aufgezogen, wo sie schon täglich nicht selten sechs oder acht Miles allein
durch den Wald reiten müssen, um nur zum Schulhaus zu gelangen, sind nicht
mehr das, was sie, in unseren Verhältnissen aufgewachsen, sein würden.
Der kleine Bill, der kaum eine Büchse tragen konnte, war schon ein ganz
vortrefflicher Schütze, und wenn er auch eine Holzgabel mit in den Wald
nehmen mußte, um die Waffe beim Schießen aufzulegen, so hatte er doch in
seinem neunten Jahr schon ganz allein einen großen Panther im Wald erlegt
und sogar einmal einen Bären so verwundet, daß ihn sein Vater nachher
mit den Hunden einholen und erlegen konnte. Es mag sein, daß er sich der
Gefahr, die er dabei lief, nicht recht bewußt gewesen, aber er würde sie
auch trotzdem nicht geachtet haben, und auch jetzt ging er mit Freuden und
vollem Eifer auf des Bruders Plan ein, ja jubelte laut auf, als er erfuhr,
daß er selber etwas mit dazu beitragen solle und könne, den verruchten
Mördern ihre That heimzuzahlen. Es bedurfte auch keiner langen Erklärung,
denn er begriff im Augenblick, was man von ihm verlange und brannte jetzt
selber vor Begier, den an seinem Vater verübten Mord gerächt zu sehen.
So lange es Tag war, durften sich aber die Männer -- denn die von
Perryville herübergekommenen erboten sich augenblicklich Theil an dem
Unternehmen zu haben, da sie selber ja ebenso durch die immer mehr
wachsende Bande bedroht blieben -- nicht über den Strom einschiffen, da
man nicht wissen konnte, ob die Jayhawker nicht etwa das Ufer überwachen
ließen. Mit einbrechender Dunkelheit waren sie aber fertig gerüstet, und
da der Mond etwa um sieben Uhr aufging, behielten sie auch reichlich genug
Zeit, um ihren Versteck zu erreichen. Klingelhöffer, der sie nicht selber
begleiten konnte, da ihn sein Kreuz immer noch plagte, und der auch sein
Haus, bei solcher Nachbarschaft, nicht ganz ohne Schutz lassen wollte,
drang ihnen aber noch, ehe sie gingen, Lebensmittel auf, die sie allerdings
anfangs nicht mitnehmen wollten; er hatte aber ganz Recht, wenn er sagte,
sie wüßten gar nicht, wann die Schurken kämen, und ob sie nicht vielleicht
vierundzwanzig Stunden in ihrem Versteck liegen müßten, und wenn sie dann
genöthigt wurden, nach Eßwaaren auszuschicken, konnten sie Alles verderben.
Das Skiff mußte zwei Mal gehen, um Alle hinüberzubringen, und das zweite
Mal fuhr die jüngste Tochter vom Haus mit, um es zurückzunehmen, damit
es die Jayhawker nicht vielleicht zufällig fänden. Sie betraten auch die
Lichtung gar nicht, auf welcher die Häuser standen, sondern schritten, von
Jenkins geführt, quer und so geräuschlos als möglich durch den Wald, bis
sie den besprochenen Platz, am Rand eines dichten Schilfbruchs erreichten,
und nun hier im Stockfinsteren allerdings nichts thun konnten, als den
Aufgang des Mondes abzuwarten.
Der kam aber bald, und Jenkins, der indessen schon den Uebrigen seinen
ganzen Plan mitgetheilt hatte, ging jetzt mit ihnen scharf an die Arbeit,
um die wenigen, aber doch nöthigen Vorbereitungen zu treffen.
Eine Schaufel hatten sie mitgebracht, mit dieser wurde ein wenig Erde an
einer von ihm bestimmten Stelle ausgeworfen, daß es beim ersten Anblick so
aussah, als ob hier vor kurzer Zeit der Boden umgegraben und nicht wieder
ordentlich zusammengescharrt wäre. Dann wurden einige, dort im Ueberfluß
herumliegende Aeste darüber geworfen, daß sie den Platz scheinbar
verdeckten, und jetzt suchten sich die Männer auf der gegenüber liegenden
Seite ihre Stellen, von denen aus sie den Plan, ohne selber gesehen zu
werden, überschießen konnten.
