waren, hätte es ihnen ja gar nichts geholfen, eine Verfolgung aufzunehmen,
noch dazu, da sich die Jay-hawker in der bedeutenden Mehrzahl befanden
und doch außer Zweifel alle gut bewaffnet waren. Jim war indessen um seine
ohnmächtig gewordene Mutter bemüht, die er anfangs ebenfalls für todt
hielt, aber unter seinen Liebkosungen erholte sich die alte Frau wieder,
und Betsy, die in der Nähe und unter dem Schutz des Bruders und Bräutigams
rasch jede Furcht verlor, war, nachdem sie sich umgekleidet, an seiner
Seite.
Und jetzt mußte sie erzählen, was hier in den letzten Monden vorgefallen --
eine ununterbrochene Schreckensgeschichte von Mord und Blut, und John Wells
stand dabei, die Zähne fest aufeinander gebissen, das Antlitz vollkommen
blutleer, die Augen stier und fast geisterhaft auf den Mund der Sprechenden
geheftet.
Und woher sie selber kamen? Mit wenigen Worten war das berichtet. Sie
hatten sich dem Heer zutheilen lassen, das bestimmt war, Little Rock
zu nehmen. Nur so konnten sie hoffen, dem nichtswürdigen Treiben der
Sesesch-Partei in Arkansas rasch ein Ende machen zu helfen. Die Eroberung
war aber leicht gewesen und als sie -- in Little Rock angekommen -- die
Kunde von zahlreichen hier verübten Verbrechen hörten, hatten sie Urlaub
genommen, um die Ihrigen selber zu besuchen und zu hören, wie es hier
stehe. _Das_ Furchtbare freilich konnten sie nicht erwarten.
Aber es waren keine Naturen, die sich lange einem nutzlosen Schmerz
hingegeben hätten. Vor allen Dingen mußten sie Pferde haben, um an irgend
eine Verfolgung denken zu können und auf der eigenen Farm fanden sie auch
kein einziges Stück Vieh mehr. Die Jayhawker mit ihrer, wie es schien,
weitverzweigten Verbindung, hatten schon Alles, was sie erreichen konnten,
fortgetrieben und nicht einmal vermuthen ließ es sich, nach welcher
Richtung sie die verschiedenen gestohlenen Thiere geschafft hatten.
Klingelhöffer allein, als ziemlich nächster Nachbar konnte da vielleicht
aushelfen und John Wells übernahm es, ihm die Trauerkunde von dem Tod
seines alten Freundes Jenkins zu bringen, um seine Hülfe in der Verfolgung
der Räuber zu erbitten.
Jim indessen, von den Freunden dabei unterstützt, schaufelte ein Grab für
den Vater in seinem kleinen Garten aus, dann legten sie den alten wackeren
Mann hinein, breiteten Bretter und Stützen über ihn, daß die eingeworfene
Erde nicht auf die Leiche pressen konnte und wölbten den Hügel über der
einfachen Gruft.
Kein Wort wurde dabei gesprochen, kaum noch eine Thräne von den Männern
vergossen, denen jetzt nur das nagende Gefühl der Rache das Herz
zusammenzog, und der Gedanke verscheuchte unerbittlich alle anderen.
Allerdings waren sie sich noch nicht klar, wie sie den gemeinsamen Feind
erreichen konnten, aber was that das? Ihr ganzes Leben hatte jetzt
kein anderes Ziel und wie der Bluthund auf der Fährte waren sie fest
entschlossen, nicht nachzulassen bis an's Ende.
Abends kehrte John Wells zurück. Klingelhöffer stellte ihnen alle seine
Pferde zur Verfügung und würde sie selber begleitet haben, aber ein
heftiger Rheumatismus hatte ihn wieder auf sein Lager geworfen, um das
herum aber nichts destoweniger seine geladenen Gewehre standen. Er schwur,
daß er so lange schießen werde, als er noch einen Finger krumm biegen
könne, und dann möchten sie ihm selber den Hals abschneiden und verdammt
sein.
