4. Die Ausbreitung der induktiven Forschungsweise.

Der vorige Abschnitt war ausschließlich einer Darstellung und Würdigung

der von *Galilei* geschaffenen Grundlagen der neueren Wissenschaft

gewidmet. Es gilt jetzt zu zeigen, wie sich das neue Verfahren der

Naturforschung in Italien und bald darauf auch in den nördlichen

Ländern Europas ausbreitete.

Zunächst fand *Galilei* in Italien eine Anzahl begeisterter Schüler,

die sein Werk fortsetzten, wenn ihnen auch nur ein bescheideneres

Können verliehen war. *Vivianis* und seiner Bemühungen haben wir

schon gedacht. Ferner ist *Torricelli* zu nennen, der vor allem zur

Fortsetzung der Arbeiten *Galileis* berufen war. Beide Männer hatten

während der qualvollen Monate, welche der Auflösung des Meisters

vorhergingen, mit diesem in unmittelbarem Verkehr gestanden und

pietätvoll aufgezeichnet, was den unermüdlichen Geist während der

letzten Spanne seines Erdenwallens beschäftigte. Sie umstanden mit den

Angehörigen das Sterbebett, an dem leider auch die Bevollmächtigten der

Inquisition nicht fehlten.

Die Versuche der Florentiner Akademie.

An *Torricelli* und *Viviani* schlossen sich eine Anzahl von gleichem

Streben erfüllter Männer an. So entstand in Florenz ein Verein, der

sich die Aufgabe stellte, die Natur auf dem Wege des Experimentes zu

erforschen.

Unter den Mitgliedern dieser Accademia del Cimento[128] (Schule

des Versuches) sind folgende hervorzuheben: Der Anatom *Borelli*,

welcher die Mechanik auf das Gebiet der Physiologie ausdehnte; der

aus Dänemark gebürtige *Steno*, dessen Untersuchung der toskanischen

Gebirge die neuere Geologie einleitete; ferner *Redi*, bekannt geworden

durch seine Experimente über die Urzeugung; *Domenico Cassini*, der

*Galileis* astronomische Arbeiten fortsetzte und später in Paris die

Leitung der neu errichteten Sternwarte übernahm. Diese Männer, die uns

im weiteren Verlaufe der Geschichte noch wiederholt begegnen werden,

stellten gemeinsam in dem Zeitraum von etwa 1657 bis 1667 eine Fülle

grundlegender, meist physikalischer Versuche an, ohne sich dabei von

theoretischen Erwägungen leiten zu lassen. Zwar liegt darin eine

gewisse Einseitigkeit und ein Abweichen vom Geiste *Galileis*, der

nirgends zu einem bloßen Experimentator herabsinkt. Trotzdem war das

Unternehmen bei dem damaligen Mangel sicherer empirischer Grundlagen

ein höchst verdienstvolles.

Die Accademia del Cimento bestand nur zehn Jahre. Dann wurde sie

infolge der in Florenz aufkommenden hierarchischen Strömung wieder

aufgelöst[129]. Gleichzeitig wurden jedoch die von ihren Mitgliedern

erhaltenen Resultate bekannt gegeben[130]. Da die betreffende Schrift

für die weitere Entwicklung der experimentellen Physik von großer

Bedeutung war, so soll hier einiges daraus mitgeteilt werden. Sie

beginnt mit der Beschreibung und der Gebrauchsanweisung wichtiger

Meßinstrumente. Vor allem sind hier das Thermometer, das Hygrometer,

das Aräometer und das Pendel zu nennen.

Der umfangreichste Abschnitt trägt die Überschrift: Versuche über den

natürlichen Druck der Luft. Er enthält die Beschreibung des Barometers

und schildert zahlreiche, im Vakuum angestellte Versuche.

Ein Abschnitt handelt von der Herstellung und Wirkung der

Kältemischungen. Ein anderer enthält den ersten Versuch über

Wärmestrahlung. Eine größere Eismasse wurde in einiger Entfernung

von einem Hohlspiegel aufgestellt. Brachte man dann ein

empfindliches Thermometer in den Brennpunkt des Spiegels, so sank

die Quecksilbersäule unter die Temperatur der umgebenden Luft. Die

weiteren Abschnitte handeln von der Ausdehnung der festen Körper

durch die Wärme, von der Zusammendrückbarkeit des Wassers, der

Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Schalles und des Lichtes, dem

Magnetismus, der Elektrizität und der Wurfbewegung. Die Akademiker

zogen also alle Gebiete der Physik in den Bereich ihrer Versuche.

Allerdings war der Erfolg sehr verschieden. Während man, wie wir

sogleich im einzelnen sehen werden, auf dem Gebiete der Mechanik

die wertvollsten Aufschlüsse erlangte, waren die Ergebnisse auf den

Gebieten des Magnetismus und der Elektrizitätslehre nur gering.

Wir wenden uns den wichtigsten Untersuchungen, Entwürfen und

Entdeckungen der Florentiner Physiker zu und geben zunächst in Abb.

22 ein Gefäßbarometer in der zur Zeit der Akademie gebräuchlichen

Form wieder. Seine Teilung wurde durch eingebrannte Glasperlen

bewerkstelligt.

[Illustration: Abb. 22. Das in den Abhandlungen der Accademia del

Cimento dargestellte Gefäßbarometer[131].]

Daß die Quecksilbersäule von der auf dem Quecksilberspiegel CBD

lastenden Luft getragen wird, bewiesen die Akademiker folgendermaßen:

Sie verbanden den kleinen, in der Abbildung links befindlichen

Ansatz luftdicht mit einer Spritze. Zogen sie den Kolben heraus, so

sank das Quecksilber in der Röhre beträchtlich, wurde dagegen durch

Hineindrücken des Kolbens auf die in dem weiten Gefäß befindliche Luft

ein Druck ausgeübt, so stieg das Quecksilber entsprechend dem größeren

auf CBD lastenden Gesamtdruck über A hinaus.

Der Apparat (Abb. 22) eignete sich auch vortrefflich, um die

Abhängigkeit der Gasspannung von der Temperatur nachzuweisen. Als die

Florentiner Physiker nämlich den kleinen Ansatz hermetisch schlossen

und die über dem Quecksilberniveau abgesperrte Luftmenge durch Eis

abkühlten, bemerkten sie, daß das Quecksilber in der Röhre fiel,

während es beim Erwärmen der abgeschlossenen Luft entsprechend der

durch die Temperatursteigerung erzeugten Druckzunahme stieg.

Um Versuche im Vakuum anzustellen, bedienten sich die Akademiker,

in Ermangelung einer Luftpumpe, der in Abb. 23 dargestellten, ohne

weiteres verständlichen Vorrichtung. Sie erweiterten den oberen Teil

des Barometers zu einem Gefäß, das durch einen Deckel luftdicht

geschlossen werden konnte. An diesem Deckel wurden Gegenstände

befestigt und deren Verhalten untersucht, nachdem man in dem Apparat

die *Torricelli*sche Leere in der bekannten Weise hergestellt hatte.

So wurde z. B., wie die Abbildung andeutet, eine nur wenig Luft

enthaltende, zugebundene Blase in das Vakuum gebracht und auf diese

Weise erkannt, daß sie infolge einer der Luft zukommenden Expansivkraft

erheblich anschwillt. Durch einen ähnlichen Versuch wurde nachgewiesen,

daß das Steigen von Flüssigkeiten in engen Röhren auch im Vakuum

stattfindet, also mit dem Luftdruck in keiner Beziehung steht.

[Illustration: Abb. 23. Vorrichtung der Akademiker, um Versuche im

Vakuum anzustellen[132].]

Die erste Erwähnung findet das Emporsteigen der Flüssigkeiten in engen

Röhrchen bei *Lionardo da Vinci* (1490). Die genauere Untersuchung

dieser unter dem Namen Kapillarität bekannten Erscheinung erfolgte

indessen erst im 17. Jahrhundert durch das Akademiemitglied *Borelli*.

*Borellis* Werk über diesen Gegenstand[133] erschien gesondert von den

Veröffentlichungen der Akademiker, an deren Kapillaritätsversuchen

er Teil genommen hatte. Was *Borelli* darin schildert, sind die

heute jedermann geläufigen, bis zum 17. Jahrhundert indessen infolge

ihrer Unscheinbarkeit übersehenen Kapillaritätserscheinungen. Sie

waren selbst *Pascal* noch nicht bekannt. In seinem berühmten Werk

»Über das Gleichgewicht der Flüssigkeiten«[134] behauptet er nämlich,

eine Flüssigkeit setze sich in kommunizierenden Röhren stets ins

Gleichgewicht, wie auch der Durchmesser dieser Röhren beschaffen

sei. Offenbar kann es sich hier nur um eine vorgefaßte Meinung und

nicht um das Ergebnis einer Prüfung handeln, die *Pascal* sofort

von der Unrichtigkeit seiner Behauptung überzeugt hätte. *Borelli*

entdeckte nicht nur das Ansteigen, sondern auch den Zusammenhang

mit der Beschaffenheit der Röhre. War letztere im Innern feucht, so

erfolgte das Ansteigen rascher. Die Höhe erwies sich ferner abhängig

von dem Durchmesser der Röhre. *Borelli* fand, daß die Steighöhe dem

Durchmesser umgekehrt proportional ist (h : hʹ= dʹ : d). Zog er die

Röhre aus der Flüssigkeit heraus, so blieb so viel davon im Innern

hängen, wie der Steighöhe entspricht.

