Von der Gelegenheit suchte auch eine der »Bonnen« Nutzen zu ziehen und

griff nach einer Schnur hellblauer Glasperlen, aber ihr Herr und Gebieter

war -- unglücklicherweise für sie -- nicht in der Laune, irgend eine

Vertraulichkeit zu gestatten. Er schlug mit der rechten Hand aus und traf

das arme Mädchen so derb gegen den Nacken, daß sie wie betäubt zur Seite

taumelte und dann leise wimmernd aus dem Wege kroch. Der kleine Tyrann nahm

aber keine Notiz von ihr -- er war ärgerlich geworden. Sollten das etwa

Geschenke für einen König sein, wie sie ein fremdes Schiff ihm als Tribut

bringen mußte? Wollten die Weißen ihn verhöhnen? Und zornig wandte er sich

an den Dolmetscher, der achselzuckend und gebückt, als ob er die Stellung

schon einmal von einer deutschen Hofschranze abgesehen, ihm gegenüberstand

und die Vorwürfe geduldig und demüthig mit anhörte. Kaum aber hatte der

König geendet, als er sich auch, jetzt selber zornig und seinen Monarchen

repräsentirend, an die Fremden wandte und all' die Vorwürfe mit fast

schreiender Stimme wiederholte, die er eben mit angehört. Der Sinn der

Rede war etwa folgender: »Aus welchem Lande kommt ihr, daß ihr glaubt, ihr

dürftet dem Fürsten eines Volkes Kinderspielzeug zum Geschenk bringen? Geht

fort und kehrt nicht eher zurück, bis ihr mit einer würdigen Gabe nahen

könnt.«

»Alle Wetter!« rief der Steuermann überrascht aus, »wie mir scheint, müßt

ihr selber hier sehr reich sein, wenn ihr das, was in unserem Lande als

Kostbarkeit gilt, so verächtlich bei Seite werft. Wir geben, was wir haben,

und es ist möglich, daß wir Sachen an Bord finden, die Deinem König noch

besser gefallen, aber dann müssen wir auch vorher wissen, was ihr uns zum

Handel bieten könnt und ob es der Mühe lohnt, mit euch zu verkehren.«

Der Dolmetsch übersetzte, was ihm der kecke Fremde gesagt, und die Antwort

des Königs lautete, daß sie Sklaven zum Tausch hätten -- Sklaven genug, um

sein ganzes Schiff zu beladen. Brooks, der Steuermann, schüttelte aber mit

dem Kopf und erwiederte: sie wären keine Sklavenhändler, die nur an die

Küsten fremder Länder kämen, um Menschen zu stehlen. Sie wollten Waaren

-- Produkte des Landes haben -- Elfenbein, Straußenfedern, Gummi, Goldsand

oder was da wäre, und die Geschenke für den König sollten dann dem

entsprechend ausfallen.

Dieser erhielt das Gesagte wieder übersetzt und bedachte sich einen

Augenblick -- er überlegte wahrscheinlich, ob er durch eine Antwort darauf

seiner Würde nichts vergebe. Endlich nickte er leise vor sich hin und rief

ein paar rauhe Worte, wonach dann der Dolmetsch den Fremden nur winkte, ihm

zu folgen.

Der Doktor, der nicht gern eine Höflichkeitsform versäumen wollte, zupfte

den Steuermann und flüsterte ihm zu, ob sie sich nicht vorher bei Seiner

Majestät verabschieden müßten. Der Dicke schien aber gar keine weitere

Notiz von ihnen zu nehmen, sondern drehte ihnen höchst ungenirt den breiten

Rücken zu, wonach die Fremden es dann auch nicht weiter für nöthig hielten,

irgend eine sonst vielleicht verlangte Ceremonie zu beachten.

Drittes Kapitel.

Die Schatzkammer.

Ihr Führer schritt mit ihnen direkt wieder zum Strand zurück und der

Richtung zu, in welcher ihr Boot lag. Der Steuermann aber, immer noch die

Gedanken an das Wrack im Kopf, wollte die Gelegenheit nicht versäumen,

vielleicht etwas Näheres darüber zu erfahren, und als sie wieder den

freien Raum betraten, von dem aus man die dunklen Umrisse des gestrandeten

Fahrzeugs eben erkennen konnte, sagte er, anscheinend leichthin: »Was ich

gleich sagen wollte, Freund! Was war das eigentlich für ein Fahrzeug, das

da drüben in den Büschen so fest vor Anker liegt?«

»Welches?« sagte der Schwarze, als ob es zehn verschiedene gegeben hätte.

