jetzt, daß der Ueberfall durch sechs fremde Männer geschehen sei, die _sie_
wenigstens früher nie am Fourche-la-Fave gesehen. Nur der Eine von ihnen,
und wie es schien, der Anführer der Schaar, habe ein geschwärztes Gesicht
gehabt und sei ihr bekannt vorgekommen, sie wäre aber nicht im Stande,
irgend einen bestimmten Namen zu bezeichnen.
Daß die Räuber mitgenommen hatten, was sie _irgend_ gebrauchen konnten,
versteht sich von selbst, besonders Well's zwei Büchsen und alle Munition,
aber auch sonst noch an Fellen und Pelzwerk, was gerade da war, und
außerdem eine Menge anderer Dinge, die für sie selber keinen Werth haben
konnten. Die Vermuthung lag deshalb nahe, daß sie das Geraubte nach
irgend einem Versteck gebracht, oder auch vielleicht durch irgend einen
Zwischenhändler nach Little Rock zum Verkauf geschickt hatten.
Die alten Backwoodsmen rüsteten sich jetzt so gut sie konnten, aber was
waren sie im Stand zu thun, wo sie sich einzeln nur auf ihrem von jeder
Hülfe entfernten Platz im Wald befanden. Möglich war auch, daß es nur ein
vereinzelter Raubzug gewesen, denn volle acht Tage lang hörte man Nichts
mehr von Räubern, bis sie auf's Neue, und dies mal mit wahrhaft teuflischer
Bosheit auftraten.
Oben am Fourche wohnte ebenfalls ein alter Ansiedler Hogan, der, wie es
dort hieß, vor kurzer Zeit auf einem Jagdzug in den Ozarkgebirgen, eine
jener Silberminen entdeckt haben sollte, von denen man sich erzählte, daß
schon vor vierzig und funfzig Jahren Venetianer aus dem Osten gekommen
wären, um sie heimlich zu bearbeiten. Ob etwas an der Sache war oder nicht,
konnte natürlich Niemand sagen, aber wie derartige Gerüchte rasch
überhand nehmen, so wollte man schon hie und da wissen, daß Hogan zu Fuß
zurückgekehrt sei, weil sein Thier kaum im Stande gewesen sei, die schweren
Silberstücke fortzuschaffen, die er dort zwischen den Steinen gefunden --
und das gerade mußte die Räuber angezogen haben.
Hogan selber begegneten sie draußen im Wald oder lauerten ihm auch
vielleicht auf und schossen ihn gleich nieder, dann hatten sie leichte Mühe
mit seinem Haus, in dem sie nur die alte Frau, ein paar junge Mädchen und
zwei kleine Knaben fanden. Der Platz wurde umstellt, und nun sollte die
Frau bekennen, wo sie das Silber versteckt halte, das ihr Mann aus den
Bergen mitgebracht habe. Die Frau beschwor zwar die Männer nicht zu
glauben, was sich das Volk am Fourche-la-fave erzähle. Ihr Mann sei
allerdings oben am Whiteriver in den Ozarkgebirgen gewesen, aber nur um
sich einen Platz zur Ansiedlung auszusuchen. Silber habe er gar nicht
gefunden und nur ein paar bunte Steine mitgebracht, mit denen die Kinder
eine Weile gespielt und sie dann weggeworfen hätten. Die Steine würden auch
wohl die erste Ursache zu dem Gerüchte gegeben haben, an dem aber nicht
eine Sylbe Wahres sei.
Der Führer der Schaar, der wieder ein geschwärztes Gesicht trug, hielt
sich, wie die Kinder später aussagten, die Zeit über an der Thür des Hauses
und gab von dort aus seine Befehle. Er betrug sich gerade so, als ob
er fürchte, erkannt zu werden. Der Bericht der Frau aber wurde von den
Jay-hawkern mit wilden Flüchen beantwortet. Ihr Leugnen helfe ihr Nichts --
man wisse genau, daß sie das Silber im Haus versteckt halte und wenn sie
es nicht gutwillig herausgebe, wolle man sie schon zu einem Geständniß
zwingen.
Die Frau weinte und flehte, die Kinder schrieen. Der Eine der rohen Buben
nahm den ersten Knaben und schleuderte ihn mit solcher Gewalt in die Ecke,
daß er dort winselnd am Boden liegen blieb, dann sprang ein Anderer zum
Kamin und stieß die Kohlen mit dem Fuß auseinander und nun setzten sie die
alte Frau, die in Todesangst um Erbarmen bat, auf einen Stuhl, banden sie
dort fest, umschnürten ihr die nackten Füße mit einem Seil und hielten sie
gewaltsam über die glühenden Kohlen.
Die Frau kreischte laut auf, die Töchter warfen sich den Räubern zu Füßen
-- umsonst. Die Frau sollte gestehen, wo Silber, das sie in ihrem Leben
nicht gesehen, versteckt sei, und als sie endlich ohnmächtig wurde, ließ
man sie los und vom Stuhle herunter fallen, und durchwühlte nun die Hütte
von oben bis unten, riß die Dielen auf, grub den Heerd auf und verwandelte
die ruhige stille Heimath guter friedlicher Menschen in wenigen Minuten
in eine Wüste. Silber fanden sie natürlich nicht, nur den ärmlichen,
schon halb zerstörten Hausrath eines Backwoodsman, und aus Wuth, mit allen
Rohheiten gegen die Töchter selber, streuten sie zuletzt die glühenden
Kohlen und Feuerbrände im Haus umher, schichteten das Stroh aus den Betten
darauf und verließen erst den Platz, als sie sich überzeugt hatten, daß er
in hellen Flammen stand.
Die Frau starb, unter den furchtbarsten Schmerzen noch in der nämlichen
Nacht -- die Mädchen flüchteten mit den kleineren Kindern in den Wald,
weil sie die Rückkehr der Räuber fürchteten und wagten sich erst, halb
verhungert, nach einigen Tagen wieder vor, um eines Nachbars Wohnung und
dort Schutz zu suchen.
Jetzt folgten die Ueberfälle rasch einer dem anderen, und Rankins,
ein alter Ansiedler in der Nachbarschaft, ließ sich endlich durch die
dringenden Bitten der Seinen bewegen, in den Wald und den Buben aus dem Weg
zu gehen, denn sie hatten schon nach ihm gefragt, und daß sie kein Erbarmen
kannten, wußte man. Er ging auch und hielt sich 14 Tage lang versteckt,
bekam aber draußen das Fieber und mußte, da er nicht jagen konnte, eines
Abends wieder zurück, um sich Lebensmittel zu holen.
Von den Jay-hawkern hatte man die letzten Tage Nichts gehört, denn wieder
waren Unions-Truppen durch gekommen, von denen eine Abtheilung sogar
nach ihnen suchte, weil man vermuthete, daß sie mit den Bushwhackern in
Verbindung ständen. Aber vergebens; die Verbrecher mußten über alle gegen
sie beabsichtigten Bewegungen gut unterrichtet sein, denn sie ließen sich
nicht eher wieder blicken, als bis sich die Truppe entfernt hatte.
Rankins war in der Zeit gerade zurückgekommen, und die Frauen drängten ihn,
sein Versteck wieder aufzusuchen, aber er weigerte sich. Nur eine Nacht
müsse er, wie er meinte, wieder einmal in seinem Bett schlafen, er hielte
es da draußen im kalten Wald, durch den jetzt schon die Winterstürme
tobten, nicht mehr aus. Lieber von den Jay-hawkern todt geschossen werden,
als da draußen elend in den nassen Büschen und Zoll bei Zoll verkommen.
Morgen wolle er sie wieder verlassen, aber auch in der Nähe bleiben, und
so viel Kraft werde er ja doch wohl noch haben, wenigstens den Rädelsführer
der Schurken von seinem Pferd zu schießen.
Die Nacht verging ruhig, und als der Morgen graute, stand die Frau auf, um
Caffee zu kochen und dem Mann seine mitzunehmenden Lebensmittel zurecht zu
legen.
Rankins Haus stand etwa eine englische Meile vom Fourche-la-Fave ab, an der
Countystraße nach Little Rock, da dröhnte plötzlich in dem stillen Morgen
der Hufschlag rasch herangaloppirender Pferde durch den Wald.
Das sind gewiß Soldaten, rief Frau Rankins, der aber doch das Herz in der
Brust zu hämmern anfing. Rankins selber, eben wach geworden, sprang, wie
er war aus dem Bett und griff seine neben ihm lehnende Büchse auf. Aber die
Reiter brachen schon hervor -- wie ein wildes Wetter sprengten sie gegen
die niedere Umzäunung an und setzten mit ihren Thieren in voller Flucht
darüber hin. Das Pferd des Einen stürzte und warf seinen Reiter gegen das
Haus. Der eine der Männer trug wieder das geschwärzte Gesicht.
Teufel! schrie der alte Rankins und seine Büchse fuhr empor, aber zu
gleicher Zeit zerschmetterte eine Kugel seinen Arm, eine andere traf ihn in
den Hals und zurücktaumelnd fing ihn seine Frau auf und bog sich jammernd
über ihn.
Im Nu waren die Räuber jetzt aus den Sätteln und das Rauben und Plündern
begann, wie in alter Weise, nur daß sie hier noch wilde Flüche ausstießen
und den Sterbenden einen verdammten Abolitionisten nannten, dem sie schon
lange aufgelauert hätten. Sie schwuren auch, daß sie nicht eher Frieden
geben würden, bis sie die ganze »Range« von allen Vaterlandsverräthern
gesäubert und reine Bahn für die Südstaaten gemacht hätten und schlossen
dann ihre Blutarbeit wie gewöhnlich, indem sie einen Feuerbrand unter das
Dach warfen, und dann direct in den Wald hineinritten.
Rankins Knaben, einem Burschen von etwa 10 Jahren, der bei Annäherung der
Räuber entwischt war, und der dicht dabei im Busch auf der Lauer gelegen,
gelang es zwar das Feuer wieder zu löschen, aber das angerichtete Elend
konnte er nicht mehr ungeschehen machen. Der alte Rankins war todt und die
Frauen erfüllten mit ihrem Wehgeschrei die Luft.
Noch an dem nämlichen Abend überfielen die Jay-hawker eine andere
Ansiedlung, erschlugen den alten Hewes, dem sie gehörte, und waren im
Begriff eine seiner Töchter mit in den Wald zu schleppen, als glücklicher
Weise ein kleiner Trupp Cavallerie angesprengt kam und sie, zum großen
Theil selbst die gemachte Beute im Stich lassend, in den Wald flüchten
mußten. Allerdings setzten ihnen die Soldaten nach und es gelang ihnen
auch, Einen von ihnen vom Pferd zu schießen. Die Andern entkamen aber, und
die Patrouille war nicht stark genug, um sich zu weit mit ihren überdies
schon ermüdeten Thieren in die Berge hinein zu wagen.
Den erschossenen Räuber kannte übrigens Niemand; er mußte mit seinen
Genossen von irgend einem andern Staat oder County herübergekommen sein.
Uebrigens fanden sie eine Menge Werthsachen, zwei Uhren, sechs oder acht
Goldstücke und eine goldene Kette bei ihm, Dinge, die natürlich gleich als
gute Beute erklärt wurden, denn die Burschen konnten Alles gebrauchen. Dann
ließ man den Körper an der Straße, wohin man ihn geschleppt, liegen, damit
die Nachbarn ihn betrachten und, wenn sie wollten, auch begraben konnten.
Das war aber kaum nöthig, denn Wölfe gab es dort genug im Walde, die den
Cadaver schon beseitigen würden.
Es schien fast, als ob die Räuber durch diese Ueberraschung eingeschüchtert
wären; man hörte wenigstens lange Nichts von ihnen, bis sie plötzlich
in der Nähe des Arkansas und an der Mündung des Fourche-la-fave wieder
auftauchten.