[Illustration: Abb. 24. Durch Kapillarwirkung hervorgerufene

Bewegungen.]

*Borelli* entdeckte auch die mit der Kapillarität zusammenhängende

Erscheinung, daß sich schwimmende Körper (Holzplatten oder sehr

leichte auf dem Wasser schwimmen bleibende Metallplatten) innerhalb

einer gewissen Entfernung gegenseitig anziehen, wenn sie von der

Flüssigkeit benetzt werden (Abb. 24). Dagegen fand er Abstoßung, wenn

der eine Körper benetzt wird, der andere aber nicht. Eine befriedigende

Erklärung dieser merkwürdigen Erscheinungen vermochte das 17.

Jahrhundert noch nicht zu geben. Die erste Theorie der Kapillarität

begegnet uns um die Mitte des 18. Jahrhunderts[135].

Die Mitglieder der Akademie stellten auch das erste wirkliche

Thermometer her. Das von *Galilei* zum Messen der Temperatur gebrauchte

Instrument war nur ein Thermoskop, d. h. es zeigte nur ein Mehr oder

Minder von Wärme an. Auch machte sich an ihm jede Schwankung des

Luftdrucks bemerkbar.

Ähnliche Thermoskope erfanden auch *Guericke* und *Drebbel*.

*Guerickes* Apparat bestand aus einer mit Luft gefüllten Metallkugel,

an die sich unten eine U-förmig gebogene, zur Hälfte mit Flüssigkeit

gefüllte Röhre anschloß (Abb. 25). In dieser Röhre befand sich ein

Schwimmer, der wieder durch einen über eine Rolle geschlungenen

Faden, wie die Abbildung zeigt, mit einer schwebenden Figur verbunden

war. Letztere bewegte sich auf- und abwärts in dem Maße, in dem

die Flüssigkeit, entsprechend den Volumänderungen der in der Kugel

eingeschlossenen Luft, fiel und stieg.

[Illustration: Abb. 25. Guerickes Thermoskop[136].]

Eine ähnliche Vorrichtung, bei der eine Flüssigkeit durch die

Temperaturschwankungen eines mit Luft gefüllten Gefäßes zum Steigen

und Fallen gebracht wurde, verfertigte *Drebbel*[137]. Er bezeichnete

seinen Apparat als ein Perpetuum mobile und suchte den Glauben zu

erwecken, daß es sich hier um eine der Ebbe und Flut des Meeres

entsprechende Erscheinung handle[138]. *Galilei* erhielt im Jahre

1612 Kenntnis von dem Apparate *Drebbels*, der bis in die neuere

Zeit hinein für den Erfinder des Thermometers gegolten hat. Ein

wirkliches Thermometer, das vom Wechsel des Luftdruckes nicht merklich

beeinflußt wurde, war erst das Instrument, dessen sich die Accademia

del Cimento bei ihren Untersuchungen bediente (siehe Abb. 27). Höchst

wahrscheinlich waren *Galilei* und *Drebbel*, ohne von einander zu

wissen, zur selben Vorstufe gelangt[139]. Wem dagegen die Erfindung

des eigentlichen Thermometers zu verdanken ist, weiß man nicht. Das

Instrument wurde schon 1641, also vor der Gründung der Akademie in

Italien gebraucht. Die grundsätzliche Neuerung, um deren Zustandekommen

sich vielleicht mehrere Physiker der Florentiner Schule verdient

gemacht haben, bestand darin, daß die Kugel und die Röhre luftleer

gemacht und letztere oben, anfangs durch Siegellack und später durch

Zuschmelzen, vollkommen geschlossen wurde. Auf diese Weise war der

Luftdruck, der bei den Apparaten *Galileis*, *Drebbels* und *Guerickes*

neben den Temperaturveränderungen die Schwankungen der Flüssigkeit

veranlaßte, ausgeschlossen.

[Illustration: Abb. 26. Drebbels Thermoskop.]

[Illustration: Abb. 27. Das in den Abhandlungen der Accademia del

Cimento dargestellte Thermometer[140].]

Als Flüssigkeit, deren Ausdehnung zum Messen der Wärme diente,

benutzte man Weingeist. Die Skala besaß zwar hundert Teile; doch

waren die Angaben sehr schwankend, da man keine festen, leicht

bestimmbaren Punkte zugrunde legte, sondern für die niedrigste, sowie

die höchste in Toskana beobachtete Temperatur gewisse Punkte der Skala

festsetzte. Erst nach der Auflösung der Akademie brachte eines ihrer

Mitglieder[141] die noch heute gebräuchlichen Fundamentalpunkte,

nämlich den Schmelzpunkt und den Siedepunkt des Wassers, in Vorschlag.

Die Verfertigung der Thermometer wird in den Abhandlungen der

Accademia del Cimento mit folgenden Worten beschrieben: »Zunächst

hat der Glasbläser eine Kugel von geeigneter Größe herzustellen und

ihr eine Röhre anzufügen. Die Füllung geschieht folgendermaßen: Die

Kugel wird erhitzt und dann plötzlich das offene Ende in Weingeist

getaucht, der langsam hineinsteigt. Das letzte Nachfüllen wird mit

einem Trichter besorgt, der einen ganz dünn ausgezogenen Hals hat.

Das Rohr wird vorher in gleiche Teile geteilt und jeder Teilstrich

durch eine eingebrannte, weiße Glasperle bezeichnet. Dann wird das

Thermometer erwärmt und endlich, nachdem der Weingeist den gewünschten

höchsten Stand erreicht hat, vollkommen geschlossen.« Weitere

Versuche betrafen die Ausdehnung des Wassers beim Gefrieren und

seine Zusammendrückbarkeit. Man füllte ein metallenes Gefäß[142] mit

Wasser, verschloß das Gefäß und brachte es in eine Kältemischung, deren

Anwendung zu wissenschaftlichen Zwecken gleichfalls ein Verdienst der

Akademie ist. Die Ausdehnung des Wassers bei seiner Umwandlung in Eis

erfolgte mit solch unwiderstehlicher Gewalt, daß das Gefäß zersprang,

ein Versuch, der ja in den Bestand der Vorlesungsversuche des heutigen

Physikunterrichts übergegangen ist.

Auch das Maß der beim Gefrieren eintretenden Ausdehnung bestimmten die

Akademiker; und zwar fanden sie, daß sich das Wasser bei diesem Vorgang

im Verhältnis von 8 : 9 ausdehnt. Ihre Kältemischung stellten sie aus

Schnee her, dem sie Kochsalz, Salpeter oder Salmiak beimengten.

Daß sich beim Auflösen von Salpeter die Temperatur erniedrigt, war

wohl schon im 16. Jahrhundert bekannt geworden. Als merkwürdig und

unerklärlich erwähnt *Descartes* die Kältemischungen aus Salz und

Schnee in seiner Schrift über die Meteore[143]. An den Nachweis, daß

das Wasser sich auszudehnen vermag, mußte sich die Frage knüpfen, ob

diese Flüssigkeit auch zusammengedrückt werden kann. Um darüber eine

Entscheidung herbeizuführen, schloß man Wasser in eine silberne Kugel

ein und suchte ihre Form durch Pressen und Hämmern zu verändern[144].

Dabei bedeckte sich ganz wider Erwarten die Kugel mit Wasser (siehe

Abb. 28), das offenbar durch das Silber hindurchgepreßt worden war.

[Illustration: Abb. 28. Versuch der Akademiker über die

Zusammendrückbarkeit des Wassers[145].]

Wie *Galilei*, so mühten sich die Akademiker auch ab, die Schall-

und Lichtgeschwindigkeit zu bestimmen. Ihr Verfahren, die

Schallgeschwindigkeit zu messen, bestand darin, daß sie die Zeit, die

zwischen dem Aufblitzen und dem Knall eines entfernten Geschützes

verfließt, durch Pendelschwingungen ermittelten. Auf die Temperatur

der Luft wurde hierbei noch keine Rücksicht genommen. Ihr Ergebnis,

1111 Par. Fuß in der Sekunde, kam dem wahren Werte näher als die

früheren Bestimmungen. Indessen glaubten die Akademiker irrigerweise,

aus den von ihnen erhaltenen Werten schließen zu dürfen, daß der Wind

auf die Schallgeschwindigkeit keinen Einfluß habe.

Die Bemühungen, die Geschwindigkeit des Lichtes zu ermitteln, konnten

zu keinem Ergebnis führen, da man noch zu keiner neuen Methode gelangt

war, sondern das von *Galilei* vorgeschlagene Signalverfahren benutzte.