Die Ortslage selber war wie für einen solchen Hinterhalt gemacht, denn
gerade dort vorüber zog sich eine, selbst jetzt noch trockene, oder
wenigstens nur mit etwas Regenwasser seicht gefüllte Slew, die erst dann
gefüllt wurde, wenn der Arkansas seinen höchsten Stand erreichte und seine
Wasser durch diese Einläufe in den Sumpf hineinsandte. Jetzt konnte man sie
leicht durchwaten, dahinter aber hatte der mit eingewaschene Sand eine wohl
sechs bis acht Fuß hohe und ziemlich steile, wenigstens völlig kahle
Wand angespült, von der gedeckt sich wohl funfzig Menschen hätten sicher
verbergen können. Wer wenigstens von der Richtung des Hauses herüber
kam, konnte sie unmöglich bemerken. Nur im Rücken konnten sie angegriffen
werden, und um sich auch dagegen vollständig zu decken, wurde Einer der
jungen Leute aus Perryville in den Wald hineinpostirt, damit sie selber
jedenfalls sicher vor einem Ueberfall blieben.
Uebrigens lagen sie immer zwei und zwei beisammen, so daß Einer wenigstens,
wenn sie die ganze Nacht dort wachen mußten, schlafen konnte, um dann
seinen Nachbar abzulösen.
Bill indessen, der kleine Bursch, hatte die Männer bis zu ihrem
beabsichtigten Versteck begleitet, damit er selber das Terrain selber genau
kennen lernte, und erst als sie die Arbeit beendet hatten und er nun genau
wußte, wie Alles stand, schulterte er seinen Sack mit Kienholz, das er
brauchte, wenn sie in der Nacht ankamen, nahm einige Lebensmittel und
schritt _neben_ dem Pfad -- um keine Spuren zurückzulassen, dem gar nicht
fernen Hause zu. Er fürchtete sich auch nicht im Mindesten; was wissen
amerikanische Kinder überhaupt von Furcht, denn Gespenstergeschichten, mit
denen Kinder bei uns von ihren Ammen oder Wartefrauen groß gezogen werden,
kannte er gar nicht, und böse Menschen? ei auf die wartete er gerade, und
je eher sie kamen, desto besser. Er lief auch in der That keine andere
Gefahr, als daß die Räuber vielleicht, gleich bei dem ersten Anprall in das
Haus hineingeschossen hätten. Aber das geschah schwerlich, denn wer schießt
gern seine Büchse, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, ab, und den
kleinen Burschen, der noch jünger aussah, als er wirklich war, würden sie
schwerlich geschädigt haben.
Als Bill den Platz erreichte, zündete er vor allen Dingen ein tüchtiges
Feuer im Kamin an. Es war ziemlich frisch die Nacht, und er mußte auch
Licht haben. Nachdem das geschehen und er ein Stück Kienholz auf das
Feuer geworfen, schüttete er die übrigen Kienreste hinter dem Haus auf den
Holzplatz und ließ nur noch etwas neben dem Kamin liegen. Hiernach legte
er sein mitgebrachtes Essen in den Fliegenschrank, in dem er aber noch ein
Stück Maisbrod und etwas kalten Speck fand. Hierauf untersuchte er die in
der Ecke stehende große Kaffeekanne, und richtig, sie war noch fast halb
gefüllt -- der kleine Bursch lachte still vor sich hin, denn er konnte nun
bald einen Becher heißen Kaffee's bekommen, und damit ließ sich dann schon
eine Nachtwache halten.
Aber sollte er überhaupt wachen? nein. Blieb er am Feuer sitzen, so konnte
doch am Ende Einer von den schlechten Menschen, und wenn auch nur aus
nutzloser Bosheit, auf ihn schießen. Legte er sich aber in eine Ecke und
drangen sie dann in das Haus ein und fanden nur den Knaben vor, so hatte
er kaum etwas für sich zu fürchten, und das Weitere? Des Knaben Augen
blitzten, als er sich sein Begegnen mit den Jay-hawkern ausmalte, aber er
biß die Zähne auf einander, denn die Thränen traten ihm in die Augen, wenn
er an den Vater dachte, und er wollte jetzt nicht weinen. -- Er mußte eine
Beschäftigung haben, den Kaffeetopf setzte er deshalb auf's Feuer und holte
sich dann sein Abendbrod herzu, das er verzehrte und sich einen Becher
Kaffee dazu ausschenkte.
