Eulers aus Glas und Wasser zusammengesetztes Objektivglas[740].]

Auch mit einem wichtigen Problem der angewandten Mechanik hat sich

*Euler* beschäftigt. Im Jahre 1750 hatte *Segner* das nach ihm benannte

Wasserrad erfunden[741]. Dies veranlaßte *Euler*, eine »Vollständigere

Theorie der Maschinen, die durch die Reaktion des Wassers in Bewegung

gesetzt werden«, zu entwickeln[742]. Die Arbeiten von *Segner* und

*Euler* sind für den Bau der horizontalen Wasserräder (Turbinen)

grundlegend gewesen. Die soeben erwähnte Abhandlung *Eulers* wird

selbst heute noch als nur wenig veraltet betrachtet[743]. *Euler*

löst in ihr die Aufgabe, die Leistung einer hydraulischen Maschine

zu finden, die für ein gegebenes Gefälle und einen bestimmten

Wasserverbrauch gebaut ist. Ferner wird an einer Reihe von Beispielen

gezeigt, wie man für gewisse Bedingungen die größtmögliche Leistung der

Turbine berechnen kann.

Die Begründung der analytischen Mechanik.

Der Weg zu der dem 18. Jahrhundert gelungenen, vorläufig abschließenden

Gestaltung der Mechanik führt von den *Bernoullis* und *Euler* über

*d'Alembert* zu *Lagrange*, dem großen Analytiker, dem jener Abschluß

vorbehalten blieb. Die durch *Euler* repräsentierte, ältere Generation

begnügte sich mit der Lösung zahlreicher, isolierter Aufgaben aus

allen Teilen der angewandten Mathematik. Für jedes Problem mußte man

daher einen neuen Weg, für jede Aufgabe besondere Kunstgriffe suchen,

so daß nur die hervorragendsten mathematischen Talente sich auf dem

Gebiete der Mechanik betätigen konnten. Durch *d'Alembert* und in noch

höherem Grade durch *Lagrange* wurde dieser Mangel beseitigt, indem sie

die allgemeinen Sätze fanden, die auf ganze Gruppen von mechanischen

Aufgaben anwendbar sind. *D'Alembert* war es, der diese »Formgebung«

der Mechanik einleitete, während *Lagrange* sie vollendete[744]. Diese

Bedeutung *d'Alemberts* rechtfertigt es, daß wir nicht nur seinem

Hauptwerk, sondern auch seinem Lebensgang eine kurze Darstellung

zuteil werden lassen, zumal seine Beziehungen zu den philosophischen

Bestrebungen der Aufklärungsperiode von besonderem Interesse sind.

*D'Alemberts* Lebensumstände waren ganz außergewöhnliche. Zu der Zeit,

als in Frankreich der berüchtigte Herzog von Orleans die Regentschaft

führte, fand man auf den Stufen einer Kirche ein ausgesetztes Kind,

das der Frau des Handwerkers *Alembert* zum Aufziehen übergeben

wurde. Erst als dieses Kind zum Manne geworden, der sich unter dem

Namen *d'Alembert* einen geachteten Namen geschaffen hatte, wurde der

Schleier, der seine Herkunft verbarg, gelüftet. Es stellte sich nämlich

heraus, daß seine Mutter eine Frau war, in deren Salon hervorragende

Schriftsteller, vornehme Militärs und Kleriker, darunter der spätere

Papst *Benedikt XIV.*, verkehrten. Mit 12 Jahren wurde *d'Alembert*

in ein Collège aufgenommen. Er studierte Theologie, die Rechte und

Medizin, bis er sich schließlich mit ausgesprochener Neigung der

Philosophie und den mathematischen Wissenschaften zuwandte.

*D'Alembert* wurde Mitglied der Pariser und der Berliner Akademie.

Den glänzenden Verlockungen, durch die ihn *Friedrich der Große* und

*Katharina II.* an sich zu fesseln suchten, widerstand er. Er blieb in

Frankreich und starb dort im Jahre 1783.

Seine grundlegende »Abhandlung über Dynamik« veröffentlichte

*d'Alembert* im Alter von 26 Jahren (1743)[745]. Sie bedeutet einen

Markstein in der Entwicklung der Mechanik, weil sie für die Bewegung

der Körper ein ebenso einfaches Grundprinzip aufstellte, wie man es für

das Gleichgewicht in dem Prinzip der virtuellen Geschwindigkeiten besaß.

Die Ableitung des *d'Alembert*'schen Prinzips geht auf das Problem

des zusammengesetzten Pendels zurück. Offenbar ist ein solches nichts

anderes als ein Hebel, der sich in Bewegung befindet. An einem solchen

werden die auf jeden Massenpunkt wirkenden Kräfte bekanntlich in zwei

Bestandteile zerlegt, von denen die einen sich gegenseitig aufheben,

zur Bewegung also nicht beitragen, während die anderen im Gegensatz zu

jenen »verlorenen«, sich das Gleichgewicht haltenden Kräften dem System

die Bewegung erteilen. Derjenige Massenpunkt, an dem weder Verlust noch

Gewinn stattfindet, ist der uns aus früheren Betrachtungen bekannte

Schwingungsmittelpunkt. Auch *d'Alembert* behandelt als typischen

Fall für sein Prinzip eine an einem Ende befestigte und im übrigen

mit verschiedenen Körpern beschwerte Stange, also ein System, das

sich gleichfalls als ein zusammengesetztes Pendel oder ein in Bewegung

begriffener Hebel betrachten läßt. Dann zerlegt er, wie es schon vor

ihm *Jakob Bernoulli* bei der Untersuchung des zusammengesetzten

Pendels getan, die wirkenden Kräfte in diejenigen, die im Gleichgewicht

sein müssen, und in diejenigen, welche die Bewegung hervorrufen. In

dieser Art der Betrachtung liegt das Wesen von *d'Alemberts* Prinzip,

das in seiner allgemeinen Fassung folgendermaßen lautet: Werden einem

System von materiellen Punkten oder Körpern Bewegungen mitgeteilt, die

infolge der wechselseitigen Verbindung der Punkte oder Körper eine

Abänderung erfahren, so findet man die resultierenden Bewegungen auf

folgende Weise. Man zerlege die jedem Körper mitgeteilten Bewegungen

in je zwei andere a, α; b, β; c, γ ... derart, daß die Körper, wenn

man ihnen nur die Bewegungen a, b, c beigelegt hätte, diese Bewegungen

hätten bewahren können, ohne sich gegenseitig zu hindern; und daß, wenn

man ihnen nur die Bewegungen α, β, γ ... eingeprägt hätte, das System

in Ruhe geblieben wäre. Dann werden a, b, c ... die Bewegungen sein,

welche diese Körper infolge ihrer Wechselwirkung annehmen.

Zahlreiche Anwendungen seines Prinzips hat *d'Alembert* im dritten

Abschnitt seiner Abhandlung geboten[746]. Ferner gelang es ihm,

die Theorie der Bewegung der Flüssigkeiten auf sein Prinzip

zurückzuführen[747]. *D'Alembert* huldigte der zu seiner Zeit

verbreiteten Ansicht, daß die Prinzipien der Mechanik beweisbar

seien. Die Scheinbeweise, die er bringt, laufen indessen nur darauf

hinaus, daß der behauptete Satz wahr sei, weil für das Gegenteil

kein genügender Grund vorliege. Ein Zweifel hinsichtlich des Wesens

der mechanischen Prinzipien spricht sich indessen schon in der zu

jener Zeit gestellten Preisfrage der Berliner Akademie aus, »ob die

Gesetze von notwendiger oder nur erfahrungsmäßiger Wahrheit seien«.

*D'Alemberts* Satz führt offenbar die Aufgaben der Dynamik auf

Gleichgewichtsuntersuchungen und die dabei gewonnenen Erfahrungen

zurück. Der Satz macht die Erfahrung nicht etwa überflüssig. Er hat den

»Wert einer Schablone« zur bequemen Lösung von Aufgaben. Er fördert

»nicht so sehr das Durchblicken der Vorgänge, als ihre praktische

Bewältigung«[748].

Bevor wir näher auf die weitere Entwicklung der Physik eingehen, wollen

wir uns mit dem Manne beschäftigen, der an *Eulers* Stelle trat und

das Werk dieses Meisters fortgeführt hat. Das war *Lagrange*. Ihm

und *Euler* ist es gelungen, anstatt des synthetischen Verfahrens

früherer Jahrhunderte in allen Zweigen der reinen und der angewandten

Mathematik, das rechnerische, analytische Verfahren zur Durchführung zu

bringen.

*Lagrange* ist sowohl in amtlicher als in wissenschaftlicher Beziehung

als der Nachfolger *Eulers* zu bezeichnen. Er wurde nämlich nach dem

Fortgange *Eulers* (1766) in die Preußische Akademie der Wissenschaften

aufgenommen und wirkte bis zum Tode *Friedrichs des Großen* (1786)

in Berlin. Ein besserer Ersatz für *Euler* war nicht zu finden. An

Bedeutung für die Weiterentwicklung der Mechanik trat *Lagrange* gegen

*Euler* nicht zurück, so daß die Preußische Akademie sich rühmen

kann, fast ein halbes Jahrhundert die beiden größten Meister dieser

Wissenschaft zu den Ihren gezählt zu haben.

Wie sehr die staatliche Fürsorge den Fortschritt der Wissenschaften

mitunter beeinflußt hat, das zeigt vor allem das Preußen *Friedrichs

des Großen*. Unter dem rauhen, jedes wissenschaftlichen Sinnes baren

Vater dieses Monarchen hatte die Preußische Akademie, in der sich

während des späteren Verlaufs des 18. Jahrhunderts das regste geistige

Leben verkörperte, ein geradezu klägliches Dasein gefristet. Der König

hatte für die Gelehrten seines Staates kaum etwas anderes übrig als

Spott. Der kulturelle und der politische Fortschritt Preußens wären

unterblieben, wenn die Wissenschaften dort auch weiterhin eine so

geringe Beachtung gefunden hätten wie zur Zeit *Friedrich Wilhelms

I.* Was dieser versäumte, hat jedoch sein großer Sohn vollauf wieder

ausgeglichen. Und zwar geschah dies nicht nur durch äußere Mittel,

sondern vor allem durch die persönliche Anteilnahme und das stete

Wohlwollen, das er den Gelehrten entgegenbrachte, sowie durch den

Schutz, den er ihnen allen reaktionären Strömungen gegenüber bot.

Wenn man sich die Entdeckungen und die Arbeiten vergegenwärtigt,

welche die Mathematiker, Astronomen, Physiker, Chemiker, Anatomen

und Botaniker der Preußischen Akademie während der Fridericianischen

Periode geleistet haben, so muß man dem Historiker[749] dieser Akademie

darin recht geben, daß sie in Hinsicht auf die Naturwissenschaften zu

jener Zeit von keiner anderen Akademie übertroffen worden sei. Man

darf indessen nicht vergessen, daß ihre hervorragendsten Mitglieder

Ausländer waren. Doch kehren wir zu *Lagrange* zurück.

