»Und ist er schon lange hier in der Ansiedlung?«

»Etwa drei Monate -- vielleicht nicht ganz so lange. Weshalb?«

»Und wißt Ihr, woher er stammt?« frug Jenkins mit vor Aufregung fast

heiserer Stimme.

»Ich glaube aus dem alten Staat (Virginien), das wenigstens hat er hier

erzählt. Kennst Du ihn?«

John war indessen ebenfalls aufgestiegen und ritt an Jim's Seite.

»Weißt Du, wer das war, John?« rief jetzt Jenkins, des Freundes Arm

ergreifend und fast krampfhaft zwischen seinen Fingern pressend.

»Der Reiter, der eben vorüber sprengte? Ich habe ihn nicht gesehen.«

»_Hendricks!_« zischte ihm Jenkins in's Ohr -- »bei meinem Leben und meiner

Seligkeit -- er selber --«

»Und Du hast Dich nicht geirrt?« rief John, fast unwillkürlich nach seiner

Büchse greifend.

»Er trägt keinen Bart mehr!« sagte Jenkins -- »er kam mir auch fast jünger

vor, als ich ihn am Arkansas gesehen und geht besser gekleidet -- aber das

Gesicht wollte ich unter Tausenden heraus kennen. Er ist es und meinen Hals

setz ich zum Pfande.«

»Hendricks?« fragte Peters -- »Das war Rawlins, der Schwiegersohn des

Ermordeten.«

»Und vielleicht der Mörder selber,« rief Jenkins, »komm Peters, zu Pferd

und führ uns, so rasch uns die Thiere tragen können, jenem Herren nach,

dessen nähere Bekanntschaft wir dringend wünschen.«

»Aber ich begreife Dich nicht.«

»Ich erzähle Dir Alles mit wenigen Worten unterwegs. Fort! wir versäumen

hier die kostbarste Zeit, fort!«

Zehntes Kapitel.

Die Verfolgung.

Die jungen Leute trabten nebeneinander die Straße hinab. Jenkins aber gab

dabei dem früheren Kampfgenossen in flüchtigen Umrissen ein Bild der am

Fourche-la-Fave vorgefallenen Gräuelthaten, die ihn selber wie seinen

Begleiter so nahe getroffen hatten, daß sie sich Beide aufgemacht, um Wald

und Wildniß nach dem Uebelthäter abzusuchen.

»Und Ihr glaubt, daß Rawlins jener Mörder sei?« rief Peters entsetzt.

»_Ich_ glaube es,« sagte Jenkins bestimmt. »_Ist_ er es aber, dann kann er

uns jetzt nicht mehr entgehen, und ist er es nicht, nun dann darf er

sich auch nicht darüber beleidigt fühlen, daß ihn Jemand, im raschen

Vorbeireiten, für einen Anderen gehalten.«

»Und wenn das jener Hendricks wirklich ist,« rief da Peters, fast wie

erschreckt sein Pferd einzügelnd -- »wäre es denn da nicht möglich, daß er

selber mit jener Bande in Verbindung stünde, die hier bis jetzt ihr Unwesen

in der Gegend getrieben?«

»Vorwärts, Kamerad, vorwärts!« drängte aber John -- »wir dürfen keinen

Augenblick verlieren, denn wenn der Bursche _uns_ erkannt hat, läßt er

sicher kein Gras unter seinen Hufen wachsen. Gewiß ist es möglich, und

sollte mich nicht wundern, wenn er der Führer und Leiter der ganzen Bande

wäre. Aber wohin reiten wir? Hier haben wir _drei_ Straßen vor uns und der

Boden ist ringsumher von Hufen zerstampft. So rasch _kann_ er doch nicht

geflohen sein.«

»Dort links ist die Wohnung seiner Braut, der er jedenfalls zuritt,« sagte

Peters. »Er selber hat sein Haus am andern Ende der Stadt, aber hierher zu

schlug er die Richtung ein.«

»Ich sehe nirgends ein Pferd angebunden. Wir hätten gleich sein eigenes

Haus besetzen sollen.«

»Er wird es hineingeführt haben -- er ist ja dort ebenfalls zu Haus.«

»Dann gnade Gott dem Elenden,« sagte Jim, seinem Pferd nun fester die

Sporen gebend, und jetzt wurde zwischen den Männern kein Wort weiter

gewechselt, bis sie die kleine freundliche Wohnung -- jetzt freilich ein

Haus der Trauer -- erreichten, aber der Gesuchte war nicht dort.