»Welches? Das da drüben -- das große Fahrzeug der Weißen, das an Eurer

Küste liegt.«

»O das,« meinte der Dolmetsch gleichgültig; »altes Schiff, liegt schon viel

lang drüben -- weiß es nicht.«

Der Steuermann hätte nun darauf schwören wollen, daß das verunglückte

Fahrzeug noch gar nicht etwa so lange da drüben liegen _konnte_, denn die

Malerei daran sah viel zu frisch dafür aus, und von Verwitterung war keine

Spur zu erkennen. Aber er merkte auch wohl, daß der Bursche nichts gestehen

wollte oder durfte, und mochte selber nicht gleich Neugierde verrathen,

um keinen Verdacht zu erwecken. Traten sie erst mit dem Volk hier in einen

näheren Verkehr, so fand sich auch wohl einmal eine Gelegenheit, um das

Wrack zu besuchen, wenigstens dicht hinan zu laufen, und dann getraute

sich der Seemann auch schon nähere Daten darüber selber herauszufinden. Bis

dahin war es weit gerathener, vorsichtig zu Werk zu gehen.

Ihr Führer schritt indessen nicht direkt auf ihr Boot zu, das sie schon von

Weitem erkennen konnten, sondern bog etwas mehr rechts ab, und zwar einem

wunderlich gestalteten, hohen und spitzen Hause zu, das sich nur dadurch

von den übrigen Wohnungen unterschied, daß es fest verschlossen schien und

keine offene Thüre zeigte.

Der Doktor war einige Schritte dicht an der Umzäunung desselben hingegangen

und näherte sich jetzt einem eigenthümlichen, fest überdeckten Vorbau, als

er plötzlich erschreckt zur Seite fuhr, denn fast unmittelbar neben ihm

stieß ein Löwe sein heiseres Gebrüll aus.

Die Eingebornen lachten und auch der Steuermann amüsirte sich über den

Satz, den der Doktor machte; übrigens war er selbst zusammengefahren,

denn hier, mitten im Dorf, hatte er keine solche Bestie erwartet, die da

jedenfalls hinter dem Palissadenwerk gefangen gehalten wurde. Sie waren

jetzt auch gerade über ihrem Boot angekommen, das etwa hundert Schritt von

ihnen entfernt unten am Strand lag, als ihr Führer vor diesem Löwenzwinger

stehen blieb und dort hineindeutend sagte: »Ihr glaubt nicht, Fremde,

daß unser König Waaren hat, um mit euch zu handeln. Seht, was da drinnen

aufgeschichtet liegt. Ihr wäret nicht im Stande, auch nur die Hälfte davon

zu kaufen.«

»Hoho, mein Bursche!« sagte der Doktor, der sich eigentlich schämte, vorhin

eine plötzliche Schwäche gezeigt zu haben, aber das Gebrüll war auch zu

unerwartet und aus zu unmittelbarer Nähe gekommen: »und was hättet Ihr da?«

»Jedenfalls Sachen, die werthvoller sind als Eure Geschenke,« grinste der

Schwarze. »Seht nur hindurch.«

Die Fremden trauten nicht recht; hinter dem Gitter schritt der Löwe umher,

und der Doktor bemerkte jetzt auch dicht daneben eine wohl starke,

aber doch nur hölzerne Thür, die allein von zwei breiten Holzriegeln

verschlossen gehalten wurde und in den Zwinger führte. Aber was konnte

ihnen geschehen? und wenn er auch nicht recht begriff, welche Kostbarkeiten

der Löwenkäfig enthalten könne, trat er doch mit dem Steuermann dicht an

die Palissaden und sah hindurch.

