11. Die Begründung der großen wissenschaftlichen Akademien.

Während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts lag der Schwerpunkt

der wissenschaftlichen Arbeit auf dem Gebiete der Mechanik. Erst

nachdem man die Gesetze festgestellt hatte, die das Verhalten der

festen, flüssigen und gasförmigen Körper regeln, war eine Grundlage

für die weitere Erforschung alles Geschehens geschaffen. Den Versuch

einer mechanischen Erklärung aller Naturerscheinungen unternimmt das

nachfolgende Zeitalter, dessen bedeutendste Tat die Begründung der

Mechanik des Himmels durch *Newton* ist.

*Galilei* hatte in einem an *Kepler* gerichteten Briefe die Befürchtung

ausgesprochen, daß auf den das 17. Jahrhundert kennzeichnenden

wissenschaftlichen Aufschwung vielleicht eine Zeit des Stillstandes

eintreten werde. War doch auf die Blüteperiode der griechischen

Wissenschaft eine Brache von vielen Jahrhunderten gefolgt. Diese

Befürchtung *Galileis* erwies sich als grundlos. Die Wissenschaft war

zu einem Gemeingut der zivilisierten Menschheit geworden; sie war

nicht mehr an das Schicksal eines Volkes gebunden. Während auf dem

Boden Italiens rückwärts gerichtete Bestrebungen ihren Fortschritt

hemmten, gelangte sie zunächst vornehmlich in England, in den

Niederlanden und in Frankreich zur Entfaltung. Günstig beeinflußt

wurden die Naturwissenschaften durch den Fortschritt der Mathematik,

insbesondere durch die Begründung der analytischen Geometrie und der

Infinitesimalrechnung. Eine zu weit gehende Arbeitsteilung, wie sie

heute, nicht ohne Gefahr für die Wissenschaft, Platz gegriffen, bestand

damals noch nicht. So sehen wir die hervorragendsten Philosophen und

Mathematiker -- es sei nur an *Descartes*[430] und *Leibniz* erinnert

-- eifrig an der Lösung naturwissenschaftlicher Aufgaben mitarbeiten.

Die neuere Philosophie zeigte sich von dem Bestreben beseelt, mit

allen hergebrachten Anschauungen zu brechen und ihre Probleme vom

Standpunkt der Voraussetzungslosigkeit in Angriff zu nehmen. Dies

Bestreben erwies sich auch für das naturwissenschaftliche Gebiet als

überaus fruchtbringend. Von nachhaltigem Einfluß auf das letztere ist

insbesondere der englische Philosoph *John Locke* (1632-1704) gewesen,

dessen gründliche Untersuchungen über das Erkenntnisvermögen den

modernen Realismus ins Leben gerufen haben.

Es ist bemerkenswert, eine wie hohe Wertschätzung die Mathematik in

ihrer Anwendung auf die Naturwissenschaften erfuhr. Mathematik und

mathematische Physik waren im Verein mit der aus den scholastischen

Banden befreiten Philosophie zum Inbegriff aller Wissenschaften, ja

sozusagen zu einem neuen Evangelium geworden. Sie wurden sogar zu

einem Bestandteil der höfischen Bildung. Vornehme Frauen umgaben sich

mit Philosophen und Mathematikern anstatt wie früher mit Dichtern

und Sängern. Wie im Zeitalter der Renaissance die Begeisterung

für die Antike, so galt während des 17. Jahrhunderts eine nicht

geringere Begeisterung für die exakten Wissenschaften und die ihr

geistesverwandte neuere Philosophie als ein Ersatz für das religiöse

Leben der vergangenen Jahrhunderte. Eine solche Strömung zeitigte als

erfreulichste Erscheinung die Gründung der großen nordeuropäischen

Akademien.