Peters sprang augenblicklich vom Pferd, um sich nach ihm zu erkundigen,

der zwölfjährige Bruder Catharinens versicherte ihn aber, Mr. Rawlins nicht

gesehen zu haben, seit er vor einigen Tagen mit den anderen Männern in den

Wald gegangen sei. Keinenfalls wäre er eben hier gewesen, denn er selber

habe schon seit einer Stunde fast hier an der Thür gestanden und Mais auf

der kleinen Mühle gemahlen.

»Habe ich es Dir nicht gesagt?« rief John fast außer sich, als Peters

wieder heraus und auf sein Pferd sprang -- »er ist fort! Laß uns den Weg

hier verfolgen -- dort führen Pferdespuren hinaus.«

»Hier kam er nicht vorbei!« sagte Peters, sein eigenes Thier herumwerfend,

»denn dem Burschen da drinnen wäre ein vorbeigaloppirendes Pferd nicht

entgangen.«

»Das glaube ich auch nicht,« erwiederte Jim, »wenn er fliehen will, wird er

gewiß seine Beute nicht im Stich lassen und ist zu seiner eigenen Wohnung

geritten. Hätten wir die nur gleich aufgesucht. Vorwärts Peters --«

»Und wenn Du Dich nun geirrt hast!«

»Vorwärts! Das Alles können wir später besprechen. Wo ist seine Wohnung?

Reite voran, so rasch Dich Dein Thier trägt -- jede Verantwortung auf

mich!« -- Und wie ein Wetter jagten die drei jungen Leute die ziemlich

lange Straße hinab, bogen dann, fast am Ende der Stadt rechts in eine

Nebengasse hinein und erreichten dort wieder die dichter stehenden Häuser.

Hier war ein Gasthof, und ein Trupp dort angebundener Pferde, durch welche

sie nicht so rasch hindurch konnten, hielt sie etwas auf. Es war auch

möglich, daß sich Rawlins selbst hier befand, sie mußten jedenfalls nach

ihm fragen. Hier aber hatte ihn, seit sie die Stadt erreicht, Niemand

gesehen. Bei Warners würden sie ihn finden, rief ihnen einer zu, er hatte

gesagt, daß er zu dessen Haus wollte.

Dort war er _nicht_; das wußten sie gut genug, und es blieb ihnen jetzt in

der That nichts übrig, als seine Wohnung aufzusuchen.

Wenn es wirklich jener Hendricks war, so _konnte_ er ja doch noch keine

Ahnung haben, daß er erkannt sei und _so_ rasch verfolgt würde.

Wieder klapperten ihre Hufe die harte Straße entlang, aber hier durften sie

nicht so rasch jagen, denn überall spielten Kinder in der Straße, Karren

mit Holz oder andere die in die Mühle wollten, begegneten ihnen und die

beiden Verfolger vergingen fast vor Ungeduld.

»Haben wir denn noch weit? wir müssen ja durch den ganzen Ort geritten

sein,« rief John.

»Das sind wir auch, denn sein Haus liegt gerade am äußersten Ende, aber

dort drüben ist die Wohnung, die kleine weiß angestrichene Cabine mit dem

einzelnen Baum davor.«

»Aber auch hier steht kein Pferd.«

Peters antwortete nicht mehr. Sie waren kaum noch funfzig Schritt von der

Wohnung entfernt, und wenige Secunden später warfen sich die Männer aus den

Sätteln.

»Dort unten die Straße entlang sehe ich einen Reiter,« rief Jim, dessen

Blick rasch nach allen Seiten umherflog.