*Joseph Louis Lagrange* wurde am 25. Januar 1736 in Turin geboren.

Sein Vater stammte aus Frankreich; dieser geriet in Turin in solch

mißliche Verhältnisse, daß der junge *Lagrange*, der Jüngste unter

elf Geschwistern, frühzeitig auf seine eigene Kraft angewiesen war.

*Lagrange* hat diesen Umstand später oft als ein Glück bezeichnet. Er

meinte, hätte er Vermögen gehabt, so würde er die Mathematik nicht

geliebt, vielleicht nicht einmal kennen gelernt haben. So sehen wir

ihn, kaum 19 Jahre alt, bereits als Lehrer der Mathematik an einer

Artillerieschule unterrichten, wo er jünger als ein Teil seiner Schüler

war. Mit *Euler* und *d'Alembert* wurde *Lagrange* dadurch bekannt,

daß er sich gleich den genannten großen Mathematikern mit dem damals

so viel erörterten Problem der Saitenschwingungen befaßte. Zu einer

Berühmtheit wurde *Lagrange*, als er mit 28 Jahren (1764) den großen

mathematischen Preis der Pariser Akademie für eine Arbeit über die

Libration des Mondes[750] erhielt. Bei dieser Untersuchung hat er

zum ersten Male das Prinzip der virtuellen Geschwindigkeiten[751]

angewandt, das er an die Spitze der analytischen Mechanik stellte. Nach

Berlin war *Lagrange* durch Vermittlung *d'Alemberts* gekommen, den

*Friedrich der Große* zunächst und zwar vergeblich um die Übernahme der

bisher von *Euler* verwalteten Stelle zu gewinnen suchte. Nach dem Tode

des großen Königs wurde *Lagrange* der Aufenthalt in Berlin durch einen

Minister aber derartig verleidet, daß er nach Paris zurückkehrte, wo

ihm durch Vermittlung der Königin freie Wohnung im Louvre angewiesen

wurde. In Paris veröffentlichte er im Jahre 1788 sein Hauptwerk,

die Mécanique analytique. Da *Lagrange* im öffentlichen Leben nicht

hervortrat, so wurde er durch die Wirren der Revolutionszeit auch

nur wenig behelligt. Er wirkte während dieses Zeitabschnittes an der

École Polytechnique und war auch in der Kommission tätig, die 1792 mit

der Festsetzung des neuen Maßsystems beauftragt wurde. *Napoleon*,

der größte Förderer der exakten Wissenschaften, den die Geschichte

kennt, überhäufte ihn mit Ehren und nannte ihn, halb im Scherz, halb

aus Bewunderung, »La haute pyramide des sciences mathématiques«.

*Lagrange* starb am 10. April des Jahres 1813 und wurde im Pantheon

bestattet. Seine Bedeutung hat *Laplace* in einem Nachruf mit folgenden

Worten gekennzeichnet: »*Lagrange* hat gleich *Newton* in höchstem Maße

die glückliche Kunst besessen, die allgemeinen Prinzipien zu entdecken,

die das Wesen der Wissenschaft ausmachen. Diese Kunst verstand er mit

einer seltenen Eleganz in der Entwicklung der abstraktesten Theorien zu

verbinden.«

Fortschritte der Mathematik.

Wir beschäftigen uns zunächst mit dem Anteil, den *Lagrange* an der

Entwicklung der reinen Mathematik genommen hat. Auf diesem Gebiete

setzte er die Arbeit der *Bernoulli* und *Eulers* fort. Nur erwähnt

seien *Lagranges* Zusätze zu *Eulers* Elementen der Algebra. Sie

beziehen sich auf das Gebiet der unbestimmten oder diophantischen

Analysis, dem *Euler* den letzten Teil seines Werkes widmete.

Diese Untersuchungen gehören der reinen Mathematik an und stehen

mit der Entwicklung der Naturwissenschaften in einem nur lockeren

Zusammenhange. Sie haben aber in der neuesten Zeit die Grundlage für

die Theorie der algebraischen Zahlen gebildet und sind aus diesem

Grunde vor kurzem durch eine deutsche Übersetzung zugänglicher gemacht

worden[752].

Mit den unbestimmten Gleichungen befaßt sich *Lagrange* auch in einer

für dieses Gebiet grundlegenden Abhandlung vom Jahre 1768[753]. Er

bewältigt darin die Aufgabe, alle unbestimmten Gleichungen zweiten

Grades mit zwei Unbekannten durch ganze Zahlen zu lösen. Der Versuch,

solche Gleichungen zu lösen, reicht weit in der Geschichte der

Mathematik zurück. *Fermat* gelang die Lösung, doch hat er sein

Verfahren nicht bekannt gegeben. Es blieb daher *Lagrange* vorbehalten,

ein allgemeines Verfahren zu entwickeln und zu beweisen, daß jene

Gleichungen stets in ganzen Zahlen lösbar sind. Da sich nun jede

Gleichung zweiten Grades mit zwei Unbekannten auf die einfache Form A

= x^2 + By^2 bringen läßt, so war das Problem in seiner Allgemeinheit

gelöst.

Gleichfalls an *Euler* anknüpfend, hat *Lagrange* ferner die Theorie

der partiellen Differentialgleichungen mitbegründet. Wird eine

Gleichung y = f(x) differenziert, so läßt sich aus der entstandenen

Differentialgleichung durch Integration die ursprüngliche Gleichung

wiederherstellen. Eine solche Integration ist jedoch nicht für jede

beliebige Differentialgleichung möglich. Es galt daher, ein Kennzeichen

für die Integrierbarkeit einer Differentialgleichung zu finden, und

diese Aufgabe löste *Euler* für solche Gleichungen erster Ordnung

schon 1734. Später dehnte er mit Erfolg diese Untersuchungen auf

Differentialgleichungen höherer Ordnung aus. Zu einer allgemeinen

Theorie für dieses Gebiet ist *Euler* allerdings nicht gelangt, sondern

er beschränkte sich auf die Durchführung zahlreicher besonderer Fälle

von Integrationen. Die allgemeine Lösung des Problems blieb *Laplace*

und den Mathematikern des 19. Jahrhunderts (*Pfaff*, *Cauchy* und

anderen) vorbehalten.

Die Abhandlungen von *Lagrange*, welche die Lehre von der Integration

der Differentialgleichungen förderten, fallen in den Zeitraum von

1772-1785. Seine Untersuchung vom Jahre 1772 Ȇber die Integration

der partiellen Differentialgleichungen erster Ordnung« wurde auch

in deutscher Übersetzung zugänglich gemacht[754]. Eine vollständige

Integrationsmethode für lineare partielle Differentialgleichungen mit

beliebig vielen Veränderlichen fand *Lagrange* indessen erst sieben

Jahre später, nachdem er sich dem durch *Eulers* Untersuchungen

gestellten Problem zugewandt hatte.

Mit *Lagrange* begann auch eine neue Epoche in der Behandlung der

Maxima- und Minimaaufgaben. Der Fortschritt bestand darin, daß er die

analytische Bewältigung der hierher gehörigen Probleme ins Auge faßte,

während die *Bernoulli* und *Euler* vorzugsweise geometrisch verfuhren.

Die hierbei befolgte Methode von *Lagrange* bestand in einer engen

Verbindung der Differential- mit der Integralrechnung und wurde von

*Euler* mit dem besonderen Namen der »Variationsrechnung« belegt. Die

grundlegende Abhandlung von *Lagrange* für diesen Teil der höheren

Analysis erschien im Jahre 1762[755].

Wie die Isoperimeterprobleme[756] seit dem Altertum behandelt und

insbesondere durch *Fermat* gefördert wurden, haben wir an früherer

Stelle[757] erfahren. Während des 18. Jahrhunderts waren es zunächst

die *Bernoulli* und *Euler*, die sich mit diesen Problemen befaßten. In

seiner epochemachenden Abhandlung vom Jahre 1762 löste *Lagrange* in

seiner Allgemeinheit das Problem, für eine Integralformel ∫Z, in der Z

eine bestimmte Funktion der Variabeln x, y, z und ihrer Differentiale

bezeichnet, diejenige Relation zu finden, welche diese Variabeln unter

sich haben müssen, damit ∫Z ein Maximum oder ein Minimum wird. Dann

wendet er sich zur Erläuterung seiner Methode der Brachystochrone

zu, einer Kurve, die in der Geschichte der Mathematik ihre besondere

Bedeutung besitzt, weil sie den Untersuchungen der *Bernoulli* über

isoperimetrische Probleme zum Ausgangspunkt gedient hat[758].

Eine Vereinfachung und Vervollständigung der Variationsrechnung hat

*Lagrange* in einer Abhandlung[759] vom Jahre 1770 und vor allem in

seiner »Analytischen Mechanik« (1788) gegeben. Auch *Legendre* und

später *Jacobi* haben wertvolle Beiträge zur weiteren Ausgestaltung des

für die mathematische Physik so wichtigen Verfahrens geliefert[760].

Die Grundformeln der analytischen Mechanik.

*Lagrange* war es vorbehalten, die Mechanik in ein System zu bringen

und durch die Verbindung des Prinzips der virtuellen Geschwindigkeiten

mit dem Satze von *d'Alembert* diejenige Gleichung abzuleiten, die

er selbst als die dynamische Grundformel bezeichnete, weil sich

danach »die Bewegung irgend eines Systems von Körpern regelt«[761].

Durch diese Leistung *Lagranges* ist seine »Mécanique analytique«

vom Jahre 1788 zum Fundament der neueren Mechanik geworden und zu

einer Bedeutung gelangt, die derjenigen, die *Newtons* »Prinzipien«

für das vorhergehende Zeitalter besaßen, fast gleichkommt. Ein

wesentlicher Unterschied zwischen *Newton* und *Lagrange* besteht

indessen darin, daß *Newton* seine Sätze an der Figur entwickelte und

somit rein geometrisch (synthetisch) verfuhr, während *Lagrange* und

sein Vorgänger *Euler* auf dem Gebiete der Mechanik die analytische

oder rechnende Methode begründeten. Das Bestreben dieser Analytiker

lief darauf hinaus, zu möglichst umfassenden Formeln zu gelangen,

welche die Behandlung der zahlreichen Einzelfälle nach dem gleichen

Schema ermöglichen und sie dadurch erleichtern. In diesem Sinne ist

*Lagranges* analytische Mechanik wohl als eine der großartigsten

Leistungen für die Ökonomie des Denkens bezeichnet worden[762].

Für die Statik leitete *Lagrange* die allgemeine Formel für das

Gleichgewicht eines beliebigen Systems von Kräften aus dem Prinzip der

virtuellen Verschiebungen ab. Wirken auf eine Anzahl von Massenpunkten,

die zu einem System verbunden sind, die Kräfte P_{1}, P_{2}, P_{3} ...

und sind die entsprechenden virtuellen Verschiebungen p_{1}, p_{2},

p_{3} ..., so herrscht in dem System Gleichgewicht, wenn P_{1}p_{1} +

P_{2}p_{2} + P_{3}p_{3} + ... = 0 ist. Der kürzeste Ausdruck für diese

Grundformel der Statik lautet:

∑Pp = 0.

