»Und wo kommt das Schiff her, dessen Rumpf da draußen liegt?« sagte der

Doktor.

»Was geht Dich das Schiff an?« brummte der Dolmetsch; »Zambiri wartet. Wenn

ich Euch rathen soll, macht ihn nicht ärgerlich.«

»Hol's der Henker, Mate,« sagte der Doktor, »wir sind einmal dazu

hergekommen, und müssen die Sache nun auch ausbaden. Furcht sollen uns die

schwarzen -- Gentlemen doch wenigstens nicht vorwerfen. Laßt den Koffer

hinaufschaffen und Seiner Wohlbeleibtheit die Sachen vorlegen; ich denke,

dann wird er schon freundlich werden. Hier unten können wir doch nicht

liegen bleiben.«

»Meinetwegen,« sagte der Seemann, »aber,« setzte er leise hinzu, »seid

auf der Hut, und bei dem geringsten Zeichen von Verrath nur so rasch als

möglich zum Boot hinunter. Dort wollen wir uns schon freie Bahn halten.«

»Und wo habt Ihr die Sachen?«

»Laßt ein paar von Euren Leuten anfassen und sie hinauftragen.«

»Und können das nicht Eure Leute thun?« frug der Dolmetsch.

»Ich will Dir was sagen, mein Bursche,« rief aber nun der Steuermann, jetzt

ebenfalls ärgerlich werdend, »die bleiben als Wache im Boot, und wenn Ihr

Eure jungen Leute nur dazu braucht, um wilde Bestien damit zu füttern, so

laßt sie meinethalben oben. Das ist das Kurze und Lange von der Sache.«

Der Dolmetsch stand einen Moment unschlüssig, aber Zambiri brüllte ihm

etwas in seiner Sprache zu, und er gab jetzt rasch ein paar Burschen

den Befehl die mitgebrachten Sachen aus dem Boot zu nehmen und zum König

hinaufzubringen. Das geschah auch ungesäumt, denn mit dem regierenden Herrn

schien heute nicht zu spaßen; er hatte seinen bösen Tag, und es war besser,

ihm rasch zu Willen zu sein. Mit den Geschenken durften aber auch die

Weißen darauf rechnen, eine freundliche Aufnahme zu finden, und Steuermann

wie Doktor schritten jetzt langsam neben dem ziemlich schweren Koffer her,

um den Inhalt desselben dem Oberhaupt des Stammes vorzulegen.

Merkwürdig sah der Mensch aus, als er dort aufrecht vor ihnen stand, und

der Doktor gestand sich, etwas Scheußlicheres und Unförmlicheres nie im

Leben gesehen zu haben. Er war selber nicht übermäßig groß, aber wenn er

den Arm ausstreckte, konnte der Wilde recht gut darunter durchgehen, ohne

anzustoßen, und Beine sah man dabei fast gar nicht an dem Fleischklumpen,

während der eine ausgestreckte Arm, der die Lanze hielt und sich daran

stützte, reichlich so dick und fleischig schien, wie ein starkes Bein.

Der Ausdruck seines dicken, geschwollenen Gesichts verrieth auch keinen

freundlichen Gedanken und seine Augen flogen mürrisch und trotzig zugleich

über die Weißen und schweiften dann von ihnen nach dem Schooner hinüber,

der jetzt deutlich unten an der Mündung der Bucht erkennbar war. Da der

Steuermann aber keine Zeit verlor und den Koffer rasch öffnete, heiterte

sich seine Miene doch etwas auf, denn er mußte wohl sehen, daß ihm die

Fremden heute würdigere Geschenke gebracht, als gestern.

Er ließ eine Decke auf die Erde breiten und die Gegenstände darauf legen,

und fegte dabei eigenhändig den Platz mit seiner Lanze frei, daß ihm sein

eigenes Volk nicht zu nahe rückte. Er traute ihnen wahrscheinlich nicht,

und doch mochte sie wohl nur die Neugierde heranpressen, denn die Strafe

folgte hier, wie sie eben gesehen, dem Vergehen auf dem Fuße. Zu gleicher

Zeit unterhielt sich Zambiri fortwährend mit dem Dolmetsch in seiner

eigenen Sprache, oft selbst mit unterdrückter Stimme, und dieser ging dann

langsam zu dem Boot hinab, wobei er angelegentlich mit Einigen der Leute

sprach.

