»Das ist eben der Teufel, und wenn das nicht wäre,« meinte John, »so hätte

ich Dir den Vorschlag schon vor vier Wochen gemacht -- sobald wir uns aber

nach zwei Richtungen wenden, liegt doch viel eher die Möglichkeit vor, ihn

anzutreffen und sind wir ihm nur erst einmal auf der Spur -- wissen wir

bestimmt, daß er in Texas ist, dann wäre es auch nachher ein Leichtes, ihn

gemeinschaftlich wieder zu treffen.«

»Und dann müßten wir ihn das erste Mal laufen lassen,« sagte Jim mit dem

Kopf schüttelnd -- »Du wärst der Letzte, der das thäte, John. Denk nur an

das Versprechen, das Du dem General in Little Rock gegeben.«

»Bah, soviel für _den_; der hatte kein Anrecht an unserer Rache, aber

Du hast es, und ich möchte es Dir nicht verkümmern. Uebrigens braucht

Hendricks, _wenn_ ihn Einer von uns aufspürt, gar nicht zu erfahren, daß

wir in der Nähe sind. Wir wollen nur herauszubekommen suchen, _wo_ er sich

aufhält, und uns dann an einem verabredeten Sammelplatz treffen.«

»Das ist weitläufig,« sagte Jim, mit dem Kopf schüttelnd, »und bekommt

er nachher Wind, so sind wir auf dem alten Fleck. Nein, Du weißt, daß

uns neulich einmal der Neger, den wir trafen, einen Mann beschrieb, der

möglicher Weise Hendricks gewesen sein _kann_. Der soll sich aber in

der Nähe einer deutschen Colonie aufhalten. Wie wär's, wenn wir zusammen

dorthin aufbrächen und dann erst -- sobald wir unseren Verdacht nur in

etwas bestätigt finden, getrennt suchen.«

»Es ist ein verwünscht weiter Weg.«

»Aber will uns das Glück wohl, so finden wir ihn vielleicht eben so leicht

in dieser Richtung, wie in irgend einer andern.«

»Aber die Beschreibung paßte nur in etwas auf die _Person_, sonst wären

wir ja gleich auf der Spur nachgegangen,« rief John. »Jener Bursche war der

Sohn eines Pflanzers aus Florida, dem die Unionisten die Plantage zerstört

hatten.«

»Bah, Geschichten sind leicht erzählt und Hendricks ist erfinderisch.

Was sollen wir hier? _Hier_ steckt er nicht, oder wir hätten ihn längst

gefunden, also weshalb ihn nicht in einer anderen Richtung suchen.«

»Gut! einverstanden,« nickte John endlich, »aber -- in der deutschen

Colonie werden wir Geld brauchen und das --«

»Nicht einen Cent,« rief Jim -- »denk an Klingelhöffer -- würde der Geld

für ein Nachtquartier nehmen? Sie sind alle gastfrei, und außer dem bringen

wir auch leicht ein Dutzend Hirschhäute zusammen, wenn wir ja einmal ein

paar Dollar brauchen sollten. Vorwärts, der Wald bleibt uns immer und giebt

uns Nahrung und Quartier.«

Es wurde Nichts weiter über die Sache gesprochen. Die Männer beendeten ihre

Mahlzeit, holten dann ihre »ausgehobbelten« (=to hobble a horse=, ein Pferd

an den Vorderbeinen fesseln) Pferde herbei, schnürten ihre Decken zusammen

und schlugen mitten durch den Wald die etwaige Richtung ein, die sie ihrem

nächsten Ziel entgegenführen mußte.

Neuntes Kapitel.

In der Colonie.

