eröffnen sollte. Es führte nur vier Mann an Bord. Einer saß am Steuer, zwei
ruderten und der vierte stand, mit einem grünen Busch in der Hand, vorn im
Bug. Sie waren sämmtlich nackt, nur mit einem blauen Schurz um die Lenden
bekleidet und gaben die schwarzen Wollköpfe trotzig der Sonne preis,
schienen aber keine Waffen zu tragen und eher eine Art von Gesandtschaft,
die heraus beordert wurde, um vielleicht einmal zu erfahren, welche Waaren
die Fremden brächten und was sie dafür verlangten. Jedenfalls blieb es
gerathen, sie freundlich zu empfangen, und der Kapitän befahl deßhalb,
die Fallreepstreppe hinab zu lassen, damit sie bequemer an Bord steigen
konnten.
Die Leute im Kanoe mußten auch diese Erleichterung schon kennen, denn
der Steuernde hielt rasch darauf zu, aber man konnte nicht sagen, daß
sie neugierig seien, denn nur Einer von ihnen, der mit dem grünen Busch,
ergriff dieselbe und lief daran empor. Die Uebrigen blieben im Kanoe,
ergriffen nur die Taue und hielten sich fest, um nicht von dem, jetzt
allerdings nur wenig Fortgang machenden Fahrzeug zurückgelassen zu werden
und ihren Mann zu verlieren.
Der Botschafter blieb indessen noch immer, mit seinem Busch in der Hand,
oben an Deck stehen, und schien vorher eine Einladung abzuwarten, um näher
zu treten, zeigte aber keine Furcht und schaute sich ruhig und gleichmüthig
an Bord um. Kapitän Oacutt war übrigens in Verlegenheit, wie er sich
dem schwarzen Burschen verständlich machen sollte, denn an Bord kannte
natürlich Niemand die Sprache dieses Volkes. Um aber seinen guten Willen
zu zeigen, nahm er ein großes Stück Kautabak in die eine, ein Glas mit
Branntwein in die andere Hand und ging damit auf den Botschafter zu. Den
Tabak mußte dieser auch kennen, denn sein schwarzbraunes Gesicht verklärte
sich ordentlich, als er ihn sah, und er griff rasch danach. Nicht so nach
dem Branntwein. Vorsichtig roch er vorher an das Glas, schob es dann zurück
und sagte in gebrochenem, aber doch verständlichem Englisch: »Danke -- ich
nicht Feuer trinken -- bös -- sehr bös!«
»Alle Wetter!« rief Kapitän Oacutt erfreut aus, »Du sprichst amerikanisch,
mein Bursche? Das ist famos. Und was bringst Du uns?«
»Bringen?« sagte der Eingeborne erstaunt, »ich soll was bringen? Dafür
schickt mich der König her, daß Du was bringen sollst. Geschenke, wie es
bei uns üblich ist; dann erlaubt er Dir auch, daß Du landen und zu ihm
kommen darfst.«
»Unendlich gnädig,« lachte Oacutt, »und vorher dürfen wir nicht?«
»Nein,« sagte der Schwarzbraune ganz ernsthaft, indem er ein Stück von
seinem Tabak abbiß.
Der Amerikaner schüttelte mit dem Kopf. Der Abgesandte selber sah
allerdings nicht so aus, als ob es in seinem Lande viel Werthvolles zu
verhandeln gäbe, oder die Eingebornen irgend welche Bedürfnisse hätten. Er
ging, bis auf den blauen Schurz, völlig unbekleidet, und trug auch nicht
die Spur von Schmuck oder sonstigem Zierrath, viel weniger denn von Gold an
sich. Lohnte es überhaupt der Mühe, sich mit diesem Volk einzulassen? Aber
der Versuch mußte jedenfalls gemacht werden, denn der Weg, den sie dazu
hierher gekommen, war zu weit und lang gewesen. Er brauchte auch Früchte
und frisches Fleisch, um seinen Leuten eine Veränderung der Kost zu
gewähren, und dann erfuhren sie dort vielleicht etwas über die benachbarten
Küstenstriche, und wo es am Vortheilhaftesten sein würde, anzulaufen, um
die werthvollsten Produkte dieses Welttheils einzutauschen und überhaupt zu
finden.
