Halt! das klang wie eine menschliche Stimme -- wenn sie jetzt kamen.

Den jungen Leuten schlug das Herz, als ob sie sich hätten an einen Bären

anpirschen wollen. Sie Alle waren aber auch Jäger genug, um zu wissen, daß

sie sich vollständig decken mußten, wenn sie den schlauen Feind überlisten

wollten. Das Blitzen der Sonne auf einem Büchsenlauf, die runden dunkeln

Umrisse eines Kopfes nur auf dem hellen Sand konnten sie schon verrathen,

und nicht allein, daß ihre ganze Arbeit dann umsonst gewesen wäre, nein,

sie gefährdeten in dem Fall auch auf das Ernstlichste das Leben des Knaben,

denn welche Gewissensbisse hätten sich jene Burschen gemacht im ersten

Moment und in Wuth und Rache selbst das Leben eines Kindes zu nehmen.

Jim Jenkins hatte dafür auch schon vorher seine Ordre gegeben. Alle mußten

sich vollkommen hinter dem Sandrücken verborgen halten, und er selber

häufte, eben mit den Augen über dem Rand, für seinen Kopf eine Parthie

Reiser und Ranken so auf, daß sie ihm einen Blick hinausließen, aber ihn

auch sonst vollständig verdeckten. Erst wenn die Freunde sahen, daß er sich

selber schußfertig machte, sollten sie das Nämliche thun, die Büchsen dann

hinausschieben und rasch, aber sicher zielen und abdrücken -- um Gottes

Willen keinen Schuß nutzlos vergeuden.

Jetzt konnte Jim die dunklen Gestalten der Jay-hawker schon deutlich im

Wald erkennen. Sie kamen näher und näher und das Blut stockte ihm fast, als

er sah, daß der Erste den Arm seines Bruders fest in der Faust hielt,

und der Kleine dadurch nicht einmal frei war, sich, der Verabredung nach,

gleich bei dem ersten Schuß in das Dickicht zu werfen -- aber jetzt blieb

keine Zeit mehr zum Besinnen -- wo war Hendricks? Jim's Blick suchte ihn,

aber er fand ihn nicht unter den Vorderen. War er am Ende gar nicht unter

der Schaar? -- Jim schrak unwillkürlich zusammen. Die Jay-hawker hielten

noch im Waldrand, so daß er bis jetzt nur auf den Einen hätte mit

Sicherheit zielen können. Hatten sie etwa Verdacht geschöpft -- aber durch

was? Jim durfte allerdings nicht einmal den Kopf zur Seite drehen, um sich

nicht durch die, selbst unbedeutende Bewegung selber zu verrathen, und nur

den Mund öffnete er weit, so schwer kam ihm der Athem aus der Brust.

Wie still das gerade jetzt im Walde war -- deutlich konnte man das Klopfen

des Spechtes, den Schrei eines kleinen Falken hören, der mit zitterndem

Flügelschlag fast wie eine Lerche hoch in der Luft stand, und über die

Richtung, die er nehmen sollte, unschlüssig zu sein schien. Kein Blatt

regte sich dabei, so still und fast schwül war die Luft. -- Jetzt aber

schienen sich die Jay-hawker endlich überzeugt zu haben, daß ihnen hier

keine Gefahr drohe. Der Platz in dem sie das vergrabene Geld vermutheten,

lag überhaupt zu nahe und die Ungeduld trieb sie die Stelle zu untersuchen.

Als ihr Führer aus dem, von Dornen eingeengten Pfad trat, breiteten sich

seine Begleiter ebenfalls auf der Lichtung aus -- Jim zählte, wenn er in

dem Augenblick überhaupt zählen konnte, etwa elf oder zwölf Mann, aber sein

Auge suchte Hendricks unter ihnen und fand ihn, aber noch immer von den

Uebrigen gedeckt. Sollte er warten bis er vollständig vortrat -- aber

der geringste Zufall konnte ihn den Räubern verrathen -- ein günstigerer

Zeitpunkt kam für ihn kaum wieder, denn der Trupp erreichte jetzt den

Platz und der Mann mit dem schwarzen Bart, der bis dahin Bill an der Hand

gehalten, ließ ihn los, um selber einen der schweren Aeste aufzuheben.