Dem Doktor gefiel das nicht, und er behielt den Burschen, so viel das

irgend anging, im Auge, konnte aber weiter nichts Auffälliges oder

Verdächtiges erkennen; ja die Zahl der Bewaffneten in ihrer Nähe schien

sich sogar zu verringern, und er bemerkte, wie kleine Trupps von ihnen

langsam am Ufer hinabschritten und sich dann in den Büschen verloren. Nur

ein Theil der Mädchen und Frauen waren noch bei ihnen geblieben, während

das Wehgeheul der Anderen jetzt aus dem Dickicht von Fruchtbäumen

heraustönte, das den Platz umschloß, und wo wahrscheinlich ihre Wohnungen

lagen.

Im Ganzen mochten vielleicht vierzig »Krieger« zurückgeblieben sein, die

hinter und um den König in einzelnen Gruppen standen, und jedenfalls seine

Beiwache bildeten.

Der Dolmetsch kam jetzt zurück, und da der König auch wohl die

mitgebrachten Gaben zur Genüge gemustert hatte und befriedigt schien -- er

grunzte wenigstens ein paar Mal still vergnügt vor sich hin -- befahl

er zweien von seinen Leuten, den Koffer in sein Haus zu tragen, und es

begannen nun die Verhandlungen über ein etwaiges Geschäft, wobei der

Steuermann erklärte, daß sie einzelne Stücke der Dinge, welche sie gesonnen

wären, gegen Elfenbein oder andere Produkte auszutauschen, mitgebracht

hätten und dem Häuptling vorlegen könnten.

»Aber wo sind sie?« frug dieser rasch.

»Unten im Boot.«

»Und weßhalb bringt Ihr sie nicht herauf?«

Der Steuermann hatte wohl mit Recht vermuthet, daß der Schwarze Alles, was

ihm dort auf die Uferbank gebracht wurde, als Geschenk betrachten und mit

Beschlag belegen könne. Er bat deßhalb den Dolmetsch, Seine Majestät zu

veranlassen, mit ihm hinunter zum Boot zu gehen, aber der Dicke wollte

nicht. Zwei Boten waren schon abgeschickt gewesen, und kamen jetzt mit dem

Löwenfell herbei, das sie dort für ihn ausbreiteten, und worauf er sich

niederließ, und nun verlangte er, daß ihm die Sachen heraufgebracht und

vorgelegt würden, dann wolle er bestimmen, was er dafür geben könne.

Dem Steuermann schien das unbequem, denn alles weiter Mitgebrachte lag

lose, oder nur in Stücken Segeltuch eingeschlagen in ihrem Boot, und

schickte er Schwarze hinunter, um es herauf zu holen, so war er vor ihren

diebischen Händen nicht sicher. Wo sie irgend etwas bei Seite schaffen

konnten, thaten sie es gewiß und an wen sollte er sich nachher halten, wie

die Thäter herausfinden? Das Beste war immer -- denn daß der Dicke jetzt

nicht von dieser Stelle zu bringen war, sah er ein -- zwei von seinen

eigenen Leuten damit zu betrauen. Es blieben immer noch vier im Boot und

sie selber dann in zwei gleiche Trupps getheilt. Die Eingebornen zeigten

sich dabei so friedlich, daß an eine Gefahr wohl kaum zu denken war, ja es

schien fast, als ob der König die übrigen Soldaten nur weggeschickt habe,

um ihnen auch jede Befürchtung eines Verraths zu nehmen. Außerdem brauchten

sie nur wenige Schritte zum Boot hinab und die gerade ausgehende Ebbe

erleichterte ihnen die rasche Verbindung mit dem Schooner ebenfalls.