In der Ecke stand ein großes, bequemes, mit einem Mosquitonetz überzogenes
Bett, aber in das wagte er nicht sich hineinzulegen. Es sah so vornehm und
sauber aus und er war nicht daran gewöhnt. Er nahm sich deshalb nur eine
der wollenen Decken herunter, schob sich ein paar am Kamin liegende Säcke
für ein Kopfkissen zurecht, wickelte sich dann in die Decke und legte sich
ruhig und unbesorgt in die eine Ecke, wo ihm der Feuerschein nicht auf die
Augen fallen konnte, und sich seine ganze Gestalt in der That in Schatten
befand, nieder.
Er wollte aber gewiß nicht schlafen, sondern wachbleiben und aushorchen,
wenn er die Leute könne kommen hören; aber der Knabe hatte sich da wohl zu
viel zugetraut. Eine Weile ja, blieb er munter und beobachtete an der Wand
die wunderlichen Schatten, die der unstete Schein des Feuers durch einen
Stuhl und sein darüber gelegtes Röckchen warf. Wie aber das Feuer mehr und
mehr niederbrannte und das Licht matter und ungewisser wurde, schienen auch
ihm die Augenlider schwerer und schwerer zu werden. Ein paar Mal raffte er
sich wohl noch gewaltsam auf; er wollte nicht schlafen, ja das half aber
Nichts -- der Sandmann kam doch und streute seine Mohnkörner über ihn. Er
träumte schon, als er noch glaubte, daß er vollkommen wach wäre, und nur
wenige Minuten später, so schlief er sanft und süß -- und schlief fort bis
zum anderen Morgen und bis die Sonne ihm durch ein kleines über der Thür
angebrachtes Fenster gerade in die Augen schien.
Erschreckt fuhr er von seinem Lager empor. -- Wo war er denn eigentlich? Er
konnte sich im ersten Moment gar nicht gleich darauf besinnen. Wie ihm aber
der Gedanke kam, weshalb er hier übernachtete, schoß es ihm auch wie ein
eisiges Gefühl durch's Herz -- das Gefühl der Gefahr, in der er sich
noch immer hier befand, während die Abends stets viel stärkere Aufregung
geschwunden war, und sich das kleine Kinderherz doch jetzt mit Sorge und
wohl auch mit etwas Furcht erfüllte.
Wer von uns Allen hat nicht schon ein ähnliches Gefühl erlebt, wenn ihm der
Morgen mit seiner nüchternen Wirklichkeit irgend eine Sorge oder Angst und
sei sie noch so gering gewesen, vor die Seele brachte, und ein ganz eigenes
erkältendes Gefühl durch die Nerven zuckte. War es ein Wunder, daß es auch
das Kind beschlich, das sich hier allein auf der Farm, ja in der Absicht
da befand, einer Bande von Räubern die Stirn zu zeigen, die ihm den eigenen
Vater gemordet hatten und Blut und Verzweiflung in manche stille Hütte
getragen? Aber diese Schwäche dauerte trotzdem nicht lange. -- »Wenn
sie nur kämen,« zischte er, seiner eigenen Angst trotzend, zwischen den
zusammengebissenen Zähnen durch, und verrichtete dann ruhig seine gewohnte
Arbeit. Zuerst wusch er sich, dann setzte er sich seinen Kaffee wieder auf
das indessen zusammengeschürte Feuer und war damit so eifrig beschäftigt,
daß er gar nicht weiter auf das achtete, was um ihn her vorging. Er hielt
gerade das Schüreisen in der Hand, um die noch von gestern Abend her
übrig gebliebenen Kohlen ein wenig zusammenzuschüren, als er plötzlich
so zusammenschrak, daß ihm das Eisen aus der Hand und klirrend auf die
Heerdsteine fiel, denn eine rauhe Stimme in der Thür selbst sagte:
»Hallo mein junger Bursch! so allein hier im Haus? Ist denn das ganze Nest
ausgeflogen, und hältst Du Haus allein?«
Bill war todtenblaß geworden -- er zitterte an allen Gliedern, aber es
war keine Furcht mehr, die des Knaben Herz im entscheidenden Augenblick
beschlich, wenn sich auch zuerst wohl ein scheuer Schreck mit dem Gefühl
mischte. Es war das Bewußtsein, daß die Entscheidung gekommen; die Fremden
aber nahmen es selbstverständlich für die natürliche Furcht des Kindes
und achteten nicht weiter darauf, ja suchten den Knaben eher zu beruhigen,
damit er ihnen Rede und Antwort stände.