Man muß den Charakter dieser zähen amerikanischen Backwoodsmen kennen, um

zu begreifen, wie zwei junge Leute, nur mit ihren Büchsen und Pferden, und

eine wollene Decke am Sattel festgeschnallt, Monate lang und allein das

eine Ziel verfolgend, in einem wilden Land herumziehen konnten. Es war

ihnen aber eben Nichts weiter als eine Jagd, auf der sie früher ja auch

halbe Jahre verbrachten; an Ausdauer fehlte es ihnen wahrlich nicht dazu

-- an Bequemlichkeiten waren sie nie gewöhnt gewesen -- solche ausgenommen,

die ihnen die Wildniß bot, und sie betrachteten die ganze Tour mehr als

einen Streifzug, um zugleich auch ein ihnen bisher fremdes Land kennen

zu lernen, in dem sie sich vielleicht später selber einmal eine Heimath

gründen konnten. Arkansas war ihnen verleidet worden, und es giebt ja

überhaupt kaum ein rastloseres Volk in der Welt, als eben diese westlichen

Jäger, die selbst ihre Farmen verkaufen, sobald ihnen nur halbwegs ein

Gebot gethan wird, und dann mit der größten Zufriedenheit weiter westlich

in eine neue Wildniß ziehen.

So verfolgten auch unsere beiden Freunde ihren Weg, ohne aber auch nur

für einen Augenblick ihr eigentliches und blutiges Ziel aus den Augen zu

verlieren. Ueberall in den zerstreuten Ansiedlungen oder Städten, die sie

erreichten, horchten sie umher -- überall vergebens, denn der _gesuchte_

Verbrecher war nirgends zu finden. Wohl aber hörten sie, als sie sich

jener deutschen Ansiedelung »Blumenthal« näherten, Gerüchte von einer

Räuberbande, die sich, wenn auch nicht in unmittelbarer Nähe derselben,

doch in der Nachbarschaft in einem wilden Schilfbruch festgesetzt haben und

die Gegend unsicher machen sollte. Mancher Reisende durch jene Strecken war

verschollen, und der Verdacht lag ziemlich nahe, daß sie eben jenen Buben

zum Opfer gefallen.

Die beiden jungen Leute kamen hier in eine freundliche und reiche Gegend --

in eine Strecke, die durch den unseligen Krieg wenig oder gar nicht berührt

war, und deutschen Fleiß und Arbeitssinn deßhalb so viel deutlicher zeigen

konnte.

Hatten sie überhaupt schon je einmal in ihrem Leben einen solchen Platz

gesehen, wo Farm neben Farm lag, eine Fenz in die andere griff, und die

Acker von Wurzeln und Unkraut gereinigt, ebenen Prairien glichen, während

wohnliche Häuser und große aus Stein erbaute Scheunen Reichthum sowohl als

Behaglichkeit verriethen?

_Das_ waren Farmen, wie sie eigentlich sein sollten, und wie sie ähnliche

auch wohl von Leuten, die aus dem fernen Osten kamen, beschreiben hörten.

Wo aber hätten sie selber sie schon in ihrem Leben betreten? -- Am

Fourche-la-Fave? -- Wilder Wald lag zwischen den einzelnen Wohnungen

und selbst diese boten wenig -- keine von allen auch nur mehr als den

nothdürftigsten Schutz gegen das Wetter und die Kälte, während sich hier

sogar schon ein ihnen vollständig fremder Luxus Bahn gebrochen und die

Stuben mit Teppichen, die Fenster mit Gardinen geschmückt hatte.

Allerdings waren sie auf ihrem letzten Zug in Tennessee und Mississippi

durch reiche Districte gezogen, wo in Friedenszeiten die herrlichsten mit

Allem ausgestatteten Plantagen gelegen, aber wie sahen diese Plätze

aus, als ihr Fuß sie betrat? Die Häuser waren verbrannt, oder lagen mit

eingeschlagenen Fenstern und Thüren verödet da. Die Fenzstangen schienen

zu Feuerholz gedient zu haben, die Felder selber, seit Jahren nicht

mehr bestellt, waren von Büschen und Unkraut überwachsen, und Elend und

Zerstörung starrte ihnen überall entgegen.

So hatten sie sich die ganze Zeit von einem Schlachtfeld zum andern

herumgetrieben, und als sie nach Hause in ihre Waldesheimath zurückkehrten,

wohnte dort der Mord, und das Blut der ihnen theuersten Menschen färbte den

Boden roth.

Auch seit der Zeit durchstrichen sie wilde und wüste Gegenden, die noch

dazu meist alle durch den Krieg heimgesucht worden waren, bis ihr Fuß

hier plötzlich ein kleines friedliches Paradies betrat, das so still und

versteckt in den Bergen lag, um selbst den feindlichen Fouragirzügen zu

entgehen.