»Bei Gott, dort galoppirt Jemand,« rief auch John, indem er im Nu wieder im

Sattel saß -- »spring in das Haus und sieh nach. Ist er nicht dort, so kann

er uns da draußen nicht mehr entgehen.«

Peters war schon an der Thür, die nur angelehnt schien. Er stieß sie auf

und warf einen Blick in das Innere. Jim stand an seiner Seite.

In der Stube sah es wild und wunderlich aus, als ob Diebe darin

umhergewühlt und was sie nicht gebraucht, über den Boden gestreut hatten.

Eine kleine Kiste war mitten in die Stube gezogen und die Hälfte ihres

Inhalts lag daneben am Boden. Jim sprang darauf zu -- während sein Blick

durch den Raum flog, hatte er ein kleines blau und roth gestreiftes Tuch

entdeckt, das mitten in dem Wust lag. Er kannte es, es war früher Eigenthum

seiner Schwester gewesen -- aber er gab sich keinen Betrachtungen darüber

hin.

»Das genügt als Zeichen,« rief er, das Tuch vom Boden reißend und damit

gegen die Thür springend -- »kennst Du das, John? -- Fort!«

John warf nur einen einzigen Blick darauf und in demselben Augenblick sein

Pferd herumreißend, bohrte er ihm die Hacken in die Seite und flog mit ihm

in gestrecktem Carrière die Straße entlang. -- Jim war fast ebenso rasch

draußen bei seinem Thier.

»Aber so bleibt nur noch einen Moment,« rief Peters -- »ich hole meine

Büchse und begleite Euch.«

Jim hörte ihn schon gar nicht mehr. Nach! das war der einzige Gedanke, den

er hatte -- nach! und sein Thier strengte alle Kräfte an, den vorangeeilten

Gefährten wieder einzuholen.

Erst in dem wilden Ritt wurde er auch ruhiger. John, der noch immer voraus

auf seinem Rappen dahinflog, hatte vielleicht den flüchtigen Verbrecher im

Auge -- er folgte dem Rappen, und es blieb ihm Zeit, sich nach der Richtung

umzusehen, die sie einhielten. Ihr Cours lag etwa, wie der Weg jetzt lief,

südwestlich, also den Ansiedlungen wieder zu und zog sich, wenn auch hier

oben sehr allmählich, von der Hochebene hinab, auf der das kleine Städtchen

gelegen war und wo es, wie sich jetzt deutlich erkennen ließ, höhere

Berggruppen einschlossen.

Und waren sie dem Buben denn wirklich endlich einmal auf der Fährte? --

Er mußte es sein -- ein Irrthum ließ sich nicht mehr denken. Er hatte die

beiden Backwoodsmen, wie er sie da zum Weiterritt schon gerüstet fand,

erkannt und wußte, was ihm drohte, wenn er in ihre Hände fiel. -- Wären

sie nur gleich zu seinem Haus geritten, so lief er ihnen dort selber in das

Garn -- nein, blind und toll mußten sie die falsche Fährte annehmen, die

er ihnen gegeben, und jetzt hatten sie ihm sogar Zeit gelassen, seinen Raub

zusammenzuraffen und in die Wildniß hineinzureiten. -- Aber ein Trost blieb

ihnen -- ein grimmer Trost, denn nicht plötzlich und unerwartet war der

Verbrecher in ihre Hände gefallen und bestraft, nein, er mußte jetzt erst

die Qualen des Verfolgten leiden. Er wußte die Rächer auf seinen Fersen,

wußte, welches Schicksal ihm bevorstand, wenn nur sein Pferd strauchelte

oder das Geringste ihn aufhielt, und kannte die Männer, die nur das eine

Ziel haben konnten, seinen Tod, oder sie wären ihm nicht mit solcher

Hartnäckigkeit selbst bis in diesen entlegenen Theil der Union gefolgt.

Erbarmen? -- er hatte es nie gezeigt, also auch nicht zu hoffen und nur

sein flüchtiges Thier konnte sein Schicksal noch hinausschieben -- wahrlich

nicht mehr ändern, denn nun, auf der frischen Fährte, ja den Buben fast in

Sicht, dachten seine Feinde nicht daran, die einmal begonnene Verfolgung je

wieder aufzugeben.