Der Doktor übernahm es, die Leute herauf zu bringen, und der Dicke schien

indeß geduldig die Ankunft derselben zu erwarten. Brooks bemerkte nur, daß

die rechts von ihm stehenden Soldaten etwas bei Seite treten mußten, um

ihm die Aussicht nach dem unteren Theil der Bucht zu gestatten, wo der

Schooner, der bis dahin auf und abgekreuzt war, fest auf einem Punkt zu

liegen schien. Er mußte vor Anker gegangen sein, da die stark ausgehende

Ebbe und der beinahe eingeschlafene, hier wenigstens von dem höheren Land

gebrochene Wind ihm das Segeln wohl unmöglich machte. Der Dolmetsch sprach

indessen angelegentlich zu ihm, während Zambiri nach dem Boote sah. Wo

hatte jener Bursche auch nur sein Englisch gelernt? Doch sicher auf irgend

einem Schiff, dem er nachher davongelaufen, um hier wieder die Sitten und

ungezwungene Tracht seines Landes anzunehmen. Dem Steuermann gefiel sein

Gesicht auch nicht im Mindesten, und Bosheit wie Trotz lag zugleich darin,

während sich der ganze Ausdruck desselben, sobald er mit dem Dicken sprach,

in knechtische Unterwürfigkeit verwandelte. Aber es half nichts, sie

brauchten ihn eben, und mußten deßhalb mit ihm verkehren, denn der kleine

Bursche, jedenfalls ein Sklave des Königs, der den Doktor ebenfalls

englisch angeredet hatte, schien sich heute gar nicht an sie heran zu

getrauen und blieb nur immer scheu und furchtsam hinter seinem Herrn

sitzen, kannte doch der arme kleine Bursche den grausamen Charakter des

Mannes gut genug.

Jetzt kehrte der Doktor mit den beiden Matrosen, die einen Theil der Waaren

trugen, zurück und der Steuermann breitete sie, während der Dolmetsch die

Unterhandlung leitete, vor dem König aus und pries ihm den Werth der Dinge.

Bei ihm war, mit der Voraussicht auf einen guten Handel, der Yankee wieder

zum Durchbruch gekommen, und er vergaß in dem Geschäft alles Andere.

Allerdings zeigte es sich dabei als Hauptschwierigkeit, dem König

begreiflich zu machen, er habe nur Proben vor sich; er wollte die ganzen

Waaren vor sich aufgeschichtet sehen, um danach seinen Preis zu bestimmen,

und der Dolmetsch hatte nicht geringe Mühe, ihm zu erklären, daß die Sachen

an Land geschafft werden würden, ehe er sie zu bezahlen, oder den Werth

dafür herauszugeben habe. Er veranlaßte auch, daß ein Elephantenzahn aus

des Königs Wohnung herbeigeschafft wurde, um als Maßstab zu dienen und

Brooks berechnete sich schon, nach dem was ihm der Dicke zugestand, daß

sie ungefähr 500 Prozent Nutzen an ihren Waaren haben würden. Der König

bewilligte, wie er nur erst einmal den Handel begriff, einen Zahn nach

dem anderen, und besonders für Taback stellte sich der Nutzen ganz enorm

heraus.

Aber es zögerte sich auch furchtbar in die Länge, denn wenn Brooks glaubte,

sie wären fertig, so ließ Zambiri die ganze Sache noch einmal von vorn

anfangen, und wollte dann immer wieder etwas abhandeln. Dabei hatte er

sich jetzt so gesetzt, daß er das Fahrzeug draußen immer im Auge behielt,

während der Steuermann, den er bald da, bald dort hin rief, die Waaren zu

zeigen, der See den Rücken zu drehte.

Neben diesem standen noch die beiden Matrosen als Wächter der

umhergestreuten Sachen. Der Doktor aber, dem der Handel langweilig wurde,

da er persönlich gar kein Interesse daran hatte, schlenderte langsam nach

der Umzäunung hinauf, von woher zu Zeiten das dumpfe Brüllen des Löwen

herübertönte. Was war da heute Morgen vorgegangen? Er bekam vielleicht nie

im Leben wieder so passende Gelegenheit, um sich den Platz etwas näher zu

betrachten, denn von den Leuten achtete Niemand auf ihn, oder legte ihm das

Geringste in den Weg. Ein Schauder erfaßte ihn aber, als er den Platz, um

den herum schon eine Menge von Aasgeiern ihren Sitz genommen, erreichte,

und durch die Spalten in den Palissaden die verstümmelten Ueberreste jenes

Unglücklichen entdeckte, den die Grausamkeit des wilden Ungethüms eines

erbärmlichen kleinen Diebstahls wegen zum Tod, zu einem solchen Tod

verurtheilt hatte.

