*Koppernikus* hatte das heliozentrische Weltsystem gegründet. Durch
deutsche Geistesarbeit sollte es auch seinen weiteren Ausbau erfahren
und auf den Boden unzweifelhafter Gewißheit erhoben werden. Zu
dieser Tat war *Johannes Kepler* berufen, der bedeutendste Astronom,
den Deutschland im 17. Jahrhundert hervorgebracht hat. Nicht nur
die Forschungen *Keplers*, sondern auch sein Lebensgang verdienen
eingehender gewürdigt zu werden.
Keplers Entwicklungsgang.
*Johannes Kepler* wurde am 27. Dezember 1571 in dem württembergischen
Städtchen Weil geboren. Schon im frühesten Lebensalter begann für
ihn eine Kette von Widerwärtigkeiten, die sich durch sein ganzes
Leben hindurch fortsetzen sollten. Es ist ein eigenartiges Stück
Kulturgeschichte, das uns dieser Lebensgang darbietet. *Keplers*
schwächlicher Körper wurde wiederholt von Krankheiten heimgesucht. Im
Elternhause herrschte ehelicher Zwist. Der Vater nahm Kriegsdienste.
Nach seiner Rückkehr verlor er durch Übernahme einer Bürgschaft seine
geringe Habe. Später zog er von neuem hinaus. Er fiel im Kampfe gegen
die Türken. Nach einer freudlosen Jugend wurde *Kepler*, da er seines
schwächlichen Körpers wegen für einen praktischen Beruf untauglich war,
in eine Klosterschule und darauf in das theologische Stift zu Tübingen
geschickt.
»Was auf dem Gebiete der Geometrie und der Astronomie vorkam«, schrieb
*Kepler* später[186], »begriff ich ohne Schwierigkeit. Ich wurde auf
Kosten des Herzogs von Württemberg unterhalten. Meine Fortschritte in
der Gelehrsamkeit bewies mein Mysterium cosmographicum.« Es ist dies
*Keplers* im Jahre 1596 erschienenes astronomisches Erstlingswerk, das
uns nach Inhalt und Bedeutung noch beschäftigen wird.
Die Anregung zu mathematischen und astronomischen Studien empfing
*Kepler* durch den in Tübingen lehrenden *Mästlin*. *Mästlin*
(1550-1631) bekleidete dort die Professur für Mathematik und
Astronomie. Er war ein Anhänger der koppernikanischen Lehre und
soll auch *Galilei* für diese gewonnen haben. *Mästlin* hat das
»aschfarbene« Licht des Mondes daraus erklärt, daß das Sonnenlicht von
der Erde auf den Mond zurückgeworfen werde.
[Illustration: Abb. 37. *Johannes Kepler*[187].]
Zwischen *Mästlin* und *Kepler* entwickelte sich ein freundschaftliches
Verhältnis. In dem Maße, wie *Keplers* Interesse für die Astronomie
zunahm, wurde er der damals herrschenden Theologie entfremdet. Letztere
war nämlich im evangelischen Württemberg zu einer Orthodoxie erstarrt,
die jede freie Regung hemmte und in Dogmen zum Ausdruck kam, die in
das wahrhaft religiöse Gemüt *Keplers* keinen Eingang fanden. Als
*Kepler* sich dazu noch als ein Anhänger der koppernikanischen Lehre
bekannte, war es um seine theologische Laufbahn geschehen. Er wurde
als ungeeignet für den Kirchendienst bezeichnet und konnte von Glück
sagen, daß er durch *Mästlin* eine Stelle in Graz erhielt. Hier mußte
er Mathematik und Rhetorik vortragen, sowie den Kalender schreiben,
wobei die Voraussage des Wetters und der politischen Ereignisse von
besonderer Wichtigkeit war. Mit welch schwerem Herzen mag der so
aufrichtige Mann oft dies Geschäft erledigt haben, das er selbst
als die »eitelste, aber notwendige Amtsarbeit« bezeichnete! »Mutter
Astronomie müßte gewißlich Hunger leiden«, sagte er ein anderes Mal,
»wenn die Tochter Astrologie nicht das Brot erwürbe.« Daß *Kepler*
übrigens in gewissem Sinne eine Einwirkung kosmischer Vorgänge
auf irdische Begebenheiten für möglich hielt, ersieht man aus dem
Schlußabschnitt seines »ausführlichen Berichtes über den im Jahre 1607
erschienenen Kometen und dessen Bedeutung«[188]. *Kepler* führt darin
aus, er wolle nicht unbedingt in Abrede stellen, daß durch Kometen
Seuchen hervorgerufen werden könnten. Wenn nämlich der Schwanz die
Erde berühre, so könne es geschehen, daß die Luft verunreinigt werde.
Da dies aber selten vorkomme, so müsse man nach einem anderen Grunde
suchen, um eine etwaige natürliche Wirkung der Kometen zu erklären.
»Ist etwas daran«, so fährt er fort, »daß nach der Ordnung der Natur
Überschwemmung, Trockenheit oder Pestilenz durch einen Kometen
verursacht und also vorbedeutet werden, so muß dies folgendermaßen
zugehen: Wenn im Himmel etwas Seltsames entsteht, so empfinden dies
alle Kräfte der natürlichen Dinge. Diese Sympathie mit dem Himmel
erstreckt sich besonders auf die Kraft, die in der Erde steckt und ihre
inneren Zustände beherrscht. Die Folge ist, daß diese Kraft feuchte
Dämpfe emportreibt, wodurch Regen und Überschwemmung und schließlich
allgemeine Seuchen entstehen.«
Auch der Mensch, wenn er selbst blind wäre, besitze doch dergleichen
empfindliche und auf den Himmel aufmerkende Kräfte, die durch einen
im Himmel auftauchenden Kometen ebenfalls beunruhigt würden und nicht
allein zu unnatürlichen Bewegungen des Geblütes und infolgedessen zu
Krankheiten, sondern auch zu starken Gemütserregungen Veranlassung
geben könnten. Diese Auffassung *Keplers* ist weit verschieden von dem
abergläubischen Hang zur Sterndeuterei, der seine Zeit beherrschte.
Sind es doch gerade *Keplers* Forschungen gewesen, welche der
Astrologie den Boden entzogen haben. »Die sogenannten Irrsterne,« sagt
einer seiner Biographen[189], »die durch ihre Bewegungen die Schicksale
bestimmen sollten, irrten nun nicht mehr, und die mystische Deutung,
welche die Astrologie diesem Umherschweifen gab, verlor jeden Anhalt.«
Trotzdem war *Kepler*, wenn er als Astronom sein Brot verdienen wollte,
zum astrologischen Frondienst gezwungen. Dieser Umstand brachte ihn
auch in Berührung mit zwei geschichtlichen Persönlichkeiten, mit Kaiser
*Rudolf II.* und *Wallenstein*, deren Hang zur Astrologie bekannt genug
geworden ist. Ein glücklicher Zufall fügte es, daß die von *Kepler*
seinem ersten Kalender einverleibten Prophezeiungen, ein strenger
Winter nämlich und der Ausbruch von Unruhen, wirklich eintrafen.
Ein Erfolg dieser Art wurde damals von der urteilslosen Menge höher
eingeschätzt als die Abfassung eines gelehrten Buches.
Die freie Entfaltung der Wissenschaft wurde zu *Keplers* Zeit auch
durch das Fehlen desjenigen ethischen Momentes, das wir als akademische
Lehrfreiheit bezeichnen, und das wir auch heute noch immer gegen
rückwärts gerichtete Bestrebungen verteidigen müssen, in hohem Grade
gehemmt. Eine Lehrfreiheit konnte sich nur in dem Maße entwickeln,
in dem der Streit mit Worten und das gegenseitige Ausspielen von
Autoritäten durch die greifbaren und logisch verknüpften Ergebnisse
der exakten Forschung zurückgedrängt wurden. Der letzteren ist es
zu danken, daß das αὐτὸς ἒφα (Er, d. h. der Meister, hat's gesagt)
allmählich verstummte und eine neue, die Wahrheit kündende Sprache an
dessen Stelle trat, die Sprache nämlich, in welcher die Natur auf die
an sie gerichteten Fragen Antwort gibt.
Zu der Zeit, die wir kennzeichnen, konnte ein *Mästlin* von dem
Senat der evangelischen Universität Tübingen gezwungen werden, die
Astronomie entgegen seiner Überzeugung nach dem System des *Ptolemäos*
zu lehren und gegen den gregorianischen Kalender zu schreiben. Als
er zauderte, erteilte man ihm einen Verweis. *Mästlin* mußte sich
fügen, wenn er nicht seine Stelle verlieren wollte. Er entledigte
sich der aufgezwungenen Arbeit, indem er einige unbedeutende Mängel
des Kalenders rügte. In eine neue Verlegenheit geriet *Mästlin*, als
*Kepler* ihm von Graz seine erste astronomische Arbeit, das Mysterium
cosmographicum[190], zusandte, damit sie in Tübingen im Druck
erschiene. Der Senat erhob Einwendungen, weil die dem Werke zugrunde
liegende Lehre von der Bewegung der Erde das Ansehen der heiligen
Schrift schädigen könne. »Was ist zu tun?« schrieb *Kepler* darauf an
*Mästlin*. »Ich denke, wir machen es wie die Pythagoreer und teilen nur
uns gegenseitig mit, was wir entdecken. Ich möchte Dir um meinetwillen
keine Feinde machen.« Die Schwierigkeiten wurden schließlich
überwunden. Das Werk erschien, und der jugendliche Verfasser sandte
es an *Tycho* und an *Galilei*, die bedeutendsten zeitgenössischen
Astronomen, mit denen er auch später in Verbindung blieb.
Keplers Konstruktion der Planetensphären.
Das Bestreben, das *Kepler* nicht nur bei der Abfassung seiner ersten
Schrift, sondern auch bei allen übrigen Arbeiten beherrschte, gipfelt
darin, einfache arithmetische oder geometrische Beziehungen zwischen
den Entfernungen und den Geschwindigkeiten der Planeten nachzuweisen.
Die Lösung des ersten Teiles dieser Aufgabe hat er in seinem
»Mysterium« vergeblich gesucht, während ihm die Bewältigung des zweiten
Problems nach großen Mühen gelungen ist.
Als *Kepler* seine wissenschaftliche Tätigkeit begann, war die
Naturwissenschaft von pythagoreischen und platonischen, auf Zahl und
Maß sich gründenden Spekulationen überwuchert. Dieser Geist war es, der
auch in *Keplers* Erstlingswerk zum Ausdruck kam.
Die Zahl der damals bekannten Planeten betrug sechs: Merkur, Venus,
Erde, Mars, Jupiter, Saturn. Den Grund für diese Zahl glaubte *Kepler*
in der Existenz der fünf regelmäßigen Körper gefunden zu haben, die er
zwischen die für kugelförmig gehaltenen Planetensphären einschaltete.
Wir wollen ihn dieses Mysterium, auf das er so stolz war, daß er
einmal äußerte, er würde die Ehre dieser Entdeckung nicht um den
Besitz des Kurfürstentums Sachsen preisgeben, selbst verkünden lassen:
»Die Erdbahn liefert die Sphäre, die das Maß aller übrigen ist. Um
diese Sphäre (η in Abb. 38) beschreibe ein Dodekaëder. In der Sphäre,
welche dieses umschließt, liegt die Bahn des Mars (♂ in Abb. 38).
Um die Marssphäre beschreibe man ein Tetraëder. Eine diesem Körper
umschriebene Kugelfläche würde die Bahn des Jupiter enthalten (s.
Abb. 39, γ). Letztere umschließe mit einem Würfel; die umschriebene
Sphäre (α) enthält die Bahn des Saturn (♄). Ferner errichte innerhalb
der irdischen Sphäre ein Ikosaëder; die demselben eingeschriebene
Kugelfläche enthält die Bahn der Venus (s. Abb. 38, ♀). Beschreibt man
innerhalb ihrer Sphäre ein Oktaëder, so umschließt das letztere die
Sphäre des Merkur.«
[Illustration: Abb. 38. Keplers Konstruktion der Planetensphären.]
*Kepler* legt also eine Folge von sechs Kugelflächen zugrunde, denen
die fünf regulären Körper ein- bzw. umgeschrieben sind. Es zeigte sich,
daß die Radien jener sechs Sphären ungefähr den von *Koppernikus*
ermittelten verhältnismäßigen Entfernungen der Planeten entsprachen.
Die von *Koppernikus* berechneten Werte weichen indes von den später
geltenden erheblich ab. Auch wurde die Annahme, daß die Planeten sich
in Kreisen bewegen, von *Kepler* selbst durch die mühevolle Arbeit
der nachfolgenden Jahre widerlegt. Das »Mysterium« war daher nur
ein Versuch, dem man indessen seine Berechtigung nicht absprechen
darf. Besteht doch die Tätigkeit des Forschers, wenn es sich um
einen Fortschritt von grundlegender Bedeutung handelt, meist in der
Aufstellung einer neuen Idee und der sich daran anschließenden Prüfung,
ob das gesamte Tatsachenmaterial sich in den Rahmen dieser Idee
einfügen läßt. Ähnlich verfuhr auch *Galilei*. Zunächst entwickelte er
aus dem Begriff der gleichförmig beschleunigten Bewegung alle Umstände
derselben. Dann zeigte er durch den Versuch, daß die Körper beim Fall
über die schiefe Ebene ein Verhalten zeigen, das dem Begriff der
gleichförmig beschleunigten Bewegung entspricht. Auch unsere heutige
Naturwissenschaft besteht in der Vereinigung von Gedankenerzeugnissen,
die sich als Systeme, Hypothesen und Theorien darstellen, mit der Summe
des zurzeit bekannten Tatsachenmaterials. Weder die Gebilde einer
nicht genügend gestützten Spekulation, noch die Erfahrungstatsachen
allein sind Wissenschaft. *Kepler* selbst gesteht einmal, er habe 19
Hypothesen ersonnen und wieder verworfen, ehe er zu der wahren, den
Tatsachen entsprechenden Vorstellung gelangt sei.