Nach dem Vorbilde der Accademia del Cimento entstanden nämlich auch in

den nördlichen Ländern Europas gelehrte Gesellschaften, die, gefördert

durch reiche Mittel sowie durch die Gunst der Monarchen, für die

weitere Entwicklung von großer Bedeutung wurden. Den wesentlichsten

Vorteil derartiger Vereinigungen hat einmal *Laplace* mit folgenden

Worten gekennzeichnet: »Während der einzelne Gelehrte sich leicht

dem Dogmatisieren hingibt, führt in einer gelehrten Gesellschaft der

Zusammenprall dogmatischer Ansichten sehr bald zu ihrer Zerstörung.

Der Wunsch, sich gegenseitig zu überzeugen, ruft ferner unter den

Mitgliedern die Übereinkunft hervor, nichts anderes als die Ergebnisse

der Beobachtung und Rechnung anzunehmen«[431].

In der Pflege dieses Geistes zeichneten sich vor allem die unter

*Ludwig XIV.* im Jahre 1666 ins Leben gerufene Pariser Akademie, sowie

die um dieselbe Zeit entstandene Royal Society[432] in London aus. Und

während des 18. Jahrhunderts, besonders im Fridericianischen Zeitalter,

erlangte die durch *Leibniz* ins Leben gerufene Preußische Akademie der

Wissenschaften eine ähnliche Bedeutung.

Die Geschichte dieser Akademien zeigt uns mehr als der Lebens- und

Entwicklungsgang des einzelnen Forschers die Wissenschaft in ihrer

Abhängigkeit von dem gesamten Kulturzustande und der politischen

Gestaltung Europas. Wir wollen daher bei dieser Erscheinung, die uns

die neuere Geschichte der Wissenschaften bietet, noch etwas verweilen.

In der Zeit vor der Begründung der großen Akademien erwarb sich der

Jesuit *Mersenne* (1588-1648) dadurch ein besonderes Verdienst,

daß er durch eine umfangreiche Korrespondenz den Austausch an

Erfahrungen und Gedanken zwischen den einzelnen Gelehrten besorgte.

*Mersennes* Briefwechsel, der ein reiches Material für die Geschichte

der Wissenschaften darstellt, wird in der Nationalbibliothek zu

Paris aufbewahrt[433]. In demselben Sinne wie *Mersenne* wirkte in

Deutschland ein anderer Jesuit, der Pater *Kaspar Schott*. Die Rolle

solcher Männer übernahmen mit der Gründung der erwähnten Akademien die

Sekretäre dieser Gesellschaften.

Die Royal Society wurde von einer Anzahl englischer Forscher im Jahre

1645 ins Leben gerufen, um, wie die Stifter sagten, in der Unterhaltung

über naturwissenschaftliche Gegenstände Trost über das Elend des

Landes zu suchen. Die Geschichte der Royal Society ist ein wichtiges

Stück der Geschichte der Wissenschaften überhaupt. Der Gedanke, ein

von jedem Nebenzwecke unabhängiges wissenschaftliches Institut zu

gründen und es mit allen Mitteln zu versehen, ging in England von

*Francis Bacon* aus. Er hat diesen Gedanken in seiner neuen Atlantis

geäußert und sein Ideal als das Haus Salomos bezeichnet. Auch der König

wurde für diesen Plan gewonnen; er sicherte der Vereinigung, zu deren

Begründern *Boyle* und *Wren* zählten, seinen besonderen Schutz zu

und verlieh ihr Korporationsrechte, sowie den Titel einer königlichen

Gesellschaft[434]. Das Ziel dieser Vereinigung war zwar, das schon

von *Bacon* gewünschte System der Wissenschaften zu errichten. Man

erkannte aber, daß dazu zunächst eine sichere Grundlage durch die

rein empirische Erforschung der Tatsachen ohne Rücksicht auf irgend

welche Theorien geschaffen werden müsse. Man war also in den für die

Naturwissenschaften interessierten Kreisen Englands von demselben

Geiste ergriffen, der die Mitglieder der Accademia del Cimento beseelte

und durch sie schon so bedeutende Erfolge gezeitigt hatte.