Jim winkte zurück mit der Hand, und die Büchse, deren Hahn er schon

gespannt hatte, mit beiden Händen fassend, hob er sich etwas auf den Knieen

aus seiner gebückten Stellung empor.

Es waren acht Männer die dort im Hinterhalt lagen -- der neunte hielt noch

am Holzrand Wacht, sollte aber ebenfalls nach dem ersten Schuß herbeieilen.

-- Dort drüben stand ein Trupp von wenigstens zwölf so verzweifelten

Burschen als sie vielleicht das weite Land aufzuzeigen hatte -- hätten sie

alle ihre Gewehre abgeschossen, so hatten die Feinde, mit ihren geladenen

Büchsen und Revolvern, jedenfalls die Uebermacht. Aber wer von ihnen Allen

hätte deshalb auch nur für einen Moment den Angriff verzögern mögen. Sie

durften es auch gar nicht; der Neger schritt gerade auf sie zu -- dort

waren diese, von der Welt für vogelfrei erklärten Jay-hawker, von Mord

triefend und eben wieder im Begriff, einen neuen Raub zu begehen. Ein

günstigerer Zeitpunkt kam nicht wieder, und ohne jetzt auch nur noch

mit einer Wimper zu zucken, hoben sie sich gemeinschaftlich empor -- die

Büchsenläufe suchten ihr Ziel -- und der Wald wurde lebendig.

Der Neger hatte, wenn auch nicht die größte, doch die erste Ueberraschung.

Ohne eine Gefahr zu ahnen, watete er durch das seichte Wasser, dem

Sandrücken zu, hinter dem die Männer lagen. Da sah er vor sich, wie mit

_einem_ Schlag, die dunklen Gestalten der Rächer auftauchen, und ehe er

selbst nur einen Warnungsschrei ausstoßen konnte, traf ihn die erste Kugel

in die Brust.

Aber fast in demselben Moment auch fielen die anderen Schüsse -- wenigstens

unmittelbar nacheinander, und jetzt waren die Schützen selber auch nicht

mehr zu halten. Die Ueberraschung, der erste Schreck der Räuber mußte

benutzt werden, und wie sie nur ihre Kugel abgesandt, sprangen sie auch

auf die Sandbank und dann wie ein Wetter gegen die Räuber an, die in wilder

Furcht gar nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten. -- Fünf brachen

wild dem nächsten Dickicht zu, aber schon nach wenigen Schritten taumelten

Einige und hätten den Kolbenschlag nicht mehr gebraucht, der sie -- eine

Leiche, zu Boden schmetterte. Da und dort brach es noch durch die Büsche

hinein und die Verfolger griffen die erbeuteten Büchsen auf, feuerten

hinterher, und stürzten dann wieder nach, die Kolben schwingend.

Bill war der Einzige gewesen, der die Bewegung hinter der Sandbank

bemerkte, und nach ihm der Neger -- für ihn selber aber zu spät. Wie der

kleine Bursch aber die Büchsenläufe in die Höhe gehen sah, warf er sich

auch platt auf den Boden nieder und die Uebrigen mochten glauben, daß er

gestolpert wäre -- achteten wenigstens in der Erwartung des vergrabenen

Geldes nicht auf ihn, bis sie die zwischen sie einschlagenden und sicher

genug gezielten Kugeln inmitten ihrer verbrecherischen Laufbahn ereilten.

Nur Einer war todt auf dem Platz geblieben; der schwarzbärtige Gesell,

der Bill an der Hand geführt, denn er hatte die Kugel in den linken Schlaf

bekommen und wohl kaum seinen Tod gefühlt. Fünf Leichen lagen in zehn bis

zwanzig Schritt von der Stelle, und andere Verwundete hörten sie noch nach

verschiedenen Richtungen hin durch die Büsche brechen.

Jim selber hatte keinen freien Schuß auf Hendricks bekommen können, denn

Einer der anderen Jay-hawker stand vor ihm. Es blieb ihm Nichts übrig als

auf diesen zu schießen, in der Hoffnung, daß die Kugel durchschlagen und

Beide treffen möge -- aber unter den Todten fand er ihn nicht, und sein Ruf

sammelte die Freunde, daß sie sich nicht tollkühn einer unnöthigen Gefahr

aussetzten.