»Alle Teufel!« rief da der Seemann plötzlich; »Doktor, was meint Ihr -- da

drin läge Fracht für uns.«

»Elfenbein!« sagte dieser, aber wirklich überrascht von der Masse, die

er da drinnen aufgeschichtet sah. »=Bless my soul=, die scheinen ja

sämmtlichen Elephanten die Zähne ausgerissen zu haben. Junge, Junge, wo

habt Ihr all' das Elfenbein her?«

»Nun?« sagte der Schwarze, augenscheinlich von dem Erstaunen der Fremden

befriedigt; »hat der König zu viel gesagt?«

Da drinnen lag in der That ein unschätzbarer Reichthum von werthvollen und

zum Theil außerordentlich großen Elephantenzähnen aufgeschichtet, und der

Löwe schien dabei als trefflicher Wächter zu dienen. Entsetzt rief aber

der Doktor aus, als er den Blick jetzt in dem inneren Raum umher schweifen

ließ: »Heiliger Gott, was ist das? füttert Ihr denn hier die Bestie mit

Menschenfleisch? Sehen Sie um des Himmels willen die Schädel und Knochen,

Brooks, die da drin umhergestreut liegen.«

»Das ist nichts,« sagte der Eingeborne gleichgültig, »nur Sklaven oder

Kriegsgefangene, wenn sie krank oder schwer verwundet sind. Ja Zambiri ist

ein großer König und gerade jetzt jagen unsere Truppen einen feindlichen

Stamm. Wenn Ihr ein paar Tage hier bleibt, könnt Ihr sie mit Beute beladen

zurückkehren sehen.«

»Und das Elfenbein gehört Alles dem König?«

»Alles, und noch weit mehr, viele große Büffelhörner voll Perlen,

Schildpatt, Gold. Zambiri ist sehr reich, es ist ein großer König.«

»Und verkauft er die Zähne?«

»Gewiß,« nickte der Dolmetsch, »aber es kommt darauf an, was Du ihm bieten

kannst. Viel mußt Du ihm bringen, und vor allen Dingen Geschenke für ihn,

sonst macht Ihr ihn nur böse, und dann ist er furchtbar, wie ein Löwe

selber.«

»Die kleine schwarze Bestie,« brummte der Doktor leise vor sich hin,

bemerkte aber auch in demselben Augenblick den nämlichen kleinen schwarzen

Burschen, der vorher auf dem Rücken des Königs herumgestiegen war, und

der nun in einiger Entfernung hinter dem Dolmetsch stand und ihm

geheimnißvolle, aber scheue Zeichen machte. Sollte das eine Warnung sein,

und drohte ihnen Verrath? Fast unwillkürlich griff er mit der Hand nach

dem unter dem Rock versteckten Revolver, der Kleine aber, als ob er die

Bewegung verstanden hätte, schüttelte mit dem Kopf und deutete auf seinen

Mund. Wollte er ihm etwas sagen? Jedenfalls mußte er in seine Nähe zu

kommen suchen, aber der Dolmetsch war ihm dabei im Weg.

»Schafft mir den schwarzen Kerl einen Moment bei Seite, Steuermann,«

flüsterte er diesem rasch zu, »geht mit ihm zum Boote, ich folge.«

Der Steuermann sah ihn erstaunt an und begriff nicht, was er wolle, der

Doktor mußte aber jedenfalls seinen Grund dafür haben, und sich an den

Dolmetsch wendend, sagte er: »Unter den Umständen wird es am Besten sein,

gleich an Bord zurückzufahren und das Werthvollste herauszusuchen, was

wir haben, damit wir Deinen König zufrieden stellen. Wir sind als Freunde

hierhergekommen, und ich hoffe, wir sollen als Freunde mit einander

verkehren. Aber da unten sehe ich Früchte, könnten wir wohl einige davon

mit an Bord nehmen? Wir haben eine lange Fahrt gehabt, und nichts Grünes

unterwegs gefunden,« und dabei schritt er, von dem Matrosen dicht gefolgt,

zum Boot hinunter.

»Gewiß,« nickte der Dolmetsch, der sich an seiner Seite hielt. Der Doktor

blieb dabei ein paar Schritte zurück, als der Junge dicht an ihn hinanglitt

und zugleich im reinsten Englisch flüsterte: »Rettet uns -- gefangen -- vom

Schiff...« In demselben Moment aber auch und gerade als sich der Dolmetsch

nach ihm umdrehte, sprang er nach vorn, auf diesen zu und sagte irgend

etwas in seiner Sprache.

