Beide aber waren einig darüber, daß es das Beste wäre, nicht über Nacht
vor der Stadt liegen zu bleiben, da die Wilden möglicherweise einen neuen
Angriff wagen konnten. Aber in kurzer Zeit begünstigte sie auch wieder die
ausgehende Ebbe, und bis dahin konnten sie wenigstens einen Versuch machen,
einen Theil der feindlichen Schätze als rechtmäßige Beute zu bergen, noch
dazu da sie für den Augenblick auch nichts von der Tapferkeit der einzelnen
Truppen zu fürchten brauchten. Es war wenigstens kein einziger von ihnen
auch nur zu sehen, und da der Platz fast unmittelbar am Ufer lag, eine
Landung leicht und fast sicher auszuführen.
Zu einer solchen Arbeit sind die Matrosen immer leicht zu bekommen.
Gefahr? was kümmerte sie die, wenn es galt, irgend einen tollen Streich
auszuführen, und wie ihnen nun die Kameraden von der Umzäunung
erzählten, in welcher der Löwe die Wache gehalten und wo die prachtvollen
Elephantenzähne aufgeschichtet lägen, waren sie kaum mehr zurückzuhalten.
Indessen verfolgte der Schooner ruhig seine Bahn stromauf, und vorn am Bug
stand der Steuermann, das Fernrohr am Auge, um das Land nach jeder Richtung
hin abzusuchen. Aber nirgends war auch nur ein lebendes Wesen zu erkennen;
der an dem Morgen noch so rege Platz schien wie ausgestorben, und nur die
aus den Büschen aufragenden Giebel und Dächer verriethen, daß jene Strecke
bewohnt sei -- sonst wirbelte von keiner einzigen Feuerstelle selbst nur
Rauch empor. Der Löwe hatte Wunder gewirkt.
Allerdings war es unter der Zeit schon ziemlich spät geworden, aber noch
stand die Sonne am Himmel, und ein Versuch zur Landung konnte jedenfalls
gemacht werden. Der Kapitän beorderte auch das zweite Boot auf's Wasser,
was rasch geschehen war, und während der Schooner hier in vollkommen
ruhiger, unbewegter See vor einem Nothanker lag, stießen sie ab und
ruderten dem Land entgegen. Es wurde auch keine Vorsicht dabei versäumt,
einem etwaigen Hinterhalt zu begegnen; die Leute gingen bis an die Zähne
bewaffnet, und der Kapitän war dabei im Stande, mit seiner Drehbasse das
ganze Ufer zu bestreichen.
Mit einem lauten Hurrah stürmten die Burschen, sobald die kleinen Fahrzeuge
nur das Land berührten, die Bank hinauf und von dem Steuermann geführt
der Umzäunung zu, wo sie sich dann freilich nicht zu den hier aufgehäuften
Schätzen nöthigen ließen. Genau genommen war es vielleicht Raub, aber die
verrätherischen Schwarzen mußten auch gezüchtigt werden, und wären sie
Sieger geblieben, so würde wohl kaum ein Mann der Besatzung mit dem Leben
davongekommen sein. Die moralische Seite der Frage beschäftigte die Leute
aber auch in der That nur sehr wenig. Allerdings schauderten sie, als sie
den Platz zuerst betraten und die indeß herbeigestrichenen Aasgeier von
ihrem eklen Mahl verjagten; der verstümmelte Körper jenes unglücklichen
Sklaven sah auch entsetzlich aus -- aber sie durften sich nicht dabei
aufhalten. Schon sank die Sonne hinter den Wipfeln der Bäume, und die
Dämmerung ist gar kurz in diesen Ländern. So faßten sie denn auf, was sie
erreichen konnten, und hatten erst zum zweiten Mal den Weg gemacht, als
ihnen der Kapitän schon wieder das Zeichen zur Abfahrt gab. Es dunkelte,
und er wollte seine Leute nicht der Gefahr eines Ueberfalls aussetzen.
Sechstes Kapitel.
Der Gefangene.
Unter der Zeit hatte aber auch der gefangene Häuptling sein volles
Bewußtsein wieder erlangt und schäumte ordentlich vor Wuth, als er sich,
gebunden und zu Boden geworfen, in der Gewalt seiner weißen Feinde sah.
