Aber er kam nicht -- Woche nach Woche verging, wie Monat nach Monat

vergangen war, und die verlassene Frau beschloß endlich, in ihre Heimath

nach Deutschland zurückzukehren, wo ihr noch wohlhabende Verwandte lebten;

die einzige Schwierigkeit schien nur die, ein Schiff zu bekommen, das sie

für eine mäßige Passage hinüber brachte. Aber auch das fand sich endlich.

Ein in Callao ankernder hamburger Kapitän hatte von dem Schicksal der

Deutschen gehört, und als er sie zufällig einmal bei Bekannten traf und

sie ihm ihre Noth klagte, erbot er sich freundlich, sie gegen einen sehr

mäßigen Preis hinüber zu schaffen.

Viel trug dazu auch ihr Aeußeres bei -- Frau Bockenheim mußte in ihrer

Jugend wirklich einmal schön gewesen sein, und sie war selbst jetzt noch,

in den dreißiger Jahren, eine hübsche, stattliche Frau zu nennen.

Früher galt sie auch unter den übrigen Handwerkerfamilien für stolz und

hochfährig; sie trug gern seidene Kleider und putzte sich manchmal so

heraus, daß man in ihr nie eines Schusters Frau vermuthet haben würde. --

Das hatte sich freilich jetzt durch ihren Nothstand gründlich gelegt; von

dem Moment an, wo sie sich abhängig von fremden Leuten fühlte, wurde sie

eine ganz Andere. Sie ging höchst einfach, nur in die billigsten Stoffe

gekleidet, und schränkte sich wirklich nach Möglichkeit ein, um nur keine

Schulden zu machen. Trotzdem verkehrte sie aber wenig oder gar nicht mit

ihres Gleichen -- mit anderen Handwerkerfrauen -- von denen sie auch in der

That keinen Verdienst erwarten konnte.

Jetzt hatte das überhaupt aufgehört und sie begann das Letzte zu thun, was

ihr übrig blieb, um ihre Passage zu bezahlen, nämlich die Ueberreste ihres

kleinen Hausstandes zu verkaufen. Da aber das zu langsam ging, denn das

Schiff wollte segeln, so setzte sie endlich eine Auktion an, auf welcher

auch das Handwerksgeräth ihres Mannes losgeschlagen wurde. Was sollte sie

auch damit machen? Der Verlorene kehrte doch nicht wieder.

In Lima hatte sich indessen das Schicksal der Schusterfrau und ihre

Absicht, Peru zu verlassen, ausgesprochen, und schon aus Mitleiden mit

ihrem Schicksal besuchten Viele die Auktion, so daß die oft werthlosen

Gegenstände noch zu einigermaßen gutem Preis verkauft wurden.

Die Auktion war vorüber; die letzten Sachen waren abgeholt; nur noch ein

Koffer und ein Reisesack standen in dem öden Raum, und die Frau hatte eben

einen kleinen Knaben aus dem Haus nach einem Peon oder Diener geschickt,

um sie forttransportiren zu lassen, als draußen ein Schritt auf der

Treppe laut wurde. Sie glaubte, es wäre der erwartete Packträger, und noch

seufzend einen Blick in den Räumen umherwerfend, in denen sie so manche

einsame und traurige Stunde verlebt, sagte sie:

»Da, Freund -- nehmt die Sachen und tragt sie mir --«

»Bertha,« flüsterte da eine Stimme, die ihr das Blut zum Herzen

zurückdrängte, und als sie sich erschreckt danach umwandte, stand ein mit

einem Poncho behangener fremder Mann auf ihrer Schwelle. Sie kannte ihn

nicht -- er trug einen großen dunklen Bart und den Hut fest in die Augen

gezogen, rührte sich auch nicht, und nur als sie ihn erstaunt anstarrte,

wiederholte er, mit der nämlichen Stimme das eine Wort, das ihren

Herzschlag stocken machte: »Bertha!«

»Um der Wunden Christi Willen!« stöhnte die Frau, »wer ist denn das der --

der meinen Namen --«

»Und kennst Du mich nicht mehr?«

»Ja -- wach' ich denn oder träum' ich -- Casper?«

»Hab' ich mich denn so verändert?« lachte er und streckte ihr die Arme

entgegen, aber mit einem lauten, gellenden Freudenschrei stürzte sie auf

ihn zu und umschlang ihn krampfhaft mit ihren Armen.