Klingelhöffers alten Platz, wo er früher gewohnt, plünderten sie total aus,
fanden aber glücklicher Weise den Eigenthümer nicht. Klingelhöffer selber
erhielt gleich danach Botschaft von Perryville, und die Warnung, auf seiner
Hut zu sein und lieber mit seiner Familie in die »Stadt« zu kommen, denn
man vermuthete natürlich, daß ihm jetzt der nächste Besuch zugedacht
sein würde. Der alte Mann war aber nicht dazu zu bringen, seinen Platz zu
verlassen. Nach dem Tod des einzigen Sohnes lag ihm selber Nichts am
Leben, und nur seine noch von Deutschland herübergebrachten Gewehre, eine
Doppelflinte, eine Büchsflinte und eine Pirschbüchse brachte er in Ordnung
und lud sie frisch, verbarrikadirte dann seine Fenz und schwur, daß er
wenigstens fünf von ihnen unschädlich machen wollte, wenn sie es wagen
sollten, die Hand an seine Umzäunung zu legen.
Sie kamen aber nicht dorthin -- der Platz lag ihnen unbequem, gerade auf
der Spitze zwischen dem Fourche und Arkansas. Sie konnten keine sichere
Nachricht erhalten, ob nicht dort vielleicht gerade die jetzt fortwährend
vorbeipassirenden Dampfer der Yankees, die häufig bei Klingelhöffer
anlegten, um Hühner, Eier, oder andere Provisionen zu kaufen, Bewaffnete
an Land gesetzt hätten, und durch den einen Ueberfall schüchtern, oder
wenigstens vorsichtig gemacht, schienen sie keine rechte Lust zu haben,
sich in diese Art von Falle, wo es nur nach einer Richtung hin einen
Rückweg gab, zu begeben.
Jenkins, ebenfalls gewarnt, hatte aber sein Haus und seine Familie nicht
verlassen wollen und nur ein paar Büchsen bereit, um ebenfalls bei einem
Einbruch die Zähne zu zeigen. Außerdem hielten zwei handfeste Hunde den
Platz in der Nacht vor einem Ueberfall gesichert und kamen die Räuber in zu
großer Menge, dann hatte er immer noch Zeit, sich, von den Hunden gedeckt,
nach seinem großen, bereit liegenden Canoe zurückzuziehen. Betsy verstand
übrigens ebenfalls eine Waffe zu führen, und ihrer zwei waren sie der Bande
auch schon eher gewachsen.
Jenkins selber, den Kopf in die Hand gestützt, saß eines Morgens an seinem
Frühstückstisch. Er dachte an den eigenen Sohn, von dem er so lange keine
Nachricht gehabt, und an das Schicksal des armen Klingelhöffer, und das
Herz war ihm übervoll.
Betsy war draußen an der Landung gewesen, und hatte eben noch den Strom
hinabgesehen, wo sich wieder eins der kleinen Dampfboote gegen die Fluth
abmühte und dabei nur langsamen Fortgang machte.
»Das Boot kommt, Vater,« sagte sie, als sie die Schwelle des Hauses betrat;
»es hat jetzt wohl eine Stunde da unten festgesessen, ist aber wieder flott
geworden. Vielleicht bringt es Briefe von Jim mit.«
Der alte Mann seufzte und reichte ihr eine Zeitung hin.
»Da lies,« sagte er -- »das ganze Blatt enthält fast weiter nichts als
Todtenlisten und Angaben von den 2000 -- oder gar 3000 Vermißten -- armen
Teufel, die nach der Schlacht elend im Walde umgekommen und von den Wölfen
gefressen wurden. Armer Jim! wer weiß, wo ihn sein Schicksal erreicht hat,
und ob wir uns je wiedersehen werden.«
»=Hallo the house!=« rief da plötzlich eine Stimme und als die Hunde wie
immer, wüthend anschlugen und Betsy in die Thür trat, um zu sehen wer da
das Haus anrief, bemerkte sie einen einzelnen Reiter draußen an der Fenz,
einen Fremden, den sie nicht kannte und der jetzt den Hut gegen sie lüftete
und anfrug, ob Mr. Jenkins zu Hause wäre.
Der Mann war in der gewöhnlichen Tracht der Backwoodsmen gekleidet, trug
aber keine Waffe und sah aus wie ein Ansiedler aus irgend einer anderen
Range, der vielleicht seinen Weg verfehlt hatte, oder auch von dem
eigentlichen Pfad abgeritten war, um ein Frühstück zu erbitten. Es kam das
ja gar nicht so selten vor, denn das nächste Haus an der Straße von dort ab
war noch wenigstens sieben Miles entfernt.