Aber die Seile hielten und schnitten ihm nur tief in die Fettwulsten seiner
Glieder ein, und zu seinen Füßen saß, mit Schadenfreude in den dunklen
Zügen, der Knabe und beobachtete vergnügt die machtlosen Anstrengungen des
einst so gefürchteten Mannes.
Kapitän Oacutt lag aber weit weniger daran, dieß schwarze unförmliche
Menschenbild zu quälen, als durch ihn seinen Zweck zu erreichen, nämlich
die gefangenen Weißen zu befreien, falls sich diese noch in der Gewalt der
Eingebornen befinden sollten. Es dauerte freilich lange, bis er Zambiri so
weit brachte, ihm Rede zu stehen, und auf's Neue gerieth dieser außer sich,
als er den Knaben, den er gewohnt war als Sklaven zu mißhandeln, frei und
trotzig neben sich stehen und ihn verhöhnen sah. Aber er fühlte doch auch,
wie machtlos er jetzt sei, und gab sich endlich ruhig in sein Schicksal.
Allerdings wollte er Anfangs auf die an ihn gerichteten Fragen -- wobei
jetzt der Knabe als Dolmetsch gebraucht wurde, nicht antworten; als ihm
dieser aber sagte, daß er nur dadurch seine Freiheit wieder erlangen könne
und die Weißen ihn sonst mit in ihr Land als Sklaven schleppten, wurde er
geschmeidiger.
Zuerst leugnete er freilich, von dem Wrack, wie den darauf befindlich
gewesenen Weißen das Geringste zu wissen; endlich aber gestand er ein, daß
sie Krieg mit ihnen geführt, weil die Weißen seine Unterthanen als Sklaven
hätten fortführen wollen. Auch das gab er zu, daß sie zwei von ihnen
gefangen an Land gehabt hätten, aber sie wären vor Kurzem mit einer
portugiesischen Karawane fortgegangen, und er wüßte nichts weiter von
ihnen.
Der Kapitän sagte ihm jetzt, daß er nur dadurch seine Freiheit wieder
erlangen könne, wenn er die beiden Weißen herbeischaffe, denn er würde
seinen Lügen nie glauben. Zambiri blieb aber bei seiner Behauptung und
forderte die Weißen auf, den Knaben hinüber zu schicken und dort selber
nachzufragen. Alle Eingebornen würden seine Aussage bestätigen.
Das war übrigens leichter gesagt, als ausgeführt, denn beide Boote befanden
sich gerade an Land und die Leute dort emsig genug beschäftigt. Ueberdieß
durfte er sie nicht länger drüben lassen, denn schon setzte mit der
Abenddämmerung ein leichter dünner Nebel ein, der den freien Blick auf
einige Entfernung hemmte. Unter dem Schutz desselben hätten die Wilden
recht gut plötzlich vorbrechen können, und er war sogar der Gefahr
ausgesetzt, daß sich der Nebel dichte und er den Weg nicht mehr aus der
Bucht hinaus fand. -- Für heute hatten sie jedenfalls ihre Arbeit
hier gethan; er gab das Zeichen zur Abfahrt, und als die Boote an Bord
zurückkehrten, kam der leichte Anker in die Höhe und der Schooner trieb
langsam mit der Ebbe stromab und wieder in See hinaus.
Zambiri heulte laut auf, als er die Bewegung sah und jetzt bemerkte, daß
sie weiter und weiter ab von seinem Reiche trieben, aber Niemand achtete
auf ihn. An der Mündung der Bai fischte die Sarah Miles ihren vorher
an einer Buoye gelassenen Anker wieder auf und hielt dann auf's Neue in
offenes Wasser hinaus, wo sie keinen Angriff zu fürchten brauchte.