Die einzige Hülfe, die sie noch erwarten konnten, lag in Perryville selber,
an das sich die Räuber natürlich nicht getrauten, wenn sie auch in der Nähe
herum Alles an Pferden gestohlen hatten, was sie nur bekommen konnten. Die
jungen Backwoodsmen aber durften keinen von ihrer kleinen Schaar dorthin
senden, um sich nicht zu schwächen und Jenkins jüngster Bruder, ein Knabe
von zehn Jahren, der bei dem Ueberfall gerade im Walde gewesen, wurde
deshalb abgeschickt. Allerdings war es eine starke Tagereise für den
kleinen Burschen, aber er ging ja oft schon allein Tage lang auf die Jagd
und kannte auch genau den Weg.
Die jungen Leute brachen jetzt zur Verfolgung der Mörder auf, während sie
Betsy indessen mit der Mutter zu Klingelhöffers nicht sehr fernem Hause
schickten. An der Fähre wohnten ja Leute, die sie über die Fourche setzen
konnten. In dieser Richtung hin hatten sie auch nichts zu fürchten, und
selbst die von Perryville erbetene Hülfe war dorthin bestellt, wo sie sich
mit ihnen vereinigen wollten.
Aber all' ihr Suchen war vergebens. Bis zum Mamelle hinüber, alle die
Bergrücken südlich am Fourche la Fave liefen sie ab, und scharfe Augen
waren es, die den Fährten folgten; nirgends ließ sich jedoch eine frische
Spur der Räuber in den Bergen erkennen. Weiter oben, mehr nach Westen
zu, fanden sie allerdings ein paar alte Lagerplätze, die es unzweifelhaft
ließen, daß sich die Jay-hawker dort eine ganze Zeitlang, vielleicht sogar
eine Woche aufgehalten, aber diese Stellen hatten sie auch ebenso sicher
wieder, und zwar nicht erst seit Kurzem verlassen, denn die ausgebrannten
Kohlen waren vom Regen überwaschen worden. Die ganze Richtung, der sie
bis dahin gefolgt, ging von dem oberen Fourche nach dem unteren, und
die einzigen bisher verschonten Wohnplätze waren die, durch ihre Lage
begünstigte Klingelhöffersche, und die benachbarte Farm gewesen. Man
durfte also fast annehmen, daß sie ihre Wirksamkeit am Fourche als beendet
betrachten mußten, und wohin konnten sie sich nun von hier gewendet haben?
Außerdem lief der erhaltene Urlaub der jungen Leute auch bald wieder ab und
was dann? Durften sie daran denken, die Ihrigen in einer solchen bedrohten
und auf's Aeußerste gefährdeten Gegend schutzlos zurückzulassen?
Sie waren zu Klingelhöffer hinübergeritten, um mit diesem das Weitere zu
berathen. Der alte Mann fühlte sich heute etwas wohler und saß mit ihnen
und fünf von Perryville heruntergekommenen Farmern vorn auf der schmalen
Veranda seines Hauses, von der man den Arkansas überschauen konnte, und
den hier ziemlich breiten Strom dicht zu Füßen hatte. Aber er wußte selber
keinen Rath, denn das Land bot jetzt zu viele Schlupfwinkel, wo sich ein
ganzes Heer hätte verbergen können, vielmehr denn ein kleiner Trupp von
Leuten, denen nur daran gelegen war, eine kurze Zeit verborgen zu bleiben.
In ruhigen Jahren, ja, da hatte den Fourche la Fave der offenste,
herrlichste Wald umgeben, mit großen stattlichen Bäumen wohl, aber lichtem
Unterholz, denn die Jäger hielten schon darauf, daß im Winter das trockene
Gras und Gestrüpp ordentlich und regelmäßig abgebrannt wurde. Dadurch
bekam nicht allein das Vieh, sondern auch das Wild gleich im Frühjahr
junge saftige Aesung und der Jäger konnte, wenn er durch den Wald pirschte,
diesen nach allen Richtungen hin überschauen. Jetzt dagegen war Alles total
verwildert, und die Niederung nicht allein von Dornen und Sassafras-Büschen
dicht durchwachsen, nein selbst an den Hängen war ein so üppiger junger
Kiefer- und Hickoryschlag emporgewachsen, daß man sich nicht selten selbst
mit dem Messer Bahn hauen mußte, um nur durchzukommen. Wer sich dort
verstecken wollte, konnte es gewiß, und war auch vor Entdeckung sicher,
wenn ihn der Zufall nicht einmal verrieth.
