2ax - 3x^2 = 0

und daraus:

x = 2/3 a.

Der von *Fermat* gelehrten Methode fehlte noch ein bestimmtes

Kennzeichen dafür, ob der erhaltene Wert ein Maximum oder ein Minimum

ist. Dies allgemein zu entscheiden, vermochte man erst mit Hilfe des

von *Leibniz* herrührenden Verfahrens der Differentialrechnung.

In dem Bestreben, die von ihm gefundene Methode auf die Naturlehre

anzuwenden, wurde *Fermat* zu seinem Prinzip von der geringsten

Wirkung[287] geführt. *Fermats* Satz läuft darauf hinaus, daß die

Natur, »die große Arbeiterin, die unserer Instrumente und Maschinen

nicht bedarf«, alle Geschehnisse mit einem Minimum von Aufwand ablaufen

lasse. Dieser Gedanke war auch den Alten nicht fremd. So erklärten

sie die Form der Bienenzellen aus dem Streben der Natur, möglichst an

Material zu sparen[288]. Der alexandrinische Physiker *Heron* äußerte

einen ähnlichen Gedanken in bezug auf das Reflexionsgesetz. Er wies

nämlich darauf hin, daß die Reflexion des Lichtes von A nach B auf dem

kürzesten Wege erfolgt, wenn der Reflexionspunkt C die Lage hat, daß

der Einfallswinkel ACD gleich dem Austrittswinkel BCD ist, da jede

andere Verbindung der Punkte A und B mit der spiegelnden Fläche, z. B.

die Verbindung *AC_{1}B* (Abb. 51), länger ist.

[Illustration: Abb. 51. Das Reflexionsgesetz, erklärt aus dem Prinzip

der kleinsten Wirkung, d. i. in diesem Falle des kürzesten Lichtweges.]

Diese Betrachtungsweise übertrug *Fermat* zunächst auf das damals

im Mittelpunkte der Erörterung stehende Brechungsgesetz. *Fermats*

Gedankengang war etwa folgender: Daß der Lichtstrahl beim Übergang

von dem dünneren zum dichteren Medium gebrochen wird, rührt daher,

daß das Licht in letzterem einen größeren Widerstand findet und sich

infolgedessen langsamer bewegt. Je größer nämlich der Widerstand

ist, um so länger wird die für seine Überwindung beanspruchte Zeit

sein. Die im Sinne des Prinzips der kleinsten Aktion gestellte Frage

lautete also: Welchen Weg muß der Lichtstrahl nehmen, um mit dem

geringsten Gesamtwiderstande, der sich aus den Widerständen in den

beiden Medien summiert, oder was auf dasselbe hinausläuft, da ja dem

kleineren Widerstande eine kürzere Zeit entspricht, um innerhalb der

kürzesten Zeit von A nach B zu gelangen (Abb. 52)? *Fermat* findet mit

Hilfe seines Verfahrens, daß dieses Minimum stattfindet, wenn sich

der Sinus des Einfallswinkels zum Sinus des Brechungswinkels wie die

Geschwindigkeiten in den zugehörigen Medien verhalten (sin α : sin β =

v_{1} : v_{2} = n).

*Fermat* schloß auch umgekehrt aus dem Gesetz als einer feststehenden

Tatsache auf die Zulässigkeit seines, immerhin einen gewissen

metaphysischen Zug aufweisenden Prinzips. Denn metaphysisch war das

Prinzip, so lange es darauf hinauslief, an die Stelle des ursächlichen

Wirkens der Natur gewissermaßen ein überlegtes, aus Vernunftgründen

entspringendes Handeln zu setzen.

[Illustration: Abb. 52. Fermat erklärt das Brechungsgesetz aus dem

Prinzip der kleinsten Wirkung.]

Das Prinzip der kleinsten Wirkung ist für die weitere Folge von nicht

geringem Einfluß gewesen, obgleich es das »unbestimmteste von allen

Prinzipien«[289] ist, aus dem man das Wirken der Natur zu erklären

sucht. Auch *Huygens* benutzte den *Fermat*schen Satz. Bei der nahen

Beziehung, in der *Huygens* zu *Leibniz* stand, hat man wohl vermutet,

daß der letztere seine Lehre von der prästabilierten Harmonie in

Anlehnung an die Gedanken *Fermats* geschaffen hat. Die Mathematiker

und die Physikotheologen des 18. Jahrhunderts hielten gleichfalls an

diesem Prinzip fest und suchten seine Allgemeingültigkeit dadurch

nachzuweisen, daß sie zahlreiche Einzelfälle daraus ableiteten. Auf

solche Weise äußerte das Prinzip eine sehr anregende und fruchtbare

Wirkung. Viele Untersuchungen über größte und kleinste Werte, die

man im 18. Jahrhundert unternahm, waren von dem Bestreben geleitet,

die Naturvorgänge aus dem Prinzip der kleinsten Wirkung zu erklären.