Der Eingeborne, eine schlanke, kräftige Gestalt, der eben so hier
hergekommen schien, wie er heute Morgen von seinem Lager aufgesprungen
sein mochte, und nur sein schwarzes Wollenhaar in unzählige kleine Zöpfe
geflochten und an den Spitzen mit einem weißen Baumwollfaden umwickelt
hatte, erwartete indessen in aller Ruhe die Antwort des Kapitäns. Während
er selber fast regungslos blieb, rollte er das Weiße seiner Augen nach
allen Seiten des Decks. Er war sich jedenfalls seiner Würde als Abgesandter
bewußt und durfte sich nichts vergeben.
Kapitän Oacutt hatte aber sein Boot ja schon bereit liegen, und es galt nur
jetzt noch, die verlangten Geschenke für den König, die er allerdings nicht
für nöthig gehalten, beizufügen. Das konnte rasch geschehen sein, und der
Bote bekam deßhalb die Antwort, sie würden nicht versäumen, den König zu
begrüßen und hofften dann einen freundschaftlichen Verkehr mit dem Lande
herzustellen. Der Schwarze nickte auch bloß mit dem Kopf, drehte sich dann
um, stieg die Treppe wieder hinab, und wenige Sekunden später blieb das
Kanoe zurück und hielt dem Lande zu.
Zweites Kapitel.
König Zambiri.
Kapitän Oacutt ging jetzt augenblicklich daran, das auszusuchen, was er dem
Oberhaupt der Wilden als Einführungsgeschenk überschicken wollte. Er zeigte
sich aber nicht besonders wählerisch darin, denn er wußte aus Erfahrung,
daß man einen derartigen Häuptling nicht gleich von Anfang an verwöhnen
durfte, sonst wurde er gierig auf mehr, und ein einträglicher Handel war
unmöglich.
Am Liebsten wäre er freilich selber mit an Land gefahren, aber er durfte
als Kapitän das Schiff nicht verlassen, und sein Steuermann war wohl
auf See tüchtig, und dabei keck und unerschrocken und nicht so leicht
eingeschüchtert, aber doch kaum gewandt genug, wo irgend eine Form
erfordert wurde. Da erbot sich Doktor Spruce, ein junger Irländer, den
er als Passagier von Sydney nach der Kapstadt mitgenommen, das Boot zu
begleiten, war es doch auch eine Unterbrechung der monotonen Seefahrt,
und kurze Zeit danach, nachdem das Kanoe wieder zwischen den Büschen
verschwand, folgte ihm die Jölle.
Uebrigens ging die Mannschaft ganz ordentlich bewaffnet; der Steuermann wie
der Doktor trugen ihre Revolver, und die Matrosen hatten Jeder einen
kurzen Schiffscutlaß im Boot liegen und ein doppelläufiges Pistol im Gürtel
stecken, konnten sich also schon die Feinde im Nothfalle vom Leib halten.
Der Schooner drehte, wie ihn das Boot verlassen, etwas vom Ufer ab, denn
sie waren dem Lande schon fast zu nahe gekommen. Er konnte ja dort auf und
ab kreuzen, bis die Leute zurückkehrten und ihm Bericht abstatteten. Lohnte
es dann der Mühe und hielt man sich für sicher genug, so war es noch immer
Zeit, vor Anker zu gehen und einen Tauschhandel zu eröffnen. Unter der Zeit
segelte das Boot mit leichter Brise dem nicht mehr so fernen Land entgegen,
und es ist für den Seefahrer stets ein eigenthümliches Gefühl, in solcher
Weise eine fremde, von wilden oder doch wenigstens uncivilisirten Stämmen
bewohnte Küste zu betreten. Gibt man sich doch immer dadurch mehr oder
weniger in die Gewalt oft sehr zweifelhafter Horden. Aber es hat auch
wieder einen ganz eigenthümlichen Reiz, den Reiz der unbekannten Gefahr
_mit_ der Sehnsucht, die der Matrose stets nach festem Lande trägt, wenn er
sich gar zu lange Zeit auf Salzwasser herumgetrieben. Er will wieder einmal
den blauen Himmel durch Gesträuch und Baumzweige, nicht mehr durch das
Gewirr seiner Taue betrachten. Er will Vögel und Frauenstimmen hören, sich
an einer frischen Quelle satt trinken und die reife saftige Frucht selbst
vom Ast pflücken; daß ihn dabei der Speer oder Pfeil eines Wilden bedrohen
könne, kümmert ihn wenig -- wenigstens nie genug, um den Versuch nicht zu
wagen.