»Casper! Du bist's -- Du -- und oh mein Gott, wie lange hast Du mich warten

lassen -- oh wie ewig lange. Wo, wo bist Du nur gewesen?«

»Und wenn ich ein klein wenig später gekommen wäre,« lächelte der Mann,

ohne die Frage für jetzt zu beantworten, »so hätte ich Dich am Ende gar

nicht mehr getroffen. Du wolltest verreisen --«

»Nach Deutschland zurückkehren!« rief die Frau, »was sollte ich länger

allein hier in dem fremden Land? Ich hielt es nicht mehr aus und mußte Dich

ja todt glauben, da Du mir nicht ein einziges Mal geschrieben. -- Ach, das

war nicht Recht, Casper.«

»Ja, schreiben,« nickte dieser, »liebes Kind! Wo ich mich die ganze Zeit

herumgetrieben habe, gab es weder Feder noch Dinte noch Papier, viel

weniger Posten, und ich hätte einen Brief selber nach San Francisco tragen

müssen.«

»So warst Du die ganze Zeit in Kalifornien?«

»Gewiß war ich --«

»Und hast Du Glück gehabt?«

Der Mann schwieg und sah sie mit einem Blick an, der ihr ordentlich bis

in's innerste Herz hinein stach -- mit einem Blick, wie sie ihn noch nie

von ihm gesehen. Ueberhaupt kam er ihr so merkwürdig verändert vor. Machte

das vielleicht der große schwarze Bart, den sie allerdings nicht an ihm

gewohnt war? -- und er sah dabei so bleich aus -- so düster. -- Er hatte

jedenfalls Unglück gehabt und kehrte als armer Mann zurück.

»Oh mein Gott,« stöhnte die Frau, als ihr der Gedanke kam, »und jetzt

hab' ich all' das Unsere, selbst Dein Handwerkszeug, um einen Spottpreis

verkauft -- Nichts ist mir geblieben, als meine Kleider und Wäsche und die

paar hundert Thaler, die ich für die Ueberfahrt zahlen wollte.«

Da zuckte es wie ein Lächeln über des Mannes Gesicht, und er sagte:

»Gott sei Dank, daß wir den alten Plunder los sind, wir hätten ihn doch

nicht mehr gebrauchen können.«

»Nicht mehr gebrauchen können, Casper?« wiederholte die Frau erstaunt, »ich

weiß nicht, Du -- Du bist so sonderbar -- ich begreife Dich nicht.«

»Weil ich mit einem ganzen Sack voll Gold zurück komme, Schatz,« lachte der

Mann laut auf.

»Mit einem Sack voll Gold?«

»Was ich Dir sage -- unsere Noth hat nun aufgehört -- ich habe Glück, viel

Glück in den Minen gehabt -- unserer Zwei trafen eine enorm reiche Stelle

-- aber das Alles erzähle ich Dir später. -- Was will der Bursche da?«

Während er noch sprach, war ein Peon auf der Schwelle der weit offen

stehenden Thür erschienen und sah in's Zimmer herein.

»Die Sennorita hat einen Mann verlangt, um ihr Gepäck fort zu tragen.«

»Ach ja -- =bueno= --« rief der Zurückgekehrte »du, guter Freund, schultert

einmal die Sachen und tragt sie in das amerikanische Hôtel -- oder wir

gehen besser gleich mit, denn hier haben wir doch wohl Nichts weiter zu

thun, Schatz, wie?«

»Es ist Alles fort, selbst der letzte Stuhl --«

»Also gänzlicher Ausverkauf,« lachte der Mann, »desto besser, dann werden

wir auch durch Nichts mehr gehindert -- =vamos nos, companero, vamos nos=«

-- und damit gab er seiner Frau den Arm und schritt mit ihr die Treppe

hinab, die Vorstadt entlang und dann über die Brücke, immer die Hauptstraße

nieder und hinter dem Peon mit ihren Sachen her, bis sie das Hôtel

erreichten, wo er augenblicklich zwei Zimmer und ein gutes Diner für sie

bestellte.