Erst am nächsten Morgen kehrte sie zurück, aber nicht wieder in die Bucht,
in die sich der Kapitän nicht mehr hineinwagen mochte, sondern gegen das
untere Ufer hielt er an, wo sie jetzt Eingeborne entdecken konnten. Wie
aber nur das Boot ausgesetzt wurde, flohen sie in den Wald hinein und
es hatte nicht geringe Schwierigkeiten, sie zu überzeugen, daß man keine
Feindseligkeit beabsichtige, sondern nur zu unterhandeln wünsche. Der
Knabe, obgleich er sich Anfangs dagegen sträubte, weil er fürchtete, daß
man ihn zurückhalten würde, mußte endlich allein an Land, und es gelang ihm
auch, Einzelne der tapferen Krieger zum Stehen zu bringen.
Die Auskunft, die er von diesen erhielt, lautete aber wirklich ganz ähnlich
so wie die, welche ihnen schon Zambiri gegeben. Die beiden gefangenen
Weißen hatten, weil sie immer krank waren und keine Arbeit verrichten
konnten, mit den portugiesischen Händlern vor etwa drei Monaten das Land
verlassen, und Niemand wußte zu sagen, wo sie jetzt wären -- jedenfalls
aber weit von hier.
Damit kehrten die Botschafter an Bord zurück, denn was hätte ihnen ein
längerer Aufenthalt am Lande genützt? Aus Zambiri selber war ebenfalls
nichts weiter heraus zu bekommen. Jetzt, mit der Todesangst, daß er
fortgeschleppt werden sollte, war er auch mürbe und zahm geworden und unter
Thränen schwur er, daß er die Wahrheit gesprochen -- würde er den Fremden
doch gern hundert Gefangene für seine eigene Freiheit gegeben haben. Er bot
ihnen auch wirklich so viele von seinen eigenen Leuten als Sklaven an,
wenn sie ihn wieder an's Ufer setzen wollten, und erklärte dabei, auf
jeden Handel einzugehen, den sie vorschlagen würden. Oacutt traute aber dem
Burschen nicht und wollte auch keine Sklaven haben. Mitnehmen konnten sie
ihn aber nicht, was sollten sie mit dem Koloß an Bord thun, und der Knabe
wurde deßhalb noch einmal an Land geschickt, um wenigstens ein Lösegeld für
den König zu erhalten.
Zuerst sollten die Eingebornen die noch in der Umzäunung lagernden
Elephantenzähne, welche die Matrosen gestern nicht alle fortgeschafft, zum
Ufer herunterbringen, und ebenso den Koffer mit Geschenken, den er gestern
erhalten -- außerdem aber sämmtliche Sachen, die sie von jenem Fahrzeug der
Weißen geraubt und die sich in Zambiri's Wohnung befanden.
Unter der Zeit hatte sich auch wieder eine Zahl von Eingebornen am
Ufer versammelt, denn sie sahen wohl, daß die Weißen keine feindseligen
Absichten mehr zeigten, und kamen jetzt, wahrscheinlich um ihren gefangenen
König loszubitten. Uebrigens schienen sie sämmtlich bewaffnet, als ob sie
doch noch einen Angriff der Fremden fürchteten, und da Oacutt auch das
letzte Mißtrauen zu zerstreuen wünschte, so wurde der Doktor, den Knaben
als Dolmetsch bei sich, mit einer weißen Flagge hinübergesandt. Der
Steuermann nämlich konnte nicht gehen, da ihn seine Wunde zu sehr
schmerzte.
Die Bedingung, die Spruce zu stellen hatte, lautete, daß die Eingebornen
das »Lösegeld« am Ufer niederlegen und sich dann entfernen sollten. Die
Weißen würden es dort in Empfang nehmen und ihren König dann ungesäumt an
Land setzen.
Das Boot näherte sich, dieser Masse von Eingebornen gegenüber, nur
höchst vorsichtig dem Ufer, und der Doktor hielt es für gerathen, selbst
vornhinein zu treten und die Fahne zu schwenken, damit sie sähen, daß sie
in friedlicher Absicht kämen.
Die Eingebornen standen indessen still und regungslos etwa hundert Schritt
vom Ufer ab und unmittelbar vor dem nächsten Dickicht, wahrscheinlich um
dort, wenn es etwa nöthig werden sollte, gleich hinein zu tauchen, und nur
erst als das Boot, das aber vorsichtigerweise nicht auflief, sondern flott
blieb, den Strand berührte und der Doktor, die Fahne in der Hand und nur
den Knaben als Dolmetscher an seiner Seite, an's Ufer sprang, kamen drei
der Schwarzen, aber ohne Waffen, zum Wasserrand herab, um zu hören, was die
Weißen von ihnen wollten.