Der Schwarzbraune blickte ihn zornig an, und sah bald auf ihn, bald auf den

Doktor, da dieser aber mit der gleichgültigsten Miene von der Welt ein

paar hier auf dem Sand liegende Muscheln aufhob und aufmerksam betrachtete,

schien sein plötzlich gefaßtes Mißtrauen zu schwinden.

»Ich muß zum König,« sagte er zum Steuermann, »wartet für einen Augenblick,

ich werde Euch Früchte schicken; gebt den Leuten Taback dafür -- aber

keinen Branntwein -- er ist streng verboten und nur der König darf ihn

trinken,« und damit, die Weißen sich selber überlassend, rief er dem

Knaben einige Worte zu und eilte, diesen am Arm fassend, mit ihm zu seines

Oberhauptes Wohnung zurück.

Wie gerne hätte der Doktor noch Weiteres von dem jungen Burschen gehört,

aber er sah auch ein, daß das nicht möglich sei, ohne augenblicklich

Verdacht zu erregen und jede Aussicht auf Erfolg abzuschneiden. Dem

Steuermann theilte er aber jetzt mit, was ihm der Junge zugeflüstert, und

dieser rief, seine rechte Faust in die linke flache Hand schlagend: »Ob ich

es mir denn nicht gedacht habe? Mit dem Wrack da ist faul Spiel gewesen,

und uns wollen sie jetzt bloß kirre machen, um uns nachher ebenso zu

bedienen.«

»Und die Elephantenzähne sind auch nicht alle aus dem Land gekommen, Sir,«

sagte der junge Matrose, der daneben stand. »Zwei davon, das hab'

ich deutlich durch das Gitter gesehen, waren mit Schiemanns-Garn

zusammengebunden, und Schiemanns-Garn haben sie nur an Bord von Schiffen.«

»Gar nicht unmöglich,« nickte der Seemann, »das Fahrzeug kann schon recht

gut an der Küste gekreuzt und Elephantenzähne eingehandelt haben, und

das hat dieser schwarze Heide jetzt Alles in seinem Waarenlager

aufgeschichtet.«

»Aber was nun?«

»Dort kommen die Früchte,« sagte der Steuermann, »die wollen wir erst

einnehmen, und dann so rasch als möglich an Bord zurück, um dem Kapitän

Bericht abzustatten. Hol's der Teufel, wir müssen doch wenigstens einen

Versuch machen, vielleicht sogar unsere Landsleute zu retten, und geht

das nicht, ei dann laufen wir nach dem Kap hinunter und schicken ein

Kriegsschiff her, denn ungestraft sollen sie sich beim Himmel nicht an

einem Fahrzeug der Weißen vergriffen haben.«

Das Gespräch war hier abgebrochen, denn allerdings kamen jetzt Eingeborne

mit Früchten heran, erst einzeln und dann immer mehr. Der Steuermann hielt

sich aber nicht lange auf, hatte auch nicht genug Waaren bei sich, um mit

ihnen einen großen Tauschhandel zu eröffnen. Nur den Ersten nahm er, was

sie brachten, ab, und gab ihnen Tabak dafür, dann sprangen die Männer

wieder in ihr Boot und ruderten, so scharf sie konnten, in See hinaus, um

den ihnen schon wieder entgegenkommenden Schooner zu erreichen.

Kapitän Oacutt war übrigens, als sie an Bord zurückkehrten, mit dem

Resultat ihrer Fahrt nicht besonders zufrieden. Er hörte wohl den Bericht

mit der gespanntesten Aufmerksamkeit an, schüttelte aber dabei bedenklich

mit dem Kopf und meinte endlich: Das mit dem Elfenbeinvorrath klänge

allerdings sehr gut und verlockend, aber trotzdem scheine es ihm fast, als

ob er, wenn er unter diesen Verhältnissen auf einen Handel einginge, am

Ende gar noch Schiff und Mannschaft verlieren und die Zeche mit seinem

eigenen Leben bezahlen könne. Des Steuermanns Gegenvorstellungen, die von

dem Doktor kräftig unterstützt wurden, hatten aber zu viel Gewicht. Er

durfte die Küste rechtlicherweise gar nicht wieder verlassen, ohne nicht

wenigstens einen Versuch gemacht zu haben, Näheres über das verunglückte

Fahrzeug zu hören, und da sie jetzt durch den Knaben die Gewißheit hatten,

daß wenigstens Einer an Land sei, der darüber zu erzählen wisse, so blieb

ihnen nichts übrig, als dem weiter nachzuforschen.

