Der erste, der sich nach dem Wiederaufleben der Wissenschaften
eingehender mit der Mechanik der Flüssigkeiten beschäftigte, war der
Niederländer *Stevin*.
*Simon Stevin* (*Stevens*) wurde 1548 in Brügge geboren und bekleidete
die Stelle eines Oberaufsehers der Land- und Wasserbauten in
Holland. Er starb 1620 in Leyden. *Stevin* und *Galilei* haben ihre
Untersuchungen unabhängig voneinander ausgeführt. Fast zur selben
Zeit, als *Galilei* die Grundlagen der Mechanik schuf, »feierte die
archimedische, rein statische Methode ihren letzten Triumph«[346] durch
*Stevin*. Letzterer machte seine Methoden und Entdeckungen in einer
Schrift bekannt, die er »Prinzipien des Gleichgewichts« betitelte und
1586 veröffentlichte[347]. Nach seinem Tode wurde eine Sammlung seiner
Schriften in französischer Sprache herausgegeben[348].
*Stevin* hat sich sowohl um die Statik der festen wie der flüssigen
Körper hervorragend verdient gemacht und das Prinzip der virtuellen
Verschiebungen gekannt, allerdings, ohne es wie *Galilei* auf die
flüssigen Körper auszudehnen. *Stevin* verwendet das Prinzip bei
der Untersuchung der Rollen und Rollenverbindungen (lose Rolle,
Flaschenzug, Potenzflaschenzug) und findet, daß an ihnen Gleichgewicht
herrscht, wenn die Produkte aus den Gewichten und den entsprechenden
Wegen oder, was auf dasselbe hinausläuft, Geschwindigkeiten auf beiden
Seiten gleich sind.
Durch eine originelle Betrachtung gelangt *Stevin* dann zu den
Gleichgewichtsbedingungen, die für die schiefe Ebene gelten, und zum
Satz vom Parallelogramm der Kräfte. Seine Betrachtung, die weniger
einen Beweis als eine intuitive Art des Erkennens bedeutet, läuft
auf folgendes hinaus: *Stevin* denkt sich um das Dreieck ABC,
dessen Grundlinie wagerecht verläuft, eine Kette geschlungen,
die aus gleichschweren Gliedern besteht (Abb. 56) und ohne jede
Reibung um das Dreieck bewegt werden kann. Eine solche Kette muß
im Gleichgewicht sein, da sie sich sonst ja unaufhörlich bewegen
würde. Das Gleichgewicht kann auch keine Störung erleiden, wenn man
die beiden gleichschweren, symmetrischen Teile SL und VK, die
sich unter der Basis des Dreiecks befinden, ganz fort läßt. Somit
vermag das kürzere Kettenstück über BC dem längeren über AB das
Gleichgewicht zu halten. Die Gewichte der Kettenstücke verhalten sich
aber, da ihre Glieder gleiche Abstände besitzen und gleich schwer sind,
wie die Seiten AB und BC. Es folgt also aus dieser Betrachtung
der Satz, daß zwei Gewichte auf den schiefen Ebenen AB und BC im
Gleichgewichte stehen, wenn sie sich wie die Längen dieser Ebenen
verhalten.
[Illustration: Abb. 56. Stevins Ableitung der Gleichgewichtsbedingung
für die schiefe Ebene.]
Steht BC senkrecht zu AB, so haben wir das einfachere Gesetz für
die schiefe Ebene, daß sich die Kraft zur Last wie die Höhe zur Länge
verhält.
Indem *Stevin* das Gewicht auf der schiefen Ebene in einen zur schiefen
Ebene parallelen und einen dazu senkrechten Teil zerlegte, gelangte
er zu dem Satz vom Parallelogramm der Kräfte, allerdings in seiner
Beschränkung auf statische Verhältnisse. Er selbst war von dem Ergebnis
seines Nachdenkens und seiner Versuche so überrascht, daß er in den Ruf
ausbrach: »Hier ist ein Wunder und doch kein Wunder«[349]!
Die Begründung der Hydrostatik.
Das größte Verdienst hat sich *Stevin* dadurch erworben, daß er die
wichtigsten Sätze der Hydrostatik auffand. So rührt von ihm der
Nachweis des hydrostatischen Paradoxons her[350], d. h. des Satzes, daß
der Bodendruck einzig von der Größe der gedrückten Fläche und der Höhe
der Flüssigkeitssäule und nicht von der Gestalt des Gefäßes abhängt.
*Stevin* führte diesen Nachweis durch einen Versuch (Abb. 57), den er
mit folgenden Worten schildert: ABCD ist ein mit Wasser gefülltes
Gefäß, in dessen Boden sich eine runde Öffnung EF befindet, die mit
einer hölzernen Scheibe GH bedeckt ist. IRL ist ein zweites Gefäß
von derselben Höhe wie das vorige und mit einer gleichgroßen Öffnung
im Boden. Diese Öffnung sei gleichfalls durch eine Holzscheibe OP
von demselben Gewicht wie die vorige geschlossen. Man findet dann
durch den Versuch, daß die Scheiben nicht emporsteigen, sondern gegen
die Öffnungen gepreßt werden; und zwar werden sie denselben Druck
empfangen. Dies läßt sich nachweisen, indem man die gleichen Gewichte
T und S anbringt, die ebenso schwer sind wie die über der Scheibe GH
befindliche Wassersäule ERQF[351].
[Illustration: Abb. 57. Stevins Nachweis des hydrostatischen
Paradoxons.]
[Illustration: Abb. 58. Stevins Nachweis des aufwärts gerichteten
Druckes.]
Auf diese Weise, bemerkt *Stevin*, könne 1 Pfund Wasser in einer engen
Röhre gegen einen Verschluß in einem weiten Gefäß wohl einen Druck von
100000 Pfund ausüben. Damit war ein Gedanke ausgesprochen, auf den die
spätere Erfindung der hydraulischen Presse zurückzuführen ist.
Den aufwärts gerichteten Druck in Flüssigkeiten wies *Stevin* nach,
indem er eine Metallplatte G (siehe Abbildung 58) gegen die beiderseits
offene Röhre EF legte und das von der Platte verschlossene Ende in
das Wasser hinabsenkte. Es zeigte sich, daß die Platte nicht abfällt,
sondern durch den aufwärts gerichteten Druck der Flüssigkeit gegen die
Röhre gepreßt wird[352].
Handelt es sich bei *Stevin* um die Bestimmung des Druckes, den ein
Stück der Seitenwand eines mit Wasser gefüllten Gefäßes auszuhalten
hat[353], so zerlegt *Stevin* dieses Stück durch horizontal verlaufende
Linien in eine Summe von kleinen Rechtecken. Das oberste Stück
(Abb. 59) empfängt einen Druck, der größer ist als der Druck eines
Wasserprismas von der Grundfläche g und der Höhe h, indes geringer
als der Druck eines Prismas von der gleichen Grundfläche und der Höhe
h_{1}. Dieselbe Betrachtung ergibt sich für alle übrigen Rechtecke.
*Stevin* erhält dann durch Summierung einen Gesamtdruck, der zu groß,
und durch eine zweite Summierung einen Gesamtdruck, der zu klein ist.
Beide Summen nähern sich, wenn man die Streifen immer schmäler nimmt,
dem gleichen Grenzwert.
[Illustration: Abb. 59. Stevins Ableitung des Seitendruckes.]
Endlich untersuchte *Stevin* noch die Gleichgewichtsbedingungen
schwimmender Körper. Er fand, daß bei solchen ihr Schwerpunkt und der
Schwerpunkt der verdrängten Wassermasse in einer Vertikalen liegen.
Auch schwimmt ein Körper nach *Stevin* nur dann stabil, wenn sein
Schwerpunkt unter dem Schwerpunkt der verdrängten Wassermasse liegt.
Und zwar schwimme er um so stabiler, je tiefer der Schwerpunkt des
Körpers sich unter dem Schwerpunkt der verdrängten Flüssigkeit befinde.
Die Anfänge einer Dynamik der Flüssigkeiten.
Auch *Galileis* Schüler dehnten ihre Untersuchungen auf die Mechanik
der Flüssigkeiten und der Gase aus. Vor allem ist hier *Galileis*
hervorragendster Schüler *Torricelli* zu nennen.
*Evangelista Torricelli* wurde 1608 als Sproß eines vornehmen
Geschlechtes in Faenza geboren. Im Alter von 20 Jahren kam er nach
Rom, wo er Schüler des Mathematikers *Castelli* wurde. *Castelli*
hatte vorher in Pisa gelehrt und war seitdem *Galileis* eifriger
Anhänger und Freund, der seine eigenen Schüler mit dem Geiste und
dem Streben des großen Begründers der neueren Naturforschung zu
erfüllen suchte. Auf besonders fruchtbaren Boden gelangten die neuen
Gedanken bei *Torricelli*. Nach dem Erscheinen der »Unterredungen«,
des grundlegenden Werkes über die Mechanik[354] verfaßte *Torricelli*
eine Schrift über den gleichen Gegenstand, in der er einige der von
*Galilei* gefundenen Bewegungsgesetze auf eine eigene Art zu beweisen
suchte. Diese Schrift gelangte einige Jahre später in die Hände des
großen, mittlerweile völlig erblindeten Meisters und rief in ihm den
Wunsch hervor, die junge bedeutende Kraft, die sich ihm offenbart
hatte, an sich zu fesseln. So kam denn *Torricelli* nach Florenz
und verfaßte dort unter der Leitung *Galileis* eine Fortsetzung der
»Unterredungen«, die später durch *Viviani* veröffentlicht wurde[355].
Die gemeinsame Arbeit *Galileis* und *Torricellis* dauerte indessen
nur wenige Monate. Dann wurde ihr durch den Tod des Meisters ein Ziel
gesetzt. *Torricelli* wirkte in Florenz im Geiste *Galileis* weiter,
bekleidet mit den Ämtern und Würden des Meisters, bis ihn im Jahre 1647
ein früher Tod ereilte.
Die wichtigste wissenschaftliche Tat *Torricellis* bestand darin, daß
er neben der von *Galilei* begründeten Dynamik der festen Körper eine
Dynamik der flüssigen Körper schuf. Dies geschah in einer im Jahre
1644 erschienenen Abhandlung über ausströmende Flüssigkeiten[356], die
für das Gebiet der Hydrodynamik grundlegend geworden ist. *Torricelli*
wies nach, daß ein Strahl, der aus einem mit Flüssigkeit gefüllten
Behälter seitlich heraustritt, die Form einer Parabel annimmt. Ferner
zeigte er, daß die Geschwindigkeit der Flüssigkeit, und mithin auch
die ausfließende Menge, zu der Höhe der über der Ausflußöffnung
befindlichen Säule in einem bestimmten Verhältnis steht. Für die
vierfache Höhe ergab sich die doppelte, für die neunfache dagegen die
dreifache Geschwindigkeit, d. h. die Geschwindigkeiten verhalten sich
wie die Quadratwurzeln aus den Druckhöhen[357].
Da den Geschwindigkeiten die Ausflußzeiten entsprechen, so folgt aus
dem erwähnten Gesetz, daß die Zeiten, in denen gleiche Gefäße durch
gleich große Öffnungen sich leeren, sich wie die Quadratwurzeln aus den
Höhen der über den Öffnungen befindlichen Flüssigkeitsmengen verhalten.
Befindet sich die Ausflußöffnung in dem horizontalen Boden des Gefäßes,
so ergibt sich nach *Torricelli*, daß die Ausflußmengen für gleiche
Zeiten wie die ungeraden Zahlen abnehmen. Beträgt z. B. die für das
Ausfließen erforderliche Gesamtzeit 6 Sekunden, und setzt man die
in der letzten Sekunde ausfließende Menge gleich 1, so betragen die
Ausflußmengen in der 5., 4., 3.... Sekunde 3, 5, 7 ...
Auch die Dynamik der festen Körper wurde durch *Torricelli* weiter
ausgebaut. So hat er sich mit der Wurfbewegung beschäftigt und gezeigt,
daß die Wurfweite für den Neigungswinkel 45° + α gleich derjenigen für
den Winkel 45° - α ist.
Die Erfindung des Quecksilberbarometers.
Am bekanntesten ist *Torricelli* durch die Erfindung des
Quecksilberbarometers geworden. Anknüpfend an die von *Galilei*
erwähnte Beobachtung[358], daß Wasser dem Kolben einer Pumpe nur
bis zu einer gewissen Höhe (10 m) folgt, untersuchte *Torricelli*,
wie weit wohl Quecksilber, das etwa 14mal so schwer wie Wasser ist,
von dem vermeintlichen Horror vacui emporgehoben wird. Der auf
*Torricellis* Veranlassung von *Viviani* angestellte Versuch zeigte,
wie *Torricelli* vorausgesagt, daß die Steighöhe des Quecksilbers in
demselben Verhältnis geringer ist, wie sein spezifisches Gewicht größer
als dasjenige des Wassers ist. Beide Forscher führten im Jahre 1643
den Versuch in der in Abb. 60 dargestellten Weise aus. Sie nahmen ein
Rohr von zwei Ellen Länge, füllten es mit Quecksilber und kehrten es
in einem mit Quecksilber gefüllten Behälter um, indem sie das offene
Ende des Rohres verschlossen. Nachdem der Verschluß aufgehoben war,
sank das Quecksilber bis zu einer Höhe von 1½ Ellen herab und blieb
dort in der Schwebe. Das Vakuum, das sich hierbei über dem Quecksilber
bildet, wurde in der Folge als die Torricellische Leere bezeichnet.
Der Apparat selbst ist ein Barometer, da die Höhe der Quecksilbersäule
der Größe des Luftdruckes entspricht. Die Schwankungen, die man an
diesem Instrument beobachtet, erklärte *Torricelli* aus den Änderungen
des Luftdrucks. Die Lehre vom Horror vacui war jedoch dermaßen
eingewurzelt, daß erst die überzeugende Kraft, die den Versuchen
*Pascals* und *Guerickes* innewohnte, jenes unrichtige Prinzip aus der
Physik verschwinden ließ.
Über die Versuche, welche die Accademia del Cimento mit dem Barometer,
sowie über Vorgänge im Vakuum anstellte, wurde schon an früherer Stelle
berichtet[359].
Erst dem Franzosen *Pascal*, einem scharfsinnigen Kopf, der sich auch
durch seine gegen die Jesuiten gerichteten »Lettres provinciales« einen
Namen in der französischen Literatur erworben hat, gelang es, die
Frage, ob ein Horror vacui oder der Luftdruck die Flüssigkeiten in der
Schwebe hält, durch einen entscheidenden Versuch zu lösen.
[Illustration: Abb. 60. Torricellis Versuch[360].]
*Pascal* wurde 1623 in Clermont geboren. Sein Vater zog bald darauf
nach Paris und verkehrte dort mit bedeutenden Gelehrten wie *Roberval*
und *Mersenne*. Dadurch fand das in dem jungen *Pascal* frühzeitig sich
regende mathematische Talent die erste Nahrung. Es wird erzählt, daß
*Pascal*, bevor er mathematischen Unterricht genossen, den Satz von
der Winkelsumme im Dreieck fand und als Zehnjähriger eine Abhandlung
über den Klang verfaßte. Dazu soll ihn die Beobachtung veranlaßt haben,
daß ein zum Tönen gebrachtes Trinkglas bei der Berührung verstummt.
Gewiß ist, daß *Pascal* mit 16 Jahren ein Buch von wissenschaftlichem
Wert über die Kegelschnitte schrieb und dadurch die Aufmerksamkeit von
*Descartes* auf sich lenkte.
*Pascals* Verdienste sind besonders auf dem Gebiete der Mathematik
zu suchen. Allzu angestrengte Tätigkeit untergrub seine wenig
feste Gesundheit schon im jugendlichen Alter. Er wurde schließlich
religiös-schwermütig und starb 1662 im Alter von 39 Jahren.