Endlich sei noch erwähnt, daß die Akademie manchen Satz, den *Galilei*

nur ausgesprochen, aber noch nicht auf seine Richtigkeit geprüft

hatte, durch das Experiment erhärtete. So wurde eine Kugel von einem

hohen Turme horizontal fortgeschossen, während man gleichzeitig eine

gleich große Kugel von demselben Standort frei herabfallen ließ. Es

zeigte sich, daß beide Kugeln, wie *Galilei* behauptet, zur selben Zeit

aufschlugen.

Einige Überreste des physikalischen Apparats, den die Akademiker

für ihre Versuche geschaffen, finden sich noch in Florenz[146]. Die

Akademie selbst, die sich mit unvergänglichem Ruhm bedeckt hat, wurde

schließlich auf Betreiben der römischen Kurie geschlossen. Zum Glück

war religiöse Unduldsamkeit nicht mehr imstande, die Fackel der

Wissenschaft zum Erlöschen zu bringen. Fast zur selben Zeit als die

Florentiner Akademie aufgelöst wurde, entstanden nämlich nach ihrem

Vorbilde die großen Akademien in London und Paris, die ihre glorreiche

Laufbahn bis auf den heutigen Tag fortgesetzt haben und nebst

zahlreichen Schwestergesellschaften Hochburgen wissenschaftlicher, von

keinerlei Rücksichten gehemmter Forschung bilden.

Mit optischen Dingen hat sich unter den Mitgliedern der Akademie

besonders *Torricelli* beschäftigt. Er stellte winzige Glaskügelchen

her und lehrte sie als einfache Mikroskope von bedeutendem

Vergrößerungsvermögen gebrauchen. Er befaßte sich ferner mit

geometrischen Untersuchungen über die Wirkung der Linsen und

konstruierte Teleskope, welche diejenigen *Galileis* übertrafen[147].

Aber nicht nur die Schüler und die Anhänger *Galileis* beschritten

eifrig den Weg des Versuches, sondern auch seine Gegner, die ihm

besonders aus der Ecclesia militans erstanden, verfolgten häufig

denselben Weg. Es war immerhin ein Zugeständnis dieser Kreise an

den Geist der neueren Zeit, daß man nicht mehr, wie in früheren

Jahrhunderten, den Bannstrahl und scholastisches Gezänke für

ausreichend hielt, um das Emporkommen neuer Wahrheiten zu unterdrücken.

Ein solcher Gegner *Galileis* und der koppernikanischen Lehre war der

Jesuit *Riccioli*. Er hat sich trotz dieser Gegnerschaft Verdienste um

die Astronomie und die Mechanik erworben.

*Giovanni Battista Riccioli* (1598-1671) unternahm es, in Gemeinschaft

mit *Grimaldi*, die Gesetze des Falles, die von *Galilei* nur für

die schiefe Ebene experimentell nachgewiesen waren, für den freien

Fall zu prüfen. Beide Männer ließen um 1640 von einem Turm Kugeln aus

verschiedener Höhe herabfallen und maßen, während der eine oben, der

andere unten stand, die Zeit. Um letztere zu messen, bedienten sie sich

kleiner Pendel, die 6 Schwingungen in der Sekunde machten. *Riccioli*

unternahm seine Versuche in der Absicht, *Galilei* zu widerlegen und

selbst das wahre Gesetz des Falles zu finden. Um die Werke *Galileis*

lesen zu können, mußte er die Erlaubnis seiner Oberen einholen,

da *Galileis* Schriften von der Indexkongregation verboten waren.

*Ricciolis* Ergebnisse sind in folgender Tabelle wiedergegeben:

------------------+----------+-------------+--------------

Anzahl der | Fallhöhe | Fallraum | Verhältnis

Pendelschwingungen| in Fuß | in gleichen | der

| | Zeiten | Fallstrecken

==================+==========+=============+==============

5 | 10 | 10 | 1

10 | 40 | 30 | 3

15 | 90 | 50 | 5

20 | 160 | 70 | 7

25 | 250 | 90 | 9

*Ricciolis* und *Grimaldis* Fallversuche entsprachen also vollkommen

dem von *Galilei* für den Fall über die schiefe Ebene gefundenen,

für den freien Fall aber noch nicht bewiesenen Gesetz. Es macht dem

Charakter beider Forscher alle Ehre, daß sie ihre eigene Niederlage

unumwunden eingestanden und die Anhänger *Galileis* von den

Versuchsergebnissen in Kenntnis setzten.

Spätere Versuche *Ricciolis* bezweckten, den Einfluß der Luft auf

fallende Körper zu ermitteln. Schon *Galilei* hatte den Widerstand der

Luft für größere Geschwindigkeiten als recht erheblich angenommen

und zum Beweise dieser Annahme einen Versuch vorgeschlagen, den aber

erst die Mitglieder der Accademia del Cimento zur Ausführung brachten.

*Galilei* schlug vor, man solle eine Flintenkugel aus einer Höhe von

100 Ellen senkrecht auf eine Eisenplatte herab schießen und diesen

Versuch in einer Entfernung von wenigen Ellen wiederholen. Es sei

wahrscheinlich, daß im ersteren Falle die Kugel infolge der längeren

Wirkung des Luftwiderstandes mit geringerer Geschwindigkeit auf das

Eisen treffen werde als im zweiten, obgleich bei dem Schuß aus größerer

Entfernung die durch das Pulver erhaltene Geschwindigkeit durch den

Fall noch wesentlich vergrößert werde. Ob diese Vermutung richtig

sei, müsse sich an der größeren oder geringeren Formveränderung der

Kugel ergeben. Die Akademie fand diese Vermutung bestätigt, denn

die aus großer Höhe herabgeschossene Kugel war tatsächlich weniger

verändert[148].

Bemerkenswert sind auch *Ricciolis* Versuche über diesen Gegenstand.

Er stellte zwei Tonkugeln von gleichem Gewicht her, von denen die eine

massiv war und 10 Zoll Durchmesser besaß, während die andere hohl war

und einen Durchmesser von 20 Zoll hatte. Beide Kugeln ließ *Riccioli*

von der Höhe des Campanile zu Bologna herabfallen. Dabei zeigte es

sich, daß die massive Kugel die 280 röm. Fuß betragende Strecke in 3,2

Sekunden durchlief, während die hohle 4,2 Sekunden brauchte. Ferner

stellte *Riccioli* Fallversuche mit Kugeln von Blei, Ton, Wachs und

Holz an und beobachtete, daß der spezifisch schwerere Körper schneller

als der spezifisch leichtere fällt.

*Riccioli* war zwar ein Gegner des koppernikanischen Systems. Er hat

sich aber um die Astronomie trotzdem verdient gemacht, indem er unter

dem Titel Almagestum novum (1651) ein bedeutendes, eine Menge von

Tatsachen bietendes Sammelwerk dieser Wissenschaft herausgab.

Grundlegende optische Untersuchungen.

Auch für die Lehre vom Licht wurden um diese Zeit neue experimentelle

Grundlagen geschaffen. Das geschah vor allem durch *Grimaldi*.

*Francesco Maria Grimaldi* wurde 1618 in Bologna geboren, wirkte dort

als Lehrer der Mathematik und starb 1663. Er war ein sehr gelehrter

Mann und ein hervorragender Beobachter. Sein Hauptgebiet war die Optik,

in die er tiefer einzudringen verstand als irgend jemand vor ihm. Das

Werk, in dem *Grimaldi* seine Beobachtungen und Lehren über diesen

Gegenstand zusammenfaßte, erschien erst einige Jahre nach seinem Tode

unter dem Titel Physico-Mathesis de lumine, coloribus et iride[149].

In diesem Buche findet sich nicht nur die erste Beschreibung des durch

ein Prisma erzeugten Sonnenspektrums[150], es wird darin auch über

merkwürdige Erscheinungen berichtet, welche dem Gesetz der geradlinigen

Fortpflanzung des Lichtes zu widersprechen schienen, und mit dem Namen

der Beugung belegt wurden.

[Illustration: Abb. 29. Grimaldis Nachweis der Beugung des

Lichtes[151].]

[Illustration: Abb. 30. Grimaldi beobachtet die Beugung an einem

Lichtkegel.]

*Grimaldi* ließ Sonnenlicht durch eine feine Öffnung in ein dunkles

Zimmer fallen und brachte in das so erhaltene Lichtbündel einen

undurchsichtigen Körper (s. Abb. 29). Fing man vermittelst eines

Schirmes CD den Schatten auf, so besaß dieser eine größere Breite

(MN), als der Konstruktion entsprach. Ferner war der Schatten von

farbigen Streifen umgeben, die seiner Begrenzung parallel liefen und

sich auch in das Innere des Schattens erstreckten. Ließ *Grimaldi*

durch die Öffnungen CD und GH (siehe Abb. 30) einen Lichtkegel

fallen, der von dem Schirm IK aufgefangen wurde, so besaßen die

Grundflächen dieses Kegels nicht den Durchmesser NO, den die

geometrische Konstruktion auf Grund der geradlinigen Fortpflanzung des

Lichtes fordert, sondern einen größeren Durchmesser IK.