Das Hauptgewicht wurde nicht auf Vorträge, sondern auf Versuche

und Demonstrationen gelegt, welche die Entdecker neuer Gesetze und

Tatsachen im Beisein von Mitgliedern der Akademie zu wiederholen

hatten. Unter diesen Mitgliedern waltete zunächst das medizinische

Element vor. Daher kam es, daß man sich in den ersten Jahren besonders

mit der Nachprüfung der *Harvey*schen Lehre vom Blutkreislauf befaßte

und manche neue Stütze für diese Lehre beibrachte. *Boyle* stellte

im Schoße der Royal Society seine Versuche über die Atmung an.

Andere Forscher nahmen Zergliederungen von Organismen vor. Kurz, dem

unmittelbaren Zeugnis der Sinne wurde eine entscheidende Bedeutung

eingeräumt und manche irrige Meinung, ja mancher Aberglauben dadurch

beseitigt. Die Gesellschaft beschränkte sich indessen nicht auf den

Verkehr der Mitglieder unter sich, sie trat auch mit bedeutenden

auswärtigen Gelehrten in Verbindung. Den umfangreichen schriftlichen

Verkehr, der dazu nötig war, leitete in den ersten Jahren ein Deutscher

namens *Oldenburg*, der die Stelle eines Sekretärs der Akademie

einnahm[435].

*Leeuwenhoek*, *Malpighi* und viele andere richteten die ersten

Mitteilungen über ihre Entdeckungen an die Royal Society. Letztere

unterstützte nämlich wissenschaftliche Unternehmungen, auch wenn sie

von Ausländern ausgingen, in freigebiger Weise. So ließ sie *Malpighis*

große Abhandlung über den Seidenschmetterling auf ihre Kosten drucken

und mit Kupfertafeln ausstatten.

Die Veröffentlichungen der Royal Society führten die Bezeichnung

Philosophical Transactions[436]. Sie erschienen seit dem Jahre 1664

und bildeten durch ihre Berichte und ihre Abhandlungen die wichtigste

Quelle für die Entwicklung, welche die Wissenschaften im Verlauf der

letzten Jahrhunderte genommen haben.

Seit ihrer Begründung stand für die Royal Society die Astronomie im

Mittelpunkte des Interesses. Dieses wurde besonders durch die lebhafte

Anteilnahme genährt, die *Karl II.* ihrer nautischen Anwendung wegen

für die Astronomie empfand. Auf das Zusammenwirken des Königs und der

Gesellschaft, der auch der königliche Astronom angehörte, ist die

Gründung der Sternwarte in Greenwich zurückzuführen. Unter den übrigen

wissenschaftlichen Aufgaben, mit denen man sich um die Mitte des 18.

Jahrhunderts beschäftigte, standen obenan die Probleme der Mechanik,

der Ausbau der Lehre von der Bewegung zu einem zusammenhängenden,

auf wenige Axiome sich gründenden System. Dem Verdienste der Royal

Society, das vor allem darin bestand, die wissenschaftlichen Aufgaben

ihrer Zeit zu erkennen und deren Lösung stets wieder in Anregung

zu bringen, gesellte sich das besondere Glück zu, daß in ihrem

Schoße der Genius erstand, der diese Fragen einer umfassenden Lösung

entgegenführte. Dieses Genie, das bedeutendste Mitglied der Royal

Society, war *Newton*. In ihm finden nämlich die beiden Hauptstämme der

neueren Naturwissenschaft, die Astronomie in der Gestalt, die *Kepler*

ihr gegeben, und die Mechanik, wie sie aus dem Haupte *Galileis*

hervorging, ihren Zusammenschluß und ihre Fortentwicklung.

Wie die Royal Society, so ging auch die Pariser Akademie der

Wissenschaften, die 1666 unter *Ludwig XIV.* durch *Colbert* ins

Leben gerufen wurde, aus dem Bedürfnis einiger Forscher hervor, die

sich zwanglos zusammenfanden. Es war das der Kreis, der sich schon

Jahrzehnte vor der Gründung der Akademie um *Mersenne*[437] versammelte.

Die Pariser Akademie der Wissenschaften[438] entwickelte sich noch im

17. Jahrhundert zu einer der Royal Society ebenbürtigen Einrichtung.

Beide Akademien gaben in regelmäßiger Folge Druckschriften heraus, in

denen die bedeutendsten Arbeiten der einheimischen aber auch fremder

Gelehrter veröffentlicht wurden.

Während der Revolution wurde die Pariser Akademie der Wissenschaften

zunächst (1793) aufgehoben, indes schon 1795 wieder eingerichtet.

Ihre endgültige Einrichtung empfing sie nach der Beendigung des

Revolutionszeitalters (im Jahre 1816). Sie zählt statutengemäß 65

Mitglieder und zerfällt in 11 Abteilungen, nämlich in eine solche

für Mathematik, Mechanik, Astronomie, Geographie, Physik, Chemie,

Mineralogie, Botanik, Agrikultur, Zoologie einschließlich Anatomie,

Heilkunde.

An die Royal Society und die Pariser Akademie haben sich im 18.

Jahrhundert eine größere Zahl von ähnlichen Forschungsinstituten

angeschlossen. Die wichtigsten unter ihnen sind die folgenden: Berlin

(1700), Petersburg (1725), Stockholm (1739), München (1759). Die

Münchener Akademie verdient besondere Anerkennung für die Verdienste,

die sie sich um die Geschichte der Wissenschaften erworben hat[439].

Bevor wir uns mit dem Lebensgange und den Taten *Newtons* befassen,

wollen wir einen Blick auf Deutschland werfen, das während des 17.

Jahrhunderts in *Leibniz* einen dem englischen Forscher zwar nicht

ebenbürtigen, ihn an Vielseitigkeit aber übertreffenden Führer besaß,

in dem die aus der Renaissance, der Reformation und der exakten

Wissenschaft hervorquellenden Kräfte, wie in keinem anderen, in die

Erscheinung traten. Daneben ist *Jungius* zu nennen, in dem sich

während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts das Streben nach einer

Erneuerung der Wissenschaften verkörperte. Auch in dem Bemühen, die

der freien Forschung sich widmenden Kräfte zu gemeinsamer Tätigkeit

anzuspornen, müssen wir *Jungius* als einen Vorläufer von *Leibniz*

bezeichnen.

*Joachim Jungius* wurde im Jahre 1587 in Lübeck geboren. Er widmete

sich der Heilkunde und hielt sich einige Jahre in Italien auf, wo

er mit den botanischen Forschungen *Caesalpins* bekannt und mit dem

Geiste der in Italien aufblühenden neueren Naturwissenschaft erfüllt

wurde. Nach Deutschland zurückgekehrt, nahm er dort den Kampf gegen die

Scholastik auf und suchte gleichgesinnte Männer um sich zu scharen.

Von diesem Bestreben geleitet, gründete *Jungius* 1622 in Rostock die

erste deutsche Gesellschaft, welche die Pflege der Mathematik und

die Erforschung der Natur als ihre wichtigste Aufgabe bezeichnete.

Ihr Zweck sollte darin bestehen, »die Wahrheit aus der Vernunft und

der Erfahrung zu erforschen, die Wissenschaften von der Sophistik zu

befreien und durch Erfindungen zu vermehren«. Von den Erfolgen, die

*Jungius* selbst in der gewollten Richtung aufzuweisen hatte, wird an

anderer Stelle die Rede sein[440].

Neben der Rostocker Gesellschaft verdient auch die etwas später (1652)

auf deutschem Boden entstandene Kaiserlich Leopoldinische Akademie

genannt zu werden. Sie gibt seit dem Jahre 1672 Abhandlungen meist

naturgeschichtlichen Inhalts heraus, hat aber für das wissenschaftliche

Leben in Deutschland keine ihrem stolzen Namen entsprechende Bedeutung

gewonnen. Dies lag daran, daß der Sitz dieser Akademie häufig wechselte

und daß ihre Mitglieder über das ganze Land zerstreut lebten. Damit

fiel das fruchtbarste Moment, der häufige persönliche Gedankenaustausch

zwischen den Mitgliedern fort. Auch der Umstand, daß die einzelnen

deutschen Länder (Preußen, Bayern) in ihren Hauptstädten Akademien

unterhielten, ließ eine allgemeine deutsche Akademie, wie es die

Leopoldinische sein wollte, nicht erstarken.

Der Gedanke, den *Jungius* und die Gründer der Leopoldinischen Akademie

wenn auch nur in bescheidenem Maße verwirklichten, lebte in *Leibniz*

wieder auf, als er während seines mehrjährigen Aufenthaltes in Paris

den außerordentlichen Nutzen einer großen, vom Staate in freigebiger

Weise geförderten Vereinigung gelehrter Forscher kennen gelernt hatte.

*Leibniz* bot seinen ganzen Eifer und seine Beredsamkeit auf, um eine

ähnliche Einrichtung für Deutschland ins Leben zu rufen.

Dies geschah in seiner von mehreren Entwürfen begleiteten Consultatio

vom Jahre 1672[441]. Die Grundsätze, die *Leibniz* darin entwickelte,

sind in Kürze die folgenden: Alle Kräfte müssen sich vereinigen, um

tiefer in die Natur einzudringen. Zunächst sind deshalb die einfacheren

gelösten und die schwierigeren ungelösten Probleme übersichtlich

zusammenzustellen, um der Forschung Ziel und Richtung zu geben. Die

von einer solchen Neubelebung zu erwartenden Ergebnisse sind der

Allgemeinheit zugänglich zu machen, damit sie auch für die Bildung und

das Leben Früchte zeitigen können. Deshalb sollte sich die zu gründende

Akademie in ihren Veröffentlichungen der deutschen Sprache bedienen.

Scharf und zutreffend urteilt bei dieser Gelegenheit schon *Leibniz*

über den Wert der einseitig klassischen Bildung und die übertriebene

Wertschätzung der grammatisch-philologischen Schulung, wenn er

sagt: »Wir nötigen unsere Jugend dazu, zuerst die Herkulesarbeit

der Bezwingung verschiedener Sprachen zu leisten, wodurch oft die

Schärfe des Geistes abgestumpft wird, und verurteilen alle, welche

die Kenntnis des Lateinischen entbehren, zur Unwissenheit«. Die

Befürchtung, daß durch das Aufgeben der alten Sprachen als allgemeines

Bildungsmittel das altsprachliche Studium in Verfall kommen werde,

weist *Leibniz* mit vollem Recht zurück. Niemals werde der Theologe das

Griechische oder der Jurist das Lateinische entbehren wollen, noch der

Geschichtsforscher sich den Zugang zu den Quellen versperren lassen.

Die Anregungen, welche die Consultatio brachte, waren zunächst ohne

Erfolg. *Leibniz* wurde dadurch recht deutlich daran erinnert, daß

es wohl ein Frankreich, aber kein Deutschland gab. Er ließ jedoch

seinen Plan nicht fallen, an dessen Verwirklichung er die Hoffnung

knüpfte, daß die deutsche Wissenschaft bald die der anderen Nationen

überflügeln werde. Was sich nicht für das Deutsche Reich ins Leben

rufen ließ, war vielleicht in einem der Einzelstaaten, die das Reich

in seinem lockeren Gefüge zusammensetzten, möglich. Und so richtete

er denn in dieser, ihm wie keine andere am Herzen liegenden Sache

seine Aufmerksamkeit auf den mächtigsten deutschen Staat, auf das

emporstrebende Brandenburg-Preußen. Ein äußerer Umstand kam *Leibniz*

zu Hilfe. Der Kurfürst *Friedrich III.* von Brandenburg vermählte sich

mit der hannoverschen Prinzessin *Sophie Charlotte*. An dieser hatte

*Leibniz*, der nach seiner Rückkehr aus Paris in hannoversche Dienste

getreten war, eine begeisterte Schülerin gefunden. Die Beziehungen

zwischen der neuen Kurfürstin und ihrem früheren Lehrer erhielten

in einem regen Briefwechsel ihre Fortsetzung, und der wichtigste

Gegenstand dieses Briefwechsels war der alte *Leibniz*'sche Plan, in

Deutschland, und zwar jetzt in Berlin, eine der französischen Akademie

der Wissenschaften ebenbürtige Schöpfung ins Leben zu rufen. *Leibniz*

wies besonders darauf hin, daß Preußen auf dem Gebiet der praktischen

Künste Kraft gewinnen müsse. Denn bei dem Kampf und Wettbewerb

der Völker werde die zivilisierteste und gewerbreichste Nation den

Sieg davontragen. Die Akademie sollte eins der Mittel sein, dem

protestantischen Deutschland unter Preußens Führung durch die Anwendung

der Wissenschaften auf Landwirtschaft und Gewerbe einen inneren,

friedlichen Machtzuwachs zu verleihen.

Nach langem Harren und Mühen drang *Leibniz* endlich in Berlin mit

seinen Vorschlägen durch. Am 19. März des Jahres 1700 befahl der

Kurfürst, eine »Académie des Sciences und ein Observatorium in Berlin

zu etablieren.« Ein Vierteljahrhundert hatte es also gewährt, bis der

erste, von *Leibniz* in seiner Consultatio entwickelte Vorschlag in

die Tat umgesetzt worden war. *Leibniz* wurde nach Berlin berufen und

an die Spitze der Akademie gestellt. Im übrigen entsprachen die zur

Verfügung gestellten Mittel zunächst in keiner Weise der Größe des von

*Leibniz* entwickelten Planes. Der ganzen Sinnesart *Friedrich Wilhelms

I.*, der etwa ein Jahrzehnt nach der Begründung der Akademie den

Thron bestieg, entsprach es nicht, gelehrte Einrichtungen zu fördern.

Dieser König, dem Preußen im übrigen so vieles verdankt, verkannte,

ja verhöhnte sogar die Akademie und ihre Einrichtungen. Die einzige

Wissenschaft, die er achtete, und förderte, war die Chemie, die während

seiner Regierungszeit in Preußen einige hervorragende Vertreter, wie

*Stahl* und *Pott*, besaß.

Mit einem Schlage änderten sich die unter *Friedrich Wilhelm I.*

bestehenden Verhältnisse, als sein großer Sohn die Regierung übernahm

und mit ihm »die Wissenschaften und die Künste auf den Thron stiegen«.

Schon als Kronprinz hatte *Friedrich II.* den Plan gefaßt, die

Akademie der Wissenschaften zu neuem Leben zu erwecken. Er hatte

sogar in Europa nach geeigneten Gelehrten Ausschau gehalten, die er

nach seiner Thronbesteigung durch die Akademie an Preußen zu fesseln

wünschte. Seine Aufmerksamkeit richtete sich zunächst auf *Maupertuis*

und *Wolf*. *Maupertuis* galt seinen Zeitgenossen als einer der

hervorragendsten Vertreter der Astronomie sowie der mathematischen

Physik. *Wolf* dagegen genoß als Philosoph das größte Ansehen.

*Friedrich* glaubte, daß diese beiden Männer berufen seien, *Newton*

und *Leibniz* zu ersetzen. Die Geschichte hat sie jedoch weit geringer

einschätzen müssen. *Wolf* nahm die Berufung nach Berlin nicht an. Er

hatte in Preußen schlechte Erfahrungen gemacht. Während er in Halle

die Professur der Philosophie bekleidete, hatten seine theologischen

Amtsgenossen ihn der Irreligiosität beschuldigt und damit erzielt, daß

*Wolf* bei Strafe des Stranges binnen 48 Stunden das Land verlassen

mußte. *Wolfs* Verdienst um die Philosophie beschränkte sich im

wesentlichen darauf, daß er die *Leibniz*'schen Lehren weiter ausbaute

und für ihre Verbreitung sorgte. Dabei bediente er sich -- und das ist

ein bahnbrechendes Verdienst gewesen -- der von *Leibniz* gegebenen

Anregung gemäß der deutschen Sprache.

*Maupertuis* dagegen folgte dem Rufe des Königs und wurde 1742

zum Direktor der Akademie ernannt. Ein Jahr vorher war auch der

große *Euler* für sie gewonnen worden. Die ersten Jahrzehnte

der Fridericianischen Zeit waren für die Preußische Akademie

der Wissenschaften die bedeutendsten. *Maupertuis* verstand es,

hervorragende Männer als wirkliche oder auswärtige Mitglieder in ihr

zu vereinigen. Die Preußische Akademie war damals, und das ist ihr

schönster Ruhmestitel gewesen, eine Freistätte für die vom Fanatismus

oder vom Absolutismus aus anderen Ländern vertriebenen Gelehrten

und eine Burg gegenüber der Unduldsamkeit der Kirche[442]. Was ihre

Mitglieder, unter denen neben den erwähnten noch *Lagrange*, *Lambert*

und *Marggraf* genannt seien, für die Wissenschaft geleistet haben,

bleibt späteren Abschnitten vorbehalten.

Unter den Mitteln, deren sich die Akademien zur Erreichung ihrer

Zwecke bedienten, standen die Preisaufgaben obenan. An ihrer Lösung

beteiligten sich in regem Wetteifer die besten Kräfte. Sie waren

gleichsam, wie der Historiograph der Preußischen Akademie der

Wissenschaften sich ausdrückt, die Hebel, durch die Jahr für Jahr

die Wissenschaften um eine Stufe gehoben wurden. Der Fragestellung,

in welcher der Geist und das Geschick der betreffenden Akademie zum

Ausdruck kam, blickte man fast mit der gleichen Spannung entgegen wie

der Verkündigung des Preises.

Die von Seiten der Akademien herausgegebenen Berichte fanden

eine wertvolle Ergänzung in anderen periodisch erscheinenden

wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Unter ihnen sind besonders

die Acta Eruditorum zu nennen. Sie erschienen seit dem Jahre 1682

in Leipzig und enthalten viele mathematische und physikalische

Abhandlungen, daneben aber auch solche aus allen anderen

Wissensgebieten. *Leibniz*, *Tschirnhausen* und viele andere Männer

von Bedeutung gehörten zu ihren Mitarbeitern. Der letzte Band ist

1776 erschienen. In dem Maße, in dem für die einzelnen Zweige der

Naturwissenschaft besondere Zeitschriften ins Leben gerufen wurden,

verloren die »Acta Eruditorum« an Wert und gingen endlich (1776) ein.

Auch durch die im 18. Jahrhundert herrschende Sitte, daß sich die

Mitglieder der verschiedenen Akademien gegenseitig Probleme vorlegten,

wurde die Wissenschaft gefördert, doch entstanden hierbei nicht

selten durch nationale Eifersucht geschürte Streitigkeiten, die sich

namentlich zwischen den Deutschen und den Engländern geltend machten.

Solche Streitigkeiten waren mitunter recht unerquicklich. Im ganzen

genommen, haben sie der Wissenschaft aber nicht geschadet.

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, II. Band Von Galilei bis zur Mitte des XVIII. Jahrhunderts · 第 35 / 81 题