»Steigen Sie ab Sir,« sagte das junge Mädchen, der Gastfreundschaft des
Landes folgend, indem sie die Hunde zurücktrieb, »Vater ist im Haus, wenn
Sie ihn sprechen wollten.«
»Danke,« sagte der Fremde, indem er etwas schwerfällig aus dem Sattel stieg
und der Einladung Folge leistete. -- »Dann bin ich den weiten Weg doch
nicht umsonst gekommen. Kann ich ihn vielleicht einmal sehen?«
»Wollt Ihr nicht in das Haus treten?« sagte das Mädchen.
»Gleich,« erwiederte der Mann, der wie es schien, den rechten Fuß nicht gut
gebrauchen konnte; indem er sich überall im Hofe umsah. »Muß mir nur erst
einmal einen Platz aussuchen, wo ich mich ein wenig ausruhen kann.« Er
humpelte dabei auf einen, etwa funfzehn Schritt vom Haus entfernten Klotz
zu, auf den er sich setzte und dabei seinen rechten Fuß in die Höhe nahm,
als ob er Schmerzen darin habe.
»Fehlt Euch etwas?« frug Betsy theilnehmend.
»Hm, nichts Besonderes, bin nur damals, als wir auf der Flucht waren, mit
dem Pferd gestürzt und habe mir ein Bischen weh gethan.«
»Auf der Flucht?«
»Ja,« sagte der Mann -- »die verdammten Sesesch kamen hinter uns her, und
ich und der Sohn hier vom Hause --«
»Bringt Ihr Nachricht von meinem Bruder?« rief Betsy rasch -- »oh Pa, hier
ist ein Mann, der Jim kennt -- oh habt Ihr Nachricht von ihm.«
»Weiter Nichts als einen Brief,« sagte der Fremde, indem er ein
zusammengefaltetes Papier aus der Tasche nahm -- »aber nein Miß,« rief
er, als Betsy hastig danach greifen wollte -- »habe ihm fest versprechen
müssen, es nur in die Hände des alten Herrn selber abzugeben.«
»Ein Brief? ein Brief von Jim?« rief jetzt auch der alte Mann, der vor
Aufregung zitternd in die Thür trat, die zwei Stufen daran hinabstieg und
auf den Fremden zueilte. »Oh gebt ihn her -- wie lange habe ich von dem
Jungen Nichts gehört.«
Der Fremde reichte ihm jetzt ohne Weiteres das Papier, das er mit bebenden
Händen öffnete. Da knallte von der Fenz herüber, und kaum zwanzig Schritt
von ihnen entfernt, ein Schuß und Betsy wandte sich rasch und erschreckt
dorthin. In demselben Moment aber brach auch ihr Vater, das Papier noch in
der Hand haltend, wo er stand zusammen, und mit einem Angstschrei warf
sich die Tochter über ihn. Aber nicht lange sollte sie sich ihrem
Schmerz hingeben dürfen. Wilder Lärm störte sie auf und als sie den Blick
zurückwarf, sah sie fünf, sechs Männer über die Fenz springen. Die Hunde
fuhren allerdings wie rasend auf sie ein, aber ebenso viele Revolverschüsse
knallten ihnen entgegen und trieben sie heulend zurück, während Einer der
Burschen -- der Jay-hawker mit dem geschwärzten Gesicht direct auf Betsy
zusprang.
»Hendricks!« schrie sie, wie sie nur den Blick auf ihn warf -- entsetzt und
zurückbebend. »Feiger, nichtswürdiger Mörder!«
»Miß Betsy,« sagte der Mann aber, und die geschwärzten Züge legten sich
in drohende Falten, »Sie sind meine Gefangene. Sträuben Sie sich nicht; es
würde Sie nur nutzlos einer rohen Behandlung aussetzen. Der ganze Platz ist
umstellt, und unten am Strom liegt mein Canoe.«
Betsy sah ihn starr an. Es war, als ob sie noch immer nicht einmal das
ganze Fürchterliche der eben ausgesprochenen Drohung begriff. Aber der
Bube sprach im Ernst; das Blut, das langsam aus dem Schlaf ihres armen
gemordeten Vaters quoll, war ein entsetzlicher Zeuge des beabsichtigten
Bubenstücks, und krampfhaft faßte sie mit beiden Händen ihre eigene Stirn
und warf den Blick scheu und verstört umher. -- Aber auch nur für einen
Augenblick, denn wie ein zündender Strahl durchzuckte sie der Gedanke:
lieber den Tod als Schande.
Das Grundstück ihres Vaters, wenigstens der Hofraum, innerhalb dessen die
doppelte Blockhütte stand, lag unmittelbar am Ufer des Arkansas, der jetzt
wohl im Steigen war, seine volle Höhe aber noch nicht erreicht hatte.
Unmittelbar unterhalb der Farm stieg das Ufer allerdings mehr allmählich
und mit kleinen Weiden- und Baumwollenholzschößlingen bewachsen, empor,
dicht unter dem Haus aber fiel es steil ab in die wirbelnde Fluth und der
alte Jenkins hatte diesen Platz nicht allein deshalb für den Bau seines
Hauses gewählt, weil hier in dieser Gegend der höchste Uferpunkt war,
sondern auch weil er hier nur an drei Seiten eine hohe Fenz zu errichten
brauchte. In der konnte er dann einmal hineingetriebenes Vieh auch bequem
halten, denn an der offenen Seite nach dem Strom zu war kein Stück im
Stande auszubrechen.
Der Verbrecher hielt natürlich eine Flucht des Mädchens für unmöglich, denn
fünf, sechs wilde Gestalten schwärmten schon über den Hof und wenn sich
auch die meisten mit dem Haus selber beschäftigten, sah Betsy doch zwei
der Buben schon auf sich zu kommen und daß sie -- erst einmal in _deren_
Händen, kein Erbarmen zu erwarten hatte, wußte sie. Noch einmal hob sie
scheu und wild den Blick zu Hendricks auf, aber der Blick genügte auch.
Schon streckte der Bube selbst den Arm nach ihr aus, um sie zu umfassen,
aber selbst unter seinen Händen stürzte sie fort. -- An eine Waffe
dachte sie wohl dabei, und hätte sie eine erreichen können, so wäre es um
Hendricks geschehen gewesen. Aber wie konnte sie -- ein einzelnes schwaches
Wesen, der _Bande_ Widerstand leisten.
Ehe der rasch ausgreifende Arm des Buben sie erreichte, war sie ihm schon
entschlüpft und mit Sätzen, so flüchtig wie ein gejagter Hirsch, flog sie
gegen das schroffe, abschüssige Ufer des Arkansas zu.
Hendricks folgte ihr im Nu und es gab keinen rascheren Läufer in der Range,
aber gleich beim Ansprung stolperte er über die Leiche des alten Mannes,
die Entfernung bis zum Uferrand betrug überdieß kaum mehr als zwanzig
Schritt. Als er sich rasch wieder aufgerafft und schon die Hand
ausstreckte, um Betsy's wehendes Kleid zu erfassen, hatte sie den Rand
erreicht und warf sich mit einem Angstschrei in die gelbe gurgelnde Fluth
hinab.
Hendricks schrak zurück, denn fast wäre er ihr selber in der Wucht des
Laufes, nachgestürzt. Aber konnte sie ihm selbst jetzt entgehen? sein Canoe
lag gleich unterhalb -- zwei seiner Leute warteten darin.
»Teufel,« zischte er aber zwischen die Zähne durch, als er erst jetzt
-- bis dahin völlig mit seinem Bubenstück beschäftigt -- das gerade
aufkommende kleine Dampfboot entdeckte, das indessen fast unter der Landung
angelangt und so geräuschlos aufgerückt war, da die steile Uferbank
den Schall dämpfte. Von diesem aber war schon ein Boot abgestoßen,
das jedenfalls Passagiere etwas weiter unten absetzen wollte und das
hinabspringende Mädchen mußte von ihnen gesehen, ihr Schrei jedenfalls
gehört sein, denn im Nu wandte sich der Bug des kleinen Bootes stromauf.
In wilder Wuth, sich so getäuscht zu sehen, riß der Räuber die Büchse an
die Backe -- er wollte Rache -- aber die Waffe war ja, nach dem Schuß,
der den alten Jenkins so feige niedergeworfen, noch nicht wieder geladen
worden.