Eigentlich war der Platz hier für eine Colonie so ungeschickt als möglich

gewählt, denn Blumenthal hatte fast gar keine Communication mit der übrigen

Welt. Auf dem von einem Amerikaner entworfenen Plan der jungen Stadt

befanden sich allerdings Eisenbahnen genug, die es zu einem Centralpunkt

des ganzen Staates machen sollten, aber das war nur auf dem Papier gewesen.

In Wirklichkeit existirte noch kaum eine Fahrstraße nach dem nächsten

kleinen Fluß, auf dem man einzelne Producte, aber nur in günstiger

Jahreszeit stromab schaffen konnte. Sonst liefen nur ein paar

Maulthierpfade einer nach Süden, einer nach Osten aus.

Trotzdem aber war die junge Colonie gewachsen, denn wo der Deutsche erst

einmal seinen Pflug in den Boden getrieben hat, läßt er auch nicht locker

und arbeitet nicht allein stetig weiter, sondern zieht auch Freunde und

Familienglieder allmählich nach. Der Platz hatte sich auch in der That

so gehoben, daß man eben daran gehen wollte, eine gute Fahrstraße in das

niedere und mehr besiedelte Land zu bauen und dadurch die Bahn zu einem

Schienenstrang zu öffnen, als der Krieg im Norden ausbrach und natürlich

jede industrielle Arbeit entweder sistirte, oder wenn noch nicht begonnen,

hinausschob auf bessere Zeiten.

Das aber was die Bewohner von Blumenthal früher als ein schweres Unglück

betrachteten, war eben zu ihrem Glück gewesen, denn das hielt sie, in ihrer

Abgeschiedenheit, von den Lasten des Krieges vollständig verschont und

nur ein einziges Mal verirrte sich ein kleiner Trupp von zersprengten

Sesesch-Soldaten hierher und zeigte Lust den Ort zu brandschatzen. Das aber

war den Ansiedlern außer dem Spaß, und da doch Jeder von ihnen, fast ohne

Ausnahme, seine Jagdflinte oder Büchse mit herüber nach Amerika gebracht

hatte, so erschienen sie plötzlich in so wuchtiger Zahl zusammen und unter

Waffen, daß die Sesesch außerordentlich freundlich wurden, nur um die

nöthigen Lebensmittel ersuchten -- mit dem Erbieten sogar, für dieselben

zu bezahlen, und dann als sie freigebig erhalten hatten, was sie wirklich

brauchten, die Ansiedlung wieder rasch verließen.

Seit der Zeit hatten sie in Frieden gelebt, bis sich nördlich oder vielmehr

nordwestlich von ihnen, an den Quellen des Colorado Gesindel festzusetzen

schien, das anfing die Gegend unsicher zu machen. Allerdings hielt man die

Uebelthäter für einen Trupp versprengter Sesesch-Soldaten, die noch dort

für kurze Zeit in den Bergen ihr Wesen trieben -- vielleicht auch gar für

eine Bande mexicanischer Diebe, die sich möglicher Weise über die Grenze

hereingezogen. Merkwürdig nur, daß sie jedes Mal so genau wußten, wer Geld

hatte, und nie Leute behelligten, die dort draußen waren, um ihr Vieh zu

suchen oder nur zu jagen. Man war auch nach dieser Richtung hin noch nie

verdächtigem Gesindel begegnet, und nur ein Mann einmal, ein Amerikaner,

der sich zwischen ihnen niedergelassen, war von drei Strolchen angefallen

worden, von denen er aber fest behauptete, daß es Mexicaner gewesen wären.

Er hatte, wie er erzählte, einen erschossen und einen andern verwundet, und

obgleich sie mehrfach auf ihn gefeuert, seine Flucht bewerkstelligt.

Hierauf wurden ein paar Streifzüge nach dieser Richtung hin unternommen,

aber ohne den geringsten Erfolg. Man fand keine Spur der Räuber, nicht

einmal den Todten, den sie jedenfalls fortgeschleppt und beerdigt hatten

und eine Zeitlang ruhte die Sache, bis wieder ein sehr reicher deutscher

Farmer, der da oben Vieh gekauft hatte und es bezahlen wollte, ebenfalls

nicht zurückkehrte und durch seinen wahrscheinlichen Tod die kleine

Ansiedlung in erneute Unruhe versetzte.