Dort drüben, dicht neben den Schätzen des Wütherichs, lag der zerstückelte

Leichnam, von dessen Anblick sich selbst das Auge des Arztes in Ekel

und Mitleiden abwandte, und der jetzt gesättigte Löwe ging mit langen,

majestätischen Schritten in der Umzäunung auf und ab, peitschte sich die

Flanken mit dem Schweif und leckte sich die Lefzen mit der rauhen Zunge.

Die Aasgeier aber warteten nur auf den Moment, wo sich der rastlose

König der Thiere zur Ruhe ausstrecken würde, um dann ebenfalls auf die

willkommene Beute niederzufallen und ihre Schnäbel einzuhauen.

Und wie scheinbar schwach war eigentlich der ganze Umbau, der das Raubthier

einschloß. Wenn es die riesigen Kräfte, die es besaß, genau gekannt hätte,

mußte es ja im Stande sein, diesen luftigen Kerker zu durchbrechen. Auch

sogar die Thür bestand nur aus roh gezimmerten Balken, die man durch

Schnüre oder Streifen ungegerbter Büffelhaut allerdings fest verbunden

hatte. Den ganzen Verschluß bildeten jedoch zwei von außen vorgeschobene

hölzerne Riegel, während eine Abtheilung im Inneren dazu bestimmt schien,

den Löwen in einem Theil des Platzes abzuschließen, um dann ungefährdet

zu den Elephantenzähnen zu gelangen. Zwei hölzerne Riegel nur, und nicht

einmal ein Pflock war davor geschlagen, um sie gegen einen doch möglichen

Zufall zu schützen. Der Doktor versuchte den einen, er ging leicht und

bequem; wie aber seine Hand nur die Thür berührte, stutzte der Löwe da

drin, wandte sich halb und duckte sich wie zum Sprunge nieder. Er kannte

jedenfalls den Ausgang, wenn er ihn auch nicht benutzen durfte.

Dem Doktor wurde es unheimlich der lauernden Gestalt des grimmen Thieres

gegenüber; hatte er doch auch schon oft davon gehört, wie furchtbar eine

solche Bestie den Menschen wird, wenn sie mit Menschenfleisch genährt,

ja nur ein einziges Mal erst Menschenfleisch gekostet habe. Ordentlich

erschreckt zog er die Hand zurück und wich von den Pallisaden ab, um ihn

selbst nicht zu einem Sprung zu reizen. Wie leicht konnte das vielleicht

schon mürbe Holz der Wucht eines solchen Anpralls nachgeben!

Welche Ewigkeit das aber auch da unten mit dem Handel dauerte; es war gar

kein Ende abzusehen, und ein Wunder nur, daß der Kapitän nicht ungeduldig

wurde. Zwei Stunden saßen sie dort jetzt wenigstens bei einander, und wenn

sie schon zu den Proben solche Zeit brauchten, wie sollte es erst nachher

werden, wenn die Waaren an Land kamen!

Er wandte sich langsam ab um wieder zurück zu der Gruppe zu gehen, als er

den Steuermann plötzlich emporfahren und nach dem Schooner hinüber deuten

sah. Fast in demselben Augenblick fiel von dort ein Schuß, und als er

sich erschreckt der Richtung zu drehte, bemerkte er, wie die ganze Bai von

dunklen Kanoes schwärmte, die alle auf den Schooner zuzuhalten schienen.

Fünftes Kapitel.

Der Löwe.

Doktor Spruce hatte in der Ueberraschung des ersten Augenblicks wirklich

gar nicht auf seine unmittelbare Umgebung geachtet, denn im Moment war ihm

klar, daß dort ein Ueberfall vorbereitet werde -- also Verrath! Aber eben

diese Umgebung drang sich ihm selber auf, denn er sollte nicht lange in

Zweifel gehalten werden, wie weit die schurkischen Eingebornen am Ufer mit

dem feindlichen Angriff da draußen in Verbindung standen.