Diese Erscheinungen, insbesondere die zuerst beschriebene, die offenbar

nicht mit der infolge der Brechung auftretenden Farbenzerstreuung

identisch war, veranlaßte *Grimaldi*, das Licht als eine wellenförmige

Bewegung zu betrachten. »Wie sich um einen Stein, den man ins Wasser

wirft, kreisförmige Wellen bilden«, sagt er, »ebenso entstehen um

den Schatten des undurchsichtigen Gegenstandes jene glänzenden

Streifen. Und so wie jene kreisförmigen Wellen nichts anderes sind als

angehäuftes Wasser, um das sich eine Furche hinzieht, so sind auch die

glänzenden Streifen nichts anderes als das Licht selbst, das durch

eine heftige Zerstreuung ungleichmäßig verteilt und durch schattige

Intervalle getrennt wird. So wie endlich die kreisförmigen Wasserwellen

breiter werden, wenn sie sich von der Quelle ihrer Erregung entfernen,

ebenso bemerken wir dasselbe an den glänzenden Streifen, je weiter sie

von dem Anfange ihrer Erregung abstehen«[152].

Wir finden hier die erste Andeutung der Undulations- oder Wellentheorie

des Lichtes, die in der neuesten Zeit zur vollen Geltung gelangte, da

sie nicht nur sämtliche Lichterscheinungen erklärte, sondern in manchen

Fällen sogar bisher unbekannte Phänomene vorherzusagen gestattete.

[Illustration: Abb. 31. Grimaldi entdeckt die Interferenz des Lichtes.]

Der Gedanke, daß das Licht aus einer feinen Flüssigkeit bestehe,

die in wellenförmiger Bewegung begriffen sei, kehrt in *Grimaldis*

Ausführungen immer wieder. Auch die wichtige Beobachtung, daß »Licht

zu Licht addiert«, wie es später bei *Arago* lautet, Finsternis geben

kann, hat *Grimaldi* zuerst gemacht: »Ein erleuchteter Körper kann

dunkel werden«, sagt er[153], »wenn zu dem Licht, das er empfängt,

noch neues Licht hinzutritt«. In dem Laden eines verdunkelten Zimmers

wurden zwei Löcher angebracht, durch welche Licht fiel. Jeder

Lichtkegel gab für sich auf dem weißen Schirm einen hellen, gegen

die Ränder rötlichen Fleck. Ließ *Grimaldi* nun die Lichtkegel

teilweise übereinander greifen, (s. Abb. 31) so fand er, daß die

Kreisbögen, welche den Mittelraum des von den übergreifenden Rändern

eingeschlossenen Stückes begrenzen, dunkel erscheinen. Durch diese

Versuche war die Interferenz des Lichtes entdeckt. Auf den Gedanken,

das weiße Licht aus farbigem zusammenzusetzen, ist *Grimaldi* noch

nicht gekommen. Durch weitere Versuche hat er aber dargetan, daß

weißes Licht durch bloße Reflexion, wie er sich ausdrückt, in farbiges

Licht verwandelt werden kann. Zu diesem Zwecke, ließ *Grimaldi*[154]

das Sonnenlicht auf eine feingeritzte Metallplatte und von dort auf

einen Schirm fallen. Es zeigten sich durch Beugung entstandene farbige

Streifen. Wir begegnen also schon hier an der Schwelle der neueren

Physik dem Verfahren, mittelst dessen heute die Gitter zur Erzeugung

eines Beugungspektrums hergestellt werden.

*Grimaldi* selbst hat aus dem Verhalten seiner geritzten Platte gegen

das Licht schon die im Tierreich an Federn, Insektenflügeln usw. so

häufig vorkommenden Schillerfarben erklärt, eine Untersuchung, welche

die neuere Zoologie wieder aufnahm und die *Brücke*[155] zu einem

vorläufigen Abschluß brachte.

Der zuletzt erwähnte Versuch mußte in *Grimaldi* schon die Überzeugung

wachrufen, daß die Farben Bestandteile des weißen Lichtes und

nicht etwas den Körpern Eigentümliches sind. Die Farben, sagt er

wiederholt, seien nichts vom Lichte Verschiedenes, das etwa in den

farbigen Körper ohne die Gegenwart des Lichtes vorhanden wäre. Die

Ursache der Körperfarben erblickt *Grimaldi* vielmehr in dem, was

wir heute den molekularen Bau der Körper nennen würden. Er meint

nämlich[156], ihre Ursache beruhe wahrscheinlich auf der Lage der

Poren, also auf dem Gefüge der Stoffe, wodurch gerade diejenige Farbe,

die dem betreffenden Körper eigentümlich sei, zurückgeworfen werde.

Die Farbe selbst, so führt er weiter aus, ist danach eine durch die

Natur des reflektierenden Körpers hervorgerufene Modifikation des

Lichtes und besteht wahrscheinlich in einer Änderung der Bewegungsform

und der Geschwindigkeit des letzteren. Wie die Töne durch die

Verschiedenartigkeit der Luftschwingungen hervorgerufen würden, so

würden auch die Farben dadurch erzeugt, daß das Auge von Erzitterungen

des Lichtes getroffen werde, deren Geschwindigkeit verschieden

groß sei und so die Unterschiede der Farben bedinge. Alles das sind

Anschauungen, die für die weitere Entwicklung der Optik grundlegend

gewesen sind.

Daß *Grimaldi* zwischen der Auffassung, ob das Licht stofflicher Natur

sei oder in einem reinen Bewegungsvorgang bestehe, noch nicht scharf

genug zu unterscheiden vermochte, tut dem Werte seiner Versuche keinen,

und dem Werte der an diese Versuche geknüpften Lehren nur geringen

Abbruch[157]. Man findet daher bei den bedeutendsten Physikern des 17.

Jahrhunderts, vor allem bei *Hooke* und *Newton*, manche Spuren seiner

Anregungen, wenn auch beide Forscher auf diese Anregungen in ihren

Werken nicht immer hinweisen[158].

Die Erforschung der Elektrizität und des Magnetismus.

Nicht nur in Italien, sondern auch in den übrigen Kulturländern

hatte das induktive Verfahren Wurzel geschlagen. Teils unabhängig

von *Galilei* und seiner Schule, teils angeregt von dieser, erstand

eine stetig wachsende Schar von Forschern, welche die Unfruchtbarkeit

der alten Methode erkannten und mit vereinten Kräften die

Naturwissenschaften in das neue Fahrwasser hinüberzulenken strebten.

Während in Italien diese Wissenschaften durch das Verhalten der in

mittelalterlicher Denkweise beharrenden Kreise, wenn auch nicht

unterdrückt, so doch in hohem Grade gehemmt wurden, erwies sich im

Verlauf des 17. Jahrhunderts der Boden Englands und der Niederlande für

ihre Entwicklung besonders günstig. Im nördlichen Europa waren durch

die Reformation die Fesseln des blinden Autoritätsglaubens gesprengt

worden. Zwar wurde diese Bewegung bald durch neue Schranken eingedämmt.

In Deutschland ließen sie auch die politischen Verhältnisse weniger zum

Durchbruch kommen. Eine tiefgehende Wirkung blieb jedoch nicht aus.

Sie trat auch in den Geisteserzeugnissen jener Zeit zutage. In England

vor allem fand seit dem Zeitalter *Elisabeths* eine Neugestaltung der

gesamten Lebensverhältnisse, sowie eine Ausdehnung des Gesichtskreises

und des Machtbereiches statt, die eine in diesem Lande nie vorher

in solchem Maße gesehene Entfaltung aller Kräfte zur Folge hatten.

»Unter den Waffen«, sagt der Geschichtsschreiber dieser Periode[159]

»wuchs der Handel. Die Erhaltung des Friedens im Innern erfüllte das

Land mit Wohlstand und Reichtum; man sah Paläste aufsteigen, wo sonst

Hütten gestanden hatten«. Hier war es, wo damals das Wort »Wissen ist

Macht«[160] erklang. Und daß dieses Wort seitdem gewürdigt wurde, ist

eine der Ursachen von Englands Emporblühen gewesen, das, wie *Bacon* es

einmal ausdrückte, seine natürliche Stellung in der Welt gewann.

Der bedeutendste Forscher, der uns zu Beginn der neueren Zeit auf dem

Boden Englands begegnet, ist *Gilbert*. Ihm verdanken wir die erste

wissenschaftliche Behandlung der elektrischen und der magnetischen

Erscheinungen. Das Ergebnis seiner Untersuchungen hat *Gilbert* in dem

Werke[161] »Über den Magneten« niedergelegt. *William Gilbert* wurde in

Colchester im Jahre 1540[162] geboren. Er lebte seit 1573 als Arzt in

London und wurde von der Königin *Elisabeth* zu ihrem Leibarzt ernannt.

Er starb in London im Jahre 1603.

Zu seinen Untersuchungen wurde *Gilbert* durch die »Magia naturalis«

*Portas*, besonders aber durch den Umstand angeregt, daß die

Magnetnadel und der Erdmagnetismus für die Schifffahrt von solch

außerordentlicher Bedeutung geworden waren. Während aber *Porta* seine

Darstellung der physikalischen Erscheinungen noch mit phantastischem

und abenteuerlichem Beiwerk vermengte, betrat *Gilbert* gleich

*Galilei* den Weg der von Vorurteilen und unbegründeten Voraussetzungen

absehenden, auf Versuche sich aufbauenden Forschung. Das Ergebnis

dieser Bemühungen war ein wissenschaftliches, die Grundlagen für

ein weites Gebiet enthaltendes Werk, mit dessen Inhalt wir uns der

Hauptsache nach bekannt machen wollen.

*Gilbert* gebrauchte für seine Versuche kräftige Magnetsteine von

geeigneter Größe und gab ihnen die Kugelform. »Der so geformte Stein«

sagt er, »ist das getreue und vollkommene Ebenbild der Erde; wir

wollen ihn daher Terrella[163] nennen«. Um die Pole des Magneten

zu finden, nahm er die Terrella in die Hand und legte einen dünnen

Eisendraht über den Stein. Letzteren bezeichnete er dort, wo der Draht

haftete, mit Kreide. Darauf brachte er die Mitte des Drahtes an eine

andere Stelle, sowie an eine dritte und an eine vierte, und versah

jedesmal den Stein in der Längsrichtung des Drahtes mit einem Strich.

»Diese Striche«, sagt *Gilbert*, »werden den Meridianen vergleichbare

Linien auf der Terrella darstellen. Und es wird sich deutlich zeigen,

daß sie in den Polen der Terrella zusammenlaufen.« In gleichem Abstande

von diesen Polen der Terrella ließ sich dann ein größter Kreis ziehen,

der dem Äquator entsprach.

[Illustration: Abb. 32. Die Pole eines kugelförmigen Magneten

aufzufinden. (Aus *Gilbert*, De magnete.)]

[Illustration: Abb. 33. Die Teilung eines Magneten. (Aus *Gilbert*, De

magnete.)]

Ein anderes Verfahren, die Pole aufzufinden, besteht nach *Gilbert*

darin, daß man sich einer Magnetnadel bedient, die mit einer Vertiefung

versehen und auf der Spitze einer Nadel so angebracht ist, daß sie

sich frei bewegen kann. Diese Vorrichtung wird so auf den Stein AB

in C gestellt, daß sich die Nadel im Gleichgewicht befindet (Abb. 32).

Darauf wird die Richtung der ruhenden Nadel mit Kreide bezeichnet, dann

das Instrument auf eine andere Stelle gebracht und die Richtung wieder

vermerkt. »Geschieht dies an recht vielen Stellen, so wird man aus dem

Zusammenlauf der Linien den einen Pol an dem Punkte A, den andern bei

B finden. Den Pol selbst zeigt die dem Steine genäherte Nadel dadurch

an, daß sie sich rechtwinklig zur Oberfläche einstellt und auf den Pol

und somit nach dem Mittelpunkt des Steines hinweist.«

Für seine Versuche über die Teilung des Magneten wählte *Gilbert*

einen länglichen Magnetstein AD, mit dem Nordpol A und dem Südpol D,

und teilte ihn in zwei gleiche Teile. Darauf ließ er den Teil AB in

einem Gefäß auf Wasser schwimmen. Er bemerkte, daß der Nordpol A nach

Süden zeigte und D nach Norden. B und C aber, die vorher miteinander

verbunden gewesen, waren jetzt zum Nord- und Südpol geworden. Der

Südpol B zog den Nordpol C an. »War kein Hindernis vorhanden und das

Gewicht aufgehoben, wie es auf der Oberfläche des Wassers der Fall ist,

so näherten sich diese Pole und vereinigten sich. Näherte man jedoch

den Pol A dem Pole C des anderen Steines, so flohen sie einander.« Es

handelte sich bei diesen Schilderungen *Gilberts* nicht etwa immer um

ganz neue Entdeckungen. Wir finden aber vor ihm keine solche klare,

wissenschaftlich zu nennende Darstellung. Einen Vorläufer besaß

*Gilbert* in *Petrus Peregrinus*, dessen im Jahre 1269 entstandene

Abhandlung »Über den Magneten« die älteste im Abendlande angestellte

Untersuchung über diesen Gegenstand und zugleich eins der frühesten

Zeugnisse dafür ist, daß die Anfänge der experimentellen Forschung bis

auf das Mittelalter zurückzuführen sind[164].

Von dem Inhalt der Schrift des *Petrus Peregrinus* erhalten wir durch

folgende Kapitelüberschriften eine ungefähre Vorstellung: Auf welche

Weise der Magnet Eisen anzieht. -- Wie das mit dem Magneten berührte

Eisen nach den Himmelspolen gerichtet wird. -- Über die wechselseitige

Anziehung des Nord- und Südpols. -- Vorschrift, die Pole aufzufinden.

Sie lautet: Man bringe den Magnetstein in ein hölzernes Gefäß. Dieses

läßt man in einem größeren mit Wasser gefüllten Behälter schwimmen. Der

Stein dreht dann das Gefäß, wie ein Seemann sein Schiff dreht, bis die

Pole sich nach den Himmelsrichtungen einstellen.

Von den magnetischen Erscheinungen wußte *Gilbert* die elektrischen

wohl zu unterscheiden, während vor ihm in dieser Hinsicht eine große

Unklarheit herrschte. Bis zu seiner Zeit kannte man die elektrische

Anziehung fast nur am Bernstein. Durch *Gilberts* Versuche wurde

bewiesen, daß sich diese Kraft auf alle festen Substanzen und sogar

auf Flüssigkeiten erstreckt. Tropfen, denen *Gilbert* elektrisierte

Körper näherte, erhoben sich auf ihrer Unterlage. Die Einwirkung der

Elektrizität auf Metalle stellte *Gilbert* fest, indem er diese in

der Form leicht beweglicher Nadeln anwandte und zeigte, daß sie von

elektrisierten Körpern angezogen werden. Daß zwischen den letzteren

auch eine Abstoßung stattfindet, ist von *Gilbert* übersehen worden.

Ganz unbekannt blieb ihm die elektrische Abstoßung jedoch nicht, da

er wenigstens die Beobachtung machte, daß die Flamme sich von einem

elektrisierten Körper fortbewegt.

*Gilbert* elektrisierte außer dem Bernstein auch Diamant, Saphir,

Rubin, Opal, Amethyst, Beryll, Bergkristall, Schwefel und Harz. Er

wies nach, daß all diese Substanzen nicht nur Spreu anziehen, sondern

auch sämtliche Metalle, Holz, Blätter, Steine, Erde, sogar Wasser und

Öl, kurz, »alles, was durch unsere Sinne wahrgenommen werden kann«. Um

aber durch Versuche festzustellen, wie diese Anziehung stattfindet und

welches die Stoffe sind, die alle Körper auf solche Weise anziehen,

richtete er sich einen 3-4 Zoll langen Zeiger aus Metall her und

brachte diesen auf der Spitze einer Nadel, ähnlich wie bei einem

Kompaß, leicht beweglich an. Näherte er nun diesem Zeiger Bernstein

oder Bergkristall, nachdem er sie gerieben hatte, so geriet der Zeiger

sofort in Bewegung.

Der Magnet, bemerkt *Gilbert*, äußere seinen Magnetismus ohne

vorhergehendes Reiben, sowohl im trockenen als im feuchten Zustande, in

der Luft wie im Wasser, ja selbst, wenn die dichtesten Körper, seien

es Platten aus Holz und Stein oder Scheiben aus Metall, dazwischen

gebracht seien. Der Magnet wirke aber nur auf magnetische Körper,

während elektrische Substanzen alles anzögen. Auch vermöge der Magnet

bedeutende Lasten zu tragen, während der elektrisierte Körper nur sehr

kleine Gewichte bewege[165].

Die magnetischen Erscheinungen waren infolge der Verwendung, welche

die Boussole seit dem 12. Jahrhundert in Europa sowohl für die

Schiffahrt als auch beim Bergbau erfahren hatte[166], weit mehr als die

elektrischen beachtet worden. So konnte die als Deklination bezeichnete

Abweichung der Nadel aus der Nord-Südrichtung einem aufmerksamen

Beobachter nicht wohl entgehen. *Columbus* hatte die Änderungen der

Deklination auf seiner Reise nach Westen bemerkt und war sogar auf den

Gedanken gekommen, diese Änderungen zur Bestimmung der geographischen

Länge zu benutzen. Er beobachtete 200 Seemeilen über Ferro hinaus

eine westliche Deklination von fünf Graden. Bei der weiteren Fahrt

nach Westen vergrößerte sich diese Abweichung, während sie in Europa

damals östlich war. Die Neigung der um eine horizontale Achse drehbaren

Magnetnadel war gleichfalls bereits bekannt. *Gilbert* selbst teilt

mit, daß ihre Größe im Jahre 1576 für London gleich 71° 50ʹ gefunden

sei[167].

[Illustration: Abb. 34. Gilbert untersucht die Stellung eines kleineren

Magneten zu seiner Terrella[168].]

*Gilberts* wesentlichstes Verdienst bestand darin, daß er alle

erdmagnetischen Erscheinungen unter einem Gesichtspunkt vereinigte,

indem er die Erdkugel für einen einzigen großen Magneten erklärte.

Zu dieser Auffassung gelangte er, als er das Verhalten der Nadel

gegen einen kugelförmigen Magneten eingehend untersuchte und es mit

dem Verhalten der Magnetnadel gegen die Erde verglich. Daraus, daß

die Nadel sich an den Polen eines kugelförmigen Magneten senkrecht

zur Oberfläche einstellt (s. Abb. 34), schloß *Gilbert*, daß die

Inklination in den nördlichen Teilen der Erde größer sein müsse als

in London, eine Vermutung, die später durch *Hudson* während seiner

Entdeckungsreisen in den polaren Gegenden Amerikas bestätigt wurde.

*Hudson* fand nämlich im Jahre 1608 schon unter dem 75. Grad nördlicher

Breite eine nahezu senkrechte Einstellung der Inklinationsnadel. Dies

war der Annahme *Gilberts* nicht ganz entsprechend. Er meinte nämlich,

der magnetische Nordpol müsse mit dem geographischen zusammenfallen,

wie er ja auch die tägliche Drehung als eine Folge des Erdmagnetismus

auffaßte. *Galilei*, der *Gilbert* schätzte und seine Ergebnisse

im wesentlichen gelten ließ, wies jedoch die Ansicht, daß jede

freischwebende, magnetische Kugel sich um ihre Achse drehen müsse, als

irrtümlich zurück.

Von dem Nachweis, daß die Erde ein kugelförmiger Magnet ist, war es

nur ein Schritt zu dem Gedanken, daß auch die übrigen Weltkörper,

insbesondere der Mond und die Sonne, mit magnetischer Kraft begabt

seien[169]. *Gilbert* zögerte nicht, diesen Schluß zu ziehen und als

Anhänger des koppernikanischen Systems die Bewegung der Weltkörper,

sowie die Erscheinung von Ebbe und Flut auf den Magnetismus

zurückzuführen. Hierin folgte ihm auch *Kepler*, dessen Ansichten über

die magnetische Kraft der Sonne wir später kennen lernen werden.

Da *Gilbert* die geographischen Pole mit den magnetischen

zusammenfallen ließ, bedurfte die Erscheinung der Deklination einer

besonderen Erklärung. *Gilbert*, dem noch wenig Beobachtungsmaterial

zur Verfügung stand, hielt die Verteilung von Wasser und Land für

die Ursache jener Abweichung der Nadel. Seiner Meinung nach mußte im

Innern größerer Kontinente, wo der Einfluß des Meeres aufhörte, auch

die Deklination verschwinden. Die wenigen Beobachtungen, welche die

Seefahrer damals gesammelt hatten, waren geeignet, diese irrige Ansicht

zu unterstützen.

Zwar wußte *Gilbert* noch keine eigentliche Theorie der von ihm

gefundenen Tatsachen zu geben, wenn er auch die elektrischen

Erscheinungen in ähnlicher Weise, wie es schon das Altertum versucht

hatte, auf Ausflüsse zurückführte. Wie man die Luft als einen Ausfluß

der Erde betrachten müsse, so beruhe die Elektrisierbarkeit der Körper

darauf, daß eine gewisse feinste Flüssigkeit, die erforderlich sei, um

den Zusammenhang der Körper zu bewirken, infolge der Reibung aus ihnen

herausgetrieben werde. Dieses Fluidum sollte die elektrische Anziehung

leichter Körper vermitteln, ebenso wie nach *Gilberts* Ansicht die Luft

es ist, welche die ihrer Unterstützung beraubten Körper veranlaßt, sich

dem Mittelpunkt der Erde zu nähern. Diese Vorstellung von einer oder

mehreren Flüssigkeiten als Trägern der elektrischen Erscheinungen,

die uns bei den Alten und bei *Gilbert* im Keime begegnet, wurde vom

18. Jahrhundert, das sich in hervorragendem Maße der Erforschung

der Reibungselektrizität zuwandte, festgehalten und zu einer

wissenschaftlichen Theorie entwickelt.

Hinsichtlich der magnetischen Erscheinungen verzichtete *Gilbert* auf

eine physikalische Erklärung. Er hielt diese Erscheinungen für die

Folge einer Beseelung der Materie. Jenseits der Ausflüsse, welche die

elektrischen Vorgänge veranlassen sollten, befinde sich der leere Raum,

das Vakuum, durch das hindurch unmöglich eine materielle Einwirkung

stattfinden könne. Daher nahm *Gilbert* -- und auch hierin folgte

dem Physiker der Astronom *Kepler* -- in den Weltkörpern eine Art

seelischer Kraft an. Das große Rätsel von der Wirkung der Materie in

die Ferne begegnet uns also schon hier an der Schwelle der neueren

Naturwissenschaft[170].

Der Mangel an klaren theoretischen Vorstellungen beeinträchtigt

indessen nicht den Wert experimentell gewonnener Ergebnisse. Und diese

sind es, die wir *Gilbert* in reichem Maße verdanken. Hervorgehoben

seien noch seine Versuche mit bewaffneten oder armierten Magneten.

Letztere stellte er dadurch her, daß er die Pole eines natürlichen

Magneten mit Eisenkappen bedeckte (siehe Abb. 35). Es zeigt sich, daß

die Tragkraft durch eine derartige Armierung bedeutend zunimmt. So trug

ein Magnet vor der Armierung 2 und nach der Armierung 12 Unzen Eisen.

Die Abbildung zeigt uns einen armierten Magneten, der zwei andere von

gleicher Größe trägt[171].

[Illustration: Abb. 35. Gilberts Versuche mit armierten Magneten[172].]

Mit dem Werke *Gilberts* kaum in Parallele zu stellen ist das

dickleibige Buch eines gelehrten Deutschen, das wenige Jahrzehnte

später (1634) erschien. Es führt den Titel »Magnes sive de arte

magnetica« und hat den in Würzburg eine Professur bekleidenden

Jesuitenpater *Athanasius Kircher* zum Verfasser. *Kircher* steht mit

*Porta*, *Schwenter* und ähnlichen vom Forschergeist der neuen Zeit

noch weniger erfüllten Männern auf einer Stufe. Er ist kein Physiker

wie *Gilbert* oder *Galilei*, sondern schildert mit vielen Worten

überraschende naturwissenschaftliche Erscheinungen und den Laien

fesselnde, naturwissenschaftliche Spielereien. Wir haben *Kirchers*

gesamtes, auch die Optik und andere Zweige der Naturlehre betreffendes

Wirken schon in einem früheren, jene Übergangszeit behandelnden

Abschnitt gewürdigt (Bd. I. S. 427). Hier sei als von Bedeutung nur

noch hervorgehoben, daß er die Stärke des Magneten mittelst der Wage zu

bestimmen suchte. Einen großen Umfang in *Kirchers* Werk nehmen seine

Vorschläge ein, mit Hilfe des Magnetismus Krankheiten zu heilen. Auch

manche Erscheinungen der Tierwelt, z. B. die Züge der Vögel, werden

auf diese Naturkraft zurückgeführt. Ein besonderer Abschnitt ist dem

Magnetismus der Liebe (Magnetismus amoris) gewidmet. Das Buch schließt

mit der Betrachtung, daß Gott totius naturae magnes, der Magnet der

gesamten Natur, sei.

Ganz hiervon abweichend und mit derjenigen *Gilberts* und *Galileis*

verwandt war die Geistesart eines anderen Deutschen, *Ottos von

Guerickes*, der nicht nur die Luftpumpe erfand, sondern zu den ersten

Erforschern der magnetischen und ganz besonders der elektrischen

Erscheinungen zu rechnen ist. Von *Guericke* rührt auch die erste, zwar

noch sehr einfache Elektrisiermaschine her. Sie findet sich in seinem

Werke »De vacuo spatio« abgebildet (siehe Abb. 36) und beschrieben. Zu

ihrer Herstellung füllte *Guericke* eine Glaskugel mit geschmolzenem

Schwefel. Nach dem Erkalten wurde das Glas zerschlagen und die so

erhaltene Schwefelkugel auf eine Achse gesteckt, die auf zwei Stützen

ruhte. Als Reibzeug diente die trockene Hand; ein Konduktor fehlte

noch. Immerhin war es die erste maschinelle Vorrichtung zum Erzeugen

von Elektrizität. Die geriebene Kugel zog Papier, Federn und andere

leichte Gegenstände an und führte sie mit sich herum. Wassertropfen,

die man in ihre Nähe brachte, gerieten in eine wallende Bewegung.

Auch wurden ein Leuchten und ein Geräusch wahrgenommen, wenn man der

Schwefelkugel nach dem Reiben den Finger näherte. Vermittelst dieser

Maschine entdeckte *Guericke* auch die von *Gilbert* noch übersehene

Abstoßung gleichnamig elektrisierter Körper. Ferner bemerkte er, daß

ein von der Kugel abgestoßener Körper wieder angezogen wird, nachdem er

mit dem Finger oder mit dem Boden in Berührung gekommen ist. Brachte

er z. B. eine Feder zwischen die elektrisierte Kugel und den Fußboden,

so hüpfte diese Feder auf und nieder. Auch daß sich die Elektrizität

der Kugel vermittelst eines leinenen Fadens fortleiten läßt, wurde von

*Guericke* nachgewiesen.

[Illustration: Abb. 36. Guerickes Elektrisiermaschine[173].]

*Guericke* beobachtete sogar schon, daß Körper elektrisch werden,

wenn man sie der geriebenen Schwefelkugel nur nähert. Er war also

ein Vorläufer von *Aepinus*, der als der eigentliche Erforscher der

Influenzerscheinungen betrachtet werden muß. Leider fand *Guericke*

auf diesem Gebiete nicht die Beachtung, die man seiner Luftpumpe und

den Magdeburger Halbkugeln zollte. Die Laien vermochten ihm hier nicht

zu folgen, und die Gelehrten ließen *Guerickes* Entdeckungen der

Vergessenheit anheimfallen[174].

Die Begründung einer Philosophie der Erfahrung.

In ganz anderer Weise wie *Galilei* und *Gilbert* machte sich

zur selben Zeit der Engländer *Francis Bacon* (1561-1626) um die

Erneuerung der Naturwissenschaften verdient. Hatte *Gilbert* gleich

*Galilei* aufbauend und durch die Tat geschaffen, so wirkte *Bacon*

mehr zerstörend und durch das Wort. Er war es, der die damalige

geistige Atmosphäre von jenen Trübungen reinigen half, die ihr aus

der aristotelisch-scholastischen Periode noch anhafteten. Dabei

unterstützte ihn eine klare und gefällige Ausdrucksweise. Mit beredten

Worten kämpft er in seinem Hauptwerk, dem neuen Organon[175], gegen

alles, was die Menschheit von der Ausübung des induktiven Verfahrens

bisher zurückgehalten hatte. Es sind das nach ihm vor allem die

»Idole« oder falschen Begriffe, die zum Teil in der Natur des Menschen

begründet sind, teils aber aus dem Zusammenleben entspringen.

Nicht der menschliche Sinn ist bei *Bacon* das Maß der Dinge. Vielmehr

geschehen alle Auffassungen der Sinne und des Verstandes nach der Natur

des Menschen und nicht nach der Natur des Weltalls. Der menschliche

Verstand gleicht »einem Spiegel mit unebener Fläche, der seine Natur

mit den Strahlen der Gegenstände vermengt«. Aber auch die Eigenart der

einzelnen Menschen bedinge wieder eine besondere Auffassung. Ferner

beeinflusse die so oft unzutreffende Benennung von Sachen und Vorgängen

den Geist in merkwürdiger Weise, so daß »bloße Worte die Menschen

zu zahllosen leeren Streitigkeiten und Erdichtungen verleiten«. Der

größte Anlaß zu Irrtümern rühre aber von den Täuschungen der Sinne her.

Alles, was die Sinne erschüttere, werde über das gestellt, bei dem dies

nicht unmittelbar der Fall sei, wenn auch letzteres das Wichtigere

sein sollte. Darauf müsse man es z. B. zurückführen, daß die Natur der

gewöhnlichen Luft fast unbekannt sei. Die wahre Erklärung der Natur

vollziehe sich durch passende Versuche, wobei die Sinne nur über den

Versuch, der Versuch aber über die Natur das Urteil zu sprechen habe.

Das Ziel der Wissenschaften besteht nach *Bacon* darin, das menschliche

Leben mit neuen Erfindungen und Hilfsmitteln zu bereichern. Doch

könne man auf einen weiteren Fortschritt nur hoffen, wenn die

Naturwissenschaft vorzugsweise solche Versuche aufnehme, die zwar

keinen unmittelbaren Nutzen gewähren, aber zur Entdeckung der Ursachen

und der Gesetze dienen. Ferner sei nicht nur die Zahl der Versuche zu

vermehren, sondern es müsse durch eine neue Methode eine bestimmte

Regel eingeführt werden. Ein unbestimmtes, sich selbst überlassenes

Experimentieren sei ein reines Umhertappen und verwirre nur die

Menschen, anstatt sie zu belehren. Wenn aber die Naturforschung nach

einer festen Regel in Ordnung und Zusammenhang vorschreite, so lasse

sich Besseres für die Wissenschaft erhoffen.

Manche der bisherigen Erfindungen seien derart, daß niemand vorher

eine Ahnung von ihnen gehabt, sondern dergleichen als Unmöglichkeiten

betrachtet haben würde. *Bacon* erinnert an die Erfindung der

Feuerwaffen und des Kompasses. Man dürfe daher hoffen, daß die Natur in

ihrem Busen noch vieles verborgen halte, was mit dem bisher Gefundenen

keine Verwandtschaft und Ähnlichkeit habe, sondern weitab von den

Wegen der Einbildungskraft liege. Unzweifelhaft werde es im Laufe der

Jahrhunderte zum Vorschein kommen, ebenso wie es mit dem Früheren auch

geschehen sei. Aber auf dem von ihm gezeigten Wege werde dies schneller

und sicherer geschehen.

Trotz dieser unleugbar richtigen Grundsätze einer Philosophie der

Erfahrung würde es verkehrt sein, *Bacon* für einen Naturforscher oder

gar, wie es auch wohl geschehen ist, für den eigentlichen Begründer der

neueren Naturwissenschaft zu halten. Das, was er forderte, war durch

*Galilei*, *Gilbert* und andere längst Wirklichkeit geworden. In allen

Ländern regte sich ein neuer, dem experimentellen Verfahren zugewandter

Geist. *Bacons* Verdienst war es, daß er diesen in einer klaren, oft

prophetischen Weise zum Ausdruck brachte. Wir dürfen ihn also nicht als

den Erfinder, wohl aber als einen beredten Verkünder der induktiven

Forschungsweise bezeichnen. Es sei daher noch einiges über die Eigenart

und den Lebensgang dieses merkwürdigen Mannes mitgeteilt.

*Francis Bacon* wurde am 22. Januar 1561 in London geboren. Er

bekundete frühzeitig eine hervorragende Begabung. Mit 13 Jahren bezog

er die Universität, mit 16 Jahren veröffentlichte er seine erste

Schrift, in der er bereits sein Lebenswerk, den Kampf gegen die

scholastische Philosophie, aufnahm. Die Anregung dazu ist *Bacon*

von verschiedenen Seiten gekommen. An vielen Orten waren während

des 16. Jahrhunderts Männer aufgetreten, die sich dem Einfluß der

aristotelischen Lehren zu entziehen und selbständig an das Studium

der Natur zu gehen strebten. Unter ihnen ist vor allem der Italiener

*Telesio* zu nennen, dessen Hauptwerk »De natura rerum« im Jahre 1565

erschienen war[176]. Sowohl *Bacon* als auch *Giordano Bruno* zollten

dem *Telesio* große Anerkennung.

Bei einem Aufenthalt in Frankreich hatte *Bacon* dagegen in *Palissy*

einen Mann kennen gelernt, der ohne die Kenntnis der griechischen und

lateinischen Quellen sich der Erforschung der Natur widmete und durch

seine Erfindungen und Entdeckungen die Aufmerksamkeit der gelehrten

Kreise Frankreichs auf sich gezogen hatte. *Palissy* machte wichtige

Erfindungen auf dem Gebiete der Keramik und beschrieb ein von ihm

angelegtes Mineralienkabinett. Er bekämpfte die Alchemie, erklärte die

Versteinerungen für Überreste von Lebewesen und entwickelte in seiner

Abhandlung über die Gewässer und die Quellen ein klares geologisches

Verständnis. Dieser seltene Mann[177] hielt in Paris Vorträge, denen

auch *Bacon* beiwohnte.

Von Beruf war *Bacon* Staatsmann. Eine glänzende Beredsamkeit,

vereinigt mit einem oft allzu geschmeidigen Wesen, unterstützte sein

ehrgeiziges Streben. Sprach er, so hatte er seine Zuhörer so in der

Gewalt, daß jeder fürchtete, er möchte schon am Ende angekommen sein.

Staffel auf Staffel erklimmend, dabei wenig wählerisch in seinen

Mitteln, gelangte *Bacon* schließlich zur höchsten Würde, indem ihn der

König zum Großkanzler und zum Baron von Verulam erhob. Dies geschah

zu einer Zeit, als sich in England die Anzeichen bevorstehender

politischer Umwälzungen immer mehr geltend machten und der Widerstand

des Parlaments gegen die Krone und deren Vertreter in stetem Wachsen

begriffen war. Eins der ersten, indessen nicht schuldlosen Opfer dieses

Streites ist *Bacon* geworden.

Damals war die Unsitte, Beamten Geldgeschenke zu machen, in England

sehr verbreitet. Auch *Bacon* nahm solche entgegen, um den Aufwand,

den seine Stellung mit sich brachte, zu bestreiten. *Bacon* wurde

infolgedessen der Bestechlichkeit bezichtigt, wenn er auch beteuerte,

bei seiner amtlichen Tätigkeit auf die Schenker niemals Rücksicht

genommen zu haben. Das Parlament hielt jedoch Bestechlichkeit in mehr

als zwanzig Fällen für erwiesen, und das Haus der Lords verurteilte

den Kanzler und obersten Richter Englands zum Verlust seiner Stelle.

Niemals dürfe *Bacon* wieder ein öffentliches Amt bekleiden, noch im

Parlament sitzen, auch solle er aus der Nähe des Hofes verbannt sein,

so lautete das harte, wenn auch gerechte Urteil[178]. Die Verurteilung

geschah im Jahre 1621. Den Rest seines Lebens verbrachte *Bacon* in der

Zurückgezogenheit, mit der Abfassung philosophischer Werke beschäftigt.

Obgleich *Bacon* auf Experimente drang und lehrte, daß alle Philosophie

von der Erfahrung ausgehen müsse, hat er keinen Versuch von Bedeutung

angestellt. Sein mathematisches und physikalisches Wissen war selbst

für seine Zeit gering. Er kannte die Werke *Galileis* und *Gilberts*,

hatte jedoch zu ihrem eingehenden Studium offenbar keine Muße gefunden.

Während *Galilei* mit dem Fernrohr den Himmel durchforschte, zweifelte

*Bacon*, ob Instrumente von Nutzen seien[179]. Auch blieb er Zeit

seines Lebens ein Gegner der koppernikanischen Lehre. Ebensowenig

fanden die Fortschritte der Mechanik, die wir *Galilei* und seinen

Schülern verdanken, die Beachtung *Bacons*. Auf diesem Gebiete beharrte

er gänzlich in den Fesseln der Scholastik, die er im übrigen bekämpfte.

Man höre nur seine Ausführungen über die Bewegung des Zitterns. »Sie

ist,« heißt es[180], »die einer ewigen Gefangenschaft, in der die

Körper nicht ihrer Natur entsprechend gestellt sind, sich aber auch

nicht ganz schlecht befinden. Sie bewegen sich deshalb hin und her,

weil sie weder mit ihrem Stand zufrieden sind, noch es wagen, weiter

vorzuschreiten.« Als eine Bewegung solcher Art faßte er z. B. diejenige

des Herzens auf. Ja, er kennt sogar eine »Bewegung aus Abscheu vor

Bewegung«. Daß er an dem aristotelischen Begriff der Leichtigkeit und

Schwere festhielt und z. B. zu untersuchen empfahl, ob die Luft ein

absolut leichter oder ein schwerer Körper sei, darf uns daher nicht

wunder nehmen[181].

Trotz seines Unvermögens, Eigenes in der von ihm gewollten Richtung

zu vollbringen, ist *Bacons* Einfluß nicht zu unterschätzen. Seine

Werke haben manche tüchtige Kraft ermuntert, sich in den Dienst der

großen, von *Bacon* in den Vordergrund gerückten Aufgabe zu stellen,

der Aufgabe nämlich, die wahre Herrschaft des Menschen dadurch zu

begründen, daß letzterer sich zum Herren der Naturkräfte mache. In

der Philosophie ist *Bacon* der Urheber derjenigen Richtung, die von

der Erfahrung ausgeht und als Realismus bezeichnet wird. Auch auf die

Pädagogik hat sich sein Einfluß erstreckt. *Comenius*, der Vater der

neueren Pädagogik, wurde in erster Linie durch *Bacons* Schriften

veranlaßt, das größte Gewicht auf die Anschauung zu legen. »Die Jugend

recht unterrichten«, sagt *Comenius*, »heißt nicht ihr einen Mischmasch

von Worten, Phrasen, Sentenzen und Meinungen einstopfen, sondern ihr

das Verständnis für die Dinge öffnen. Warum sollen wir nicht statt

fremder Bücher das lebendige Buch der Natur aufschlagen?[182] Fast

niemand lehrt Physik durch Anschauung und Experiment. Alle unterrichten

durch mündlichen Vortrag des aristotelischen Werkes oder eines anderen.«

Die Denkweise des 17. Jahrhunderts.

Neben Italien, Frankreich, den Niederlanden und England hat sich auch

Deutschland an der Neubegründung der Naturwissenschaften beteiligt.

Hier war das koppernikanische System entstanden; von hier aus

hatte die Reformationsbewegung einen großen Teil der europäischen

Menschheit ergriffen. Zwar drohte die befreiende Kraft, welche dieser

Bewegung innewohnte, unter neuen starren Formen, sowie in endlosen

Religionskämpfen zu ersticken. Die evangelische Hierarchie war nicht

weniger darauf bedacht, die Lehrfreiheit zu beschränken, wie es in

Italien durch den katholischen Klerus geschah. Ebensowenig wie in

diesem Lande hätte es an deutschen Hochschulen ein Gelehrter wagen

dürfen, sich zur koppernikanischen Weltanschauung zu bekennen. Dazu

kam in den protestantischen Ländern ein solch weitgehender Haß gegen

den Katholizismus, daß selbst vernünftige Neuerungen, wenn sie von

Rom ausgingen, zurückgewiesen wurden. So erging es z. B. der von

*Gregor XIII.* im Jahre 1582 ins Leben gerufenen Reform des Kalenders.

Bis dahin hatte die Christenheit mit dem julianischen Jahr von

365¼ Tagen gerechnet, obgleich schon *Hipparch* und *Ptolemäos*

wußten, daß die Dauer des Jahres geringer ist. Alle Bemühungen, den

stetig wachsenden Fehler des Kalenders zu beseitigen, an denen auch

*Koppernikus* lebhaften Anteil genommen, waren vergeblich geblieben.

Dieser Fehler belief sich zur Zeit *Gregors* schon auf 10 Tage. Er

wurde dadurch ausgemerzt, daß man die Tage vom 5. bis zum 15. Oktober

1582 ausfallen ließ und anordnete, daß in Zukunft die Säkularjahre,

sofern sie nicht durch 400 teilbar sind, gewöhnliche Jahre bleiben

sollten[183].

Die allgemeine Annahme des gregorianischen Kalenders wurde besonders

durch *Kepler* befürwortet, der 1613 als Begleiter des Kaisers auf

dem Reichstage zu Regensburg erschien. Die protestantischen Stände

betrachteten jedoch die Frage als eine Religionssache und lehnten

jeden Vermittlungsvorschlag ab. Volle hundert Jahre dauerte es,

bis der Verwirrung ein Ende bereitet wurde und dank den Bemühungen

eines *Leibniz* die Kalenderreform in den protestantischen Gegenden

Deutschlands Eingang fand[184].

Wie bezüglich des Kalenders und des koppernikanischen Systems, so

übte damals in allen Dingen eine noch nicht hinlänglich geläuterte

Religiosität einen überwiegenden Einfluß aus. Indem sie sich auch mit

politischen Interessen verquickte und den Gegensatz des alten und des

neuen Bekenntnisses in Kriegen und Verfolgungen zum Ausdruck brachte,

wie sie die Menschheit blutiger und zerstörender kaum gesehen, verlieh

dieser auf Irrwegen befindliche Religionseifer dem 17. Jahrhundert sein

eigentümliches Gepräge. Bevor jedoch in Deutschland der dreißigjährige

und in England der Bürgerkrieg entfesselt wurde, Begebenheiten, die in

der Entwicklung dieser Länder einen langen Stillstand herbeigeführt und

viele Keime in ihrem Ansatz zerstört haben, hatte der wissenschaftliche

Sinn dort schon in solchem Maße Wurzel geschlagen, daß er wohl

gehemmt, nicht aber wieder vernichtet werden konnte. Während des 16.

und des 17. Jahrhunderts lief die geistige Entwicklung, zumal in

Deutschland darauf hinaus, die scholastisch-aristotelische Denkweise

zurückzudrängen und zunächst das humanistisch-philologische, dann aber

auch das naturwissenschaftliche Element an deren Stelle zu setzen. Zwar

blieb das Denken der großen Masse, dem Gesetz der Trägheit zufolge,

das auch auf geistigem Gebiete seine Geltung hat, zunächst noch in den

alten Banden befangen. Indes nahm während der Generationen, welche

dem deutschen Religionskriege vorangingen, die Zahl der selbständig

denkenden Männer stetig zu. Gleichzeitig erlebten Kunst, Gewerbfleiß

und Handel einen bedeutenden Aufschwung und wirkten befruchtend auf

viele Zweige der Wissenschaft.

Einen Beweis, welches Ansehen *Aristoteles* trotzdem noch immer genoß,

bietet die Geschichte der Entdeckung der Sonnenflecken. Als nämlich im

Jahre 1611 der Jesuit *Scheiner* sie fast gleichzeitig mit *Fabricius*

und *Galilei* auffand, meinte sein geistlicher Vorgesetzter, es könne

sich hier nur um Fehler der Gläser oder der Augen handeln, da er den

*Aristoteles* zweimal durchgelesen und nichts von derartigen Dingen

gefunden habe. *Scheiner* ließ sich jedoch durch dieses Urteil nicht

beeinflussen. Er stellte etwa 2000 Beobachtungen[185] über die Sonne

zusammen und dehnte seine Forschungen mit Erfolg auf den Vorgang des

Sehens und die Beschaffenheit des Auges aus.

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, II. Band Von Galilei bis zur Mitte des XVIII. Jahrhunderts · 第 30 / 81 题