Isthmus kreuzt, war damals erst im Bau begriffen, und sie mußten

deshalb den weit beschwerlicheren und kostspieligeren Weg per Maulthier

zu Land bis dahin zurücklegen, wo sie den Chagresfluß erreichten, und dann

ihre Reise, diesen kleinen Strom hinab in Canoes, und von der Strömung

getragen, bequemer fortsetzen konnten.

Aber selbst nicht ohne Gefahr war dieser erstere Weg; denn amerikanisches

Gesindel hatte in der letzten Zeit angefangen, den von Kalifornien

zurückkehrenden und meistentheils goldbeschwerten Reisenden aufzulauern und

sie zu überfallen und zu berauben. Ja sogar verschiedene Mordthaten waren

verübt worden, so daß sich Niemand mehr allein über den Isthmus getraute,

sondern die Reisenden, wenn der Dampfer in Panama landete, jedesmal

geschlossene und gut bewaffnete Züge bildeten, von denen die Strauchdiebe

dann wohl die Hände lassen mußten.

So geschah es auch hier. Der Dampfer von San Francisco hätte eigentlich

auch gerade in dieser Zeit eintreffen sollen, war aber ausgeblieben, und da

die vom Süden kommenden Passagiere ebenfalls schon einen ganz ansehnlichen

Zug stellen konnten, beschlossen sie, nicht auf das Unbestimmte in dem

überdies entsetzlich theuren Panama zu warten, sondern ungesäumt ihre

kleine Karavane zu ordnen und aufzubrechen.

Das geschah am dritten Tage nach ihrer Ankunft, und so arg mußten es die

Isthmus-Räuber doch in der letzten Zeit getrieben haben, daß sich die

Neu-Granadiensische Regierung sogar veranlaßt sah, den Reisenden als Schutz

eine kleine Abtheilung Kavallerie mitzugeben, um ihre Truppe zu

verstärken und sicher zu stellen. Es waren, besonders von Amerika, zu viel

Reklamationen eingelaufen, und man wollte doch wenigstens zeigen, daß man

den guten Willen hatte, Fremden Sicherheit im eigenen Lande zu gewähren.

Viel war es immer nicht, denn bei dem Ueberfall einer größeren Horde hätten

sich die Neu-Granadiensischen Soldaten auch wahrscheinlich nicht lange

aufgehalten. Was sollten sie ihr kostbares Leben einer Anzahl Fremder wegen

aufs Spiel stellen?

Der Trupp war aber doch so zahlreich geworden, daß sie allein durch den

Lärm, den sie machten, Achtung einflößen konnten, und mit gutem Muth

begannen sie die Tour, die freilich schon an und für sich durch den

weichen, morastigen Boden und die ewigen Regen in Mittel-Amerika genug

des Unangenehmen bot -- ohne noch Räubern und Mördern auf der Straße zu

begegnen.

Madame Bockenheim stand aber noch, ehe sie aufbrachen, eine Ueberraschung

bevor; denn als an dem Morgen im Hof des Panama-Hôtels die Maulthiere

vorgeführt wurden, um beladen zu werden, meldete sich plötzlich der

gefällige Kellner vom Dampfboot, der stumme Pablo, bei ihnen und zeigte so

viel Freude und machte ihr durch Zeichen so klar, daß er ebenfalls über

den Isthmus, und sie unterwegs bedienen wolle, daß sie den Burschen

augenblicklich engagirte. Ein treuer Diener war auf einer solchen Reise

allerdings von unschätzbarem Werth, und Bockenheim, der mit Maulthieren

nicht besonders umzugehen wußte, zeigte sich mit der neuen Acquisition

vollkommen einverstanden.

Pablo verstand seine Sache aus dem Grunde. Er sah augenblicklich die

Packsättel der Maulthiere nach und warf den einen, der nicht ordentlich

aufgelegt schien, ohne Weiteres wieder hinab, um die darunter liegenden

Decken frisch zu ordnen, damit die Thiere nicht wund gedrückt würden. Dann

sprang er hinauf, um das Gepäck zu holen, und wenn Bockenheim das auch

lieber selber besorgt hätte -- denn die kleinen Colli enthielten viel Gold

und waren schwer -- so hatten sie ja doch in so starker Begleitung Nichts

zu fürchten, und der arme _stumme_ Mensch konnte auch Nichts ausplaudern,

und schien überhaupt sehr stiller, friedlicher Natur.