Der Kapitän mußte ihnen darin beistimmen, und sehr verlockend wirkte dabei

auch die Schilderung des Haufens von Elephantenzähnen, die aber auf so

entschiedene Weise von einem der wildesten Ureinwohner, dem Löwen, bewacht

wurden. Jedenfalls hatte der Doktor recht, wenn er meinte, sie riskirten

wenig durch eine zweite Fahrt an Land, auf welcher sie ja nur die Geschenke

und Proben für den Handel mitzunehmen brauchten. Es käme vor allen Dingen

darauf an, jenen dicken Fleischklumpen, den Tyrannen des Distrikts, etwas

freundlich für sie zu stimmen und selber gierig auf eine Handelsverbindung

zu machen, nachher wäre es ein Leichtes, mehr über die Verhältnisse dort zu

erfahren. Günstigeren Zeitpunkt durften sie außerdem nicht hoffen, dafür

zu finden, als gerade jetzt, da sich, wie sie ja am Ufer gehört, der größte

Theil der bewaffneten Macht auf einem Streifzug und Sklavenfang im Inneren

befand. Die Gefahr eines Ueberfalls begann erst, wenn die zurückkehrte, und

je eher sie deßhalb hier an's Werk gingen, desto besser.

Einem Kapitän ist immer die Sicherheit seines eigenen Fahrzeugs das

Höchste, und muß es sein, denn nicht allein das Eigenthum seiner Rheder,

sondern auch das Leben seiner Mannschaft steht dabei auf dem Spiel, aber

Aussicht auf Gewinn und die Pflicht, dem Schicksal eines verunglückten

Fahrzeugs nachzuforschen, wirkte hier gleich stark, und er sträubte sich

nicht länger, sein Boot zum zweiten Mal hinüber zu senden. Nur die Wahl der

Geschenke hatte noch einige Schwierigkeit, da er gern so wenig als möglich

opfern wollte, während der Doktor wie auch der Steuermann darauf bestanden,

daß man sich dießmal, nach dem ersten verunglückten Versuch, ganz besonders

splendid benehmen müsse. Sie setzten auch zuletzt ihren Willen durch, und

ein chinesischer Koffer wurde mit wirklich werthvollen Dingen,

seidenen Kleidern und Schärpen, wollenen bunten Stoffen, vergoldeten

Uniformtroddeln, reich verzierten Messern, hübsch aussehenden Glaskorallen

und anderen derartigen Dingen fast gefüllt. Außerdem sollte auch noch eine

Probe der Waaren beigegeben werden, welche Oacutt gegen Elfenbein oder

andere werthvolle Produkte einzutauschen gedachte, auch Brod und guten

Branntwein mußten sie mitnehmen, den Letzteren nur für den König selber;

und also vorbereitet, durften sie schon eher hoffen, das Herz jenes

schwarzen Fleischklumpens für sich zu gewinnen.

Heute war es natürlich mit all' diesen Berathungen und dem Auswählen zu

spät geworden, um noch einen zweiten Landungsversuch zu machen; von der

Nacht mochten sie sich auch drüben nicht überraschen lassen, und der

Kapitän hielt deßhalb mit seinem Schooner weiter von der Küste ab.

Allerdings mochten die Eingebornen, wenn sie die Bewegung sahen, glauben,

die Weißen hätten auf den Handel mit ihnen verzichtet, und wären wieder

abgefahren, aber das schadete nichts; um so begieriger wurden sie nachher

darauf, und das konnte das Geschäft für morgen nur erleichtern.

Indessen hatte sich aber auch unter der Mannschaft die Nachricht

verbreitet, daß die »Niggers« am Ufer weiße Männer in der Gefangenschaft

hielten, und die Wuth darüber war grenzenlos. Noch an demselben Abend kam

eine Deputation zum Kapitän, die ihn bat, er möchte mit dem Schooner an

Land fahren und das Nest in Grund und Boden zusammenschießen. Alle meldeten

sich als Freiwillige zum »Entern« und schienen besonders, der Beschreibung

ihres Kameraden nach, Rache an dem dicken Ungethüm zu verlangen, das

Sklavenhandel treibe und seine eigenen Unterthanen dem Löwen vorwerfe.