Der Fall war um so trauriger, als sich die Tochter desselben Mannes in den

nächsten Tagen hatte mit einem jungen Amerikaner verheirathen wollen, und

dieser, der Nämliche, der schon früher angefallen worden, war jetzt mit

fünf oder sechs seiner Landsleute, und etwa zwanzig jungen deutschen

Farmern ausgegangen, um die Gegend gründlich abzusuchen und diesem

nichtswürdigen Räuberwesen ein Ende zu machen.

Gerade in dieser Zeit trafen unsere beiden Freunde in der Ansiedlung

ein und wurden dort, wie das unter den Umständen wohl natürlich ist, mit

einigem Mißtrauen betrachtet.

Ein Wunder war es nicht, denn Jim wie John, die sich jetzt unausgesetzt

schon lange Monate im Wald oder doch auf den verschiedenen Straßen

herumgetrieben, sahen eben wild genug aus, um ihnen selbst das Schlimmste

zuzutrauen, und die Aengstlichsten in dem kleinen Städtchen, das zum

großen Theil für den Augenblick von waffenfähigen Männern geräumt war,

befürchteten schon den indeß verabredeten Ueberfall einer größeren Bande,

von der dies möglicher Weise die Vorläufer sein konnten.

Beide Freunde übrigens, mit keiner Ahnung, daß man sie hier in einem

solchen Verdacht haben konnte, erkundigten sich, sobald sie den Ort

erreichten und sich plötzlich unter lauter Fremden befanden, ob kein

Amerikaner im Ort wäre und wurden nach einem der nächsten Häuser zu einem

alten Mann -- und zwar einem der ersten Ansiedler hier, gewiesen.

Und hielt sich hier ein Mr. Rollridge auf? so sollte sich des Pflanzers

Sohn genannt haben, von dem ihnen der Neger erzählte.

Die Leute, an welche die Frage gerichtet wurde, sahen sich unter einander

an, gaben aber keine directe Antwort darauf, sondern erwiederten nur, daß

die Fremden bei Mr. Warner, wie der alte Mann hieß, wohl Alles, was sie zu

wissen wünschten, erfahren könnten. -- Und woher sie selber kämen? -- Aus

dem Wald, -- wohin sie wollten? -- sie wüßten es noch nicht, -- sie wären

Leute, die sich nach einem Platz zur Niederlassung umsähen.

Das sagte ein Jeder, dem daran lag keine genaue Auskunft über sich zu

geben, aber Warner war, ebenso wie Friedensrichter im Ort, auch ein alter

gescheuter Bursch, der ihnen schon auf den Zahn fühlen würde und dem

konnten sie das Weitere deßhalb ruhig überlassen.

Jenkins wie Wells jedoch, wie sie sich nur kurze Zeit mit ihrem älteren

Landsmann unterhielten, fanden bald, daß sie es mit einem einfach

schlichten Mann zu thun hatten, dem sie aus dem Zweck ihrer Reise kein

Geheimniß zu machen brauchten. Warner schüttelte aber den Kopf, als sie

ihren Verdacht gegen Rollridge äußerten. Er hatte selber dessen Vater

gekannt, und die Befürchtung lag hier in Blumenthal außerdem nahe genug,

daß sogar Rollridge, als er den Platz habe verlassen wollen, ermordet oder

sonst zu Schaden gekommen sei. Er hatte wenigstens sein nächstes Ziel --

eine bestimmte Farm am Colorado, nie erreicht und man wisse dabei, daß er

ziemlich viel Geld mit sich führte.

Wieder also waren sie vergebens eine so endlos weite Strecke gewandert,

wieder ihre Hoffnungen getäuscht worden und Jenkins selber fing an, der

Verfolgung müde zu werden. Hier erfuhren sie außerdem, daß der Krieg

vollständig beendet sei, und wie sollten sie jetzt, mit all den entlassenen

Soldaten, die sich über die Staaten zerstreuten, noch irgend eine bestimmte

Spur verfolgen können.

