Bradleys Erklärung der Aberration.]

Weitere Fortschritte der Astronomie.

Bei *Newton* und den auf ihn folgenden Astronomen war das

Hauptinteresse auf das Planetensystem gerichtet, für das die

Gravitationsmechanik zunächst noch zahlreiche Probleme bot. Mit den

Kometenbahnen hatte sich zwar *Newton* in seinen Prinzipien auch

beschäftigt, doch war die von ihm geschaffene Methode noch sehr

unvollkommen. Weitere Untersuchungen auf diesen Gebieten unternahmen

*Euler* und ganz besonders *Lambert*. Hatte *Kepler* für diese

Himmelskörper noch eine geradlinige Bewegung angenommen, so lieferte

*Newton* den Nachweis, daß es sich auch hier um Kegelschnitte

handle. Er lehrte ferner, durch Konstruktion aus drei Positionen die

parabolische Bahn ermitteln, ein Verfahren, dessen sich besonders

*Halley* mit Erfolg bediente.

Grundlegende, geradezu klassische Arbeiten über die Bestimmung der

Kometenbahnen rühren von *Lambert* her, mit dessen Lebensgang und

Verdiensten um die Physik wir schon im vorigen Abschnitte bekannt

geworden sind[814]. *Lamberts* Ziel bestand, wie er in seiner

Vorrede hervorhebt, darin, die Bahn des Kometen auf Grund von drei

Beobachtungen, aus den Eigenschaften der Kegelschnitte vollständig zu

ermitteln. Von besonderer Wichtigkeit ist *Lamberts* Satz[815], daß die

Zeit, die zum Durchlaufen eines Kurvenstücks erforderlich ist, aus der

Sehne und den beiden Vektoren ermittelt werden kann. Für die Parabel

hatte diesen Satz schon *Euler* gefunden[816]. Er erkannte jedoch noch

nicht seine Bedeutung und hat ihn nicht bei seinen Arbeiten über die

Bahnbestimmung benutzt, während *Lambert* ihn auf hyperbolische Bahnen

ausdehnte.

Nachdem *Lambert* die Bewegung der Kometen erörtert hat, befaßt er sich

mit dem Verfahren, eine parabolische Kometenbahn aus den Beobachtungen

zu bestimmen. Genauer lautet das Problem, das er sich stellt,

folgendermaßen[817]: Gegeben sind drei geozentrische Örter eines in

einer Parabel sich bewegenden Kometen; man soll Lage und Größe der Bahn

ermitteln. Die Lösung führte ihn auf eine Gleichung 6. Grades. Werden

*Lamberts* Ausdrücke nach einer kleinen Berichtigung entwickelt, so

gibt seine Methode ein brauchbares Verfahren[818].

Unabhängig von *Kant* hat *Lambert* ferner Ansichten über den Bau des

Weltalls entwickelt, die mit den Ergebnissen der neueren Forschung in

Einklang stehen. Es geschah dies in seiner 1761 erschienenen Schrift

»Kosmologische Briefe über die Einrichtung des Weltbaus«. *Lambert*

unterscheidet darin Weltsysteme erster, zweiter und dritter Ordnung.

Ein System erster Ordnung bilden die Sonne und jeder Fixstern, da alle

Fixsterne als Zentren von ebensoviel Scharen von Planeten und Kometen

aufzufassen sind.

Das Sonnensystem kreist mit zahlreichen benachbarten Sonnensystemen um

einen gemeinschaftlichen Schwerpunkt. Das Ganze betrachtet *Lambert*

als ein System zweiter Ordnung. Aus solchen setzt sich endlich die

Milchstraße als eine Scheibe, deren Durchmesser nach vielen tausend

Siriusweiten zählt, zusammen. Vielleicht sei, meint *Lambert*,

auch hiermit die Gliederung zu immer umfassenderen Gruppen nicht

abgeschlossen, doch übersteige eine Fortsetzung dieser Betrachtung

unser Fassungsvermögen.

Die etwa drei Jahrzehnte (1718) vor der Herausgabe der Kosmologischen

Briefe durch *Bradley* entdeckte Eigenbewegung der Fixsterne würde

sich, diesen Ausführungen *Lamberts* entsprechend, aus zwei Bewegungen

zusammensetzen, der Bewegung der Sterne selbst und der von *Lambert*

vorgeahnten Bewegung unseres Sonnensystems. »Es wird später möglich

werden«, sagt *Lambert*, »diese beiden Komponenten zu trennen und

die Richtung anzugeben, nach der sich unsere Sonne bewegt.« Diese

Voraussage sollte, wie wir in einem späteren Abschnitt sehen werden,

schon einige Jahrzehnte später (1781) durch *Herschel* in Erfüllung

gehen.

Astronomie und Kartographie.

Ganz Hervorragendes hat *Lambert* auch auf einem Nebengebiet der

Astronomie, auf dem Gebiete der Kartographie, geleistet, so daß man

für dieses mit dem Erscheinen von *Lamberts* Schrift über Land- und

Himmelskarten wohl eine neue Epoche datiert hat. Die Schrift ist mit

Anmerkungen versehen von neuem herausgegeben worden[819]. Ihr erstes

Erscheinen fiel in das Jahr 1772.

Der in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts fallende große Aufschwung

der Kartographie hing mit dem Einsetzen der wissenschaftlichen

Entdeckungsreisen (*Cook*) und mit genaueren topographischen

Landesaufnahmen zusammen. So entstand (1750 bis 1793) auf Grund einer

großen genauen Landesvermessung *Cassinis* Carte géométrique de la

France. Sie umfaßte 184 Blätter im Maßstab von 1 : 86400 und diente

für die Karten der übrigen Länder als Muster[820]. In gleichem Maße

epochemachend war die erwähnte Schrift *Lamberts*.

Zwar fehlte es vor *Lambert* nicht an Untersuchungen über einzelne

Entwerfungsarten. Ihm gebührt jedoch das Verdienst, daß er zuerst

die allgemeinen Grundsätze, die bei der Kartenprojektion in Betracht

kommen, aufstellte und als erster diejenigen Forderungen erörterte,

die das Kartenbild zu erfüllen hat. Im Verfolg dieser Aufgaben kam

*Lambert* auch auf mehrere neue Projektionsarten, die noch heute im

Gebrauch sind. Es sind dies vor allem die winkeltreue und flächentreue

Kegelprojektion[821].

Mit demselben Gegenstande hat sich einige Jahre später auch *Leonhard

Euler* beschäftigt. Ihm hatte auch die sphärische Trigonometrie um

die Mitte des 18. Jahrhunderts Fortschritte zu verdanken, die in

erster Linie der Astronomie zugute kamen. *Eulers* Abhandlungen über

Kartenprojektion[822] gehen über die Behandlung, die *Lambert* dem

gleichen Gegenstande widmete, weit hinaus und leiten andererseits zu

den Untersuchungen über, die *Lagrange* und später *Gauß*[823] über die

konforme Abbildung von Flächen auf anderen Flächen angestellt haben.

Die erste Arbeit *Eulers* handelt von der Abbildung der Kugelfläche

in einer Ebene, und zwar behandelt *Euler* nicht nur die früheren

Projektionen, bei denen die einzelnen Punkte der Kugelfläche nach den

Gesetzen der Perspektive so auf eine Ebene projiziert werden, wie sie

dem Beobachter von einem bestimmten Punkte aus erscheinen, sondern er

faßt seine Aufgabe in weiterem Sinne auf und zeigt, wie die Punkte der

Kugelfläche nach einem beliebigen Gesetz in einer Ebene dargestellt

werden können.

Unter anderem werden die Bedingungen der *Mercator*'schen

Projektionsart entwickelt und dargetan, daß für diese die kleinsten

Teile der Oberfläche ihren Bildern in der Ebene ähnlich sind, also

das Prinzip der Konformität oder Winkeltreue gewahrt ist. *Euler*

zeigte ferner, daß der größte Vorteil, den derartige Karten den

Seefahrern gewähren, darin besteht, daß die loxodromischen Linien,

d. h. die Kurven, die sämtliche Meridiane unter dem gleichen Winkel

schneiden, bei dieser Projektionsart als gerade Linien erscheinen. Jede

gerade Linie schneidet nämlich alle Meridiane der Karte, die ja bei

*Mercators* Projektion einander parallel sind, unter demselben Winkel.

Auch die bekannte Abbildung der Erdhalbkugeln im Innern von Kreisen,

deren Mitte der Pol einnimmt, während die Meridiane und die

Parallelkreise sich senkrecht schneiden, wird von *Euler* aus den von

ihm aufgestellten allgemeinen Gleichungen abgeleitet und gezeigt, daß

auch für diese Projektionsart alle sehr kleinen, auf der Kugel beliebig

angenommenen Figuren durch ähnliche Figuren in der Ebene wiedergegeben

werden.

In der zweiten Abhandlung wird ein für die Darstellung besonders

häufiger, flächentreuer Entwurf aus den allgemeinen Bedingungen

erörtert, der Entwurf nämlich, bei dem die Meridiane und die

Parallelkreise als Kreise erscheinen.

Die letzte Abhandlung endlich erörtert die Projektionsart, die *De

Lisle* seiner Karte des russischen Reiches zugrunde gelegt hat[824],

und zeigt, wie man die Fehler einer solchen nach *De Lisle*scher

Projektion entworfenen Karte möglichst verringern kann. Die genannte

Projektionsart ist eine konische, d. h. ein Teil der Kugelzone wird

derart auf einen Kegel übertragen, daß den Meridianen gerade Linien,

den Parallelkreisen der Kugel aber parallele Kreise auf dem Mantel des

Kegels entsprechen.

Nicht minder groß sind die Verdienste, die sich *Euler* um die

wichtigste Hilfswissenschaft der Astronomie, die Trigonometrie,

erworben hat. In seiner ersten Abhandlung über diesen Gegenstand

(1753) stellte er sich die Aufgabe, wichtige Sätze der sphärischen

Trigonometrie nach der Methode der größten und kleinsten Werte

abzuleiten[825].

Etwaige Bedenken gegen die Ableitung der sphärischen Trigonometrie aus

den Regeln der Infinitesimalrechnung werden von *Euler* zurückgewiesen.

Es sei immer von Nutzen, auf verschiedenem Wege dieselben Wahrheiten

zu erreichen, weil aus diesem Verfahren sich stets neue Gesichtspunkte

ergeben würden. Zur Notwendigkeit wurde aber die Anwendung der neuen

Methode hier wie in allen übrigen Fällen, wenn man ein Problem ganz

allgemein lösen wollte. Die bisher übliche Betrachtungsweise war

auf das ebene und das sphärische Dreieck beschränkt. Wollte man

dagegen Dreiecke untersuchen, die auf einer beliebigen, z. B. einer

konoidischen oder sphäroidischen Fläche dadurch entstehen, daß man drei

Punkte durch drei kürzeste, der betreffenden Oberfläche angehörende

Linien verbindet, so war damit ein Problem gegeben, das sich nur

mit den Mitteln der höheren Mathematik lösen ließ. Die Wichtigkeit

einer solchen Begründung der Trigonometrie auf einer allgemeinen

Auffassung leuchtet ein, wenn man bedenkt, daß die Messungen der

Geodäten nicht auf einer Kugel, sondern, wie *Euler* hervorhebt, auf

einer sphäroidisch gestalteten Fläche geschehen. Wenn man die bei den

Triangulationen erforderlichen Dreiecke recht groß wähle, so müsse man

auf diesen Umstand auch Rücksicht nehmen. In der erwähnten Abhandlung

leitet *Euler* nur die Formeln für die Kugeloberfläche mit Hilfe

der Infinitesimalrechnung ab. Für andere Flächen, wie das Sphäroid

(Umdrehungsellipsoid), wird diese Trigonometrie der kürzesten Linien

(der Name sphärische Trigonometrie paßt ja nur für die Kugel) in einer

späteren Arbeit behandelt[826]. Auch darauf wies *Euler* hin, daß die

ebene Trigonometrie aus der sphärischen hervorgeht, wenn man den Radius

der Kugel unendlich groß werden läßt[827]. Sehr glücklich war sein

Gedanke, die Seiten eines Dreiecks mit a, b, c und die entsprechenden

Gegenwinkel mit A, B, C zu bezeichnen. Die trigonometrischen Formeln

wurden dadurch viel übersichtlicher und neue Beziehungen weit leichter

als bisher entdeckt[828]. Die trigonometrischen Formeln, die wir

heute benutzen, hat *Euler* mit Ausnahme der *Gauß*schen Formeln[829]

infolgedessen besonders klar dargestellt, teilweise auch zum ersten

Male abgeleitet[830].

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, II. Band Von Galilei bis zur Mitte des XVIII. Jahrhunderts · 第 44 / 81 题