»Na fürchte Dich nicht,« fuhr der Mann fort, der ihn zuerst angeredet hatte
und in dem Bill jetzt augenblicklich den Schurken Hendricks erkannte. »Wir
wollen Dir ja Nichts thun, sondern uns nur nach Mr. Boyles erkundigen. Hat
er sich versteckt? -- Ist es Dein Vater, mein Junge?«
»Nein,« sagte Bill, der nicht gleich wußte, wie er auf die Frage antworten
sollte -- aber es war gut gewesen, daß er sie verneint hatte, denn ein
Anderer antwortete für ihn.
»Ist denn der nicht ein Junge von Jenkins über dem Fluß drüben?« rief der,
und als Bill zu ihm aufsah, erkannte er Auburn's Neger, der manchmal drüben
bei ihnen gewesen war, um nach Vieh zu sehen, das Auburn auch auf jener
Seite laufen hatte.
»Gewiß bin ich's,« sagte Bill, der in dem Augenblick blutroth wurde.
»Und was machst Du hier drüben, mein Bursch?« frug Hendricks, der ihn jetzt
ebenfalls erkannte.
Bill war durch seinen Bruder auf diese mögliche Frage vorbereitet worden,
und antwortete wohl scheu, aber doch bestimmt: »Den Vater haben böse
Menschen todtgeschossen, Schwester und Mutter sind fortgegangen nach
Perryville und da hat mich Mr. Boyles seit etwa acht Tagen zu sich
genommen, bis die Jayhawker aus der =range= vertrieben sind.«
»So?« lachte Hendricks -- »also in Perryville ist Deine Schwester?«
»Ja, aber mit dem ersten Soldatenzug, der wieder die Straße herabkommt,
geht sie nach Little Rock.«
»Aha! sehr vorsichtig,« nickte der Bursche -- »nun vielleicht können _wir_
ihr in diesen Tagen sicheres Geleit geben, damit sie von den Jay-hawkern
nichts zu fürchten hat. Bei wem ist sie im Haus?«
»Bei Thomsons,« sagte Bill, auf gut Glück einen der dortigen Namen nennend.
»Ach, laßt die Dummheiten,« unterbrach ihn aber einer der Uebrigen, und es
waren indessen etwa fünf Mann ins Haus getreten. »Da haben wir doch jetzt
Wichtigeres zu thun, als solche Faxen. Wo steckt Boyles?«
»Er ist auch gestern Abend über den Fluß gefahren und nach Perryville
gegangen.«
»So? und was will er da, mein Herz?«
»Er will Hülfe haben, daß ihn böse Menschen nicht auch umbringen und
ausplündern können.«
»Ei, sieh mal an,« lachte Hendricks, »ja, den Weg hätten wir ihm ersparen
können. Wir sind selber hierher gekommen, um bei ihm zu bleiben, denn die
Jay-hawker treiben sich wirklich in der Nachbarschaft herum. Aber bist Du
hier ganz allein auf der Farm oder wer ist sonst noch bei Dir?«
»Ich bin ganz allein hier,« sagte der Knabe, »denn die Frauen sind auch
den Fluß hinab in die Ansiedlung gegangen, weil sie sich fürchten hier zu
bleiben.«
»Hm -- fürchten, wovor, wenn _wir_ da sind,« lachte Hendricks -- »Aber
Boyles hat auch wohl Ursache, die bösen Menschen zu scheuen, denn, wie ich
gehört, soll er viel baares Geld mit von Missouri herunter gebracht haben.
Ist das wahr?«
»Ich weiß es nicht,« sagte der Knabe scheu.
»Wie lange bist Du bei ihm?«
»Etwa acht Tage.«
»Aber seit der Zeit ist er doch erst zurückgekommen und hat denn doch
sicher zu Haus davon gesprochen. -- Wie?«
»Ja -- das wohl,« flüsterte Bill.