Noch an den Grenzen der Stadt begegneten diese einigen Deutschen, die

theils aus dem Walde, theils von anderen Ansiedlungen vielleicht herüber

kamen und erschreckt zur Seite bogen, als sie auf die wie rasend an ihnen

vorbei sprengenden Männer trafen. Waren das die Räuber, die man in

den letzten Tagen gejagt? -- Aber voran ritt ja der Amerikaner, dessen

Schwiegervater man gerade ermordet, während man die andern beiden gar nicht

kannte. Floh er vor diesen, oder verfolgten sie alle ein und dasselbe Ziel?

-- Ehe sie sich aber nur denken oder vermuthen konnten, was hier vorgehe,

waren die drei Reiter, die sich in längeren Zwischenräumen von einander

hielten, auch vorbeigebraust, und diese drehten nicht einmal den Kopf nach

ihnen um.

John und Jim hatten allerdings vollkommen ausgeruhte und auch zähe und

kräftige Thiere, aber es zeigte sich trotzdem bald, daß sie keinen Fuß

breit an dem Fuchs gewinnen konnten, den Hendricks ritt und der, von seinem

Reiter nur noch zu rasenderem Lauf gespornt, wie ein Pfeil mit ihm über den

Boden flog.

John behielt ihn allerdings noch, so lange sich die Straße fortzog, im

Auge, oder kam wenigstens dann und wann wieder in Sicht von ihm, und

einmal, als Hendricks zuerst einen ziemlich abschüssigen Hang erreichte, an

dem er nicht so rasch hinabreiten konnte, schien es seinem Verfolger auch,

als ob er an ihn gewönne. Aber unten lag wieder ebener Boden und der Fuchs

benutzte den nach besten Kräften -- ja der Weg zog sich hier mehr links in

den Wald hinein und in dessen Schatten verschwand bald darauf der Reiter;

deshalb entging er aber freilich seinem Verfolger noch nicht, denn hier war

der Boden nicht, wie in der Nähe der Stadt, von den Hufen anderer

Pferde zerstampft. Die Spuren prägten sich deutlich oder doch wenigstens

erkennbar, dem Boden ein, und einen besseren Nachsucher auf einer Fährte

als John Wells, gab es nicht in dem weiten Wald.

John ritt dabei ein besseres Pferd als Jim Jenkins, der auch bald merkte,

daß er mehr und mehr zurück blieb, aber trotzdem folgte er den voran

eingedrückten Fährten und wußte, daß er bei der geringsten Zögerung seines

Feindes rasch das Versäumte wieder nachholen konnte.

So hatte diese wilde Jagd wohl sechs volle Stunden gedauert und einen

Waldweg gab es schon lange nicht mehr -- nur noch einen Pfad, der sich

durch die Wildniß zog, aber dafür auch in dem abgefallenen Laub nur soviel

deutlicher die Spuren zeigte. Die Thiere konnten vor Erschöpfung kaum

noch weiter, aber immer wieder trieb sie der scharfe Sporn zu

neuen Anstrengungen, und Jim besonders, der jetzt eine gute Strecke

zurückgeblieben, fühlte, wie sein Thier anfing, zu ermatten.

Da erreichte er eine Stelle, an welcher sich der Pfad theilte. John selbst

hatte keinen Moment dort gezögert, denn sein scharfes Auge erkannte die

rechts abführende Spur sogleich und folgte ihr ebenso rasch. Jenkins

dagegen zügelte sein Thier ein und als er sich der rechten Spur

vergewissert hatte und es weiter treiben wollte, konnte es nicht mehr von

der Stelle. So lange es in Gang geblieben, wäre es wohl fortgerannt, bis

seine Kräfte vollständig erschöpft waren und dann wahrscheinlich mit

einem Schlag zusammengebrochen; jetzt aber, wo die angestrengte Kraft und

Erregung der Muskeln, wenn auch nur für wenige Minuten, bei dem todtmüden

Thiere nachließ, war es nicht möglich, sie wieder von Neuem zu beleben. Es

strauchelte und knickte in die Knie, wollte sich noch einmal emporraffen

und stürzte dann auf die Seite nieder, wo es liegen blieb und alle viere

von sich streckte.