Zuerst mußten sie ihre Büchsen wieder laden, dann wollten sie den Wald

absuchen und wer von Allen auch nur einen Streifschuß erhalten hatte und

nicht mehr so rasch von der Stelle konnte, mußte dann sicher in ihre Hände

fallen.

Kein Wort wurde dabei gesprochen -- wachsam nur flogen die Blicke umher,

denn jeder Augenblick konnte noch von einem der Flüchtigen eine Kugel

herübersenden, während die Hände fast mechanisch die abgeschossenen Büchsen

wieder luden. Bill selber aber hatte sich schon eine der Büchsen vom

Boden aufgesucht -- seines _Vaters_ Waffe, die Einer der Räuber damals

mitgenommen. _Den_ wenigstens hatte die Vergeltung erreicht, und der kleine

Bursch sah so kaltblütig nach dem Zündhütchen, ob auch Alles in Richtigkeit

sei, als ob er schon in Gefahren grau geworden wäre -- aber die Kugeltasche

fehlte noch. Der Todte trug sie noch an seinem Leibe. Bill legte die Büchse

auf die Leiche, hob den Körper mit aller Kraft an der rechten Seite in die

Höhe, und hing sich dann die Tasche selber um.

Und jetzt begann die Verfolgung der Verbrecher, die auch insofern ein

günstiges Resultat lieferte, als die Verfolger noch bald darauf einen

Todten und zwei schwer Verwundete antrafen, mit denen aber wenig Umstände

gemacht wurden.

John Wells rief zwar, man solle sie aufhängen, denn Erschießen sei zu

gut für sie. Wenn aber auch die Männer mit der vorgeschlagenen Todesart

einverstanden gewesen wären, hätte ihnen das doch zu viel Zeit weggenommen.

Ein paar erbarmungslose Hiebe mit derselben Kaltblütigkeit geführt, als ob

sie einen angeschossenen Wolf abgefertigt hätten, beendeten die Leiden

der Verbrecher, und weiter stürmte dann die Schaar, denn noch immer fehlte

Hendricks unter den Opfern, und Jenkins wie Wells suchten ja doch nur den

Einen vor allen Andern.

Weiter -- das Terrain war insofern der Verfolgung günstig, als der

Arkansas hier einen großen Bogen machte, und während sechs von den Leuten

abgeschickt wurden quer durch, nach dem Rand des oberen Ufers zu zu suchen,

vertheilten sich die Uebrigen, Bill seine Büchse schulternd mitten zwischen

ihnen, durch den Wald.

Da wo noch Einer der Räuber durch die Gründornen gebrochen war, fanden sie

Blutspuren und folgten nun, wie gierige Schweißhunde, der aufgefundenen

warmen Fährte. Aber der Verwundete mußte Lebenskraft genug haben, um

rascher vorwärts zu rücken, als sie ihm folgen konnten, da sie gezwungen

waren, die oft kaum sichtbare Fährte zu halten. Sie erreichten sogar

endlich das Ufer des Arkansas, wo sie deutlich sahen, daß der Verwundete,

dessen Blut die Uferbank färbte, den Strom betreten haben mußte. Hatte er

noch Kraft behalten, um hinüber an's andere Ufer zu schwimmen? Die Fläche

war breit und es gehörten kräftige Arme dazu -- oder war er nur eine kurze

Strecke stromab getrieben, um die Verfolger von seiner Fährte zu bringen

und sich dort bis einbrechende Nacht versteckt zu halten.

Beide Fälle waren möglich und zwei der jungen Leute erboten sich

augenblicklich, nach zu schwimmen und drüben die Ufer abzusuchen, während

die Andern an dieser Seite den ganzen Flußrand abspüren sollten.

Das Letztere zeigte sich aber nicht so leicht, denn eine Masse von

unterwaschenen Bäumen waren mit ihren Wipfeln in den Strom gestürzt; an

anderen Stellen hing das Rohr über die steile unterwaschene Bank, so daß

man sich nur mit Gefahr an den äußersten Rand wagen und dann noch nicht

einmal selbst die kleine Stelle vollkommen genau überschauen konnte.

Die Verfolger gaben sich gewiß Mühe ihr Opfer aufzuspüren, aber vergebens.