»Nun siehst Du wohl, mein kleiner Bursch,« meinte Hendricks, indem er
einen Blick mit den Gefährten wechselte, »er hat es doch sicher und gut
aufgehoben, damit es die Räuber nicht gleich finden können.«
Bill nickte nur, denn er wagte gar nicht, den Mörder seines Vaters
anzusehen.
»Nun das dacht' ich mir,« lächelte Hendricks, »gewiß hier unter der Diele.«
Bill schüttelte mit dem Kopf.
»Oder oben unter dem Dach?«
Bill schüttelte wieder.
»Was? auch nicht? ja dann werden es die Jay-hawker gewiß finden, denn die
sind in so etwas schlau.«
»Nein, die finden es nicht,« sagte aber Bill bestimmt, »denn er hat es
draußen im Wald vergraben und sie wissen den Platz nicht.«
»In der That? -- aber Du weißt ihn, wie?«
Bill schwieg und sah vor sich nieder.
»Nun mein Junge, kannst Du nicht antworten?« rief der andere Bursche rauh,
denn das Verhör dauerte ihm zu lang.
»Laß doch nur,« rief aber Hendricks, indem er dem Gefährten hinter des
Knaben Rücken zuwinkte -- »wir haben ja Zeit, denn wir bleiben ja doch
hier, bis Mr. Boyles mit seinen Leuten von Perryville zurückkommt. Nicht
wahr _Du_ weißt, wo er das Geld vergraben hat?«
Bill nickte jetzt leise mit dem Kopfe, antwortete aber noch immer nicht
weiter.
»So?« sagte Hendricks -- »nun das ist gut, dann wollen wir auch schon
dafür sorgen, daß ihm die Jay-hawker nicht zu nahe kommen. Wo ist denn der
Platz?«
»Ich darf's nicht sagen,« erwiederte aber Bill jetzt. »Mr. Boyles hat es
mir streng verboten.«
»Ja, keinen _fremden_ Leuten,« lachte Hendricks, »aber _uns_ schon, wir
wollen ihm ja gegen die Andern helfen -- also wo ist der Platz, weit von
hier, oder im Garten drüben?«
»Ich darf's nicht sagen, oder Mr. Boyles schlägt mich,« erwiderte der
Knabe, und warf einen scheuen Blick nach dem Frager hinauf.
»Ach was! wir vertrödeln hier die Zeit in höchst alberner Weise,« rief aber
jetzt der Andere, der ebenfalls ein Führer zu sein schien und einen großen
schwarzen Bart trug. Er faßte dabei den Knaben fest am Arm. »Komm her mein
Bursch und sei vernünftig -- Mr. Boyles giebt Dir vielleicht eine Tracht
Schläge, wenn er zurückkommt, das ist möglich, aber mit uns bist Du noch
viel schlimmer d'ran, denn wenn Du uns jetzt die Stelle nicht zeigst, wo
das Geld eingesscharrt ist, so binde _ich_ Dich da draußen an den nächsten
Pfirsichbaum und prügele Dich so lange, bis Dir das Fleisch in Fetzen vom
Rücken herunter hängt -- hast Du mich verstanden?«
Hendricks schüttelte unwillig den Kopf, denn dadurch machten sie jedenfalls
mehr als nöthigen Lärm auf der Farm. Bill aber klagte:
»Aber ich _darf's_ ja nicht sagen, Mr. Boyles hat es mir so streng
verboten.«
»Sip!« rief der mit dem Bart da dem Neger zu. »Spring einmal hinaus und
schneid' mir ein paar tüchtige Stöcke ab, aber derbe, verstehst Du? Der
kleine Bursch scheint hier hartnäckiger Art zu sein und da wollen wir doch
einmal sehen, ob wir ihm den Trotzkopf brechen können!«
Sip blieb nicht lange aus und Bill suchte sich indessen von der Hand des
Mannes loszumachen, was aber freilich einem Stärkeren schwer geworden wäre.
Der Mann lachte auch nur zu dem Versuch und suchte dabei in seiner Tasche
nach einem Stück Seil, um die Hände des Knaben zusammenzuschnüren, so daß
dieser endlich wie in Todesangst ausrief:
»Ach schlagt mich nur nicht, schlagt mich nur nicht; ich will Euch ja auch
gern zu dem Platz führen, aber Ihr dürft Mr. Boyles nicht sagen, daß ich es
gethan habe, oder er jagte mich sonst gleich wieder aus dem Hause«.