Die Frau ging wie in einem Traum an seiner Seite; sie fühlte kaum, wie ihre

Füße den Boden berührten. War denn das Alles wirklich wahr, und der Mann,

den sie schon lange todt geglaubt und in Verzweiflung aufgegeben, nicht

allein zurückgekehrt, sondern auch reich, mit Schätzen beladen? Wie ein

Märchen klang's ihr in den Ohren und sie bemerkte dabei gar nicht, daß die

Leute, denen sie unterwegs begegneten, fast immer stehen blieben und dem

etwas wunderlichen Paar nachschaueten.

Und es war in der That ein wunderliches Paar für einen heißen, sonnigen Tag

in Lima. Der Mann trug einen alten breiträndrigen und chokoladenfarbigen

Filzhut, einen dicken, blau und roth gestreiften Poncho, und dazu

mexikanische, an den Seiten herunter offengeschlitzte Sammethosen mit

kleinen silbernen Knöpfen daran. Die Frau an seiner Seite ging dabei in

echt deutscher Handwerkertracht mit einem langen, braunen, etwas abgenutzt

aussehenden Kattunkleid, ohne Steifröcke darunter, einem rothwollenen Tuch

um, und einem Hut, von dem man eigentlich nicht sagen konnte, daß er hier

aus der Mode gekommen, denn er war in Lima wohl noch niemals Mode gewesen.

Auch die Blumen darauf sahen zerknickt und schmutzig aus, und so viel die

Frau auch wohl früher auf ihre Toilette gegeben hatte, und so nett sie

sich gehalten: jetzt, mit den Sorgen der letzten Zeit im Herzen, schien

sie Alles vernachlässigt zu haben, und dachte auch in diesem Augenblick

wahrlich an Nichts weniger, als an ihre abgetragenen Kleider.

In dem ziemlich großartigen Hôtel betrachteten sich die Kellner das

sonderbare Paar ebenfalls ziemlich erstaunt und schienen nicht übel Lust

zu haben, sie etwas über die Achseln zu behandeln; als aber der Mann, nicht

etwa höflich, sondern mit barschem Ton »Zwei Zimmer vorn heraus und vor

Allem eine Flasche Champagner und dann so rasch als möglich ein gutes

Diner« bestellte, wurden sie aufmerksamer. Der Mann mußte Geld haben oder

er wäre höflich gewesen, und er wurde jetzt, trotz seinem unscheinbaren

Aeußeren, pünktlich bedient.

Oben aber, in dem elegant möblirten freundlichen Gemach, dem Champagner,

der der Frau ebenfalls trefflich mundete, gar wacker zusprechend, saß der

von Kalifornien zurückgekehrte glückliche Miner und erzählte, nur erst

einmal in flüchtigen Umrissen, seine Abenteuer: Wie er Anfangs, und wohl

anderthalb Jahr hindurch, mit eisernem Fleiß und unermüdlicher Ausdauer

gearbeitet und ein Loch nach dem andern gegraben habe, immer und immer aber

wieder getäuscht, immer wieder auf neue Hoffnung angewiesen worden. Ja,

er verdiente sich, was er eben zum Leben brauchte, aber auch nicht mehr

-- Gold gab es ja überall. Da machte er endlich die Bekanntschaft eines

Mexikaners, der großes Vertrauen zu den nördlichen Minen hatte. Mit dem

war er an den Yubafluß gegangen, und dort in einer der Ravinen, die noch

wahrscheinlich kein weißer Mann entdeckt, trafen sie plötzlich auf ein

Goldlager, wie sie es bis dahin nicht für möglich gehalten. Stücke fanden

sie dort, so groß wie die Wallnüße, und einzelne größer, die wie in einem

geschmolzenen und dann erkalteten Zustand vor Jahrtausenden vielleicht in

der kleinen, engen Schlucht herabgewaschen waren.

Dort arbeiteten sie, von Niemandem gestört, ja von Niemandem bemerkt,

heimlich und versteckt sechs volle Monate, bis sie die ganze Goldader,

so weit das wenigstens anging, ausgebeutet hatten. Dann kauften sie sich

Maulthiere unten in Yubacity, einem kleinen Goldwäscherdorf, holten die

indeß vergrabenen Schätze ab, luden sie auf und zogen damit nach Sacramento

hinunter, von wo sie dann mit dem Dampfschiff nach San Francisco gingen.