Der kleine Bursche richtete dabei die Botschaft aus, indem es ihm der
Doktor auf Englisch vorsagte und er die einzelnen Theile übersetzte, und
sie hörten ihn ruhig und aufmerksam an. Als er aber geendet, erwiederten
sie, daß sie sich darüber erst mit dem Stamm berathen müßten -- sie sollten
nur ein wenig warten, sie kämen gleich wieder zurück.
Damit gingen sie und der Doktor machte sich schon auf eine lange Wartezeit
gefaßt, denn daß die Eingebornen einen schwierigen Stand mit dem dicken
König selber bekamen, wenn sie all' sein Eigenthum -- und sei es auch zu
seiner eigenen Rettung -- hergaben, ließ sich denken. Sie schienen aber
weniger Zeit zu brauchen, als er selber geglaubt, denn obgleich die
Unterhandlung da oben ziemlich stürmisch herging und viel und laut
gesprochen wurde, dauerte sie doch kaum eine volle Viertelstunde. Dann
kamen die schwarzen Botschafter wieder zurück und ihre Antwort lautete in
der Uebersetzung etwa folgendermaßen:
»Unser König war Zambiri. Er war blutdürstig und grausam. Er hat viele
unserer jungen Leute hingeschlachtet und an die Weißen verkauft; wir waren
Alle seine Sklaven. Ihr habt ihn weggenommen und auf euer Schiff gebracht
-- das ist gut. Behaltet ihn. Wir haben einen andern König gewählt und
Alles, was dem früheren gehörte, ist jetzt sein Eigenthum. Wir wollen auch
keinen Krieg mit den Fremden oder mit einem andern Stamm -- wir wollen
Frieden -- Llefugo hat gesprochen.«
Der Doktor lachte gerade hinaus, als ihm der Knabe die Antwort übersetzte.
Das war ein liebender Volksstamm, der sich herzlich freute, den Landesvater
los zu werden, und nicht einen Elephantenzahn geben wollte, um ihn wieder
zu bekommen. -- Und was nun? Würdevoll aber standen die Abgesandten vor
ihm. Sie hatten ihren Auftrag ausgerichtet und kein ferneres Interesse an
der Sache. Eine weitere Verhandlung zeigte sich auch als völlig zwecklos,
denn die Eingebornen ließen sich auf nichts mehr ein. Die Weißen mochten
Zambiri mit fortnehmen, wenn es ihnen Freude machte; sie hatten einen
andern König und wollten keinen Krieg.
Dabei winkte der Sprecher mit der Hand, und als thatsächlicher Beweis
des eben Gesagten kamen eine Anzahl Frauen und Kinder, Anfangs zwar noch
schüchtern, aber dann doch zutraulicher werdend, an die Landung herunter
und brachten Körbe mit Früchten, Mangas, Cocosnüsse, Eier, junge Hühner und
Ferkel, die sie zum Tausch anboten. Eine solche Aushülfe war nun allerdings
erwünscht, und der Doktor hatte auch schon zu dem Zweck eine Partie
Schmuck, Kattun und Tabak im Boot, was er ungesäumt gegen frische
Provisionen eintauschte. Von ihrem König wollten sie aber nichts weiter
hören -- Zambiri war ihr König nicht mehr, wie sie sagten, und nur ein
böser, schwarzer Mann, den die Weißen verkaufen sollten, wenn sie Lust
hätten -- sie wollten ihn aber nicht.
Damit fuhr der Doktor an Bord zurück und überraschte seinen Kapitän mit
der allerdings unerwarteten Nachricht. Vollkommen wie rasend geberdete sich
dagegen Zambiri selber, als ihm der Kleine mit boshafter Schadenfreude das
wieder erzählte, was sein treues Volk über ihn gesagt, und als er hörte,
daß sie an Land einen neuen König gewählt, fing er so an zu wüthen, daß die
Matrosen endlich ein Stück Segeltuch über ihn herwarfen und ihn festhalten
mußten, er hätte sonst, trotz seiner Bande, ein Unglück angerichtet.