Durch Pablo's Hülfe gelang es ihm auch weit rascher, mit all' seinen

Vorbereitungen zu Stande zu kommen, als das sonst wahrscheinlich der Fall

gewesen wäre, und kaum eine Stunde später setzte sich der Zug in Bewegung,

um so bald als möglich die Ufer des Atlantischen Ozeans zu erreichen.

Viertes Kapitel.

Auf dem Chagresfluß.

Es war in der That eine mühsame Tour. Wer noch nie diese tropische, dicht

bewaldete und von ewigem Regen feucht gehaltene Wildniß durchwandert hat,

kann sich wirklich keinen Begriff von den Schwierigkeiten machen, die sich

da dem Reisenden entgegenstellen und ihm überall Hindernisse in den Weg

werfen.

Die Vegetation ist unglaublich, und während Palmen und Laubhölzer ein

anscheinend festes Dach über den Wanderer wölben, daß kein Sonnenstrahl

wenigstens auf den Boden fallen, keine frische Brise seine heiße Stirn

kühlen kann, läßt es den niederfluthenden Regen in Strömen durch, denn

jedes Palmenblatt bildet eine besondere Wasserrinne. Der Boden wird dadurch

natürlich fortwährend naß und weich gehalten, sumpfige Strecken durchziehen

nach allen Richtungen hin den Pfad, so daß die Maulthiere bald hier, bald

da bis über die Knie im Morast versinken und manchmal durch die Treiber

selber wieder herausgehoben und auf die Füße gebracht werden müssen. Und

dabei dies oft undurchdringliche Unterholz mit dornigen Schlingpflanzen,

breiten, nassen Blättern, Palmschößlingen und niederen Büschen, durch das

man sich an vielen Stellen die Bahn mit dem Messer oder der =macheta= hauen

muß, und in welchem die Thiere trotzdem überall hängen bleiben.

Kein Wunder, daß man auf solchem Boden nur kleine, sehr kleine Tagereisen

machen kann. Den Abend verbringen die total durchnäßten Reisenden dann

unter einem von Palmblättern rasch hergestellten und sogenannten Rancho,

unter dem sie wenigstens trocken liegen. Außerdem ist auch das Klima so

warm, daß ihnen die Nässe selber Nichts schadet, denn Erkältungen kommen

dort nicht vor.

Hier aber, im ersten Nachtlager, zeigte sich erst, welchen vortrefflichen

Begleiter die Familie Bockenheim auf ihrem Wege gewonnen hatte; denn Pablo

schien im Urwald und bei einem niederströmenden Regen unbezahlbar. Ohne

dazu beauftragt zu sein, lud er die Maulthiere ab, brachte das Gepäck

zusammen auf einen engen Raum, legte die Decken darüber und über diese die

Packsättel, und ging dann mit einem kleinen Beil, das er jedenfalls nur zu

diesem Zweck bei sich führte, augenblicklich daran, eine Palme zu fällen,

die Blätter derselben dann zu spalten und nach einer passenden Stelle zu

schaffen, wo er das Lager für seine neue Herrschaft aufzuschlagen gedachte.

Rasch hatte er jetzt Pfähle gehauen und in den Boden gerammt, Querhölzer

darüber gelegt und deckte die temporäre Hütte dann mit den Palmzweigen so

fest und dicht, daß auch kein Tropfen Regen hindurchdringen konnte.

Auch weiche breite Blätter suchte er aus, um ein bequemes Lager zu

bereiten, und schichtete sie dick unter dem Palmendach auf, so daß

Bockenheim und seine Frau, wie sie nur erst ihr Gepäck an sich genommen

und ihre Decken ausgebreitet hatten, so bequem und weich wie in einem Bette

lagen.

Dabei sorgte der stumme Diener für Alles, bereitete ihnen das Abendbrod,

zog sich dann auf sein eigenes Lager am äußersten Rand des Blätterdachs

zurück, und hatte am nächsten Morgen _ihre_ Maulthiere zuerst von allen

beigetrieben und gesattelt.

In gleicher Art verbrachten sie das zweite Nachtquartier; dieser Tagemarsch

war aber fast noch beschwerlicher gewesen, als der erste, denn ein wahrer

Wolkenbruch entlud sich über die Höhen und wandelte die weiche Moorerde zu

einem flüssigen Morast, so daß einzelne Maulthiere abgeladen werden

mußten, um sie nur wieder aus den Sumpflöchern zu befreien, in denen

sie eingesunken waren. Natürlich hielt das die ganze Karavane auf. Die

einzelnen Reisenden durften sie doch nicht im Stich lassen, und wenn auch

nicht mehr weit vom Chagresfluß entfernt, konnten sie ihn doch nicht an

diesem Abend erreichen, und mußten zum zweiten Mal im Walde lagern.