Bezieht man die Massenpunkte auf ein rechtwinkliges Koordinatensystem

und zerlegt jede Kraft in ihre parallel zu den Koordinatenachsen

wirkenden Komponenten, so lautet die Formel:

∑(Xdx + Ydy + Zdz) = 0.

Die Komponenten für die einzelnen Massenpunkte sind X_{1}Y_{1}Z_{1},

X_{2}Y_{2}Z_{2} usw. Ferner sind die virtuellen Verschiebungen für

die zuletzt erwähnte Formel, gleichfalls parallel den Achsen zerlegt,

dx_{1}dy_{1}dz_{1}, dx_{2}dy_{2}dz_{2} usw.

Die Ableitung der Grundformel für die Dynamik aus dem Prinzip

der virtuellen Geschwindigkeiten in Verknüpfung mit dem Satz von

*d'Alembert* gestaltet sich folgendermaßen. Es seien m_{1}m_{2}m_{3}

... die Massenpunkte, x_{1}y_{1}z_{1}, x_{2}y_{2}z_{2} ... die

zugehörigen Koordinaten, und X_{1}Y_{1}Z_{1}, X_{2}Y_{2}Z_{2} ...

wieder die Kraftkomponenten. Da die Massenpunkte unter sich verbunden

sind, so führen sie Bewegungen aus, welche durch die Kräfte

m_{1}d^2x_{1}/(dt^2), m_{1}d^2y_{1}/(dt^2), m_{1}d^2z_{1}/(dt^2) ... an

den nicht miteinander verbundenen Massen hervorgerufen werden können.

Diese Kräfte und die angreifenden Kräfte X, Y, Z ... stehen nach

*d'Alemberts* Prinzip im Gleichgewicht. Wendet man darauf das Prinzip

der virtuellen Verschiebungen an, so ergibt sich die Formel:

Σm(d^2x/(dt^2)δx + d^2y/(dt^2)δy + d^2z/(dt^2)δz)

= Σm(Xδx + Yδy + Zδz).

Dafür kann man auch schreiben:

Σ{m(X - d^2x/(dt^2))δx + m(Y - d^2y/(dt^2))δy + m(Z - d^2z/(dt^2))δz}

= 0.

Die Grundformeln der analytischen Mechanik geben uns nicht etwa neue

Aufschlüsse über die Natur der mechanischen Vorgänge, sondern sie

bauen sich auf schon bekannten Prinzipien auf. Was sie bieten, ist die

Möglichkeit, mit ihrer Hilfe auf rechnerischem Wege zur Bewältigung der

Einzelfälle dieser Wissenschaft zu gelangen[763]. Die Vervollkommnung,

welche die analytische Mechanik seit *Lagrange* durch *Poisson*,

*Green*, *Hamilton*, *Gauß*, *Helmholtz* und andere Forscher erfuhr,

hing daher von der weiteren Entwicklung des Kalküls ab.

Durch seine »Analytische Mechanik« förderte *Lagrange* nicht nur

die mathematische Physik, sondern vor allem auch die theoretische

Astronomie. Um letztere machte sich *Lagrange* außerdem noch durch eine

Reihe von Abhandlungen verdient, unter denen sein »Versuch einer neuen

Methode, um das Problem der drei Körper zu lösen« besondere Erwähnung

verdient[764].

Die Abweichungen, die ein Planet in seiner elliptischen Bahn um den

Zentralkörper durch den Einfluß eines dritten Weltkörpers erfährt,

hatte *Newton* noch nicht in Rechnung ziehen können. Die ersten, denen

dies für besondere Fälle gelang, waren *Clairaut* und *Euler*. Nach

ihnen haben sich um die Bewältigung dieses Problems *Lagrange* und ganz

besonders *Laplace* verdient gemacht. War man auch nicht imstande,

eine völlig befriedigende Theorie zu finden, so erkannte man doch, daß

auch unter dem Einfluß eines dritten Körpers eine elliptische Bewegung

stattfindet, bei der jedoch die Elemente der Ellipse sehr langsamen

(säkularen) Änderungen unterworfen sind. Da also im Verlaufe langer

Zeiträume periodisch derselbe Zustand wieder eintritt, so erschien die

Stabilität des Sonnensystems gesichert.

Endlich sei noch erwähnt, daß *Lagrange* die mathematische Analyse

auch in den Dienst der Kartographie gestellt hat. Der erste, der die

Theorie dieser Disziplin unter allgemeine Gesichtspunkte zu bringen

suchte, war bekanntlich *Lambert*[765]. Er stellte sich die Aufgabe,

die Lage der Längen- und Breitenkreise so zu bestimmen, daß alle

auf der Karte vorkommenden Winkel den betreffenden Winkeln auf der

Erdkugel gleich sind. Dieselbe Aufgabe beschäftigte auch *Euler*[766].

Während *Lambert* und *Euler* sich noch auf bestimmte Projektionsarten

beschränkten, suchte *Lagrange* der Theorie eine größere Allgemeinheit

zu geben, indem er alle Fälle in Betracht zog, in welchen die Meridiane

und die Parallelkreise durch Kreise wiedergegeben werden[767].

Die Begründung der Photometrie.

Die Ausdehnung der mathematischen Analyse auf sämtliche Gebiete der

Naturwissenschaft kam im 18. Jahrhundert nicht nur der reinen und

der angewandten Mechanik, sondern auch der Optik und der so lange

vernachlässigten Akustik zugute.

Die Optik war bis auf *Keplers* und *Scheiners* Zeit eine vorwiegend

geometrische Wissenschaft gewesen. *Scheiner* errichtete die Grundlagen

für die physiologische Optik. Eine bemerkenswerte Erweiterung der

Theorie des Sehens unter Berücksichtigung der physiologischen und der

physikalischen, insbesondere der quantitativen Seite, erfolgte um die

Mitte des 18. Jahrhunderts durch *Lambert*, den wir als den Begründer

der Photometrie bezeichnen müssen. *Lambert* erschöpfte dies Gebiet in

einer Weise, daß seit dem Erscheinen seines großen, diesen Wissenszweig

behandelnden Hauptwerkes[768] nur wenige die Photometrie betreffende

Fragen aufgeworfen und erörtert worden sind, die er nicht schon

behandelt oder gestreift hätte.

*Johann Heinrich Lambert* wurde am 26. August des Jahres 1728 zu

Mülhausen im Elsaß als Sohn eines armen Handwerkers geboren. Da es an

Mitteln fehlte, um den hochbegabten Knaben, dem Rate seiner Lehrer

entsprechend, studieren zu lassen, war *Lambert* zunächst gezwungen,

das Schneiderhandwerk zu erlernen. Seiner schönen Handschrift verdankte

er dann eine Anstellung als Schreiber. Zunächst war er als solcher in

einem Eisenwerk, später bei einem Professor der Rechtswissenschaft

in Basel tätig. Letzterer ließ ihm einen Teil des Tages zur

wissenschaftlichen Weiterbildung frei, und so vermochte es *Lambert*,

die Lücken seiner Bildung auszufüllen. Sein Gönner verschaffte ihm

darauf eine Stelle als Erzieher in einem gräflichen Hause. Hier und in

den Jahren, die er mit seinen Zöglingen auf der Universität verlebte,

fand *Lambert* Muße, sich eingehender mit wissenschaftlicher Arbeit zu

befassen. Sein Interesse war besonders der Astronomie zugewandt. Aus

dem Bestreben, gewisse astronomische Fragen zu lösen, entsprang auch

seine Beschäftigung mit der Lehre vom Licht. Bald nachdem *Lambert*

seine Tätigkeit als Erzieher aufgegeben hatte, erschienen rasch

nacheinander seine drei Hauptwerke, nämlich die Photometrie (1760),

eine Abhandlung über den Lauf der Kometen und seine kosmologischen

Briefe (1761). *Lambert* war dadurch als kaum Dreißigjähriger mit einem

Schlage zu einer europäischen Berühmtheit geworden. Auch als Philosoph

gewann der vielseitige Mann einen solch hervorragenden Ruf, daß *Kant*

ihn für einen der ersten unter seinen Zeitgenossen hielt[769]. *Kant*

schrieb an *Lambert*, er halte ihn für das größte Genie Deutschlands

und für den geeigneten Mann, die Philosophie zu reformieren. Er selbst

wolle keine Zeile in seinen Werken stehen lassen, die *Lambert*

nicht deutlich finde. Die Bemühungen der Petersburger Akademie um

*Lambert* wurden dadurch vereitelt, daß ihn die Berliner Akademie zum

Mitglied ihrer physikalischen Klasse mit einem Jahresgehalt von 500

Talern ernannte. *Lambert* stand in regem wissenschaftlichen Verkehr

mit *Euler* und *Lagrange*. Er starb am 25. September 1777. Sein

frühzeitiger Tod wird darauf zurückgeführt, daß er durch übermäßiges

Arbeiten seine Gesundheit untergrub.

Über *Lambert* besitzen wir folgende Charakterzeichnung: »Er war

gleichgültig gegen alles, was das Leben schön und behaglich macht. Sein

Kopf arbeitete unbehelligt durch Leidenschaften wie eine schwer zum

Stehen zu bringende Maschine. Dabei war er harmlos und naturwüchsig.

In der Mathematik stand *Lambert* nicht auf der Höhe von *Euler* und

*Lagrange*. In der Astronomie war er kein *Herschel*, in der Physik

kein *Newton*. In der Philosophie gebrach es ihm an *Leibnizens* Fülle

und Beweglichkeit und an *Kants* bohrendem Tiefsinn. Aber, daß er alle

vier Disziplinen mit grundlegenden und fortbildungsfähigen Arbeiten

befruchtete, macht ihn doch den Größten ähnlich.«

Auf dem Gebiete der Photometrie war vor *Lambert* nur wenig geschehen.

*Kepler* hatte zwar den Hauptsatz, daß die Lichtstärke mit dem Quadrate

der Entfernung abnimmt, geometrisch abgeleitet, zu Versuchen, die

Lichtstärken verschiedener leuchtender Körper zu vergleichen, war

indessen erst *Huygens* übergegangen. Das erste wirkliche Photometer

hatte dann der Franzose *Bouguer* (1698 bis 1758) geschaffen. Es

bestand aus zwei durchscheinenden Schirmen, die sich in den Öffnungen

*OO^1* (s. Abb. 123) befanden. Damit das Licht der beiden Lichtquellen

sich nicht vermischen konnte, war zwischen den beiden Öffnungen nach

der Seite der Flammen eine Scheidewand (F) angebracht. Die Lichtquelle,

deren Stärke zu messen war, wurde verschoben, bis dem vor *OO^1*

befindlichen Auge die transparenten, in *OO^1* befindlichen Schirme

gleich hell erschienen.