Hatte der Verwundete im Arkansas seinen Tod gefunden? Es war möglich, ja

sogar wahrscheinlich, falls er wirklich, zur Verzweiflung getrieben, gewagt

haben sollte ihn zu kreuzen. An _diesem_ Ufer schien er sich aber nicht

gehalten zu haben und man mußte nun abwarten, welche Nachricht die beiden

Schwimmer brachten.

Gegen Abend sammelten sich die Backwoodsmen wieder auf dem Platze ihres

Hinterhalts und Cook machte den Vorschlag, die Leichen zu begraben, was

aber von dem Rest der Schaar fast zornig zurückgewiesen wurde.

Begraben? hatten diese Buben ein ehrliches Begräbniß verdient? wahrlich

nicht. Es gab Wölfe und Aasgeier genug im Walde, um sie im Lauf der

nächsten Tage zu beseitigen und das Einzige, wozu sich die Rächer

verstanden, war, es den Thieren des Waldes bequem zu machen, indem man den

Leichen die Kleider auszog, diese dann auf einen Haufen Reisig warf und das

Ganze anzündete. Dann, nachdem sie alle Waffen und Kugeltaschen gesammelt

hatten, kehrten sie nach Boyles' Farm zurück, wo die beiden jungen Leute,

die über den Fluß geschwommen, zu ihnen trafen.

Diese aber schienen sich in größter Aufregung zu befinden und wie sie nur

ans Ufer sprangen, schrieen sie den Gefährten schon zu:

»Er ist drüben, er ist entkommen, Hendricks lebt noch!«

»Und Ihr habt ihn gesehen?« rief Jenkins fast außer sich.