Oacutt aber, so sehr er sich über die gute Stimmung der Leute freute,

stellte ihnen vor, daß sie erstlich noch nicht einmal genau wüßten, ob

wirkliche Weiße dort gefangen gehalten würden, dann aber auch durch einen

Angriff auf die Eingebornen diese vielleicht verjagen, aber nie im Leben

wirklich Gefangene befreien könnten. Er versprach ihnen indeß, morgen früh

sechs von ihnen, gut bewaffnet, mit an Land zu schicken, um zu sehen, was

sich machen ließe, und daß er sich dann auf sie verlasse, sie würden im

Nothfall ihre Schuldigkeit thun, verstand sich von selbst.

Viertes Kapitel.

Der zweite Besuch.

Am nächsten Morgen mit erstem Tagesgrauen war die Sarah Miles schon wieder

fast auf der nämlichen Stelle angelangt, wo sie gestern Abend gelegen, und

hielt jetzt direkt dem Lande zu, um ihr Boot abzusetzen. Das brauchte auch

nur in See gelassen zu werden; die ganze Ladung lag schon bereit, die dafür

bestimmte Mannschaft stand gerüstet an Deck und schien selber die Zeit kaum

erwarten zu können, wo sie da drüben ihre Thätigkeit beginnen möchte. Rasch

wurde auch dem Befehl: »=a shore!=« Folge geleistet; mit lautem Hurrah

hißten sie das kleine Segel, und fort ging es, der Mündung der Bai

entgegen. Kapitän Oacutt mochte aber heute seine Leute mit dem einmal gegen

die Eingebornen gefaßten Verdacht nicht wieder, so wie gestern, aus

Sicht lassen. Daß sie in der Bucht tief Wasser hatten, wußte er schon vom

Steuermann, und langsam folgte er deßhalb seinem Boot, um dort entweder zu

kreuzen, oder wenn es sicher befunden wurde, auch vor Anker zu gehen.

Brooks steuerte indessen sein Boot der Landung entgegen und wunderte sich

nur, daß sie heute gar keine Kanoes zu sehen bekamen. Am Ufer schien dafür

eine ungewöhnliche Bewegung zu herrschen; er unterschied mit dem Fernrohr

eine Menge Frauen und Kinder. Ob sie die Fremden schon bemerkt hatten?

Fahrzeuge zeigten sich aber nicht auf dem Wasser, und der Seemann hielt

deßhalb die Gelegenheit für passend, um jetzt so dicht als möglich an das

Wrack hinan zu laufen und es ein wenig näher zu untersuchen. Das ging auch

leichter, als er selbst geglaubt, denn während sie sich am linken Ufer

hielten, wurden sie durch die vorhängenden Büsche desselben verdeckt, ja

das Wrack selber stand ein Stück in die Bai hinaus. Der Steuermann ließ

auch sein Boot dort anlaufen und kletterte rasch an Deck; aber da war

freilich nichts weiter zu sehen, als daß es eine nicht sehr große Brigg

gewesen, die jedoch rein ausgeplündert worden, wie sich das in dieser

Nachbarschaft auch von selbst verstand. Sogar das Skylight hatten sie

abgehoben und weggeführt, und die Kajüte war natürlich blank und leer. Aber

auch keine Spur eines Namens fand sich, denn ebenso wie das Namensbrett

am Stern herausgebrochen worden, so fehlten auch die beiden Bretter an der

Gallion, auf welchen früher wahrscheinlich ebenfalls der Name gestanden,

und da am Bugspriet kein Bild, sondern nur eine sogenannte Krulle auslag,

ließ sich auch nach der nichts bestimmen. Aber die ganze Eintheilung und

Bauart des Fahrzeugs war jedenfalls amerikanisch, auch die Art der Malerei,

und der Steuermann wurde durch diese Entdeckung gerade nicht freundlicher

gegen die Schwarzen gestimmt.

Uebrigens durfte er sich hier nicht zu lange aufhalten, es half ihm auch

nichts, denn an den Hölzern ließ sich nichts weiter erkennen, und sie

hätten das schwarze Gesindel am Ufer nur vor der Zeit mißtrauisch gemacht.