Von hier aus kehrte der Mexikaner in sein eigenes Vaterland zurück, und

er selber ging an Bord des ersten nach Panama abfahrenden Dampfers, um von

dort wieder mit dem südlichen =vapor= so rasch als irgend möglich Peru

zu erreichen. Deshalb war es ja auch gar nicht möglich gewesen, vorher zu

schreiben, denn die erste Gelegenheit, die sich dazu bot, um rasch einen

Brief zu senden, benutzte er, und er hätte einen solchen nur selber

mitnehmen, nie aber vorher hierher befördern können.

Der armen Frau kam es die ganze Zeit, während der Mann sprach, genau so

vor, als ob sie irgend eine wunderbare Geschichte in einem Buche läse, aber

keine Möglichkeit vorhanden wäre, daß das Alles sie mit betreffen könne und

das Gold, das viele Gold, das ihr Mann mitgebracht, ja doch nun auch ebenso

gut ihr gehöre und sie damit reiche und vornehme Leute geworden wären.

»Aber wo hast Du das viele Gold, Casper?« frug sie ihn endlich, »doch nicht

bei Dir?«

»Bei mir?« lachte der Mann, indem er eine Handvoll großer goldener

Doublonen aus der Tasche nahm und ihr vorhielt, »so ein paar Stück kann man

schon bei sich führen, aber ich möchte das Ganze wahrhaftig nicht auf der

Schulter tragen.«

»So viel ist es?«

»Nun natürlich -- Gold wiegt schwer, mein Kind -- und ich konnte mich damit

doch nicht in der ganzen Stadt herumschleppen, bis ich Dich da draußen,

im äußersten Winkel von Lima, aufgesucht? Es steht in zwei kleinen Koffern

sicher in einem Handlungshaus, das ich von früher kannte. Jetzt will ich

Dir aber wenigstens die Proben des Mitgebrachten zeigen.«

Damit stand er auf, schloß erst vorsichtig die Thür zu und schnallte sich

dann einen ledernen langen Sack von den Hüften ab, dessen Inhalt er vor den

erstaunten Augen der Frau ausschüttete.

Du lieber Gott! einen solchen Reichthum hatte sie bis dahin gar nicht für

möglich gehalten -- und was für große schwere Stücken dabei waren, und wie

wunderlich geformt! -- Und das sollte erst der kleinste Theil des Ganzen --

nur eine Probe sein? Ihr Mann packte aber die Stücke wieder zusammen, denn

draußen klopfte es, und der Kellner frug sehr artig durch die Thür, ob die

=lady= und der =gentleman= jetzt zu speisen wünschten.

Das Essen wurde gebracht, aber nach Tisch ging der frühere Schuhmacher

augenblicklich daran, den Koffer seiner Frau zu revidiren, um zu sehen, was

sie an Kleidern und Wäsche habe, und was sie Neues brauchen würde. Da sah

es freilich bös aus -- sie brauchte fast Alles neu, denn das Wenige, was

sie noch hatte, war so abgenutzt, daß ihr der Mann augenblicklich erklärte,

damit könne sie nicht mehr auf der Straße erscheinen. Der heutige Abend

sollte denn auch dazu benutzt werden, alle die nöthigen Einkäufe zu machen,

und nachher konnten sie dann in aller Ruhe überlegen, ob sie vor der Hand

noch hier in Lima bleiben oder ohne Weiteres nach Deutschland zurückkehren

sollten. Gegen den letzteren Plan sprach sich aber Madame Bockenheim auf

das Entschiedenste aus. War ihr Mann wirklich so reich, dann hielt sie es

auch für nöthig, den Leuten hier in Lima, die sie selber so oft über die

Achsel angesehen, zu zeigen, was sie könnten, und daß sie jetzt im Stande

wären, sich den »Besten« an die Seite zu stellen. Was lag auch daran, ob

sie sich hier einmal ein halbes Jahr einmietheten?

Das war nun freilich ein Festtag für die Frau, wie sie ihn nie in ihrem

ganzen Leben für möglich gehalten, als sie an dem Abend mit ihrem Gatten

durch all' die großen, herrlichen Läden gehen und dabei aussuchen durfte,

was ihr Herz begehrte. Da war auch Nichts zu kostbar. Wo sie nur halbwegs

Bedenken hatten, sowie ihr Mann nur merkte, daß es ihr gefiel, ließ er es

augenblicklich bei Seite legen, zahlte dann die Rechnung in Doublonen und

beorderte es in ihr Hôtel.