Jenkins fluchte still und erbittert vor sich hin, aber an der Sache war

weiter nichts zu ändern, und das Pferd jedenfalls zu fernerem Gebrauch,

wenigstens in der nächsten Zeit unnütz. Nur das Einzige blieb ihm zu thun,

den Spuren so rasch als irgend möglich zu folgen.

Allerdings hatte er eine Strecke zurück, seitwärts vom Weg eine kleine Farm

gesehen. Sollte er sich dorthin wenden und um ein frisches Pferd bitten?

wer hätte es ihm aber _geborgt_, kaufen konnte er sich keines, und wie viel

Zeit verlor er ohnedies damit. Dagegen lag die Möglichkeit vor, daß er noch

später eine Hütte im Wald oder vielleicht selber Pferde traf -- das erste

beste und wenn er es hätte stehlen sollen, er fühlte sich nicht in der

Stimmung, besonders wählerisch zu sein, und mit dem Gedanken war sein

Entschluß gefaßt.

Ohne Zögern sattelte er sein marodes Thier ab trug den Sattel in den

Busch und verdeckte ihn dort mit Laub und Reisig -- die Stelle war, an dem

getheilten Pfad, leicht wieder zu erkennen. Dann nahm er den Zaum, hing

sich denselben um und folgte nun, die Büchse auf der Schulter, zu Fuß den,

deutlich genug in den Boden eingedrückten Spuren. Kaum eine Stunde mochte

er aber so gewandert sein als der mehr und mehr verschwimmende Pfad an

einer breiten Waldwiese vollständig aufhörte, oder sich vielmehr hier nach

allen Seiten auszweigte. Es war ein gewöhnlicher Kuh- oder Wildpfad, wie

sie sich so häufig im Wald finden und das Ziel desselben schien dieser

Weidengrund -- ein etwas tief liegender feuchter Wiesenplan zu sein.

Ueber denselben hin waren die Hufe der galoppirenden Pferde auch noch

deutlich -- ja sogar deutlicher als bisher zu erkennen. Weiter aber schien

sich der Verfolgte mehr links und einem kleinen Höhenzug zugewandt zu

haben; er hatte wenigstens plötzlich und in einer scharfen Biegung seinen

Cours geändert. John konnte ihm aber dabei nicht in Sicht gewesen sein,

denn er würde sonst jedenfalls diese Biegung abgeschnitten haben. Das

war nicht geschehen, sondern seine Spuren blieben, wie bisher oder doch

überall, wo es der Weg erlaubte, links neben denen des Flüchtigen

sichtbar. Er war ihm also bis dahin nicht näher gekommen, sondern aller

Wahrscheinlichkeit nach sogar noch eher weiter zurückgeblieben.

Jenkins hielt sich aber nicht lange bei Vermuthungen auf. Weiter ging die

Jagd. Der Schweiß lief ihm in Strömen an der Stirn nieder, aber er zögerte

auch nicht einen Moment in seinem Schritt.

Das Terrain wurde hier felsig und hatte die Reiter jedenfalls aufgehalten,

denn wild zerstreut lagen große und kleine Granitblöcke über dem ganzen

Abhang. Wie er aber wieder zu Thal lief, sah er einen, wenn auch nicht sehr

breiten, doch ziemlich tiefen Bergstrom mit vollkommen klarem Wasser zu

seiner Linken, den die beiden Reiter angenommen hatten. -- Und sollte er

selber da hindurch. Das Wasser war, wie er die Hand hinein hielt, eisig

kalt; kam ihm wenigstens so vor, und er in Schweiß gebadet -- er konnte den

Tod von einer solchen Schwimmpartie haben. Doch nur ein Gedanke beseelte

ihn: der der Rache, den Feind wollte er erreichen und was ihn selber

betraf, vergaß er ganz. Nur Büchse und Kugeltasche nahm er in die linke

Hand, um sie trocken zu halten, und warf sich ohne Zögern in den Strom.