Ein zweiter Blick überzeugte ihn aber auch, daß die Leute im Boot
bewaffnet, daß es Soldaten waren, und schon pfiff eine Kugel dicht an
seinem Ohr vorüber, die, aus dem Boot abgefeuert, wohl nur durch das
Schwanken desselben ihr Ziel verfehlt hatte.
»Wo kommen die Canaillen jetzt auf einmal her,« rief einer seiner
Kameraden, der zu ihm gesprungen war, aber auch bei dem Schuß zurückfuhr.
»Ich werde ihnen einmal ein Stück Blei hinüber schicken.«
»Fort! fort!« rief aber Hendricks, der todtenbleich geworden war, »das ist
der Sohn dessen da« -- und scheu zeigte er nach der Leiche -- »fort.«
»Aber so viel Zeit haben wir doch wahrhaftig,« rief sein Gefährte, »daß
wir das Nest erst noch plündern und in Brand stecken können. Die brauchen
wenigstens noch eine Viertelstunde, ehe sie zu uns hier heraufkommen
können.«
»Fort,« wiederholte aber Hendricks und warf scheu den Blick umher, als
ob er schon jetzt das Nahen der Rächer fürchte -- »der Platz wird hier zu
warm. Säumen wir nur noch Minuten hier, so sind wir verloren.« Und ohne
nur einen weiteren Einwurf abzuwarten, ja ohne sich selbst Zeit zu nehmen,
seine Büchse wieder zu laden, sprang er über den freien Hofplatz an der
Leiche vorbei, hinaus aus der Fenz, warf sich auf sein Thier und floh damit
in den Wald hinein.
Die Uebrigen hätten den einmal gewonnenen Platz allerdings nicht gern
sogleich wieder verlassen. Die Furcht des Kameraden schien aber auch sie
anzustecken.
Jenkins Frau, die wieder krank auf ihrem Bett gelegen, war aufgesprungen
und erfüllte jetzt, als sie die Leiche des Gatten am Boden liegen sah, die
Luft mit ihrem Wehegeschrei, die verwundeten Hunde heulten, und der scharf
ausgestoßene Dampf des kleinen Bootes, dicht unter der Farm, machte das
Ganze ebenfalls unruhig genug. Es war den Schurken selber nicht mehr recht
geheuer da oben, und was sie nur im Moment fassen konnten, die Büchsen im
Haus und die Kugeltaschen, griffen sie auf und folgten dann, nicht
viel langsamer als Hendricks ihnen vorangegangen war, dem Führer in das
Dickicht.
Fünftes Kapitel.
Die Rückkehr.
Zu spät -- zu spät nur um wenige Minuten kam die Hülfe, weil das Boot
auf der Sandbank festgesessen! Hatte denn Gott selber gewollt, daß so
Furchtbares geschehen sollte, wo es so leicht gewesen war, es abzuwenden,
oder herrscht nur ein blinder Zufall auf dieser Welt, der eben geschehen
ließ, was geschah, ohne sich weiter darum zu kümmern?
Jim Jenkins kniete neben der Leiche seines gemordeten Vaters. Nur die
Schwester hatte er mühsam mit dem Boot gerettet, und mit wenigen Worten, ja
nur mit den zwei Silben -- Hendricks -- das Furchtbare erfahren.
John Wells, der mit ihm zurückgekehrt, war den Verbrechern mit Cook und
noch einigen andern zur Begleitung nachgeeilt, um sich nur wenigstens der
Richtung zu vergewissern, in der sie geflohen wären. Daß ein Canoe unten
an der Landung lag, hatten sie gar nicht beachtet, und die beiden dabei
gestörten Räuber sich wohl gehütet, aus den Büschen herauszukommen, in
welche sie sich bei der Ankunft des Dampfers zurückgezogen. Jetzt erst, als
dieser vorüber war, drückten diese sich wieder in ihr schwankes Fahrzeug,
und Jenkins eigenes Canoe ebenfalls abschneidend, nahmen sie es mit stromab
zu dem schon früher mit den Genossen besprochenen Versteck. Dadurch machten
sie eine Verfolgung auf dem Strom vor der Hand unmöglich, und daß sie im
Wald niemand finden sollte, dafür wollten sie schon Sorge tragen.