»So dicht wie Euch!« erwiderte der Eine, »aber was sollten wir machen? Er

hielt uns einen Revolver vor, _wir_ hatten nichts als unsere Messer, und

ich begreife eigentlich jetzt noch nicht, weshalb er uns nicht Beide über

den Haufen schoß.«

»Weil er sich fürchtete, daß sein Revolver versagte,« knirschte John Wells

zwischen den Zähnen durch. »Teufel noch einmal, weshalb seid Ihr nicht auf

ihn gesprungen.«

»Weil ich kein Stück Blei im Leibe haben wollte,« knurrte der Andere. »Die

Revolverpatronen kann man ein paar Stunden in's Wasser legen und sie

gehen doch los, und der Bursche war so zur Verzweiflung getrieben, daß er

wahrhaftig wenig Umstände mit uns gemacht haben würde.«

»Und wo traft Ihr ihn?«

»Keine hundert Schritt vom Ufer,« sagte der Erste wieder. »Er schien von

der Schwimmpartie erschöpft und wir hatten ebenfalls keinen Athem mehr. Wir

fanden den Platz, wo er an's Land gestiegen war, gleich an der Slew, die

etwa eine halbe Meile über Klingelhöffer's Platz in den Arkansas mündet. So

weit hatte ihn der Strom mit hinab genommen.«

»Und weiß Klingelhöffer darum?«

»Gewiß, der Alte riß augenblicklich, trotz seiner Kreuzschmerzen, seine

Büchse von der Wand und eilte hinüber.«

»Und Ihr seid ihm nicht gefolgt?«

»Weil wir Euch hier erst Nachricht geben wollten. Wenn wir jetzt Alle zur

Verfolgung ausgehen, _kann_ er gar nicht entkommen.«

»Gut denn -- hinüber!« rief Jenkins rasch. »Es ist vielleicht auch gut

so, denn der Schuft hat jetzt wenigstens noch eine Weile Todesangst

auszustehen, bis wir ihm wieder auf den Fährten sitzen. Hat Einer von Euch

ein Seil?«

»Hier im Hause sind genug,« sagte Bill. »Dort in der Ecke liegen drei oder

vier Stricke.«

»Gut, nehmt ein paar mit und nun vorwärts. Unser Werk ist nur halb gethan,

wenn uns Hendricks entkommt.«

Die Männer hielten sich in der That nicht auf, und wie nur die erste Hälfte

übergesetzt war, flogen sie auch mehr als sie gingen, am Ufer hinauf,

um die Stelle zu erreichen, wo der Verbrecher zuerst gesehen worden --

umsonst. Nach etwa einer Stunde trafen sie Klingelhöffer, der die Fährte

verloren hatte, und sie nun an dem höheren Land, das mit einzeln stehendem

Rohr und kleinem Baumwuchs bestanden war, wieder aufzufinden suchte. Der

Boden dort war aber trocken, da das Regenwasser rasch in die Niederung

ablaufen konnte, die beiden Hunde, die er mitgenommen, verstanden nicht

auf einen Menschen zu jagen und setzten hinter einem vor ihnen aufstehendem

Hirsch her, und als die Nacht einbrach, in der jede Verfolgung nutzlos

wurde, mußten sie es aufgeben und nach Klingelhöffer's Haus zurückkehren.

Achtes Capitel.

Die Suche.

In den nächsten Tagen war Alles, was sich noch von waffenfähigen Männern am

Fourche-la-Fave, wie an der anderen Seite des Stromes befand, auf den

Füßen und im Sattel, denn wie ein Lauffeuer hatte sich das Gerücht über

die Zersprengung und fast vollständige Vernichtung der Jay-hawker-Bande

verbreitet, und Alles wollte jetzt Theil nehmen, um die Letzten dieser

gefürchteten Schaar mit einfangen und bestrafen zu können.

Der Haupttrupp nahm auch dabei Hendrick's Fährte auf -- umsonst. Die Männer

auf der anderen Seite des Arkansas trafen noch auf einen Verwundeten, der

in einen Schilfbruch gekrochen war und sich kaum noch regen konnte. Das

aber schützte ihn nicht; er wurde hervorgezogen und an dem nächsten Dogwood

aufgehängt, während die Rächer am Fourche-la-Fave auch keine Fußspur mehr

von dem Flüchtigen fanden.

Wo er sich versteckt hatte, ließ sich kaum denken, denn weiter geflohen

konnte er unmöglich sein, oder sie hätten ihn finden müssen; aber nach drei

Tagen vergeblicher Suche gaben sie die Sache endlich auf -- die Meisten

wenigstens, die in ihre Heimath zurückkehrten, während aber John Wells wie

Jenkins einen heiligen Schwur leisteten, nicht zu ruhen noch zu rasten,

bis sie den Mörder ihrer beiden Väter erreicht und deren Tod an ihm gerächt

hätten.

Vor der Hand mußten sie allerdings nach Little Rock zurück, aber General

Steene, als er die Einzelheiten jener Verbrecherschaar gehört, gab ihnen

gern Urlaub, mit der Bedingung freilich, die Mörder, falls es ihnen irgend

möglich sein sollte, lebendig nach Little Rock einzuliefern. Er wolle

selber sein Urtheil fällen, und daß Hendricks bei ihm auf keine Gnade zu

hoffen hätte, darauf könnten sie sich fest verlassen.

John Wells versprach das augenblicklich, als ihm aber Jim nachher Vorwürfe

darüber machte, lachte der junge Bursche kalt und höhnisch auf und murmelte

zwischen den zusammengebissenen Zähnen:

»Wenn er das aushält, was ich mit ihm anfange, sobald er mir in die Hände

läuft, und nachher wirklich noch lebendig ist, dann werde ich ihn so an den

alten Herrn abliefern. Wahrscheinlich ist's freilich nicht.«

»Aber Du hast es versprochen.«

»Zum Teufel auch,« rief Wells, »ich hätt' ihm versprochen, ein Stück Mond

herunter zu holen, wenn er's verlangte, nur um loszukommen. Jetzt komm Jim.

Wenn der Schuft noch lebt, so ist ihm hier der Boden unter den Füßen zu

warm geworden; dann aber hat er sich auch nirgends anders hingewandt, als

nach dem gesegneten Texas -- und dorthin liegt jetzt unser Ziel.«

»Und die Unseren daheim?«

»Mein Bruder wird so lange für sie sorgen -- er hat's fest versprochen.