Endlich am dritten Morgen kamen sie in Sicht des Stromes, und Pablo winkte

hier seinem neuen Herrn, daß er nur bei dem Zuge bleiben solle, indeß er

selber voraus eilte und ein Canoe für sie schaffte. Es gab allerdings eine

Menge von Indianern in jener Gegend, die es einträglich gefunden hatten,

sich mit dem Transport von Fremden zu befassen; aber es war doch immer

besser, sich gleich von vornherein ein Canoe zu sichern, um nicht einmal

der Möglichkeit ausgesetzt zu sein, in dieser Wildniß von den Uebrigen

zurückgelassen zu werden. Jetzt nämlich, mit dem Strom vor sich, der sie in

kurzer Zeit an die Küste bringen konnte, hätte Keiner mehr auf den Anderen

gewartet. Es dauerte auch nicht lange, so kehrte Pablo zurück und winkte

der Sennora, ihm nur zu folgen. Er mußte jedenfalls ein passendes Boot

gefunden haben, säumte auch nicht lange, sondern nahm die Thiere und führte

sie eine kurze Strecke stromauf, wo sie schon durch die dort offenen Büsche

eine Lichtung mit einer Hütte erkennen konnten.

Dicht darunter lag ein nicht sehr großes, aber bequemes Canoe, das er für

sie gemiethet zu haben schien. Der Preis dafür war allerdings, wie er in

den Sand schrieb, eine Unze, also sechszehn Dollars, aber auch wieder

nicht zu viel, wenn man bedachte, wie gerade dieser Volksstamm durch den

zahlreichen Verkehr verwöhnt worden war, hohe Preise zu fordern. Bockenheim

zahlte es auch mit dem größten Vergnügen; denn hatten sie doch jetzt die

beschwerliche und sogar gefährliche Landreise hinter sich, und durften also

hoffen, bald, recht bald das Ziel ihrer Reise zu erreichen. Einmal erst an

Bord des Dampfers, und sie waren so gut wie zu Hause.

Und wie glücklich war bis jetzt Alles gegangen. Von Räubern hatten sie auch

nicht die Spur unterwegs gesehen, noch weniger irgend eine Unbequemlichkeit

von ihnen erlitten. Die Neu-Granadiensische Eskorte nahm hier, mit einer

reichlichen Belohnung für die einzelnen Leute, Abschied von ihnen, um eine

gerade stromauf gekommene Gesellschaft zurück zu eskortiren. Sie hörten

auch hier, daß zwei Dampfer, der eine für New-York, der andere für San

Thomas bestimmt, vor Colon lagen. Der amerikanische wartete also auf die

=San Francisco Mail=, der westindische dagegen segelte gleich ab, und je

eher sie deshalb hinab kamen, desto besser.

Wenn die Reisenden nun aber auch kein räuberisches Gesindel unterwegs und

auf dem festen Land getroffen hatten, so war damit die Möglichkeit noch

gar nicht ausgeschlossen, daß sich einzelne solcher Strolche auf dem

Chagresfluß selber herumtrieben, und es blieb deshalb gerathen, die Canoes

der verschiedenen Parteien dort ebenso zusammen zu halten, wie auf dem

Lande ihre Maulthiere. Bockenheim wäre allerdings, da er am ersten mit

Pablo's Hülfe reisefertig geworden, auch am liebsten voraus gefahren, denn

der Boden brannte ihm hier unter den Füßen; Pablo selber aber rieth ihm

durch Zeichen, zu warten, bis die Uebrigen sich ihnen anschließen konnten,

und Mittag war es etwa, als sich die kleine Canoeflotte endlich in Bewegung

setzte und mit der ziemlich starken Strömung rasch den Fluß hinabglitt.

Der Indianer, dem das von Pablo gemiethete Canoe gehörte, saß am Steuer

oder ruderte vielmehr im Stern seines kleinen Fahrzeuges; vor ihm, seine

Schätze zu seinen Füßen, saß Bockenheim, dann kam Pablo, der ebenfalls ein

Ruder führte, um sie rascher vorwärts zu bringen, und vorn im Bug hatte

er der Sennora noch kurz vorher, ehe sie aufbrachen, von breiten

Bananenblättern und übergebogenen Bambusstäben ein kleines Zeltdach gebaut,

das sie gegen die Strahlen der Sonne oder etwa eintretende Regenschauer

vollkommen schützen konnte. Allerdings hatten sich noch einige

Reisegefährten als Mitpassagiere gemeldet, weil sie dadurch billiger

wegzukommen hofften; Pablo zupfte aber dann jedesmal seinen neuen Herrn

verstohlen, um ihm abzurathen, und Bockenheim selber hatte seine besonderen

Gründe, keine fremden Menschen in sein Fahrzeug zu nehmen. So blieben sie

denn allein und führten auch, von den beiden kräftigen Rudern vorwärts

getrieben, bald den ganzen Zug an.