[Illustration: Abb. 39. Keplers Konstruktion der Planetensphären.
Orbium planetarum dimensiones et distantias per quinque regularia
corpora geometrica exhibens. α = Sphaera Saturni. β = Cubus. γ =
Sphaera Jovis. δ = Tetraëder. ε = Sphaera Martis. ζ = Dodekaëder. η =
Orbis Terrae. θ = Ikosaëder. ι = Sphaera Veneris. κ = Oktaëder. λ =
Sphaera Mercurii. m = Sol. (Abb. 38 und 39 sind *Keplers* Mysterium
cosmographicum entnommen; siehe Opera omnia, Bd. I.)]
Fortschritte der Beobachtungskunst.
*Keplers* Aufenthalt in Steiermark dauerte nicht lange. Der von
Jesuiten erzogene Erzherzog *Ferdinand*, der spätere Kaiser
*Ferdinand der Zweite*, wurde einige Jahre nach der Veröffentlichung
des »Mysteriums« *Keplers* Landesherr. Als solcher begann er den
Protestantismus mit der Wurzel auszurotten. Wie ein Verbrecher wurde
*Kepler*, der sich in Graz eine glückliche Häuslichkeit gegründet
hatte, des Landes verwiesen. Dieses Ereignis, so traurig es für
den Betroffenen war, hatte das Gute im Gefolge, daß es *Kepler* in
persönliche Berührung mit *Tycho*, dem Meister der astronomischen
Beobachtungskunst, brachte. Erst dadurch, daß *Kepler* *Tychos*
Beobachtungen verwerten konnte, wurde es ihm möglich, seine
Lebensaufgabe, die in der Erforschung der wahren Bewegung der Planeten
bestand, zu erfüllen.
*Tycho Brahe*[191] stammte aus Schweden. Er wurde im Jahre 1546 geboren
und zeigte schon als Jüngling, angeregt durch die Beobachtung einer
Sonnenfinsternis und das Studium des Almagest, ein großes Interesse
für die Himmelskunde. Auch der Alchemie war er zugetan. Ja, er hoffte,
durch sie die zur Errichtung einer Sternwarte erforderlichen Mittel zu
bekommen.
Als *Tycho* eines Abends im November des Jahres 1572 sein
alchemistisches Laboratorium verließ und den Blick auf den ihm
wohlbekannten Sternenhimmel lenkte, nahm er einen neuen, vorher nicht
gesehenen Stern in der Cassiopeia wahr. Andere hatten diesen Stern
schon einige Tage vor *Tycho* gesehen. Einen Monat später hatte das
neue Gestirn an Glanz den Jupiter fast erreicht. Im Frühling des Jahres
1572 erschien es als Stern erster Größe; darauf nahm es stetig ab. Im
Beginn des folgenden Jahres besaß es kaum mehr als 5. Größe, um im
Jahre 1574 ganz zu verschwinden.
Die Astronomen gerieten über dieses Vorkommnis in eine leicht
begreifliche Erregung. Da man mit *Aristoteles* den Fixsternen ein
wandelloses Sein zuschrieb, glaubten die meisten, die Erscheinung
habe innerhalb der planetaren Region stattgefunden. Daran knüpften
sich die unsinnigsten Vermutungen. Nach einigen war das in Frage
kommende Gestirn sogar vom Jupiter in Brand gesteckt worden.
Demgegenüber wies *Tycho* nach, daß der neue Stern sich jenseits der
äußersten Planetensphäre befunden haben müsse, da er seine Stellung
zu den Fixsternen nicht verändert habe. Der Zufall fügte es, daß das
plötzliche Aufleuchten eines Sternes innerhalb des kurzen Zeitraums von
1572-1604 wiederholt vorkam, wodurch den Astronomen die Wichtigkeit
genauer Fixsternverzeichnisse von neuem nahegelegt wurde.
Keine Wissenschaft ist so sehr durch fürstliche Gunst gefördert worden
wie die Astronomie. Allerdings hat dabei oft weniger das Interesse
für den Gegenstand den Ausschlag gegeben, als der Glaube, daß in den
Sternen das Schicksal geschrieben sei. Dies erfuhr auch *Tycho*.
Durch die Freigebigkeit des dänischen Königs[192] wurde er in den
Stand gesetzt, auf einem zwischen Schonen und Seeland gelegenen
Inselchen[193] eine Sternwarte zu errichten, wie sie die Welt in
gleicher Großartigkeit noch nicht gesehen. Diese Warte erhielt den
Namen Uranienborg. Sie blieb 20 Jahre die Arbeitsstätte *Tychos*, dem
sich hervorragende Mitarbeiter zugesellten. *Tychos* größtes Verdienst
bestand darin, daß er den astronomischen Messungen einen bis dahin
nicht erreichten Grad von Genauigkeit verlieh und auf diese Weise den
Grund für jeden weiteren astronomischen Fortschritt legte. Um die
Rektaszension eines Sternes zu finden, hatte man bisher am Tage den
Abstand des Mondes von der Sonne bestimmt und in der darauffolgenden
Nacht die Stellung des Mondes mit derjenigen der Sterne verglichen.
Eine weit größere Sicherheit wurde dadurch erreicht, daß *Tycho* die
Venus, die mitunter am Tage sichtbar ist, zu diesem Zwecke verwertete,
anstatt des seine Stellung rasch ändernden Mondes. Der Unterschied der
Rektaszensionen zweier Sterne ergibt sich aus der Zeit, die zwischen
ihren Kulminationen verfließt. Ein hierauf sich gründendes Verfahren
zur Ortsbestimmung der Gestirne setzt aber die Benutzung genau gehender
Uhren voraus. *Tychos* Augenmerk war daher schon auf eine möglichst
scharfe Bestimmung des Zeitablaufs gerichtet. Da er jedoch auf
Sanduhren und auf Räderuhren ohne Pendelvorrichtung angewiesen war,
ließ sich diese Aufgabe nur unvollkommen lösen.
Besonders übertraf *Tycho* seine Vorgänger in der Genauigkeit des
Winkelmessens. Zuerst benutzte er einen Kreuzstab. Später (1569) ließ
er einen riesigen Quadranten aus Holz verfertigen, den uns Abb. 40
zeigt. Die Teilung befand sich auf einem Messingreif, dessen Halbmesser
sich auf 6 m belief. Die Ablesung erfolgte mittels eines an einem
Metallfaden herabhängenden Lotes. Die Beobachtungen erfolgten durch
die beiden Lochvisiere. Infolge der gewaltigen Dimensionen des an
einem vertikalen drehbaren Eichenpflock befestigten Quadranten war die
Genauigkeit der Messung eine beträchtliche.
[Illustration: Abb. 40. Tychos Riesenquadrant[194].]
*Tychos* Riesenquadrant war unter freiem Himmel aufgestellt und daher
nicht lange brauchbar. Einen handlichen, kleineren, von *Tycho*
konstruierten Apparat, dessen Einrichtung und Gebrauch ohne weiteres
verständlich ist, zeigt Abb. 41. Die Schenkel dieses Apparates besaßen
eine Länge von 1,6 m.
Das Urbild des heutigen Theodoliten endlich war *Tychos*
Azimutalquadrant, dessen Einrichtung Abb. 42 (s. S. 124) erläutert.
Der Apparat bestand aus Messing und war, trotzdem er weit geringere
Dimensionen aufwies, als sie der Riesenquadrant besaß, doch von solcher
Genauigkeit, daß sich die Winkel bis auf die Minute daran ablesen
ließen.
*Tycho* ließ ferner eine Himmelskugel aus Kupfer anfertigen, die
etwa 1000 Sterne in der nach seinen Messungen berichtigten Stellung
zeigte. Die Kreise dieser Kugel waren gleichfalls in Minuten geteilt.
Dementsprechend erforderte ihre Herstellung auch die Summe von 5000
Talern.
[Illustration: Abb. 41. Tychos Distanzenmesser.]
Zur Annahme des koppernikanischen Systems konnte *Tycho* sich nicht
verstehen, da ihm wie keinem anderen die Schwierigkeiten bekannt waren,
welche diesem System noch entgegenstanden. Eine Bewegung, die im Laufe
eines halben Jahres den Ort der Erde um das Doppelte ihres Abstandes
von der Sonne verändere, müsse, so schloß *Tycho* mit Recht, auch eine
Änderung in der gegenseitigen Stellung der Fixsterne bewirken. »Eine
jährliche Bewegung[195]«, schreibt er, »würde die Fixsternsphäre[196]
in eine solche Ferne rücken, daß die von der Erde beschriebene Bahn im
Vergleich zu jener Entfernung verschwindend klein sein müßte. Hältst
Du es für möglich, daß der Raum zwischen der Sonne, dem angeblichen
Zentrum der Welt, und dem Saturn noch nicht 1/700 des Abstandes der
Fixsternsphäre betrage? Zudem müßte dieser Raum sternenleer sein.
Dies ist notwendig der Fall, wenn die jährliche Bahn der Erde, von den
Fixsternen betrachtet, nur den Durchmesser einer Minute haben soll.
Dann werden aber schon die Fixsterne dritter Größe, deren scheinbarer
Durchmesser gleichfalls eine Minute beträgt, an Umfang gleich der
Erdbahn sein.« Dieser Einwand *Tychos* wurde dadurch hinfällig, daß,
wie man nach der Erfindung des Fernrohrs wahrnahm, die Fixsterne
überhaupt keinen scheinbaren Durchmesser besitzen, sondern als bloße
Lichtpunkte erscheinen, eine Tatsache, die wieder für die Behauptung
der Koppernikaner sprach, daß sich die Fixsterne in ungeheurer
Entfernung befänden. Der von *Tycho* geforderte Nachweis einer
Parallaxe, deren Größe zugleich einen Schluß auf die Entfernung der
Fixsterne gestattet hätte, sollte, wie wir später sehen werden, erst im
19. Jahrhundert dem Scharfsinn und der Beobachtungskunst eines *Bessel*
gelingen[197]. *Tychos* Bemühungen, eine Parallaxe nachzuweisen, um
dadurch die koppernikanische Lehre auf ihre Richtigkeit zu prüfen,
blieben ohne Erfolg.
[Illustration: Abb. 42. Tychos Azimutalquadrant, aus dem der heutige
Theodolit hervorgegangen ist[198]. Das aus Messing hergestellte
Instrument diente zur Bestimmung des Azimuts und der Höhe. Der
Azimutalkreis NP ruhte auf vier Säulen. Der Höhenquadrant besaß fast
2 Ellen Radius und war mit Minuteneinteilung (BC) und Diopterlineal
(DE) versehen.]
Außer den astronomischen Bedenken machte sich bei *Tycho*
der koppernikanischen Lehre gegenüber auch ein für jene Zeit
charakteristischer Mangel an richtigen mechanischen Begriffen geltend.
So erhebt er den landläufigen Einwand, daß ein fallender Körper, wenn
die Erde sich bewege, unmöglich in lotrechter Richtung die Oberfläche
treffen könne. Ferner meint er, die »träge, dicke« Erde sei zu den
Bewegungen, die *Koppernikus* ihr zuschreibe, viel zu ungeschickt.
Andererseits sah *Tycho* aber wohl ein, daß die Erscheinungen, welche
die Planeten zeigen, sich besser mit der neuen Lehre als mit der
geozentrischen Ansicht vereinigen ließen. Er stellte deshalb[199]
ein neues System auf, das zwischen dem geozentrischen und dem
heliozentrischen eine vermittelnde Stellung einnahm. Danach sollte
sich die Sonne in einem exzentrischen Kreise um die im Mittelpunkte
ruhende Erde bewegen, die Planeten sollten indes gleichzeitig die Sonne
umkreisen (s. Abb. 43, S. 126). *Tychos* System fand nur geringen
Beifall. Kaum einer unter den angeseheneren Astronomen nahm es an.
Als *Tycho* auf der Höhe seines Ruhmes stand, ereilte ihn ein trauriges
Geschick. Sein hoher Gönner starb[200], und nun erhoben sich zahlreiche
Feinde und Neider. Auf ihr Betreiben hin wurden *Tycho* die für die
Uranienborg bestimmten Gelder entzogen mit der Begründung, seine
Untersuchungen seien nicht nur nutzlos, sondern sogar »voll schädlicher
Kuriosität«. Dem großen Forscher, den *Bessel* später einen König
unter den Astronomen nannte, wurde von der Regierung bedeutet, er möge
sich mit dergleichen Arbeiten nicht mehr befassen[201]. Damit war
das Schicksal der Uranienborg besiegelt. Die Verblendung, welche der
aufstrebenden Naturwissenschaft so manchen Schaden zugefügt, hatte
wieder einen ihrer unrühmlichen, zum Glück aber auch erfolglosen
Siege errungen. *Tycho*, der schließlich sogar tätlichen Angriffen
ausgesetzt war, rettete von seinen Instrumenten und Aufzeichnungen
das Wertvollste und kehrte seinem Vaterlande den Rücken. Wiederum war
es fürstliche Gunst, die ihm und seiner Wissenschaft eine neue Stätte
bereitete. Auf Veranlassung Kaiser *Rudolfs des Zweiten* siedelte
*Tycho* nach Prag über. Dort wurde er zum kaiserlichen Astronomen
ernannt.