Früher hatte er die Packen selber getragen; jetzt dachte er gar nicht mehr

daran und schien sich mit dem ausgewaschenen Gold auch gleich die Sitten

und Gewohnheiten eines vornehmen Mannes angeeignet zu haben.

Zweites Kapitel.

Der Mexikaner.

Am nächsten Tag sprach man fast von Nichts weiter, als dem aus Kalifornien

steinreich zurückgekehrten deutschen Schuster, und das Gerücht vergrößerte

dabei natürlich die Schätze, die er wirklich mitgebracht, um das Zehnfache.

Allerdings gab es noch Einzelne, die nicht so recht an einen solchen Erfolg

in den Minen glauben wollten; aber selbst diese mußten zuletzt eingestehen,

daß der Mann dort jedenfalls _Glück_ gehabt, denn er verausgabte gerade

in den ersten zwei oder drei Wochen eine sehr bedeutende Summe Geld, und

bezahlte Alles gleich baar in blankem Gold. -- Er machte nicht für einen

Centabo Schulden. Ebenso bestätigten die Kaufleute, daß er sich immer die

besten und kostbarsten Stoffe ausgesucht, und als er sich bald darauf

noch das schönste Pferd in Lima um achtzehn Unzen kaufte und mit dem

silberbedeckten Zaumwerk und Sattel in der Stadt herum galoppirte, fing man

doch an, ihn weniger mißtrauisch zu betrachten, und Leute, die sonst gar

nicht daran gedacht hätten, sich um ihn zu bekümmern, bewarben sich jetzt

um seine Freundschaft und machten ihm Besuche.

Casper Bockenheim, wie der Deutsche hieß, besaß übrigens genug gesunden

Menschenverstand, um _derartige_ Burschen zu durchschauen, und hatte in

seinen früheren Jahren zu häufig mit der vornehmen Welt durch seine Arbeit

verkehrt, um nicht zu wissen, wie er sich gegen sie zu benehmen hatte.

Er ließ die Schmarotzer eben ablaufen, und gab sich dabei Mühe, in die

wirklich vornehmen Cirkel der Stadt zu kommen, mit denen er sich selber, so

weit es bedeutende Geldmittel ermöglichen konnten, auf eine Stufe gestellt.

Aber das gelang ihm ebenso wenig; denn wenn er sich auch die äußeren

Manieren eines »=caballero=«, so weit es seine Bildung zuließ, aneignete,

und seine Frau jetzt ebenso schöne Brillanten trug, wenn sie sich Abends

auf der Plaza zeigte, als irgend eine Sennorita der Stadt, so hatte er

doch sein ursprünglich rauhes Wesen nicht so abschleifen können, um seinen

früheren Stand weniger als seine ganze frühere Lebensweise vollständig

vergessen zu lassen, und die =haute volée= von Lima, welcher Nation sie

auch angehörte, wich ihm, so weit das anständiger Weise geschehen konnte,

aus.

Bockenheim wurde dadurch nicht liebenswürdiger; er fühlte, daß hier in Lima

noch ein »Vorurtheil«, wie er es nannte, gegen ihn herrsche, und beschloß

endlich, Peru vielleicht schon mit dem nächsten Dampfer zu verlassen, um

nach Deutschland zurückzukehren; und das war ja auch jetzt der einzige und

sehnlichste Wunsch seiner Frau, denn dort konnte sie nachher Staat mit sich

machen -- hier war es in der That nicht möglich.