So betrachteten auch jetzt die anfahrenden Seeleute das immer deutlicher
heraustretende Land mit steigendem Interesse, und nichts entging ihren
spähenden Blicken. Schon konnten sie einige niedere Hütten erkennen und
hielten diese Anfangs für die Hafenstadt, aber je näher sie kamen, desto
mehr schob sich das Land auseinander, und nach rechts hinein öffnete
sich plötzlich eine geräumige Bucht, an deren Rand, unter Palmen und
hochstämmigen Laubbäumen, eine dichte Gruppe von Häusern stand.
Allerdings boten diese auch ein reizendes Landschaftsbild; denn das
frische, saftige Grün der Baumwipfel mischte sich freundlich mit dem
Graubraun der wunderlich geformten Dächer und dazwischen wirbelte der blaue
Rauch langsam in die Höhe. Aber das Auge der Seeleute verließ im Moment das
ländliche Bild und haftete auf einem anderen Gegenstand, der fest am Ufer
und halb noch vom Gesträuch verdeckt in diesem Moment erst sichtbar wurde
-- einem Wrack.
Die Ueberreste eines verloren gegangenen Fahrzeugs sind für den Seemann
immer von Interesse, denn unwillkürlich erinnern und mahnen sie ihn daran,
daß sein eigenes Seeboot ein ähnliches Schicksal treffen kann. Hier aber
drang sich ihnen unwillkürlich die Frage auf: Wie nur das Wrack dort
hingekommen, wo es lag? Denn gestrandet konnte es an jener Stelle ganz
unmöglich sein. Würde ja doch kein Seemann der Welt mit seinem Fahrzeug in
diese landumschlossene und ziemlich seichte Bucht eingedrungen sein, ohne
vorher genau zu untersuchen, wie weit er sich vorwagen könne. Ebensowenig
konnte es ein Sturm, die außerdem nie in der unmittelbaren Nähe der Linie
wüthen, herein verschlagen haben, denn dafür trat die eine Landspitze
viel zu weit vor. Hatten die Eingebornen das Fahrzeug etwa überfallen,
geplündert und hiehergeschleppt? Dann stand ihnen selber auch kein
freundlicher Empfang bevor und fast unwillkürlich warf der Steuermann den
Blick zurück, die Möglichkeit eines Rückzugs zu überschauen.
Dafür zeigten sich freilich im Augenblick schlechte Aussichten, denn
erstlich waren sie mit der Brise eingelaufen, dann führte sie die steigende
Fluth rasch in die Bucht hinein und außerdem bemerkte er auch jetzt, daß
sich vier oder fünf Kanoes mit Eingebornen hinter ihnen vom Lande abgelöst
hatten und ihnen folgten. Und sollten sie jetzt plötzlich Furcht zeigen?
Nein! der Steuermann besaß überdieß kecken Muth genug, sich nicht durch
eine, nur erst drohende Gefahr einschüchtern zu lassen, und beschloß zu
thun, was er eben nicht mehr vermeiden konnte -- gerade voraus zu halten,
in die Bucht hinein.
Sie passirten jetzt das Wrack! Was es gewesen, ließ sich nicht leicht
erkennen, denn die Masten fehlten und nur an einigen Stellen hing noch das
stärkere Takelwerk unordentlich über Bord. Dem Steuermann schien es eine
Brigg gewesen zu sein; er gab sich aber umsonst Mühe, den Namen heraus zu
bekommen, denn obgleich es mit dem Stern der Bucht zu lag, schienen
die Eingebornen das dort gewöhnlich angebrachte Namensbret entweder
herausgeschlagen oder unleserlich gemacht zu haben, mußten also wissen, daß
man daran das Schiff erkannt hätte, und fühlten sich also auch nicht ganz
rein bei der Sache.