[Illustration: Abb. 43. Tychos System[202].]
Von Prag aus erfolgte im Jahre 1599 *Tychos* Ruf an *Kepler*,
dessen Schicksale wir bis zu dem Zeitpunkte verfolgt haben, in
dem die Unduldsamkeit der Kirche den in gesicherten Verhältnissen
lebenden Mann in eine hilflose Lage versetzt hatte. *Kepler* wurde
*Tychos* Hilfsrechner und erhielt die Erlaubnis, das umfangreiche
Beobachtungsmaterial *Tychos* nach eigenem Ermessen zu verwerten.
»Ich halte es«, schrieb *Kepler* später[203] »für eine Fügung der
Vorsehung, daß bei meiner Ankunft gerade der Mars untersucht wurde.
Durch die Bewegungen dieses Gestirnes müssen wir zu den Geheimnissen
der Astronomie gelangen oder darin beständig unwissend bleiben«.
Der Mars machte nämlich von jeher unter den Planeten die größten
Schwierigkeiten, was sich daraus erklärt, daß seine Bahn am meisten vom
Kreise abweicht. Andererseits bietet dieser Himmelskörper den Vorteil,
daß man seinen Umlauf in wenigen Jahren beobachten kann, während die
übrigen äußeren Planeten eine weit längere Beobachtungszeit erfordern.
*Tychos* Marsbeobachtungen erstreckten sich über einen Zeitraum von
16 Jahren. Sie verteilten sich ferner auf die ganze Bahn des Planeten
und waren bis auf einige Minuten richtig, besaßen also eine bisher
unerreichte Genauigkeit[204].
Die Entdeckung der Keplerschen Gesetze.
Daran, daß die Himmelskörper kreisförmige Bahnen beschreiben, hatte
vor *Kepler* niemand gezweifelt. *Kepler* war der erste, der diesen,
fast als Axiom betrachteten Grundsatz verließ. Zunächst untersuchte
er, ob sich bessere Resultate unter der Annahme ergeben würden, daß
die Bahn des Planeten die Form eines Ovals besäße. Endlich, als sich
eine genügende Übereinstimmung zwischen Rechnung und Beobachtung auch
dadurch nicht erreichen ließ, kam er auf den Gedanken, anstatt des
Ovals die Ellipse zugrunde zu legen. Und siehe da, während nach den von
*Koppernikus* entworfenen Tafeln der beobachtete Ort des Mars im Jahre
1608 um nahezu 5 Grad von dem berechneten abwich, zeigte *Kepler* in
seinem ein Jahr später herausgegebenen Hauptwerk: »Über die Bewegungen
des Mars«[205], daß der Fehler fast ganz verschwindet, wenn man den
Planeten eine Ellipse beschreiben läßt, in deren einem Brennpunkte sich
die Sonne befindet.
Wenige Entdeckungen sind in solchem Maße das Ergebnis mühevoller,
Jahrzehnte dauernder Arbeit gewesen wie diese Entdeckung *Keplers*.
In der an den Kaiser gerichteten Widmung führt er in scherzhaftem
Tone folgendes aus: Die Astronomen hätten bisher den Mars nicht zu
überwältigen vermocht. Dem trefflichen Heerführer *Tycho* indessen sei
es in zwanzigjährigen Nachtwachen gelungen, alle Listen des Feindes
auszukundschaften. Dadurch habe *Kepler* Mut bekommen. Und es sei ihm
gelungen, Mars gefügig zu machen. Er biete nun dem Kaiser seine Dienste
an, auch die Verwandtschaft des Mars, nämlich Jupiter, Venus und
Merkur, in gleicher Weise zu bezwingen, doch möge man die Schatzkammer
anweisen, daß sie ihm die Mittel zu diesem Feldzug auszahle. Die
letzten Worte gestatten einen Schluß auf die ständige Not, in der sich
*Kepler* bis an das Ende seines Lebens befand. *Tycho* war bald nach
*Keplers* Eintreffen gestorben[206] und letzterer zu seinem Nachfolger
ernannt. Die Schatzkammer des Kaisers befand sich indessen meist im
Zustande der Erschöpfung, wofür insbesondere die Goldkocher sorgten,
die *Rudolfs* Hang zur Alchemie auszunutzen verstanden. *Kepler* klagt:
»Ich stehe ganze Tage in der Hofkammer und bin für die Studien nichts.
Ich stärke mich jedoch mit dem Gedanken, daß ich nicht dem Kaiser
allein, sondern dem ganzen menschlichen Geschlechte diene, daß ich
nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Nachwelt arbeite«.
Nach dem Tode Kaiser *Rudolfs* wurde *Keplers* Lage noch schlimmer.
Er erhielt eine Anstellung in Linz, wo er Mathematik lehren und
Vermessungen überwachen mußte. Trotz aller Widerwärtigkeiten verlor
er jedoch sein großes Ziel nicht aus den Augen. Das unwürdigste
Schauspiel, das uns in der Lebensgeschichte *Keplers* begegnet, ist
der gegen seine Mutter geführte Hexenprozeß. Eine kurze Darstellung
desselben läßt uns nicht nur einen Einblick in die damals herrschenden
Rechtszustände tun, sie bezeugt auch den bewundernswerten Charakter
*Keplers*. Die Mutter des großen Astronomen lebte in einem kleinen
schwäbischen Städtchen. Eine ihrer Nachbarinnen erkrankte und
verbreitete das Gerede, sie sei von Frau Kepler behext worden. Der Vogt
des Ortes wußte die Angelegenheit zu einem Hexenprozeß aufzubauschen.
Erschwerend wirkte dabei der Umstand, daß die Angeklagte bei einer
Verwandten erzogen war, die man als Hexe verbrannt hatte. Einzig und
allein ihrem Sohn Johannes, der von Linz herbeieilte, gelang es, die
Mutter vor der Folter und dem Scheiterhaufen zu bewahren. Die übrigen
Söhne hatten sich zurückgezogen, und mit *Kepler* befreundete Juristen
besaßen nicht den Mut, für die arme, verfolgte Frau einzutreten, die
bald, nachdem sie freigesprochen, infolge der erlittenen Behandlung
starb. Gibt es unter den Gestalten, in denen menschliche Größe uns
begegnet, eine solche, der wir größere Bewunderung zollen können, als
*Kepler*? Die eigene Sicherheit gering schätzend, zieht er gegen den
Wust eines mittelalterlichen Gerichtsverfahrens zu Felde, um die Mutter
zu retten[207]. Und während der dadurch verursachten, jahrelangen
Aufregung enthüllt er die Gesetze, nach denen sich der Lauf der Welten
regelt.
Unermüdlich hatte *Kepler* während der ersten Jahrzehnte des 17.
Jahrhunderts trotz seiner untergeordneten Amtstätigkeit, die ihn nicht
einmal vor der Sorge um das tägliche Brot bewahrte, zwei Aufgaben
verfolgt. Einmal galt es, auf Grund der eigenen und der Beobachtungen
*Tychos* Planetentafeln zu entwerfen, welche die bisherigen ungenauen
Tafeln übertrafen. Die zweite, höhere Aufgabe bestand in der
Begründung einer mit dem System des *Koppernikus* in Einklang stehenden
Theorie der Planetenbewegung. Beide Aufgaben hat *Kepler* glänzend
gelöst und daneben noch Wertvolles auf den Gebieten der Mathematik und
der Optik geleistet.
Die neuen Tafeln, die in Anerkennung der Verdienste Kaiser Rudolfs
um die Förderung der Astronomie die rudolfinischen genannt wurden,
erschienen erst gegen das Ende *Keplers*[208]. Während der letzten
Jahre ihrer Abfassung konnte die mühevolle Arbeit durch die von *Bürgi*
und *Neper* erfundenen Logarithmen verringert werden[209]. Fast ein
Jahrhundert blieben die rudolfinischen Tafeln ein unentbehrliches
Hilfsmittel der Astronomen, dann erst wurden sie durch neue, bessere
ersetzt.
*Koppernikus* hatte sich darauf beschränkt, eine zum Teil noch mit den
Mängeln der geozentrischen Ansicht behaftete bloße Beschreibung des
Planetensystems zu geben. *Kepler* war dagegen bestrebt, gesetzmäßige
Beziehungen innerhalb dieses Systems aufzudecken. Das Mißlingen
seiner ersten Versuche ist darauf zurückzuführen, daß es ihm noch an
genügendem Beobachtungsmaterial fehlte. Erst durch die Verbindung mit
*Tycho* gelangte er in den Besitz desselben, und im Jahre 1609, also
ein Jahrzehnt nach *Tychos* Tode, veröffentlichte er die Entdeckung,
daß die Planetenbahnen Ellipsen seien. Damit war das seit alters
geheiligte Axiom von der Kreisbewegung beseitigt. Ebensowenig konnte
die Ansicht, daß die Bewegung der Himmelskörper eine gleichförmige
sei, aufrecht erhalten werden. *Kepler* wies nach, daß ein Planet
sich in der Sonnennähe schneller als in der Sonnenferne bewegt. Die
Geschwindigkeiten stehen nach ihm in einem solchen Verhältnis, daß die
Flächenstücke, die von dem Leitstrahl, d. h. der den Planeten mit der
Sonne verbindenden Geraden, beschrieben werden, für gleiche Zeiten
gleiche Größe besitzen. (Siehe Abb. 44.)
Damit waren die Gesetze enthüllt, nach denen die Bewegung jedes
einzelnen Planeten vor sich geht[210]. Es galt noch die Beziehung
zu finden, die alle Planeten verknüpft und sie als Glieder eines
Systems erscheinen läßt. Die Lösung dieses Problems wurde erst nach
einem weiteren Jahrzehnt mühevoller Arbeit gefunden und 1619 in der
»Weltharmonie« bekannt gegeben.
[Illustration: Abb. 44. Zur Erläuterung des zweiten Keplerschen
Gesetzes. Werden die Stücke *ttʹ* und TTʹ von dem Planeten in
gleichen Zeiten zurückgelegt, so ist ttʹS der Fläche nach gleich
TTʹS.]
Seit dem Jahre 1595 brütete *Kepler*, wie er sich selbst einmal
ausdrückt, mit der ganzen Kraft seines Geistes über die Einrichtung
des Koppernikanischen Systems. Unablässig suchte er von drei Dingen
die Ursache zu ergründen, nämlich von der Anzahl, der Entfernung
und der Bewegung der Planeten[211]. Endlich konnte er ausrufen:
»Dasjenige, dem ich den größten und besten Teil meines Lebens gewidmet
habe, ist jetzt gefunden und die Wahrheit auf eine Weise erkannt, die
selbst meine glühendsten Wünsche übersteigt«[212]. Die als drittes
*Kepler*sches Gesetz bekannte Beziehung zwischen den Umlaufszeiten und
den Entfernungen zweier Planeten lautet dahin, daß sich die Quadrate
der Umlaufszeiten wie die dritten Potenzen der mittleren Abstände von
der Sonne verhalten[213]. Besitzt z. B. ein Planet eine Umlaufszeit von
27 Jahren, so läßt sich nach diesem Gesetze folgern, daß er neunmal so
weit wie die Erde von der Sonne entfernt ist, denn 1^2 : 27^2 = 1 :
729 = 1^3 : 9^3. Dieses Verhältnis findet sich beim Saturn annähernd
verwirklicht. Er hat eine Umlaufszeit von 30 Jahren, und seine
Entfernung von der Sonne ist dementsprechend etwas größer als neun
Halbmesser der Erdbahn. Wir erkennen aus dieser Betrachtung, daß die
genaue Bestimmung des Abstandes der Erde von der Sonne von der größten
Bedeutung ist. *Kepler* kannte die absolute Größe dieses Abstandes noch
nicht. Er setzte ihn in seinen Berechnungen gleich eins, benutzte also
für die Entfernungen der Planeten nur die relativen Werte.
Die naheliegende Gefahr, die entdeckten Gesetze nach Art der
Pythagoreer als Ursachen zu betrachten, vermied *Kepler*. Versteht man
unter der Entdeckung der Ursache einer Erscheinung ihre Zurückführung
auf andere, in ihrer Gesetzmäßigkeit erkannte Vorgänge, so war *Kepler*
schon bemüht, auch nach dieser Richtung die Planetenbewegungen zu
untersuchen. Die endgültige Bewältigung dieses Problems blieb jedoch
*Newton* vorbehalten. Ihm gelang es, die Zentralbewegung gleich
der Fall- und Wurfbewegung aus der Schwere zu erklären. Daß die
Schwerkraft nicht nur an der Oberfläche der Erde, sondern auf kosmische
Entfernungen hin wirkt, hat indessen schon *Kepler* ausgesprochen.
Seiner Ansicht nach würden zwei Körper, auf die kein dritter wirkt,
aufeinander zueilen und sich vereinigen. Und zwar würden sich, wie
er ausführt, die zurückgelegten Wege umgekehrt wie die Massen der
betreffenden Körper verhalten. »Liefe der Mond nicht um die Erde,
so würde sich die Erde nach dem Monde um den 54. Teil des Abstandes
beider Weltkörper bewegen, und der Mond würde sich um die übrigen
53 Teile nach der Erde senken. Dann würden sie aufeinander treffen,
vorausgesetzt, daß beide gleiche Dichte besitzen[214]«.