Kapitän Oacutt kratzte sich den Kopf und lief auf seinem Quarterdeck mit
raschen Schritten auf und ab. -- Daß die hier früher gefangen gehaltenen
Weißen den Platz wieder verlassen hatten, schien vollkommen sicher zu sein,
denn halb und halb bestätigte das ja auch die Aussage des Knaben; was aber
sollten sie jetzt mit dem Fleischklumpen an Bord machen, den sein eigenes
Volk nicht einmal wieder haben wollte? Ihn mitnehmen? -- Er wäre ihnen eine
nutzlose Last gewesen -- und über Bord werfen? -- Verdient hätte er es,
denn sein Steuermann saß mit einer häßlichen Wunde an Deck, und der eine
Matrose war so bös getroffen, daß der Doktor schon bei dem ersten Verband
bedenklich mit dem Kopf schüttelte. -- Aber es ging doch nicht. Gefangen
durfte er ihn nehmen, aber über den Gefangenen stand ihm kein Recht auf
Leben und Tod zu.
»Ei, zum Henker!« rief da der Kapitän plötzlich aus, indem er stehen blieb
und sich gegen den Doktor wandte, »was geht uns denn hier die ganze Bande
an, ob sie ihren König wieder haben wollen oder nicht; wir können ihn
keinenfalls gebrauchen und seinethalben auch keine Stunde länger an der
Küste bleiben. Zimmermann, nehmt Euch einmal zwei Leute in die kleine Jölle
und setzt mir den Fettfleck an Land -- mir wird übel, wenn ich das Ungethüm
sich da noch länger wälzen sehe.«
»Und der Junge, Kapitän, soll der auch wieder mit fort?«
»Wenn er will, meinetwegen.«
Der Knabe hatte der für ihn verhängnißvollen Frage mit augenscheinlichem
Erschrecken gelauscht, jetzt aber warf er sich vor dem Kapitän nieder
und bat in so angstgepreßten Tönen, nicht wieder jenem grausamen Manne
überliefert zu werden, daß der Seemann endlich sagte: »Gut, da bleib', ich
hab' nichts dagegen, aber nun auch rasch, daß wir den dicken Burschen von
Bord kriegen. Bindet ihn los, Zimmermann, und sag' ihm, mein Junge, daß
er an's Ufer soll; nachher mag er sehen, wie er selber mit seinen Leuten
fertig wird.«
Der Befehl wurde rasch ausgeführt; während die Leute den abgesetzten König
losbanden, sagte ihm der Knabe, daß er frei sei und an Land gehen könne;
dann schnürten sie ihm ein Tau um den Leib, ließen ihn wieder in's Boot
hinunter und wenige Minuten später ruderten sie den Koloß zum Ufer hinüber.
Jetzt aber band sie auch nichts mehr an die Küste, und dem Kapitän lag
selber daran, so rasch als möglich wieder fortzukommen. Noch während die
Jölle unterwegs war, wurde das andere größere Boot an Bord genommen und der
Anker gehoben, und indeß der Kapitän die dazu nöthigen Befehle gab, stand
der Doktor an der einen Want, das Teleskop am Auge, und sah nach der
Landung hinüber, um zu beobachten, wie König Zambiri von seinen treuen
Unterthanen empfangen werden würde.
Die Eingebornen am Ufer hatten sich indeß zum großen Theil zerstreut, denn
sie hielten nach ihrer gegebenen Erklärung die Sache wahrscheinlich für
abgemacht. Ein Theil von ihnen war aber doch noch zurückgeblieben, um den
Schooner und dessen Abfahrt zu überwachen, und diese wurden jetzt plötzlich
aufmerksam, als sie das Boot noch einmal zur Küste zurückkehren sahen. Was
es enthielt, vermochten sie freilich nicht gleich zu unterscheiden, da
man den Schwarzen auf der ihnen entgegengesetzten Seite des Schooners
niedergelassen; aber vorsichtig näherten sich die zuerst Gesandten wieder
dem Strande. Da verrieth ihnen das rothe, jetzt freilich arg zerrissene
Oberhemd ihres früheren Königs Zambiri vor der Zeit dessen Anwesenheit, und
einen lauten Schrei ausstoßend liefen sie zu den Ihrigen zurück, um ihnen
wahrscheinlich die Entdeckung mitzutheilen.