Die Kunde von *Torricellis* Versuch gelangte durch *Mersennes*
ausgedehnten Briefwechsel nach Frankreich[361]. *Pascal* wiederholte
den Versuch mit Quecksilber und mit Wasser, das er in 40 Fuß lange
Röhren einschloß, hielt aber zunächst an der Lehre vom Horror vacui
fest. Als jedoch *Torricellis* Erklärung in Frankreich bekannt
wurde, stimmte er ihr lebhaft zu, erkannte aber, daß es noch eines
entscheidenden Versuches bedürfe. Dieser Versuch *Pascals*[362]
bestand darin, das *Torricellische* Vakuum mehrere Male an einem Tage
in derselben Röhre und mit demselben Quecksilber hervorzurufen, und
zwar das eine Mal am Fuße, das andere Mal auf dem Gipfel eines Berges,
um zu prüfen, ob die Höhe des in der Röhre schwebenden Quecksilbers
in beiden Fällen dieselbe oder verschieden sei[363]. War nämlich die
Quecksilbersäule auf dem Gipfel kürzer als am Fuße des Berges, so
mußte daraus geschlossen werden, daß der Luftdruck es ist, der das
Quecksilber in der Schwebe hält. »Es ist leicht ersichtlich«, sagt
*Pascal*, »daß am Fuße des Berges eine größere Luftmenge einen Druck
ausübt als auf dem Gipfel, während kein Grund vorliegt, daß die Natur
in der unteren Region einen größeren Abscheu vor der Leere empfinden
sollte als in der oberen.«
Der Versuch, den *Pascal* nicht selbst anstellte, sondern durch seinen
Schwager *Périer* auf dem Gipfel des 4300 Pariser Fuß hohen Puy de Dôme
ausführen ließ, entsprach ganz dieser Erwartung. *Périer* stellte am
Fuße des Berges in Clermont in zwei Gefäßen das Vakuum her. Es zeigte
sich, daß das Quecksilber in beiden Röhren dieselbe Höhe von 26 Zoll
3½ Linien hatte. Darauf ließ er eine Röhre in ihrem Gefäße, ohne
den Versuch zu unterbrechen; er merkte die Höhe der Quecksilbersäule
auf dem Glase an und bat jemanden, sorgfältig und unausgesetzt während
des ganzen Tages darauf zu achten, ob eine Änderung einträte. Mit dem
zweiten Apparat begab er sich in Begleitung mehrerer Personen auf den
Gipfel des Puy-de-Dôme und stellte dort, 500 Toisen oberhalb des ersten
Ortes, in der gleichen Art denselben Versuch an, den er vorher am
Fuße gemacht hatte. Es zeigte sich, daß die Höhe der Quecksilbersäule
jetzt nur noch 23 Zoll und 2 Linien betrug, während sie in Clermont
gleichzeitig in der gleichen Röhre 26 Zoll 3½ Linien betragen hatte,
so daß der Unterschied bei diesen Versuchen sich auf 3 Zoll 1½
Linien belief. Dies erfüllte alle mit Bewunderung und Erstaunen.
Später stellte *Périer* beim Abstieg denselben Versuch mit den gleichen
Apparaten an und zwar 150 Toisen oberhalb Clermonts. Dort fand er, daß
die Höhe der Quecksilbersäule 25 Zoll betrug. »Dies verschaffte uns«,
schrieb *Périer*, »keine geringe Genugtuung, da wir sahen, daß die Höhe
der Quecksilbersäule sich mit der Höhe des Ortes verminderte.«
Nach Clermont zurückgekehrt, fand er dort an dem Apparat, den er
unverändert zurückgelassen, denselben Stand der Quecksilbersäule wie
bei seinem Aufbruch, nämlich 26 Zoll 3½ Linien. Die Person, die zur
Beobachtung zurückgeblieben war, berichtete, daß während der ganzen
Zeit darin keine Änderung eingetreten sei.
Am folgenden Tage wurde *Périer* der Vorschlag gemacht, denselben
Versuch am Fuße und auf der Spitze des höchsten Turmes Clermonts
zu wiederholen, um zu erproben, ob in diesem Falle ein Unterschied
bemerkbar sei. Auch dieses Mal fand er einen Unterschied in der Höhe
der Quecksilbersäule, der sich allerdings nur auf wenige Linien belief.
[Illustration: Abb. 61. Pascals Abänderung des Torricellischen
Versuches.]
Außer seinem Bergexperiment ersann *Pascal* noch einen zweiten Versuch,
um den Luftdruck als die Ursache des *Torricelli*schen Phänomens
nachzuweisen. Er verband mit der beiderseits offenen Röhre *ab* die
U-förmig gebogene Röhre *cd*. Die Stücke *ab* und *cd* hatten jedes die
Länge der für den *Torricelli*schen Versuch gebräuchlichen Röhre, d.h.
sie waren jedes etwa einen Meter lang, und das Ganze stellte sich als
ein Übereinander zweier *Torricelli*schen Röhren dar. Die verbundenen
Röhren wurden darauf ganz mit Quecksilber gefüllt und mit dem Ende a in
Quecksilber getaucht, während man a und b mit den Fingern geschlossen
hielt. Öffnete *Pascal* darauf a allein, so fiel das Quecksilber in
*cd* ganz in den unteren Teil der oberen U-Röhre, bis es in beiden
Schenkeln im gleichen Niveau stand. Gleichzeitig sank das Quecksilber
in der Röhre *ab* bis zum herrschenden Barometerstande, und der Finger
bei b wurde durch den äußeren Luftdruck fest gegen die Öffnung gepreßt.
Es war also damit dasselbe erreicht, als ob man für das obere Barometer
den Druck der äußeren Luft gänzlich entfernt hätte. Öffnete man nämlich
jetzt b, so stieg das Quecksilber im oberen Barometer *cd* auf den
gewöhnlichen Stand, gleichzeitig aber sank es in *ab* ganz herab.
[Illustration: Abb. 62. Pascals durch den Druck des Wassers in
Tätigkeit gesetzter Heber.]
*Pascal* unternahm es darauf, die Statik der gasförmig-flüssigen
und der, hinsichtlich des Druckes ähnlichen Gesetzen folgenden
tropfbar-flüssigen Körper, in einer Abhandlung darzustellen. Sie
nimmt infolge ihrer klaren Fassung und ihrer überzeugenden Versuche
einen hervorragenden Platz unter den physikalischen Schriften des
17. Jahrhunderts ein und führt den Titel[364] »Abhandlung über das
Gleichgewicht der Flüssigkeiten«. Sie erläutert zunächst, welche
Fülle alltäglicher Erscheinungen als Wirkungen des Luftdruckes
aufzufassen sind. So wird das Saugen, Schröpfen, Pumpen, Heben usw.,
irrtümlicherweise aber auch die Adhäsion geschliffener Platten auf ihn
zurückgeführt. Der bedeutendste Schritt, den *Pascal* tat, ist die
Erkenntnis, daß die durch den Luftdruck und die durch den Druck einer
tropfbaren Flüssigkeit hervorgerufenen Erscheinungen einander völlig
entsprechen. Als Beispiel für die Art, wie *Pascal* den experimentellen
Nachweis führte, wählen wir seinen Versuch, das Fließen des Hebers
durch den Wasserdruck hervorzurufen. Er tauchte die gabelförmig
gestaltete, an allen drei Enden offene Röhre *abc* mit den Schenkeln
a und b in Quecksilbergefäße, die sich unter Wasser befanden (Abb.
62). War das Wassergefäß, in das die ganze Vorrichtung hinabgesenkt
wurde, hinreichend tief, so stieg das Quecksilber, bis sich die Säulen
vereinigten; und von diesem Augenblicke an floß es von dem höher
gelegenen Gefäße d infolge des vorhandenen Druckunterschiedes nach dem
tieferen Gefäße e.
Für die Hydrostatik hatten zwar *Galilei* und ganz besonders *Stevin*
neue Grundlagen geschaffen, doch hat *Pascal* denselben Gegenstand
unabhängig von jenen mit großer Klarheit und unter Hervorkehrung
wesentlich neuer Gesichtspunkte behandelt. *Pascal* gründet seine
hydrostatischen Untersuchungen auf den Satz, daß sich der Druck in
Flüssigkeiten nach allen Seiten gleichmäßig fortpflanzt. Ferner
wendet er nach dem Vorgange *Galileis* das Prinzip der virtuellen
Geschwindigkeiten oder Verschiebungen auf die Hydrostatik an; doch
bekundet *Pascals* Auffassung einen wesentlichen Fortschritt. Er
betrachtet jede Flüssigkeit, die von festen Körpern begrenzt wird, als
eine Maschine, an der die Kräfte, wie an dem Hebel und den anderen
einfachen Maschinen, nach bestimmten Verhältnissen ins Gleichgewicht
gesetzt werden. Betrachten wir z. B. mit *Pascal* zwei kommunizierende,
durch Kolben abgeschlossene Gefäße. Die Kolben seien durch Gewichte
belastet, die den Oberflächen proportional sind. In diesem Falle
ist Gleichgewicht vorhanden. Es sind nämlich bei jeder Verschiebung
dieses Systems die nach den entgegengesetzten Richtungen geleisteten
Arbeiten einander gleich. Oder, um die Beziehung zur Mechanik der
festen Körper hervortreten zu lassen, für die das Prinzip der
virtuellen Geschwindigkeiten zuerst entwickelt wurde: die geschilderte
hydrostatische Vorrichtung entspricht in ihrer Wirkungsweise
vollkommen einem Hebel mit zwei ungleichen Armen. »Man muß«, sagte
*Pascal*, »bewundern, daß sich in dieser neuen Maschine«, nämlich
in der von einem Gefäß und zwei verschiebbaren Kolben begrenzten
Flüssigkeit, »jene beständige Ordnung wieder findet, die für den
Hebel, die Rolle usw. gilt, daß sich nämlich die Wege umgekehrt wie
die Kräfte verhalten. Dies kann man sogar als die wahre Ursache jener
Wirkung betrachten. Denn offenbar ist es dasselbe, ob man 100 Pfund
Wasser einen Zoll Weges oder ein Pfund Wasser einen Weg von 100 Zoll
zurücklegen läßt«[365].
Erwähnt sei noch, daß *Pascal* im Anschluß an sein Bergexperiment das
Barometer als Instrument zum Messen von Höhen in Vorschlag brachte und
das Gewicht der gesamten Atmosphäre auf 8 Trillionen Pfund berechnete.
Auch die atmosphärischen Bewegungen wurden, nachdem der Luftdruck als
die Ursache zahlreicher physikalischer Erscheinungen erkannt war, auf
Gleichgewichtsstörungen dieses Druckes zurückgeführt. *Torricelli* war
der erste, der aus diesem physikalischen Prinzip die Luftströmungen zu
erklären suchte[366]. Er nahm an, daß zwischen Gegenden verdünnter und
solchen dichterer Luft ein Ausgleich durch eine Strömung stattfinde,
die sich uns als Wind bemerkbar mache. Als ein Beispiel hierfür galt
ihm die besonders in Italien auffallende Erscheinung, daß an warmen
Frühlingstagen ein kühler Wind aus den Pforten größerer Kirchen
hervorbricht. »Die Luft«, so lautet seine Erklärung, »ist in großen
Gebäuden um diese Zeit bedeutend kühler und schwerer, als die Luft in
ihrer Umgebung. Daher fließt sie an der Pforte heraus, wie Wasser es
tun würde, wenn man es in das Gebäude eingeschlossen hätte und dann
plötzlich eine seitliche Öffnung herstellte.«
Die Erfindung der Luftpumpe.
Die bedeutendste Förderung empfing die Physik der Gase durch die
Versuche, die *Guericke* mit Hilfe der von ihm erfundenen Luftpumpe
anstellte. Die neuere, das Experiment in den Vordergrund stellende
Richtung der Naturwissenschaft hatte in Deutschland vor *Guericke*
wenig Beachtung gefunden. Ein Mann wie *Kepler* gelangte nicht einmal
dazu, die Ergebnisse seines Nachdenkens, sofern sie das Bild auf der
Netzhaut und die Konstruktion des astronomischen Fernrohrs betrafen,
durch den Versuch nachzuprüfen. In *Guericke* tritt uns dagegen ein
Experimentator ersten Ranges entgegen. Als solchen haben wir ihn zu
würdigen, nicht nach seiner Begabung zur Entwicklung theoretischer
und philosophischer Vorstellungen. In dieser Hinsicht mag sogar das
Urteil eines *Leibniz*, daß *Guericke* kein Naturforscher ersten
Ranges sei, berechtigt sein. Andererseits übertraf *Guericke* durch
folgerichtiges Denken die Mehrzahl seiner Zeitgenossen. Indem sie an
die Stelle verschwommener Vorstellungen die scharfe Logik der neueren
Naturwissenschaft setzten, haben *Guericke* und geistesverwandte
Männer, die in den nördlichen Ländern Europas bald in größerer Zahl
erstanden, der wahren, auf die Ergebnisse der exakten Forschung sich
gründenden Philosophie erst die Wege geebnet. In Anbetracht dieser
Bedeutung *Guerickes* wird es sich rechtfertigen, wenn wir zunächst
bei seinem Leben verweilen, dessen Schilderung, wie die Biographien
*Galileis* und *Keplers*, zugleich einen Schluß auf die Zustände des
17. Jahrhunderts gestattet.
*Otto von Guericke*[367] wurde am 20. November 1602 in Magdeburg
als Sprößling einer Patrizierfamilie geboren[368]. Er studierte
zunächst Rechtsgelehrsamkeit. Später befaßte er sich mit Mathematik,
Mechanik und Befestigungslehre. An seine Studienjahre schloß sich
eine Reise nach Frankreich und England an. Nach dieser Vorbereitung
trat *Guericke* in das Ratskollegium seiner Vaterstadt ein. Durch
das Unglück, das der dreißigjährige Krieg über Magdeburg brachte,
wurde auch *Guericke* schwer betroffen. Als die Horden *Tillys* im
Jahre 1631 plündernd und mordend in die Stadt eindrangen, vermochte
*Guericke* kaum das nackte Leben zu retten. Durch seine Kenntnisse
in den Ingenieurwissenschaften gelang es ihm, sich eine neue
Existenz zu gründen. So war er nach der Zerstörung Magdeburgs in
verschiedenen Städten Deutschlands mit der Anlage von Befestigungen
betraut, einer Tätigkeit, in der jene Zeit die wichtigste Aufgabe
der Technik erblickte. Diese Arbeit hatte das Gute im Gefolge,
daß *Guericke* dazu überging, die Mittel der Ingenieurmechanik
auf die Lösung wissenschaftlicher Aufgaben anzuwenden. Leider ist
wenig über die allmähliche Ausreifung und Durchführung seiner
Experimentaluntersuchungen bekannt geworden. Selbst über die Zeit
der Erfindung der Luftpumpe konnten genauere Daten nicht ermittelt
werden[369]. Als endgültige Form der von *Guericke* erfundenen
Luftpumpe ist diejenige zu betrachten, die er in seinem Werke
beschreibt und abbildet. Die Abbildung ist auf S. 205 dies. Bds.
wiedergegeben.
Später kehrte *Guericke* nach Magdeburg zurück, um sich am Wiederaufbau
der Stadt zu beteiligen. Unter seiner Leitung wurden die Festungswerke
und die von den Kaiserlichen zerstörte Elbbrücke wieder hergestellt.
Für *Guericke* folgte dann zunächst eine ruhige Zeit, während er später
nach seiner Ernennung zum Bürgermeister mit Geschäften überhäuft war.
So finden wir ihn als Vertreter Magdeburgs auf dem Friedenskongreß
in Osnabrück, dann wieder am Hofe in Wien oder auf dem Reichstage zu
Regensburg. Dort zeigte er dem Kaiser und den versammelten Ständen im
Jahre 1654 seine Luftpumpe und den so berühmt gewordenen Versuch mit
den Magdeburger Halbkugeln.
In Anbetracht des Umstandes, daß *Guerickes* Versuche jahrelange Mühen
und bedeutende Kosten erforderten -- sein Sohn hat sie auf 20000 Taler
beziffert -- hat die Annahme etwas für sich, daß diese Versuche in das
Jahrzehnt von 1635-1645 fallen.