»Steuermann,« brummte der Doktor, als sie vorüberglitten, »dort liegt
ein Memento Mori, eine Art von Todtenkopf und die alten Planken würden
vielleicht viel zu erzählen wissen. Ein Glück, daß wir nicht gleich mit dem
Schooner vor Anker gegangen sind.«
»Bah,« sagte der Steuermann, der sich nicht wollte merken lassen, daß
er eben erst ganz ähnliche Gedanken gehabt; »vom Schooner sollen sie die
Fäuste schon lassen.«
»Hm, ja -- vielleicht -- aber von uns?«
»Und was wäre bei uns zu holen? Nichts als heißes Blei!« lautete die
ziemlich mürrische Antwort. »Zum Teufel auch, Kamerad, wenn Ihr Euch
fürchtet, hättet Ihr an Bord bleiben sollen.«
»Fürchten?« lachte der Doktor; »ich habe wohl schon davon gehört, weiß aber
nicht, was es bedeutet, und der Erfolg wird es lehren. Ich wäre auch der
Letzte, der zurückginge, also vorwärts, Mate, wir sitzen einmal drin und
müssen die Geschichte jetzt auch zu Ende führen.«
»Und dort ist die Landung!« rief der Steuermann, als er jetzt am Ufer
eine Anzahl dunkler Gestalten bemerkte, die ihnen grüne Büsche
entgegenschwenkten und damit zu winken schienen.
Hier bildete das Ufer wieder einen kleinen Einschnitt, aber es war
augenscheinlich, daß sie den eigentlichen Landungsplatz des Ortes erreicht
hatten, denn acht oder zehn Kanoes lagen dort ebenfalls angebunden, und
Trupps von Mädchen, Frauen und Kindern schienen auch schon an jener Stelle
die Ankunft der Fremden zu erwarten. Der Steuermann hatte ebenfalls
ihren Dolmetsch am Ufer erkannt, jenen Burschen, der bei ihnen zum Besuch
gewesen, und mit Recht vermuthend, daß dort der Punkt sei, wo man ihn
erwarte, lenkte er den Bug seiner Jölle direkt auf ihn zu. Im nächsten
Moment scheuerte ihr Kiel den Sand, und Einer der Leute, unbekümmert um den
Schwarm, der draußen stand, sprang an Land, um das Springtau zu befestigen.
Der Doktor hatte sich indeß die Eingebornen betrachtet und sich eben nicht
besonders über ihr Aussehen gefreut. Sie gingen fast sämmtlich bis auf
den Schurz nackt. Nur die jungen Mädchen trugen noch ein oft phantastisch
herausgeputztes Tuch um die Schultern und Schmuck -- Glasperlen und
Goldtand -- in den Ohren und den künstlich und mühsam zusammengeflochtenen
Haaren, und Einige von ihnen konnten sogar für hübsch gelten, wären die
Lippen nicht so aufgeworfen gewesen. Die Männer sahen aber entschieden
häßlich aus: mager und grobknochig, mit einem scheuen, mürrischen,
gedrückten Wesen. Viele von ihnen trugen auch Waffen: lange, spitze und
dünne Wurfspeere oder Keulen, und Einige von ihnen große geflochtene
Schilde, und auf den Schultern und Armen eine häßliche Art von Tättowirung,
welche die betroffenen Stellen wie aufgeschwollen erscheinen läßt.
Feindliche Absichten schienen sie aber nicht zu hegen, denn selbst die
Bewaffneten verhielten sich vollkommen ruhig und sogar theilnahmlos und
standen nur in ungeordneten Gruppen umher, möglich um die Landung der
Fremden zu überwachen.