»Aha,« lachte der Jayhawker -- »nun denn heraus mit der Sprache, wo ist es?
weit von hier? im Garten vielleicht?«
»Nein -- ein Stück im Wald drin,« antwortete der Knabe, während der wilde
Bursch den ihm von dem Neger gebrachten Stock in die Luft probirte.
»Wo hinaus?«
»Gleich dort drüben. Es führt ein schmaler Pfad nicht weit davon vorbei.«
»Kannst Du ihn auffinden?«
»Ich -- weiß es nicht -- ich glaube ja.«
»Wie lange haben wir zu gehen?«
»Oh, gar nicht lange -- noch an dieser Seite vom Schilfbruch ist's.«
»Nun also denn vorwärts,« rief der Bärtige, der jetzt den Oberbefehl über
die Bande zu haben schien -- »und glaub' nicht etwa, mein Junge, daß Du uns
im Wald davon huschen kannst. Wie Du nur Miene machst fortzulaufen, drehe
ich dir den Hals um, darauf kannst Du Dich verlassen.«
»Ich kann ja nicht fortlaufen,« klagte Bill, »ich habe ja ein lahmes Bein.«
»Desto besser für dich,« nickte der Schwarze »denn das hält Dir den Hals
gerade -- aber nun vorwärts. -- Nein, mein Junge, nicht losmachen, ich
behalte Dich an der Hand, denn sicher ist sicher. Komm nur mit; es hilft
Dir jetzt nichts weiter. Und die Stöcke bring ebenfalls Sip, wenn ihn
unterwegs vielleicht sein Gedächtniß verlassen sollte.«
Bill leistete keinen Widerstand weiter, denn Alles, was er wollte, hatte
er ja erreicht: Sie glaubten ihm und waren im Begriff, ihm zu folgen,
aber trotzdem beschlich den Knaben jetzt eine und zwar nicht unbegründete
Furcht.
Daß ihn die Freunde nicht mit ihren Kugeln treffen würden, wenn sie auf die
Räuber schossen, wußte er gut genug und scheute sich wahrlich nicht davor,
aber der baumstarke Mann mit dem großen schwarzen Bart, hielt seinen Arm
wie in einem Schraubstock und merkte er Verrath -- von dem er jetzt aber
noch keine Ahnung haben konnte, so war es sicherlich um ihn geschehen. Aber
trotzdem schritt der Knabe, der jedoch wirklich so that, als ob er nicht
rasch von der Stelle könne, neben dem Jayhawker her. Weigern hätte ihm auch
jetzt nichts mehr geholfen, das wußte er gut genug und nur die Kugeln der
Freunde konnten ihn wieder frei machen und in Sicherheit bringen.
Der Pfad war ziemlich schmal und das kleine Gestrüpp an beiden Seiten
desselben, wie auch überall in diesen Wäldern, in den letzten Jahren wild
und üppig emporgeschossen, aber verfehlen konnte Bill seinen Weg schon
deshalb nicht, weil ihn die hin- und herwechselnden Kühe offen und betreten
gehalten. Trotzdem wurde seinen Begleitern die Zeit lang und der Schwarze
brummte.
»Höre mein Bursch, wenn Du glaubst, daß Du uns hier zum Narren haben
kannst, so bist Du im Irrthum. Soweit vom Haus hat der alte Boyles sein
Geld wahrhaftig nicht begraben. Sind wir bald da?«
»Seht Ihr den lichten Fleck da vorn?« fragte der Knabe.
»Gleich da vor uns die Oeffnung?«
»Ja -- dort ist's -- aber Mr. Boyles wird so böse werden.«
»Sorg Dich nicht um den, mein Bursche,« lachte der Schwarze, »denn wenn Du
unter unserem Schutz stehst, wird er wohl die Hände von Dir lassen. Liegt
denn das Geld so dicht am Pfad?«
»Nur ein klein Stückchen rechts davon, -- er hat abgebrochenes Holz darüber
gezogen, damit es Niemand finden kann.«
»Gescheut gemacht, alter Gesell,« lachte der mit dem Bart -- »Boyles ist
von jeher ein grundpfiffiger Kerl gewesen -- und nun mein kleiner Bursch,
da sind wir an der Stelle. Wo ist jetzt der Platz?«
»Gleich da drüben, seht Ihr unter dem Baumwollenholzstumpf, den der Blitz
abgeschlagen hat.«
Der Jay-hawker blieb stehen und zwang dadurch auch die Anderen, zu halten.