Die erste Veröffentlichung über die Luftpumpe und die von *Guericke*
angestellten Versuche rührt von dem Würzburger Professor *Kaspar
Schott* her. Dieser befaßte sich im Auftrage seines Landesherrn mit der
Wiederholung jener Versuche, ohne sich jedoch von der durch *Guericke*
mit Nachdruck bekämpften Lehre vom Horror vacui freimachen zu können.
*Kaspar Schott* wurde 1608 in der Nähe von Würzburg geboren und starb
dort 1666 als Professor der Physik und Mathematik. Er gehörte der
alten, damals in Deutschland herrschenden Schule von Physikern an, die
noch in einem Wust philologischer und philosophischer Gelehrsamkeit
steckten und außerstande waren, den von *Galilei* eingeschlagenen Weg
der induktiven Naturforschung zu beschreiten. Dazu kam bei *Schott* und
seinen Geistesverwandten eine große Abhängigkeit von religiösen Dogmen.
In jeder neuen Entdeckung witterten sie Gefahr für die herrschende
Philosophie und die Kirche. Auch *Schott* eifert gegen die Vertreter
der neueren Naturwissenschaft, die er spöttisch als »neotericos
philosophastros«[370] bezeichnet und denen er vorwirft, sie wollten aus
dem sogenannten leeren Raum vieles schließen, was vom Standpunkte der
Philosophie töricht und in bezug auf den orthodoxen Glauben gefährlich
sei. Trotzdem hat sich *Schott* ein gewisses Verdienst um die Belebung
der naturwissenschaftlichen Forschung in Deutschland, erworben, weil
er, ähnlich wie *Mersenne* in Frankreich, mit zahlreichen Forschern
in schriftlichem Verkehr stand und dadurch zur raschen Verbreitung
neuer Beobachtungen und Entdeckungen beitrug, Probleme aufwarf und
Streitfragen in Fluß hielt. So war er auch der erste, durch den die
Gelehrten von *Guerickes* Erfindungen und Entdeckungen ausführlichere
Kenntnis erhielten. Dies geschah durch *Schotts* Mechanik der
Flüssigkeiten und der Gase (Mechanica hydraulico-pneumatica) vom
Jahre 1657. *Schott* wurde zu seiner Veröffentlichung über die
Magdeburgischen Versuche durch den Kurfürsten *Johann Philipp* von
Mainz, der zugleich Bischof von Würzburg war und *Guerickes* Versuche
1654 in Regensburg gesehen hatte, veranlaßt. Welches Staunen die
neuen, heute als etwas Alltägliches erscheinenden Vorgänge bei den
Zeitgenossen verursachten, geht aus *Schotts* Vorrede zu seinen einige
Jahre später erschienenen »Technischen Merkwürdigkeiten« (Technica
curiosa 1664) hervor. *Schott* sagt dort über die Magdeburger
Wunderdinge: »Ich trage kein Bedenken zu bekennen, daß ich auf diesem
Gebiete nichts Bewunderungswürdigeres gesehen habe. Auch meine ich, daß
die Sonne niemals Ähnliches, geschweige denn Wunderbareres seit der
Erschaffung der Welt beschien.«
Ursprünglich hatte *Guericke* nicht die Absicht, über seine Erfindungen
und Entdeckungen zu schreiben, doch zwang ihm der Widerspruch, den
er fand, endlich die Feder in die Hand. So entstand das im Jahre
1663 vollendete, indes erst 1672 erschienene umfangreiche Werk
»Über den leeren Raum«[371]. Der weitaus wichtigste Teil desselben
ist das dritte, »Über eigene Versuche« betitelte Buch. Es ist eine
der wichtigsten und lehrreichsten älteren Monographien über einen
physikalischen Gegenstand[372].
Infolge philosophischer Streitigkeiten über den leeren Raum war in
*Guericke* der Wunsch entstanden, die Frage, ob ein Vakuum möglich sei,
durch Versuche zu beantworten. Denn die Gewandtheit im Disputieren
gelte nichts auf dem Gebiete der Naturwissenschaften[373]. Wir erfahren
aus der von ihm gegebenen Darstellung zunächst von seinen Bemühungen,
ein Faß zu evakuieren[374]. Es wurde mit Wasser gefüllt und wohl
verpicht, so daß die Luft nicht einzudringen vermochte. Am unteren
Teile des Fasses wurde eine Messingspritze als Pumpe angebracht, mit
deren Hilfe man das Wasser herausziehen konnte. Letzteres, schloß
*Guericke*, müsse vermöge seiner Schwere herabsinken und über sich
einen leeren Raum zurücklassen. An der Spritze hatte *Guericke* zwei
Ventile angebracht, von denen das eine den Eintritt des Wassers aus
dem Faß in die Spritze, das andere den Abfluß nach außen vermittelte.
Die Bemühungen, das so hergerichtete Faß luftleer zu machen,
scheiterten jedoch an der Porosität des Holzes. Selbst als *Guericke*
das Faß, um das Eindringen der Luft zu verhindern, in einen größeren,
mit Wasser gefüllten Behälter einschloß, mißlang der Versuch, Das
Wasser wurde zwar aus dem kleineren Faß herausgezogen, trotzdem fand
sich letzteres nach einiger Zeit zum Erstaunen aller Zuschauer zum Teil
mit Wasser, zum Teil mit Luft gefüllt. Diese Stoffe waren durch die
Poren des Holzes eingedrungen.
Nachdem die Porosität des Holzes als die Ursache des Mißerfolges
erkannt war, wählte *Guericke* für sein Vorhaben eine kupferne Kugel.
Er verband sie mit einer Spritze, wie er sie bei den vorhergehenden
Versuchen benutzt hatte. Anfangs ließ sich der Stempel leicht bewegen;
bald wurde dies aber immer schwieriger. Als nun *Guericke* glaubte, es
sei nahezu alle Luft herausgeschafft, wurde die Metallkugel plötzlich
mit lautem Knall und zu aller Schrecken zerknittert. *Guericke* schrieb
diesen Vorfall dem Umstände zu, daß sich an der Kugel wahrscheinlich
eine flache Stelle befunden hatte, die den Druck der umgebenden Luft
nicht auszuhalten vermochte. Als der Metallarbeiter eine vollkommen
runde Kugel hergestellt hatte, gelang der Versuch. Zum Beweise, daß die
Kugel vollständig evakuiert war, diente der Umstand, daß aus dem nach
außen führenden Ventil der Spritze endlich keine herausgezogene Luft
mehr entwich.
Öffnete man dann den Hahn der Kugel, so drang die Luft mit großer
Gewalt in sie ein. Brachte man dabei das Gesicht an den Hahn, so wurde
einem der Atem benommen, ja man konnte die Hand nicht über den Hahn
halten, ohne daß sie mit Heftigkeit angezogen wurde.
Nach diesem so glänzend gelungenen Versuch baute *Guericke* eine
verbesserte Luftpumpe, die folgende Einrichtung aufwies (siehe Abb.
63)[375]. Ein Dreifuß wurde mit Schrauben am Boden befestigt.
Zwischen seinen Füßen wurde in passender Höhe der Stiefel der Pumpe
angebracht, deren Kolben durch den Hebel *wu* bewegt wurde. Der obere,
deckelförmige Teil der Luftpumpe ist in Fig. IV abgebildet. Er trägt
eine Röhre n, in welche der Hahn des Rezipienten gesteckt wird.
Unter dieser Röhre befindet sich ein Lederventil, das sich bei der
Abwärtsbewegung des Kolbens öffnet und die Luft aus dem Rezipienten in
den Stiefel treten läßt. Durch das äußere Ventil z (Fig. IV) entweicht
die Luft beim Aufwärtsbewegen des Kolbens. Das trichterförmige Gefäß
*xx* wird nach der Verbindung und dem Abdichten aller Teile mit
Wasser gefüllt, um das Wiedereindringen von Luft nach Möglichkeit zu
verhindern. Aus demselben Grunde wird das untere Ende des Stiefels in
einen Wasserbehälter (Fig. VI) getaucht.
[Illustration: Abb. 63. Guerickes Luftpumpe.
(Wiedergabe der 6. Tafel der »Magdeburgischen Versuche«.)]
*Guericke* erkannte bald, daß die Luft nicht etwa infolge ihrer
Schwere aus dem Rezipienten in den Kolben gelangt, wie er anfänglich
voraussetzte, sondern infolge ihrer Expansivkraft. Da letztere gegen
das Ende der Evakuierung indessen nicht mehr groß genug war, um das
unter der Röhre n befindliche Ventil zu bewegen, brachte er noch ein
Röhrchen m mit einem kleinen Stempel an, der die Bewegung des Ventils
unabhängig von der Elastizität der Luft gestattete.
Die Erfindung des Wasserbarometers.
Als *Guericke* eines Tages in den entleerten Rezipienten vermittelst
einer Röhre Wasser aus einem Kübel steigen ließ, der am Boden des
Zimmers stand, kam er auf den Gedanken, zu untersuchen, wie weit wohl
bei diesem Versuch der Rezipient von dem Kübel entfernt sein könne.
Er verlängerte daher die Röhre, so daß sie aus dem zweiten Stockwerk
seines Hauses durch das Fenster bis auf den Boden des Hofes reichte.
Nachdem dann ein Gefäß mit Wasser darunter gesetzt war, öffnete er
den Rezipienten. Das Wasser stieg darauf, seiner Schwere entgegen,
nichtsdestoweniger in das entleerte Gefäß empor. Bei einer Wiederholung
des Versuches unter Anwendung einer längeren Röhre stieg das Wasser
sogar bis in das dritte Stockwerk. Erst nachdem *Guericke* sich mit
seinem Rezipienten in den vierten Stock begeben hatte, nahm er wahr,
daß kein Wasser mehr in das Gefäß gelangte, sondern daß es in der Röhre
in der Schwebe blieb.
Abb. 64, welche eine Wiedergabe der X. Tafel des *Guericke*schen Werkes
ist, enthält auf der rechten Seite das Wasserbarometer. *mm* ist der
Kübel, i der Rezipient, *bg* die aus vier Stücken zusammengesetzte
Röhre. Jedes Stück besaß am oberen Ende eine napfförmige Erweiterung,
in die nach dem Zusammenfügen zum besseren Abdichten Wasser gegossen
wurde. Die Rohrstücke bestanden aus Messing, so daß sich die Steighöhe
nicht genau ermitteln ließ. Es war daher nötig, an der Stelle, wo sich
das in der Schwebe befindliche Wasser vermuten ließ, eine Glasröhre
vermittelst Kitt gut schließend einzuschalten und den Versuch von neuem
anzustellen. Als jetzt der Hahn des Rezipienten geöffnet wurde, sah
*Guericke* das Wasser eindringen, einige Male in der Glasröhre auf
und niederschwanken, endlich aber zur Ruhe kommen. Jetzt ließ sich
die Stelle, bis zu der das Wasser gestiegen war, genau feststellen.
*Guericke* merkte diese Stelle an und ließ von hier ein Lot bis zum
Boden des Hofes hinab. Die Länge des Lotes fand er gleich etwa 19
Magdeburger Ellen.
[Illustration: Abb. 64. Guerickes Wasserbarometer.
(Wiedergabe der 10. Tafel der »Magdeburgischen Versuche«.)]
Fortgesetzte Beobachtungen an diesem Apparat ließen *Guericke* alsbald
Schwankungen in der Höhe der Wassersäule entdecken. Das Wasser stand
nämlich mitunter um mehrere Handbreit höher und dann wieder um soviel
tiefer. Um diese Schwankungen besser zu verfolgen, brachte *Guericke*
eine aus Holz geschnitzte Figur in die Röhre, die mit dem Wasser auf-
und niederstieg und dabei auf eine an der Röhre angebrachte Skala wies
(Fig. 10, IV). Aus diesen Schwankungen, von denen *Pascal* nachwies,
daß sie in viel beträchtlicherem Maße beim Durchschreiten verschiedener
Niveaus der Atmosphäre eintreten (s. S. 197), schlossen beide
Forscher, daß nicht der Horror vacui, sondern eine äußere Ursache, der
Luftdruck nämlich, das Steigen der Flüssigkeiten hervorruft. »Wenn das
Emporsteigen infolge des Abscheus vor dem leeren Raum geschähe,« meint
*Guericke*, »so müßte das Wasser entweder bis zu einer beliebigen Höhe
dem Vakuum folgen oder immer in ein- und derselben Höhe stehen bleiben.
Daß aber die Höhe sich ändert, ist das sicherste Zeichen dafür, daß
nicht nur das Emporsteigen, sondern auch die Schwankungen des Wassers
von einer äußeren Ursache herrühren. Seine Höhe hängt also nicht
von dem Abscheu der Natur vor dem leeren Raume ab, sondern von dem
Gleichgewicht zwischen dem Druck der Wassersäule und dem Luftdruck.«
Ferner entging es *Guericke* nicht, daß zwischen den von ihm entdeckten
Schwankungen der Wassersäule und den Witterungserscheinungen ein
gewisser Zusammenhang besteht. Über eine Wettervorhersage berichtet er
mit folgenden Worten: »Ich habe mit Bestimmtheit, als im vergangenen
Jahre jener ungeheure Sturm stattfand, eine besondere, außerordentliche
Veränderung der Luft wahrgenommen. Sie war so leicht im Vergleich zu
sonst geworden, daß der Finger des Männchens bis unter den äußersten,
an der Glasröhre angebrachten Punkt herabstieg. Als ich dies sah,
teilte ich den Umstehenden mit, es sei ohne Zweifel irgendwo ein großes
Unwetter ausgebrochen. Und kaum waren zwei Stunden verflossen, als der
Orkan in unsere Gegend einbrach.«
Wägung der Luft und Versuche im Vakuum.
Das Nächstliegende war, daß *Guericke* eine abgeschlossene Luftmenge
wog, indem er den Gewichtsunterschied zwischen dem mit Luft
gefüllten und dem luftleeren Rezipienten feststellte[376]. Von einem
hervorragenden Beobachtungsvermögen zeugt es, daß ihm die geringen,
durch die Änderungen des aërostatischen Auftriebs veranlaßten
Schwankungen im Gewichte des evakuierten Rezipienten nicht entgingen.
Die 3. Abbildung seiner X. Kupfertafel[377] erläutert den betreffenden
Versuch. Der leergepumpte Rezipient L wurde mit einem an Rauminhalt
viel kleineren Metallkörper ins Gleichgewicht gebracht. Als *Guericke*
diese Vorrichtung längere Zeit beobachtete, fand er, daß der Rezipient
bald höher, bald tiefer stand. Er bemerkt hierzu ganz richtig, daß
beim Eintauchen des ganzen Apparates in Wasser der Rezipient in diesem
dichteren Medium viel leichter erscheinen und erheblich in die Höhe
steigen müsse. Sein Apparat lieferte also den Nachweis, daß das unter
dem Namen des Auftriebs bekannte und schon von *Archimedes* erforschte
Verhalten auch für gasförmige Medien gilt.
Auf Grund der von ihm gefundenen Tatsache, daß die Luft denselben Druck
ausübt wie eine 19 Magdeburger Ellen (10 m) hohe Wassersäule, zeigt
*Guericke*[378], wie man den Druck eines beliebigen Luftzylinders
berechnen kann. In dem Fall, daß der Durchmesser des Zylinders 2/3
Ellen beträgt, findet er für ihn einen Druck von 2687 Pfund. Um
diesen außerordentlichen Druck recht augenfällig zu zeigen, verfuhr
er folgendermaßen: Er ließ zwei Halbkugeln aus Kupfer von etwa 2/3
Magdeburger Ellen Durchmesser so herrichten, daß sie gut aufeinander
paßten. Die eine Halbkugel wurde mit einem Ventil versehen, mit dessen
Hilfe die im Innern der Kugel befindliche Luft herausgezogen werden
konnte. Die Schalen besaßen ferner eiserne Ringe, um Pferde daran zu
spannen. Ferner ließ *Guericke* einen Ring aus Leder herstellen, der
gut mit Wachs und Öl durchtränkt war, so daß er keine Luft durchließ.