Der Steuermann hätte nun am Liebsten seine ganze Mannschaft mit an Land
genommen, denn es war ihm nachdem er erst einmal das Wrack gesehen, kein
angenehmes Gefühl, sein kleines Häufchen noch zu trennen. Aber er durfte
das Boot auch nicht ohne Wache zurücklassen. Wer wußte denn, was das
Gesindel indessen damit vorgenommen hätte. Drei Mann genügten indeß dazu
vollkommen und er mit dem Doktor wollten dann ihren Besuch bei dem
Könige machen, während der Jüngste von den Matrosen das braunlackirte
Blechkästchen tragen konnte, in welches Kapitän Oacutt die Geschenke für
Seine Majestät gethan.
Der Schwarze, der zugleich als ihr Führer ausersehen schien, hatte indeß
ruhig neben ihnen gestanden und sie betrachtet, jetzt aber, als der
Steuermann ihn anrief, voran zu gehen und ihnen den Weg zu zeigen, sagte er
erstaunt: »Ja, Freund, wo hast Du denn die Geschenke für den König?«
»Nun, in dem Kasten da!« erwiederte der Seemann.
»Und das ist Alles?« rief kopfschüttelnd der Schwarze. »Unser König ist
groß und mächtig; er wird über das Wenige hinwegsehen.«
»Er soll zu Gras gehen!« brummte der Steuermann leise vor sich hin, setzte
aber laut hinzu: »Und weißt Du denn, was da drinnen ist, Wollkopf?«
»Nein,« antwortete dieser etwas verblüfft; »wie kann ich's wissen -- ich
habe ja nicht hineingesehen.«
»Also vorwärts marsch, daß wir weiter kommen und das Mittagessen nicht
versäumen,« nickte ihm der Steuermann zu und ihr Führer schien jetzt
ebenfalls damit einverstanden. Wer wußte in der That, was für kostbare
Dinge der kleine Kasten enthielt -- der Weiße hatte recht. Erst mußte man
es sehen, ehe man urtheilen konnte. Er schritt langsam, von den Fremden
gefolgt, gerade auf den Schwarm von Mädchen und Frauen zu, die aber scheu
zur Seite wichen und Raum gaben, wodurch sie eine Art von lebendiger Gasse
bildete, und die Amerikaner sahen jetzt ein niederes aber breites Gebäude
vor sich, auf welches sie direkt zuhielten.
War das wirklich das Palais, so wohnte Seine Majestät allerdings sehr
bescheiden, konnte aber deßhalb natürlich doch von jeder orientalischen
Pracht umgeben sein. Wie oft bargen in solchen wilden Ländern schlichte
Rindendächer die bedeutendsten Schätze, und wer es da verstand, machte
leicht bessere Geschäfte, als in den größten Städten und Hafenplätzen.
Vergebens suchten aber sowohl der Doktor wie Steuermann einen Ueberblick
über die Stadt selber zu gewinnen, denn die Wohnungen lagen nicht in
geraden Straßen, sondern unordentlich durcheinander und meist so in
Gebüschen und Fruchtbäumen versteckt, daß man nur hie und da einzelne
Häuser und Dachspitzen zwischen Bananenhainen und Palmenwipfeln
durch erkennen konnte. Es blieb ihnen überdieß keine lange Zeit, sich
umzuschauen, denn eben betrat ihr Führer die Schwelle des niederen Gebäudes
und winkte ihnen dabei zu folgen. Eine vorherige Anmeldung wurde also nicht
für nöthig befunden.
Sie fanden jedoch bald, daß die Hütte mit ihrem ärmlichen Aeußern dem
Innern vollkommen entsprach. Sie war von Pfählen und Reisig gebaut, luftig
allerdings genug und dem heißen Klima zusagend und nur mit einem guten
dichten Dach bedeckt, schien aber sonst sehr dürftig ausgestattet und
enthielt nur einige Stücke europäischer Ausstaffirung, auf welche die
Seeleute Anfangs jedoch nicht achteten, weil eine merkwürdige Gruppe im
Mittelpunkt der Hütte ihre Aufmerksamkeit völlig in Anspruch nahm.
Auf einem dort ausgebreiteten Löwenfell -- sonst aber auf der blanken
Erde -- lag nämlich ein großer, schwarzer, unförmlicher, aber lebendiger
Klumpen, dem selbst der Doktor nicht gleich eine bestimmte Form und Gestalt
geben konnte, während oben darauf ein kleiner, schlanker, kaffeebrauner
Bursche, die Arme in die Seite gestemmt, gymnastische Uebungen auszuführen
schien, denn er stieg und tanzte darauf herum, obgleich es eine
Geschicklichkeit zu erfordern schien, das Gleichgewicht dabei zu erhalten.