Wer den Angriff begonnen, konnte er nicht erkennen, aber er sah nur, daß

der König selber mit seiner Lanze nach einem der Weißen schlug, während

sich der Dolmetsch mit einem Cutlaß, den er jedenfalls dem verdachtlos

neben ihm stehenden Matrosen entrissen haben mußte, auf den Steuermann warf

und einen Schlag nach ihm führte. Aber er war an den Unrechten gekommen,

denn Brooks' Hand hatte fast unwillkürlich schon im ersten Moment den Griff

seines Revolvers gesucht, und nicht rascher holte der Schwarze mit der

scharfen Waffe zum Schlag aus, als es zweimal schnell hintereinander aus

dem Rohr blitzte, und der Eingeborne, wo er stand, in die Kniee brach und

zu Boden stürzte. Ehe sich der Seemann aber nur gegen einen neuen Feind

wenden konnte, fielen ihm von hinten vier oder sechs riesige Schwarze in

die Arme, Andere warfen sich auf die Matrosen; ein Theil unten stürmte

gegen das Boot an, und er selber fand sich von etwa einem Dutzend Wilder

angegriffen, die mit ihren gehobenen Wurfspeeren auf ihn einsprangen.

Allerdings hatte er die eigene Waffe schon in der Faust, und drei

Schüsse feuerte er mitten hinein in den Trupp. Einer fiel auch, aber ihre

Wurfspeere flogen aus, und er fühlte einen stechenden Schmerz in Arm und

Bein.

Fast blind vor Wuth schoß er seine letzten Kugeln gegen die Feinde ab und

wandte sich dann zur Flucht. Aber wohin -- voraus -- nach rechts und links

war ihm der Weg abgeschnitten, und nur auf die Umzäunung, die den Löwen

barg, trieben sie ihn zu. Und wie brüllte die Bestie, als sie die in

ihrer unmittelbaren Nähe abgefeuerten Schüsse und das wüthende Geheul der

Eingebornen hörte!

Der Doktor wußte kaum, was er that, denn er sah den Tod von allen Seiten

auf sich eindringen. Erbarmen hatte er von den Menschen nicht zu hoffen,

und wie von einer unbewußten Gewalt getrieben, floh er der Thür des Käfigs

zu, als ob er Schutz suchen wollte bei der Bestie.

Mit einem Jubelruf folgten ihm die Wilden, denn dort konnte er ihnen

nicht mehr entgehen; wieder hoben sich die Speere zum Wurf, da riß er, von

Verzweiflung getrieben die Riegel der Thür zurück -- Rache wollte er haben

-- nicht allein von der mörderischen Bande hingeschlachtet werden, und wenn

er dann untergehen sollte, wenigstens Verderben über seine Mörder bringen.

Kaum hatte er aber die Riegel der Thür erfaßt, als ein wilder, gellender

Angstschrei aus der Menge brach -- jetzt flog die Pforte auf, und mit einem

Sprung stand der Löwe -- freudiges Gebrüll ausstoßend, daß es wie dumpfer

Donner durch das Thal rollte, auf der Schwelle. Furchtbar schön war auch

der Anblick des so plötzlich seiner Freiheit sicheren Thieres, hoch schwang

es den buschigen Schweif und hob sich die trotzig geschüttelte Mähne, und

flammend kreiste das Auge rings umher, wie nach dem ersten Opfer suchend,

während sich der Doktor scheu und selber erschreckt von der so plötzlichen

Erscheinung des Raubthiers an die Pallisaden drückte.

Ordentlich zauberhaft wirkte aber die Erscheinung des freien Löwen auf die

Bande der Schwarzen. Was kümmerten sie jetzt die Fremden, was ihr eigener

so gefürchteter König. Wenn sie der Löwe fraß, war es mit ihnen jedenfalls

vorbei, und im Nu stob der ganze Schwarm auseinander. Die dem Wasser

Nächsten warfen sich in blinder Angst in die Fluth, Krokodile und Haifische

verachtend -- die Anderen schossen pfeilschnell über den Boden hin, den

nächsten Büschen und Häusern zu -- die Bootsmannschaft bekam Luft, und

war wahrlich nicht faul, die Gelegenheit zu benutzen. Wen sie erreichen

konnten, hieben sie mit ihren Cutlassen zusammen, und die im Boot unten

sahen auch in der That den Löwen erst, als er jetzt in langen Sätzen, und

sich weder um die flüchtigen Eingebornen, noch die Weißen kümmernd, dem

nächsten Dickicht zufloh.