Deine Schwester zieht zu meiner Mutter und Bill ebenfalls; der Junge ist

ein Prachtkerl, und lebt Hendricks noch, dann finden wir auch seine Fährte

-- oh nur die Seligkeit, ihm die Schnur um den Hals zu knüpfen -- weiter

verlange ich ja nichts auf der Gotteswelt.«

»Und wann brechen wir auf?«

»In drei Tagen. Ich muß noch erst einmal nach Hause, um Alles dort in

Ordnung zu bringen. Hast Du Geld, Jim?«

»Keinen Dollar im Vermögen.«

»Ich auch nicht, aber das schadet nichts -- wohin wir gehen, brauchen wir

nichts, als was wir uns leicht mit der Jagd verdienen können. Hast Du noch

einen anderen Anzug, denn in der Uniform dürfen wir nicht reisen -- Texas

ist noch im Aufstand.«

»Ja, mein neues Zeug, das mir Betsy erst in dieser Woche fertig gemacht

hat.«

»Gut -- ich will ebenfalls sehen, daß ich einen anständigen Rock auftreibe,

denn die letzte Suche hat dem meinigen bös mitgespielt. Wollene Decken

haben wir den Jayhawkern genügend abgenommen. Was ist denn das für eine

Büchse, die Du da trägst?«

»Meines Vaters Waffe, die Bill dem einen Todten abgenommen. Ich habe dem

Knaben die meinige dafür gegeben.«

»Alles in Ordnung denn. Am dritten Tag von heute hol' ich Dich ab,« und

sein Pferd wendend ritt er in scharfem Trab den Strom hinauf.

* * * * *

John Wells hielt sein Wort. Zu thun gab es jetzt auch Nichts mehr für

sie am Fourche-la-Fave, denn den Jay-hawkern war das Handwerk gelegt, und

wieder Land urbar zu machen oder zu pflanzen, dazu hatte keiner der Leute

Lust. Wußten sie denn, für wen sie es thaten, und waren ihnen nicht jetzt

drei Jahre hinter einander die Ernten von durchstreifenden Soldatentrupps

der einen oder anderen Partei geplündert oder zerstört worden? Erst mußte

wieder Frieden sein, ehe sie in diesen dem Wechsel des Krieges ausgesetzten

Districten an die ruhige Beschäftigung des Ackerbaues gehen konnten. Das

Wenige, was sie selber zum Leben brauchten, konnte jeder schon ziehen oder

durch die Jagd beibringen; jetzt hatte John Wells kein anderes Ziel als

den zehnfachen Mörder zu erreichen und dann -- ja, was er dann mit ihm thun

würde, wußte er selber noch nicht, und nur in Wuth und Ingrimm knirschte er

die Zähne zusammen, wenn er an den Buben dachte.

Texas! und war er auch wirklich nach Texas geflohen? Konnte er sich nicht

westlich zu den Indianern gewandt haben? Wie mancher Verbrecher schon

hatte die weiten Prairien aufgesucht, um sich dem Arm der ihn verfolgenden

Gesetze zu entziehen.

John hielt sein Pferd an und schien unschlüssig, aber wie wir bei allen

Menschenklassen, die den größten Theil ihres Lebens draußen in der freien

Natur verbringen, bald mehr bald weniger immer einen gewissen Grad von

Aberglauben finden, so sagte er sich jetzt selber: Dein erster Gedanke fiel

auf Texas -- Gott selber muß es Dir eingegeben haben, denn er kann nicht

wollen, daß ein solcher Bube frei und ungestraft auf seiner Erde wandelt

-- also nach Texas! und als er zur verabredeten Zeit mit Jim zusammentraf,

konnte er den Moment nicht erwarten, wo er seinem Thier erst die Sporen

geben durfte.

Aber Texas ist ein großes -- ein ungeheuer großes Land, und wenn sie es

erreichten, nach welcher Richtung sollten sie dann suchen? Doch die Frage

fand vielleicht schon ihre Erledigung auf dem Weg, denn wenn sich der

Flüchtige überhaupt dorthin gewandt, so konnte er fast nur durch Arkansas

die Straßen über Washington und Fulton eingeschlagen haben. Der folgten sie

jetzt ebenfalls, um vielleicht in irgend einer Hütte wieder auf die

Spur des Verbrechers zu kommen. Er war jedenfalls durch eine der Kugeln

getroffen worden, das bewies das Blut, das sie in seinen Fährten gefunden,

und möglich war's, daß sie gerade dadurch leichter auf seine Spur kommen

oder ihn wohl gar erschöpft in irgend einer Cabin fanden.