Warner selber sprach dabei die feste Ueberzeugung aus, daß die Räuber, die

hier in der Nachbarschaft ihr Wesen trieben, jedenfalls dem mexicanischen

Stamm angehörten. Mr. Rawlins, wie der Amerikaner hieß, dessen

Schwiegervater gerade als letztes Opfer gefallen, war übrigens ein ganz

tüchtiger Mann und, wie er erklärt hatte, fest entschlossen, diesmal alle

seine Kräfte aufzubieten, um die Mörder auszuspüren und zu bestrafen,

und sie durften also hoffen, daß der überdies starke Zug nicht so ganz

unverrichteter Sache zurückkehren würde. Jedenfalls hatten sie die Unbill

lange genug geduldet, und es müßte ihr einmal ein Ende gemacht werden.

Und was nun? -- Jim machte seinem Freund den Vorschlag nach Haus

zurückzukehren. Hatten sie dabei Glück, so konnten sie Hendricks ebensogut

in der, wie in jeder anderen Richtung antreffen, hatten sie aber keins, nun

dann half es ihnen auch Nichts, wenn sie den weiten Staat noch länger, bald

nach der, bald nach jener Himmelsgegend durchkreuzten. Wenn Hendricks ihnen

aber auch jetzt noch entging, später erfuhren sie doch vielleicht einmal

seinen Aufenthalt und dann war ihr Rachewerk wohl aufgeschoben, aber

wahrlich nicht aufgehoben gewesen.

John Wells schien anfangs keine rechte Lust dazu zu haben, aber er mußte

dem Freund doch auch Recht geben, daß sie in dieser Art wenig Aussicht auf

Erfolg hätten. Er war ebenfalls müde geworden und die beiden jungen Leute

beschlossen deshalb, nicht einmal die Rückkehr der Ausgezogenen abzuwarten,

sondern gleich wieder nach Arkansas aufzubrechen.

Das litt aber der alte Warner nicht, der, wie sich im Gespräch

herausstellte, Wells Vater gekannt, und selber einmal hier in Texas eine

Weile mit ihm gejagt hatte. Er wollte die beiden Freunde wenigstens nicht

wieder fortlassen, bis sie sich erst ordentlich ausgeruht, und dazu fanden

sie im ganzen weiten Staat keinen besseren Platz als gerade Blumenthal.

John Wells fand an einem solchen, wie er meinte, zwecklosen Aufenthalt,

kein sonderliches Behagen, Jenkins selber aber redete ihm zuletzt zu,

ein paar Tage auf die hiesige Umgegend zu verwenden, die ihm wenigstens

außerordentlich gefiel. Das Land war reich, das Klima schien gesund, Wild

gab es ebenfalls ziemlich viel in der Nachbarschaft, und an dieser Gegend

hafteten doch nicht für sie so trübe Erinnerungen, als an ihrer bisherigen

Heimath, in der sie Alles an die erlittenen Verluste mahnte.

Warner unterstützte ihn lebhaft darin und erbot sich auf das

Bereitwilligste, sie in den nächsten Tagen selber in der ganzen

Nachbarschaft herumzuführen. Es gab noch ein reizendes Thal in kaum zwei

Miles Entfernung von der kleinen Stadt, in dem bis jetzt kein Baum gefällt,

kein Acker Land aufgenommen war, und er sprach seine feste Ueberzeugung

aus, daß sie in sämmtlichen Staaten kein freundlicheres Fleckchen Erde

finden könnten. -- Und eine Uebersiedelung hierher? -- Lieber Gott, die

hatte für einen Backwoodsman auch nicht die geringste Schwierigkeit, denn

ihr ganzer Hausstand konnte leicht auf einem kleinen Karren, ja oft sogar

auf ein paar Pferden fortgeführt werden. Jedenfalls wollten sie den Platz

erst einmal sehen und ein Entschluß stand ihnen ja dann immer noch frei.

Die nächsten Tage verwandten sie auch in der That dazu, so viel als möglich

von der Umgegend zu sehen und kennen zu lernen. Die Nachbarschaft

der Deutschen gefiel dem jungen Jenkins ebenfalls, denn er hatte am

Fourche-la-Fave schon viele von diesen kennen lernen und lieb gewonnen. Ihm

selber behagte der ganze Distrikt ungemein und wenn auch John Wells noch

keine besondere Neigung dafür zeigte, konnten sie sich das ja noch immer

unterwegs überlegen, und nachher mit den Ihrigen besprechen. Zu übereilen

war eben Nichts an der Sache.