Erklären ließ sich die Bewegung der Planeten jedoch erst, als man
das Gesetz vom Beharrungsvermögen auch auf sie ausdehnte, wie es
*Galilei* bezüglich aller irdischen Bewegungen getan hatte. *Kepler*
war nämlich noch in dem Irrtum befangen, daß die Planeten zu ihrer
Bewegung um die Sonne eines fortgesetzten Antriebes bedürften. Dieser
sollte in der Sonnenrotation gegeben sein, die *Kepler* daher schon als
Erklärungsprinzip forderte, bevor ihr Vorhandensein beobachtet war.
Drehte sich die Sonne nicht um sich selbst, so würden nach *Keplers*
Meinung die Planeten diesen Zentralkörper nicht umkreisen, sondern sich
auf ihn stürzen, während doch in der Tat die Sonnenrotation aufhören
könnte, ohne daß die Bewegungen der Planeten eine Änderung erführen.
Zu erklären blieb dann noch die ungleiche Dauer, welche die Umläufe
der Planeten beanspruchen. *Kepler* äußert sich darüber mit folgenden
Worten: »Hätten die Planeten nicht ein natürliches Widerstreben, so
ließe sich keine Ursache angeben, warum sie nicht der Achsendrehung
der Sonne aufs genaueste folgen sollten. Nun aber gehen zwar alle
Planeten nach der Richtung, in der die Sonne rotiert, aber der
eine langsamer als der andere. Sie vermengen nämlich nach gewissen
Verhältnissen mit der Geschwindigkeit des Bewegers die Trägheit ihrer
eigenen Masse«[215]. Die bewegende Kraft der Sonne, die sich auf die
Planeten erstrecken sollte, wurde von *Kepler* als eine Art Magnetismus
betrachtet. Er berief sich dabei auf *Gilbert*, der ja auch die Erde
als einen Magneten angesehen habe. Wie der Magnet die Nadel, so sollte
nach *Kepler* die Sonne vermöge ihrer Rotation die Erde und die übrigen
Planeten mit sich herumführen.
*Kepler* wußte, daß die Lichtintensitäten sich umgekehrt wie die
Quadrate der Entfernungen des beleuchteten Gegenstandes von der
Lichtquelle verhalten. Er erörtert daher die Frage, ob die Wirkungen
jener bewegenden Kraft der Sonne sich nicht etwa ebenso verhalten,
streift damit also schon an die Entdeckung des *Newton*schen
Gravitationsgesetzes.
Keplers weitere astronomische Leistungen.
*Kepler* besitzt auch ein gewisses Anrecht auf die Entdeckung der
Sonnenflecken. Es war am 28. Mai des Jahres 1607, zu einer Zeit, als
das Fernrohr noch nicht erfunden war, als *Kepler* in seinem Tagebuche
eine seltsame Beobachtung vermerkte[216]. Er war nämlich mit älteren,
aus der Zeit Karls des Großen stammenden Nachrichten bekannt geworden,
nach welchen man Merkur vor der Sonne als kleinen schwarzen Fleck
gesehen haben wollte[217]. Um zu prüfen, ob dies möglich sei, verfuhr
*Kepler* an einem Tage, an dem Sonne und Merkur in Konjunktion standen,
folgendermaßen: Er ließ die Sonnenstrahlen durch eine enge Öffnung in
ein dunkles Zimmer treten und fing das Sonnenbild vermittelst eines
Papierschirmes auf (s. Abb. 45, S. 134). Zur großen Überraschung
*Keplers* zeigte sich ein kleiner, verschwommener Fleck, den er für
Merkur hielt.
Ohne Zweifel hat es sich in diesem, wie in jenem älteren Falle, um
Sonnenflecken gehandelt, da Merkur, wie spätere Rechnungen ergeben
haben, am Tage der Beobachtung sich nicht vor der Sonnenscheibe
befand und auch zu klein ist, um sich bei einer Konjunktion in der
geschilderten Weise bemerklich zu machen.
Mehrfach hat sich *Kepler* auch mit den Kometen beschäftigt, die er und
*Tycho* unter die Himmelskörper versetzten, während die meisten sie
für atmosphärische Erscheinungen hielten. »Man möge es mir«, sagt er,
»nicht übelnehmen, daß ich eine neue Ansicht einführe oder vielmehr
der alten Lehre des *Anaxagoras* und des *Demokrit* folge und dem
Himmel zuschreibe, was man bisher nicht glauben wollte, daß nämlich
darin ebensowohl etwas Neues entstehen kann, wie hier auf der Erde«.
Nach *Kepler* soll nämlich die überall befindliche himmlische Luft,
der Äther, durch Zusammenziehung aus sich heraus die Kometen entstehen
lassen, von denen der Himmel so voll sei, wie das Meer voll von
Fischen. *Kepler* setzte sich damit in Widerspruch mit *Aristoteles*,
der den meisten damals noch als Autorität galt. *Aristoteles* schrieb
nämlich den Himmelskörpern ein wandelloses Sein zu und ließ die Welt
des Werdens und Vergehens erst unter dem Monde beginnen. Die Planeten
bekunden dagegen nach ihm, zumal durch ihre ungleichmäßige Bewegung,
eine mittlere Stellung zwischen beiden Regionen. Diese Lehre des
*Aristoteles* wurde besonders durch das Aufleuchten neuer Fixsterne
in den Jahren 1572, 1600 und 1604 und deren späteres allmähliches
Verschwinden widerlegt.
[Illustration: Abb. 45. Kepler erblickt einen Sonnenflecken, den er für
den Merkur hält[218].]
Über den Stern vom Jahre 1604 hat *Kepler* ausführlich berichtet. Er
zeigte, daß auch dieser neue, im Sternbilde der Schlange entstandene
Stern seine Stellung zu den Fixsternen nicht veränderte. Daraus schloß
er, daß es sich nicht etwa um einen Planeten oder einen Kometen
handeln könne. »Wollte Gott, daß diejenigen, die ein langes Gewäsch
vom Ursprung dieses Sternes machen, zuvor *Tychos* Ausführungen über
den Stern vom Jahre 1572 lesen möchten, damit sie mit so kindischen
Gedanken, als sollte dieser Stern vom Jupiter oder Mars angezündet
worden sein, daheim blieben.« So schreibt *Kepler* in seinem Bericht
über einen ungewöhnlichen neuen Stern, der im Oktober 1604 erschien.
Ein Faksimileabdruck dieses Berichtes wurde zusammen mit dem
Faksimiledruck einer Schrift, in der *David Fabricius* über den neuen
Stern von 1604 berichtete, vor kurzem veröffentlicht[219]. Die Schrift
von *Fabricius* erschien 1606 in Magdeburg unter dem Titel »Himmlischer
Herold«.
Es gewährt einen besonderen Reiz zu sehen, in welcher Weise die
beiden Forscher ein und denselben Gegenstand behandelt haben. Dort
*David Fabricius*, der überzeugte Astrolog, der die Bedeutung des
Wundersterns seinen staunenden Landsleuten auslegt; hier *Kepler*, der
sich in sehr skeptischer Weise über die Bedeutung des neuen Gestirns
ausspricht[220]. Was der Stern zu bedeuten habe, schreibt *Kepler*, sei
schwerlich zu ergründen. Entweder bedeute er uns Menschen nichts oder
er habe solch hohe wichtige Dinge zu bedeuten, daß sie aller Menschen
Sinn und Vernunft überträfen.
Eine gewisse Wirkung auf die Menschen äußere ein solcher Stern
insofern, als die ganze Natur eine verborgene Art habe, die vom Himmel
kommenden Lichtstrahlen zu verspüren und sich danach zu regeln. Sehr
wohl könne auch ein Potentat durch das Erscheinen des neuen Sternes zu
einem Wagnis ermuntert oder auch von einem solchen abgeschreckt werden,
indem er das neue Licht als ein vom Himmel selbst gegebenes Zeichen
betrachte.
Nicht ohne Humor bemerkt *Kepler*, viel zu bedeuten habe der Stern auch
dadurch, daß er den Verlegern viel Arbeit und Gewinn bringe, denn fast
jeder Theologe, Philosoph oder Astronom werde seine besondere Ansicht
darüber haben und damit herauskommen wollen.
Zu diesen gehörte auch der friesische Prediger und Astronom *David
Fabricius*[221]. Er hat über den neuen Stern drei Abhandlungen
veröffentlicht. Nach seiner Schilderung ist der Stern am 30. September
1604 bald nach Sonnenuntergang gegen Südwesten von verschiedenen
Astronomen in Deutschland, Böhmen und Italien zuerst gesehen worden.
*Fabricius* sah ihn, da um jene Zeit in Friesland der Himmel bewölkt
war, erst am 3. Oktober. Er konnte bis zum Oktober 1605, also ein
ganzes Jahr beobachtet werden. Der neue Stern übertraf nach dem Zeugnis
des *Fabricius* alle Fixsterne, ja sogar den Jupiter und auch die Nova
von 1572 an Größe und flimmerte »wie ein großes Licht, das vom Winde
bewegt wird«.
Seine Größe nahm von Monat zu Monat allmählich ab, so daß er »im Anfang
des Jahres 1605 mit der Spica in der Jungfrau von gleicher Größe
gewesen ist. Im März war er 3. und im Juli 4. Größe« usw. Darüber,
daß sich der Stern jenseits der Sphäre der Planeten befand, zweifelte
auch *Fabricius* nicht. Schon das starke Flimmern beweist ihm, daß man
es hier mit einem Fixstern zu tun habe. Deshalb sei auch die »Meinung
zahlreicher Gelehrter, daß die Erscheinung von irdischen Dünsten
herrühre, als falsch und ungereimt zu verwerfen«.
Fest steht dagegen für *Fabricius*, daß »je und allerwege neue
Sterne und Kometen Vorboten von zukünftigem Unglück und Veränderung
gewesen sind«. Ganz besonders deute »der jetzige Wunderstern auf
große wichtige Sachen«, weil er alle Vorgänger an Größe übertreffe,
und weil bald nach seinem Erscheinen und zwar fast am Orte seines
Erscheinens die große Konjunktion von Saturn und Jupiter eingetreten
sei. *Fabricius* sucht dann nachzuweisen, daß diese alle achthundert
Jahre wiederkehrende Konjunktion von großer Bedeutung für die
Geschicke der Menschheit gewesen. In die Zeit der Konjunktion vom
Jahre 800 falle das Auftreten *Karls des Großen* und die große
Konjunktion zu Beginn unserer Zeitrechnung falle mit dem Anfange des
Christentums und »großen Veränderungen in vielen Königreichen und
Ländern zusammen«. Auch die jetzige große Konjunktion (*Fabricius*
nennt sie den achthundertjährigen Reichstag der beiden obersten
himmlischen Kurfürsten) deute auf bevorstehende große Veränderungen
hin. Die Bedeutung dieser Konjunktion werde durch das gleichzeitige
Erscheinen eines neuen Sternes besonders hervorgehoben. Zum Schlüsse
gibt *Fabricius* der Hoffnung Ausdruck, daß die in Aussicht stehenden
Veränderungen dem deutschen Volke ein Zeitalter des Friedens und der
Gerechtigkeit bringen möchten. Deshalb nennt er seine Schrift auch den
Glücksboten.
Nachdem das koppernikanische System durch *Kepler* eine festere Gestalt
gewonnen, bedurfte es einer zusammenhängenden neuen Darstellung des
gesamten astronomischen Lehrgebäudes. Dieser Aufgabe unterzog sich
*Kepler* durch die Veröffentlichung seiner »Epitome astronomiae
Copernicanae«[222]. Damit erschien das erste astronomische Lehrbuch,
welches das koppernikanische System zugrunde legte, fast hundert Jahre
nach der Aufstellung des letzteren.
Nach *Keplers* Tode gab sein Sohn im Jahre 1634 ein zweites, für
Lehrzwecke bestimmtes Werk des großen Astronomen heraus, in dem
letzterer es unternimmt, mit dichterischer Phantasie die astronomischen
Erscheinungen so darzustellen, wie sie einem Beobachter auf dem
Monde erscheinen würden. Das Buch ist betitelt »*Keplers* Traum oder
nachgelassenes Werk über die Astronomie des Mondes« und verdient
als »eine der merkwürdigsten Schriften aus der Reformationszeit der
Sternkunde« mehr als bisher beachtet zu werden[223]. *Kepler* schildert
darin in phantasievoller Weise eine Reise nach dem Monde, ein Gedanke,
der vor und nach ihm häufiger näher ausgeführt wurde. Als Brücke dient
den Dämonen, die den Reisenden begleiten, der bei Finsternissen den
Mond und die Erde verbindende Schattenkegel. Vom Monde aus werden
darauf die Himmelserscheinungen beobachtet, und es zeigt sich, daß
mit der Veränderung des Standpunktes sich eine, von der irdischen
völlig abweichende, neue Astronomie ergibt. An die Astronomie des
Mondes schließen sich Mitteilungen über die Oberflächengestalt und die
Natur dieses Weltkörpers, den *Kepler* mit den Wesen seiner Phantasie
bevölkert.