Vertheilten sich aber sämmtliche noch waffenfähige Männer über die Berge,
so blieben sie nicht allein der Gefahr ausgesetzt, von dem geschlossenen
Trupp einzeln aufgerieben zu werden, sondern wer bürgte ihnen dann dafür,
daß sich die jetzt schon keck und übermüthig gewordene Bande indessen nicht
auf die übrigen Häuser, ja in diesem Fall selber nach Perryville hineinwarf
und den letzten Zufluchtsort zerstörte.
Noch während sie sprachen, hatte Klingelhöffers Blick an dem gegenüber
liegenden Ufer gehangen, an dem sich den Sommer hindurch eine breite helle
Sandbank bis über die Hälfte des Stromes ausdehnte. Jetzt aber reichte der
Strom bis ziemlich an die jungen Baumwollenholz-Schößlinge hinan, die den
Wald der Niederung ränderten, und nur ein schmaler hellerer Streifen
war noch übrig geblieben, auf dem man jetzt, aber genau und scharf
abgezeichnet, die dunkle Gestalt eines Mannes erkennen konnte, der sich den
Fluß hinaufwandte. Klingelhöffer deutete mit seinem Arm hinüber und sagte:
»Dort drüben geht Jemand.«
»Wo?« -- rief Jim -- »ah dort! oh das wird ein Jäger sein.«
»Nein, er geht zu rasch. Da hinauf zu kann er aber auch kein anderes Haus
erreichen, denn die =slews= sind jetzt voll Wasser.«
»Vielleicht sieht er nach seinem Vieh. Es wird der alte Boyles sein, der
nach seinen Pferden sieht -- ein Sesesch wie er im Buche steht.«
»Jetzt ist er in den Wald hinein,« sagte Wells.
Die Männer hielten noch einen Augenblick die Augen auf die Stelle geheftet,
denn in dieser Zeit erweckte auch das Kleinste und Unbedeutendste Verdacht.
»Da kommen mehrere aus dem Wald,« rief da plötzlich Jim Jenkins, in der
Erregung des Augenblicks von seinem Stuhl emporfahrend. »Ob sie uns hier,
von dort aus sehen können?«
Mehrere Minuten beobachteten die Männer schweigend das, was sich da drüben
augenscheinlich am Waldrand regte, endlich sagte Klingelhöffer, dessen
Augen noch scharf wie die eines Luchses waren:
»Dort ist noch immer nur ein Mann zu sehen, aber er schleppt ein Canoe aus
den Büschen heraus. Wenn es Mehrere wären, würden sie ihm helfen.«
»Klingelhöffer hat Recht,« sagte Wecks. »Jetzt kommt er damit in's Freie;
er will in den Strom hinaus.«
»Es ist besser, wir ziehen uns in's Haus zurück,« meinte Jenkins. »Es
braucht Niemand zu wissen, daß wir hier so zahlreich versammelt sind.«
»Vielleicht kommt er herüber.«
»Wir werden's bald sehen. Er ist schon damit am Wasserrand. Ob das Boyles
selber sein kann?«
Die Männer hatten sich langsam von der offenen Veranda in das Haus gezogen.
Nur Klingelhöffer blieb draußen sitzen und es war bald keinem Zweifel mehr
unterworfen, daß das Canoe von drüben herüber halte und den Landungsplatz
an der diesseitigen Farm zu erreichen suchte, denn der Rudernde hielt den
Bug immer seitwärts stromauf, damit er von der starken Strömung nicht
zu weit hinab geführt würde. Wer es sei, ließ sich allerdings noch nicht
erkennen, da der Mann gebückt im Canoe saß und einen alten Strohhut noch
außerdem über die Augen gezogen hatte, aber das mußte sich bald auch
entscheiden, denn jetzt erreichte er schon fast die über der Farm liegende
felsige Spitze und indem er sein etwas schwankes Fahrzeug treiben ließ,
lenkte er es gleich darauf in den Sand-Einschnitt von Klingelhöffer's Ufer,
in welchem schon dessen Skiff befestigt lag.