Wie das Wild, ehe es eine größere Waldblöße erreicht, stehen bleibt und
umhersichert, ob ihm auch von keiner Seite Gefahr droht, so blieb der den
Gesetzen verfallene Mörder ebenfalls halten und überflog rasch mit seinem
Blick die angrenzenden Büsche. -- Aber selbst sein scharfes Auge konnte
nichts Verdächtiges bemerkt haben, doch Bills kleines Herz klopfte ihm wie
ein Hammer in der Brust. Der Moment war gekommen, und obgleich er selber
den Versteck der Freunde kannte, war er nicht im Stande, auch nur das
Geringste von ihnen zu bemerken. Hatte ihnen die Zeit zu lange gewährt und
die Schaar den Platz verlassen? -- was dann?
Der Führer schien sich aber überzeugt zu haben, daß ihnen hier keine Gefahr
drohe. Nur um ganz sicher zu sein, wandte er sich zu dem Neger und sagte zu
diesem:
»Du, Sip -- steig einmal da drüben die Bank hinauf -- wenn Du Dir auch die
bloßen Beine ein wenig naß machst, und spür' einmal den Platz ab. Sowie
Du etwas Verdächtiges merkst, kommst Du zurück -- und nun vorwärts, Ihr
Burschen. Habt Ihr die Hacken mitgenommen? Das ist Recht. Das sieht mir
selber so aus, als ob dort die Erde frisch umgewühlt wäre. Vorwärts, in
einer Viertelstunde müssen wir mit der Sache zu Ende sein.«
Siebentes Kapitel.
Der Hinterhalt.
Die jungen Backwoodsmen vom Fourche la Fave hatten indessen den Abend
hinter ihrer Sandbank ziemlich ruhig verbracht, denn sie glaubten selber
nicht, daß die Jay-hawker zu dieser Zeit einen Ueberfall unternehmen
würden. Es war das wenigstens bis jetzt noch nicht ein einziges Mal
geschehen. Am liebsten kamen sie in früher Morgenstunde, ja meistens mit
anbrechendem Tag, bis zu welcher Zeit auch sämmtliche Indianerstämme ihre
Angriffe aufschieben, weil sie den Feind dann selten oder nie gerüstet
finden.
Allerdings hielten die Freunde abwechselnd ihre Wacht und beobachteten
dabei ein vorsichtiges aber auch nothwendiges Stillschweigen. Schon der
Klang einer Menschenstimme hier im Wald, würde einem herumschleichenden
Feind den ganzen Plan verrathen haben, aber an wen es gerade war, sich zum
Schlafen nieder zu legen, der that das in voller Ruhe und in einem Gefühl
von Sicherheit, das jedoch rasch schwand, als der Whip-poor-Will Morgens
seinen ersten Laut hören ließ, und damit den nahenden Tag verkündete.
Jetzt wurden Alle geweckt und lautlos, ihre Büchsen im Arm, horchten sie
der Richtung zu, in welcher das Haus lag, ob sie nicht den wilden
Schrei von dort herüber hören konnten, mit dem sich die Jay-hawker schon
verschiedene Male bei ihren Opfern eingeführt -- aber es blieb Alles still.
Der Tag dämmerte, die Sonne ging auf und stieg höher und höher, ja stand
schon über den Baumwipfeln, und noch immer regte sich Nichts nach jener
Richtung zu im Wald, und nur ein paar Spechte hämmerten ununterbrochen an
einem alten Stamm herum und stießen manchmal dazu ihr heiseres Gekreisch
aus.
Hatten die Jay-hawker ihren Angriff auf Boyles' Haus aufgegeben und waren
am Ende doch mit einem vielleicht irgendwo sonst aufgefundenen Canoe
nach der anderen Seite zurückgekehrt? Sie hätten jetzt selbst Perryville
vollkommen schutzlos gefunden und dort nach Belieben wirthschaften können.