Links in der Ecke balgte sich eine Anzahl von Kindern unter der Aufsicht
von zwei jungen Mädchen, ohne indessen von dieser Produktion weitere Notiz
zu nehmen, und der Doktor besonders gab sich die größte Mühe, nur erst
einmal herauszubekommen, was er da eigentlich vor sich habe und was es
bedeute. Aber es dauerte nicht lange, so begann er, trotz dem in der
Hütte herrschenden Dämmerlicht, doch einige Umrisse an dem Klumpen zu
unterscheiden, der sich bald als ein wirklich menschliches Wesen, wenn
auch in wunderlicher Verunstaltung, herausstellte. Da war in der That ein
dicker, wolliger Kopf, da war etwas, das wie Beine und Füße aussah, wenn
auch nur im kürzesten aber dicksten Maßstab -- alles Uebrige mußte aber
Körper oder Rücken sein, denn das merkwürdige Geschöpf lag, wie er jetzt
bemerkte, auf dem Bauch, und der kleine gelenke Bursche tanzte eine Art von
Menuet auf seinem Rückgrat.
Erstaunt sahen sich der Steuermann und Doktor, während der Matrose mit
offenem Mund daneben stand, nach ihrem Führer um, dieser winkte ihnen aber
mit der ernsthaftesten Miene von der Welt zu, ruhig zu bleiben, und deutete
dabei ehrfurchtsvoll auf den schwarzen, nackten Fleischklumpen. -- War das
etwa der König?
Der Dicke schien sich indessen unter der Operation sehr behaglich zu
fühlen; er stöhnte ein paar Mal vor Vergnügen und fing dann an, erst die
Arme und dann die kurzen Beine auszustrecken, wälzte sich auch bald ein
wenig nach der, bald nach jener Seite, so daß der kleine Bursche ungemein
aufpassen mußte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und herabgeworfen
zu werden.
Endlich schien aber der Koloß befriedigt; er grunzte fast vor Wonne, und
nachdem er dem Kleinen etwas zugerufen, wornach ihn dieser noch ein paar
Mal kräftig in's Genick trat und dann absprang, richtete er sich plötzlich
in die Höhe, so daß er, den Fremden unmittelbar gegenüber, auf das Fell zu
sitzen kam. In diesem Augenblick mußte er auch zum ersten Mal den Besuch
bemerken, denn er sah sie einen Moment so verdutzt an, daß besonders der
Doktor ein herauswollendes Lachen kaum verbeißen konnte. -- Ob er sich
vielleicht genirte, bei seinem »Tretbad« von den weißen Männern beobachtet
worden zu sein? Das war wohl kaum der Fall, indeß gewann er seine Fassung
sehr bald wieder. Er winkte dem Knaben und rief ihm ein paar Worte zu,
wonach ihm dieser eine Art von Oberhemd aus rothem Kattun überwarf, was
seine Toilette beendete. Dann redete er den Dolmetsch an.
Dieser machte eine ehrfurchtsvolle Verbeugung, nahm ohne Weiteres dem
Matrosen das Blechkästchen ab und setzte es neben sein Oberhaupt nieder.
Dem Steuermann entging auch der ungnädige Blick nicht, den dieser darauf
warf, sich dann aber doch herabließ, es zu öffnen und hineinzuschauen. Der
Doktor behielt indessen Muße, ihn etwas näher zu betrachten, und mußte sich
gestehen, in seinem ganzen Leben noch kein ähnliches menschliches Wesen
gesehen zu haben.