Erhöht wird der Wert dieser, ein Vierteljahrhundert vor ihrer
Herausgabe entstandenen Schrift, durch Anmerkungen, die *Kepler* ihr
nach und nach beifügte. In diesen Anmerkungen findet sich nämlich
vieles, das auf den damaligen Stand der Astronomie und der übrigen
Zweige der Naturwissenschaft ein helles Licht wirft[224].
Der Herausgeber nennt »*Keplers* Traum« eine in die schönste
Form gekleidete astronomische Offenbarung, ja das hohe Lied der
koppernikanischen Lehre. In den Anmerkungen, die *Kepler* in den Jahren
1620 bis 1630 niedergeschrieben hat, begegnet uns zum ersten Male die
Behauptung[225], daß die vom Monde reflektierten Strahlen neben der
Licht- auch eine Wärmewirkung ausüben. *Kepler* glaubte sogar die Wärme
der Mondstrahlen im Brennpunkte eines parabolischen Hohlspiegels als
warmen Hauch fühlen zu können. Neuere Messungen haben jedoch gezeigt,
daß die vom Monde ausgestrahlte Wärme nicht größer ist als diejenige,
die eine Kerze auf 21 Fuß Entfernung ausstrahlt. Bei *Kepler* begegnet
uns ferner schon die Ansicht, daß das Leben keineswegs auf die Erde
beschränkt sei. Wie sich die Menschen und die Tiere der Beschaffenheit
ihres Landes und ihrer Provinz anpaßten, so werde es sich auch mit den
lebenden Wesen auf dem Monde verhalten[226].
Das Jahr 1619, in dem *Kepler* durch die Entdeckung des dritten
Gesetzes der Planetenbewegung sein Lebenswerk krönte, war für die
spätere Gestaltung seiner äußeren Lage kein günstiges. In diesem
Jahre kam nämlich der fanatische *Ferdinand II.* auf den Kaiserthron.
Die Verfolgungen der Protestanten mehrten sich. Im Jahre 1626 wurde
*Kepler* gedrängt, seine dürftig besoldete Stelle aufzugeben. Von
diesem Zeitpunkte an führte der schon alternde Mann ein sorgenvolles
unstetes Leben. Er hatte an rückständigem Gehalt nicht weniger als
12000 Gulden zu fordern. Man entledigte sich des unbequemen Mahners,
indem man diese Schuld dem zum Herzog von Mecklenburg ernannten
*Wallenstein* übertrug. Letzterer suchte *Kepler* wieder mit einer
Professur in Rostock abzuspeisen.
Nach dem Sturze *Wallensteins* begab sich *Kepler* nach Regensburg,
um dort auf dem Reichstage seine Forderungen geltend zu machen. Den
ausgestandenen Entbehrungen und Aufregungen war sein geschwächter
Körper jedoch nicht mehr gewachsen. Er erlag ihnen bald nach seiner
Ankunft in Regensburg, am 15. November 1630. Die letzte Ruhestätte
hat man ihm vor den Toren dieser Stadt bereitet. Zwei Jahre später
tobte dort die Furie des dreißigjährigen Krieges, wodurch jede
Spur von *Keplers* Grab verwischt wurde. Während der nächsten zwei
Jahrhunderte die auf ihn folgten, hat Deutschland, von *Leibniz*
abgesehen, keinen Mathematiker und Astronomen gehabt, der sich auch nur
annähernd hätte mit *Kepler* messen können. Auch die hervorragenden
ausländischen Forscher, die im 18. Jahrhundert der Berliner Akademie
angehörten, (*Euler*, *d'Alembert* u. a.) blieben ohne Einfluß auf die
Wiederbelebung der mathematischen Wissenschaften in Deutschland[227].
Eine Änderung, die uns später noch beschäftigen soll, trat fast
unvermittelt mit *Gauß* ein, dem sich zahlreiche hervorragende
Mathematiker auf deutschem Boden hinzugesellten.
Wie der literarische Nachlaß *Galileis*, so erfuhr auch derjenige
*Keplers* ein besonderes Schicksal. *Keplers* Sohn kam nur dazu,
das Somnium herauszugeben. *Keplers* Enkel verkaufte alles an den
Astronomen *Hevel*. *Hevels* Sternwarte wurde durch einen Brand
vernichtet, doch wurden *Keplers* Manuskripte zum Glück gerettet.
Sie wechselten noch mehrfach den Besitzer, bis sie, auf Veranlassung
*Eulers*, *Katharina II.* für 2000 Rubel kaufte und der Petersburger
Akademie überwies. Hier und später in der Sternwarte zu Pulkowa ruhten
die Manuskripte unbenutzt, bis endlich ein Landsmann *Keplers*, *Chr.
Frisch* in Stuttgart, die so lange vernachlässigten Schätze zu heben
verstand. Als Frucht einer dreißigjährigen Arbeit gab er von 1858 bis
1871 das gesamte, ihm zugängliche, gedruckte und ungedruckte Material
mit Einleitungen und Erläuterungen versehen als Opera omnia *Joannis
Kepleri* in acht Bänden heraus.
Keplers Verdienste um die Optik.
Nach dieser Darstellung des Lebensganges und der astronomischen
Leistungen *Keplers* wollen wir seine Verdienste um die Optik, als
eine der wichtigsten Hilfswissenschaften der Astronomie, ins Auge
fassen. Von besonderem Interesse mußte für den Astronomen das Problem
der Brechung sein, an dem sich schon das Altertum mit einigem Erfolg
versucht hatte. Beruhte doch auf dieser Erscheinung die astronomische
Refraktion, deren genauere Bestimmung für die beobachtende Astronomie
sehr wichtig war, sowie die Konstruktion des Fernrohrs, um dessen
Verbesserung *Kepler* sich gleichfalls verdient gemacht hat.
Die Ergebnisse seiner optischen Untersuchungen hat er in zwei Werken
niedergelegt, von denen das eine unter dem Titel »Supplemente zum
Vitellio«[228] die gesamte Lehre vom Lichte betrifft, während sich das
zweite, die »Dioptrik«[229], vorzugsweise mit der Brechung beschäftigt.
Was *Euklid* im Altertum und was in späterer Zeit *Alhazen* auf dem
Gebiete der Optik geleistet haben, wird bei weitem übertroffen durch
die grundlegenden, in den genannten Werken enthaltenen Untersuchungen
*Keplers*. Daß dieser mit dem Gesetz der Lichtintensität bereits
vertraut war, haben wir bei der Erörterung seiner astronomischen
Ansichten[230] bereits erfahren. *Kepler* hat dieses wichtige Gesetz
zuerst in voller Klarheit ausgesprochen[231], und zwar geschieht dies
in seiner ersten, dem Kaiser *Rudolph* gewidmeten optischen Schrift,
den »Supplementen zum Vitellio«[232], mit deren Inhalt wir uns zunächst
beschäftigen wollen.
Das erste Kapitel handelt von der Natur des Lichtes. Bemerkenswert
sind die Aussprüche, daß das Licht imstande sei, sich ins Unbegrenzte
fortzupflanzen (Prop. III); daß ferner das Licht keine Zeit
beanspruche, sondern sich momentan ausbreite (Prop. V)[233].
Den Hauptsatz der Photometrie finden wir (in Prop. IX) in folgenden
Worten ausgesprochen[234]: »In dem Maße, wie die Kugelfläche, von deren
Mittelpunkt das Licht ausgeht, größer oder kleiner ist, verhält sich
die Stärke oder Dichte der Lichtstrahlen, die auf die kleinere, zur
Stärke derjenigen Strahlen, die auf die größere Kugelfläche fallen.«
Die Farben vermochte *Kepler* noch nicht zu erklären; er nahm an,
daß sie aus den verschiedenen Graden der Durchsichtigkeit und Dichte
entständen, auch huldigte er der irrtümlichen Ansicht, die Brechung
werde dadurch veranlaßt, daß dem dichteren Mittel ein größerer
Widerstand und demgemäß ein größeres Brechungsvermögen zukomme.
Indessen wurde *Kepler* schon bald nach dem Erscheinen seiner Schrift
darauf aufmerksam gemacht, daß das weniger dichte Öl das Licht weit
stärker bricht als das Wasser[235].
Wie *Maurolykus* befaßte sich auch *Kepler* mit der Frage, weshalb
hinter verschieden gestalteten Öffnungen stets ein rundes Sonnenbild
entsteht. Auf die richtige Erklärung kam er durch folgende geometrische
Konstruktion[236]: »Ich nahm ein Buch, das mir die Stelle des
leuchtenden Körpers vertreten sollte, und legte es hin. Zwischen diesem
Buch und einer Wand stellte ich eine Tafel mit einer winkligen Öffnung
auf. Nun befestigte ich an der einen Ecke des Buches einen Faden, zog
ihn durch die Öffnung hindurch und beschrieb, indem der Faden längs
den Grenzen dieser Öffnung bewegt wurde, mit Kreide, die an dem Ende
des Fadens angebracht war, eine Figur auf der Wand. Diese Figur war
der Öffnung ähnlich. Dies wiederholte ich, indem ich den Faden an
sämtlichen Ecken und mehreren anderen Stellen des Buches befestigte.
Aus sämtlichen Figuren, die ich erhielt, entstand schließlich eine
einzige, welche die Gestalt des Buches hatte.«
Das dritte Kapitel enthält außer den Grundlagen der Katoptrik eine
Erörterung der Umstände, von denen unser Urteil über die Entfernung
eines Gegenstandes abhängt. Ohne uns dessen bewußt zu werden, nehmen
wir, wie *Kepler* ausführt, die Entfernung der beiden Augen zu Hilfe
und ermitteln den Ort des Gegenstandes durch ein Dreieck, dessen
Grundlinien jener Abstand der Augen, und dessen Seiten die von jedem
Auge nach dem Gegenstande gezogenen Gesichtslinien sind[237].
In den beiden letzten Abschnitten seiner Optik vom Jahre 1604 behandelt
*Kepler* die Brechung, insbesondere die astronomische Strahlenbrechung,
für die er eine Tabelle entwirft, und die Theorie des Sehens. Da diese
Gegenstände der Optik indessen in *Keplers* Dioptrik vom Jahre 1611
wieder behandelt werden, wollen wir uns auf diese spätere Darstellung
beschränken.
Einen Anlaß, sich von neuem mit der Optik zu beschäftigen, bot *Kepler*
die im Jahre 1609 in Holland gemachte Erfindung des Fernrohrs. Das
Ergebnis seiner, nur durch geringfügige experimentelle Hilfsmittel
unterstützten Erwägungen war seine »Dioptrik«. Durch sie insbesondere
ist *Kepler* zum Begründer der neueren Optik geworden. Er ist auf
diesem Gebiete das gewesen, was *Galilei* für die Mechanik und
*Gilbert* für die Elektrizitätslehre war. Leider wurde dies Verdienst
*Keplers* im Vergleich zu den Leistungen anderer Forscher viel zu
wenig gewürdigt. Während *Galilei* z. B. durch seine Beschäftigung mit
der Optik Ruhm und Gewinn erntete, ohne diese Wissenschaft wesentlich
zu bereichern, trugen *Keplers* höchst wertvolle Arbeiten, die der
Wissenschaft einen neuen Ansporn gaben, nichts dazu bei, das traurige
Los des großen deutschen Forschers zu bessern[238].
*Keplers* Dioptrik[239] ist vor kurzem durch eine Übersetzung[240]
zugänglich gemacht. Wir wollen sie der im nachfolgenden gegebenen
Darstellung der wichtigsten Errungenschaften zugrunde legen, die wir
*Kepler* auf den Gebieten der Brechung, der optischen Instrumente und
der Theorie des Sehens verdanken.
Will man sich das Verdienst *Keplers* nur diese Dinge vergegenwärtigen,
so muß man bedenken, daß man zu jener Zeit mit dem Problem der Brechung
noch so wenig bekannt war, daß man das Verhältnis zwischen dem
Einfalls- und dem Brechungswinkel als konstant annahm. Ferner war die
herrschende Theorie vom Sehen durchaus unrichtig, und bezüglich der
optischen Instrumente war eine Theorie überhaupt noch nicht vorhanden.
In seiner Vorrede zur Dioptrik erklärt *Kepler*, die Erfindung des
Fernrohrs habe in ihm den Wunsch entstehen lassen, die Grundlagen
dieser Erfindung auf geometrische Gesetze zurückzuführen und so für die
Dioptrik das zu leisten, was *Euklid* für die Katoptrik geschaffen habe.
Als Erfahrungsgrundsatz stellte *Kepler* folgende Regel an die Spitze:
Strahlen, die in ein dichteres Medium eintreten, nähern sich nach der
Brechung innerhalb des Körpers der Senkrechten, die auf der Grundfläche
im Einfallspunkte errichtet wird. Diese Brechung bleibt dieselbe, ob
nun die Strahlen ein- oder austreten.
[Illustration: Abb. 46. Keplers Verfahren, den Brechungswinkel zu
bestimmen[241].]
Beim Messen der Brechung verfuhr *Kepler* folgendermaßen: Er bestimmte
die Schattenlänge von BE (siehe EH in Abb. 46) und schob dann einen
Würfel der zu untersuchenden Substanz gegen die senkrechte Platte
BDE. Infolge der Brechung des Lichtes trat dann eine Verkürzung des
Schattens um das Stück GH ein, aus deren Größe er das Verhältnis
zwischen dem Einfalls- und dem Brechungswinkel berechnete. Dabei machte
*Kepler* die Entdeckung, daß ein durch Glas gehender Lichtstrahl,
dessen Einfallswinkel an der Grenze zwischen Glas und Luft größer ist
als 42°, nicht in die Luft tritt, sondern an der Grenze beider Medien
nach dem Gesetz der Reflexion total zurückgeworfen wird[242].