Wie heiß aber die Sonne brannte -- Bockenheim briet ordentlich in ihren

Strahlen, und der aufmerksame Diener winkte endlich dem Indianer zu und

schrie ihn in unartikulirten Lauten so lange an, bis dieser etwas seitab in

den Schatten der über den Strom hineinhängenden Bäume hielt. Dadurch kamen

sie allerdings aus der eigentlichen Strömung, und andere Canoes gewannen

ihnen den Rang ab; aber was schadete das? Sie erreichten doch noch immer

zur rechten Zeit die Mündung und konnten indessen wenigstens bequem im

Schatten fahren.

Das Canoe aber, das Anfangs das erste gewesen, blieb jetzt mehr und mehr

zurück. Pablo schien doch mit Maulthieren besser und geschickter umgehen

zu können, als mit einem Ruder. Der Indianer zankte wenigstens ein paar Mal

auf ihn ein, wenn er durch irgend ein Versehen den Bug des Fahrzeuges aus

seiner Richtung und in irgend ein paar Zweigen oder aushängendem Holz fest

brachte, was immer einen geringen Zeitverlust erforderte, um es wieder los

zu bekommen. Er nahm aber solche Scheltworte ruhig und demüthig hin, und

that nachher sein Bestes, um es wieder gut zu machen.

Die Sonne neigte sich zu ihrem Untergang, aber die Entfernung sollte, nach

des Indianers Angabe, gar nicht mehr so weit sein, um nicht wenigstens das

kleine Städtchen Aspinwall noch zu erreichen. Der Himmel blieb dazu klar,

Mondschein hatten sie ebenfalls, und bei fast windstiller Luft war nicht

das Geringste zu befürchten. Sie brauchten ja eben nur mit der Strömung

hinabzutreiben.

Es war eine wundervolle Fahrt, und Bockenheims Frau besonders, die

nie etwas Aehnliches gesehen, ganz entzückt von der prachtvollen,

unbeschreiblich schönen Scenerie. Allerdings sahen sie nicht viel von dem

sich an beiden Seiten hinziehenden Wald, denn die ziemlich steilen und

schroffen Ufer verhinderten sie daran; aber überall über diese hinaus

hingen die herrlichsten Festons blumengeschmückter Ranken, neigten die

Palmen ihre gefiederten Wipfel oder schüttelten breitblättrige Bananen ihre

zitternden Wedel. Wo aber einmal ein kleiner Bach in den Chagres einmündete

oder selbst nur ein Sumpfwasser das, aus dem niederen Land kommend, hier

seinen Ausfluß suchte, da überbot die dort wuchernde Vegetation Alles, was

die Deutschen bis dahin für möglich gehalten, und diese konnten manchmal

einen Ausruf des Staunens und der Bewunderung nicht unterdrücken.

Wie ein kleiner, aus einem Feenmärchen herausgeschnittener Zauberhain lagen

zuweilen solche Stellen, mit dem beengten Wasserspiegel in der Mitte und

von Palmen und Laubholzgruppen, von Ranken und Lianen wie in einen Rahmen

eingefaßt, und ein paar Mal hemmte Pablo selber den Lauf des Canoes, damit

sie nicht zu rasch an solch' zauberschönem Bild vorübergeführt wurden.

Allein auch das Materielle verlangte zuletzt sein Recht. Die Natur schien

allerdings all' ihre Reichthümer hier auf diese eine Strecke verschwendet

zu haben, aber die Reisenden waren trotzdem hungrig und durstig geworden,

und wenn sie auch Lebensmittel und Wein im Canoe mitführten, fehlte es

ihnen doch an Früchten. Besonders Madame Bockenheim verlangte darnach,

Pablo aber winkte ihr zu, sich nur noch einen Augenblick zu gedulden, denn

sie würden, wie er mit der Hand zeigte, bald an eine Hütte am Ufer kommen,

wo sie deren reichlich fänden.

Sie hatten sich schon so an ihren stummen Diener gewöhnt, daß sie dessen

Zeichen so gut verstanden, als ob er mit Worten zu ihnen gesprochen hätte.