Rasch deßhalb wieder in das Boot hinabsteigend, stieß er ab, und während

er den Leuten unterwegs erzählte, was er oben gefunden, und für welchen

Landsmann er das Fahrzeug halte, glitten sie am Ufer hinauf, dem

Landungsplatz entgegen.

Daß indessen dort etwas vorgegangen sein mußte, ließ sich nicht verkennen,

und je näher sie kamen, desto deutlicher hörten sie das Weh- und

Klagegeheul von Frauenstimmen. Vielleicht war es ein Begräbniß, bei welchem

die Frauen ja gewöhnlich ihre Trauer laut und oft herzzerreißend kund

geben, und sie kamen dann gerade zur rechten Zeit, um der Ceremonie

beizuwohnen. Dem Doktor, der das Boot wieder begleitete, fiel es dabei auf,

daß er so viele Bewaffnete bemerkte, schwarze Kerle, die mit ihren langen

Lanzen überall am Ufer herumstanden und den Platz besonders einzuschließen

schienen, in dem die Elephantenzähne lagen. Hatten sie etwa Besorgniß,

daß die Weißen einen Angriff darauf machen könnten, oder bedeutete es

Schlimmeres?

Der Steuermann schien etwas Aehnliches zu befürchten, denn er gab Befehl,

das Segel einzunehmen und zu den Rudern zu greifen. Sie blieben dadurch

weit besser Herr ihrer Bewegungen und konnten, wenn es sein mußte, gleich

zurück, oder wenigstens in freies Wasser halten. Mit ihren Feuerwaffen

wehrten sie dann schon leicht jeden etwaigen Angriff ab. Sonderbarerweise

bekümmerten sich aber die Leute am Ufer fast gar nicht um sie, nur ein

Platz wurde freigehalten, wo sie landen konnten, und zwar durch Bewaffnete,

und die Seeleute sahen jetzt, daß sich Alles um das Gitter oder die

Verpallisadirung drängte, um dort hineinzuschauen.

In diesem Augenblick erschien der Dolmetsch an der Landung, und es kam

dem Steuermann fast so vor, als ob er über den so frühen Besuch der Weißen

etwas verlegen sei -- sie waren keinenfalls schon erwartet worden --

und was bedeutete das Klagen und Jammern der Weiber? Der Doktor mußte

jedenfalls wissen, was da vorgegangen wäre, und frug den Burschen direkt

deßhalb. Dieser aber sagte ausweichend: »O nichts -- schlechte Menschen

giebt es immer -- Diebe -- bei den Schwarzen, wie bei den Weißen -- aber

Zambiri ist ein großer und strenger König.«

»Alle Teufel!« rief der Steuermann erschreckt aus, »sie haben doch nicht

etwa wieder dem Löwen einen Menschen hineingeworfen?«

»Bloß einen Dieb,« versicherte der Dolmetsch, »hatte dem König Taback

stehlen wollen, verdammter Sklave. -- Aber da kommt Zambiri -- er hat Euch

gesehen -- bringt nur an Land, was Ihr mitgebracht habt, damit er nicht

ungeduldig wird.«

Zambiri schien in der That dem entsetzlichen Schauspiel als eine Art

von Morgenvergnügen beigewohnt zu haben. In seinen rothbaumwollenen

Königsmantel gekleidet, noch schmutziger und wilder als gestern aussehend,

und den Knaben wieder an seiner Seite, der ihm einen großen schweren Speer

tragen mußte, kam er eine Leiter heruntergestiegen, die, wie der Doktor

jetzt erst bemerkte, oben zu einer Art von Balkon führte. Auf dem hohen

Land aber blieb er stehen, er ging nicht bis an das Boot hinunter und

verlangte, daß die Weißen zu ihm hinauf kommen sollten.

Der Steuermann hatte keine rechte Lust dazu, er traute dem schwarzen

Fleischklumpen nicht über den Weg.

»Wozu habt Ihr alle die Leute mit den Lanzen da stehen?« frug er mürrisch

den Dolmetsch, »wir sind friedliche Händler und wollen keinen Krieg mit

Euch. Wir sind auch nur Wenige und Ihr Hunderte.«

»Wenn Du Dich fürchtest, weßhalb bist Du zu uns gekommen?« sagte der

Schwarze finster, »wir sind auch Freunde der Weißen und wollen Euch keinen

Schaden thun.«

Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen · 第 11 / 18 段