Am vierten Tag standen endlich ihre bis dahin vollkommen ausgeruhten und

ordentlich aufgefütterten Pferde bereit, und die alte Mrs. Warner packte

ihnen gerade noch ein tüchtiges Stück Wildpret und Fleisch ein, weil sie

unmittelbar in der Nähe der Ansiedlung doch wohl nicht viel zu jagen finden

würden, als draußen auf der Straße plötzlich ein wunderlicher Lärm gehört

wurde, der rasch ihre Aufmerksamkeit erregte und sie vor die Thür lockte.

Die ausgezogenen Männer waren zurückgekehrt. Warner's Sohn ritt gleich

darauf am Hause vor und erzählte ihnen, daß sie von den Räubern selber

allerdings keine Spur, wohl aber den Leichnam des alten Deutschen gefunden

hätten, der, mit einer einzigen Kugel gerade durch den Kopf, nicht weit von

dem Pferd ab unter einem Maulbeerbaum gelegen hatte und nur mit Laub und

Reisig zugedeckt gewesen war. Nur durch die Aasgeier wurden sie auch auf

den Platz aufmerksam, an dem sie sonst jedenfalls vorüber geritten wären.

Und war Rawlins mit ihnen zurückgekehrt?

Ja -- aber nach Hause geritten, um sich umzuziehen und dann seine Braut und

Schwiegermutter zu trösten.

»Du lieber Gott,« seufzte Mrs. Warner, die mit gefalteten Händen vor ihrer

Hausthür gestanden und den traurigen Bericht gehört hatte -- »da kommt das

arme Mädchen -- wie blaß und elend sie aussieht -- das ist freilich ein

schwerer Tag für sie. -- Habt Ihr denn die Leiche mitgebracht?«

»Es war nicht mehr möglich,« sagte der junge Warner -- »wir mußten sie

gleich an Ort und Stelle begraben. Arme Catharina -- sie wird wohl schon

alles erfahren haben. Tröstet Ihr sie, Mutter, ich mag ihr jetzt lieber

nicht begegnen,« fuhr er fort, und schritt in das Haus hinein.

Das junge Mädchen kam näher -- sie sah bleich und angegriffen aus und

schien auch die beiden fremden jungen Leute gar nicht zu beachten, oder nur

zu sehen. Still und lautlos schritt sie auf Mrs. Warner zu und als diese

ihr mitleidig die Hand entgegenstreckte, lehnte sie ihr müdes Haupt an die

Schulter der alten Frau und ohne daß eine Klage über ihre Lippen gekommen

wäre, liefen ihr die großen Thränen an den Wangen nieder.

Catharine Fischer war eines der schönsten Mädchen im ganzen Ort und manche

der jungen deutschen Farmerssöhne hatten sich schon um sie beworben, aber

alle ohne Erfolg, bis sich der junge fremde Amerikaner, wie im Sturm und in

ganz kurzer Zeit ihr Herz gewann und von den Eltern -- die freilich lieber

einen deutschen Schwiegersohn gesehen hätten -- angenommen wurde. Jetzt

hatte sie dieser Schlag mitten in ihr junges Leben getroffen, und zwar ein

Schlag wie aus heiterem Himmel, ungeahnt, unvorbereitet.

Jim Jenkins stand, die Zähne fest aufeinander gebissen, neben ihr. Hatte er

denn nicht den nämlichen Schmerz zu tragen, denselben Verlust erlitten,

wie das arme Kind da, und war denn Jammer und Sünde in solcher Art über

das schöne Land hereingebrochen, daß solches Elend nur allein alle guten

Menschen traf und die Verbrecher immer ungestraft entkommen sollten? --

War das himmlische Gerechtigkeit, wie es ihnen die herumziehenden Prediger

vorreden wollten? Blut überall, wohin ihr Fuß trat -- heimtückisch und

feige aus dem Hinterhalt vergossenes Blut, und die Mörder frei da draußen

in der schönen sonnigen Welt.

Er trat zu seinem Pferd, um sich die Zügel zurecht zu legen -- er wollte

fort -- Schmerz und Ingrimm genug trug er im eigenen Herzen, ohne das

fremde Leid auch noch mit anzusehen, als er sich plötzlich angerufen hörte.

»Hollo Jim -- Wetter noch einmal Mann, wo kommst Du her -- und John auch --

welcher Wind hat Euch nach Texas geblasen?«

Jim sah überrascht auf und erkannte einen alten Kriegsgefährten aus

einem Indiana-Regiment, mit dem sie drüben über dem Mississippi gemeinsam

gekämpft und zusammen nach Little Rock gezogen waren.

»Oh Peters -- wie kommst Du nach Texas? Ich glaubte, Ihr stündet noch in

Little Rock?«

»Nein -- wir sind ausbezahlt und abgelöst worden,« antwortete der junge

Mann, indem er auf die Freunde zutrat und ihnen die Hände schüttelte.

»Und wo kommst Du jetzt auf einmal her?«

»Waren nur zusammen, um die verdammten Mörder aufzusuchen, die sich hier

schon seit einiger Zeit herumtreiben,« lautete die Antwort, »sind aber

unverrichteter Sache wieder zurückgekehrt. Weiß der Henker wo die Schurken

stecken mögen. Aber wo wollt Ihr hin?«

»Zurück nach Arkansas.«

»Jetzt gleich?«

»Wir wollen eben fort.«

»Fällt Euch gar nicht ein,« rief aber der Indiana-Mann -- »doch wahrhaftig

nicht eher, als bis Ihr mich auch einmal in meinem Hause besucht habt. Ich

bin hier verheirathet -- habe eins von den deutschen Mädchen und solch

ein freundliches kleines Häuschen und Weibchen, wie es sich ein Mann nur

wünschen kann. Vorwärts Jungen! daß Ihr aufgesattelt habt ist schon ganz

recht -- aber bei mir sattelt Ihr erst wieder ab.«

»Das geht nicht, Peters.«

»Ob es geht! oder meine Alte würde nicht schlecht böse werden, wenn ein

paar alte Freunde ihres Mannes so mir nichts Dir nichts an dem Haus vorüber

ritten. Ihr müßt wenigstens einmal sehen wie ich wohne, und wenn es Euch

dann nicht bei mir gefällt, könnt Ihr nachher noch immer thun, was Ihr

wollt.«

John Wells schien nicht recht damit einverstanden zu sein, Jenkins aber,

indem er in den Sattel sprang, rief aus:

»Was thut's, John -- auf ein paar Stunden kommt's nicht an -- ob wir etwas

später oder früher am Fourche la Fave eintreffen. Ich denke, wir gehen

mit.«

Die Straße herab kam der Schall galoppirender Pferdehufe. Ein Reiter

sprengte heran und es schien fast, als ob er auf dasselbe Haus zu wolle,

vor dem die jungen Leute standen. Schon dicht daran aber warf er sein Pferd

herum, grüßte flüchtig und verfolgte dann seinen Weg die Straße hinab,

rascher noch fast, als er hergekommen.

John hatte sich gerade mit seinem eigenen Thier beschäftigt und nicht auf

den Fremden geachtet; Jim aber griff seinem eigenen Pferd plötzlich so

rasch und gewaltsam in den Zügel, daß es hoch aufbäumte, und sich beinahe

mit ihm überschlagen hätte. Peters sprang zu, riß es noch herunter und rief

dann:

»Was zum Wetter hat denn die Bestie -- scheut sie?«

»Manchmal -- ja,« sagte Jim, kaum auf die Frage achtend, und den Blick noch

stier die Straße hinabgewandt -- »wer war das?«

»Wer? -- der eben vorbeisprengte? -- Dein Pferd erschrak wohl und Du auch

-- so ein alter Reiter -- Du siehst kreideweiß im Gesicht aus.«

»Wer war der Reiter, Peters?«

»Das war Rawlins,« sagte Peters, mit einem zur Seite geworfenen mitleidigen

Blick nach dem jungen Mädchen, »der Bräutigam der armen Catharine da,«

setzte er leiser hinzu.

Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen · 第 7 / 18 段