Hand in Hand damit erwuchs in der Variationsrechnung ein besonderer

Zweig der Mathematik, der sich mit Maxima- und Minima-Aufgaben

befaßte und allgemeingültige Regeln für ihre Lösung erkennen ließ.

Einen vorläufigen Abschluß fanden diese Untersuchungen, an denen sich

auch *Johann* und *Jacob Bernoulli* beteiligten, in *Eulers* Schrift

vom Jahre 1744[290]. Welchen Standpunkt *Euler* dem *Fermat*schen

Prinzip gegenüber einnahm, ersehen wir aus folgenden, jenem Hauptwerk

entnommenen Worten: »Da die Einrichtung der Welt die vorzüglichste ist,

wird nichts in ihr angetroffen, woraus nicht irgend eine Maximum- oder

Minimumeigenschaft hervorleuchtet. Deshalb kann kein Zweifel bestehen,

daß alle Wirkungen in der Welt durch die Methode der Maxima und Minima

aus den Zwecken wie aus den wirkenden Ursachen selbst abgeleitet werden

können«.

Inzwischen mehrten sich die Beobachtungen, daß auch für die organische

Welt *Fermats* Satz als Stütze dienen könne. Der Bau der Knochen, der

Federn und der Halme: alles schien darauf hinzudeuten, daß die Natur

von ihren Mitteln den zweckmäßigsten und sparsamsten Gebrauch macht

und insbesondere bei dem Aufbau der organischen Körper gewissermaßen

nach einem Sparsamkeitsgesetz verfährt, das sich als ein besonderer

Fall des in der Optik und in der Mechanik beobachteten Prinzips der

kleinsten Wirkung darstellt. Letzteres wurde dann auch um die Mitte

des 18. Jahrhunderts von *Maupertuis* zur Grundlage der gesamten

Naturlehre gemacht und in folgende Worte gekleidet: »Wenn in der Natur

eine Veränderung vor sich geht, so ist der für diese Veränderung

erforderliche Aufwand der möglichst kleinste«[291].

Wie wir später sehen werden, wurde diese, in ihren Anfängen bis ins

Altertum zurückreichende Vorstellung, die *Fermat* klarer formulierte

und das 18. Jahrhundert weiter entwickelte, erst durch schärfere

mechanische Prinzipien verdrängt, als *Lagrange* die Neubegründung der

Mechanik unternahm.

Wir kehren noch einmal zu *Fermat* zurück, um seine Verdienste um

die Begründung der Zahlentheorie, der Kombinationslehre und der

Wahrscheinlichkeitsrechnung wenigstens kurz zu erwähnen. Schienen auch

diese Gebiete zuerst rein mathematisch zu sein, so sind sie im Laufe

ihrer Entwicklung doch in den Dienst der Naturwissenschaften getreten.

Ganz besonders gilt dies von der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ihre

ersten Anfänge begegnen uns im 15. und 16. Jahrhundert. Sie knüpfen an

die Glücksspiele an.

Die Begründer der Wahrscheinlichkeitsrechnung als einer mathematischen

Disziplin sind *Fermat* und sein Zeitgenosse *Pascal* (1623-1662).

*Pascal* wurde die Frage vorgelegt, bei wieviel Würfen man Aussicht

habe, mit zwei Würfeln den Sechserpasch zu werfen. Als das wichtigste

Mittel zur Bewältigung der Probleme der Wahrscheinlichkeitsrechnung

schufen *Pascal* und *Fermat* die Kombinatorik, deren Anfänge uns schon

bei den Indern begegnen.

Was *Fermats* Verdienst um die Theorie der Zahlen anbelangt, so sei

daran erinnert, daß auch auf diesem Gebiete ein Satz, und zwar ein

fundamentaler, seinen Namen führt.

Um die Fortentwicklung der Kombinationslehre haben sich im 18.