Uebrigens wollte die Frau auch die Bestätigung, ob es an der nächsten Hütte

Früchte gäbe, von dem Indianer hören; dieser lachte nur und nickte mit dem

Kopf. Es mochte ihm komisch vorkommen, daß es da _keine_ geben sollte, denn

die Leute lebten ja fast einzig und allein davon.

Malerisch genug sahen die einzelnen Wohnungen der Eingeborenen aus, die sie

hier und da am Ufer getroffen hatten, von Bambus errichtet, mit Palmfasern

oder Blättern gedeckt, und nackte und halbnackte braune Gestalten bemerkten

sie auch hie und da unten am Ufer, theils um Wasser zu holen, theils um zu

fischen, theils um sich zu baden. Solchen Plätzen darf man aber, einen so

romantischen Anstrich sie auch haben mögen, nicht zu nahe kommen; denn der

Schmutz in diesen Wohnungen ist wirklich entsetzlich, und Bockenheim selber

hatte schon genug von den kalifornischen Indianern in dieser Hinsicht

gesehen, um kein großes Verlangen nach dem Besuch einer dieser Baraken zu

fühlen. Außerdem durften sie sich auch nicht zu lange aufhalten, denn so

eben verschwand das letzte Canoe ihrer kleinen Flotte hinter der nächsten

Biegung des Stromes.

Der Indianer sagte ihnen übrigens, daß die kleine Hütte, die sie jetzt vor

sich sahen, die letzte am Ufer des Stromes wäre, wo sie Früchte bekommen

könnten, da der Chagres von hier ab durch lauter sumpfiges Land ströme.

Pablo hatte mit seinem Ruder vorn den Bug auch schon herumgeworfen, daß

sie jetzt gerade darauf zu hielten, und wenige Minuten später scheuerte

derselbe den weichen Schlamm.

Pablo sollte nun, da er vorn im Canoe saß, hinauf gehen und Früchte holen;

er lachte aber verlegen und deutete auf seinen Mund. Wie konnte der arme

Teufel dort sagen, was er haben wollte? Bockenheim selber aber hatte keine

Lust, das Canoe zu verlassen, und der Indianer wurde deshalb beordert,

hinauf zu laufen und mitzubringen, was er rasch finden könne, auch wo

möglich einen Trunk Milch für die Frau oder wenigstens ein paar Kokosnüsse.

Bockenheim gab ihm dazu einen spanischen Dollar.

In dem schwankenden Canoe konnte er aber nicht gut über die vor ihm

Sitzenden wegsteigen, noch dazu da die Laube, unter welcher die Frau ihren

Platz hatte, sein Aussteigen hinderte. Pablo stieß deshalb das Canoe wieder

zurück und suchte es seitwärts an das Land zu bringen, was ihm auch endlich

gelang. Dann sprang er hinaus in das Schlammwasser, ob es ihm auch fast bis

an die Hüfte ging, und hielt es fest, damit der Indianer rasch und leicht

hinaus und nachher die Früchte auch bequem einladen konnte.

Das Ufer war hier bis an den Strom hinab bewaldet, und nur ein schmaler,

ausgehauener Pfad führte an der Uferbank hinauf, in dem der Indianer gleich

darauf verschwand, um seinen Auftrag auszuführen.

Pablo indessen, der noch immer im Wasser stand und den Rand des Canoes

festhielt, drehte es jetzt so, daß es mit dem Stern oder Hintertheil mehr

an's Ufer kam, damit der Steuernde, wenn er zurückkehrte, augenblicklich

seinen Platz wieder einnehmen konnte. Bockenheim, der behaglich

ausgestreckt in dem kleinen Fahrzeug lag, sah ihm zu und nickte beifällig

mit dem Kopf. Die Sonne war schon hinter den Baumwipfeln verschwunden und

die Luft dadurch kühl und labend geworden. Und wie still und ruhig die Welt

hier schien, kein Lüftchen regte sich, kein Laut wurde gehört, auch keines

der übrigen Canoes befand sich mehr in Sicht -- sie mußten ihnen ein

tüchtiges Stück vorausgekommen sein -- aber was schadete das? Vor morgen

früh fuhr der westindische Dampfer schwerlich von Colon ab, oder wenn

doch, dann lag ja doch noch der nordamerikanische dort, der jedenfalls die

Postsäcke von San Francisco erwarten mußte. Den erreichten sie gewiß, und

konnten dann ihre Reise mit diesem fortsetzen. Gelegenheit nach Deutschland

gab es von da ab genug, und _er_ war unter jeder Bedingung in Sicherheit.

Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen · 第 16 / 18 段