Trotz zahlreicher Messungen der Einfalls- und der zugehörigen
Brechungswinkel vermochte *Kepler* indessen keine gesetzmäßige
Beziehung zwischen beiden Größen zu finden. Zunächst ermittelte
er, daß das Brechungsvermögen von Bergkristall und Glas ungefähr
übereinstimmt. Betrug der Einfallswinkel 0°-30°, so war nach seinen
Messungen das Verhältnis von Einfallswinkel und Brechungswinkel
ungefähr konstant. Die bisher auch für größere Winkel angenommene
Proportionalität fand *Kepler* jedoch nicht bestätigt. »Bei einer
Neigung von 30°«, heißt es nämlich[243] »beträgt die Refraktion 10°.
Nach demselben Maße müßte zu einer Neigung von 90° eine Refraktion von
30° gehören; das Experiment ergibt aber 48°«[244]. Zwar suchte schon
*Kepler* das Brechungsverhältnis zu einer trigonometrischen Funktion in
Beziehung zu bringen, doch gelang dies erst einige Jahrzehnte später
den Bemühungen von *Snellius* und *Descartes*. *Snellius* entdeckte
nämlich (Abb. 47), daß der Weg (CA) eines Lichtstrahls, der aus
Luft in Wasser tritt und auf eine senkrechte Wand BA fällt, sich
zu dem Wege (CB), den derselbe Strahl ohne Ablenkung von seiner
Eintrittsstelle bis zu jener Wand zurückgelegt haben würde, stets
wie 3 : 2 verhält. Mit dem heute gebräuchlichen Ausdruck für dieses
Gesetz, nach dem der Sinus des Einfallswinkels (DCE) zum Sinus des
Brechungswinkels (ACF) in einem bestimmten Verhältnis (für Luft und
Wasser 3 : 2) steht, war *Snellius* noch nicht vertraut[245]. In diese
Form wurde das Brechungsgesetz erst durch den französischen Philosophen
und Mathematiker *Descartes*[246] gebracht.
[Illustration: Abb. 47. Snellius entdeckt das Brechungsgesetz.]
[Illustration: Abb. 48. Ableitung des Brechungsgesetzes.]
Obgleich *Kepler* weder im Besitze des strengen Brechungsgesetzes
noch des Gesetzes der konjugierten Brennweiten war, das, wie wir
sehen werden, erst *Halley* ableitete, war er doch imstande,
eine im großen und ganzen zutreffende Lehre von der Wirkung der
Linsen und der Linsensysteme zu geben. Er läßt zunächst parallele
Strahlen auf eine plankonvexe Glaslinse fallen und findet, indem
er das Brechungsverhältnis 3 : 2 zugrunde legt, daß sie sich in
einer Entfernung von ungefähr dem dreifachen Krümmungshalbmesser
schneiden. Für die beiderseits gleiche bikonvexe Glaslinse fällt der
Brennpunkt nach einem späteren Satze der Dioptrik[247] etwa mit dem
Krümmungsmittelpunkt zusammen. Auch in diesem Falle nahm *Kepler* mit
einer für geringe Öffnungen der Linse hinreichenden Genauigkeit an,
daß sich beim Glase der Einfallswinkel zum Brechungswinkel wie 3 : 2
verhält, während dies Verhältnis ja tatsächlich nicht für die Winkel
selbst, sondern für ihre Sinuswerte zutrifft. Es entging *Kepler*
nicht, daß die vom Rande der Linse kommenden Strahlen mit den aus der
Mitte kommenden nicht genau zusammentreffen[248], eine Erscheinung,
die unter dem Namen der sphärischen Abweichung bekannt ist. Sie tritt
auch an den sphärischen Hohlspiegeln auf und wurde bezüglich dieser
schon von *Roger Bacon* erwähnt. Daß sie infolge der Brechung an einer
Glaskugel auftritt, hatte übrigens schon *Maurolykus* dargetan, so
daß *Keplers* Verdienst in dieser Hinsicht nicht groß ist. Von ihm
rührt indessen der Gedanke her, den Linsen statt der sphärischen eine
hyperbolische Form zu geben, um dadurch die sphärische Abweichung
aufzuheben. Er nahm nämlich mit den Anatomen seiner Zeit an, daß
die Linse unseres Auges auf der hinteren Seite eine hyperbolische
Gestalt habe und infolgedessen scharfe Bilder gebe, während durch die
sphärische Abweichung das Bild an Schärfe verliert.
Bei seinen Ableitungen der für die Linse und für Linsenkombinationen
geltenden Regeln verwendet *Kepler* meist zwei Strahlenkegel,
deren gemeinschaftliche Basis die Linse ist, während die Spitzen
mit einem Punkte des Gegenstandes und dem entsprechenden Bildpunkte
zusammenfallen. Die nebenstehende Abbildung enthält drei solcher
Strahlenbündel, wie *Kepler* jedes Kegelpaar bezeichnet. Da dem Punkte
E des Gegenstandes im Bilde der Punkt F, dem Punkte C dagegen der
Punkt D entspricht, so ist der Satz, daß eine Linse umgekehrte Bilder
liefert, ohne weiteres ersichtlich. Dieses von *Kepler* verfolgte
Konstruktionsverfahren war eine von ihm herrührende Neuerung. Seine
Vorgänger auf dem Gebiete der Optik hatten stets einzelne Strahlen
verfolgt, während uns bei *Kepler* zum ersten Male das aus unzähligen
Strahlen bestehende Strahlenbündel als Konstruktionsmittel begegnet.
Mit dessen Hilfe war er imstande, die Lage und die Größe der Bilder
weit richtiger zu ermitteln, als es vor ihm geschah. *Kepler* entdeckte
beispielsweise die Eigenschaft der bikonvexen Linsen, von einem
Gegenstande, der sich in der doppelten Brennweite befindet, ein gleich
großes Bild in der gleichen Entfernung auf der entgegengesetzten Seite
zu erzeugen.
[Illustration: Abb. 49. Kepler beweist, daß eine Linse umgekehrte
Bilder liefert.]
Besondere Verdienste hat sich *Kepler* auch um die Theorie des Sehens
erworben. Er erklärte die Netzhaut für denjenigen Teil des Auges, der
das von der Linse erzeugte Bild auffängt, und vertrat die Ansicht, es
müsse, nach Fortnahme der undurchsichtigen äußeren Häute des Auges,
auf der Netzhaut ein umgekehrtes, verkleinertes Bild des Gegenstandes
zu sehen sein. Diese Annahme *Keplers* hat später *Scheiner*[249]
durch den Versuch bestätigt. Da *Kepler*, nachdem zahlreiche Versuche
anderer vorhergegangen, als der erste eine richtige Theorie des Sehens
entwickelte, so wollen wir bei seiner sowohl in der ersten Schrift[250]
als in der Dioptrik[251] gegebenen Darstellung dieses Vorganges noch
etwas verweilen.
*Keplers* Vorläufer auf diesem Gebiete waren *Maurolykus* und *Porta*.
Beide nahmen an, daß von jedem Punkte des leuchtenden Gegenstandes ein
Strahl durch die Pupille ins Auge gelange. Das erzeugte Bild sollte
nach *Porta* auf die Kristallinse, nach *Maurolykus* hinter diese
fallen. Nach *Keplers* zutreffender Annahme gehen dagegen von jedem
Punkte des Gegenstandes Strahlenkegel aus, deren gemeinschaftliche
Grundfläche die Pupille ist. Sämtliche Strahlenkegel werden, ähnlich
wie es Abbildung 49 zeigt, durch die Kristallinse des Auges so
gebrochen, daß sie hinter dieser Linse gleichfalls Kegel bilden, deren
Spitzen auf der Netzhaut liegen. Letztere befindet sich an der Stelle
des Schirmes der Camera obscura und ist »in einem hohlen Bogen von
allen Seiten her um die Kristallinse ausgespannt«.
Sehr zutreffend und an die neuesten Theorien anklingend ist das, was
*Kepler* über die Tätigkeit der Netzhaut sagt. Wir wollen hier mit
einigen Abkürzungen seine eigenen Worte bringen: »Das Sehen«, sagt er,
»ist eine Gefühlstätigkeit der gereizten und mit Sehgeist erfüllten
Netzhaut; oder auch: Sehen heißt die Reizung der Netzhaut fühlen. Die
Netzhaut wird mit den farbigen Strahlen der sichtbaren Welt bemalt«.
Die Veränderung der Netzhaut ist jedoch nach *Keplers* Annahme keine
nur oberflächliche, sondern eine stoffliche. In der Netzhaut befinde
sich nämlich ein außerordentlich feiner Stoff, »der Sehgeist«. Auf
diesen wirke das durch die Linse gesammelte Licht zersetzend in der
nämlichen Weise, wie etwa brennbare Stoffe durch die Brenngläser
verändert würden. Das so entstandene Bild sei auch von einiger Dauer.
Als Beweis dafür führt *Kepler* die Nachbilder an, die sich zeigen,
wenn man »sich von einem angeschauten Lichtglanz abwendet«. Eine
Bestätigung hat diese Anschauung später durch die Entdeckung des
chemisch veränderlichen Sehpurpurs gefunden[252].
Vollkommen richtig bemerkt *Kepler*, daß die Abbildung des Gegenstandes
auf der Netzhaut noch nicht den ganzen Sehakt ausmache, sondern, daß
das Bild »durch einen geistigen Strom« in das Gehirn übergehen und dort
an den Sitz des Sehvermögens abgeliefert werden müsse.
Daß nur ein einziges Bild zur Wahrnehmung gelangt, hat seinen Grund
nach *Kepler*[253] darin, daß beide Netzhäute in gleicher Weise gereizt
werden. Dementsprechend würden auch, wenn sie in ungleicher Weise
gereizt würden, zwei Bilder wahrgenommen. Auch mit der Frage, weshalb
wir trotz der umgekehrten Netzhautbilder die Gegenstände aufrecht
sehen, hat sich *Kepler* beschäftigt. Doch vermochte er hierauf keine
befriedigende Antwort zu geben. »Das Oben und Unten der Gegenstände,«
meinte er, »lernen wir schon aus der Bewegung der Augen unterscheiden,
da wir sie in die Höhe richten, wenn wir einen hoch befindlichen
Gegenstand und nach unten, wenn wir einen tief gelegenen sehen
wollen[254].«
Ferner erklärte *Kepler* die Kurzsichtigkeit und die Übersichtigkeit.
Die Ärzte des Altertums handeln zwar auch schon von der
Kurzsichtigkeit. Sie führten indessen diesen Zustand, gegen den sie
kein Mittel besaßen, auf eine Schwäche der vom Auge ausgehenden
Ausströmung zurück[255]. Wie die Ursache der Kurzsichtigkeit, so
blieb den Alten auch das Wesen des Sehvorgangs verborgen. Bei einem
kurzsichtigen Auge schneiden sich, wie *Kepler* richtig ausführt,
die von jedem Punkte eines Gegenstandes ausgehenden Strahlen schon
innerhalb des zwischen der Linse und der Netzhaut befindlichen
Glaskörpers. Sie breiten sich hinter ihrem Durchschnittspunkte wieder
aus und geben daher auf der Netzhaut Lichtkreise an Stelle von
Lichtpunkten. Ähnlich verhält sich das übersichtige Auge. Es bricht die
Strahlen nicht stark genug, so daß die Spitzen der Strahlenkegel hinter
der Netzhaut liegen[256]. Da mit der Entfernung des Gegenstandes von
der Linse sich auch die Bildweite ändert, so blieb noch zu erklären,
durch welchen Vorgang ein normales Auge imstande ist, die Bilder
entfernter und naher Gegenstände mit gleicher Schärfe wahrzunehmen.
*Kepler* meinte, daß dieser, als Akkommodation bezeichnete, Vorgang
durch eine Verschiebung der Linse oder der Netzhaut geschehe[257],
während *Descartes* der später als richtig erkannten Ansicht zuneigte,
daß die Linse infolge eines auf sie ausgeübten, wechselnden Druckes
bald mehr, bald weniger gekrümmt sei[258]. »Da die Netzhaut«, führt
*Kepler* aus, »in ein und derselben Lage nicht zugleich von nahen
und fernen Gegenständen scharfe Bilder erhalten kann und doch bei
den Menschen, die nah und fern deutlich sehen, gleich scharfe Bilder
erhält, so muß die Netzhaut inbezug auf die in der kristallenen
Feuchtigkeit liegende Linse eine Ortsveränderung erleiden.« Es sei
wahrscheinlich, meint *Kepler*, daß ein kräftiges, jugendliches Auge,
wie es eine deutliche Bewegung in der Pupille zeige, so auch hinter
der Linse die Fähigkeit habe, den Augapfel dergestalt zu verändern,
daß der Augengrund sich der Linse nähere oder von ihr zurückweiche,
je nach der Entfernung der Gegenstände, auf die das Auge eingestellt
werde. Vielleicht befinde sich der Sitz dieser Bewegung aber auch in
jener Haut, welche die Linse in der kristallenen Feuchtigkeit festhalte
und jene eigentümlichen, als Ziliarfortsätze bezeichneten, schwarzen
Strahlen aussende. *Kepler* nahm auch an, daß das Innere des Auges
flüssig sei, damit die von ihm geforderten Formveränderungen vor sich
gehen könnten. Er erzählt, daß er sich mit der Erklärung des Sehens
mehrere Jahre fast ausschließlich beschäftigt habe. Dafür gebührt ihm
aber auch der Ruhm, der Begründer der physiologischen Optik zu sein. --
*Keplers* Verdienste um die Theorie der optischen Instrumente haben wir
an der Hand seiner »Dioptrik« schon in einem früheren Abschnitt[259]
gewürdigt.