[Illustration: Abb. 123. Bouguers Photometer.]

*Bouguer* verfaßte auch ein Werk über die Photometrie, das 1760, also

gleichzeitig mit *Lamberts*, denselben Gegenstand betreffender Schrift

erschien, von *Lambert* also nicht berücksichtigt werden konnte[770].

Es läßt sich begreifen, daß die Verdienste *Bouguers* und *Lamberts*

um die Begründung des neuen Wissenszweiges gegeneinander abgewogen

wurden, und es hat nicht an Stimmen gefehlt, die *Lambert* gegenüber

*Bouguer* zu verkleinern suchten[771]. Anerkannt muß werden, daß der

französische den deutschen Forscher in der Anstellung sinnreicher

und sorgfältiger Versuche übertraf, während *Lambert* bei seinen

experimentellen Untersuchungen sogar mit einer gewissen Nachlässigkeit

verfuhr. Bestand doch sein ganzes Instrumentarium nur aus drei

kleinen Spiegeln, zwei Linsen, einigen Glasplatten und einem Prisma.

Andererseits gebührt *Lambert* das Verdienst, die Begriffe und das

System der Photometrie geschaffen zu haben. Während *Bouguer* sich an

Beobachtungen hält und aus ihnen nicht mehr folgert, als sich streng

genommen daraus folgern läßt[772], weiß *Lambert* jedem Problem eine,

bis zum Ziel gelangende, mathematische Lösung zu geben. Allerdings

war dies mitunter nur auf Grund einer so weit gehenden Vereinfachung

der Voraussetzungen möglich, daß das Ergebnis der Rechnung nur als

eine rohe Annäherung an die wirklichen Verhältnisse betrachtet werden

durfte. Daß der Franzose, wie wir hervorhoben, die Beobachtung und die

genaue Messung, der Deutsche dagegen die Begriffsbestimmung und die

Ableitung, unbeschadet mangelhafter Empirie, in den Vordergrund stellt,

war kein Zufall, sondern entsprach der Eigenart französischen und

deutschen Geistes. Ein ähnliches Verhältnis waltete im 18. Jahrhundert

zwischen den englischen und den deutschen Geisteserzeugnissen. Daß

die Deutschen die Vorzüge der westeuropäischen Forschungsweise sich

anzueignen und mit den eigenen Vorzügen zu verbinden wußten, hat dem

Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts die führende Rolle auf manchen

Gebieten der Naturwissenschaften eingebracht.

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen und der Eingliederung *Lamberts* in

die Reihe seiner Zeitgenossen[773] wenden wir uns seiner Photometrie

zu, einem Werke, das, wie sein Herausgeber hervorhebt, für den

Astrophysiker ebenso unentbehrlich ist, wie für den Astronomen

*Laplaces* Mécanique céleste[774].

*Lambert* beginnt mit einer Betrachtung der Grundbegriffe der

Photometrie. Gerade dasjenige, meint er, sei unserer Einsicht am

meisten verschlossen, was der sinnlichen Wahrnehmung fortwährend

begegne. Dafür stelle die Theorie des Lichtes ein ausgezeichnetes

Beispiel dar. Daß diese nicht genüge, könne man schon daraus schließen,

daß zwei so verschiedene Hypothesen wie diejenige von *Newton*

und *Euler* (richtiger *Huygens*) zur Erklärung der Erscheinungen

angewendet würden. Die erstere liege dem Verständnis näher, doch

entspreche *Eulers* Theorie wohl mehr der Natur der Sache. *Lambert*

knüpft daran einen oft wiederholten Ausspruch über die Beurteilung von

Hypothesen. Seine Worte lauten: »Unter die vornehmsten und sichersten

Kriterien dafür, daß eine Hypothese sich der Wahrheit nähert, muß man

den Fall nehmen, wenn man aus ihrem Lehrgebäude den Eintritt neuer

Erscheinungen vorhersehen und wenn man Sätze daraus folgern kann, denen

die zu diesem Zwecke angestellten Versuche beipflichten«[775]. Diese

Prüfung sollte erst weit später zugunsten der von *Huygens* und *Euler*

vertretenen Wellentheorie entscheiden[776].

Da es für photometrische Untersuchungen kein absolutes Maß gibt,

sondern stets ein sehr subjektiver Faktor, das Urteil des Auges

nämlich, in Betracht gezogen werden muß, macht *Lambert* die

Voraussetzung, *daß »eine Erscheinung stets dieselbe ist, so oft

dasselbe Auge auf die gleiche Weise affiziert wird*«. Das Auge sei bei

verschiedenen Helligkeitsgraden zwar nicht imstande, zu entscheiden,

um wieviel der eine größer sei als der andere, doch müsse man

voraussetzen, daß das Auge über die Gleichheit zweier Helligkeitsgrade

entscheiden könne. Nur durch die Verknüpfung dieses Axioms mit

den schon aus geometrischen Überlegungen folgenden Prinzipien der

Photometrie könne man zu einem Ausbau dieses Teils der Optik gelangen.

Von solchen Prinzipien hob *Lambert* außer dem Satze von der Abnahme

des Lichtes mit dem Quadrate der Entfernung noch zwei besonders hervor.

Das erste lautet: »Wird dieselbe Fläche einmal von m, das andere Mal

von n Lichtquellen beleuchtet, von denen jede dieselbe Intensität

besitzt und ihr Licht unter völlig gleichen Umständen nach der Fläche

sendet, so verhalten sich die Helligkeitsgrade wie m : n.« Die

Beleuchtung eines Blattes ist also um so stärker, je größer die Anzahl

der leuchtenden Kerzen ist, vorausgesetzt, daß diese gleich hell sind,

die gleiche Entfernung vom Blatte und die gleiche Größe besitzen[777].

Der dritte, wichtigste Grundsatz sprach aus, daß die Helligkeit in

demselben Verhältnis abnimmt wie der Sinus des Neigungswinkels. Der

geometrische Beweis, den *Lambert* hierfür bringt (Photometrie § 53),

ist in alle Lehrbücher der Physik übergegangen. *Lambert* begnügte sich

nicht mit dem theoretischen Beweise dieser Sätze, sondern er suchte

auch durch geeignete Versuche ihre gegenseitige Abhängigkeit darzutun

und ihnen auf diese Weise eine noch größere Sicherheit zu verleihen.

Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit der Messung und der Stärke

des direkten Lichtes. Für zahlreiche Einzelfälle wird die Lichtmenge

oder die Erleuchtungskraft berechnet, die von verschieden gestalteten

Flächenstücken ausgeht. Das von *Lambert* benutzte Photometer stimmte

mit dem nach *Rumford* benannten ziemlich überein. *Lamberts* Verfahren

bestand darin, daß er die Helligkeit zweier Flächenstücke verglich, von

denen das eine durch eine bestimmte Lichtquelle, das andere durch eine

Lichtquelle, deren Stärke ermittelt werden sollte, beleuchtet wurde.

Die Einrichtung geht aus Fig. 2 der Photometrie (s. Abb. 124) hervor.

[Illustration: Abb. 124. Lamberts Photometer.]

In K und A befinden sich die beiden Lichtquellen, die verglichen werden

sollen. *BDCEFG* sei eine weiße, ebene Fläche; vor dieser ist über HI

ein undurchsichtiger, Schatten spendender Schirm aufgestellt. Der von

der Lichtquelle bei A herrührende Schatten bedeckt den Teil DFEC der

weißen Fläche, während der von K ausgehende Schatten auf DFGB fällt.

Auf diese Weise wird der vordere Teil der Fläche DFGB nur von der

Lichtquelle in A, der hintere Teil DFEC nur von den von K kommenden

Strahlen beleuchtet. Die eine Lichtquelle wird dann so lange bewegt,

bis die weiße Fläche zu beiden Seiten der Linie DF gleich hell

erscheint.

Auf das Kapitel, das sich mit dem direkten Lichte beschäftigt, folgt

ein anderes über die Reflexion des Lichtes durch dunkle Körper[778].

Ferner wird von der durch zerstreutes Licht erzeugten Helligkeit der

durchsichtigen Körper, insbesondere der irdischen Atmosphäre gehandelt

und eine Formel für die Extinktion des Lichtes auf seinem Wege durch

die Atmosphäre abgeleitet (Photometrie § 878 bis 882). Im Anschluß

hieran wird die Dämmerung untersucht und die Höhe der Atmosphäre unter

gewissen einfachen Annahmen berechnet.

Der sechste Teil des *Lambert*schen Werkes enthält die Grundzüge der

Astrophotometrie. Es wird darin die Theorie der Lichtstärke des Mondes

und der Hauptplaneten entwickelt. Den Schluß bildet eine experimentelle

und theoretische Erörterung über die Intensität des heterogenen und des

relativen Lichtes, worunter die Farben und der Schatten verstanden sind.

Auf den Gang der Untersuchung kann hier nicht näher eingegangen werden,

doch sei hier einiges über die Ergebnisse mitgeteilt. Nach *Lambert*

entspricht die Absorption des Lichtes beim senkrechten Durchgang

durch die Atmosphäre dem Verhältnis 100 : 59[779]. Für die mittlere

Helligkeit des Vollmondes zu derjenigen der Sonne wird das Verhältnis

1 : 277000 ermittelt, und die mittlere Helligkeit des Vollmondes zu

zwei Dritteln der mittleren Zentralhelligkeit bestimmt. Letztere wird

dann auch für die Planeten aus der Zentralhelligkeit der Erde nach dem

ersten von *Kepler* ausgesprochenen Grundsatz der Photometrie berechnet.

Fortschritte der Akustik.

Während die Mechanik und die Optik seit den Zeiten *Galileis* von

seiten aller hervorragenden Physiker gefördert wurden, blieb das Gebiet

der Akustik zunächst vernachlässigt. *Newton* hatte zwar in seinen

»Prinzipien« eine Formel für die Fortpflanzungsgeschwindigkeit des

Schalles abgeleitet. Die experimentellen Bestimmungen dieser wichtigen

Konstante schwankten jedoch zwischen 1071 und 1255 Pariser Fuß. Die

Berechnung aus *Newtons* Formel ergab den noch geringeren Wert von

906 Fuß. Dieser Widerspruch zwischen Theorie und Erfahrung bewog die

Mathematiker, sich mehr als bisher der Akustik zuzuwenden. Zunächst

prüften *Euler* und bald darauf *Lagrange* die *Newton*sche Formel,

ohne jedoch zu einer Lösung des bestehenden Widerspruchs gelangen zu

können. *Daniel Bernoulli* wandte sich besonders der Untersuchung

der Luftschwingungen in den Orgelpfeifen zu[780]. Er sowie *Euler*

lieferten ferner Untersuchungen über die Schwingungen von Saiten

und Stäben. Die Abhandlungen, die *Euler*, *Lagrange*, *Bernoulli*,

*d'Alembert* u. a. über diesen Gegenstand veröffentlichten, besitzen

indessen mehr mathematischen als physikalischen Wert. Der erste, der

den akustischen Problemen durch eine erfolgreiche Vereinigung von

Experiment und mathematischer Analyse gerecht zu werden vermochte, war

*Chladni*.