Der Einzige jedoch von Allen, der nicht von der Stelle konnte, und nur

starr vor Schrecken und Entsetzen zu dem entfesselten Löwen hinaufstarrte,

war Zambiri, der König jener Helden, während sein Knabe in flüchtigen

Sprüngen bei den Weißen Schutz gesucht. Der Steuermann ließ ihm aber keine

lange Zeit zum Ueberlegen. Denn kaum sah er, daß sie selber den Angriff

des Raubthiers nicht mehr zu fürchten brauchten, als er eine der von den

Eingebornen weggeworfenen Kriegskeulen aufgriff, und mit den Worten: »Und

das für Dich, Du verrätherischer Schurke!« den Dicken dermaßen über den

Schädel traf, daß er wie ein Sack zusammenknickte.

»Hurrah!« rief aber jetzt der von oben niederspringende Doktor, »mein Löwe

hat uns Bahn gemacht, aber den Dicken in's Boot. An dem haben wir eine

Geißel, und beim Himmel, die Schufte sollen bezahlen, wenn sie ihn wieder

haben wollen!«

»Das war ein glücklicher Gedanke, Doktor,« rief der Steuermann, »angefaßt,

Jungens, daß wir den Fleischklumpen bewältigen können -- schlagt ein Tau um

und schleift ihn auf dem Sand hinunter -- so recht -- nur rasch -- und dann

von Elephantenzähnen in's Boot, was wir laden können, denn die Bahn da oben

ist frei.«

»Aber der Schooner!« rief der Doktor.

»Hahaha,« lachte der Steuermann, »seht Ihr nicht, wie unser alter Kapitän

zwischen die Schufte hinein gepfeffert hat? Die Drehbasse war ihnen zu

viel. Er muß seinen Anker haben sitzen lassen, denn wie ein Wetter war er

los und mit dem Segel auch, mitten zwischen der Bande drin. Drei Kanoes

sind gesunken.«

Noch während er sprach, hatte er sowohl als der Doktor frische Patronen in

ihre Revolver geschoben, indessen die Matrosen mit lautem Hurrah den noch

bewußtlosen Körper des Fleischkolosses mit ein paar Enden Tau umschlangen

und zum Boot hinabschleiften. Dort kostete es freilich einige Mühe, ihn

hinein zu bringen, aber die kräftigen Burschen hoben mit einem gutgewillten

Ho! ahoi! und hinein flog der Klumpen in die Jölle und unter die Doften, wo

er liegen blieb.

Von den Eingebornen war augenblicklich allerdings nichts mehr zu sehen,

aber man wußte doch nicht, wie rasch sie, wenn sie die Gefahr beseitigt

glaubten, zurückkehren könnten, und es galt deßhalb rasch zu handeln.

Während der Doktor jetzt den kleinen, zu ihm geflüchteten schwarzen

Burschen examinirte, lief ein Theil der Matrosen in die Umzäunung oben,

die kein Löwe mehr bewachte, hinein, um die stärksten dort liegenden

Elephantenzähne zum Ufer zu schleppen. Sie sahen dabei, wie der Schooner

jetzt mit einsetzender Fluth und ziemlich günstiger Brise keck mitten in

die Bucht und auf sie zu hielt, und wußten nun, daß sie für ihre Sicherheit

nichts mehr zu fürchten brauchten.

Der Kleine erzählte indessen rasch und gedrängt, daß die Eingebornen hier,

wie sie es bei diesem versucht, jenes Fahrzeug, an dessen Bord er selber

gewesen, geentert, die Mannschaft erschlagen und außer ihm nur zwei Leute,

einen Passagier und den ersten Steuermann, gefangen in's Land geschleppt

hätten. Die Brigg sei schon länger an der Küste gefahren und sollte viel

Elfenbein an Bord gehabt haben; das Meiste, was dort in der Umzäunung

lag, stammte daher, denn aus dem Land kam wenig Elfenbein, da Zambiri nur

hauptsächlich Sklavenhandel mit portugiesischen Karawanen trieb.

