Daraus folgt, daß

v = (M + m)/m · V ist[715].

Mit dem Einfluß des Widerstandes, den Gase und Flüssigkeiten der

Bewegung entgegensetzen, haben sich die theoretische und die

Experimentalphysik seit *Bernoulli* und *Robins* immer wieder

beschäftigt, ohne indes bei der Kompliziertheit der in Betracht

kommenden Umstände bisher zu einem abschließenden Ergebnis zu gelangen.

Fast noch übertroffen wurden die Leistungen *Daniel Bernoullis*

durch diejenigen *Eulers*. *Leonhard Euler* wurde am 15. April

des Jahres 1707 in Basel geboren und war ein Schüler des daselbst

ein Lehramt bekleidenden *Johann Bernoulli*. Auf die Empfehlung

*Daniel Bernoullis* hin kam *Euler* mit 20 Jahren an die Akademie

zu Petersburg. Bezeichnend für seine ungewöhnliche mathematische

Befähigung ist Folgendes. Als es galt, gewisse astronomische Tafeln

zu berechnen, erklärten die Mathematiker der Akademie, hierzu einer

Frist von einigen Monaten zu bedürfen. *Euler* dagegen erbot sich,

jene Tafeln in drei Tagen fertig zu stellen, und hielt auch Wort. Doch

hatte er diese Leistung mit dem Verluste eines Auges zu bezahlen, das

er infolge einer durch die Überanstrengung herbeigeführten Krankheit

einbüßte. Im Jahre 1741 berief Friedrich der Große durch ein aus dem

Feldlager stammendes Schreiben *Euler* an die Preußische Akademie der

Wissenschaften. Volle 25 Jahre arbeitete er als eine Zierde dieser

Gesellschaft in der Residenz der Preußischen Könige an dem Ausbau der

neueren Mathematik. Dabei entfaltete der große Mann eine beispiellose

Produktivität. Allein in den Jahrbüchern der Berliner Akademie

veröffentlichte er 121, zum Teil sehr umfangreiche, Abhandlungen[716].

Nach *Maupertuis'* Tode leitete *Euler* die Akademie. Schließlich

traten aber Zerwürfnisse ein, die *Euler* veranlaßten, sein Verhältnis

zur Berliner Akademie zu lösen und, einer Aufforderung *Katharinas

der Zweiten* folgend, nach Petersburg zurückzukehren. An seine Stelle

trat in die Berliner Akademie als würdiger Nachfolger *Lagrange*

ein. Trotzdem *Euler* bald darauf völlig erblindete, erlahmte seine

wissenschaftliche Tätigkeit nicht. Noch wenige Stunden vor seinem am 7.

September 1783 erfolgten Tode war er damit beschäftigt, die Bewegung

des in demselben Jahre erfundenen Luftballons zu berechnen.

[Illustration: Abb. 119. Leonhard Euler.]

Bevor wir uns *Eulers* Arbeiten auf den Gebieten der mathematischen

Physik und der Astronomie zuwenden, haben wir ihn als das kennen

zu lernen, was er in erster Linie war, nämlich als Mathematiker.

Gibt es doch keinen Zweig der reinen Mathematik, der ihm nicht

eine außerordentliche Förderung verdankte[717]. Er war es, der die

Bemühungen *Vietas* zum Abschluß brachte und die Algebra zu einer

»internationalen mathematischen Kurzschrift« gestaltete[718]. In seiner

»Einführung in die Analysis des Unendlichen« vom Jahre 1748[719] gab

er eine umfassende Erörterung der Kurven, welche durch die allgemeine

Gleichung zweiten Grades definiert werden. Während er dadurch die

analytische Geometrie förderte, verstand er es andererseits, den

höheren Kalkül von beengenden geometrischen Fesseln loszulösen und ihn

zu einer selbständigen Disziplin zu gestalten. *Euler* vor allem gelang

ferner die scharfe Erfassung des Funktionsbegriffes, dem die ersten

Kapitel der »Introductio« gelten, jenes Begriffes, den man wohl zu den

wichtigsten Schöpfungen der neueren Mathematik gerechnet hat[720]. Im

Anschluß an *Bernoullis* Untersuchungen über isoperimetrische Probleme

erfand *Euler* als einen besonderen Teil der höheren Analysis die

Variationsrechnung.