»Boyles! wahrhaftig,« rief Jim Jenkins, der jetzt auf die Veranda
hinausgetreten war, denn vor dem einzelnen Nachbar brauchten sie sich nicht
mehr zu verstecken -- »Hallo, Boyles, woher kommt Ihr und wo wollt Ihr
hin?«
Boyles sah auf und erkannte den noch immer in der Uniform steckenden jungen
Mann nicht gleich. Die Uniform selber gefiel ihm ebenfalls nicht, denn er
war mit Leib und Seele Sesesch -- ja, einen Moment schien es fast, als
ob er nicht übel Lust habe, wieder mit seinem Canoe zurückzukehren.
Klingelhöffer selber machte aber seinen Zweifeln ein Ende:
»Kommt herauf Mann, Ihr seid hier unter Freunden und habt Nichts zu
fürchten. Kennt Ihr Jim Jenkins nicht mehr?«
»Jim, bei Gott!« sagte Boyles -- »das ist recht -- den wollte ich gerade
sprechen -- das trifft sich glücklich;« er sprang jetzt die steile Sandbank
mehr hinauf, als er sie stieg und stand auch wenige Minuten später inmitten
der jungen Leute, die ihn wohl freundlich aber trotzdem nicht herzlich
grüßten. Boyles war ihnen nie ein angenehmer Nachbar gewesen und daß er
sich so ganz zur Partei der Sclavenhalter schlug, auch selber der Einzige
fast in der ganzen Nachbarschaft war, der Neger hielt, konnte sie ihm nicht
geneigter machen.
Von den Negern waren übrigens nur noch zwei auf der ganzen Plantage
geblieben, die Uebrigen aber, sobald die Unionisten dort einrückten, nach
Little Rock gelaufen. Was sollten sie jetzt noch arbeiten, wo sie freie
Leute geworden waren. Boyles selber mochte auch früher wohl zwischen den
einfachen Backwoodsmen ein wenig den Pflanzer gespielt, und sich etwas
vornehmer als die Nachbarn gedäucht haben. Er war in der That reicher
und sein Haus wohnlicher und bequemer eingerichtet gewesen als die der
Uebrigen, bis die Emancipation der Neger auch ihn ruinirte, oder doch
wenigstens seine großen Plantagen, deren er zwei besaß, werthlos machte.
Die eine in Missouri liegende, hatte er aber glücklicher Weise vor kurzer
Zeit noch zu einem ziemlich guten Preis verkaufen können, denn gerade jetzt
glaubten manche Farmer im Norden einen guten Handel zu machen, wenn sie
sich ohne Sclavenarbeit im Süden niederließen. Allerdings war das erste
immer ein Experiment, aber es fand trotzdem Nachahmer, und die südlichen
Pflanzer, die nach dem Fall von Vicksburg die Unterwerfung des Südens mit
Recht für unausbleiblich hielten, verkauften unter solchen Umständen nur zu
gern.