Jetzt kam Leben in den Schwarm. Der Doktor bemerkte, wie nach allen Seiten
Leute abgeschickt wurden, die pfeilschnell über den Boden schossen, indeß
die Schaar der Bewaffneten mit ihren Lanzen und Schilden näher zum Strand
hinunterrückte. Dem Zimmermann wurde auch, wie er später erzählte, nicht
ganz wohl im Boot, und es lag ihm gar nichts daran, den jetzt jedenfalls
gereizten Eingebornen zu übermäßig nahe zu kommen. Darin begünstigte ihn
aber die indessen stark eingetretene Ebbe; gleich unterhalb bemerkte er
einen etwas weiter auslaufenden Sandstreifen, auf den er augenblicklich
zuhielt, und hier bekam Zambiri die Ordre, wie nur der Kiel den Sand
berührte, auszusteigen und seinen Weg allein fortzusetzen -- was schadete
es auch, wenn er mit seinen bloßen Beinen nasse Füße bekam.
Zambiri schien keine rechte Lust zu haben, denn das ganze Benehmen seiner
Unterthanen am Ufer mochte ihm ebenfalls nicht gefallen -- aber es blieb
ihm keine Wahl, denn weit mehr fürchtete er an Bord zurückgeschafft zu
werden. Er stieg aus, im Nu schoß das dadurch fast um die Hälfte seines
Gewichts erleichterte Boot wieder zurück in tiefes Wasser, und Zambiri, den
zerfetzten rothen Mantel um die Schultern, stand an der Spitze der Sandbank
und starrte nach dem Ufer hinüber.
Das Boot hielt sich nicht auf; rasche kräftige Ruderschläge brachten es zum
Schooner zurück, und während es dort eingehakt und an der Seite aufgezogen
wurde, kam auch der Anker herauf und der Bug der Sarah Miles schwang
langsam mit der Strömung herum der offenen See entgegen.
Noch stand Zambiri am Strand, und eben so fest behaupteten die Krieger oben
ihren Platz. Jetzt aber mochte er doch wohl fühlen, daß er dort draußen
nicht länger bleiben könne, ohne seiner Würde etwas zu vergeben. Einen
Blick warf er nach dem Fahrzeug der Weißen zurück, dessen Segel sich voll
ausblähten und an dessen Bug sich schon das Wasser zu kräuseln begann --
dann drehte er sich um und schritt entschlossen die Uferbank hinauf.
Jetzt regte sich auch da oben die dunkle Masse -- der Doktor konnte noch
erkennen, obgleich sich die Entfernung mit jedem Augenblick vergrößerte,
daß von allen Seiten mehr Bewaffnete herbeiliefen. Da dröhnte plötzlich,
bis zu ihnen selbst hinaus, ein einziger gellender Aufschrei aus Aller
Kehlen, und wie ein Schatten über einen von der Sonne beschienenen Plan
wälzte sich der dunkle Schwarm dem König entgegen.
Dieser warf die Arme empor, dann verschwand Alles in einem wilden Gewirre
von schwarzen Gestalten, und als sich diese endlich wieder zum Ufer
hinaufgezogen, blieb nur ein einziger dunkler Punkt auf dem hellen
Untergrund des Strands zurück.
Der Doktor schob sein Glas noch etwas mehr zusammen, um den Punkt in den
Fokus zu bekommen.