Während *Johann Bernoulli* über die isoperimetrischen Probleme sich

dahin geäußert hatte, daß man wohl vergebens nach einem allgemeinen

Verfahren für ihre Lösung suchen werde, unternahm *Euler* die ersten

Schritte zur Ausbildung einer »Methode, Kurven zu finden, denen eine

Eigenschaft im höchsten oder geringsten Grade zukommt.« Eine Auswahl

geeigneter Abschnitte der betreffenden umfangreichen Schrift *Eulers*

wurde neuerdings in deutscher Übersetzung veröffentlicht[721].

Ein näheres Eingehen auf den Inhalt des gewöhnlich als »Methodus

inveniendi« bezeichneten Hauptwerkes von *Euler* ist hier nicht

am Platze[722]. Bemerkt sei nur, daß die von *Euler* befolgte

Methode wesentlich geometrisch ist, wodurch die Behandlung der

einfacheren Probleme sehr klar und durchsichtig wird. *Euler* hat

sein Verfahren als Variationsrechnung bezeichnet und es mit folgenden

Worten erläutert. »Die Variationsrechnung ist die Methode, die

Änderung aufzufinden, die ein aus beliebig vielen Veränderlichen

zusammengesetzter Ausdruck erleidet, wenn man entweder alle oder nur

einige Variabeln sich ändern läßt«[723].

In einem Anhang zu dem Werke »Methodus inveniendi« setzt *Euler* die

Bedeutung, welche die in diesem vorgetragenen Lehren für die Lösung

physikalischer Probleme besitzen, des Näheren auseinander. Er meint,

»es geschehe nichts in der Natur, dem nicht irgendein Verhältnis des

Maximums oder des Minimums zu Grunde liege«. Daraus ergibt sich für die

Forschung ein direktes und ein indirektes Verfahren. Das eine führt zur

Bestätigung des anderen, wodurch ein hoher Grad von Gewißheit verbürgt

wird. Handelt es sich z. B. darum, die Krümmung eines an den beiden

Enden aufgehängten Seiles festzustellen, so geschieht dies entweder

direkt, indem man die Wirkungen untersucht, welche die Schwere auf das

Seil ausübt. Oder man bedient sich der Methode der Maxima und Minima

und erörtert mit ihrer Hilfe, welche Gestalt das Seil annehmen muß,

damit sein Schwerpunkt in die möglichst tiefe Lage gelangt. Auf beiden

Wegen erhält man ein und dieselbe Kurve, die Kettenlinie, die der

Parabel sehr ähnlich sieht[724].

Von der Kettenlinie, bei welcher die Elastizität keine Rolle spielt,

ging man zur Untersuchung derjenigen Kurven über, die ein elastisches

Band unter der Einwirkung von Kräften annimmt. Die hierbei entstehenden

Gestalten waren längst bekannt. Jedermann kennt z. B. die in Abb. 120

dargestellte Form, die ein aus Fischbein oder Stahl hergestellter

Streifen annimmt, wenn wir an den Endpunkten A und C zwei Kräfte in

den Richtungen AD und CD wirken lassen, und der Streifen in B

festgehalten wird.

[Illustration: Abb. 120. Eine der von Euler untersuchten elastischen

Kurven.]

Von der Untersuchung der elastischen Kurven, bei denen die Theorie

der Maxima und Minima gleichfalls eine Rolle spielt, ging man zu

den Schwingungen elastischer Bänder über. Der erste, der sich mit

diesen Problemen eingehender befaßte, war *Daniel Bernoulli*. Wird

die schwingende Bewegung hinreichend schnell, so wird durch sie ein

Ton hervorgerufen, dessen Natur sich mit Hilfe von Experimenten

untersuchen läßt. So vermochte man auf physikalischem Wege das Ergebnis

der mathematischen Analyse zu bestätigen und tiefer in das Wesen der

elastischen Körper einzudringen. Auch dies geschah besonders durch

*Euler*. Er unterschied dabei verschiedene Fälle, z. B. das Verhalten

eines elastischen Bandes, das an einem Ende befestigt ist, oder

desjenigen, das an beiden Endpunkten festgehalten wird. Bei diesen

Untersuchungen sonderte *Euler* die Schwingungen von Körpern, die erst

infolge ihrer Spannung elastisch sind (elastische Saite) von den

Schwingungen an sich elastischer Bänder[725]. Die Töne, die dadurch

hervorgerufen werden, hat besonders *Chladni* in seiner »Akustik«[726]

untersucht und mit den mathematisch gefundenen Ergebnissen *Eulers* in

guter Übereinstimmung gefunden.

Eine der frühesten Arbeiten *Eulers* auf dem Gebiete der angewandten

Mathematik betrifft die von *Newton* gegebene Theorie der

Gezeiten[727]. Die Pariser Akademie der Wissenschaften hatte bei der

Wichtigkeit des Gegenstandes zu Beginn des 18. Jahrhunderts zahlreiche

Flutbeobachtungen in den französischen Häfen anstellen lassen. Dabei

hatte sich gezeigt, daß man diese Beobachtungen nur zum Teil aus

*Newtons* Theorie erklären konnte. Die Akademie schrieb deshalb im

Jahre 1740 Preise über diese Frage aus. Unter den gekrönten Arbeiten

befanden sich auch diejenigen von *Euler* und *Bernoulli*. Es gelang,

auf der durch *Newton* geschaffenen Grundlage, mit Hilfe der höheren

Analysis manche Umstände in Rechnung zu ziehen, die bei den Gezeiten

mitwirken, so daß z. B. das Zurückbleiben der Flutwelle hinter der

Kulmination des Mondes bestimmt werden konnte.

Auch die Lösung einer zweiten, für die Nautik sehr wichtigen Aufgabe,

an der sich *Galilei* in seinen letzten Lebensjahren vergebens

abgemüht hatte, des Problems der Längenbestimmung, blieb *Euler*

vorbehalten. *Galilei* und das Altertum hatten ihren Berechnungen

gewisse astronomische Erscheinungen, wie die Verfinsterungen der

Jupitermonde oder die viel seltener vorkommenden Mondfinsternisse,

zugrunde gelegt. Schon vor *Galilei* erfolgten neue Vorschläge, deren

Durchführung die endliche Lösung des so lange schwebenden Problems

herbeiführen sollte. Da der Mond infolge seiner Bewegung um die Erde

seinen Ort rasch ändert, kann der Abstand des Mondes von bestimmten

Fixsternen, der von Minute zu Minute ein anderer ist, zum Vergleich der

Ortszeiten und damit zur Längenbestimmung dienen. Es würde dazu nur

eine Tabelle erforderlich sein, die für einen bestimmten Ort der Erde

die Abstände des Mondes für die einzelnen Tage, Stunden und Minuten

angibt. Wird dann die betreffende Distanz an dem Orte der Beobachtung

zu einer anderen Tageszeit gemessen, so läßt sich aus dem Unterschiede

der Zeiten der Längenunterschied berechnen[728]. Ein zweites in

Vorschlag gebrachtes Verfahren[729] beruht auf der Anwendung genauer

Chronometer, die während der ganzen Dauer der Reise die Zeit desjenigen

Ortes angeben, den man zum Ausgangspunkte für die Längenbestimmung

gewählt hat. Die Verwirklichung dieser beiden Vorschläge wurde lebhaft

angestrebt, nachdem im Jahre 1713 das englische Parlament einen Preis

von 20000 Pfund für die praktische Lösung des Längenproblems ausgesetzt

hatte.

Da die Bewegung des Mondes von den anziehenden Kräften der Erde und

der Sonne abhängt, war sie weit schwieriger zu ermitteln als diejenige

der Planeten. Noch zur Zeit *Newtons* betrug der Fehler bei der

Vorausbestimmung einer Mondfinsternis mitunter eine Stunde und mehr.

Auf Grund der Berechnungen *Eulers*[730] und eigener Beobachtungen

brachte der Astronom *Tobias Mayer*[731] in Göttingen um die Mitte

des 18. Jahrhunderts Mondtafeln zuwege, die für Längenbestimmungen

genügten. Die *Witwe Mayers*, sowie auch *Euler* erhielten daher einen

Teil des Preises.

Ein hinlänglich genau gehendes Chronometer lieferte im Jahre

1758 der Uhrmacher *John Harrison*. Dieses wies nach einer vier

Monate dauernden Fahrt einen Fehler von nur etwa zwei Minuten auf.

Durch fortgesetzte Bemühungen wurde dieser Fehler noch weiter

herabgemindert, worauf *Harrison* die Hälfte der vom Parlamente

ausgesetzten Summe erhielt. Um die Länge des Pendels dem Einfluß der

Temperaturschwankungen zu entziehen, verfertigte *Harrison* 1725 nach

dem Vorgange *Grahams* Rost- oder Kompensationspendel, indem er Metalle

von verschiedenen Ausdehnungskoeffizienten, wie Messing und Eisen,

vereinigte. *Graham* (1675-1751) hatte zu diesem Zwecke die sogenannte

Quecksilberkompensation erfunden.

Verwickelte, nur mit Hilfe der höheren Analysis zu lösende Probleme

boten die Schallerscheinungen dar. *Euler* untersuchte nicht nur die

Schwingungen von Saiten und Stäben[732], sondern er bestimmte auch

die Grenzen der Hörbarkeit. Seinen Versuchen gemäß fallen sie etwa

mit den Schwingungszahlen 20 und 7000 zusammen. Überhaupt erwarb

sich *Euler* große Verdienste um eine wissenschaftliche Behandlung

der Musik. Indessen hatte es schon weit früher (um 1700) *Sauveur*

unternommen, aus der Musik ein Objekt der naturwissenschaftlichen

Forschung zu machen[733]. Bei *Sauveur* begegnet uns die später auch

von *Euler* vertretene Ansicht, daß die Konsonanz auf ein einfaches

Schwingungsverhältnis zurückzuführen sei, das vom Gehörorgan leicht

aufgefaßt wird. Töne, deren Schwingungszahlen sich wie 5 : 6 verhalten,

werden nach *Sauveur* nicht mehr als konsonierend empfunden. Den Wert 5

: 6 betrachtet er als die Grenze der Konsonanz.

[Illustration: Abb. 121. Schwingende Saiten.]

Das Hauptverdienst *Sauveurs* besteht darin, daß er bestrebt war,

in die musikalisch-akustische Untersuchung überall das quantitative

Verfahren einzuführen. *Sauveur* machte auch schon die Beobachtung, daß

eine schwingende Saite außer ihrem Grundton zugleich Obertöne erkennen

läßt. Dies beruht darauf, daß die Saite entweder ungeteilt schwingt

(Abb. 121, I), oder daß sie mehrere Teilschwingungen vollzieht (Abb.

121, II), oder endlich, daß sie gleichzeitig als Ganzes und daneben in

ihren Teilen Schwingungen macht (Abb. 121, III). Die so entstehenden

höheren Töne nennt man Flageolett- oder Obertöne. Sie lassen sich

nur durch besondere Vorkehrungen ausschließen. Gewöhnlich tritt der

Schwingungszustand III ein. Das geschilderte Verhalten wurde schon

im Jahre 1674[734] entdeckt, jedoch von *Sauveur* unabhängig davon

aufgefunden und genauer verfolgt[735]. *Sauveur* benutzte für seine

Untersuchung ein Monochord. Er rief an einer Saite ihren Grundton

hervor. Darauf berührte er sie an gewissen Stellen.

c b cʹ

a-------------------------------------------aʹ

Geschah dies in b, so erhielt er die Oktave, geschah es in c, so hörte

man die zweite Oktave. Zur Untersuchung des Schwingungszustandes führte

*Sauveur* das noch heute gebräuchliche Verfahren ein. Er setzte z. B.

auf b, c, cʹ schwarze Papierreiterchen, und auf die genau dazwischen

liegenden Punkte weiße. Brachte er dann die Saite zum Tönen, indem er

sie gleichzeitig in c berührte, so blieben die schwarzen Reiter sitzen,

während die weißen abflogen. Die Punkte b, c, cʹ, die in Ruhe bleiben,

nannte *Sauveur* Knoten, die dazwischen liegenden schwingenden Teile

Bäuche, Bezeichnungen, die bis auf den heutigen Tag üblich geblieben

sind.

Wie die Obertöne, deren Bedeutung für das Zustandekommen dessen, was

wir Klangfarbe nennen, *Helmholtz* später untersucht hat, so wurde

auch die unter dem Namen der »Schwebung« bekannte Erscheinung durch

*Sauveur* wissenschaftlich erklärt. Es war den Orgelbauern schon

längst aufgefallen, daß das Ohr in regelmäßiger Folge eigentümliche

Stöße wahrnimmt, wenn zwei Pfeifen angeblasen werden, deren Töne

sich nur wenig voneinander unterscheiden. *Sauveur* hat diese Stöße

(er nannte sie battements, Schläge) aus dem Zusammentreffen von

Schwingungen erklärt, die sich als ein jedesmaliges Anschwellen des

Tones bemerkbar machen. Besteht z. B. ein Ton aus neun Schwingungen für

eine gewisse Zeit, während ein gleichzeitig stattfindender Ton durch

zehn Schwingungen während derselben Zeit hervorgerufen wird, so werden

nach Ablauf dieser Zeit jedesmal die Schwingungen zusammenfallen. In

diesem Augenblick wird der Ton am stärksten erscheinen, dann wieder

abschwellen, um nach Ablauf derselben Zeit von neuem verstärkt zu sein.

*Sauveur* benutzte dies Verhalten, um die Schwingungszahl eines Tones

zu ermitteln, indem er ihn gleichzeitig mit einem Ton von bekannter

Schwingungszahl erklingen ließ und die Anzahl der in einer Sekunde

stattfindenden Schwebungen feststellte[736].

Eulers Äthertheorie.

Infolge der Zurückführung der akustischen Vorgänge auf die Schwingungen

elastischer Körper und Medien mußte sich dem schon von *Huygens*

unternommenen Versuch, die Lichtphänomene aus denselben Prinzipien zu

erklären, Aussicht auf Erfolg darbieten. So sehen wir denn *Euler*

eifrig bemüht, die Analogie der Schall- und Lichterscheinungen

darzutun. Nachdem er alle Schwächen der Emanationstheorie *Newtons*,

die er für geradezu vernunftwidrig erklärte, nachgewiesen hatte,

entwickelte er seine eigenen Ansichten vom Äther und vom Licht. *Euler*

geht, wie vor ihm *Huygens*, von der Annahme aus, daß der Raum zwischen

den Himmelskörpern mit einer äußerst feinen Materie, dem Äther, erfüllt

sei. Letzterer sei eine Flüssigkeit wie die Luft, aber unvergleichlich

viel feiner und verteilter, da die Himmelskörper ihn durchschneiden,

ohne in ihm einen merklichen Widerstand zu finden. Ferner besitze der

Äther das Vermögen, sich nach allen Richtungen auszubreiten und jeden

leeren Raum auszufüllen. Infolgedessen finde er sich nicht nur in den

höheren Regionen, sondern er durchdringe die Atmosphäre und dringe auch

in die Zwischenräume aller irdischen Körper ein.

Da die Luft infolge entsprechender Eigenschaften geeignet sei, die

Erzitterungen der tönenden Körper aufzunehmen und sie nach allen

Richtungen fortzupflanzen, worin ja der Schall bestehe, so sei es

natürlich, daß der Äther unter ähnlichen Umständen Erschütterungen

empfangen und sie nach allen Richtungen und auf viel größere

Entfernungen vermitteln werde. Diese Erzitterungen des Äthers bewirken

nach *Euler* das Licht. In Wirklichkeit komme also nichts Stoffliches

von der Sonne zu uns, ebensowenig wie von einer Glocke, wenn ihr

Geläut unser Ohr trifft. Man brauche daher auch nicht zu befürchten,

daß die Sonne, indem sie Licht spendet, die geringste Einbuße an

Substanz erleide. Den scheinbaren Widerspruch, der darin liegt, daß die

irdischen Lichtquellen sich doch augenscheinlich verzehren, erklärte

*Euler* ganz richtig daraus, daß diese Lichtquellen nicht nur leuchten,

sondern auch Rauch und Ausdünstungen abgeben. Könnte man, sagt *Euler*,

diesen Rauch und diese Ausdünstungen aufheben, so würde das bloße

Leuchten keine Verminderung mit sich bringen. Als Beweis dafür gilt ihm

die Erscheinung, daß Quecksilber, das man in einer evakuierten Röhre

schüttelt, in den leuchtenden Zustand versetzt wird, ohne an Substanz

einzubüßen.

Daß sich die Zahl der Ätherschwingungen je werde ermitteln lassen,

bezweifelte *Euler*. Das Sonnenlicht soll deshalb weiß erscheinen, weil

es in Ätherschwingungen von jeder Zahl bestehe. Bei der Brechung spalte

sich das weiße Licht in Wellen von verschiedener Länge; diese rufen

nach ihrer Trennung die einfachen Farben hervor. Um die Körperfarben

zu erklären, vergleicht *Euler* die Teilchen der Körper mit gespannten

Saiten. Wie diese durch Töne, die ihrem Grundton entsprechen, in

Schwingungen versetzt werden, ebenso verhalten sich die Körperteilchen,

je nach dem Grade ihrer Elastizität, gegenüber den Schwingungen

des Äthers. Ein Körper erscheint uns rot, wenn seine Teilchen eine

bestimmte, dem roten Licht entsprechende Zahl von Schwingungen

mitmachen. Weiß erscheint der Körper, wenn seine Teilchen vermöge ihres

Spannungszustandes auf alle Schwingungen abgestimmt sind, die das

Sonnenlicht enthält; schwarz erscheint er, wenn er nicht mitschwingt.

Aus dem Gesagten erkennen wir, daß *Euler* den Vorstellungen, die

sich später aus der Undulationstheorie über das Zustandekommen der

Farben entwickelt haben, sehr nahe gekommen ist. Trotz aller Klarheit,

mit welcher er seine Anschauungen über die Natur des Lichtes in den

Briefen an eine deutsche Prinzessin[737] vorträgt, sowie seiner in

den Denkschriften der Berliner Akademie gegebenen wissenschaftlichen

Begründung dieser Anschauungen, blieb die von *Newton* herrührende

Emanationstheorie unerschüttert. Was dem bloßen, gleichfalls von einem

theoretischen Standpunkte aus erfolgenden Bekämpfen einer irrigen

Hypothese nicht gelang, hat die spätere Entdeckung neuer Tatsachen

sofort herbeigeführt. Solchen gegenüber konnte eine Hypothese, die sich

nicht mit ihnen in Einklang bringen ließ, keinen Stand halten.

Auch um die Berichtigung eines anderen Irrtums *Newtons* machte *Euler*

sich verdient. Ersterer hatte die Beseitigung der chromatischen

Abweichung für unmöglich erklärt, da die Brechung des Lichtes stets

mit einer Farbenzerstreuung verbunden sei. Infolgedessen hielt man

die Vervollkommnung der dioptrischen Fernröhre für ausgeschlossen

und wandte sich gleich *Newton* vorzugsweise der Verfertigung von

Spiegelteleskopen zu, die gegen das Ende des 18. Jahrhunderts durch

*Wilhelm Herschel* einen hohen Grad der Vollendung erreichten. Der

Ansicht *Newtons* gegenüber wies nun *Euler* im Jahre 1747 darauf hin,

daß im Baue unseres Auges das von *Newton* für unlösbar gehaltene

Problem doch gelöst sei, da die auf der Netzhaut erzeugten Bilder den

Fehler der chromatischen Abweichung nicht besäßen. Da beim Auge in

verschiedenem Grade brechende Medien, wie die Substanz der Hornhaut,

die Linse und der Glaskörper, bei der Bilderzeugung zusammenwirken,

so kam *Euler* auf den Gedanken, mit dem Glase einen zweiten Stoff in

entsprechender Weise zu verbinden und dadurch die Farbenzerstreuung

zu beseitigen. *Euler* suchte dieses zu erreichen, indem er seine

Objektivgläser, wie es die nebenstehende Abb. 122 erläutert, aus Glas

und Wasser zusammensetzte. Das Verfahren bot zwar in der Ausführung

Schwierigkeiten, zeigte aber immerhin die Richtigkeit der *Euler*schen

Folgerungen, da die Bilder, wenn sie auch nicht die gewünschte Schärfe

besaßen, doch frei von dem gedachten Fehler waren.

Angeregt durch diese Untersuchung *Eulers* kam zehn Jahre später

der Optiker *Dollond*[738] auf den Gedanken, anstatt Glas und

Wasser zwei Glassorten von ungleichem Brechungsvermögen zu wählen.

Zunächst verfertigte er Kron- und Flintglasprismen von verschiedenen

Brechungswinkeln. Beim Prüfen dieser Prismen ergaben sich

Zusammenstellungen, bei denen der hindurchgegangene Strahl keine

Farbenzerstreuung mehr aufwies und doch noch, wenn auch in geringerem

Grade, gebrochen wurde. Nachdem sich auf solche Weise der Gedanke als

durchführbar erwiesen, ging *Dollond* zu seiner praktischen Verwertung

über. Er setzte Linsen aus zwei Stücken zusammen, von denen das eine

aus Kron-, das andere aus Flintglas bestand. Auch hierbei wurde die

zweckmäßigste Vereinigung durch Ausprobieren bewerkstelligt. Damit war

das achromatische Fernrohr erfunden, das durch *Dollonds* Sohn und

insbesondere im Beginn des 19. Jahrhunderts durch *Joseph Fraunhofer*

einen solchen Grad der Vollendung erhielt, daß der während des 18.

Jahrhunderts herrschende Reflektor das Feld räumen mußte[739].

[Illustration: Abb. 122.

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, II. Band Von Galilei bis zur Mitte des XVIII. Jahrhunderts · 第 42 / 81 题