Madame Bockenheim oder Sennora Bockenheim hatte sich auch wirklich in den

letzten Monaten sehr verändert, und so einfach und zurückgezogen sie sonst

gelebt, so ganz aus sich heraus_gesprungen_ schien sie jetzt. Ihr Mann, der

Schuhmacher, suchte seinen Reichthum nur in äußerem Pomp zu zeigen. Er trug

schwere goldene Uhrketten, große Brillant-Tuchnadel, eine Menge Ringe und

sein, wie schon erwähnt silberbedecktes Sattelzeug, bummelte aber sonst

noch ebenso nachlässig über die Straße, wie früher, fiel auch wohl einmal

in ein gewöhnliches deutsches Bierhaus hinein und spielte dort seine

Partie Skat, wie er es sonst gewohnt gewesen. Seine Frau dagegen, der der

Hochmuthsteufel in den Kopf gestiegen, schwebte fast nur immer in höheren

Regionen. Sie war gerade keine ungebildete Frau, und deshalb auch früher

überall gern gesehen gewesen, aber sie wußte sich nur in der Sphäre zu

bewegen, der sie angehörte, und fiel aus der Rolle, sobald sie darüber

hinausstieg. Daß sich wirklich vornehme Personen fast immer durch ein

ungenirtes, leutseliges und selbstverständlich artiges Benehmen kundgeben,

hatte sie übersehen; sie suchte das Vornehme in alberner Aufgeblasenheit

und machte sich dadurch nur lächerlich.

Bockenheim hatte sich in der Stadt ein sehr hübsches Haus gemiethet, das

sogar einen kleinen freundlichen Garten umschloß. Die Einrichtung desselben

war prachtvoll und schien auf einen jahrelangen Aufenthalt in Peru

hinzudeuten. Jetzt dachte er schon wieder daran, sie zu veräußern, und

ließ, erst einmal mit dem Entschluß im Reinen, seine Absicht in die Zeitung

setzen.

Natürlich besuchte nun eine Menge von Leuten das Haus, die sich entweder

in der Absicht, die Sachen zu kaufen, diese betrachteten oder auch nur

neugierig waren zu sehen, wie sich der deutsche, so plötzlich reich

gewordene Schuster eingerichtet habe. Von Morgens an aber gingen und

kamen die Leute, Abkömmlinge _aller_ Nationen, und besonders strömten die

=señoritas= herbei, die dann von der Sennora Bockenheim in allem Pomp

eines seidenen, spitzenbedeckten Kleides empfangen wurden und sich nachher

halbtodt über die komische Deutsche lachen wollten.

Bockenheim selber ließ sich wenig dabei sehen. Ihm war die ganze Sache

fatal, und er bereuete schon bitter, das Alles nicht früher und besser

überlegt zu haben, ehe er sich eine solche Last aufbürdete. Aber seine

Frau hatte ja so fest darauf bestanden; sie wollte den Bewohnern von Lima

zeigen, »was sie _konnten_«, und wenn sie auch ein paar tausend Dollars

Schaden dabei hatten, was lag daran? Schon damit zeigten sie, wie reich sie

waren.

Lästig blieben diese ewigen Besuche gleichgültiger Menschen aber doch,

und Bockenheim war wirklich kaum im Stand gewesen, sich eine freie

Mittagsstunde auszuwirken, daß er sein Essen ungestört verzehren konnte.

Ein Zettel an seiner Thür sagte, daß die Lokalitäten von zwei bis vier

_nicht_ geöffnet würden; darnach mochten sich die Leute richten; er war

nicht gesonnen, ihnen seine ganze Bequemlichkeit zu opfern.

Es war eben vier Uhr vorbei, und Casper Bockenheim saß am offenen Fenster,

die Füße gegen ein niederes eisernes Gitter gestemmt, seinen Kaffee neben

sich und rauchte seine Cigarre, als der eine Peon herein kam und meldete,

es sei ein fremder Herr draußen, der den Sennor zu sprechen wünsche.