Klingelhöffer wunderte sich allerdings, daß gerade Boyles ihm einen Besuch
abstattete; denn wenn sie auch miteinander in Frieden lebten, hatten sie
sich -- schon ihrer verschiedenen politischen Ansichten wegen -- bisher
viel eher gemieden als gesucht. Er sollte aber darüber bald eine Erklärung
erhalten, denn kaum betrat Boyles das Haus, als er auch schon ausrief:
»Gott sei ewig gedankt, daß ich hier brave und wackere Männer finde, die
einen Freund gegen Räuber und Mörder schützen können.«
»Hallo,« rief John Wells, von seinem Stuhl aufspringend, denn er selber
haßte den alten Boyles, mit dessen Sohn er auch früher einmal Streit
gehabt, und nahm deshalb wenig Notiz von ihm. Seine Worte aber machten ihn
aufmerksam, denn sie deuteten auf das Einzige, was in diesem Augenblick
seine ganze Seele füllte -- die Spur der Jay-hawker -- »wißt Ihr was von
den Schuften? -- Haben sie Euch ebenfalls einen Besuch abgestattet?«
»Ach was,« rief Jenkins; »wir haben ja ihre Spuren in den Wald hinein
verfolgt. Nach dem Mamelle werden sie hinüber sein -- nicht über den
Arkansas.«
»Nein,« rief Boyles rasch, -- »drüben sind sie -- vorgestern haben sie den
Strom etwa drei Miles unterhalb in zwei großen Canoes gekreuzt -- Warner,
der gerade von Little Rock kam, hat sie gesehen.«
»Da ist dann unser Canoe dabei,« sagte Jim, »das die Schurken neulich bei
dem Mord gestohlen haben. Aber wo sind sie jetzt?«
»Weit können sie nicht sein,« erwiderte Boyles, »denn gestern waren sie bei
Auburn drüben -- der alte Auburn behielt kaum noch Zeit, in den Sumpf zu
flüchten, wo er sechzehn Stunden in Schlamm und Wasser stecken blieb, ehe
er sich wieder hinausgetraute. Dort aber hat ihnen der eine Neger erzählt,
daß ich meine eine Farm verkauft und viel Geld im Hause hätte, und Auburn's
kleiner Junge war eben bei mir, um sich ein Stück Fleisch zu borgen, weil
die Räuber Alles, was sie an Lebensmitteln fanden, fortgeführt, und der
sagte mir, ich solle mich vorsehen, denn sie hätten gelacht und gemeint,
ich würde wohl so gut sein und mit ihnen theilen.«
»Und habt Ihr das Geld wirklich im Haus?«
»Gott bewahre, das liegt sicher genug in Little Rock, aber das wissen ja
die Schufte nicht und werden es jetzt bei mir wie bei dem armen alten Hogan
machen. Frau und Kinder hab' ich auch deshalb mit den beiden Negern gleich
nach Auburn's hinübergeschickt, denn zweimal kommen sie nie auf einen
Platz, und ich selber hatte die Absicht, hier bei Euch Schutz zu suchen,
Klingelhöffer, bis die Gefahr vorüber ist. Mögen sie mir da drüben Alles
verwüsten und das Haus in Brand stecken. Ich kann es nicht hindern -- aber
ich will doch nicht von ihnen todtgeschossen werden oder meine Familie
ihren Mißhandlungen aussetzen.«
»Und Ihr glaubt wirklich, daß sie die Absicht haben, Euer Haus zu
überfallen?« frug der junge Cook.
»Ich bin fest davon überzeugt. Dort in der Nachbarschaft liegt weiter keine
einzelne Farm und lange werden sie sich hier nicht mehr halten können,
denn wie ich gehört habe, will General Steene die beiden Counties besetzen
lassen, um diesem Räuberwesen ein Ende zu machen.«
»Ja wohl, jetzt kommen sie,« brummte Klingelhöffer, »wo die Canaillen schon
alles nur erdenkliche Unheil angerichtet, und Botschaft nach Botschaft
haben wir seit Wochen hinein in die Stadt gesandt. Gott bewahre, nicht
einmal Munition durften wir hinausbringen, um uns selber zu schützen.«
»Und wißt Ihr ganz bestimmt, daß die Jay-hawkers, die auf dieser Seite ihr
Wesen trieben, jetzt über den Fluß gegangen sind?« frug Wells.
»Es giebt keine zweite solche Bande in der Nachbarschaft,« versicherte
Boyles, »und daß diese mit ihren Pferden über den Strom gesetzt ist, hat
Warner mit eigenen Augen gesehen.«
»Dann können sie aber auch eben so gut mit ihren Booten zu _mir_
herüberkommen,« meinte Klingelhöffer, »denn was sie bis jetzt von mir
abgehalten hat, war weiter nichts als die Furcht, hier auf der Landspitze
einmal von irgend einem Trupp Bewaffneter abgeschnitten zu werden.«
»Aber sie haben keine Canoes mehr,« rief Boyles. »Warner war nicht von
ihnen gesehen worden und hielt sich in seinem Versteck, bis sie die beiden
Fahrzeuge, gleich über der zweiten Sandbank unten, wo die kleine Slew
einmündet, in die Büsche hineingezogen und versteckt hatten, und als er
sich ganz sicher wußte, schlich er sich dort hinein und wollte die Canoes
in den Strom schieben und forttreiben lassen, aber er war dazu allein nicht
im Stande und hat deshalb ganz in der Stille und gerade zwischen ihnen ein
tüchtiges Feuer angezündet, bei dem er blieb, bis er sie völlig zerstört
wußte. In _den_ Canoes setzen sie gewiß nicht wieder über den Arkansas.«
»Dann ist auch Hoffnung, daß wir sie drüben erwischen,« rief Cook rasch.
»Wie wär's, wenn wir das Haus besetzten? nachher laufen sie uns gerade in
die Hände.«
»Hm,« sagte Wells, »ich habe auch schon darüber nachgedacht, aber -- wie
viel waren in den Canoes, die Warner gesehen hat?«
»Er behauptet, es müßten etwa zehn oder elf gewesen sein. Natürlich
wagte er sich nicht zu weit hinan, denn wenn sie ihn entdeckten, wäre er
jedenfalls verloren gewesen.«
»Und sie denken Geld bei Euch zu finden?« frug Jenkins.
»Sie wissen, daß ich meine Farm in Missouri verkauft und das Geld dafür
erhalten habe. Soviel hat ihnen der schurkische Neger erzählt. -- Sie
werden jetzt vermuthen, daß ich es versteckt halte.«
»Die Canaille verdient gehangen zu werden.«
»Verdient hat er's,« sagte Boyles, »denn wie ich höre soll er sich den
Schuften angeschlossen haben, was also jetzt etwa elf oder zwölf Mann
für die Bande machen würde, wenn sie sich nicht außerdem verstärkt hat.
Verdächtiges Gesindel trieb sich wenigstens die letzte Zeit gerade genug am
Arkansas herum.«
»Laßt uns die Nacht hinüberfahren,« rief da Wells, -- »verdammt, wenn
wir uns ordentlich eintheilen, laufen sie uns gerade in die Büchsenläufe
hinein.«
»Ihr glaubt, daß sie bei Euch nach vergrabenem Gelde suchen werden?« fragte
Jenkins.
»Dasselbe war wenigstens bei Hogan der Fall, bei dem sie Silber vermutheten
und der arme Teufel hatte wohl kaum einen Viertel Dollar Silber im Hause.«
»Sie kommen sicher,« rief Wells, mit der Hand auf den Rand der Veranda
schlagend, »wenn wir uns in dem Hause eintheilen, haben wir sie.«
Jenkins schüttelte mit dem Kopf und sagte:
»So weit _ich_ das Haus kenne, glaub' ich es nicht. Es ist kein Logcabin,
wo man nach allen Seiten Schießscharten öffnen kann, sondern von behauenen
Balken aufgesetzt und mit Brettern beschlagen und die Fenster liegen alle
nach dem Fluß hin, während sich die Thür hinten befindet. Dicht darum her
stehen aber die kleinen Negerhäuser, jetzt wahrscheinlich alle leer und ich
kann mich nicht so genau auf den ganzen Platz besinnen, ob man durch diese
hin muß und durch sie verdeckt wird, wenn man zum Hause kommt oder ob sie
mehr Seit' ab liegen.«
»Mr. Jenkins,« bemerkte Boyles, »Sie haben Recht. Die Negerhütten liegen
der Art, daß man von ihnen verdeckt bis dicht an das Haus hinan kann.
Ich weiß, wie mich das die paar Stunden, die ich heute noch drüben war,
beunruhigt hat, weil ich jeden Augenblick fürchtete, sie möchten sich an
denen hin heranschleichen.«
»Und wenn wir nun die Negerhütten besetzten?« fragte Cook.