Jahrhundert *Jacob Bernoulli* und im 19. *Laplace* und *Gauß* die

hervorragendsten Verdienste erworben.

Zur selben Zeit, als *Descartes* neben die alte *Euklid*ische

die analytische Geometrie setzte, begegnen uns die Anfänge

einer dritten geometrischen Betrachtungsweise, derjenigen der

Zentralprojektion. Aus ihr hat sich im 19. Jahrhundert auf Grund

der Untersuchungen *Poncelets* und *Steiners* die projektivische

Geometrie entwickelt[292], deren Sätze sich durch einen hohen Grad

von Allgemeingültigkeit vor denjenigen der *Euklid*ischen und der

analytischen Geometrie auszeichnen.

Die Anfänge der Infinitesimalrechnung.

In den Anfang des 17. Jahrhunderts fallen auch die ersten Schritte zur

Begründung einer mathematischen Methode, deren Ausgestaltung zu einem

der mächtigsten Hilfsmittel der Naturforschung *Newton* und *Leibniz*

vorbehalten blieb. Dies ist die Infinitesimalrechnung. Unter den

Männern, die hier als Vorläufer zu nennen sind, nimmt *Kepler* neben

dem Italiener *Cavalieri*, einem Schüler *Galileis*, die erste Stelle

ein. Schon die Alten, insbesondere *Archimedes*, hatten bemerkt, daß

manche geometrische Aufgaben mit Hilfe der Elementarmathematik nicht

gelöst werden können. Dies hatte auf die Anwendung eines unter dem

Namen der Exhaustionsmethode bekannten Verfahrens geführt, vermittelst

dessen z. B. *Archimedes*[293] die Quadratur der Parabel gelang.

Auch die von *Archimedes* und früheren angestellte Berechnung des

Kreisumfanges mit Hilfe der ein- und umgeschriebenen Vielecke zeigt

uns, wie man schon im Altertum, wenn auch in umständlicher Weise,

die Rektifikation einer Kurve vorzunehmen wußte[294]. Nach neueren

Entdeckungen (s. Bd. I S. 164) besaß *Archimedes* sogar schon ein

Verfahren, das der Integration, wie man sie heute ausübt, in seinem

Wesen schon entsprach.

Der Fortschritt der Astronomie und der Physik war an die Entwicklung

eines Verfahrens geknüpft, das eine allgemein gültige Lösung für die

Ausmessung von Kurven, der von Kurven eingeschlossenen Flächen, sowie

der durch Bewegung solcher Flächen entstandenen Körper ermöglichte.

Wie wichtig mußte es z. B. für *Kepler* sein, den Umfang der Ellipse

aus der großen (a) und der kleinen (b) Achse berechnen zu können[295].

Er hat sich auch hieran versucht und gibt den Wert für diesen Umfang

als nahezu gleich π (a + b) an. Daß es sich hier um eine Annäherung

handelt, hebt *Kepler* ausdrücklich hervor. Auch wird ihm zweifelsohne

bekannt gewesen sein, daß der Ausdruck nur gebraucht werden darf, wenn

a und b wenig voneinander verschieden sind[296].

Mit der Bestimmung des Rauminhaltes von Rotationskörpern befaßt sich

*Kepler* in seiner Doliometrie[297] oder Faßberechnung. *Lagrange* hat

später von diesem Buche gerühmt, daß es ähnlich wie die Sandesrechnung

des *Archimedes* an einem gewöhnlichen Gegenstande die erhabensten

Gedanken entwickele. Ein besonderer Umstand veranlaßte *Kepler*, seine

Betrachtungen gerade an die Raumbestimmung von Fässern anzuknüpfen.

Er hatte nämlich beim Einkauf von Wein beobachtet, daß die Händler

den Inhalt der Fässer bestimmten, indem sie einen Meßstab durch den

Spund bis zu den gegenüber befindlichen Dauben führten, ohne auf die

Krümmung der letzteren Rücksicht zu nehmen. Ein dem Fasse an Inhalt

gleicher Körper entsteht, wenn der Längsschnitt um die Achse rotiert.

*Keplers* Grundgedanke bestand nun darin, derartige Rotationskörper

in eine unendliche Zahl von Elementarteilen zu zerlegen und diese zu

summieren, eine Untersuchung, die er in der »Doliometrie« auf etwa 90

Fälle ausdehnte.

Bei der Quadratur von Flächen hatten sich *Archimedes* und *Euklid*

der »Exhaustionsmethode« bedient, deren Wesen wir an früherer Stelle

kennen lernten. *Kepler* dagegen bediente sich bei seinen Quadraturen

und Kubaturen unendlich kleiner Größen und ging dabei von Vorstellungen

aus, welche die alten Mathematiker im allgemeinen vermieden hatten.

So gelten für ihn unendlich kleine Bogen als gerade Linien, unendlich

schmale Ebenen als Linien und unendlich dünne Ebenen als Körper, eine

Vorstellung, die später auch *Cavalieri* seinen Integrationen zugrunde

legte.

Als Beispiel diene die Quadratur des Kreises, an der wir bei

*Archimedes* das Exhaustionsverfahren kennen gelernt haben. Der

Kreisumfang, sagt *Kepler*, hat unendlich viele Teile. Jedes dieser

Teilchen ist als Basis eines gleichschenkligen Dreiecks anzusehen. Wir

erhalten so unendlich viele Dreiecke, die sämtlich mit ihren Spitzen im

Mittelpunkte des Kreises liegen. Werden nun die sämtlichen Grundlinien,

deren Summe gleich der Peripherie ist, auf einer Geraden aneinander

gefügt und mit dem Mittelpunkte des Kreises verbunden, so erhalten wir

ein aus unendlich vielen Dreieckchen bestehendes größeres Dreieck,

dessen Inhalt gleich dem des Kreises ist.

Auf die gleiche Weise wird der Inhalt der Kugel berechnet. »Sie

enthält«, sagt *Kepler*, »der Möglichkeit nach gleichsam unendlich

viele Kegel, deren Grundflächen sozusagen Punkte sind, während die

Spitzen im Mittelpunkte der Kugel zusammenstoßen.«

Eins der lehrreichsten Beispiele für *Keplers* Verfahren ist seine

Kubatur des Ringes (s. Abb. 53). Dieser wird zunächst durch Ebenen,

welche durch die Achse A gehen, in unendlich viele Scheibchen zerlegt.

Diese Scheibchen sind aber nicht überall gleich dick, sondern sie sind,

von ihrer eigenen Mitte aus gerechnet, nach der Achse A zu dünner und

nach der entgegengesetzten Richtung dicker. Diese Unterschiede gleichen

sich aber aus, und infolgedessen ist der Rauminhalt des Ringes gleich

dem Inhalt eines Zylinders, dessen Grundfläche mit einer Schnittfläche

des Ringes zusammenfällt, während seine Höhe gleich dem Kreise ist, den

der Mittelpunkt F dieser Schnittfläche bei ihrer Rotation um die Achse

A beschreibt.

[Illustration: Abb. 53. Keplers Kubatur des Ringes[298].]

Zu den wenigen, von den Alten betrachteten Rotationskörpern fügte

*Kepler* eine Fülle von neuen, so daß die Gesamtzahl der von ihm

betrachteten Körper sich auf 92 beläuft. Diese Mannigfaltigkeit

ergab sich, indem er geradlinige Figuren und die vier Kegelschnitte

um Durchmesser, Sehnen, Tangenten oder außerhalb dieser Kurven

gelegene Achsen rotieren ließ (s. Abb. 54). Die entstandenen Körper

benannte *Kepler* oft nach Früchten. So entstand sein »Apfel«, wenn

ein Kreisabschnitt, der größer als der Halbkreis ist, um seine Sehne

rotiert[299]. War der rotierende Kreisabschnitt dagegen kleiner als der

Halbkreis, so nannte er den entstandenen Körper »Zitrone«.

Die mathematische Strenge eines *Euklid* und *Archimedes*

vermochte *Kepler* bei seinen Ableitungen nicht zu erreichen. Dazu

bedurfte es der weiteren Entwicklung der Infinitesimalmethode,

die er erst begründete. In manchen Fällen mußte er sich mit

Wahrscheinlichkeitsschlüssen begnügen, oder er verfehlte gar die

richtige Lösung des vorliegenden Einzelfalles.

[Illustration: Abb. 54. Keplers Rotationskörper, den er »Apfel« nannte.]

*Kepler* hatte sich in seiner »Doliometrie« nicht nur die Aufgabe

gestellt, den Inhalt von Fässern und anderen Rotationskörpern zu

berechnen, sondern er wollte zugleich untersuchen, welche Form des

Fasses die zweckmäßigste sei, d. h. beim geringsten Verbrauch an

Material möglichst viel fassen könne. Ein Problem von der Art des

zuletzt erwähnten hat man als ein isoperimetrisches bezeichnet,

und wir werden erfahren, daß auch in späteren Perioden derartige

Probleme für die Entwicklung der höheren Analysis von der allergrößten

Wichtigkeit gewesen sind. Als Beispiel unter *Keplers* hierher

gehörigen Betrachtungen sei der Satz erwähnt, daß der Würfel das größte

Parallelepipedon ist, das in eine Kugel einbeschrieben werden kann[300].

*Kepler* bemerkte auch schon, daß die Maximalwerte dadurch

gekennzeichnet sind, daß in ihrer Nähe die Veränderungen einer Funktion

gleich Null werden. Ist z. B. MP (Abb. 55) die größte Ordinate der

Kurve AMB, so ist die Zu- und Abnahme von MP bei unendlich kleiner

paralleler Verschiebung gleich Null. *Kepler* zeigte durch diesen für

die Theorie der Maxima und Minima grundlegenden Satz, wenn er ihn

auch noch nicht zu beweisen vermochte, wie tief er auch nach dieser

Seite in die Infinitesimalbetrachtungen eingedrungen war. In *Keplers*

Worten lautet der Satz: »An solchen Stellen, wo der Übergang von einem

kleineren zum größten und wieder zum kleineren stattfindet, ist der

Unterschied immer bis zu einem gewissen Grade unmerklich.«

[Illustration: Abb. 55. Keplers Untersuchung der größten und kleinsten

Werte.]

Wenig später als *Kepler* nahm der Italiener *Cavalieri*[301] das

Problem der Quadratur und Kubatur gleichfalls nach einer von der

Mathematik der Alten abweichenden Methode in Angriff. Dies geschah

1635 in seiner »Geometrie der Indivisibilien«[302]. Eine klare

Definition des Wortes »Indivisibilien«, d. h. die »Unteilbaren«, hat

*Cavalieri* nicht gegeben. Sein Verfahren, die Flächen auf Linien und

die Körper auf Flächen zurückzuführen, hat auch wohl das Mißverständnis

hervorgerufen, als ob *Cavalieri* die Flächen als die Summen unendlich

vieler Parallelen und die Körper als die Summen von Flächen auffassen

wollte, und infolgedessen Widerspruch erregt. *Cavalieri* weiß aber

sehr wohl, daß die Summe aller parallelen Sehnen einer geschlossenen

Fläche unendlich und daß das Verhältnis zwischen zwei solchen Summen

unbestimmt ist. Besitzen dagegen die zahlreichen parallelen Sehnen,

welche durch zwei Flächen gelegt werden, die von zwei Parallelen

eingeschlossen sind, gleichen Abstand, so erhält das Verhältnis der

Sehnensummen einen Wert, der sich mit der Vermehrung der Sehnen einer

bestimmten Grenze nähert. Und zwar entspricht dies Verhältnis dem

der beiden Flächen, welche durch die Sehnen zerteilt werden. Ein

einfaches Beispiel möge das Gesagte erläutern. Man errichte über der

Grundlinie eines Dreiecks ein Rechteck von gleicher Höhe und ziehe

dann in beiden Figuren eine Anzahl Linien parallel zur Grundlinie in

gleichen Abständen. Dann wird die Summe der Strecken im Dreieck halb

so groß sein wie die Summe der Strecken im Rechteck. Daraus schließt

*Cavalieri*, daß auch die Flächen im Verhältnis von 1 : 2 stehen.

Nach demselben Verfahren ergibt sich, daß eine Ellipse und ein

Kreis, dessen Durchmesser mit einer Achse der Ellipse zusammenfällt,

sich der Fläche nach verhalten wie die andere Achse der Ellipse zum

Kreisdurchmesser.

Wird *Cavalieris* Methode auf körperliche Gebilde übertragen, so sind

statt der Linien parallele Ebenen in gleichen Abständen zu wählen.

Schneiden diese Ebenen die Körper in Flächen, die in einem gegebenen

Verhältnis stehen, so gilt für die Volumina der Körper das gleiche

Verhältnis. Noch heute trägt dieser Satz bekanntlich den Namen

*Cavalieris*. Eingeschränkt auf inhaltsgleiche Gebilde lautet er:

Gebilde der Ebene sowie des Raumes sind inhaltsgleich, wenn die in

gleicher Höhe geführten Schnitte gleiche Strecken bzw. Flächen ergeben.

Gegenüber der Methode *Keplers*, der sich bestimmte Aufgaben stellte,

besaß die Methode *Cavalieris* den Vorzug größerer Allgemeingültigkeit

und abstrakterer Behandlung. Trotz des Widerspruches, den beide

Männer fanden, war die von ihnen eingeführte Infinitesimalbetrachtung

die wertvollste Idee, die jemals die Mathematik bereichert hat.

Erweisen sollte sich ihre Fruchtbarkeit zwar erst nach der Erfindung

der analytischen Geometrie, aus deren Verknüpfung mit der neuen

Betrachtungsweise die Differential- und Integralrechnung als das

wichtigste mathematische Hilfsmittel der neueren Naturforschung

hervorging.

Unter den wissenschaftlichen Gegnern *Keplers* und *Cavalieris* ist

besonders *Guldin* zu nennen. Er befaßte sich in einem umfangreichen

Werke mit der Bestimmung der Schwerpunkte von Kurven, Flächen und

Körpern und zwar eingehender, als es bisher geschehen war[303].

Fußend auf einem Satz, der sich bei *Pappus* findet, ging *Guldin*

gleichfalls zu Inhaltsbestimmungen über. Der *Pappus-Guldin*sche Satz,

der heute noch als die *Guldin*sche Regel bezeichnet wird, besagt,

daß der Rauminhalt eines Rotationskörpers gleich dem Produkt aus der

erzeugenden Fläche und dem Wege ihres Schwerpunktes ist.

Einen einwandfreien Beweis dieses Satzes vermochte *Guldin* nicht

zu geben. Seine Richtigkeit folgerte er vielmehr aus dem Umstande,

daß man mit Hilfe dieser Regel zu den gleichen Ergebnissen gelangt,

die sich auch auf anderen Wegen finden lassen. Seine Beispiele sind

oft dieselben, die *Kepler* behandelt hat. Während aber *Keplers*,

von *Guldin* als unwissenschaftlich bekämpfte Methode den Keim der

höheren Mathematik enthielt, ist *Guldins* Verfahren ohne Einfluß

auf die Weiterentwicklung dieser Wissenschaft geblieben, zumal die

Quadratur der gegebenen Figur und die Bestimmung ihres Schwerpunktes

häufig weit schwieriger sind, als die direkte Kubatur des betreffenden

Rotationskörpers[304].

Einen weiteren Schritt auf dem Gebiete der Infinitesimalbetrachtungen

bedeutet die »Arithmetik des Unendlichen« des Engländers *Wallis*[305]

(1655). *Wallis* wurde durch die Untersuchungen *Cavalieris* angeregt,

sich mit Quadraturen und Kubaturen zu beschäftigen. Sie bilden den

wesentlichen Inhalt seiner »Arithmetik des Unendlichen«. Aus dem

Titel des Werkes ist schon ersichtlich, daß *Wallis* im Gegensatz

zu *Cavalieri*, der seine Ableitungen geometrisch zu gestalten

suchte, vorzugsweise rechnerisch verfuhr. Dies gelang ihm, indem

er die analytische Methode des *Descartes* auf die infinitesimale

Betrachtungsweise *Keplers* und *Cavalieris* übertrug. Ob *Wallis* mit

der Doliometrie *Keplers* bekannt war, ist allerdings zweifelhaft[306].

*Wallis* zerlegt z. B. eine Fläche, um deren Quadratur es sich handelt,

durch unendlich viele parallele Ordinaten in eine unendlich große

Zahl von unendlich schmalen Parallelogrammen und sucht deren Summe

zu ermitteln. Dabei bedient er sich der noch heute üblichen Form des

Grenzüberganges.

Die Erweiterung dieser von *Kepler*, *Cavalieri* und anderen

geschaffenen Grundlagen einer neuen, höheren Mathematik zu einem

allgemeinen, für die Fortentwicklung der Naturwissenschaft sowohl wie

der Technik unentbehrlichen Hilfsmittel ist insbesondere das Werk von

*Newton* und von *Leibniz*.

Durch seine Untersuchungen über unendliche Reihen war *Newton* zu einer

allgemeineren Lösung der Tangentenaufgabe gelangt, mit der sich schon

*Fermat* und *Descartes* beschäftigt hatten. *Newton* veröffentlichte

sein Verfahren zunächst nicht, sondern setzte seit 1669 mehrere

Personen, mit denen er in wissenschaftlichem Verkehr stand, davon

in Kenntnis. Durch einen Brief des Sekretärs der Royal-Society[307]

erfuhr auch *Leibniz* davon. Diesen Brief empfing *Leibniz* jedoch

erst 1677. Er antwortete noch in demselben Jahre unter Darlegung einer

Methode, die zum gleichen Ziele führe und machte sie im Jahre 1684

und 1686 bekannt. In der Schrift vom Jahre 1684[308] entwickelte er

die Prinzipien der Differentialrechnung. Er bezeichnete es als ihre

Aufgabe, den unendlich kleinen Zuwachs zu bestimmen, den eine Funktion

f(x) erfährt, wenn sich die Variable x unendlich wenig ändert. Jenen

unendlich kleinen Zuwachs nannte *Leibniz* das Differential der

Funktion. Er bezeichnete ihn mit d.

In der zweiten Schrift[309] entwickelte *Leibniz* die Prinzipien der

Integralrechnung. Er stellte sich darin die Aufgabe, umgekehrt aus

dem unendlich kleinen Zuwachs die Funktion zu finden, ein Verfahren,

das man als Integration bezeichnet. *Leibniz* führte für die gesuchte

Funktion das Zeichen ∫ (Integral) ein. Auch erkannte er schon den

Zusammenhang, in dem das Integrationsverfahren mit der Quadratur und

mit der Kubatur steht.

Bald nach diesen Veröffentlichungen erschienen die »Prinzipien« (1687),

in denen *Newton* sich der geometrischen Einkleidung seiner Beweise

bediente. So kam es, daß sich die von *Leibniz* erfundene Methode

rasch ausbreitete, während diejenige *Newtons* fast unbekannt blieb

und vollständig erst nach seinem Tode[310] veröffentlicht wurde. Er

nannte sie Methode der Fluxionen. Die unendlich kleinen Größen, mit

denen *Leibniz* operiert, ersetzt *Newton* durch seine verschwindenden

Größen. Das Neue ist bei *Newton* vor allem der Begriff der Grenze. Er

versteht darunter den Wert, dem sich die gleichsam fließenden (daher

der Ausdruck Fluxionen) Größen immer mehr nähern.

Erwähnt sei noch, daß im Jahre 1699 ein heftiger Prioritätsstreit

entbrannte. Er wurde entfacht durch die Bemerkung eines

Mathematikers[311], daß *Leibniz* sein Verfahren wahrscheinlich

*Newton* entlehnt habe. *Leibniz* war daraufhin so unvorsichtig, in

einer anonymen Schrift *Newton* des Plagiats zu beschuldigen. Eine

Aussöhnung fand nicht statt. *Leibniz* hat bis zu seinem Tode (1716)

sehr unter diesem Streit gelitten. *Newton* hat in seinen »Prinzipien«

anerkannt, daß *Leibniz* auf die gleiche Methode wie er gekommen sei.

Erst in der nach *Newtons* Tode erschienenen Auflage ist die Bemerkung

fortgelassen.

Daran, daß *Newton* die Priorität gebührt, ist nicht zu zweifeln, wie

auch *Leibniz* wohl die Anregung zu seiner Entdeckung durch *Newton*

empfangen hat. Vor allem hat *Leibniz* das Verdienst, die neue Methode

zuerst bekanntgegeben und durch den von ihm geschaffenen Algorithmus

ganz besonders zu ihrer Ausbreitung beigetragen zu haben.

Die tiefere Begründung der Infinitesimalmethode erfolgte erst durch

*Carnot*[312], den großen *Carnot* der französischen Revolution, dessen

Neffe grundlegende Untersuchungen auf dem Gebiete der Wärmelehre

anstellte (s. Bd. III ds. Werkes). Um die mathematische Strenge

des Verfahrens hat sich *Cauchy* das größte Verdienst erworben. Er

entschied sich für die von *Newton* begründete Methode der Grenzwerte,

die an Klarheit und Schärfe von keiner anderen erreicht wird.

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, II. Band Von Galilei bis zur Mitte des XVIII. Jahrhunderts · 第 32 / 81 题