Die Schalen wurden, nachdem der Lederring zwischen sie gebracht war,
aufeinander gelegt und darauf die Luft schnell herausgepumpt. Die
beiden Schalen wurden dadurch von dem Drucke der äußeren Luft so fest
zusammengepreßt, daß sechzehn Pferde sie nur mit Mühe voneinander
reißen konnten. Ließ man jedoch durch Öffnen des Hahnes die Luft wieder
eintreten, so konnten die Halbkugeln schon mit den Händen getrennt
werden.
Fast alle Luftpumpenversuche, die im heutigen Physikunterrichte
gezeigt werden, rühren von *Guericke* her. So wies er nach, daß der
Schall sich im Vakuum nicht fortpflanzt, während das Licht ungehindert
hindurchgeht. Tiere starben in seinem entleerten Rezipienten nach
kurzer Zeit. Fische mit allseitig geschlossener Schwimmblase schwollen
darin infolge der Expansion der Luft stark an, während bei solchen
Fischen, deren Schwimmblase einen Ausführungsgang nach dem Schlunde
besitzt, die eingeschlossene Luft infolge der gleichen Ursache zum Teil
entwich. *Guericke* zeigte ferner, daß das Feuer im Vakuum erlischt. Er
bestätigte auch die Beobachtung, daß bei der Verbrennung Luft verzehrt
wird. Eine Kerze, die in einem geschlossenen Rezipienten brannte,
erlosch nämlich, sobald ein Teil der Luft verbraucht war[379]. Bei der
Erörterung dieses Versuches zeigt *Guericke*, wie klar er urteilt.
Zunächst wirft er die Frage auf, warum das Erlöschen eintritt, bevor
die ganze Luftmenge aufgezehrt ist. Als Grund dafür gibt er an, daß die
Luft durch die Produkte der Verbrennung verunreinigt werde. Die weitere
Frage, ob das Feuer die Luft in der Weise verzehrt, daß es letztere
vernichtet, oder ob es die Luft in einen anderen Stoff verwandelt,
entscheidet *Guericke* in letzterem Sinne. Doch sei der Stoff so fein,
daß man ihn nicht wahrnehmen könne.
Über die Ursache des Luftdrucks äußert sich *Guericke* mit folgenden
Worten: »Einige verlegen die Ursache in die von allen Seiten kommenden
Strahlen der Sterne. Wäre dies der Fall, so müßte indessen auch die
Erdkugel diesen Druck empfangen und ihm Widerstand leisten. Wenn aber
zwei Körper einander drücken, so wird ein zwischen ihnen befindlicher
Gegenstand von beiden Seiten denselben Druck erleiden. Daraus würde
notwendig folgen, daß die oberen Teile der Luft in gleichem Maße
gedrückt werden, wie die unteren, was aber durch die Versuche widerlegt
wird.«
»Da die untere Luft stärker zusammengedrückt ist als die obere, und
man dies nicht erst auf hohen Bergen, sondern schon auf Türmen
wahrnimmt[380], so folgt daraus, daß die Luft sich nicht weit von der
Oberfläche der Erde erstreckt, sondern daß ihre Höhe, verglichen mit
der großen Entfernung der Sterne, nur gering ist.«
Um die Fortpflanzung des Schalles im Vakuum zu prüfen, hatte *Berti*
in Rom im Jahre 1647 einen Apparat ersonnen, der große Ähnlichkeit
mit *Guerickes* Wasserbarometer besaß. *Berti* errichtete an seinem
Hause eine Röhre von 100 Fuß Länge. An ihrem oberen Ende verband er
sie luftdicht mit einem Gefäß, in dem sich ein Schlagwerk befand. Der
ganze Apparat wurde durch eine obere Öffnung mit Wasser gefüllt. Diese
Öffnung wurde dann luftdicht geschlossen, worauf das untere Ende der
Röhre, das in Wasser tauchte, geöffnet wurde. Das Wasser sank und
in dem Gefäß entstand ein leerer Raum. Trotzdem gab das Schlagwerk,
das vermittelst eines Magneten in Bewegung gesetzt wurde, einen Ton.
Hieraus leiteten *Berti* und *Schott*, der über den geschilderten
Versuch berichtete, einen Einwurf gegen die Möglichkeit des Vakuums
her. *Guericke* und nach ihm *Boyle* zeigten jedoch, daß, bei
Vermeidung aller Fehler, Gefäße derart evakuiert werden können, daß der
Schall sich in ihnen nicht oder kaum noch fortpflanzt[381]. So hing
*Guericke* das Schlagwerk an einem Faden auf, um die Fortpflanzung des
Schalles durch die feste Materie des Rezipienten nach Möglichkeit zu
verhindern.
Mit dem von *Torricelli* erfundenen Verfahren, ein Vakuum über
Quecksilber herzustellen, wurde *Guericke* erst 1654 auf dem Reichstage
zu Regensburg[382] bekannt. -- Auch um die Elektrizitäts-, die
Wärmelehre und die Mechanik hat sich *Guericke* Verdienste erworben.
Doch ist davon an anderer Stelle die Rede.
Die Entdeckung des Boyle-Mariotte'schen Gesetzes.
Als die Kunde von der Erfindung *Guerickes* nach England gelangt war,
machte sich dort *Boyle* an die Herstellung einer Luftpumpe, die in
mehrfacher Hinsicht diejenige *Guerickes* übertraf. Im Jahre 1660
veröffentlichte *Boyle* seine »Neuen Versuche«[383], die sich zum Teil
mit den »magdeburgischen« deckten, zum Teil aber wirklich »neu« waren.
Erwähnt sei die Beobachtung, daß erwärmtes Wasser im Vakuum kocht,
womit die Abhängigkeit des Siedepunktes von dem auf der Flüssigkeit
lastenden Druck erwiesen war.
*Boyle* war auch der erste, der die einfache Beziehung erkannte,
die zwischen dem Druck und dem Volumen eines Gases besteht. Er
schloß 12 Kubikzoll Luft durch Quecksilber in dem kürzeren Schenkel
einer U-förmig gebogenen Röhre ab (siehe Abb. 65). In dem Maße, in
dem Quecksilber in den längeren offenen Schenkel gegossen wurde,
verringerte sich das Volumen der abgesperrten Luft. Bei einem Drucke
von zwei Atmosphären nahm sie nur noch sechs Kubikzoll, bei drei
Atmosphären vier Kubikzoll (ein Drittel des ursprünglichen Volumens)
ein, oder, wie *Boyle* es aussprach, die Luft verdichtete sich im
Verhältnis der zusammendrückenden Kräfte.
[Illustration: Abb. 65. Boyles Versuch, eine Beziehung zwischen dem
Druck und dem Volumen eines Gases zu finden[384].]
Dieses Grundgesetz der Aëromechanik[385] wurde geraume Zeit später
durch den Franzosen *Mariotte* (1620-1684) selbständig aufgefunden und
klarer ausgesprochen als von *Boyle*. Eine vortreffliche Darstellung
seiner Entdeckung gab *Mariotte* in der »Abhandlung über die Natur der
Luft«[386]. *Mariotte* tauchte ein Barometer in hinreichend tiefes,
klares Wasser, und bemerkte, daß eine Wassersäule von 14 Zoll Höhe ein
Steigen des Quecksilbers um einen Zoll bewirkt. »Offenbar rührt dies«,
sagt *Mariotte*, »daher, daß das spezifische Gewicht des Quecksilbers
14mal größer ist als dasjenige des Wassers.« Wenn das Quecksilber
im Barometer 28 Zoll hoch stehe, so gehe daraus hervor, daß diese
Quecksilbersäule gerade so viel wiege wie eine Luftsäule von gleicher
Grundfläche, die sich von der Oberfläche des in dem Gefäße befindlichen
Quecksilbers bis zur Grenze der Atmosphäre erstrecke.
Eine zweite Eigenschaft der Luft bestehe darin, daß sie außerordentlich
verdichtet und ausgedehnt werden könne, dabei aber immerfort einen
Druck ausübe, wodurch die Luft die Körper, die sie einschließen,
zurückstoße oder zurückzustoßen strebe. Während die meisten anderen
Spannkräfte allmählich abnehmen, bemerke man nie, daß dies bezüglich
der Spannung der Luft der Fall sei. So komme es vor, daß lange Zeit
geladene Windbüchsen dasselbe leisteten, als ob sie soeben geladen
wären. Daß die Luft im Verhältnis zur Steigerung des Druckes, der auf
ihr lastet, verdichtet wird, zeigte *Mariotte* wie *Boyle* vermittelst
einer U-förmig gebogenen Röhre. Er wies auch darauf hin, daß der
kürzere Schenkel dieser Röhre, wenn der Beweis gelingen soll, überall
gleich weit sein müsse, während dies für den längeren Schenkel nicht
erforderlich sei.
Daß das Volumen der Luft dem Drucke auch dann umgekehrt proportional
ist, wenn wir den Druck vermindern, bewies *Mariotte* auf folgende
Weise. Er schloß in einem Barometerrohr Quecksilber und Luft ab und
machte den *Torricelli*schen Versuch. Das Quecksilber sank dann.
»Indem es fällt«, sagt *Mariotte*, »dehnt die im Innern der Röhre
befindliche Luft sich aus. Infolgedessen ist ihre Spannung geringer.
Ein Teil des Quecksilbers bleibt in der Röhre. Und zwar wird die
Höhe der Quecksilbersäule von der Dichte der eingeschlossenen Luft
abhängen. Das Quecksilber, das in der Röhre schweben bleibt, hebt
den Rest des Luftdrucks auf, so daß sich ein Gleichgewichtszustand
bildet zwischen dem Drucke der Atmosphäre einerseits und dem Drucke
der Quecksilbersäule, vermehrt um die Spannung der eingeschlossenen
Luft andererseits.« Wenn die Luft im Verhältnis des Druckes, der auf
ihr lastet, ihr Volumen verändert, so muß, schloß *Mariotte* richtig
bei einem Versuche, bei dem das Quecksilber in der Röhre 14 Zoll hoch
steht, die eingeschlossene Luft die doppelte Ausdehnung besitzen wie
vorher, vorausgesetzt, daß zur selben Zeit ein Barometer ohne Luft eine
Quecksilberhöhe von 28 Zoll anzeigt.
Um zu zeigen, daß es sich so verhält, machte *Mariotte* folgende Probe.
Er bediente sich einer Röhre von 40 Zoll Länge und füllte 27½ Zoll
Quecksilber hinein, so daß sich 12½ Zoll Luft darin befanden.
Nachdem die Röhre umgedreht und 1 Zoll tief in das Quecksilber des
Gefäßes getaucht war, fiel das Quecksilber beim Fortnehmen des Fingers
und blieb nach einigen Schwankungen in einer Höhe von 14 Zoll stehen.
Die eingeschlossene Luft nahm jetzt 25 Zoll[387] ein, hatte also ihr
Volumen verdoppelt, da sich vor dem Versuche nur 12½ Zoll Luft in
der Röhre befanden. War also der Druck auf die Hälfte vermindert, so
hatte sich das Volumen der Luft verdoppelt.
Die Idee des Aneroidbarometers begegnet uns zuerst bei *Leibniz*.
Er schreibt: »Ich glaube, daß man ein Barometer ohne Quecksilber
nach Art eines wohl verschlossenen Blasebalgs oder nach Art einer
Pumpe herstellen kann«[388]. In einem Briefe an *Johann Bernoulli*
finden sich folgende Ausführungen über diesen Gegenstand: »Ich habe
zuweilen an ein tragbares Barometer gedacht, das in einen, einer Uhr
ähnlichen, kleinen Behälter eingeschlossen werden könnte. Quecksilber
soll dabei nicht zur Verwendung kommen, sondern eine Art Blasebalg,
den das Gewicht der Luft zusammenzudrücken sucht, während er durch
die Kraft einer elastischen Feder Widerstand leistet.« Zu einer
brauchbaren Ausführung dieses Gedankens kam es erst um die Mitte des
19. Jahrhunderts[389].
9. Die weitere Entwicklung der Iatrochemie und die Begründung der
wissenschaftlichen Chemie durch Boyle.
Von einem Zeitalter, das sich mit solcher Energie und mit solchem
Erfolge der experimentellen Forschung zuwandte, wie das 17.
Jahrhundert, ließ sich erwarten, daß auch die Chemie um manche wichtige
Entdeckung bereichert würde, wenn auch diese Wissenschaft erst weit
später diejenige Stufe einnahm, auf die ihre ältere Schwester, die
Physik, durch *Galilei* und seine Zeitgenossen gelangt war.
Neue Ziele der Chemie.
Wir verließen die Chemie an einem Punkte ihrer Entwicklung, an dem eine
wesentliche Änderung ihrer ganzen Richtung eintrat. Ihr bisheriges
Ziel, den Stein der Weisen und mit dessen Hilfe Gold zu bereiten, trat
nämlich im Verlauf des 16. Jahrhunderts immer mehr gegen dasjenige
zurück, Präparate zur Heilung von Krankheiten herzustellen. Diese
unter dem Namen der Iatrochemie bekannte Richtung der Chemie erreichte
ihren Höhepunkt in *van Helmont*. Begründet war die Iatrochemie durch
*Paracelsus*, mit dessen Leben und Wirken wir schon bekannt geworden
sind[390]. *Paracelsus* pries in übertriebenem Maße die Heilwirkung
anorganischer Verbindungen, während *Libavius*, der uns wie *van
Helmont* in diesem Abschnitt beschäftigen wird, eine vermittelnde
Stellung einnahm. Alle drei standen, obgleich sie der Chemie neue Ziele
wiesen, noch mit einem Fuße im alchemistischen Zeitalter.
*Johann Baptist van Helmont* entstammte einem vornehmen
niederländischen Geschlecht. Er wurde 1577 in Brüssel geboren[391] und
widmete sich zunächst der Theologie. Da diese ihn nicht befriedigte,
wandte er sich der Heilkunde zu. Auch hier geriet er mit den
hergebrachten, *Galen* entstammenden Dogmen in einen Widerspruch, aus
dem ihn erst die neue, auf chemischer Grundlage errichtete Lehre des
*Paracelsus* befreite. *Van Helmont* verzichtete auf eine glänzende
Laufbahn, die sich ihm durch äußere Verhältnisse wohl eröffnet hätte.
Er zog es vor, sich in der Stille seines Laboratoriums ganz der
Forschung zu widmen.
Als besonderes Verdienst hat man es *van Helmont* angerechnet, daß
er zum ersten Male die Verschiedenartigkeit der luftförmigen Körper
hervorgehoben, sowie den Begriff und die Bezeichnung »Gas« eingeführt
habe[392]. Vor ihm hatte man trotz ihrer großen Unterschiede
Wasserstoff, Schwefeldioxyd, Kohlendioxyd und atmosphärische Luft für
wesentlich ein und dasselbe gehalten. Am genauesten hat *van Helmont*
das Kohlendioxyd untersucht. Er zeigte, daß dieses Gas sich aus
Kalkstein, sowie aus Pottasche durch Übergießen mit Säuren entwickeln
läßt und daß es mit dem Verbrennungsprodukt der Kohle identisch ist.
Auch daß sich Kohlendioxyd in Mineralwässern findet und bei der Gärung
entsteht, war ihm bekannt[393].
Die Erkenntnis, daß es in der Chemie kein eigentliches Entstehen und
Vergehen gibt, regte sich gleichfalls schon bei *van Helmont*. So
lehrte er, daß Kupfer, das aus dem blauen Vitriol durch Zusatz von
Eisen abgeschieden wird, nicht etwa neu entstanden sei. Auch das Silber
läßt er in seinen Salzen fortbestehen. Trotz alledem beschäftigte ihn
das alchemistische Problem; ja, dieses gewann infolge des Ansehens, das
*van Helmont* genoß, sogar erhöhte Beachtung.
Um den Stein der Weisen, die Materia prima, zu gewinnen, schmolzen,
kochten und mischten die Alchemisten alle Stoffe, auf die man nur
verfallen konnte. »Durchprobiert«, sagt ein hervorragender Schilderer
der alchemistischen Bestrebungen[394], »wurde, was auf der Erde
vorkommt, was sie in ihren Tiefen birgt und was auf sie herabfällt.«
Man untersuchte auch Pflanzensäfte und Tiersekrete, wie Milch und
Speichel, Fäces und Harn. Auf diese Weise wurde zwar nicht die
Materia prima gefunden, aber manche wertvolle Beobachtung gemacht,
vor allem wurde die Beschäftigung mit der Natur in den Mittelpunkt
des menschlichen Tuns und Denkens gerückt. War man doch bis dahin in
mystischen und religiösen Vorstellungen nicht selten so befangen,
daß jede Beschäftigung mit natürlichen Vorgängen als sündhaft,
mindestens aber als niedrig betrachtet wurde. Wenn es auch der
experimentellen Forschungsweise an Mitteln und den richtigen Methoden
noch sehr gebrach, so wurde doch der Boden für eine höhere, eigentlich
wissenschaftliche Tätigkeit auf solche Weise vorbereitet und manche
wichtige, wenn auch mehr zufällige Entdeckung gemacht. So führte das
von den Alchemisten geübte Kochen, Glühen und Destillieren aller
möglichen Stoffe, welche die zur Darstellung des Goldes notwendige
Materia prima geben sollten, im 17. Jahrhundert zur Entdeckung des
Phosphors durch den Hamburger Kaufmann *Brand*[395]. Dieser ließ sich
bei seinen Versuchen von dem Gedanken leiten, daß die im Organismus
tätige Lebenskraft, die so Wunderbares bewirke, imstande sein müsse,
die Metalle zu verwandeln. Er unterwarf daher den beim Eindampfen von
Harn erhaltenen Rückstand der trockenen Destillation. Dabei wurden die
phosphorhaltigen Verbindungen des Harns durch den in der organischen
Materie enthaltenen Kohlenstoff reduziert. Das auf solche Weise[396]
im Jahre 1669 erhaltene Element Phosphor erregte wegen seiner
überraschenden Eigenschaften das größte Aufsehen.
Von Interesse sind auch die Beziehungen des Philosophen *Leibniz*,
der über die Erfindung des Phosphors ausführlich berichtete, zu den
alchemistischen Bestrebungen seiner Zeit[397]. *Leibniz* war, als er in
Altdorf studierte, Mitglied der Nürnberger hermetischen Gesellschaft.
Die Stellung, die er jedoch den Übertreibungen der Alchemisten
gegenüber einnahm, geht aus folgenden, für das Gelehrtendeutsch jener
Zeit charakteristischen Worten des großen Philosophen hervor:
»Die Laboranten, Charlatans, Marktschreier, Alchymisten und andere
Vaganten und Grillenfänger sind gemeiniglich Leute von großem Ingenio,
bisweilen auch Experienz, nur daß die disproportio ingenii et indicii,
oder auch bisweilen die Wollust, die sie haben, sich in ihren eitelen
Hoffnungen zu unterhalten, sie ruiniert und in Verderben und in
Verachtung bringet. Gewißlich, es weiß bisweilen ein solcher Mensch
mehr aus der Erfahrung und Natur gewonnene Realitäten, als mancher in
der Welt hochangesehene Gelehrte, der seine aus den Büchern zusammen
gelesene Wissenschaft mit Eloquenz, Adresse und anderen politischen
Streichen zu schmücken und zu Markt zu bringen weiß, dahingegen der
andere mit seiner Extravaganz sich verhaßt oder verächtlich macht.
Daran sich aber verständige Regenten in einer wohlbestellten Republique
nicht kehren, sondern sich solcher Menschen bedienen, ihnen gewisse
regulierte Employ und Arbeit geben und dadurch sowohl ihr als ihrer
Talente Verderben verhüten können.« (*Klopp*, die Werke von Leibniz.
Bd. I. S. 143.)
Auch König Friedrich I. von Preußen hatte seinen Goldmacher, den Grafen
*Cajetan*, einen Italiener, der ihm versprach, in wenigen Wochen für
sechs Millionen Taler Gold zu machen. Als sich die Hoffnung des Königs
nicht erfüllte, ließ er den »Grafen« aufknüpfen. Vorher hatte dieser
dem Kurfürsten von Bayern und dem Kaiser große Summen durch ähnliche
Versprechungen abzuschwindeln verstanden.
Im 17. Jahrhundert begegnet uns auch die Umkehrung der bisherigen
Aufgabe der Alchemie. Anstatt Gold zu schaffen, wollte man gegebenes
Gold zerstören oder, wie man sich ausdrückte, »aus seinem Wesen
setzen«. Es erschien eine Schrift unter dem Titel »Sol sine veste oder
dreißig Experimente, dem Gold seinen Purpur auszuziehen«[398]. Als eine
solche Zerstörung des Goldes wurde z. B. die eigentümliche feinste
Verteilung des Goldes im Glasfluß aufgefaßt. Selbst *Kunkel* glaubte,
das Gold, das die Farbe des Rubinglases bewirkt, sei aus seinem Wesen
gesetzt, d. h. nicht mehr als Gold vorhanden.
Bei den Stoffverwandlungen spielte auch die Lehre, daß das Wasser
der Hauptbestandteil aller Stoffe sei, eine Rolle. Diese Ansicht war
bei *van Helmont* jedoch kein bloßes Philosophem wie bei *Thales*.
Sie stützte sich vielmehr auf, wenn auch irrtümlich gedeutete,
Beobachtungen und Versuche. *Van Helmont* hatte z. B. 200 Pfund Erde in
einem irdenen Gefäße abgewogen und in dieses eine 5 Pfund schwere Weide
gepflanzt. Letztere wurde nur mit Regenwasser begossen. Nach Verlauf
von 5 Jahren wog die Weide 170 Pfund, während das Gewicht der Erde nur
um wenige Unzen abgenommen hatte. Die Gewichtszunahme der Weide schrieb
*van Helmont*, da er die Rolle des atmosphärischen Kohlenstoffs noch
nicht kannte, allein dem Wasser zu.
Im Zeitalter der Iatrochemie sind sehr wahrscheinlich auch die
Schriften entstanden, die früher *Basilius Valentinus* (er sollte um
1450 gelebt haben) zugeschrieben wurden. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts
gab nämlich *Thölde*, Ratskämmerer zu Frankenhausen, eine Anzahl
alchemistischer Schriften heraus. Die Titel der wichtigeren lauten:
»Triumphwagen Antimonii« und »Vom großen Stein der uralten Weisen«.
Diese Schriften gaben den alchemistischen Bestrebungen, die ihren
Höhepunkt damals schon überschritten hatten, wieder Anregung. Nach
neueren Untersuchungen beruhen sie indessen auf einer literarischen
Fälschung ganz eigener Art. Sind auch die Einzelumstände dieser
Fälschung noch nicht genügend aufgeklärt, so ist doch so viel gewiß,
daß die unter dem Namen des *Basilius Valentinus* gehenden Schriften
nicht von einem im 15. Jahrhundert lebenden Mönche dieses Namens
herrühren, sondern erst gegen das Ende des 16. oder zu Beginn des 17.
Jahrhunderts verfaßt wurden.
Die Aufnahme zahlreicher anorganischer Verbindungen unter die
Heilmittel rief anfangs manchen und gewiß sehr oft berechtigten
Widerstand hervor. In Heidelberg z. B. ließ die medizinische Fakultät
noch bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts diejenigen, denen sie die
Doktorwürde verlieh, schwören, daß sie niemals von Antimon- und
Quecksilberpräparaten in ihrer ärztlichen Praxis Gebrauch machen
wollten. Ein ähnliches Verbot bestand auch in Paris.
Zwischen den Paracelsisten und den Anhängern der älteren Heilkunde
suchte besonders *Libavius* zu vermitteln. *Andreas Libavius*
wurde in Halle geboren[399]. Er studierte Medizin, Geschichte und
Sprachwissenschaften und starb im Jahre 1616 als Direktor des
Gymnasiums zu Coburg. *Libavius* war der namhafteste deutsche Chemiker
seiner Zeit. Wir verdanken ihm das erste Lehrbuch der Chemie, seine
1595 erschienene Alchymia, mit dem wir uns etwas näher befassen
wollen. Wie schon der Titel sagt und wie die ersten Sätze des Buches
lehren, war *Libavius* ein erklärter Anhänger der Alchemie. Sie
ist für ihn die Kunst, die Magisterien, d. h. die Stoffe, die zur
Metallverwandlung dienen, zu erzeugen und die reinen Grundbestandteile
aus ihren Mischungen abzuscheiden[400]. Als Grundbestandteile oder
Prinzipien unterscheidet auch er Mercurius, Sal und Sulphur. Der zweite
Teil der »Alchymia« des *Libavius* ist das eigentliche Lehrbuch der
Chemie, da sich darin im wesentlichen eine Darstellung der zu seiner
Zeit bekannten chemischen Tatsachen und die Grundzüge einer Dokimasie
(Probierkunst) finden. Die Überschriften der einzelnen Abschnitte
lauten:
Von der Natur der Metalle.
Vom Golde.
Vom Silber.
Von den unvollkommenen Metallen.
Vom Eisen.
Von den Stoffen, die mit den Metallen verwandt sind.
Als solche werden aufgezählt: Quecksilber, Wismut, Antimon, Schwefel
und Arsen.
*Libavius* untersuchte die schon lange vor ihm bekannten Bleisalze,
Bleizucker und Bleiessig, genauer und brachte sie als Heilmittel in
Vorschlag. Er vereinfachte die Darstellung der Schwefelsäure und wies
nach, das die aus Alaun, Vitriol oder Schwefel erzeugte Säure ein und
dieselbe Substanz ist.
Wie der gleichzeitig lebende *Agricola* bemühte sich *Libavius* auch,
Mittel und Wege anzugeben, um in den Erzen und den metallischen
Präparaten den Metallgehalt nachzuweisen. Beide begründeten die, durch
hüttenmännische Erfahrungen allerdings seit alters vorbereitete,
metallurgische Probierkunst (Dokimasie). So legte sich *Libavius* die
Frage vor, wieviel Gold anderen Metallen, wie dem Silber, dem Blei oder
dem Quecksilber beigemengt sei, wie man den Silbergehalt der Bleiglätte
ermitteln könne usw. Von besonderem Werte ist das Buch des *Libavius*
noch dadurch, daß es eine genaue Beschreibung der gegen den Ausgang
des 16. Jahrhunderts üblichen chemischen Apparate und Vorrichtungen
enthält. Neben der Wärme suchte man z. B. auch das Licht als chemisches
Agens zu verwerten, wovon uns die Abbildungen des *Libavius* eine
Vorstellung geben.
Der Einfluß der Chemie auf die Gewerbe.
Eine große Förderung erfuhr die Chemie in Deutschland durch das
Emporblühen der Gewerbe. Als der wichtigste Vertreter der infolgedessen
als besonderer Wissenszweig aufkommenden angewandten Chemie begegnet
uns *Glauber*. *Johann Rudolf Glauber* (1604-1668) bereicherte die
anorganische Chemie um eine Reihe von Entdeckungen, die zumeist die
Chlorverbindungen betreffen. Auf dieses Gebiet wurde *Glauber* dadurch
geführt, daß er die Darstellung der Salzsäure durch Einwirkung von
Schwefelsäure auf Kochsalz kennen lernte. Ganz entsprechend stellte er
auch die Salpetersäure aus Salpeter und Schwefelsäure her. Das dabei
auftretende Natriumsalz der Schwefelsäure ist nach ihm Glaubersalz
genannt worden[401]. Das Chlor soll *Glauber* gleichfalls schon
gekannt haben. Vor *Glauber* hatte man die Chloride aus den Metallen
hergestellt, indem man letztere mit Sublimat (Quecksilberchlorid)
erhitzte. Infolgedessen war man zu der irrtümlichen Annahme gelangt,
daß in den Chlorverbindungen der Metalle Quecksilber enthalten sei.
*Glauber* lehrte dagegen, sie seien Verbindungen der Metalle mit
Salzsäure. Er traf damit zwar auch noch nicht das Richtige, da es
sich nur um den einen Bestandteil der Salzsäure, das Chlor, handelt,
dessen Reindarstellung erst *Scheele* gelang. Die Chloride, die
*Glauber* untersucht und beschrieben, zum Teil auch als erster reiner
dargestellt hat, sind Zinn- und Zinkchlorid, Eisenchlorid, Chlorblei,
Arsen- und Kupferchlorür. Auch das Chlorsilber und seine Entstehung
aus Silberlösung durch Zusatz von Salzsäure wurde damals bekannt.
Ferner gelang *Glauber* die Darstellung des als vulkanisches Produkt
schon lange bekannten Salmiaks durch die Einwirkung der Salzsäure
auf das unter dem Namen »flüchtiges Laugensalz« bekannte kohlensaure
Ammoniak. Letzteres hatten die Alchemisten früherer Jahrhunderte durch
Destillation von gefaultem Harn gewonnen.
Man kann sich denken, welche Umwälzung, aber auch welchen Mißbrauch,
all diese Präparate, die in der übertriebensten Weise und mit der
größten Geheimnistuerei angepriesen wurden, auf dem Gebiete der
Heilkunde hervorriefen. Insbesondere war man bemüht, neue Arsen-,
Antimon- und Quecksilberpräparate herzustellen und für Heilzwecke
zu benutzen. So lernte man antimonsaures Kalium und einige weinsaure
Salze kennen. Die Einwirkung von Antimonoxyd auf Weinstein lieferte den
Brechweinstein, der gleichfalls für den Arzneischatz sofort die größte
Bedeutung erlangte. Es ist begreiflich, daß das wissenschaftliche
Interesse an den beobachteten Vorgängen und Verbindungen der
medizinischen Bedeutung gegenüber immer mehr überwog, so daß das Ziel
der Chemie verschoben wurde. Aus einem bloßen Zweige der Heilkunde
erwuchs auf diese Weise, ganz ähnlich, wie es der Zoologie und der
Botanik ergangen war, die reine Wissenschaft, die ihren Gegenstand,
losgelöst von allen Nützlichkeitsbestrebungen, um seiner selbst willen
zu erforschen bemüht ist.
Ein wissenschaftliches Ergebnis der experimentellen Arbeiten *Glaubers*
war z. B. das klarere Hervortreten des Begriffes der chemischen
Verwandtschaft. So braucht *Glauber*, wenn er von der Befreiung des
Ammoniaks aus Salmiak durch die Einwirkung von Kalk handelt[402],
den Ausdruck, der eine Bestandteil des Salmiaks »liebe den Kalk mehr
als der andere und werde auch von dem Kalke mehr geliebt«. Auch die
doppelte Verwandtschaft ist ein Begriff, der in seinen Anfängen bis
auf *Glauber* zurückgeht. So führte er aus, daß aus Quecksilberchlorid
und Schwefelantimon durch wechselseitigen Austausch der Bestandteile
Schwefelquecksilber und Antimonchlorid hervorgehen. Um eine Probe
der damals herrschenden Ausdrucksweise zu geben, sei hier diese
Umsetzung in *Glaubers* Sprache unter Hinzufügung der heutigen Formeln
beschrieben: »Wenn der Mercurius sublimatus (HgCl_{2}) mit Antimonio
(Sb_{2}S_{3}) vermischt die Hitze empfindet, so greifen die Spiritus
(Cl), die bei dem Mercurio sublimato sein, den Antimonium (Sb_{2}S_{3})
lieber an und lassen den Mercurium (Hg) wieder fallen, und geht
also ein dick Oleum (SbCl_{3}) über. Der Sulphur antimonii (S) aber
konjugiert sich mit dem Mercurio vivo (Hg) und gibt einen Zinnober
(HgS), der im Halse der Retorte bleibt«[403].
Die ursprüngliche Vorstellung, daß ähnliche Stoffe mit einander
verwandt seien, wich der richtigen Erkenntnis, daß gerade die
verschiedenartigsten Stoffe das größte Vereinigungsbestreben haben. Am
deutlichsten sprach es *Hermann Boerhaave* (1668-1738) aus, daß gerade
nicht verwandte Stoffe die Kraft besitzen, die man als chemische
Verwandtschaft oder Affinität bezeichnet, ein Wort, das uns schon bei
*Albertus Magnus* begegnet.
Als überzeugter Anhänger der Alchemie kann *Glauber* nicht mehr gelten.
Er sagt von ihr: »Wer Zeit und Gelegenheit haben mag, solche Arbeiten
im großen anzustellen, dem ist es nicht gewehrt, zu versuchen, ob
Nutzen damit zu erlangen ist«. Auch bekennt er, daß er selbst nicht den
geringsten Erfolg »in Verbesserung der Metalle« gehabt habe.
[Illustration: Abb. 66. Glaubers Destillierofen.]
*Glaubers* Hauptwerk führt den Titel »Novi furni philosophici«.
Es erschien zuerst im Jahre 1648 unter der deutschen Bezeichnung
»Beschreibung einer Destillierkunst«. Über *Glaubers* Verfahren sei auf
Grund seiner dort gegebenen Darstellung noch einiges mitgeteilt. Das
Kapitel, das von der Salzsäure handelt, überschreibt er: »Wie man einen
Spiritus salis destillieren soll«. Die Vorschrift lautet: »Man nimmt
gewöhnliches Kochsalz und mischt Vitriol oder Alaun darunter. Diese
Mischung bringt man über glühende Kohlen. Der davon ausgehende Spiritus
wird in einem Rezipienten verdichtet (siehe Abb. 66). Nun könnte jemand
sagen, daß dieser Spiritus salis nicht rein sei, denn der Spiritus des
Vitriols oder des Alauns gehe auch mit über. Darauf antworte ich, daß
dies nicht der Fall ist. Ich habe nämlich häufiger Vitriol oder Alaun
für sich in den Ofen gebracht. Dann ist gar kein Spiritus gekommen. Die
Ursache ist die, daß der Spiritus des Vitriols oder des Alauns nicht
emporsteigt, sondern im Ofen verbrennt.« Die Abbildung seines Ofens
erläutert *Glauber*, wie folgt: A ist der Ofen mit seinem eingemauerten
eisernen Destilliergefäß, daran ein Rezipient akkommodiert ist. C
zeigt die Gestalt des Destilliergefäßes, und D läßt erkennen, wie »es
inwendig anzusehen ist«.
Der nächste Abschnitt handelt von der Verwendung der Salzsäure (De
usu Spiritus salis). *Glauber* preist sie als »eine herrliche Medizin
für den innerlichen und den äußerlichen Gebrauch«, als Lösungsmittel
für alle Mineralien und Metalle »excepta Luna« d. h. mit Ausnahme
des Silbers. Im Haushalt soll die Salzsäure an die Stelle von Essig
treten, da Fleisch, Geflügel und anderes mit Salzsäure zubereitet »viel
lieblicher schmecke«.
Die weiteren Vorschriften *Glaubers* beziehen sich auf die Darstellung
von Schwefelsäure, Salpetersäure und Königswasser, sowie deren
Verwendung. Durch Destillation von Vitriol erhält er die Schwefelsäure
als »ein schweres Oleum, das man mit starkem Feuer vertreiben und
rektifizieren kann, wodurch es klar wird«. Mit diesem »korossiven Oleum
Vitrioli« könne man auch etliche Metalle solvieren und in ihre Vitriole
umwandeln, so Eisen und Zink. Man müsse jedoch Wasser hinzufügen, da
das Oleum sonst nicht angreife.
Die Verwendung zu Heilzwecken spielt auch hier eine Rolle, so soll die
Wärme, die sich bei der Einwirkung der Säure auf Eisen entwickelt,
Krankheiten zu heilen vermögen.
Vom Spiritus Nitri (Salpetersäure) heißt es, er werde zwar in fast
allen Apotheken gefunden, aber in der Heilkunde nicht viel gebraucht.
Aqua regis (Königswasser) endlich bereitet *Glauber*, indem er in
gläsernen Retorten Kochsalz in Salpetersäure auflöst.
In einem zweiten, »Teutschlands Wohlfahrt« betitelten Werke suchte
*Glauber* die Bedeutung der Chemie für die Volkswirtschaft darzutun.
»Dieses Werk«, sagt er in seiner Einleitung, »mit dem ich meinem
Vaterlande zu dienen mir vorgenommen, besteht in Offenbarung der in
Deutschland verborgenen großen Schätze, die zwar bisher auch sind
gewonnen worden, aber nicht, wie es wohl hätte sein sollen und können.
Z. B. läßt sich das Holz, so doch liegt und verdirbt, zu Salpeter
machen, um den Feinden damit die Spitze zu bieten. In künftigen großen
Landsterben werden sich ferner durch Konzentrieren der Mineralien und
Metalle gute Medikamente bereiten lassen.«
Die Begründung der Chemie als Wissenschaft.
Sehr gefördert wurde die Chemie während des 17. Jahrhunderts durch
die Arbeiten *Boyles*. *Robert Boyle* wurde im Jahre 1626 geboren. Er
studierte in Oxford und in Genf und lebte von 1668 an in London, wo er
mit *Newton*, *Hooke* und anderen hervorragenden Gelehrten die Royal
Society gründete. Der gemeinsame Grundzug dieser Männer war der, daß
sie sich bei ihren, im Geiste echter Forschung ausgeführten Arbeiten
lediglich von dem Streben nach Naturerkenntnis und von keinerlei
Nebenabsichten leiten ließen. *Boyle* war der erste, der die wahre
Aufgabe der Chemie in der Erkenntnis der Zusammensetzung der Körper
erblickte. »Die Chemiker« sagt er[404], »haben sich bisher durch enge
Prinzipien, die der höheren Gesichtspunkte entbehrten, leiten lassen.
Sie erblickten ihre Aufgabe in der Bereitung von Heilmitteln und in
der Verwandlung der Metalle. Ich habe versucht, die Chemie von einem
ganz anderen Gesichtspunkte aus zu behandeln, nicht als Arzt, noch als
Alchemist, sondern als Naturphilosoph«. Er habe, fährt er fort, den
Plan für eine chemische Philosophie gezeichnet, die er durch seine
Versuche und Beobachtungen zu vervollständigen hoffe. Den Menschen
müsse der Fortschritt der Wissenschaft mehr am Herzen liegen als ihre
engeren Interessen. Der Welt würde dadurch der größte Dienst geleistet,
daß man Versuche anstelle, Beobachtungen sammle und keine Theorie
aufstelle, ohne zuvor die in Betracht kommenden Erscheinungen geprüft
zu haben.
Mit der Aufstellung dieser Gesichtspunkte begann für die Chemie ein
neues Zeitalter. Indem *Boyle* als letzte Bestandteile, als Elemente
im Sinne der heutigen Wissenschaft, diejenigen Stoffe ansprach,
die keiner weiteren Zerlegung fähig sind, war das Schicksal der
aristotelischen Elemente (Feuer, Erde, Luft und Wasser), sowie der
Prinzipien der Alchemisten (Salz, Schwefel und Quecksilber) besiegelt.
Auch der Unterschied zwischen mechanischer Mischung und chemischer
Verbindung wurde von *Boyle* zum ersten Male scharf hervorgehoben. Als
charakteristisch für die Verbindungen stellte er das Verschwinden der
Eigenschaften der Bestandteile bin.
Anknüpfend an *van Helmont* destillierte *Boyle* Regenwasser aus
Glasgefäßen. Er fand stets einen Rückstand und glaubte damit
gleichfalls bewiesen zu haben, daß sich das Wasser in erdige
Bestandteile verwandeln lasse. Erst durch *Lavoisier* und *Scheele*
wurde der wahre Sachverhalt aufgeklärt und die Ansicht, daß das Wasser
eine derartige Umwandlung erfahren könne, als unhaltbar nachgewiesen.
Ein zweiter wichtiger Versuch, an den *Lavoisier* bei der Begründung
der neueren Chemie anknüpfte, betrifft die Verkalkung (Oxydation)
der Metalle beim Erhitzen an der Luft. *Boyle* schmolz Zinn und Blei
und wies nach, daß der erhaltene Metallkalk schwerer ist als das
Metall[405]. Um dies zu erklären, nahm er aber an, daß ein aus dem
Feuer stammender Stoff das Gefäß, in dem die Schmelzung vor sich
geht, durchdringe und sich mit dem Metall verbinde. Ein ähnlicher
hypothetischer, von *Lavoisier* später als unhaltbar erkannter Stoff,
das Phlogiston, das bei der Verbrennung entweichen sollte, erhielt
bei den auf *Boyle* folgenden Chemikern eine solche Bedeutung, daß
das von *Boyle* bis *Lavoisier* reichende Zeitalter der Chemie das
phlogistische genannt wird.
Durch die Forschungen *Boyles*, dem seine Landsleute den Beinamen
des großen Experimentators gegeben haben, wurde auch die analytische
Chemie begründet. Bisher hatte man sich bei qualitativen Untersuchungen
wesentlich auf das sogenannte trockene Verfahren beschränkt, das heute
noch bei der Vorprüfung, sowie bei der Bestimmung von Mineralien
Anwendung findet. *Boyle* lehrte die in Lösung gebrachte Substanz mit
Hilfe flüssiger Reagentien untersuchen, indem er aus der Entstehung
und der Beschaffenheit von Niederschlägen auf die Zusammensetzung
des zu untersuchenden Stoffes schloß. So wies er Salzsäure mittelst
Silberlösung und Schwefelsäure durch Kalksalze nach. Er fällte Eisen
durch Galläpfeltinktur[406] und bediente sich zum Nachweise der Säuren
mit Pflanzensäften gefärbter Papiere, alles Verfahrungsarten, die auch
heute noch im Gebrauch sind.
In das Zeitalter *Boyles* fällt auch eine Vorwegnahme der
antiphlogistischen Lehre durch den englischen Arzt *John Mayow*,
dessen Verhältnis zu *Lavoisier* etwa dasselbe ist wie auf
astronomischen Gebiete dasjenige *Aristarchs* zu *Koppernikus*.
*John Mayow* wurde im Jahre 1643 in London geboren. Er widmete sich
der Heilkunst, die er in dem kleinen Badeorte Bath ausübte. Zur
Beschäftigung mit der Chemie wurde er dadurch geführt, daß er die
Heilquelle von Bath untersuchte. Später wurde *Mayow* Mitglied der
Royal Society. Bald darauf (1679) starb er in noch jugendlichem Alter
in London. *Mayow* war gleich vielen Forschern seines Zeitalters ein
eifriger Anhänger der Philosophie des *Descartes*, dessen Werke ihn
zur mechanistischen Erklärung der Naturvorgänge angeregt hatten. Seine
wichtigsten Untersuchungen und Betrachtungen legte *Mayow* in seinem
»Tractatus quinque« genannten Werke nieder. Den für die Entwicklung
der Chemie bedeutendsten Abschnitt dieser Schrift bilden die in
deutscher Übersetzung erschienenen »Untersuchungen über den Salpeter
und den salpetrigen Luftgeist, das Brennen und das Atmen«[407]. Leider
fanden die Arbeiten *Mayows* nicht die verdiente Beachtung. Sie
gerieten infolgedessen schließlich in Vergessenheit. Es erging ihnen
ähnlich wie später den botanischen Arbeiten *Sprengels*, die trotz
ihrer außerordentlichen Bedeutung gleichfalls ein Jahrhundert ruhten.
Erst nach der Entdeckung des Sauerstoffs und nach der Begründung der
antiphlogistischen Theorie durch *Lavoisier* wurde von deutscher und
englischer Seite darauf hingewiesen, daß schon *Mayow* das wahre
Wesen der Verbrennung und der Atmung erkannt habe. Hätte *Mayow*
größere Beachtung gefunden und länger gelebt, um seine Lehre fester
zu begründen, so wäre die chemische Wissenschaft schwerlich ein
Jahrhundert in der irrigen Phlogistontheorie befangen geblieben. Man
muß nämlich erwägen, daß die Gewichtszunahme, welche die Metalle beim
Erhitzen an der Luft erfahren, im 17. Jahrhundert schon von mehreren
Seiten, wie von *Hooke*, *Boyle* und *Rey*, festgestellt worden war.
*Rey* war es auch, der diese Erscheinung auf den Zutritt der Luft zu
den Metallen zurückführte. Und *Hooke*, der so oft mit seinen knappen
Bemerkungen das Richtige traf und ja auch die Gravitationstheorie
vorwegnahm, gab in seiner Mikrographie (1665) eine Verbrennungstheorie,
die gleichfalls schon den Keim der antiphlogistischen Lehre enthielt.
*Hooke* nahm nämlich an, daß in der Luft und im Salpeter ein Stoff
enthalten sei, der auf die brennbaren Körper wirke.
Von der Untersuchung des Salpeters geht auch *Mayow* aus. Dieser
wunderbare Stoff, meinte er, sei berufen, in der Wissenschaft
ebensoviel Lärm wie im Kriege zu verursachen. Als Bestandteile des
Salpeters lehre seine Entstehung und seine Zerlegung einen sauren
Salpetergeist (wie er die Salpetersäure nannte) und eine alkalische
Substanz kennen. Gieße man nämlich die durch Destillation aus dem
Salpeter erhaltene Säure auf ein geeignetes alkalisches Salz, so
bilde sich der Salpeter mit all seinen bekannten Eigenschaften von
neuem. Auch der natürliche Salpeter entstehe durch die Einwirkung
von Salpetergeist auf alkalische Salze des Bodens; doch dürfe man
nicht annehmen, daß der Salpetergeist, d. h. die Salpetersäure, als
solcher in der Luft enthalten sei. Vielmehr sei in der Luft nur ein
Teil dieses Geistes enthalten, nämlich die salpetrige Luftsubstanz.
Letztere unterhalte die Verbrennung und die Atmung. Sie ist also mit
dem Sauerstoff der Antiphlogistiker völlig identisch.
Es verdiene auch Erwähnung, bemerkt *Mayow*, daß Antimon durch
Verkalkung an Gewicht zunehme[408]. Es sei schwer einzusehen, woher
diese Gewichtszunahme rühre, wenn nicht von den mit dem Metall sich
verbindenden Luftteilchen. »Ich weiß sehr wohl«, fügt er hinzu, »daß
nach der gewöhnlichen Meinung die Verkalkung des Antimons in der
Entfernung seines Schwefels bestehen soll. Trotzdem bin ich geneigt zu
glauben, daß diese Ansicht kaum die Wahrheit trifft«.
Der Hauptzweck der Atmung besteht nach *Mayow* darin, gewisse, dem
tierischen Leben unentbehrliche Teilchen aus der Luft den Lungen
zuzuführen und sie mit dem Blute auf das innigste zu vermischen. Er
habe, sagt *Mayow*, Versuche angegeben, welche zeigten, daß die von
den Lungen ausgeatmete Luft gewisser Teilchen beraubt sei, wobei sie
gleichzeitig eine Volumverminderung erfahren habe. Letztere werde
dadurch hervorgerufen, daß der Luft die salpetrigen Luftteilchen (d. h.
der Sauerstoff) entzogen wurden.
*Mayow* legt sich sodann die Frage vor, welche Aufgabe der in das Blut
gelangende Sauerstoff im Organismus zu erfüllen habe und findet auch
hierauf eine im ganzen richtige Antwort. »Ich huldige der Ansicht«
bemerkt er, »daß sowohl bei den Tieren als auch bei den Pflanzen der
salpetrige Luftgeist die Hauptquelle des Lebens und der Bewegung ist«.
Auch die Körperwärme könne man nicht etwa auf eine in den Gelenken
stattfindende Reibung zurückführen. Sie rühre vielmehr gleichfalls
von der Wirkung des Sauerstoffes auf das Blut her, in dem brennbare
Stoffe in Menge vorhanden seien. Daß das Blut bei seinem Eintritt in
die Lunge dunkelrot, und beim Verlassen hellrot ist, war eine *Mayow*
bekannte, durch die Erfahrung längst ermittelte Tatsache. Daß es sich
hierbei um eine chemische Einwirkung der Luft auf das Blut handelt,
geht ihm daraus hervor, daß venöses, der Luft ausgesetztes Blut an
der Oberfläche hellrot wird, während die unteren Schichten dunkelrot
bleiben.
Im Lichte der von *Mayow* entwickelten Theorie der Atmung gewannen
also auch verwandte Gebiete der Physiologie, wie die Tätigkeit und das
Zusammenwirken der Atmungs- und der Kreislauforgane, an Klarheit. Auch
darauf wies *Mayow* hin, daß beim Fötus an die Stelle der Atmung die
Versorgung mit Sauerstoff durch das arterielle, an Sauerstoff so reiche
Blut der Mutter tritt.
[Illustration: Abb. 67. Mayows Analyse der Luft.]
Die von *Mayow* ausgesprochenen Ansichten waren nicht etwa lediglich
glückliche Einfälle, sondern das Ergebnis oft sehr sinnreich
ausgedachter Versuche. Eins der schönsten Beispiele, und wohl eine der
ersten gasometrischen Untersuchungen, ist folgendes: Man bringe einen
Stab in der Weise, wie es die Abbildung 67 zeigt, in einem Glasgefäße
an. An diesen Stab hänge man einen glasierten, mit Salpetersäure
(Salpetergeist nennt sie *Mayow*) gefüllten Topf. Dicht über den Topf
wird an einem Faden ein Bündel von Eisenstückchen befestigt. Der Faden
wird zunächst über den Stab und dann unter den Rand des Gefäßes hinaus
geführt (siehe Abb. 67), so daß man das Eisenbündel in die Säure
tauchen und wieder herausziehen kann. »Nachdem«, fährt *Mayow* fort,
»die durch Berührung mit den Händen erwärmte Luft sich abgekühlt hat
und die Höhe des inneren Wasserspiegels angemerkt worden ist, lasse
man die Eisenstücke in die Säure gleiten«. Es entstand eine lebhafte
Einwirkung, und das innere Niveau wurde durch die entwickelten
Dämpfe zunächst herunter gedrückt. Nachdem die Reaktion einige Zeit
gedauert, zog *Mayow* das Eisen wieder empor. Jetzt stieg das Wasser
über den ursprünglichen Stand hinaus, wobei »ein Viertel des von
der Luft ursprünglich erfüllten Raumes von dem Wasser eingenommen
wurde«. Diese Raumverminderung wird ganz richtig auf die Fortnahme
des Sauerstoffes oder, wie *Mayow* sagt, der salpetrigen Luftteilchen
zurückgeführt[409]. »In der Tat«, sagt er, »erfährt hier die Luft
eine Verminderung auf ganz dieselbe Weise wie bei der Verbrennung«.
Das ein Jahrhundert später erfundene Eudiometer beruht auf derselben
Wechselwirkung zwischen den aus der Salpetersäure entstehenden Gasen
und dem Sauerstoff der Luft[410].
10. Der Ausbau der Botanik und der Zoologie nach dem Wiederaufleben der
Wissenschaften.
Wir haben in einem früheren Abschnitt die ersten Ansätze zur
Neubegründung der organischen Wissenschaften kennen gelernt.
Das wichtigste Ergebnis auf dem Gebiete der Botanik waren die
Entstehung der Kräuterbücher (*Bock* und *Brunfels*), die Anlage
der ersten botanischen Gärten und Herbarien, sowie die Ausdehnung
der Florenkenntnis auf die neuentdeckten außereuropäischen Länder.
Gleichzeitig erfolgte die Neubegründung der Zoologie durch die
umfassenden Werke eines *Gesner* und eines *Aldrovandi*. *Wotton*
verbesserte die Systematik, während *Vesal* die Grundlagen der neueren
Anatomie errichtete.
Fortschritte der Botanik.
In der Pflege der Botanik zeichneten sich neben den Deutschen besonders
die Niederländer aus. War doch die Anregung, welche diesem Volksstamm
durch den Handel und die Entdeckungsreisen auf naturhistorischem
Gebiete zuteil wurde, nicht gering. Auch standen schon damals der
Gartenbau und die Blumenzucht in den Niederlanden in hoher Blüte. Als
der größte Botaniker des 16. Jahrhunderts gilt *Carolus Clusius* in
Antwerpen (1525-1609). Er war eine Zeitlang mit der Verwaltung der
kaiserlichen Gärten in Wien betraut und fand dadurch Gelegenheit, auch
Ungarn naturhistorisch zu durchforschen. *Clusius* starb als Professor
der Naturgeschichte in Leyden im Jahre 1609, nachdem er die Botanik
um eine derartige Fülle neuer Arten bereichert hatte, wie niemand vor
und nach ihm. Die Frucht seines Aufenthalts in Österreich-Ungarn war
eine Flora von Osteuropa[411]. Von Augsburg hatte er mit Angehörigen
des Hauses *Fugger* eine Reise durch Frankreich, Spanien und Portugal
unternommen. Das Ergebnis dieser Reise war ein floristisches Werk über
die pyrenäische Halbinsel[412]. Außerdem hat *Clusius* als einer der
ersten die Pflanzen Indiens und der Levante beschrieben[413]. Er hat
die neuen Arten auch vortrefflich abgebildet.
*Clusius* konnte sein Vorhaben nur mit Unterstützung von zahlreichen
Forschern und Reisenden vollbringen. Unter seinen Mitarbeitern ist vor
allem der Niederländer *Lobelius* zu nennen. Er wurde 1538 geboren und
starb 1616 in England, wo er die königlichen Gärten verwaltete.
Bei *Lobelius* tritt das Gefühl für die natürliche Verwandtschaft
schon sehr deutlich hervor. So bilden die Gräser, die Liliaceen, die
Orchideen, die Kreuzblüter, die Doldengewächse, die Schmetterlings- und
die Lippenblüter bei ihm schon deutlich erkennbare Gruppen.
Während man sich im 16. Jahrhundert in Mitteleuropa vorzugsweise der
umgebenden Pflanzenwelt zuwandte, bemühten sich die Italiener um
diese Zeit in erster Linie um die Erklärung der alten botanischen
Schriften. Da sie aber merkten, daß bei *Dioskurides* und *Plinius* nur
ein geringer Bruchteil der in Italien vorkommenden Pflanzen erwähnt
wird, wandten auch sie sich zumal in Norditalien der Erforschung der
heimatlichen Flora zu. Hier waren es besonders die südlichen Kalkalpen,
die durch ihren außergewöhnlichen Pflanzenreichtum die Aufmerksamkeit
von Apothekern, Ärzten und anderen der Botanik obliegenden Männern auf
sich zogen. So entstanden mehrere Monographien, die sich ausschließlich
mit der Flora des an Pflanzen so reichen Monte Baldo, eines östlich vom
Gardasee gelegenen Kalkgebirges, beschäftigten.
Einer der hervorragendsten unter den italienischen Botanikern des 16.
Jahrhunderts war *Mattioli* (1501-1577). Er wußte wie kein anderer den
*Dioskurides* zu kommentieren und »mit seltener Spürkraft die Pflanzen
der Alten zu erraten«[414]. *Mattioli* war auch ein scharfer Beobachter
und eifriger Sammler, der die Wissenschaft um die Kenntnis zahlreicher
neuer Arten bereicherte.
Das Bestreben, an die Stelle der anfangs üblichen alphabetischen eine
natürliche Anordnung zu setzen, fand eine Fortsetzung bei *Bauhin*, in
dem die erste Periode der neueren Botanik ihren Gipfel erreichte.
*Kaspar Bauhin* wurde 1550 als Sohn eines Arztes in Basel geboren. Er
verbrachte einen Teil seiner Studienzeit in Padua und durchforschte die
Flora von Deutschland, Italien und Frankreich. Ganz davon abgesehen,
daß *Bauhin* zahlreiche neue Arten entdeckte, besteht sein großes
Verdienst in der Durchführung der erschöpfenden Artdiagnose, der
Einführung der binären Nomenklatur, der Anordnung der Pflanzen nach
ihrer Ähnlichkeit, und endlich der Entwirrung der zahllosen Synonyme.
Wir beginnen mit dem letzten Punkte. Seit dem Wiederaufleben
der Botanik waren in allen Teilen Europas und in den entdeckten
außereuropäischen Ländern neue Pflanzen bekannt geworden, die an
Zahl die von den Alten beschriebenen Pflanzen bei weitem übertrafen.
Die Benennung dieser neuen Pflanzen war aber ohne einheitliche
Gesichtspunkte und zum Teil unter ganz willkürlicher Verwertung
der alten Pflanzennamen erfolgt. Ja, derselben Art waren von den
verschiedenen Schriftstellern häufig auch verschiedene Namen beigelegt,
und die gleichen Namen für verschiedene Arten gebraucht worden. Die
Verwirrung war also eine schlimme und drohte jeden gesunden Fortschritt
der Wissenschaft, für die der Name keineswegs »Schall und Rauch« ist,
zu untergraben. Diesem unhaltbaren Zustande machte *Bauhin* durch
sein in vierzigjähriger, mühevoller Arbeit entstandenes Werk über die
Pflanzensynonyme ein Ende[415]. In ihm wies er für alle ihm bekannten,
etwa 6000 Arten die von den verschiedenen Botanikern gebrauchten Namen
nach und schuf damit für die botanische Literatur das vollständigste
Synonymenwerk, das noch heute für den Systematiker wichtig ist. »Gewiß
kein kleines Lob, das einem Buche nach 250 Jahren noch gespendet werden
kann«[416].
Auf solche Weise brachte *Bauhin* nicht nur Ordnung in die gelehrten
Arbeiten seiner Vorgänger, sondern er beugte auch durch die
vorbildliche Art, wie er selbst die Pflanzen benannte und beschrieb,
dem Einreißen einer neuen Verwirrung vor. Die Beschreibung der Pflanzen
wurde nämlich von ihm zu der Kunst ausgebildet, in wenigen Zeilen
erschöpfende, die Wiedererkennung leicht ermöglichende Diagnosen zu
geben. Jede von ihnen berücksichtigte in aller Kürze sämtliche Teile
der Pflanze. Die Form, die Größe, die Verzweigung der Wurzel und des
Stengels, die Gestalt der Blätter, die Beschaffenheit der Blüte, der
Frucht und des Samens: alles wurde in knappen, treffenden Worten
aufgeführt, ohne den Raum von etwa 20 Zeilen zu überschreiten. Ferner
wurden Arten und Gattungen bei ihm scharf und bewußt unterschieden.
Jede Art erhielt eine meist aus zwei Wörtern bestehende Benennung,
die als Gattungs- und als Speziesnamen gelten können. Die binäre
Nomenklatur, um deren Durchführung sich später *Linné* so große
Verdienste erworben hat, ist also auf *Bauhin* zurückzuführen.
Anfänge der natürlichen und der künstlichen Systematik.
Endlich tritt bei *Bauhin* in seinem Synonymenwerk die Anordnung nach
der Ähnlichkeit in den gesamten Merkmalen, nach natürlichen Familien
würden wir heute sagen, noch mehr wie bei *Lobelius* hervor, ohne daß
jedoch die so erhaltenen Gruppen benannt oder deutlich voneinander
getrennt worden wären. Auch *Bauhin* beginnt mit den Gräsern, die er
für die einfachsten Blütenpflanzen hielt. Es folgen die Liliengewächse,
die wichtigsten Familien der krautartigen Pflanzen und endlich die
Bäume. Die Sonderstellung der Farnkräuter vermochte *Bauhin* so wenig
wie *Lobelius* zu erkennen. Auch fehlt es nicht an Zusammenstellungen,
die uns heute als große Irrtümer erscheinen. So bringt *Bauhin* z. B.
die phanerogamen Wasserlinsen mit den Moosen, und die Schwämme mit den
Meeresalgen in Verbindung. Andererseits dürfen wir ihm solche Fehler
nicht zu sehr anrechnen, weil das Verhältnis der Kryptogamen zu den
Phanerogamen erst Jahrhunderte nach *Bauhin* seine Aufklärung gefunden
hat und die Natur der Pflanzentiere erst im 18. Jahrhundert durch
*Trembley* enthüllt wurde.
Während das induktive Verfahren, dessen Ansätze uns in den
Kräuterbüchern begegnen, zu einer wenn auch noch mangelhaften
natürlichen Systematik führte, ging man in Italien bei der
Neubegründung der Botanik vielfach noch in aristotelischer Weise von
vorher getroffenen Einteilungsprinzipien aus. Hier suchte *Caesalpin*
den immer mehr anschwellenden Artenreichtum zu bewältigen, indem er
seiner Anordnung insbesondere die Beschaffenheit der Früchte zugrunde
legte. Diese Richtung der einseitig künstlichen Systematik wurde in
der Folge zunächst zur herrschenden, weil sie dem Bedürfnis der Praxis
besser entsprach als die noch unvollkommene natürliche Gruppierung,
die für die Wissenschaft jedoch einen höheren Wert besitzt. Wir werden
später *Linné* als denjenigen kennen lernen, dem das von *Caesalpin*
erstrebte Werk gelang. *Linné* erwies diesem seinem Vorgänger auch
alle Anerkennung, indem er ihn als den ersten wahren Systematiker
bezeichnete.
Das botanische Hauptwerk des *Andrea Caesalpino*[417] erschien
1583 unter dem Titel: De plantis libri XVI. *Caesalpin* liefert
darin zwar auch Beschreibungen einzelner Pflanzen, er geht aber
nach zwei Richtungen über die Verfasser der Kräuterbücher hinaus.
Einmal beschränkt er sich nicht wie jene auf die Schilderung des
allgemeinen Habitus einer Pflanze, sondern er untersucht die
einzelnen Pflanzenteile genau und berücksichtigt dabei besonders die
Fruktifikationsorgane. Zweitens begegnet uns bei *Caesalpin* eine
denkende, philosophische Betrachtung der Pflanze im allgemeinen und
ihrer Natur. Die Grundzüge der theoretischen Botanik, zu denen er
auf diese Weise in der Einleitung zum ersten Buche seines Werkes
gelangte, sind indessen in überwiegend aristotelischem Sinne abgefaßt.
Da die Pflanze ausschließlich jene Art von Seele besitze, durch
welche die Ernährung, das Wachstum und die Fortpflanzung erfolge,
so begnüge sie sich mit viel einfacheren Werkzeugen als das Tier,
dem außerdem noch Bewegung und Empfindung zukomme. Die Tätigkeit der
Pflanzenseele bestehe darin, durch die Ernährung das Einzelwesen und
durch die Fortpflanzung die Art zu erhalten. Daher seien der Pflanze
zwei Teile verliehen, die Wurzel, durch die sie die Nahrung aufnehme,
und der Stengel, der die Frucht erzeuge. Für die niederen Pflanzen,
wie die Pilze und die Flechten, an denen *Caesalpin* noch keine
Fortpflanzungsorgane wahrzunehmen vermochte, nimmt er mit *Aristoteles*
die Urzeugung (Generatio spontanea) an. Sie entständen durch Fäulnis
und brauchten sich daher nur zu ernähren und zu wachsen. Sie seien
Mitteldinge zwischen der unorganischen Natur und den vollkommenen
Pflanzen, wie es ja auch Übergangsstufen zwischen den letzteren und den
Tieren gebe.
Der Einfluß, den *Caesalpin* auf die Entwicklung der Botanik im 17.
und 18. Jahrhundert ausgeübt hat, ist nicht zu unterschätzen. Das von
ihm begründete Lehrgebäude wurde durch *Linné* vollendet und damit die
Entwicklung der künstlichen Systematik im wesentlichen zum Abschluß
gebracht.
Die Begründung einer Morphologie der Pflanzen.
In das 17. Jahrhundert fallen auch die ersten Schritte zur
Begründung einer wissenschaftlichen Morphologie der Pflanzen. Als
ihr Hauptvertreter ist der Deutsche *Joachim Jungius* zu nennen.
Von dem Lebensgange dieses Mannes (1587-1657) und seiner Bedeutung
für die allgemeine Geisteskultur seines Zeitalters wird an späterer
Stelle noch gehandelt werden. Sein Bestreben, Besseres an die Stelle
des scholastischen Wortkrams zu setzen, der im 17. Jahrhundert sich
in Deutschland breit machte, war besonders auf botanischem Gebiete
von Erfolg begleitet. Ein gewaltiger handschriftlicher Nachlaß[418]
zeugt davon, daß sich die Reformbestrebungen des *Jungius* auf das
gesamte Gebiet der Naturlehre erstreckten. Mit logischer Klarheit,
gestützt auf *Demokrits* Atomistik und ausgestattet mit einem scharfen
Beobachtungsvermögen, hat *Jungius* erfolgreich an der Erneuerung
der Wissenschaften gearbeitet. Sein Einfluß hätte noch größer sein
können, wenn er sich nicht auf Vorträge, Diktate und schriftliche
Aufzeichnungen beschränkt hätte. Zum Glück erging es ihm nicht wie ein
Jahrhundert vorher *Lionardo da Vinci*, der auch fast nichts von seinen
wertvollen Aufzeichnungen veröffentlicht und infolgedessen auf die
Entwicklung der Wissenschaften einen viel zu geringen Einfluß ausgeübt
hat. Während die Manuskripte *Lionardos* erst gegen das Ende des 18.
Jahrhunderts zugänglich gemacht wurden, kamen wichtige botanische
Schriften des *Jungius* bald nach seinem Tode durch Vermittlung seiner
Schüler an das Licht der Öffentlichkeit. Sie fanden nicht nur in der
Heimat, sondern auch in England durch *Ray* und in Schweden durch
*Linné* die ihnen gebührende Beachtung.
Durch sein botanisches Hauptwerk[419] wirkte *Jungius* nach zwei
Richtungen. Zunächst schuf er eine wissenschaftliche Terminologie,
die so geeignet war, daß sie zum Teil sich bis auf den heutigen Tag
erhalten hat. So sind, um ein Beispiel zu erwähnen, die noch heute
für die verschiedenen Blütenstände gebräuchlichen Ausdrücke wie
spica, panicula, umbella, corymbus, sowie ihre genauere Definition
auf *Jungius* zurückzuführen. Auch *Linné* hat sich hinsichtlich der
Nomenklatur an *Jungius* angeschlossen. *Jungius* war es ferner,
der zuerst auf die Formwandlungen hinwies, welche die Blätter eines
Stengels mit ihrer Entfernung vom Erdboden erfahren. Auch die einfachen
und die vorher oft mit Zweigen verwechselten zusammengesetzten Blätter
wurden von ihm deutlich unterschieden und benannt.
Sehr ausführlich hat *Jungius* auch die Gestalt der Blüte behandelt,
obgleich ihm das Wesen der Sexualität noch verborgen blieb. Die
Klarstellung der morphologischen Grundbegriffe bedingte auch eine
bessere Anordnung der Pflanzen. Geruch, Geschmack, medizinische
Wirkungen, Farbe und andere nebensächliche Charaktere wurden von
*Jungius* als wertlos für die Anordnung erachtet. Auch die bis dahin
immer noch anzutreffende Einteilung in Bäume, Sträucher und Kräuter
wurde von ihm als nichtig zurückgewiesen.
Im einzelnen gestaltete *Jungius* das Pflanzensystem übersichtlicher,
indem er für zahlreiche, früher getrennt aufgeführte Pflanzen die
Zusammengehörigkeit nach ihrem gesamten Habitus nachwies und Regeln für
die Benennung der Pflanzen aufstellte.
Die von *Bauhin* und *Jungius* entwickelten Grundsätze fanden zunächst
in England fruchtbaren Boden, wo sie *Morisons* und *Rays* Bemühungen
um den Ausbau der systematischen Botanik förderten[420].
*Morison* unterzog das System *Bauhins*, wie dieser es in seinem
»Pinax« niedergelegt hatte, einer gründlichen Durchsicht und zeigte,
welche Pflanzen dort einen unrichtigen Platz einnahmen. Ferner war
er der erste Botaniker, der eine größere Pflanzengruppe, und zwar
die Umbelliferen, einer eingehenden, monographischen Bearbeitung
unterwarf[421]. Die Doldengewächse wurden in dieser Arbeit nach der
Beschaffenheit der Früchte in eine Reihe von Unterabteilungen zerlegt.
In *Morisons* Fußstapfen trat der auch als Zoologe bekannt gewordene
*John Ray*[422]. Er stellte in einem umfangreichen Werke[423]
ähnlich wie *Bauhin* den gesamten, bis dahin geschaffenen Inhalt
der botanischen Wissenschaft zusammen. Die morphologischen Teile
behandelte er im engsten Anschluß an *Jungius*. In seinem System kommen
zum ersten Male die großen natürlichen Gruppen des Pflanzenreichs zum
Ausdruck. Er beginnt mit den unvollkommenen Pflanzen (Imperfectae), den
Pilzen, Moosen, Farnkräutern und unterseeischen Pflanzen. Zu letzteren
werden neben den Tangen auch die Pflanzentiere gerechnet. Die blühenden
Pflanzen teilt *Ray* in die zweisamenlappigen (Dikotyledonen) und die
einsamenlappigen Gewächse (Monokotyledonen). Von letzteren werden
die Gräser mit besonderer Ausführlichkeit behandelt und nach ihrem
Gesamteindruck systematisch weiter gegliedert.
Den Monokotylen werden auch die Palmen, die Liliengewächse und die
Orchideen zugewiesen. Die natürlichen Gruppen der Labiaten und der
Schmetterlingsblüter hatte man schon früher erkannt. Mehr oder
minder deutlich treten jetzt auch die Kreuzblüter, die Rubiaceen,
die Rauhblätterigen, die Korbblüter und andere, dem natürlichen
System entsprechende Gruppen zutage. Die Einteilung im einzelnen
blieb indessen recht mangelhaft, da es noch zu sehr an leitenden
Gesichtspunkten fehlte.
Hatten *Morison* und nach ihm *Ray* in der Beschaffenheit der Früchte
ein systematisches Merkmal von hervorragender Wichtigkeit erblickt, so
legte der Deutsche *Rivinus*[424] den größten Wert auf die Zahl und den
Zusammenhang der Kronenblätter. Bei *Rivinus* begegnet uns auch schon
der von *Linné* später durchgeführte Grundsatz, den Gattungsnamen bei
jeder Art zu wiederholen und letztere durch ein hinzugefügtes Adjektiv
auszudrücken.
In Frankreich fand in diesem, *Linné* vorhergehenden Stadium der
Botanik diese Wissenschaft ihren hervorragendsten Vertreter in
*Tournefort*[425]. Sein System bedeutete insofern einen Rückschritt,
als es die von *Ray* erkannten, großen, natürlichen Gruppen der
Kryptogamen, Monokotylen und Dikotylen nicht zum Ausdruck brachte.
Für die Einteilung der Blütenpflanzen war, wie bei *Rivinus*, die
Beschaffenheit der Blumenkrone maßgebend. Danach wurden blumenblattlose
(apetale) und petaloide Pflanzen unterschieden. Letztere zerfielen in
einblätterige (monopetale) und vielblätterige (polypetale) Pflanzen.
Zu den monopetalen rechneten z. B. die Glockenblumengewächse und die
Lippenblüter mit ihren aus einem Stück bestehenden Kronen, zu den
Polypetalen dagegen Kreuzblüter, Rosengewächse, Schmetterlingsblüter
usw.
Die 22 Klassen, zu denen *Tournefort* unter gleichzeitiger Verwertung
der so unbestimmten Begriffe Bäume, Sträucher und Kräuter gelangte,
zerfielen in Gruppen. Soweit es sich um petaloide Pflanzen handelte,
wurden diese Gruppen nach der Beschaffenheit der Kronen gebildet.
So wurden bei den Lippenblütern solche mit gerader, helmartiger und
löffelförmiger Oberlippe unterschieden. An diese reihten sich die
Lippenblüter ohne Oberlippe. *Tournefort* schuf also ein künstliches
System, d. h. ein solches, das auf der Beschaffenheit eines willkürlich
herausgegriffenen Organs, und zwar der Krone, beruhte. Es blieb während
der ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts das herrschende. Dann wurde
es durch *Linnés* künstliches System, das sich auf die Beschaffenheit
der Staubgefäße gründete, abgelöst. *Tournefort* selbst hatte den
Staubgefäßen nur geringe Bedeutung beigelegt, indem er sie als bloße
Absonderungsorgane betrachtete.
Man hat *Tournefort* wohl das Verdienst zugeschrieben, daß er den
Begriff der Gattung festgestellt habe. Gattungs- und Artbegriff
haben sich indessen seit dem Wiederaufblühen der Botanik durch
Einzelbeschreibung und Vergleich ganz allmählich herausgebildet.
*Bauhin* trug diesen Begriffen ferner schon lange vor *Tournefort*
durch seine Art der Namengebung Rechnung. Beide Begriffe nahmen
allerdings an Bestimmtheit zu, je mehr man die wesentlichen von den
unwesentlichen Merkmalen unterscheiden lernte und erkannte, daß die
Zusammengehörigkeit zu einer Gattung nicht durch die Übereinstimmung
eines einzigen, sondern der Mehrzahl der wesentlichsten Teile bestimmt
ist. Als solche wurden immer mehr die Fortpflanzungsorgane erkannt.
Weniger fest stand der Artbegriff, weil man bei seiner Aufstellung
mitunter allzu veränderliche Abwandlungen berücksichtigte und
Spielarten von echten Arten noch nicht zu unterscheiden wußte. Zu
dieser Frage äußerte sich auch *Leibniz*, indem er dem einseitig
systematischen Standpunkte einzelner Botaniker eine recht zutreffende,
im Einklang mit dem natürlichen Systeme stehende Bemerkung
entgegenhielt. Anlaß dazu gab ihm die Äußerung eines deutschen
Botanikers, die für das System verwertbaren Merkmale seien nicht den
Blüten, sondern den Wurzeln zu entnehmen. *Leibniz* bemerkte dazu[426],
man müsse die Merkmale *aller* Teile berücksichtigen. Dabei sei
aber zu beachten, daß der Zweck des Pflanzenlebens die Erhaltung des
Einzelwesens und der Art sei. Deshalb müsse man beim Aufbau des Systems
denjenigen Teilen den Vorzug geben, die zu diesen Zwecken in engster
Beziehung ständen.
Verfehlt wäre es jedoch in diesem und in anderen, ähnlichen Fällen
solchen gelegentlichen treffenden Äußerungen einen für den Gang der
Wissenschaft entscheidenden Wert beizulegen und *Leibniz* z. B., wie
es wohl geschehen ist, zu den Mitbegründern der Sexualtheorie und des
darauf begründeten Systems zu zählen.
Fortschritte der Zoologie.
Eine ähnliche Entwicklung, wie sie die Botanik nach dem Wiederaufleben
der Wissenschaften erfuhr, begegnet uns auf dem Gebiete der Zoologie.
Auch hier knüpfte man zunächst an die Alten an; darauf begab man sich
an die Beobachtung und die Beschreibung der zugänglichen Tierformen,
und schließlich erwuchsen aus den Einzelbeschreibungen umfangreiche
zoographische Sammelwerke. Als Repräsentanten dieser Richtung haben
wir besonders *Gesner* und *Aldrovandi* kennen gelernt. Wie die
Pflanzenkenntnis so wurde auch die Kenntnis der Tierformen durch die
geographischen Entdeckungen außerordentlich erweitert. Um die Mitte
des 17. Jahrhunderts begegnen uns z. B. schon besondere Werke über die
Faunen Brasiliens und Ostindiens.
Auf die Periode des Sammelns folgte diejenige des Ordnens. Auch in
dieser Hinsicht läuft die Entwicklung der Zoologie derjenigen der
Botanik parallel. Ja, es sind zum Teil dieselben Männer, die im 17.
Jahrhundert sich der Systematik des Tier- und Pflanzenreiches widmen.
Dies gilt auch von dem größten Systematiker auf dem Gebiete der
Zoologie des 17. Jahrhunderts, dem Engländer *Ray*.
*John Ray* wurde 1628 in Essex geboren. Er durchforschte die Tier-
und Pflanzenwelt Großbritanniens, Deutschlands, Frankreichs und
Italiens, war Mitglied der Royal-Society und starb im Jahre 1705.
Nach der Herausgabe mehrerer botanischer Werke[427] schuf er ein für
die systematische Zoologie grundlegendes Werk in seiner Synopsis vom
Jahre 1693. *Ray* teilt darin die Tierwelt in Wirbeltiere und in
Wirbellose ein, wie es schon *Aristoteles* getan. Er bedient sich
sogar der aristotelischen Bezeichnungen »Bluttiere« und »Blutlose«.
Die Wirbeltiere zerfallen nach *Ray* in Lungenatmer und Kiemenatmer
(Fische). Die Lungenatmer werden in Lebendiggebärende und Eierlegende
(Vögel) eingeteilt. Auch der Bau des Gefäßsystems wird verwertet,
indem die eierlegenden Lungenatmer mit nur einem Herzventrikel zu
einer besonderen Gruppe zusammengefaßt werden. Für die Bildung von
Unterabteilungen werden der Bau des Gebisses und die Beschaffenheit
der Gliedmaßen verwertet. So begegnen uns Nagetiere (Hasenartige),
Krallentiere, die Ein-, Zwei- und Vierhufer (Nashorn und Nilpferd).
Nach ähnlichen Gesichtspunkten werden die Vögel gruppiert, sodaß auch
hier die Grundlagen der späteren Einteilung geschaffen wurden. Die
Wirbellosen zerfallen bei *Ray* in Weichtiere, Krustentiere (Krebse),
Schaltiere (Muscheln und Schnecken) und Insekten. Letztere hat er am
eingehendsten bearbeitet. Er begreift darunter alle mit Einschnitten
versehenen Tiere.
Was *Ray* auf dem Gebiete der zoologischen Systematik geschaffen,
bildete die unmittelbare Grundlage des *Linné*schen Systems, das uns an
späterer Stelle beschäftigen wird. Auch in der scharfen Erfassung des
Artbegriffs war *Ray* ein Vorläufer *Linnés*. »Formen, die der Species
nach verschieden sind«, heißt es bei *Ray*[428], »behalten diese ihre
spezifische Natur beständig, und es entsteht die eine nicht aus dem
Samen einer anderen.« *Ray* huldigte indessen noch keineswegs der
starren Auffassung des Artbegriffes, der uns bei den Systematikern des
18. Jahrhunderts begegnet. Denn er fügt seiner Erklärung[429] folgende
Einschränkung hinzu: »Nun ist aber dieses Zeichen der spezifischen
Übereinstimmung, obschon ziemlich konstant, doch nicht beständig und
untrüglich«.
Das 17. Jahrhundert war indessen für die Zoologie und die Botanik
nicht etwa ein Zeitalter der bloßen Systematik. Es kam vielmehr als
zweites, besonders wichtiges Moment hinzu, daß die beschreibenden
Naturwissenschaften unter den Einfluß der seit *Galilei* emporblühenden
exakten physikalischen Forschung gerieten. Dies führte zur Anwendung
besonderer Hilfsmittel, z. B. des Mikroskops, auf die Erforschung der
Lebewesen. Die Blicke der Zoologen und der Botaniker wurden dadurch
mehr als bisher auf den inneren Bau der Organismen und die kleinsten
Lebewesen gelenkt. Ja, es erschloß sich den erstaunten Blicken eine
neue Welt, die bis dahin, der Kleinheit ihrer Formen wegen, den Sinnen
ganz verborgen geblieben war. Die Berührung mit der physikalischen
Forschung führte aber nicht nur zur Benutzung technischer Hilfsmittel,
sondern es wurde auch die Methode der neueren physikalischen Forschung,
der messende Versuch, auf die Erscheinungen der Tier- und Pflanzenwelt
angewandt. Von Einfluß war in dieser Hinsicht auch der Hauptzug der
neueren, mit *Descartes* anhebenden Philosophie, die alles Geschehen
auf die Grundgesetze der Mechanik zurückzuführen suchte und selbst die
Organismen nach der körperlichen Seite als bloße Maschinen betrachtete.
So entstand im 17. Jahrhundert die biomechanische Richtung, als
deren Hauptvertreter wir *Borelli* kennen lernen werden. Die hier
nur angedeuteten, auf den Einfluß der Physik zurückzuführenden
Fortschritte der biologischen Wissenschaften sollen in besonderen
Abschnitten behandelt werden, nachdem wir zunächst das Emporblühen
der anorganischen Wissenschaften während der auf *Galileis* Zeitalter
folgenden *Newton-Huygens*-Periode kennen gelernt haben.