Einen anderen Menschen hätte vielleicht unter solchen Umständen der Schlag

gerührt; dem zähen Backwoodsman schadete das kalte Bad nicht allein Nichts,

sondern es erfrischte ihn sogar nach dem heißen Lauf. Drüben angekommen war

auch sein erster Blick nach den Spuren der Pferde -- aber was war das? --

nur die Hufe _eines_ Pferdes und zwar Johns, dessen Spuren er genau kannte,

sah er hier dem Boden eingedrückt -- und herüber und hinüber gingen sie,

als ob er selber nicht gewußt habe, welche Richtung er einschlagen sollte

-- oh wie viel kostbare Zeit mußte er damit verloren haben -- weshalb hatte

er sich nur nicht gleich stromab gewandt. Der Flüchtige _konnte_ ja gar

nicht gegen die Strömung angeschwommen sein.

Er selber suchte augenblicklich nach dieser Richtung zu, mußte aber eine

lange Strecke am Ufer hinabwandern ehe er die Stelle fand, wo der gehetzte

Räuber wieder an Land gegangen war, und erst als er hier den Spuren eine

Weile gefolgt war, sah er, daß John die Fährte ebenfalls wieder aufgenommen

hatte.

Jetzt kam ein weites rauhes Terrain von Stein und Kies, wo man die Spuren

kaum erkennen konnte, und hier plötzlich theilten sie sich, ohne daß Jim

im Stande gewesen wäre, die Ursache zu errathen, denn so deutlich war die

Fährte immer geblieben, daß sie John nicht verlieren konnte. Und welches

war jetzt Johns Pferd gewesen, denn auf den Steinen ließ sich kaum hier und

da ein schwaches Zeichen erkennen. Er begriff das Ganze nicht und wählte

endlich die links abführende Fährte, die ihn aber eine Weile in gerader

Richtung abführte, dann rechts einbog, wieder links hinüber hielt und dann

noch einmal einen andern Cours nahm.

Jetzt kam er auch auf weichen Boden und den Büchsenkolben stieß er

verzweifelnd vor sich in die Erde -- denn er hatte _John's_ Fährte

angenommen und der Verbrecher war jedenfalls entkommen.

Was nun thun? -- Daß John den Wald hier nur auf gut Glück, bald herüber,

bald hinüber abgesucht, war ihm klar genug, aber er begriff nicht, daß John

hier die Fährte verloren haben konnte. Es gab ja keinen besseren Waldmann

am ganzen Fourche-la-Fave. Sollte _er_ jetzt zurück und an dem Bergstrom

die andere Spur aufnehmen? Dadurch erhielt der Flüchtige einen Stunden

weiten Vorsprung und dann -- konnte er überhaupt noch fort? Die Sonne

neigte sich schon dem Horizont und jetzt, da er endlich still stand, fühlte

er erst, wie furchtbar müde er selber geworden war.

Die Knie fingen ihm an zu zittern, ein Frösteln lief über seinen ganzen

Körper und er mußte sich unter einen Baum legen, um nur etwas auszuruhen.

Menschliche Kräfte hielten es eben nicht länger aus.

So lag er etwa eine halbe Stunde, aber der Frost trieb ihn wieder in die

Höhe, denn die nassen Kleider an seinem Körper kälteten ihn zu sehr. Er

konnte auch wieder marschiren, denn die kurze Rast hatte wenigstens genügt,

ihn in etwas aufzufrischen. Eine Zeitlang folgte er auch noch Johns Spuren,

um doch vielleicht mit diesem wieder zusammen zu treffen, aber er mußte das

bald als ein vergebliches Mühen aufgeben, denn nur zu deutlich sah er, daß

dieser keine feste Richtung gehalten habe und trotzdem noch immer in wilder

Eile fortgejagt sei. Brach aber die Nacht an, so verlor er die Fährten, die

sich überhaupt nur sehr schwach auf dem Felsenboden zeigten, doch aus den

Augen -- ja er war jetzt schon unsicher geworden, ob er noch die richtige

hielt. Hier herum hatten sich jedenfalls eine Anzahl Pferde auf der Weide

herumgetrieben und als er der einen Spur noch eine Weile folgte, traf er

mitten im Wald einen alten lahmen Schimmel, der sich ruhig an einem dünnen

Baumstamm die Seite rieb.