*Descartes* und *Kepler* waren der Meinung, daß das Licht zu seiner
Fortpflanzung keine Zeit beanspruche. Ersterer stützte sich dabei
nicht ausschließlich auf die Wahrnehmung irdischer Vorgänge, sondern
zog auch astronomische Erscheinungen in Betracht. Da er jedoch nur
die Verfinsterungen des Mondes ins Auge faßte, so konnte sich bei der
verhältnismäßig geringen Entfernung dieses Weltkörpers, die das Licht
in einer Sekunde durcheilt, nur ein negatives Resultat ergeben[260].
Keplers Nachfolger auf dem Gebiete der Astronomie.
Unter den Männern, welche die astronomische Wissenschaft als Nachfolger
*Keplers* mit Erfolg gepflegt haben, ist vor allem *Hevel* zu nennen.
*Johann Hevel*[261] wurde 1611 in Danzig geboren. Sein Lebensgang
erinnert in mancher Hinsicht an denjenigen *Guerickes*. *Hevel* stammte
gleichfalls aus einer alten, vermögenden Familie seiner Vaterstadt.
Er studierte in Leyden Rechtswissenschaft, machte ausgedehnte Reisen,
auf denen er Beziehungen zu hervorragenden Ausländern anknüpfte und
bekleidete, nach Danzig zurückgekehrt, das Amt eines Ratsherrn. Die
Anregung zu astronomischen Arbeiten, denen sich *Hevel* neben seinen
Berufsgeschäften aus Liebhaberei widmete, empfing er von einem seiner
Danziger Lehrer. *Hevel* mußte ihm auf dem Totenbette das Versprechen
geben, den gemeinsam gepflegten Studien treu zu bleiben. Er baute 1641
eine Sternwarte und verfertigte nicht nur alle Instrumente, deren er
sich bediente -- sogar die Linsen schliff er selbst -- sondern besorgte
auch die Herstellung der Kupferplatten für seine Abbildungen und deren
Druck.
Zum Messen benutzte *Hevel* noch nicht das Fernrohr, obgleich die
übrigen Astronomen ihre Meßapparate schon mit dem neuen Instrument
versehen hatten, sondern er bediente sich mit einem gewissen Eigensinn
ausschließlich der für das unbewaffnete Auge eingerichteten Diopter.
Trotzdem erreichte er eine große Genauigkeit. Ja, *Halley*, der *Hevel*
im Auftrage der Royal Society besuchte, mußte sogar zugeben, daß seine
mit dem Fernrohr erhaltenen Messungen mit denjenigen *Hevels* bis auf
die Bogenminute übereinstimmten und oft nur um wenige Sekunden davon
abwichen.
Das größte Verdienst *Hevels* bestand darin, daß er die ersten
genauen Karten vom Monde zeichnete und damit einen neuen Zweig der
astronomischen Wissenschaft, die Selenographie, begründete. *Hevels*
Werk[262] über den Mond erschien als das Ergebnis einer sich über viele
Jahre erstreckenden, mühevollen Arbeit im Jahre 1647. Es ist mit Recht
als eines der ehrwürdigsten Denkmäler ausdauernder wissenschaftlicher
Tätigkeit bezeichnet worden[263]. Leider sind die von *Hevel* für
dieses Werk gestochenen Kupferplatten infolge der Pietätlosigkeit
seiner Erben verloren gegangen. Die dunklen Flecken des Mondes (Abb.
50) hielt *Hevel* noch für Wasseransammlungen; er benannte sie deshalb
Mare frigoris (Eismeer), Oceanus procellarum (stürmischer Ozean)
usw. Um die Berge und Gebirge des Mondes zu bezeichnen, bediente er
sich geographischer Namen. Es begegnen uns daher auf dem Monde der
Vesuv, die Apenninen, die Karpathen usw. Zum großen Schaden für die
Wissenschaft wurde *Hevels* Sternwarte 1679 durch eine Feuersbrunst
zerstört, der auch viele Bücher und Aufzeichnungen zum Opfer fielen.
[Illustration: Abb. 50. Hevels Abbildung des Mondes.]
*Hevel* war auch ein fleißiger Kometenforscher. Es war ihm vergönnt von
1652-1683 neun größere Kometen zu beobachten. Die hierdurch und durch
andere gewonnenen Aufzeichnungen über 400 Kometen hat er in seiner
Cometographie vom Jahre 1668 veröffentlicht.
*Hevel* starb im Jahre 1687. Er hatte einen ausgedehnten Briefwechsel
mit den bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit unterhalten. Die von
*Hevel* gesammelten Briefe umfaßten viele Folianten, sind aber von
seinen Erben für einen Spottpreis verkauft worden[264]. In einer
Geschichte der Wissenschaften verdient dies Verhalten verurteilt zu
werden, zur Warnung für spätere Geschlechter und zur Mahnung an die
Pflichten, welche der Staat hat, wenn dem einzelnen das Verständnis
abgeht.
Die unmittelbar auf *Kepler* folgende Generation schuf auch die mit
der Physik und mit der Astronomie in engem Zusammenhange stehende
allgemeine Geographie. Ihr Begründer ist Bernhard *Varenius* und das
Werk, durch das er dies vollbrachte, seine »Geographia generalis«
(1650)[265]. Der große Fortschritt, den wir bei *Varenius* finden,
besteht vor allein darin, daß er nicht lediglich schildert und
beschreibt, sondern in erster Linie vergleicht. Sein Werk wird daher
mit Recht dem zweihundert Jahre später erschienenen Kosmos *A. v.
Humboldts* zur Seite gestellt.
6. Die Förderung der Naturwissenschaften durch die Fortschritte der
Mathematik.
Die Entdeckungen der großen Erneuerer der Naturwissenschaften sind
zum großen Teil der Anwendung der Mathematik auf physikalische und
astronomische Probleme zu verdanken. Der Fortschritt in der von
*Galilei* und *Kepler* eingeschlagenen Richtung war daher nicht nur
an die Ausbildung und Ausbreitung des induktiven Verfahrens, sondern
auch an die Weiterentwicklung der Mathematik geknüpft. Letztere nahm
denn auch in diesem Zeitalter unter der Mitwirkung der bedeutendsten
Naturforscher einen kräftigen Aufschwung, der in der nachfolgenden
Periode durch *Newton*, *Leibniz*, *Descartes* und *Huygens* eine
Fortsetzung erfuhr.
Fortschritte der Rechenkunst.
In dem Maße, wie die Genauigkeit der Beobachtungen zunahm, war auch
die Berechnung der Ergebnisse zeitraubender und mühseliger geworden,
so daß man das Bedürfnis fühlte, an die Stelle des Multiplizierens
und Dividierens großer Zahlen eine Vereinfachung treten zu lassen.
Diesem wurde durch die Erfindung der Logarithmen genügt, durch die jene
Operationen auf das viel schneller zu bewerkstelligende Addieren und
Subtrahieren zurückgeführt wurden. Zur Berechnung astronomischer Tafeln
wandte *Kepler* zum erstenmal im Jahre 1620 die Logarithmen an, die
nach einem Ausspruch von *Laplace* das Leben des Astronomen verlängern,
indem sie die Arbeit von Monaten auf Stunden abkürzen.
Ein großes Verdienst um die für die Allgemeinheit wie für die
Wissenschaft gleichwichtige Fortbildung der Rechenkunst erwarb
sich auch der Holländer *Simon Stevin*[266], dessen Lebensgang und
physikalische Forschungen wir an späterer Stelle kennen lernen werden.
*Stevin* ist die erste systematische Darstellung des Rechnens mit
Dezimalbrüchen zu verdanken. Dabei verfehlte er nicht, auf den
Wert der dezimalen Schreib- und Rechnungsweise hinzuweisen und im
Zusammenhange damit von den Regierungen die Einführung dezimaler Münz-,
Maß- und Gewichtssysteme zu fordern, ein Wunsch, der erst zweihundert
Jahre später durch die Männer der französischen Revolution verwirklicht
wurde.
*Stevins* Schreibweise für die Dezimalbrüche ist noch eine
umständliche. Er fügte nämlich jeder Ziffer die Stelle, die sie
einnimmt, als Index bei. Der Dezimalbruch 0,3469 z. B. nimmt bei ihm
folgende Form an: 3① 4② 6③ 9④. Fast zur selben Zeit
entstand aber nach *Vietas* Vorschlag die heutige Schreibweise unter
Anwendung des Kommas.
Mit Zinsberechnungen war man schon im Altertum bekannt. Bei den Indern
und den italienischen Kaufleuten des Mittelalters begegnen uns auch
Zinseszinsberechnungen. *Stevin* gebührt das Verdienst, zuerst[267]
Tafeln für die Berechnung von Zinsen und Zinseszinsen veröffentlicht zu
haben.
Von größtem Einfluß auf die weitere Entwicklung der Mathematik, wie
auf die mathematische Behandlung der Naturwissenschaften war auch
die Fortbildung der algebraischen Zeichensprache und des wichtigsten
Gebietes der Algebra, der Lehre von den Gleichungen.
Wir haben in früheren Abschnitten erfahren, daß in der ältesten
Periode die Mathematik der Zeichen entbehrte und alle Rechnungen
und Beziehungen in Worten zum Ausdruck brachte. Bald traten jedoch
Fachausdrücke und Abkürzungen und endlich besondere Zeichen auf. So
stellten sich gegen den Ausgang des 15. Jahrhunderts, als man in
Italien noch für Plus und Minus die Abkürzungen p und m brauchte, die
Zeichen + und - ein[268].
Das Zeichen = für die Gleichsetzung ist noch jüngeren Datums.
Es begegnet uns ein halbes Jahrhundert später und wird von dem
Erfinder[269] damit begründet, daß nichts gleicher sei als ein Paar
paralleler Strichelchen. Klammern, Wurzel- und Unendlichkeitszeichen
sind noch später entstanden.
Der bedeutendste Fortschritt in der Ausbildung der Algebra zu
einer auf internationaler Kurzschrift beruhenden Sprache geschah
durch den Franzosen *Vieta* mit seiner Einführung allgemeiner
Buchstabengrößen[270]. Bei ihm begegnen uns auch die ersten Anfänge
einer Verknüpfung der Algebra mit der Geometrie, indem er die
Wurzeln gegebener Gleichungen geometrisch darstellen lehrte. Auch
das Verfahren, die Zahl π durch eine unendliche Reihe zu ermitteln,
rührt von *Vieta* her. Er hat auf diesem Wege π bis auf 10 Dezimalen
berechnet.
*Franziskus Vieta* wurde 1540 im Poitou geboren und starb 1603 in
Paris. Er wirkte unter *Heinrich IV.* als Parlamentsrat und später
als Mitglied des Königlichen Geheimen Rates. *Vieta* gilt als der
hervorragendste französische Mathematiker des 16. Jahrhunderts.
Mit allgemeinen Sätzen war man in der Arithmetik schon lange vor
*Vieta* bekannt geworden. Wollte man aber eine für das ganze Bereich
der konkreten Zahlen gültige Regel ausdrücken, so mußte dies in Worten
geschehen. Ein Beispiel diene zur Erläuterung. Ausdrücke von der Form 3
(4 + 2) = 3 · 6 = 3 · 4 + 3 · 2 = 12 + 6 = 18 lassen sich für beliebig
viele konkrete Fälle bilden. Man hatte auch daraus den allgemeinen Satz
entnommen, daß eine Summe mit einer Zahl multipliziert wird, indem
man entweder zuerst summiert und die erhaltene Zahl mit der gegebenen
Zahl multipliziert, oder auch, indem man die Summanden einzeln mit
der gegebenen Zahl multipliziert und die erhaltenen Produkte dann
addiert. Diese umständliche Regel ließ sich in der mit Buchstabengrößen
arbeitenden Algebra, zumal bald nach *Vieta* der Gebrauch von Klammern
aufkam, auf folgenden, ohne weiteres verständlichen, sämtliche
möglichen konkreten Fälle umfassenden Ausdruck bringen:
a (b + c) = a · b + a · c.
*Vieta* unternahm es auch, die Trigonometrie mit der Algebra zu
verknüpfen, indem er lehrte, wie sich nach algebraischem Verfahren die
trigonometrischen Funktionen umformen und in mannigfache Beziehungen
bringen lassen. Auf diese Weise entstand durch ihn derjenige Teil der
Trigonometrie, den man auch wohl als Goniometrie bezeichnet. So leitete
er die Formeln für sin n α und cos n α ab und zeigte z. B., daß sin 3
α = sin α · cos 2 α + cos α · sin 2 α ist[271].
Die Lehre von den Gleichungen.