*Ernst Florens Friedrich Chladni* wurde als Sohn eines Professors

der Rechte am 30. November 1756 in Wittenberg geboren. Er studierte

zunächst gleichfalls die Rechte, wandte sich aber später mit großer

Vorliebe den Naturwissenschaften und der Musik zu. Die Beschäftigung

mit der letzteren veranlaßte ihn zum Lesen akustischer Schriften. Da

ihm diese indessen nur sehr unvollkommene Aufschlüsse gaben, ging er zu

eigenen Untersuchungen über.

Vor *Chladni* hatte man sich ausschließlich mit den Quer- oder

Transversalschwingungen von Saiten befaßt. *Chladni* entdeckte, daß an

Saiten und insbesondere an Stäben auch Longitudinalschwingungen und

drehende Schwingungen hervorgerufen werden können[781].

Um Longitudinalschwingungen zu erhalten, wurden die Stäbe festgehalten

und der Länge nach gestrichen. *Chladni* benutzte dazu besonders

Glasröhren. Zum Hervorrufen der Töne bediente er sich eines mit

Smirgel bestreuten Tuches, das er mit der Hand den Stab entlang rieb.

Bei mittlerer Länge des Stabes waren die Töne sehr hoch. Sie standen

ferner in keinem bestimmten Verhältnis zu den an demselben Stab durch

transversale Schwingungen erzeugten Tönen.

Auf die Longitudinalschwingungen von Stäben, die *Chladni* beschrieb

(Über die Longitudinalschwingungen der Saiten und Stäbe, Erfurt 1796)

gründete er die Erfindung einiger neuer Musikinstrumente, des Euphons

und des Klavizylinders.

Das Euphon bestand aus Glasstäben, die auf Eisenstäben ruhten und mit

angefeuchteten Fingern gerieben wurden. Beim Klavizylinder bestanden

die Stäbe aus Holz; sie wurden durch eine Tastatur gegen einen

rotierenden feuchten Glaszylinder gepreßt. Beide Instrumente gaben

einen sanften, anhaltenden, langsam an- und abschwellenden Ton. Sie

haben indessen keine Verbreitung gefunden.

Das Studium der Longitudinalschwingungen führte *Chladni* auch zu einer

Berechnung der Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Schalles in festen

Körpern. Er fand sie weit größer als die Schallgeschwindigkeit in der

Luft. Wählte er letztere als Einheit, so ergab sich diejenige für

Zinn gleich 7,5

Silber » 9

Kupfer » 12

Eisen » 17

Glas » 17.

Eine direkte Messung der Schallgeschwindigkeit in einem Metall hat

einige Jahrzehnte später *Biot* vorgenommen. Er stellte sie an

gußeisernen Röhren an, die auf eine längere Strecke verbunden waren.

Wurde die so entstandene, sehr lange metallische Leitung an einem Ende

angeschlagen, so nahm man den Ton zuerst durch das Metall und später

durch die Luft wahr. Aus der Zeitdifferenz ergab sich für Gußeisen eine

Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Schalles von etwa 3500 Metern.

*Chladni* untersuchte auch die Geschwindigkeit in verschiedenen Gasen.

Über die Stärke des Schalles in den Gasarten hatte schon *Priestley*

Versuche angestellt. Er hatte gefunden, daß der Schall in Wasserstoff

fast so schwach ist wie im Vakuum, während er in Sauerstoff und

in Kohlensäure stärker ist als in der atmosphärischen Luft. Eine

direkte Messung in den verschiedenen Gasarten vermochte *Chladni*

nicht vorzunehmen. Sein Verfahren bestand darin, daß er Orgelpfeifen

in verschiedenen Gasen ertönen ließ. Da hier die Schwingungszahl

und somit die Höhe der Töne zu der Fortpflanzungsgeschwindigkeit in

einem mathematisch bestimmten Verhältnis steht, ließ sich aus der

Verschiedenheit der Tonhöhe, welche dieselbe Pfeife in verschiedenen

Gasen aufwies, die Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Schalles

für jedes Gas ermitteln. Direkte Messungen hat später *Regnault*

in Wasserleitungsröhren vorgenommen, die mit verschiedenen Gasen

gefüllt waren. Sie ergaben, daß *Chladnis* Ableitungen im allgemeinen

zutreffend sind.

Ein ganz neues Gebiet wurde von *Chladni* dadurch erschlossen, daß

er sich der experimentellen und der mathematischen Untersuchung

schwingender Platten zuwandte. Ausführlich berichtete er darüber 1787

in einer Schrift, die den Titel »Entdeckungen über die Theorie des

Klanges« führt. Besonderes Aufsehen erregte er durch die Art, wie

er die Schwingungen der Platten vermittelst der nach ihm genannten

*Chladni*schen Klangfiguren sichtbar machte. Auf sein Verfahren wurde

er durch die *Lichtenberg*schen Staubfiguren geführt. Sie entstehen,

wenn fein gepulverte Körper, wie Schwefelblumen oder Mennige, auf

Platten gebracht werden und man auf sie die Elektrizität überspringen

läßt. Die Art, wie sich das Pulver lagert, läßt erkennen, ob die

Elektrizität positiv oder negativ war.

War der überspringende Funke positiv, so ordnete sich das Pulver zu

eigentümlichen Strahlen, war er negativ, so entstanden wolkenartige

Gebilde. Als *Chladni* diese Versuche wiederholte, kam ihm plötzlich

der Gedanke: Sollte sich nicht auf ebenen Scheiben, sobald sie klingen

und etwas Sand darauf gestreut wird, eine Figur bilden, die den

betreffenden Ton kennzeichnet und so gleichsam sichtbar macht.

Um auf diese Weise den akustischen Zustand einer Platte festzustellen,

befestigte *Chladni* sie in horizontaler Lage an einer oder mehreren

Stellen, strich sie unter rechtem Winkel mit einem Violinbogen und

streute gleichzeitig Sand hinauf. Letzterer ordnet sich dann in den

bekannten regelmäßigen Figuren an, indem er »von den schwingenden

Stellen heruntergeworfen wird und auf den nicht schwingenden Stellen

ruhig liegen bleibt.« *Chladni* erkannte daraus, daß »die natürliche

Gestalt des Körpers durch die elastischen Flächenkrümmungen, ebenso

in gewissen Linien durchschnitten wird, wie dieses bei den krummen

Schwingungslinien der Saiten in gewissen Punkten geschieht, und daß

zwei Stellen, die durch eine solche feste Linie voneinander gesondert

sind, stets nach entgegengesetzten Richtungen schwingen«.

Die folgenden, dem Werke *Chladnis* entnommenen 4 Figuren zeigen uns,

wie eine quadratische Platte schwingt, wenn sie in verschiedener Weise

festgehalten und gestrichen wird.

Fig. 87 erscheint, wenn die Scheibe in der Mitte gehalten und an einer

Ecke gestrichen wird. Diese Schwingungsart gibt den tiefsten Ton.

Fig. 88 entsteht, wenn man die Scheibe wieder in der Mitte befestigt,

aber in der Mitte einer Seite streicht.

[Illustration: Abb. 125. Chladnische Klangfiguren[782].]

Der Ton ist dann nicht derselbe wie vorher, sondern etwa um eine Quinte

höher.

Fig. 89, die leicht in 90 übergeht, erhält man, wenn die Scheibe bei

n oder g gehalten und bei a gestrichen wird. Der Ton ist wieder etwas

höher als der vorige.

*Chladni* zeigte, daß man durch Festhalten mehrerer Stellen und

Abwechseln ihrer Lage eine ganz außerordentliche Mannigfaltigkeit von

Schwingungszuständen und diesen entsprechenden Klangfiguren hervorrufen

kann. Sie könnten, meint er, den Tapeten- und Kattunfabrikanten genug

Stoff zur Bereicherung ihrer Muster geben. Die Klangfiguren fesselten

das Interesse aller Kreise in hohem Grade, da *Chladni*, der kein Amt

bekleidete, sie an vielen Orten in akustischen Vorträgen, durch die er

seinen Lebensunterhalt erwarb, vorführte[783].

Außer den erwähnten Schriften *Chladnis* ist noch sein

zusammenfassendes Werk, »Die Akustik«, zu erwähnen[784]. In seinen

neuen Beiträgen zur Akustik vom Jahre 1817 ermittelte *Chladni* die

obere Grenze der Hörbarkeit von Tönen zu 22000 Schwingungen in der

Sekunde.

*Chladnis* Verdienst um die Aufklärung der Natur der Meteore wird an

anderer Stelle gewürdigt werden. Er starb in Breslau am 3. April des

Jahres 1827.

Über den Stand der gesamten Experimentalphysik des 18. Jahrhunderts

geben die großen Werke von *Desaguliers*, *s'Gravesande* und

*Musschenbroek* Auskunft. Die genaueren Titel dieser mehr als

bloß historisches Interesse erregenden Werke finden sich in der

Literaturübersicht am Schluß des vierten Bandes. Sie befassen sich in

erster Linie mit Gegenständen der angewandten Mathematik und haben dazu

beigetragen, die Wissenschaft jener Zeit von der oft überwuchernden

Spekulation immer wieder auf den sicheren Boden des Experiments

zurückzuführen. *Desaguliers* beschäftigt sich besonders mit der

Mechanik und dem Maschinenwesen. Bei *s'Gravesande* fallen dagegen die

zahlreichen Untersuchungen aus dem Gebiete der Hydrostatik und der

Hydrodynamik auf, während *Musschenbroek*, angeregt durch die Versuche

der Florentiner Akademie, zahlreiche Versuche über die Wärme anstellte.

19. Die Fortschritte der Astronomie nach der Begründung der

Gravitationsmechanik.

Die Astronomie wurde während des 18. Jahrhunderts immer mehr zum

Vorbild, dem die übrigen Naturwissenschaften, vor allem die Physik,

nachzueifern strebten. In der Vollendung der Methoden, sowie bezüglich

der Sicherheit der Resultate, zu denen die Astronomie gelangte, reichte

jedoch kein anderer Zweig an sie heran.