»Und wo waren die Weißen jetzt?«

Der kleine Bursche wußte es nicht zu sagen, denn er hatte von dem

Augenblick seiner Gefangenschaft an die unmittelbare Nähe des Häuptlings

nicht verlassen dürfen. Es hieß allerdings, wie er meinte, daß weiße

Händler, jedenfalls Portugiesen, die Weißen mitgenommen, aber er konnte es

nicht verbürgen. Gesehen hatte er sie nie mehr seit der Zeit.

Den Steuermann drängte es wieder fort, um an Bord des Schooners zu kommen;

sie durften auch nicht mehr einnehmen, denn das Gewicht Zambiri's allein

drückte schon die Jölle. Was noch hinein ging, wurde allerdings geladen,

dann aber sprangen die Leute nach, und ruderten, so rasch es die Schwere

des kleinen Bootes erlaubte, gegen die Strömung an, auf den Schooner zu.

Sie waren auch nicht ohne Verlust weggekommen, der Doktor hatte zwei Wunden

von Wurfspeeren, der Steuermann einen Stich in den Schenkel und der eine

Matrose einen Hieb mit einer Keule und einen bösen Stich in der Seite.

Schlimmer hatten die Feuerwaffen freilich unter den Eingebornen aufgeräumt,

denn fünf von diesen lagen todt oder schwer verwundet auf dem Platz, und

Manche der Entflohenen mochten wohl ebenfalls noch getroffen sein.

Doch jetzt war keine Zeit, nach Denen zu sehen; hatten sie sich doch auch

die Folgen ihrer Verrätherei nur selber zuzuschreiben.

Und Zambiri, der mächtige König des Landes? Er mochte wohl noch in seinem

ganzen Leben in keinen schlimmeren Händen gewesen sein, denn unten im Boot,

in einer nichts weniger als bequemen Lage, schienen sich die Matrosen ein

Vergnügen daraus gemacht zu haben, die erbeuteten Elephantenzähne quer

über ihn wegzulegen, so daß ihm die Last beschwerlich genug fallen mußte.

Anfangs fühlte er das freilich nicht, der Schlag hatte ihn betäubt; als ihm

aber die Besinnung wiederkehrte, fing er an zu stöhnen und zu grunzen

und schrie einzelne Befehle mit zorniger Stimme vor. Er schien noch keine

Ahnung zu haben, wo und in wessen Händen er sich eigentlich befand.

Das Boot näherte sich indessen dem Schooner mehr und mehr, und mit einem

Hurrah wurde die Mannschaft begrüßt, als sie nur in Rufsweite gekommen

waren. Allerdings schien die Gefahr noch immer nicht ganz beseitigt, denn

eine Menge von Kanoes schwamm noch in der Bucht und folgte langsam nach,

und diese mußten sie allerdings wieder passiren, wenn sie den Rückweg

antreten wollten; aber die Eingebornen hatten Respekt vor den Feuerwaffen

der Fremden bekommen und getrauten sich nicht wieder nahe hinan. Jetzt

wenigstens wurden sie nicht gestört.

Vor allen Dingen wurde nun der schwer verwundete Matrose in einem rasch

hergerichteten Stuhl an Deck gehoben, dann folgte das erbeutete Elfenbein

und zuletzt der Fleischklumpen Zambiri's, mit dem die Seeleute aber

verwünscht wenig Umstände machten. Einer der Leute festigte oben an das

Gaffel einen Block, ein Tau wurde hindurchgezogen und dem unglücklichen

Fürsten dann unter den Schultern durchgeschlagen, dann zog die Mannschaft

mit einem: =Oh, jolly men ho!= kräftig an, und wenige Sekunden später war

Zambiri, schreiend und vor Wuth mit den kurzen Beinen austretend, an Deck

gehoben, wo ihn lautes Gelächter der Schoonermannschaft begrüßte.

Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen · 第 12 / 18 段