Der zweite große Fortschritt auf dem Gebiete der Algebra betraf die
Lehre von den Gleichungen. *Vieta* war noch der Meinung, daß nur die
positiven Wurzelwerte einer Gleichung eine Lösung darstellen. Daß auch
die negativen Wurzeln reell sind und überhaupt jede Gleichung so viel
Wurzeln hat, als ihr Grad anzeigt, erkannten erst die Mathematiker des
17. Jahrhunderts.
Daß jede Gleichung n. Grades n Wurzeln besitzt, folgerte der
Niederländer *Girard* 1629 in seinem Werke »Neue Entdeckungen auf dem
Gebiete der Algebra« aus dem von ihm erkannten Zusammenhange zwischen
den Wurzeln einer Gleichung mit ihren Koeffizienten[272]. Dieser
Zusammenhang ergab sich daraus, daß die Entstehung einer Gleichung
n. Grades durch die Multiplikation von n Faktoren ersten Grades
nachgewiesen wurde, eine Erkenntnis, deren mathematischer Ausdruck
X_{n} = (x - α_{1})(x - α_{2})(x - α_{3}) ... (x - α_{n}) lautet, wenn
wir mit X_{n} das Polynom der Gleichung und mit α_{1}, α_{2}, α_{3},
α_{n} die Wurzeln bezeichnen.
Nachdem *Girard* das Bildungsgesetz der Gleichungen erkannt hatte,
erhielten auch die imaginären Wurzeln, mit denen man früher nichts
anzufangen wußte, gleichsam ihre Daseinsberechtigung. Wenn *Girard*
z. B. findet, daß eine bestimmte Gleichung vierten Grades neben zwei
reellen noch zwei imaginäre Wurzeln liefert, so läßt er sich durch das
Auftreten der letzteren nicht beirren, sondern erläutert es dahin, daß
diese Wurzeln es eben sind, welche dem Bildungsgesetz Genüge leisten.
In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts begann man mit den negativen
Zahlen und mit der Null zu rechnen. Auch hierin hat *Girard* neben dem
gleich zu nennenden *Descartes* Bahnbrechendes geleistet. *Girard*
bemerkt, die negative Lösung werde geometrisch durch Rückwärtsschreiten
dargestellt[273]. Dieser Gedanke findet sich bei *Descartes* für
eine Reihe von Aufgaben verwertet. Er sowie *Girard* erklären die
negativen Wurzeln geometrisch als Strecken, deren Richtung derjenigen
entgegengesetzt ist, welche die den positiven Wurzeln entsprechenden
Strecken angeben[274].
Auf Gleichungen dritten Grades kamen schon die Alten durch das
Problem der Würfelverdopplung (Bd. I. S. 85). Auch *Archimedes*
wurde auf eine kubische Aufgabe geführt, als er eine Kugel durch
eine Ebene so zu zerlegen suchte, daß die beiden Teile der Kugel
in einem bestimmten Verhältnis stehen. Die Folge war, daß sich
auch die Araber mit Gleichungen dritten Grades beschäftigten, ohne
indessen andere als geometrische Lösungen zu finden. Die algebraische
Auflösung dieser Gleichungen war daher eins der wichtigsten Probleme
der neueren Mathematik. Seine Bewältigung gelang zu Beginn des 16.
Jahrhunderts[275], indem man eine Regel fand, um die Gleichung x^3 +
ax = b zu lösen. Bekannt gegeben wurde diese Lösung durch *Cardano*
(*Cardani*sche Formel). Er hatte sie indes nicht selbst gefunden,
sondern verdankte sie *Tartaglia*. Es ergibt sich, daß eine Gleichung
dritten Grades drei Wurzeln hat und daß die Summe dieser Wurzeln gleich
dem Koeffizienten von x^2 ist. Bei diesen Untersuchungen war man
gezwungen, auch Wurzeln aus negativen Zahlen zu berücksichtigen und mit
solchen »imaginären« Werten wie mit algebraischen Zahlen zu rechnen.
Mit einer Gleichung vierten Grades haben sich zuerst arabische
Mathematiker beschäftigt. Die Lösung gelang durch Konstruktion[276].
Die algebraische Lösung dagegen blieb einem Schüler *Cardanos*[277]
vorbehalten. Er führte die biquadratische Gleichung auf eine kubische
zurück.
Diese Erfolge des 16. Jahrhunderts bewirkten, daß man im 17. und
18. sich eifrig um die Lösung von Gleichungen fünften und höheren
Grades mühte. Alle Anstrengungen waren jedoch vergeblich. Sie führten
schließlich zu dem negativen Ergebnis, daß es unmöglich sei, solche
Gleichungen algebraisch aufzulösen[278].
Die Begründung der analytischen Geometrie.
Eine ganz ungeahnte Wichtigkeit erhielt die Lehre von den Gleichungen,
als *Descartes* diesen Teil der Algebra mit der Geometrie in die
engste Beziehung setzte und dadurch die Grundlagen der analytischen
Geometrie der Ebene schuf. *Descartes* zeigte, daß jede gesetzmäßig
entstandene Kurve auf eine Gleichung zurückgeführt werden kann, aus der
sämtliche Eigenschaften der Kurve sich durch Rechnung ableiten lassen.
Gesetzmäßig entsteht eine Kurve, wenn sie als der geometrische Ort
aller Punkte zu betrachten ist, die einer bestimmten Bedingung genügen.
Jene Bedingung drückt *Descartes* durch eine unbestimmte Gleichung
zwischen zwei voneinander abhängigen Größen x und y aus, die er durch
Linien darstellt. Den Grundgedanken des auf diesen Voraussetzungen
beruhenden Verfahrens[279] spricht er in folgenden Worten aus: »Indem
man der Linie y der Reihe nach unendlich viele verschiedene Größen
beilegt, erhält man auch unendlich viele Werte für die Linie x.« Auf
diese Weise sind aber, wie *Descartes* hinzufügt, unendlich viele
Punkte bestimmt, welche der gegebenen Gleichung genügen. Verbindet man
diese Punkte, so erhält man eine Kurve als das geometrische Bild jener
Gleichung.
Die Möglichkeit einer analytischen Geometrie des Raumes wurde von
*Descartes* nur angedeutet. Er bemerkt nämlich, eine dreidimensionale
Kurve sei völlig bestimmt, wenn man von jedem ihrer Punkte zwei Lote
auf zwei zueinander senkrechte Ebenen fälle. Auf diesen entständen
dadurch ebene Kurven, die uns einen vollkommenen Begriff von dem
Verlauf der Raumkurve gäben.
*Descartes* knüpfte zwar unmittelbar an *Vieta* an, den wir als den
Schöpfer der algebraischen Geometrie kennen gelernt haben. Auf den
Grundgedanken seines Verfahrens wurde er aber durch das Studium
der Alten geführt. In der Einleitung zu seiner »Geometrie« erzählt
*Descartes*, er habe sich mit einer Aufgabe des *Pappus* beschäftigt,
deren vollständige Lösung den Alten nicht gelungen sei. Den Grund dafür
habe er darin gefunden, daß die Aufgabe eine unbestimmte, d. h. die
Zahl der Gleichungen kleiner als die der Unbekannten war. Eine Lösung
ließ sich, wie *Descartes* erkannte, nur dadurch ermöglichen, daß
man für die überzählige Unbekannte oder die überzähligen Unbekannten
bestimmte Werte annahm, wodurch dann jedesmal auch die andere oder
die anderen Unbekannten bestimmt waren. Allerdings ergaben sich dann
soviel Lösungen, so oft man diese Operation vornahm, und statt eines
bestimmten Punktes erhielt man eine Reihe von Punkten oder eine Linie,
deren Punkte der gestellten Aufgabe genügten. Der große Fortschritt
der *Descartes*'schen Methode bestand darin, daß fortan geometrische
Gebilde der Rechnung unterworfen und alle geometrischen Aufgaben
allgemein gelöst werden konnten, während das Altertum nur geometrische
Einzelfälle betrachtete.
Auch neue, für die Weiterentwicklung der Mathematik in ihrer Anwendung
auf die Naturwissenschaften höchst wichtige Probleme wurden durch
das analytische Verfahren zugänglich. Eins der ersten, mit dem
sich schon *Descartes* befaßte und an dem sich vorzugsweise die
Infinitesimalrechnung entwickelt hat, war die Tangentenaufgabe.
*Descartes* stellte sie zunächst in der Fassung, daß er für einen
gegebenen Punkt einer Kurve die zur Tangente senkrechte Linie, die
Normale, suchte. Ein Jahr nach dem Erscheinen seiner »Geometrie« sehen
wir ihn jedoch schon mit der Konstruktion der Tangente an die Zykloide
beschäftigt, jener Kurve, auf die zuerst *Galilei* aufmerksam geworden
war[280]. *Descartes'* Verfahren, unbestimmte Gleichungen geometrisch
zu deuten, lehrte alsbald eine Fülle neuer Kurven kennen. Erwähnt seien
nur die von ihm entdeckte logarithmische Spirale und das gleichfalls
von ihm gefundene und nach ihm benannte Cartesische Blatt, dessen
Gleichung x^3 + y^3 = a · x · y lautet.
Die Geometrie der Ebene wurde insbesondere durch *Fermat*, diejenige
des Raumes erst ein Jahrhundert später durch *Clairaut* (1713-1765)
weiter ausgebaut.
*Fermats* Verdienste um die Fortbildung der Mathematik zur wichtigsten
Hilfsdisziplin der Naturwissenschaften sind so hervorragend, daß wir
bei diesem Manne und seinen Leistungen etwas verweilen müssen.
*Pierre Fermat* wurde 1601 in der Nähe von Toulouse geboren. Er
starb dort im Jahre 1665. Wir wollen versuchen *Fermat*, dem man den
Ruhm zuerkannt hat, der bedeutendste französische Mathematiker[281]
zu sein, als Mitbegründer der analytischen Geometrie zu würdigen,
mit deren Problemen er sich bereits 10 Jahre vor dem Erscheinen des
*Descartes*'schen Werkes beschäftigte. Auch *Fermat* knüpfte wie
*Descartes* an die alte Mathematik an. *Fermat* bemühte sich nämlich,
eine verloren gegangene und nur in Bruchstücken durch *Pappus* bekannt
gewordene Schrift des *Euklid*, die sogenannten Porismen[282], wieder
herzustellen.
*Fermats* für die analytische Geometrie grundlegende Arbeit zeichnet
sich der »Geometrie« des *Descartes* gegenüber durch größere Klarheit
und erschöpfende Behandlung aus. Nirgends findet sich bei *Descartes*
eine solch klare Darstellung des Grundgedankens, wie *Fermat* sie
gleich zu Beginn seiner Arbeit gibt. Die Gleichungen, sagt er, können
in bequemer Weise dargestellt werden, wenn wir zwei Strecken unter
einem gegebenen Winkel, als den man am passendsten den rechten nimmt,
aneinandersetzen und einen Anfangspunkt wählen. Diesen Nullpunkt
bezeichnet *Fermat* mit N. Die Strecke, die er von dort abträgt, wird
mit A (unser x), die dazu senkrechte mit E (unser y) bezeichnet.
Die konstanten Werte (a, b, c usw.) werden bei ihm durch B, D, G
ausgedrückt. Die Gleichung einer Geraden, welche durch den Nullpunkt
geht, begegnet uns bei *Fermat* zum ersten Male. Sie lautet D · A = B ·
E. (unser ax = by). Die Parabelgleichung schreibt er A^2 = D · E (unser
x^2 = ay), die Kreisgleichung B^2 - A^2 = E^2 (heute r^2 - x^2 = y^2)
usw.[283].
Maxima- und Minimaaufgaben.
*Fermat* war einer der ersten, der eine allgemeine Methode fand, die
Maxima- und Minimaaufgaben zu lösen. Zum ersten Male begegnet uns ein
hierher gehöriges Problem, und zwar in geometrischer Fassung, bei
*Euklid*[284]. Es läuft, modern ausgedrückt, darauf hinaus, für x · (a
- x) den größten Wert zu finden. Die Lösung ergibt, daß dies Produkt
ein Maximum ist, wenn x = a/2 gesetzt wird. Daß der Kreis bei gegebenem
Umfang unter allen ebenen Figuren die größte Fläche, und die Kugel
bei gegebener Oberfläche unter allen Körpern den größten Rauminhalt
besitzt, war den Alten gleichfalls bekannt.
Unter den neueren Mathematikern haben sich, von vereinzelten Fällen
abgesehen[285], zuerst *Kepler*, *Cavalieri* und *Fermat* mit den
in ihrer Anwendung auf das physikalische Gebiet so außerordentlich
wichtigen Maxima- und Minimabestimmungen beschäftigt. Mit *Keplers* und
mit *Cavalieris* Verdienst um die Begründung der neueren Mathematik
werden wir uns später befassen.
*Fermats* Methode ist diejenige, die auch heute wohl noch für eine
elementare Behandlung von Maxima- und Minimaaufgaben Anwendung
findet[286]. Er setzt nämlich an Stelle einer Unbekannten x einen neuen
Wert x - Δ, in welchem Δ (*Fermat* braucht dafür die Bezeichnung E) als
eine von Null nur wenig abweichende Größe betrachtet wird.
Nachdem er den Ausdruck umgeformt, wird der Übergang von Δ zur Null
vollzogen und der für x gesuchte Wert ermittelt.
Ein Beispiel *Fermats*, bei dem wir jedoch von seiner Ausdrucksweise
absehen, möge sein Verfahren erläutern. Für x^2 (a - x) wird nach dem
Wert von x gefragt, für den dieses Produkt den größten Wert annimmt.
Für x wird x + Δ gesetzt und wir erhalten:
x^2 (a - x) = (x + Δ)^2 (a - x - Δ).
Die Ausrechnung und Umformung ergibt:
2ax - 3x^2 + Δ (a - 3x - Δ) = 0.
Wird darin Δ = 0 gesetzt, so erhalten wir: