»=En verdad, Señor?=« lachte der Mexikaner. »Nun gut, dann werde ich Euch

mit einem Wort sagen, was ich will: _Geld!_ -- Das Geld will ich, das Ihr

mir damals, als Ihr mich bei Macalome meuchlings überfielt und für todt im

Walde liegen ließet, abgenommen. Habt Ihr mich verstanden?«

»Ich verstehe _so_ viel,« sagte der Deutsche, »daß Ihr jedenfalls

wahnsinnig sein müßt; denn ich habe Euch in meinem ganzen Leben noch nicht

gesehen, und die Beschuldigung ist deshalb eine niederträchtige Lüge!«

»So?« sagte der Mexikaner. »Und weshalb erschrakt Ihr da so, als ich ins

Zimmer trat?«

»Wer sagt Euch, daß ich erschrocken bin?«

»=Carajo!=« rief der Mexikaner, ungeduldig werdend, »wir wollen den Tag

nicht mit nutzlosen Redensarten vergeuden. Ich _lebe_ noch, wie Ihr seht,

und bin Eurer Spur wie ein Schweißhund gefolgt -- jetzt aber bleibt Euch

kein Ausweg mehr. Ich kam zu Euch, weil ich die peruanischen Gerichte nicht

unnützer Weise bemühen wollte. -- Mir liegt nichts daran, Euch gehangen zu

sehen, und Strafe hatte _ich_ verdient, weil ich dumm genug gewesen war,

auch nur einem einzigen Menschen auf der Welt zu trauen, wo die Verführung

auf der Hand lag, mit _einem_ Schlag reich zu werden. Aber Ihr habt die

Geschichte ungeschickt angefangen. Wolltet Ihr einmal einen Mord verüben,

so mußtet Ihr auch sicher gehen und Eurem Opfer noch wenigstens den Hals

abschneiden -- _das_ habt Ihr versäumt und kommt jetzt in die unangenehme

Nothwendigkeit, das Geraubte wieder herausgeben zu müssen. Also macht keine

Umstände, oder ich zeige Euch hier bei den Gerichten als Straßenräuber an,

und was Euch dann erwartet, brauche ich Euch doch wohl nicht zu sagen!«

»Ihren werthen Namen, wenn ich bitten darf,« sagte der Deutsche

außerordentlich höflich.

Der Mexikaner biß die Zähne zusammen, und der Blick, den er auf den

früheren Gefährten schleuderte, war so voll Gift und Haß, daß Bockenheim

unwillkürlich nach der Lehne des neben ihm stehenden Stuhles griff, um nur

irgend eine Schutzwaffe bei der Hand zu haben, denn er erwartete wirklich

nichts weniger, als daß sich der zum Aeußersten gereizte Südländer jetzt

auf ihn stürzen würde. Der Fremde schien aber, wenn auch vielleicht der

Gedanke für einen Moment in ihm aufgestiegen war, etwas Derartiges nicht

zu beabsichtigen. Wohl war er unter dem Poncho mit der Hand nach der Seite,

möglich nach seinem Messer, gefahren; aber es blieb bei der Bewegung. Der

Mann bewahrte sein kaltes Blut; denn er wußte gut genug, wie viel Leute

im Haus waren, und daß er nie hoffen durfte, seinen Zweck mit Gewalt zu

erreichen. Er hätte sich nur selber der größten Gefahr ausgesetzt.

»Also Ihr leugnet bestimmt, daß Ihr mich kennt?« sagte er endlich, nach

einer ziemlich langen Pause. »Ihr leugnet, daß Ihr mich, als wir zusammen

von Richgulch nach Macalome ritten, da, wo wir lagerten, überfallen --«

»Geht zum Teufel mit Euren albernen Märchen!« rief aber jetzt Bockenheim

unwillig, indem er die auf dem Tisch stehende Klingel ergriff und heftig

schellte, »und das sag' ich Euch, laßt Ihr Euch noch einmal in meinem Hause

blicken, so ruf' ich die Polizei zu Hülfe!«

In der Thür erschienen ein paar Peons, der Befehle ihres Herrn gewärtig.

Der Mexikaner aber sah recht gut ein, daß er vor der Hand hier Nichts

weiter ausrichten könne und jedenfalls den Kürzeren ziehen müsse. Er wußte

aber jetzt auch, was er von dem Deutschen _im Guten_ zu erwarten hatte. Nun

blieb ihm nichts anderes übrig, als die Polizei zu Hülfe zu rufen.

»=Bueno, Señor=,« sagte er ruhig, »ich werde Ihnen nicht länger zur Last

fallen. -- _Auf Wiedersehen!_« Und mit den Worten drehte er sich um und

schritt zur Thür hinaus, wobei Bockenheim den Peons befahl, hinter ihm zu

bleiben und aufzupassen, daß er auch wirklich das Haus verließ. Es wäre,

wie er sagte, ein ganz gemeiner Vagabond, der Geld hatte von ihm erpressen

wollen, und welchem deshalb auch Alles zuzutrauen. Sie sollten nur das Haus

gut zuschließen.

Kaum hatten sie übrigens den Raum verlassen, als Bockenheims Frau in

furchtbarer Aufregung aus der nächsten Stube trat, wo sie jedenfalls das

Ganze angehört haben mußte.

»Um Gottes Willen, Caspar!« rief sie, »was war das? Was ist vorgefallen?

Was hattest Du mit dem Mann?«

»Was ich mit dem Mann hatte?« sagte Bockenheim, der mit untergeschlagenen

Armen und zusammengezogenen Brauen finster brütend mitten in der Stube

stand. »Nichts -- gar Nichts! Ein Betrüger war es, der Geld von mir

erpressen wollte -- aber wenn er mir wieder kommt -- beim ewigen

Gott -- --«

Die Frau hatte ängstlich zu ihm aufgeschaut.

»Und kanntest Du den Mann gar nicht? -- Hast Du ihn nie früher gesehen oder

mit ihm gesprochen?«

»Nie -- der Henker soll all' das mexikanische Gesindel kennen, das sich in

Kalifornien in den Minen herumtreibt!«

»Und was verlangte er von Dir?«

»Ach, Unsinn,« erwiderte mürrisch, aber doch ausweichend der Mann, »er --

er wollte nur Geld geborgt haben.«

»Er sprach von einem Todtschlag,« flüsterte die Frau.

»Bah -- Geschwätz -- laß mich mit dem Blödsinn zufrieden!« rief Bockenheim.

»Der Kerl ist verrückt, und, wahrscheinlich ohne Centabo aus den Minen

zurückgekehrt, hat er vielleicht hier gehört, daß ich Glück dort oben

gehabt, und will mir nun ein paar hundert Dollars abschwindeln. Aber

verdamm mich! er ist an den Unrechten gekommen. Wo hat er Beweise? --

Nichts -- gar nichts -- es ist Nichts, als niederträchtige gemeine Lüge

-- weiter Nichts,« und damit verschränkte er die Arme wieder und ging mit

raschen, unruhigen Schritten in dem so behaglich eingerichteten Zimmer auf

und ab.

Die Frau hatte, während ihr Mann sprach, keinen Blick von ihm verwandt, und

eine unsagbare Angst ergriff ihr Herz. Aber es war nicht die Furcht, daß

ihr Mann ein Verbrechen verübt haben, sondern die, daß es entdeckt werden

könne, und mit leiser Stimme sagte sie endlich:

»Laß uns fort von hier, Caspar -- ich habe Dich schon lange darum gebeten;

wärst Du mir nur gefolgt.«

»Ja, und eben _weil_ ich Dir gefolgt _bin_, können wir es jetzt nicht,«

knurrte Bockenheim ärgerlich, »denn den ganzen Plunder, den ich mir

Deinetwegen angeschafft, kann ich nicht auf den Buckel nehmen.«

»So laß die Sachen hier! -- Was liegt daran? Gieb Jemand den Auftrag,

sie unter der Hand oder auf Auktion zu verkaufen. -- Uebermorgen geht der

Dampfer nach Panama -- übermorgen können wir weit draußen in See schwimmen

und wieder nach Deutschland fahren, und dorthin kommt der freche Bursche

gewiß nicht.«

»Hm,« sagte Bockenheim, der, während die Frau sprach, leise vor sich hin

mit dem Kopf genickt hatte, »das ginge vielleicht -- aber wenn er mich hier

verklagt?«

»Bah, _Du_ kennst doch die peruanischen Richter,« lachte die Frau, »und

dann wäre es doch wahrhaftig schlimm, wenn jeder Lump da ohne Beweise,

ohne Zeugen herkommen und einen ehrlichen Mann eines Verbrechens anklagen

könnte, das er tausend Meilen von hier entfernt begangen haben soll. Es ist

kein Sinn und Verstand darin.«

Bockenheim war wieder eine Weile in dem Zimmer auf und ab gelaufen und

schien noch nicht mit sich im Reinen.

»Und wenn Du _meinem_ Rath folgst,« sagte die Frau, die _ihre_ Sinne

wenigstens vollkommen beisammen hatte, »so gehst Du jetzt vor allen Dingen

augenblicklich selber auf die Polizei und machst die Anzeige, daß ein

mexikanischer Strolch, der wahrscheinlich davon gehört hätte, daß Du Lima

mit dem nächsten Dampfer verlassen wolltest -- verstehst Du mich? -- zu

Dir gekommen wäre und gesucht hätte, ein paar hundert Dollars von Dir zu

erpressen.«

»Hm -- und dann?«

»Nun, dann bittest Du den Direktor oder wie der Beamte heißt, ein wachsames

Auge auf den Burschen zu haben; denn Du fürchtetest, daß er Dir nach dem

Leben trachte, weil Du ihn so grob abgewiesen.«

»Er wird mir sagen, daß ihn das nichts anginge.«

»Kommt es Dir auf hundert Dollars an?«

»Nein.«

»Gut, dann gieb ihm die und bitte ihn, sie unter ein paar Polizeidiener zu

vertheilen, daß sie sich hier in der Nähe des Hauses aufhalten.«

»Bah, dann steckt er sie einfach in die Tasche,« brummte Bockenheim, »ich

müßte meine Peruaner nicht kennen.«

»Und soll er denn das nicht?« rief die Frau. »Du bist wie ein kleines Kind.

Nachher weißt Du aber doch sicher, daß er Deine Partei nimmt. -- Hab' ich

nicht Recht?«

Bockenheim lachte -- zum ersten Mal wieder an dem Morgen.

»Wahrhaftig, Schatz, ich glaube, ich werd's so machen,« rief er, indem er

seinen Panamahut von dem nächsten Stuhl nahm, »und kannst Du bis morgen

Abend mit Packen fertig werden?«

»Bis _heut_ Abend, wenn es sein muß. Der Tischlermeister Müller kann

nachher Alles übernehmen, was hier zurückbleibt. Hast Du noch Schulden in

Lima?«

»Keinen Pfennig.«

»Desto besser -- das Geld schickt er uns später an eine Adresse, die wir

ihm aufgeben. Geh nur rasch, daß Du keine Zeit versäumst.«

»Und wenn der -- Schuft jetzt zurück käme?«

»Wenn _ich_ mich nicht fürchte, brauchst Du doch keine Angst zu haben. Ich

gebe Dir mein Wort, daß ich den Burschen, falls er noch einmal Lust haben

sollte einzudringen, in sicherer Entfernung halten werde. Laß ihn nur

kommen; unsere Leute hier im Haus werden wahrhaftig kurzen Prozeß mit ihm

machen.«

Der Mann blieb einen Augenblick zögernd an der Thür stehen, als ob er noch

etwas sagen wollte; aber plötzlich drehte er sich scharf auf dem Hacken

herum und schritt wenige Minuten später die Straße hinab, über die Plaza

und dem Polizeigebäude zu.

Drittes Kapitel.

Die Flucht.

Der Mexikaner Felipe Corona, wie er mit Namen hieß, verließ indessen mit

bitteren Rachegedanken das Haus des Deutschen. Aber während er die Straße

hinab schritt, war er sich doch auch bewußt, auf wie unsicherer Basis

die Klage ruhte, die er hier, selber ein Fremder, gegen einen in Lima

ansässigen Mann vorbringen wollte. Und sollte er ihn deshalb im Besitz

aller der Schätze lassen, die, wie er fest behauptete, ihm -- allein nur

ihm gehörten? Nein! bei dem Blute des Gekreuzigten, nein. Wahrlich nicht,

so lange seine Faust noch ein Messer führen konnte, und wenn ihm die

Peruaner sein Recht nicht verschafften -- er biß die Zähne fest zusammen

und schritt, finster vor sich hin brütend, die Straße hinab, wo er das Haus

eines Advokaten wußte. Der sollte ihm helfen -- oder doch wenigstens einen

Rath geben, wie er sich zu verhalten habe, welche Schritte er hier in dem

fremden Lande thun müsse, um den Schuldigen zu überführen und zu strafen.

Er fand den Herrn auch zu Hause, und zwar ziemlich behaglich in einer

Hängematte liegend und eine Cigarre rauchend; was sollte er sich bei der

Hitze anstrengen, wo er es so bequem haben konnte? Die Geschäfte mochten

eben warten bis die Abendkühle eintrat -- oder vielleicht auch bis morgen

früh. Die Gerechtigkeit ist blind und kann sich deshalb nicht Hals über

Kopf in einen Strudel von Arbeiten stürzen; sie muß eben langsam und

vorsichtig zu Werke gehen.

Nach dem eintretenden Mexikaner drehte er auch kaum den Kopf, als dieser

das kühle, luftige Gemach betrat. Der Mann trug einen Poncho, war also

jedenfalls ein Peon oder Diener, denn ein Caballero ging nicht mehr mit

diesem eigentlich alt-peruanischen Kleidungsstück über die Straße; es war

völlig aus der Mode gekommen. Er brachte ihm wahrscheinlich eine Botschaft,

und die konnte er ebenso gut liegend anhören -- ja eigentlich noch viel

besser.

»Und was wollt Ihr, =amigo=?«

»Eure Hülfe oder Euren Rath, Sennor, gegen einen Schurken,« sagte der

Mexikaner ruhig.

»So? Hm -- und wie heißt der Schurke?«

»Er ist ein Fremder, Don Gaspard, der aus Kalifornien mit vielem Geld

hierher gekommen.«

»So? Der Deutsche? Und was habt Ihr gegen ihn?«

»Das Gold, das er mitgebracht, ist _mein_,« sagte der Mexikaner ruhig,

»ich hielt ein Spielzelt am Richgulch in Kalifornien und verkaufte zugleich

Waaren. Ich verdiente _viel_ Gold. Da aber die Americanos dort kein Spiel

mehr haben wollten, trieben sie uns fort, und ich lud mein Gold und meine

Waaren auf Maulthiere und zog nach dem Macalome hinüber, wo ich noch

einen Bruder hatte. Mit diesem wollte ich nach Mexiko zurückkehren -- ich

brauchte nicht mehr. Unterwegs traf ich den =Aleman=. Es sind sonst gute,

rechtliche Leute, und wir Mexikaner verkehrten dort nur mit ihnen und den

Franzosen. Ich freute mich, daß ich Begleitung bekam; denn ich hielt mich

mit meinen schwer beladenen Thieren nicht für ganz sicher im Wald. Manchen

von uns hatten die Amerikaner gemordet, und uns selber wurde es dann zur

Last gelegt. Ich hatte mir aber den schlimmsten Feind zu meiner Begleitung

ausgesucht. Als wir, kaum noch eine halbe Legua vom Macalome entfernt, eine

kurze Zeit im Wald rasteten, nahm er die Gelegenheit wahr und schlug mich

mit seinem schweren Messer über den Kopf -- hier an der Seite, Sennor, seht

Ihr noch die kaum verharrschte Narbe. Ich brach besinnungslos zusammen, und

er hielt mich jedenfalls für todt; ich war es auch fast. Landsleute fanden

mich später und trugen mich in die Minerstadt, und als ich nach Wochen

wieder zu mir kam und meinen Bruder an meinem Bett sitzend fand, war meine

erste Frage nach meinen Thieren, meinen Schätzen -- umsonst -- man hatte

Nichts bei mir gefunden -- gar Nichts -- der Räuber mußte Alles mit

fortgenommen haben, Thiere, Waaren und Gold, und ich war wieder arm, wie

ein Bettler.«

»Hm -- eine verwünschte Situation,« brummte der Advokat, sich eine neue

Cigaretta anzündend, »und Ihr wißt gewiß, daß dieser Don Gaspard derselbe

ist, der Euch damals begleitete?«

»Hört nur weiter,« fuhr der Mexikaner fort. »Vierzehn Tage brauchte ich

wohl noch, bis ich mich vollständig erholt hatte und meine Wunde vernarbt

war -- dann folgte ich seinen Spuren. Mein Bruder hatte mir einige Unzen

Gold geborgt, damit wanderte ich aus, und es dauerte nicht lange, so war

ich auf der Fährte des Mörders. In Stockton hatte er meine Maulthiere und

Waaren verkauft und war zu Schiff nach San Francisco gefahren, und bald

erfuhr ich, daß er nach Panama gegangen. Ich nahm Zwischendeckspassage und

folgte ihm. In Panama ließ ich mir die Passagierlisten geben und sah seinen

Namen nach Peru eingeschrieben. -- Ich mußte mein Geld sparen und bekam

freie Passage als Kajütenaufwärter hierher. -- Ich brauchte in Lima

nicht lange nach ihm zu suchen. Das Gerücht, daß er so viel Gold in den

kalifornischen Minen gefunden, hatte ihn rasch bekannt gemacht. Ich habe

ihn heute gesehen.«

»In der That?« rief der Advokat, der sich doch jetzt für die Sache zu

interessiren anfing, indem er sich in seiner Hängematte halb emporrichtete,

»und was sagte er?«

»Er leugnet Alles.«

»Nun natürlich, versteht sich von selbst -- aber wo haben Sie Ihre Zeugen?«

»Zeugen habe ich gar nicht -- wir waren allein.«

»Den Teufel auch! gar keine Zeugen? Aber es hat Sie doch dort Jemand

zusammen wegreiten sehen, oder Sie sind Anderen begegnet? --«

»Allerdings -- Menschen genug; aber wer das war und wo die jetzt sind, wer

könnte es sagen?«

»Bitte, lieber Freund,« sagte der Advokat, sich jetzt in seiner Hängematte

aufsetzend, »wollen Sie mir vielleicht vorher erklären, ob Sie über

bedeutende Mittel verfügen, um einen längeren Prozeß durchzuführen? Hundert

Dollars müssen vor allen Dingen einmal bei mir deponirt werden, nur um die

ersten Ausgaben zu decken.«

»Ich besitze nicht einmal mehr hundert Dollars in meinem ganzen Vermögen,«

sagte der Mexikaner finster, »jener Schuft hat mir ja _Alles_ geraubt; aber

wenn mir mein Recht zugesprochen wird --«

»Entschuldigen Sie einen Augenblick, daß ich Sie unterbreche. Habe ich den

Fall folgender Art klar verstanden, daß Sie von Kalifornien, _ohne_ Geld

in der Tasche, hierher gekommen sind, um einen hier ansässigen Fremden

anzuklagen, daß er an Ihnen in den kalifornischen Wäldern einen Raubmord

verübt und Ihnen Alles abgenommen hat, ohne dafür weitere Zeugen und

Beweise beibringen zu können, als Ihr Wort?«

»Das ist genau so der Fall,« sagte der Mexikaner; der Advokat fiel aber

in seine Hängematte zurück, als ob er geschossen wäre, pfiff nur leise vor

sich hin und sah nach der Decke hinauf.

»Und wollen Sie mir dazu verhelfen?« fragte der Mexikaner.

»Mein sehr verehrter Herr,« sagte der Rechtsanwalt, ohne aber seine

Stellung im Mindesten zu verändern, »vorher erlauben Sie mir denn wohl die

Frage an _Sie_ zu richten: Halten Sie mich für verrückt?«

»Aber wenn ich, was ich sage, auf die Hostie beschwören kann?« rief der

arme Teufel. »Trag' ich denn nicht die Narbe jener Wunde, die mir sein

schweres Messer geschlagen, auf dem Kopf?«

»Reden Sie keinen Unsinn,« bemerkte der Peruaner, »als vernünftiger Mann

müssen Sie doch einsehen, daß Sie mit der Narbe weiter Nichts beweisen

können, als früher einmal einen Hieb über den Kopf bekommen zu haben. _Wo_

aber das geschehen ist und durch _wen_, mögen Sie selber wohl sehr genau

wissen, werden aber keinen Richter davon überzeugen können.«

»Aber ist denn gar keine Gerechtigkeit in Peru?« rief der Mexikaner

bestürzt aus. »Soll denn der Räuber das Gold behalten dürfen?«

»Gerechtigkeit genug,« erwiderte der Advokat. »_Sie_ behaupten, das Geld

gehöre Ihnen, _er_ behauptet, es wäre das seine. Befände sich die Summe

in den Händen des Gerichts, so bekämen Sie, aller Wahrscheinlichkeit nach,

Beide keinen kupfernen Centabo davon. So hat es aber der Deutsche, und daß

der _gutwillig_ etwas davon herausgeben sollte, bezweifle ich -- versuchen

Sie's aber immerhin noch einmal, denn ohne die geringste Beweisführung

können die Gerichte gar nicht gegen ihn einschreiten.«

»Und wenn er sich weigert?«

Der Advokat zuckte mit den Achseln.

»Und Sie wollen sich meiner nicht annehmen?«

»Lieber Freund, ich _habe_ mich Eurer angenommen,« rief der Advokat, »und

wenn Ihr nicht ein armer Teufel wäret, so bäte ich mir jetzt eine halbe

Unze für die Berathung aus -- aber ich will Nichts, als daß Ihr mich nun

ungeschoren laßt, denn ich mag mit der Sache nichts weiter zu thun haben.«

»Dann muß ich mir selber helfen,« knirschte der Mexikaner zwischen den

zusammengebissenen Zähnen durch.

»Das ist jedenfalls das Gescheuteste,« nickte der Advokat lächelnd vor sich

hin, »aber auch zu gleicher Zeit ein etwas gefährliches Experiment. Seid

Ihr kitzlich am Hals, =amigo=?«

Der Mexikaner antwortete nicht; er hatte ein paar Momente schweigend vor

sich nieder gestarrt; jetzt drehte er sich plötzlich um und schritt der

Thür wieder zu. »=Buenos dias, Señor=,« sagte er dabei. »Vielen Dank für

den guten Rath -- ich werde meinem Hals ganz besondere Vorsicht widmen. --

=Dios lo paga=,« und damit verschwand er aus der Thür.

»Ja wohl,« brummte der Advokat vor sich hin, »=Dios lo paga= -- wenn der

liebe Gott alle die Wechsel acceptiren sollte, die auf ihn gezogen

werden, wäre er nicht allein allmächtig, sondern auch allbeschäftigt. --

Lumpengesindel! Daß der Präsident nur so viel Vergnügen daran findet, die

Fremden ins Land zu ziehen -- wenn ich wie er wäre, hielt ich unsere Race

rein -- dann bliebe doch auch noch etwas zu verdienen,« und sich wieder

lang ausstreckend, gab er sich bald ganz seiner Siesta hin.

* * * * *

Der Mexikaner verließ das Haus, aber nicht etwa, um nach des Advokaten Rath

einen gütlichen Vergleich mit seinem Feind zu schließen, sondern sein Glück

noch einmal auf der Polizei zu suchen, traf es aber dort nicht glücklich,

denn Bockenheim war schon vor ihm da gewesen, und der eine Beamte fuhr den

armen Teufel so wild an, als ob er ihn auf der Straße gefunden hätte. Er

sollte sich auch selber legitimiren, ehe er einen Anderen, einen bis dahin

unbescholtenen Mann eines Verbrechens zeihen wollte, und da er das nicht

vermochte, wurde er bedeutet, binnen acht Tagen einen Nachweis zu bringen,

womit er sich hier ernähre, oder die Stadt zu verlassen.

Damit durfte er gehen. Eine ganze Hölle aber von Wuth und Ingrimm im

Herzen, und düsteren Gedanken folgend, wühlte seine Hand, während er über

die Straße schritt, wild und trotzig in dem schwarzen struppigen Vollbart,

daß ihm die Begegnenden scheu auswichen und ihm nachsahen, so lange sie ihm

mit den Augen folgen konnten.

Er befand sich auch in der That in einer verzweifelten Lage; denn was er

hier in Peru für Schutz von den Gerichten zu erwarten hatte, davon war ihm

eben der vollgültige Beweis geliefert worden. Und was sollte er jetzt thun?

Den Räuber in seiner eigenen Höhle aufsuchen und niederstechen? Damit

hätte er allerdings seiner _Rache_ genügt, aber für sich auch gar Nichts

erreicht; denn es war nicht denkbar, daß er das Gold in seiner Wohnung

liegen hatte. Aber selbst wenn das der Fall gewesen wäre, wie blieb ihm

nachher Zeit darnach zu suchen? Und _wurde_ er ergriffen, so konnte die

Warnung des Advokaten zur Wahrheit werden.

Und in Güte? -- Er traute dem Deutschen nicht -- wenn er ihm aber nun

anbot, die _Hälfte_ des Raubes ungestört und als rechtmäßiges Eigenthum

zu behalten, mußte er da nicht mit beiden Händen zugreifen? -- Er wollte

wenigstens den Versuch machen, und gestand er ihm selbst das nicht zu --

dann Auge um Auge, Zahn um Zahn! Und mit dem Entschluß schritt er auf das

nicht mehr ferne Haus des Deutschen zu. -- Hier erwartete ihn aber eine

Ueberraschung.

Kaum näherte er sich der kleinen, grün lackirten Thür, die hinein führte,

als von der gegenüber liegenden Seite der Straße ein Polizeidiener, der

dort vor einem Bilderladen gestanden hatte, auf ihn zu kam und ziemlich

barsch sagte:

»=Compañero=, wollt Ihr einen guten Rath annehmen?«

»=Como no, compañero?=« erwiderte der Mexikaner eben nicht in besonderer

Laune, »aber ich weiß nicht, daß ich Euch schon darum gebeten hätte.«

»Thut auch nicht nöthig,« lautete die Antwort. »Ihr seid doch der

Mexikaner, wie?«

»Ob ich _der_ Mexikaner bin, weiß ich nicht -- _ein_ Mexikaner bin ich

gewiß. Weshalb?«

»Oh, nur wegen einer Kleinigkeit -- wegen dem Hause da. Ich bin hierher

gestellt, um Euch abzuweisen, wenn Ihr das _erste_ Mal kommt, und Euch

auf die Polizei zu schaffen, wenn Ihr den Versuch zum zweiten Mal machen

solltet.«

»Aber ich habe mit dem Sennor da drinnen zu reden.«

»Ja, das glaub' ich Euch wohl,« lachte der Polizeidiener, »aber _er_

nicht mit _Euch_, und nun tragt Euren Schatten in ein anderes Stadtviertel

hinüber, hier habt Ihr Nichts mehr zu suchen.«

»Und wenn ich ihm selbst nur einen Vorschlag zur Güte zu machen hätte -- es

wäre vielleicht in zehn Minuten erledigt.«

»Er hat mir besonderen Auftrag gegeben, Euch unter gar keinem Vorwand

zu ihm zu lassen. Was Ihr von ihm wollt, das sollt Ihr vor den Gerichten

anbringen -- und so gehört sich's auch, also helfen Euch keine weiteren

Redensarten, und nun =vamos nos=, denn ich möchte hier nicht länger bei

Euch in der Sonne stehen bleiben.«

»Also er verweigert jeden weiteren Verkehr mit mir?«

»Na ja, nun fangt Ihr noch einmal von vorne an! Ich dächte doch wahrhaftig,

ich hätte deutlich genug gesprochen. Laßt Ihr Euch noch einmal hier am

Hause sehen, so werdet Ihr beigesteckt. Habt Ihr _das_ verstanden?«

»Ja wohl, =amigo= -- es war nicht mißzuverstehen; also =adios= und einen

vergnügten Abend auf der Promenade,« und damit rückte der Mexikaner seinen

Hut und schritt rasch und trotzig die Straße hinab. --

Von dem Augenblick an ließ er sich nicht wieder in der Gegend der Stadt

blicken, ja, er mußte Lima ganz verlassen haben, da ihn keiner der

Polizeileute selber nachher mehr zu Gesicht bekam. Bockenheim war übrigens

gar nicht böse darüber, denn er behielt jetzt völlig freien Raum, um seine

Vorbereitungen zu schleuniger Abreise zu treffen. Er übergab, wie ihm seine

Frau gerathen hatte, seine ganze, ziemlich werthvolle Einrichtung einem

bekannten Deutschen, der das dafür gelöste Geld dem ***schen Konsul

überliefern sollte, und fuhr dann, ohne von irgend wem weiter Abschied zu

nehmen, mit seiner Frau und seinem Gold nach Callao hinunter, von wo der

englische Dampfer noch an demselben Tage nach Guayaquil, und von da weiter

nach Panama abging.

Das war ein wonniges Gefühl, als die Räder des mächtigen Fahrzeuges erst zu

arbeiten begannen, der scharfe Bug die Wasser theilte und das Boot das Land

immer weiter und weiter zurückließ, bis sie endlich draußen, weit draußen

in See auf der blauen Tiefe schwammen.

Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen · 第 15 / 18 段