»Mich? -- Hol' ihn der Teufel,« brummte der Deutsche, »er soll zu meiner

Frau gehen, die wird ihn herumführen. Ich habe mit der Geschichte Nichts zu

thun und will ungestört meinen Kaffee trinken.«

»Aber er will Sie selber sprechen, Sennor.«

»Mich selber? Wer ist es denn?«

»Ich kenne ihn nicht,« sagte der Peon, »er spricht sehr gut kastilianisch,

aber mit einem so sonderbaren Accent. Aus Peru kann er nicht sein.«

»Hm,« brummte Bockenheim leise vor sich hin, »und wie sieht er aus?«

»Ja, ich weiß nicht; er trägt einen großen Bart und hat einen sehr schönen

Poncho umhängen, als ob er von der Reise käme.«

»Na, so laß ihn in des Bösen Namen herein. Frag' ihn aber erst, ob er die

Möbel sehen will, und wenn er Ja sagt, schick' ihn zu meiner Frau; die wird

am besten mit den Leuten fertig.«

Der Peon ging, kehrte aber gleich darauf mit dem Fremden zurück, der ihm

auf dem Fuß folgte. Bockenheim war verdrießlich; er haßte Nichts mehr, als

sich spanisch zu unterhalten, denn wenn auch schon längere Jahre im

Land, konnte er mit der Sprache doch noch nicht gut fertig werden, und

mißhandelte sie auch auf das Grausamste. Er war langsam aufgestanden, um

den Fremden zu begrüßen und zu hören, was er wolle -- aber er kam nicht

weit. Wie nur sein Blick auf die Züge des vor ihm Stehenden fiel, war es

ihm, als ob ihm Jemand einen Stich durch's Herz gäbe. Er fühlte, daß er

leichenblaß wurde, seine Kniee zitterten, und er mußte sich an dem nächsten

Stuhl festhalten, um nicht zusammen zu sinken.

Dem Fremden konnte auch die Erregung, die den Deutschen erfaßt hatte, nicht

entgehen. Ein spöttisches, fast verächtliches Lächeln zuckte aber nur um

seine Lippen und er sagte trocken:

»=Buenos dias, Don Gaspár= -- ich sehe, Ihr kennt mich noch, obgleich ich

ein paar Monate an der Wunde das Lager hüten mußte.«

Casper Bockenheim stierte ihn noch immer an, als ob er einen Geist gesehen

hätte; er brauchte Minuten lang, um sich zu sammeln, behielt aber doch so

viel Besinnung, daß er dem Peon zuwinkte, das Zimmer zu verlassen. Er mußte

mit dem Mann allein sein. Dieser schien das auch ganz in der Ordnung zu

finden und ließ indessen seinen Blick in dem höchst eleganten und reich

ausgestatteten Raum umher fliegen, wobei er nur langsam und wie, als ob

er eine Vermuthung bestätigt erhalten, mit dem Kopf nickte. Aber er sprach

kein Wort weiter; es war, als ob er jetzt erst eine Anrede des Deutschen

abwarten wollte, zu der er ihm völlig und ungestört Zeit ließ.

Das war insofern gefehlt, als er diesem dadurch auch völlig Raum gab, sich

von seiner ersten Ueberraschung zu erholen, und Bockenheim schien Gebrauch

von der Gelegenheit zu machen.

Sein finsterer Blick maß den Mexikaner, der ihm übrigens ganz unbefangen

gegenüber stand, und jetzt sogar, als wenn er hier zu Hause wäre, zu einer

dort stehenden Cigarrenkiste trat und sich eine Havana herausnahm.

»Ah Don Gaspard,« lachte er dabei, »Ihr raucht jetzt feine =puros=! Wißt

Ihr wohl noch, wie wir auf dem Wege nach Macalome alle Taschen umdrehten,

um ein wenig Taback für eine Cigaretta darin zu finden?«

»Mit wem habe ich das Vergnügen?« sagte da der Deutsche trocken, indem er

den unwillkommenen Gast mit finster zusammengezogenen Brauen betrachtete.

»Sie müssen jedenfalls in ein falsches Haus gerathen sein, Sennor.«

»=Caramba=,« lachte der Mann und drehte sich rasch nach ihm um. »Ihr kennt

mich wohl nicht mehr? Wahrhaftig, wenn _mein_ Gedächtniß zum Teufel wäre,

sollt' es mich nicht Wunder nehmen; denn der Hieb, den Ihr mir damals

über den Kopf gegeben, hätte einem anderen Menschen wahrscheinlich den

Hirnkasten von einander gesprengt. Aber wie Ihr seht, habe ich mich

vollständig wieder erholt und befinde mich, den Umständen nach, wohl,

während Ihr Euch,« setzte er mit einem Blick umher hinzu, »_besser_ zu

befinden scheint.«

»Dürft' ich fragen, was Ihr von mir wollt, Sennor?« sagte der Deutsche

trocken. »Ich habe nicht viel Zeit und noch weniger Lust, mich lange mit

Euch abzugeben.«

Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen · 第 14 / 18 段