Neben dem Wettkampf zwischen dem dioptrischen Fernrohr und dem

Reflektor beschäftigten die Astronomen des 18. Jahrhunderts noch

zwei wichtige Fragen, welche die vorhergehende Periode aufgeworfen

hatte. Sie betrafen die Abweichung der Erde von der Kugelgestalt

und die Bestimmung der Sonnenparallaxe aus den 1761 und 1769

wieder zu erwartenden Vorübergängen der Venus. Um die von *Newton*

und *Huygens* herrührende Annahme, daß die Erde ein an den Polen

abgeplattetes Rotationsellipsoid sei[785], auf ihre Richtigkeit zu

prüfen, waren genaue Gradmessungen in der Nähe eines Pols und des

Äquators erforderlich. War, der Theorie *Newtons* gemäß, die Krümmung

in der Nähe der Pole eine geringere, so mußte sich hier für den

Breitengrad eine größere Strecke ergeben als für eben dieses Maß

in der Nähe des Äquators. Zur Entscheidung dieser Frage sandte die

französische Regierung in den Jahren 1735 und 1736 Expeditionen nach

Peru und Lappland. Die erstere, die von *Bouguer*[786] und *de la

Condamine*[787] geleitet wurde, maß den Abstand zwischen zwei nördlich

und südlich vom Äquator gelegenen Orten und fand für den Grad 56734

Toisen. Die von *Maupertuis*[788] geführte zweite Expedition stellte

ihre Messungen in der Nähe des Tornea unter dem 66. Grade nördlicher

Breite an. Das von dieser Expedition gefundene Ergebnis belief sich auf

57438 Toisen[789], war also um 704 Toisen größer als das am Äquator

erhaltene, während sich für die Breite von 45° ein zwischen diesen

beiden Größen liegender Wert von 57012 Toisen ergab. Die von *Newton*

und *Huygens* aufgestellte Ansicht über die Gestalt der Erde hatte

somit ihre Bestätigung erfahren. Nach *de la Condamine* ergaben diese

Messungen, daß sich die Erdachse zum Durchmesser des Äquators wie 299 :

300 verhält, während *Newton* auf rechnerischem Wege das Verhältnis 288

: 289 gefunden hatte.

Zu den Männern, die *Maupertuis* auf seiner Lapplandexpedition

begleiteten, gehörte der damals erst 23 Jahre alte *Clairaut*, der zu

den größten Mathematikern Frankreichs zählt[790]. Ihm verdankt man die

bedeutendste theoretische Untersuchung über die Gestalt der Erde[791].

*Clairauts* Arbeit wurde besonders dadurch veranlaßt, daß die beiden

Gradmessungen zwar die Richtigkeit der von *Newton* und *Huygens*

vertretenen Annahme bewiesen, daß sich aber die Abplattung als nahezu

doppelt so groß herausstellte, wie sie nach der Theorie hätte sein

sollen. *Clairaut* ging davon aus, daß die Gestalt der Erde, abgesehen

von den sehr geringen, als Berg und Tal in die Erscheinung tretenden

Unregelmäßigkeiten, von den Gesetzen der Hydrostatik abhängen muß.

Die Ausmessung der Erde könne daher nur dasselbe ergeben, wie wenn

die Messungen auf einer festgewordenen Flüssigkeit ausgeführt wären,

die vorher eine dem Gleichgewicht entsprechende Gestalt angenommen

hätte. An dem damit gegebenen Problem, die Gestalt der Erde aus den

hydrostatischen Gesetzen abzuleiten, hat sich die mathematische

Hydrostatik recht eigentlich erst entwickelt[792].

Die Anfangsgründe der Lehre vom Gleichgewicht der Flüssigkeiten

rühren besonders von *Newton* und von *Huygens* her. *Huygens*

hatte ausgesprochen, daß eine flüssige Masse nur dann in Ruhe ist,

wenn ihre Oberfläche ein Niveau darstellt, d. h. wenn sie überall

lotrecht zu den Kraftresultanten verläuft. *Newton* dagegen führte den

Gleichgewichtszustand auf den Druck zurück, der in Flüssigkeitssäulen

herrscht, die von der Oberfläche zum Kraftzentrum reichen. *Clairaut*

endlich stellte ein umfassenderes Prinzip an die Spitze. Es spricht

aus, daß eine flüssige Masse nur dann im Gleichgewicht sein kann, wenn

die an allen Stellen eines beliebig geformten Kanals auftretenden

Kräfte sich gegenseitig aufheben. Diesen Kanal kann man sich so

entstanden denken, daß die übrige Masse der Flüssigkeit fest wird. Der

Kanal kann ferner an der Oberfläche münden, in der Oberfläche selbst

verlaufen oder auch in sich zurückkehren (Abb. 126). Von diesem Prinzip

des beliebigen Kanals ausgehend, gelangte *Clairaut* zu den partiellen

Differentialgleichungen für das Gleichgewicht der Flüssigkeiten.

Besteht nämlich für jeden beliebigen Kanal Gleichgewicht, so

ist offenbar auch die ganze Flüssigkeitsmasse im Zustande des

Gleichgewichts.

[Illustration: Abb. 126. Erläuterung des Clairautschen Kanalprinzips.]

Bei der Verwendung hydrostatischer Untersuchungen zur Erklärung der

Gestalt der Erde beschränkte sich *Newton* auf eine homogene Masse.

Für eine solche hatte *Newton* das Achsenverhältnis gleich 230 : 231

berechnet. *Clairaut* dehnte dagegen die Untersuchung auf den Fall

aus, daß die Dichte der Schichten sich mit der Annäherung an das

Zentrum ändert. Auf die Einzelheiten dieser Untersuchung und das daraus

sich ergebende »*Clairaut*sche Theorem«[793] kann hier nicht näher

eingegangen werden, da es sich um einen Gegenstand der höheren Analysis

handelt.

*Clairaut* gehörte auch zu den ersten, die den höheren Kalkül auf die

Theorie der Mondbewegung anwandten. Dazu bedurfte es einer Erörterung

des Problems der drei Körper[794], um dessen angenäherte Lösung sich

außer *Clairaut* besonders *d'Alembert*, *Euler*, *Lagrange* und

*Laplace* verdient gemacht haben.

Erwähnt sei noch, daß sich in *Clairauts* »Theorie der Erdgestalt«

schon der Grundgedanke der Lehre von der Kraftfunktion oder dem

Potential findet, mit deren Weiterentwicklung sich besonders *Green*,

*Laplace* und *Gauß* beschäftigt haben[795].

Weit genauer als diejenige Gradmessung, an der *Clairaut* sich

beteiligte, war eine zweite, gegen das Ende des 18. Jahrhunderts

vorgenommene. In diesem Falle handelt es sich nicht um eine

vergleichende, aus rein wissenschaftlichen Gründen stattgefundene

Messung, sondern um eine solche, die darauf abzielte, den genauen Wert

einer den Maßen und Gewichten zugrunde zu legenden Naturkonstante zu

ermitteln.

Der Wunsch, ein einheitliches Maß- und Gewichtssystem zu besitzen, war

schon im 14. Jahrhundert mit dem Emporblühen des Handels rege geworden.

Man empfand immer deutlicher, daß die bestehenden Unterschiede

keinerlei Vorteil boten, sondern nur zu Mißbräuchen, Bedrückungen und

Betrügereien Anlaß gaben. Die Bemühungen, hier Besserung zu schaffen,

scheiterten schon an dem Widerstande der Fürsten und Prälaten. Es

war daher eine der ersten Forderungen der Revolutionsmänner, die

zahlreichen, in Frankreich wie in allen anderen Ländern bestehenden

Maße durch ein gemeinsames, der Natur entlehntes Längenmaß zu

ersetzen, und dieses als *Grundlage* für die Hohlmaße und die Gewichte

festzulegen.

Als solches hatte schon 1670 ein Franzose[796] die Minute eines

Längengrades vorgeschlagen. Fast zur selben Zeit brachte *Huygens*

in seinem Werke über die Pendeluhr (1673) das Sekundenpendel als

Längeneinheit in Vorschlag. *Huygens* wünschte den dritten Teil des

Sekundenpendels als Stundenfuß in allgemeinen Gebrauch genommen zu

sehen. Bald darauf entdeckte man jedoch die Abhängigkeit der Länge des

Sekundenpendels von der geographischen Breite. Aus diesem Grunde wurde

die von *Huygens* ausgehende Anregung nicht weiter verfolgt.

Im Jahre 1790 wurde die Angelegenheit in der konstituierenden

Nationalversammlung behandelt. Letztere beschloß, die Länge, welche das

Sekundenpendel unter dem 45. Breitengrade besitzt, als Maßeinheit zu

wählen und beauftragte eine Kommission, in der sich die bedeutendsten

französischen Gelehrten (wie *Laplace*, *Lagrange*, *Monge* und

*Borda*) befanden, das Erforderliche in die Wege zu leiten. Ein

weiterer Beschluß lief darauf hinaus, auch die englische Regierung für

das Vorhaben zu gewinnen, und die französische Kommission durch eine

von der Royal Society in London gewählte zu ergänzen. Man verwarf den

Vorschlag, als Längenmaß das Sekundenpendel festzusetzen, weil dieses

wieder durch eine andere Größe, nämlich die Zeit und ihre willkürliche

Einteilung in Sekunden, bedingt sei. Die Kommission schlug deshalb

vor, den Meridianquadranten möglichst genau zu messen und seinen

zehnmillionsten Teil als die gewünschte Einheit anzunehmen.

Veranlaßt durch diese Verhandlungen und Beschlüsse entstanden zwei

Arbeiten, von denen die eine auf eine möglichst genaue Bestimmung

des Sekundenpendels hinauslief. Die andere schuf die Grundlage des

metrischen Systems. Sie bestand in der Messung eines von Dünkirchen bis

Barcelona reichenden Meridianbogens[797].

Die Pendelmessungen währten vom Juni bis zum August 1792. Sie erfolgten

unter Anwendung aller Kautelen und mit der größten Genauigkeit nach

der Methode der Koinzidenzen. Das Verfahren beruhte darauf, daß die

Schwingungen des Pendels einer astronomischen Uhr mit den Schwingungen

des zu messenden Pendels verglichen wurden. Uhr und Pendel waren durch

einen Glaskasten vor Luftbewegungen geschützt. Das Pendel bestand

aus einem dünnen Platindraht und einer Platinkugel von etwa 16⅙

Linien Durchmesser. Sie war auf eine besondere Art befestigt[798]

und die Aufhängevorrichtung wurde so eingerichtet, daß sie auf die

Schwingungsdauer des Pendels keinen Einfluß hatte. Die Beobachtung

nach der Methode der Koinzidenzen, deren sich *Borda* zuerst bediente,

geschieht folgendermaßen: Man läßt beide Pendel schwingen und

beobachtet die Durchgänge durch das Gesichtsfeld eines in die Richtung

DD, eingestellten Fernrohrs. Man bestimmt zunächst den Zeitpunkt,

in dem beide Pendel gleichzeitig durch das Gesichtsfeld gehen (eine

Koinzidenz). Da die Pendel nicht gleich lang sind, so wird bei der

nächsten Schwingung das eine Pendel schon ein wenig vorangeeilt sein,

und die nächste Koinzidenz wird eintreten, sobald das etwas rascher

schwingende Pendel eine volle Schwingung mehr gemacht hat als das

andere. Je mehr Koinzidenzen man unter jedesmaliger Feststellung der

von einer Koinzidenz bis zur anderen verflossenen Zeit ermittelt, desto

genauer wird die experimentelle Grundlage für die sich anschließenden

Berechnungen sein. Zunächst galt es, aus der Beobachtung der

Koinzidenzen die Zahl der Schwingungen zu bestimmen, die das Pendel in

einem Tage mittlerer Sonnenzeit macht. Dann mußten alle erforderlichen

Korrekturen vorgenommen werden, um die Entfernung des Aufhängepunktes

bis zum Schwingungsmittelpunkt zu finden. Endlich galt es, aus dieser

reduzierten Entfernung und der Zahl der Schwingungen, die das benutzte

Pendel an einem Tage macht, die Länge des Sekundenpendels zu berechnen.

Sie ergab sich für Paris (48° 50ʹ 14ʺ n. Br.) gleich 440,5593 Linien.

Daraus folgt für die Beschleunigung g der Wert 9,80882 m[799].

[Illustration: Abb. 127. Die Bestimmung der Länge des Sekundenpendels.]

Wir wenden uns jetzt der zweiten, durch den Wunsch nach einem

einheitlichen Maß veranlaßten Messung zu. Sie wurde besonders im

Anfange durch die Wirren der Revolution in hohem Grade gestört und nahm

eine Reihe von Jahren in Anspruch. Man muß die Kühnheit, die Ausdauer

und das Geschick bewundern, womit ein solches Riesenwerk in einer

Zeit ins Werk gesetzt und durchgeführt wurde, in der das Land unter

Greueltaten litt, von Feinden bedroht war und keine festbegründete,

staatliche Ordnung besaß. Durch ein Gesetz vom 1. August 1793 wurde die

Länge des Meters vorläufig auf 443,443 Linien festgesetzt unter der

Voraussetzung, daß das zu erwartende Ergebnis der Gradmessung nicht

wesentlich hiervon abweichen werde.

Über dieses Ergebnis konnte die Kommission für Maß und Gewicht erst

mehrere Jahre später berichten. Das durch geodätische Bestimmungen

gefundene, als Meter bezeichnete Maß belief sich auf 443,296 Linien (3

Fuß 11,296 Linien). Das provisorische Maß war also um 0,146 Linien,

d. h. um etwa ⅓ mm länger als das durch die Gradmessung ermittelte

Meter. Darauf wurde die Einheit des Gewichtes im dezimalen metrischen

System bestimmt. Es ergab sich, daß das Kubikdezimeter destillierten

Wassers von größter Dichte im leeren Raum 18827,15 Gran wog[800].

Die so erhaltenen, sehr genau gearbeiteten, aus Platin verfertigten

Normalmaße (ein Meter und ein Kilogramm) wurden am 22. Juni 1799

im Staatsarchiv hinterlegt. Sie werden dort mit größter Sorgfalt

aufbewahrt und nur selten zur Verifizierung gebraucht, da für diesen

Zweck von ihnen entnommene Maße dienen.

Es konnte nicht ausbleiben, daß man später Fehler in der Bestimmung

des Gradbogens entdeckte. Eine 1840 unternommene Berechnung ergab für

das Meter 3 Fuß 11,375 Linien. Danach ist ein Meridianquadrant nicht

10000000, sondern 10000856 mal so groß, wie der in Paris aufbewahrte

étalon primitif. Man beschloß aber, an letzterem festzuhalten, »weil

man auf dem eingeschlagenen Wege doch nicht in aller Strenge zu einem

natürlichen Maße gelangen« könne.

Wie das Ergebnis dieser zu den denkwürdigsten wissenschaftlichen

Untersuchungen zählenden Gradmessung, so ist auch ihre Ausführung von

Interesse. Übertraf sie doch alle früheren an Umfang und Genauigkeit.

Die äußersten Punkte des gemessenen Bogens waren Dünkirchen (51° 2ʹ

10,5ʺ n. Br.) und ein Turm (41° 21ʹ 44,8ʺ n. Br.) in der Nähe von

Barcelona. Die Länge dieses Bogens betrug also 9° 40ʹ 25,7ʺ. Seine

Mitte lag unter 49° 11ʹ 58ʺ. Da man die Mitte des Bogens möglichst

unter 45° n. Br. zu haben wünschte, dehnte man die Triangulationen

später (1806) weiter nach Süden bis zur Insel Formentera aus. Der Bogen

erhielt dadurch eine Länge von 12° 22ʹ 13,44ʺ. Seine Mitte fällt unter

44° 51ʹ 2,83ʺ.

Der Triangulation wurden zwei Standlinien zugrunde gelegt. Die eine

in der Nähe von Paris war 6075,9 Toisen lang, die andere in der Nähe

der spanischen Grenze (Perpignan) besaß eine Länge von 6006,25 Toisen

und diente zur Kontrolle. Ausgemessen wurden diese Standlinien mit

Platinstangen, die unter der Aufsicht von *Borda* mit der größten

Sorgfalt verfertigt waren. Besondere Vorkehrungen dienten dazu, um

die jeweils herrschende Temperatur bei der Benutzung dieser Stangen

in Betracht zu ziehen usw. In wissenschaftlicher Hinsicht hatte die

Messung das bemerkenswerte Ergebnis, daß die Erde kein regelmäßiges

Rotationsellipsoid vorstellt, daß also kein Meridianquadrant genau

gleich dem anderen ist. Auch eine zur selben Zeit in England

unternommene Gradmessung kleineren Umfangs, die aber mit größter

Genauigkeit durchgeführt wurde, ergab die gleiche Anomalie. Um also

wenigstens annähernd die Gestalt der Erde zu bestimmen, mußte man die

Ergebnisse aller an den verschiedenen Orten der Erde vorgenommenen

Gradmessungen zusammenfassen und nach der Methode der kleinsten

Quadrate diejenige Gestalt daraus berechnen, die der wahren Gestalt

der Erde am nächsten kommt. Diese Aufgabe, mit der sich schon *Bessel*

beschäftigte, suchte das im Jahre 1886 gegründete Unternehmen der

internationalen Erdmessung zu lösen. Das Ergebnis, zu dem man

seitdem vorgedrungen ist, läuft darauf hinaus, daß die Erde keine

regelmäßige mathematische Gestalt besitzt. Sie bildet zwar eine

nach außen überall konvexe Fläche, zu deren Bestimmung indessen die

geodätische Untersuchung nur vorzudringen vermag, wenn sie sich mit der

systematisch durchgeführten Schweremessung verbindet. Man hat sie als

Geoid bezeichnet und bringt sie mit dem Normalellipsoid in der Art in

Verbindung, daß die Abweichungen zwischen diesem und dem Geoid durch

trigonometrische Messung, geodätisches Nivellement und Schweremessung

ermittelt werden, um auf diese Weise immer genaueren Aufschluß über die

wahre Gestalt der Erde zu erlangen.

Sonnenparallaxe, Erddichte und Aberration.

In der Periode, die wir schildern, wurden auch die Entfernung und die

Größe der Sonne, sowie die Abmessungen des Planetensystems nach ihrem

absoluten Werte bestimmt, und damit Aufgaben gelöst, die der Astronomie

seit der Zeit *Aristarchs* vorgeschwebt hatten.

*Edmund Halley* (1656-1742), ein jüngerer Zeitgenosse *Newtons*, dessen

Verdienste um die Fortbildung der Physik, der Astronomie und der

physikalischen Geographie wir kennen gelernt haben, war gelegentlich

eines von ihm beobachteten Vorüberganges Merkurs vor der Sonne auf

den Gedanken gekommen, einen derartigen Vorgang zur Bestimmung der

Sonnenparallaxe zu verwerten, d. h. desjenigen Winkels, unter dem der

Erdhalbmesser von der Sonne aus erscheint.

*Halley* machte seinen Vorschlag in zwei Abhandlungen, die 1693

und 1716 in den Philosophical Transactions erschienen. Ihre Titel

lauten: Ȇber die sichtbare Konjunktion der unteren Planeten mit der

Sonne«[801] und »Ein besonderes Verfahren, durch das die Parallaxe

der Sonne mit Hilfe der vor der Sonnenscheibe zu erblickenden Venus

sicher bestimmt werden kann«[802]. *Halleys* Vorschlag ging dahin, von

mehreren entfernten Stellen der Erde aus die Durchgangszeiten eines

der unteren Planeten, d. h. die Zeiten ihres Vorüberganges vor der

Sonnenscheibe zu beobachten.

Bei einem Merkur- oder Venusdurchgang beschreiben nämlich die genannten

Planeten auf der Sonnenscheibe Sehnen, deren Lage und Größe je nach

dem Orte, den der Beobachter auf der Erde einnimmt, verschieden ist.

Infolgedessen ist auch die Zeit eines und desselben Vorüberganges für

die einzelnen Beobachtungsstationen von verschiedener Dauer. Wie aus

Abb. 128 ersichtlich ist, steht die Entfernung *cd* der Sehnen *ef*

und *gh* zu den Abständen der drei Weltkörper und dem durch Messungen

auf der Erde seiner absoluten Größe nach bekannten Stück *ab* in einer

gewissen Beziehung, so daß sich aus den Ergebnissen der Beobachtung

eines Venusdurchganges die Größe und die Entfernung der Sonne berechnen

läßt[803].

[Illustration: Abb. 128. Halleys Bestimmung der Sonnenparallaxe[804].]

*Halley* selbst war es nicht mehr vergönnt, seinen Vorschlag ins Werk

zu setzen, da Vorübergänge der Venus seltene Ereignisse sind und

sich seit seinem Tode erst viermal wiederholt haben, nämlich in den

Jahren 1761, 1769, 1874 und 1882. Sowohl für das Jahr 1761 als auch

für 1769 wurden Expeditionen ausgesandt. Insbesondere waren daran

England, Frankreich und Rußland beteiligt. Aus dem an der Hudsonbay,

in Lappland, auf Tahiti usw. angestellten Beobachtungen berechnete

der französische Astronom *Delalande* eine Parallaxe von 8,5-8,6

Sekunden. Da der mittlere scheinbare Durchmesser der Sonne sich auf

31ʹ 37ʺ = 1897 Sekunden beläuft, so ergibt sich aus dieser Bestimmung

*Delalandes*, daß der Sonnendurchmesser denjenigen der Erde nahezu um

das 113fache übertrifft, oder daß das Volumen der Sonne 1400000mal so

groß ist wie dasjenige der Erde. Für die halbe große Bahnachse ergab

sich ein Wert von 20682000 geographischen Meilen. Eine sorgfältige

Neuberechnung der Sonnenparallaxe nach den 1761 gewonnenen Daten

veröffentlichte später *Encke* (1822). Er fand den Wert der Parallaxe

gleich 8,53 Sekunden.

Sind die Größenverhältnisse des Systems bekannt, so läßt sich durch

eine ähnliche Schlußfolgerung, wie diejenige, die *Newton* auf die

Entdeckung des Gravitationsgesetzes führte[805], die Kraft ermitteln,

mit der ein Körper in der Nähe der Sonnenoberfläche angezogen wird.

*Delalande* fand, daß diese Kraft 29mal die Anziehung der Erde

übertrifft, so daß ein frei fallender Körper auf der Sonne in der

ersten Sekunde 29 × 15,09 = 434 Pariser Fuß zurücklegt. Die neueren

Bestimmungen haben für die Sonnenparallaxe 8,88ʺ ergeben, wodurch sich

der Abstand der Erde von der Sonne auf rund 20000000 geographische

Meilen (148,6 Millionen Kilometer) vermindert, und auch die übrigen

Werte entsprechende Änderungen erfahren.

Von außerordentlicher Tragweite war *Halleys* Beobachtung, daß

die Fixsterne ihre gegenseitige Stellung ändern. Er machte sie am

Aldebaran, Arktur und Sirius, für die nach seinen Angaben diese, als

Eigenbewegung bezeichnete Änderung sich seit den Zeiten des *Ptolemäos*

auf die beträchtliche Größe von etwa einem halben Grad belief[806].

*Newton* hatte auf theoretischem Wege nicht nur die Abplattung, sondern

auch die Dichte unseres Weltkörpers ermittelt. Die Bestimmung der

ersteren und der sich daran anknüpfende Streit hatte die Aussendung der

Expeditionen nach Lappland und nach Quito zur Folge gehabt. In Quito

machte *Bouguer*[807] eine Entdeckung, welche die Handhabe bot, um auch

die *Newton*sche Berechnung der Erddichte zu verifizieren. *Bouguer*

fand nämlich, daß infolge der Anziehung des Chimborazo das Bleilot um

7-8ʺ von der senkrechten Lage abwich. Diese Beobachtung veranlaßte den

Engländer *Maskelyne* (1732-1811), derartige Untersuchungen an einem

nach Volumen und Dichte bekannten Berge anzustellen, um aus der Größe

jener Abweichung und der Masse, die sie hervorruft, die unbekannte

Masse der Erde auf Grund des *Newton*schen Gravitationsgesetzes zu

berechnen[808].

*Maskelyne* wählte für seine im Jahre 1774 angestellten Messungen einen

steilen, regelmäßig geformten Granitberg Schottlands. Die Dichte dieses

Berges wurde auf Grund mehrerer, an verschiedenen Stellen entnommener

Proben zu 2,5 gefunden, und aus diesem Wert und dem Rauminhalt des

Berges die gesamte auf das Pendel wirkende Masse berechnet. Die

Ablenkung selbst wurde dann in der Weise bestimmt, daß die Polhöhe

nördlich und südlich von dem Berge gemessen wurde (siehe Abb. 129).

Eine auf Grund der so gewonnenen Daten angestellte Rechnung ergab für

die Erde als mittlere Dichte 4,71. Letztere ist danach etwa doppelt so

groß wie diejenige des Granits, eines Gesteins, mit dem die meisten

Substanzen, welche die starre Erdkruste zusammensetzen, hinsichtlich

ihrer Dichte nahezu übereinstimmen.

[Illustration: Abb. 129. *Maskelyne* und *Hutton* bestimmen die Dichte

der Erde.

Der Abstand der durch A und B gezogenen Breitenkreise betrug 4364,4

Fuß. Dementsprechend hätten die Lote AP und BPʹ, wenn der Berg

nicht vorhanden gewesen wäre, einen Winkel von 42,92 Sekunden bilden

müssen, und dieser Winkel wäre gleich der Differenz der Polhöhen

gewesen. Die astronomischen Beobachtungen ergaben jedoch eine

Polhöhendifferenz von 54,6ʺ. Der Unterschied von 11,6 Sekunden ist

durch eine Verminderung der Polhöhe bei A um den Winkel PAQ und eine

Vermehrung bei B um PʹBQʹ hervorgerufen. PAQ + PʹBQʹ = doppelte

Ablenkung = 11,6 Sekunden.]

Durch die Lösung derartiger Aufgaben trat die Astronomie in eine

immer engere Beziehung zur Physik der Erde. Aber auch die reine

Physik sollte durch die Bewältigung eines astronomischen Problems

eine wichtige Förderung erhalten. Im 17. Jahrhundert hatte

*Römer* auf astronomischem Wege eine physikalische Konstante, die

Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Lichtes nämlich, festgestellt. Jetzt

bot sich eine andere Gelegenheit, dieselbe Größe zu ermitteln und

infolge der Übereinstimmung der auf verschiedenen Wegen erhaltenen

Ergebnisse zu einem höheren Grade der Gewißheit zu gelangen.

[Illustration: Abb. 130. Bradley entdeckt die Aberration.]

Seit dem Bekanntwerden des koppernikanischen Systems war seinen

Anhängern die Aufgabe gestellt, den Umlauf der Erde um die Sonne durch

den Nachweis einer entsprechenden, scheinbaren, jährlichen Bewegung

der Fixsterne darzutun. In Abb. 130 bedeute ABCD die Erdbahn, S sei

ein Stern, der sich in der Ebene der Ekliptik befinde. Steht nun der

Durchmesser CA der Erdbahn zu dem Abstand ES des Sternes in einem

nicht zu kleinen Verhältnis, so wird der Fixstern im Verlaufe eines

Jahres am Himmel die scheinbare Bewegung SʹSʺSʹ erkennen lassen.

Beobachtungen an einem außerhalb der Ekliptik gelegenen Fixstern werden

für diesen als scheinbare Bahn eine Kurve ergeben, deren Gestalt der

von dem Sterne aus beobachteten Bahn der Erde genau entspricht[809].

Der Winkel CSE, unter dem von dem Sterne aus der Halbmesser der

Erdbahn erscheint, wird die jährliche Parallaxe des Sternes genannt.

*Tycho*, der hinsichtlich der Genauigkeit seiner Messungen alle

Vorgänger übertraf, mühte sich vergeblich ab, eine solche Parallaxe am

Polarstern nachzuweisen, und erklärte insbesondere aus diesem Grunde

dem koppernikanischen System seine Gegnerschaft. Letzteres war trotzdem

zur unbestrittenen Herrschaft gelangt, ohne daß der geforderte,

unmittelbare Nachweis der Umlaufbewegung bisher erbracht worden wäre.

Da die Schärfe der astronomischen Beobachtung seit den Zeiten *Tychos*

sich vervielfältigt hatte[810], so nahmen *Hooke* und *Cassini* das

alte Problem wieder auf. Ersterer wählte für seine Messungen den in der

Nähe des Nordpols der Ekliptik befindlichen Stern γ Draconis und wies

nach, daß dieser Himmelskörper tatsächlich seine Stellung innerhalb

eines Vierteljahres um 25 Sekunden ändert.

*James Bradley* (1692-1763), der nach dem Tode *Halleys*[811] zum

Direktor der Sternwarte zu Greenwich ernannt worden war, stellte

während der Jahre 1725-1728 zu dem gleichen Zwecke zahlreiche

Beobachtungen an. Neben γ Draconis zog er indes auch andere Fixsterne

in Betracht, die in der Ekliptik selbst oder zwischen dem Pole und

der Ebene der Ekliptik liegen. Seine Beobachtungen ließen scheinbare

Bewegungen erkennen, die zwar den Beweis für eine Bewegung der Erde um

die Sonne lieferten, indes doch nicht als parallaktische betrachtet

werden konnten. Während nämlich γ Draconis im Laufe eines Jahres eine

nahezu kreisförmige Bahn von 40ʺ Durchmesser beschrieb, durchliefen

die in der Ekliptik gelegenen Sterne in demselben Zeitraum zweimal

eine Linie, die unter demselben Winkel von 40ʺ gesehen wurde. Zwischen

der Ebene und den Polen der Ekliptik befindliche Sterne endlich legten

unterdessen Ellipsen zurück, deren große Achsen wieder 40ʺ maßen und

der Ebene der Ekliptik parallel waren, während der Wert der kleinen

Achsen zwischen 0ʺ und 40ʺ schwankte, je nachdem der betreffende

Stern der Ekliptik oder ihrem Pole näher gelegen war[812]. Um diese

scheinbaren Bewegungen auf eine Parallaxe zurückzuführen, hätte man, da

in allen Fällen derselbe Wert von 40ʺ wiederkehrt, zunächst annehmen

müssen, daß sämtliche Fixsterne gleich weit von der Erde entfernt

seien. Dieser an sich schon unwahrscheinlichen Annahme widersprach

aber die Tatsache, daß in B und D (siehe Abb. 130) der Stern nicht an

demselben Orte gesehen wurde, wie es bei der parallaktischen Bewegung

doch der Fall sein müßte. *Bradley* fand nämlich, daß, wenn die Erde

sich in D befindet und sich in der Richtung *Dd* bewegt, der Stern nach

Sʹ verschoben erscheint. Befindet sich die Erde dagegen in B, wo ihre

Bewegungsrichtung die entgegengesetzte ist, so findet die Verschiebung

nach Sʺ statt. In beiden Fällen erreicht der Wert dieser Verschiebung

20ʺ, während in C und A, wo die Bewegungsrichtung der Erde mit

derjenigen des von dem Fixstern kommenden Lichtes übereinstimmt, der

Stern, falls er in der Ebene der Ekliptik liegt, an seinem wahren Orte

gesehen wird.

Zur Erklärung dieser auffallenden Erscheinung soll *Bradley* durch eine

alltägliche Beobachtung gelangt sein. Er bemerkte nämlich bei einer

Bootfahrt, daß die Fahne die Windrichtung wirklich angibt, wenn der

Lauf des Schiffes mit der Richtung des Windes übereinstimmt. Änderte

man dagegen den Kurs, so nahm die Fahne die Stellung an, die sich als

abhängig von den Richtungen und den Geschwindigkeiten des Windes und

des Bootes erwies. Pflanzt sich, so folgerte *Bradley*, das Licht mit

endlicher Geschwindigkeit fort, so muß sich letztere mit derjenigen

der Erde zusammensetzen. Abb. 131 stellt das Parallelogramm dieser

Geschwindigkeiten dar.

Zu der Zeit, in der sich die Erde in den Stellungen B und D (Abb. 130)

befindet, beträgt ihre durch das Stück *ab* (Abb. 131) wiedergegebene

Geschwindigkeit, wie überall auf ihrer Bahn, etwa 4 Meilen. Die

Aberration erreicht dann ihren größten Wert von 20ʺ, der dem Winkel

*acb* beizulegen ist. In diesem Falle verhält sich *bc* zu *ab* wie

die Geschwindigkeit des Lichtes zu derjenigen der Erde. Ist der eine

dieser Werte bekannt, so ist der andere durch eine einfache Beziehung

gegeben[813]. Bradley erhielt so für die Fortpflanzungsgeschwindigkeit

des Lichtes, fast in Übereinstimmung mit dem von *Römer* gefundenen

Ergebnis, den Wert von 40000 Meilen. Beide auf astronomischem Wege

erhaltenen Bestimmungen fanden um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine

Bestätigung durch terrestrische, nach rein physikalischer Methode

angestellte Messungen.

[Illustration: Abb. 131.

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, II. Band Von Galilei bis zur Mitte des XVIII. Jahrhunderts · 第 43 / 81 题