Der kleine dicke Bursche, wie er da vor ihm saß, konnte kaum mehr als vier
Fuß hoch sein und war dabei in der That lauter Bauch. Ja es sah ordentlich
aus, als ob der Kopf, ohne auch nur einen Zollbreit Hals zu gestatten, fest
und tief in den unförmlichen Körper hineingeschraubt worden wäre. Beine
und Arme zeigten sich dazu von ganz unmäßiger Dicke und an Gewicht mußte er
wenigstens drei Centner wiegen -- wenn nicht noch mehr. Frisirt schien
er an dem Morgen nicht zu sein, die Haare standen ihm in struppigen, fest
ineinander gerollten Wollbüscheln nach allen Seiten hinaus und aus
dem dicken, fettglänzenden Gesicht stierten ein paar kleine, wie
zusammengekniffene Augen eben nicht besonders freundlich bald die Fremden,
bald seinen Dolmetsch, bald den eben geöffneten Blechkasten an. Sein Inhalt
beschäftigte ihn aber doch vor der Hand am Meisten, und er schien das
Gebrachte auch nicht etwa als ein Geschenk, sondern vollkommen als Tribut
zu betrachten, für den er sich natürlich nicht zu bedanken brauchte.
Der dicke Bursche mußte übrigens schon öfters mit weißen Fremden verkehrt
haben, denn der Steuermann, der sich jetzt etwas näher in dem Gemach
umsah, bemerkte eine Menge von Dingen, die ihm nur Europäer oder Amerikaner
gebracht haben konnten. Dort drüben war an der Reisigwand ein Spiegel in
Goldrahmen aufgestellt, der genau so aussah, als ob er früher einmal in der
Kajüte eines Fahrzeugs gehangen; in der einen Ecke lagen Sophapolster, mit
dem Ueberzug aber schon lange heruntergefault; dann standen in der Ecke
mehrere Musketen mit Bajonneten und daneben einige Schiffscutlasse, während
ein sauber gearbeitetes Mahagonischränkchen mit Perlmutterschloß ebensogut
früher in eine Kajüte gehört haben konnte, denn Messingbügel waren jetzt
noch daran zu erkennen.
Der Dicke indessen, der das geöffnete Kästchen eine Weile halb neugierig,
halb mißtrauisch betrachtet hatte, griff jetzt hinein und zuerst nach
einer oben aufliegenden langen Tafel Kautabak, an der er roch und sie
dann, augenscheinlich befriedigt, neben sich legte. Die Kinder, die gesehen
hatten, daß es dort irgend etwas Neues gab, kamen jetzt herbeigelaufen. Sie
waren sämmtlich in dem Alter von etwa fünf bis neun Jahren und gingen, wie
das bei solchen Stämmen gewöhnlich der Fall ist, »bis an den Hals barfuß«.
Auch ihre Wärterinnen, die ihnen schon folgen mußten, kamen näher; sie
waren ebenfalls neugierig geworden.
Unter dem Tabak fand Seine Majestät jetzt eine große, dicke, aber unechte
Uhrkette, auf welche sich der Kapitän, als er sie in den Kasten legte,
nicht wenig zu Gute gethan. Der König griff auch rasch danach, hatte sie
aber kaum in die Hand genommen, als er sie schon mißtrauisch betrachtete,
dann -- wie den Tabak vorher -- an die Nase hob und scharf und lange daran
roch. Die Untersuchung mochte aber nicht zu ihren Gunsten ausgefallen sein,
denn er schüttelte mit dem Kopf und warf sie dann -- ohne sie weiter eines
Blickes zu würdigen -- verächtlich unter die Kinder, die jubelnd darüber
herfielen.
Das abgemacht, griff er zwischen die andern Dinge hinein, schien aber
nicht viel Tröstliches herauszufischen: ein paar bunte, aber baumwollene
Taschentücher -- ein paar Schnüre Glaskorallen -- einen kleinen Spiegel im
Futteral -- eine Scheere, und müde des nutzlosen Suchens drehte er endlich
in etwas summarischer Weise den Kasten um, schüttete den ganzen Inhalt
auf die Decke und wühlte in den Dingen, die Kapitän Oacutt als Kostbarkeit
eingepackt, geringschätzig mit dem rechten Fuß herum. Es zeigte sich auch
in der That nichts darunter, was er hätte gebrauchen können oder mögen;
nur eine kurze Tabakspfeife nahm er noch für sich und schob dann den ganzen
Plunder mit seinem dicken Bein den Kindern zu.