Es war vorbei -- nicht einmal die Hoffnung konnte er mehr hegen, daß John

wenigstens allein sein Ziel erreicht habe, und durch das viele Hin- und

Herziehen irre gemacht, wußte er kaum selber mehr, wo er sich befand, viel

weniger denn, wo er einen Andern suchen sollte. An der untergehenden Sonne

konnte er aber doch die Himmelsrichtung erkennen, und beschloß nun seine

Bahn nach jenem letzten Hause zu nehmen, dessen Fenz er im Vorbeijagen

gesehen -- möglich, daß ihn John dort ebenfalls aufsuchen würde, und that

er das nicht, so wollte er zurück nach Blumenthal kehren und ihn dort

erwarten.

Elftes Kapitel.

Die Ueberraschung.

Jim war todtmüde geworden und hätte sich gern gleich da, wo er stand, zum

Schlafen niedergeworfen, aber der Durst peinigte ihn außerdem; er mußte

jedenfalls Wasser suchen, und hielt deshalb, da er sich von dem Fluß zu

weit entfernt hatte, über den nächsten Hügelhang hinüber, an dessen anderer

Seite er einen Bach anzutreffen hoffte. Dort konnte er auch ein Feuer

anzünden, um sich zu trocknen, und etwas Brot und Fleisch trug er ja in

seiner Kugeltasche bei sich.

Das Terrain war hier außerordentlich steinig. Es sah fast so aus, als

ob sich irgend ein Riese den Spaß gemacht habe, Tausende von kleinen

Felsblöcken über das weite Land auszustreuen, so dicht lagen sie

beieinander, und zu Pferde wäre hier überhaupt schwer durchzukommen

gewesen. Langsam schritt er dazwischen hin, traf endlich auf ein paar

feuchte Stellen, an denen sich etwas Wasser gesammelt hatte, und kniete bei

einer derselben nieder, um sich wenigstens erst einmal satt zu trinken. Es

war auch die höchste Zeit gewesen, denn die rothen Abendwolken verriethen

schon den Untergang der Sonne und das rasch eintretende Dämmerlicht legte

sich über den Wald.

Er trank lange und um Athem zu holen, hob er endlich den Kopf, zuckte aber

bis in jeden Nerv seines Körpers zusammen, denn kaum hundert Schritt von

ihm entfernt -- oh, nicht so viel, es konnten kaum mehr als achtzig sein,

da die Dämmerung die Entfernung vergrößert, sprang ein Mann, eine Büchse in

der Hand haltend, rasch über den hier ziemlich offenen Plan von einem Stein

zum andern. Seine Richtung aber lag dem nicht weit davon wieder höher und

dichter werdenden Holze zu, und Jim erkannte auf den ersten Blick seinen

Feind. Es war Hendricks.

Fast krampfhaft griff er, in seiner gebückten Stellung verharrend, nach

der neben ihm liegenden Büchse; aber wie hätte er jetzt, in schon halber

Dunkelheit, sein Ziel treffen wollen; und die Glieder flogen ihm dabei, wie

in Fieberfrost.

Hendricks konnte ihn da, wo er mit seinem dunklen Kopf kaum über die fast

gleichfarbigen Felsstücke heraussah, nicht erkennen, schien auch kaum die

Nähe eines Menschen hier zu fürchten, sondern nur allein darauf bedacht

zu sein, keine Fährten mehr zu hinterlassen, was ihm auch auf den Steinen

vollkommen gelingen mußte.

Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen · 第 8 / 18 段