»Ja, das wäre ganz gut, wenn man genau wüßte, ob sie den Weg oder vom
Wald herein kämen. In der Nacht ist es aber ebenfalls schlimm. Wir haben
freilich jetzt Vollmond, aber gerade um das Haus herum stehen die Hickory-
und Pfirsichbäume, und der wilde Wein, den ich an die letzteren angepflanzt
habe, hat sie dicht und undurchsichtig gemacht.«
»Ich will Euch etwas sagen,« meinte Jenkins, der den Platz da drüben
genau kannte, weil er selber früher dort viel jagte -- »Ihr kennt doch die
künstliche Salzlecke gleich im Rohr drin, Boyles, die ich selber einmal
angelegt?«
»Gewiß -- sie liegt ja keine zweihundert Schritt von meiner Fenz, und es
führt sogar ein kleiner Pfad hin, den sich die Kühe gemacht.«
»Dieselbe,« sagte der junge Mann, »gleich daran, wenn man von Eurem Hause
hinüber geht, ist doch die kleine runde Waldblöße, die genau so aussieht,
als ob Menschen selber dort Bäume und Büsche sorgfältig ausgerodet hätten,
denn nicht einmal ein Strauch wächst darauf, nur hohes Gras und ein paar
Grün-Dornen.«
»Ganz recht, aber was damit?«
»Habt Ihr Niemanden mehr im Haus drüben?«
»Keine Seele -- der Platz ist jetzt vollkommen verlassen, denn _ich_ konnte
ihn allein nicht schützen, und wenn sie mir ihn abbrennen, so muß ich's
eben ertragen.«
»Habt Ihr Courage, Boyles?«
»Gegen einen offenen Feind, ja,« sagte der Mann, »aber nicht gegen diese
Halunken. Denkt nur daran, wie heimtückisch sie Euren eigenen Vater
erschossen haben.«
»Ihr würdet nicht wieder hinübergehen und in dem Hause bleiben?«
»Nicht für hunderttausend Dollar,« erwiederte Jener bestimmt, »denn ich
weiß, daß sie mir nie etwas nützen könnten. O dieser unselige Krieg. Was
für Elend hat der schon über das Land gebracht.«
»Wenn Ihr nur anfangt es einzusehen,« sagte Jenkins düster -- »aber was
geschehen, läßt sich eben nicht mehr ändern -- es muß ertragen werden
und nur das bleibt übrig, diese Schurken, die weder Freund noch Feind
angehören, wo wir sie fassen können zu züchtigen, und darin können wir uns
getrost die Hand bieten. Wo ist mein Bruder Bill, Klingelhöffer? war er
nicht vorhin hier?«
»Er wird drüben in der Corncrib mit den Mädchen sein,« antwortete der
Deutsche -- »ich hörte, daß sie vorhin davon sprachen. Was soll er?«
»Wir müssen Jemanden im Hause drüben haben,« sagte der junge Mann finster
und entschlossen -- »Laßt mich nur machen -- ich glaube, ich habe den
richtigen Plan -- jedenfalls ist es ein Versuch; Bill aber, so klein er
sein mag, ist ein ganz gescheuter und durchtriebener Bursche, der seine
Sache schon geschickt machen wird.«
»Ihr wollt doch, um Gottes Willen, den Knaben nicht drüben allein lassen,
wenn die Jayhawker das Haus überfallen?« rief Boyles erschreckt.
»Allerdings will ich das, aber sorgt Euch nicht deshalb. Bill und ich
werden das schon in Ordnung bringen. Ueberlaßt das mir. Ich habe _mein_
Leben eingesetzt, des Vaters niederträchtigen Mord zu rächen, der Knabe
setzt das seine mit Freuden dafür ein, deß seid versichert -- laßt mich nur
mit ihm sprechen. -- Noch eins, Boyles -- habt Ihr Kienholz drüben an Eurem
Haus?«
»Nein -- was wollt Ihr damit? Kienholz wächst ja nicht drüben im Bottom.«
»Hier liegt genug,« sagte Klingelhöffer -- »was wollt Ihr damit?«
»Ich erkläre Euch Alles nachher, vorher aber muß ich mit Bill sprechen,«
und ohne den Männern weiter zu antworten, ging Jenkins hinaus, um den
Bruder aufzusuchen und die nöthige Abrede mit ihm zu nehmen.
Sechstes Kapitel.
Der Hinterhalt.