Die Hoffnung sollte sich indessen nicht bewähren, denn Kunde bekamen sie

allerdings genug von verdächtigen Individuen, die sich dort in der letzten

Zeit auf der Straße herumgetrieben, und meist alle den Weg nach Texas

eingeschlagen hatten, aber ob der Gesuchte zwischen ihnen gewesen, wer

konnte es sagen. Verwundet waren ebenfalls Einige gewesen, das aber konnte

in jetziger Zeit, wo der blutige Krieg Tausende von Opfern kostete, kaum

auffallen. Es schien vielmehr sonderbar, wenn noch ein junger Mann mit

unverletzten Gliedern in der Welt herumlief.

So setzten sie ihren Weg fort, bis sie endlich den Red-River erreichten,

diesen kreuzten und dann in die ungeheueren Wälder des weiten Landes

eintauchten.

Dort hörte jede Spur auf, denn dort gab es nur einzelne, jetzt ebenfalls

wüstliegende Plantagen und das Land war so wildreich, daß sich ein

einzelner Wanderer, wenn er besonders Menschen ausweichen wollte, recht gut

verbergen und von jedem Pfad abseits erhalten konnte -- und Hendricks wußte

gut genug in der Wildniß Bescheid, um gerade einen solchen Cours, seiner

größeren Sicherheit wegen, zu verfolgen.

Die Kreuz und die Quer zogen so unsere beiden jungen Backwoodsmen durch die

am wenigsten besiedelten Theile des großen Staates, und wenn sie auch

mit Manchem zusammentrafen, der recht gut in den Staaten einer solchen

Raubbande angehört haben könnte, den allein Gesuchten fanden sie nicht, und

konnten ihn auch von Keinem erfragen.

Lange Monate hatten sie dabei dies Leben fortgeführt, und sogar schon in

der einen kleinen Ansiedelung, die sie erreichten, die Nachricht erhalten,

daß der Feldherr der Secessionisten: General Lee, capitulirt habe und der

Krieg somit beendet sei, wenn sich auch in Texas selber eine Truppenmacht

der Rebellen hielt.

Sollte sich Hendricks am Ende diesen angeschlossen haben? Es schien nicht

wahrscheinlich, denn ein Meuchelmörder sucht nicht den offenen Kampf, so

lange er aus sicherem Hinterhalt sein Opfer treffen kann. Aber wo in aller

Welt stak er dann, und vergeudeten sie nicht hier ihre Zeit in völlig

nutzlosem Umhersuchen, während der Verbrecher vielleicht vollkommen sicher

und unbehelligt in irgend einem anderen Theil des weiten Landes, und dann

jedenfalls unter einem angenommenen Namen saß?

Jim und John lagen an einem, im Wald entzündeten Feuer ausgestreckt. An der

Gluth briet ein von dem Ersteren erlegter Truthahn, und die beiden jungen

Leute hatten das Für und Wider ihrer langen mühseligen Wanderung hin und

her erwogen. Sie fingen an einzusehen, daß sie auf diese Weise ihr Ziel

wohl kaum erreichen würden.

»Das geht nicht länger John,« sagte Jim nach einer langen Pause, in der

er still sinnend in die Flamme gestarrt hatte. »Wer weiß ob der Schuft

überhaupt noch lebt, und wir ziehen hier wie die Narren mitten im Wald

herum, als ob wir weiter in der Gottes Welt Nichts zu thun hätten, als auf

die Jagd zu gehen -- und daheim liegen doch unsere Farmen brach.«

»Und hast Du etwa Lust _unsere_ Jagd aufzugeben?«

»Wenn ich die _Möglichkeit_ eines Erfolges sähe, bei Gott nicht, aber wir

wissen nicht einmal, ob sich Hendricks nach Texas gewandt hat, und wo ihn

_dann_ suchen? Er kann eben so gut in Minnesota wie in Florida sitzen.«

»Vielleicht hast Du Recht,« nickte John, nach einer kleinen Weile -- »wir

_könnten_ unsere Chancen verdoppeln, und das ist es, woran auch ich schon

gedacht habe.«

»Und in welcher Art?«

»Indem wir uns trennen und jeder einen anderen District absucht.«

»Und was dann, wenn ihn _Einer_ findet? Haben wir nicht Beide Antheil an

der Rache?«

Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen · 第 6 / 18 段