»Nun, Doktor, wie ist's?« lachte der Kapitän; »können Sie noch was
erkennen? -- Wie haben sie unsern Dicken aufgenommen?«
»Dort liegt sein unbeholfener Leichnam am Strand,« sagte der Doktor, indem
er das Glas zusammenschob, denn die Entfernung wurde jetzt zu groß, »und
wenn die Fluth wieder steigt, wird sie ihn in die See schwemmen.«
»Ein fetter Bissen für die Krokodile!« lachte der Seemann. »Alle Wetter!
das erste, das ihm begegnet, bekommt ein richtiges Maul voll -- ein Glück
nur, daß er uns zu seinen Erben eingesetzt. Aber was haben sie mit ihm
gemacht?«
»Ihm wahrscheinlich ihre Lanzen in den Leib gerannt,« nickte der Doktor.
»Sonderbar doch; vorher hatte er nicht mehr Macht und Gewalt über sie
als jetzt, und doch duldeten sie Alles und ließen sich verkaufen und
abschlachten, wie es dem grausamen Tyrannen gefiel. Jetzt, da der Nimbus
gefallen ist, der ihn umgab, rennen sie ihm ihre Speere in den Leib und
lassen den Kadaver draußen auf dem Sande liegen.«
»Menschennatur,« sagte der Yankee gleichgültig. »Na, wir sind ihn
wenigstens los und haben keine Verantwortung. Die Brise frischt auf, Doktor
-- ich denke, jetzt halten wir gerade auf das Kap zu.«
Der Schooner neigte sich vor dem frisch einsetzenden Wind auf die Seite und
flog schäumend durch die leichtbewegte Fluth. Vom Land aus hatten ihm die
Eingebornen nachgesehen, aber er wurde kleiner und kleiner und verschwand
endlich wie ein lichter Punkt am Horizont.
Der Mexikaner.
Peruanische Erzählung.
Erstes Kapitel.
Die verlassene Frau.
In Lima lebte im Jahr 1850 in einem kleinen Häuschen in der Vorstadt eine
arme deutsche Schusterfrau, der es außerordentlich knapp zu gehen schien,
denn sie war von ihrem Mann verlassen worden und hatte sich nun hier
draußen bei einer armen peruanischen Familie einquartieren müssen. Sie
ging auch, besonders in deutsche Häuser, plätten und nähen und suchte sich
wirklich auf ehrliche Art ihr Brot zu verdienen, wobei sie denn von den
wenigen deutschen Familien nach Kräften unterstützt wurde.
Der Mann war -- so viel wußte man -- im Jahr 48, als die erste Nachricht
der in Kalifornien entdeckten Schätze nach Peru drang, plötzlich
verschwunden, und sollte in Callao -- dem Hafen von Lima, kurz vor der
Abfahrt eines nach San Francisco bestimmten Schiffes gesehen worden sein.
Der Verdacht lag also sehr nahe, daß er sich auf diesem entfernt habe, um,
wie tausend Andere, sein Glück in den Minen zu versuchen. Daß er die
Frau dabei in den dürftigsten Umständen und fast ohne einen Dollar
Geld zurückließ, war natürlich schlecht, aber es wäre doch wohl noch zu
entschuldigen gewesen, wenn er sich nur später um sie gekümmert, wenn er
nur einmal etwas Geld geschickt oder wenigstens einen Brief geschrieben
hätte.
Aber Nichts dem Aehnliches erfolgte, und die arme Frau mußte zuletzt die
Hoffnung aufgeben, ihren Mann je wieder zu sehen und von ihm Hülfe zu
erhalten. Allerdings erkundigte sie sich -- als nun fast zwei Jahre
vergangen waren, und viele Peruaner aus den kalifornischen Goldminen
zurückkehrten, bei Jedem wohl nach dem Verlorenen und ob sie ihn nicht in
Kalifornien getroffen hätten -- aber, lieber Gott, Kalifornien war groß und
die dorthin gegangenen Goldwäscher staken oben in den Gebirgsschluchten,
wohin weder Weg noch Steg führte; wer sollte sie dort finden. Man konnte
Monate lang in ihrer unmittelbaren Nähe sein und bekam sie trotzdem nicht
zu sehen. Es wußte ihr auch Niemand auch nur den geringsten Trost oder
Anhaltepunkt zu geben -- sie mußte sich selber trösten, vielleicht kehrte
er, wie die Meisten sagten, einmal ganz plötzlich mit einem großen Sack
voll Gold zurück, und dann hatte alle ihre Noth ein Ende.