oder die Bruchfestigkeit (oder relative Festigkeit) des Balkens wird
ausgedrückt durch Q = 1/2 K · (bh^2)/l. *Galilei* nahm bei seiner
Ableitung auf die Elastizität der Fasern noch keine Rücksicht. Für
Körper wie Glas und Stein ist dies zulässig, da man für diesen Fall
die Annahme, welche *Galilei* allgemein macht, gelten lassen darf, die
Annahme nämlich, daß die Fasern sich vor dem Abreißen nicht verändern,
während sie in Wirklichkeit sich ja zum Teil ausdehnen, zum Teil
verkürzen und nur in einer gewissen Zone (neutrale Fasern) ihre Länge
beibehalten, so daß das Zerreißen aller Fasern nicht gleichzeitig
stattfindet, wie *Galilei* voraussetzt. Unter Berücksichtigung
der Elastizität der Körper gilt daher in der heutigen Mechanik
ein kleinerer, in der Form aber dem von *Galilei* gefundenen ganz
entsprechender Wert:
(1/6 K (bh^2)/l).
[Illustration: Abb. 19. Galilei untersucht die Bruchfestigkeit eines
Balkens[109].]
[Illustration: Abb. 20. Galilei untersucht die Bruchfestigkeit von
Prismen.]
An diese Untersuchung anknüpfend, zeigt *Galilei* nun weiter, weshalb
ein Prisma auf schmaler Basis eine größere Bruchfestigkeit besitzt als
ein solches auf breiter (siehe Abb. 20). In *beiden* Fällen bleibt
der Hebelarm (BD) der Last unverändert. Auch der Widerstand ändert
sich nicht, da er in beiden Fällen gleich dem Widerstande aller Fasern
der Basis AB ist. Was sich dagegen ändert, ist der Hebelarm des
Widerstandes. Er ist im ersten Falle die Hälfte von AC, im zweiten
dagegen nur die Hälfte von BC. Dem größeren Hebelarm entspricht aber
ein größeres Moment, und diesem wieder eine größere relative Festigkeit.
Die Mechanik der Flüssigkeiten und der Gase.
Auch der Mechanik der flüssigen Körper, die seit *Archimedes* keine
Förderung erfahren hatte, wurde von *Galilei* zuerst wieder Beachtung
geschenkt. Zunächst stellte er in seiner Schrift über die schwimmenden
Körper[110] eine Nachprüfung der von *Archimedes* gefundenen
hydrostatischen Gesetze an und bestätigte ihre Richtigkeit. Dadurch
gelangte, gegenüber der unrichtigen Behauptung der Aristoteliker,
daß das Schwimmen eines Körpers vor allem von seiner Form abhänge,
die richtige Erkenntnis wieder zur Geltung. Diese Erkenntnis gipfelt
darin, daß das Schwimmen vom spezifischen Gewicht abhängt, und daß
ein Körper schwimmt, wenn sein spezifisches Gewicht kleiner ist
als dasjenige der verdrängten Flüssigkeit. Die Aristoteliker waren
zu ihrem Trugschluß durch die bekannte Erscheinung geführt worden,
daß dünne Metallplatten auf dem Wasser schwimmen. *Galilei* machte
demgegenüber darauf aufmerksam, daß solche Platten in einer Vertiefung
auf der Oberfläche des Wassers ruhen und daß sie untersinken und nicht
wieder emporsteigen, sobald sie ganz in die Flüssigkeit eingetaucht
werden. Eine Erklärung des Schwimmens dünner Metallplatten oder Nadeln
auf einer spezifisch leichteren Flüssigkeit vermochte erst das 18.
Jahrhundert nach der Entdeckung der Oberflächenspannung zu geben.
Letztere gab auch Aufschluß über eine Erscheinung, über die *Galilei*
sich keine Rechenschaft zu geben vermochte, die Erscheinung nämlich,
daß Wassermassen auf Blättern sich im Zusammenhang erhalten, ohne zu
zerfließen.
Um das Sinken und Steigen von Körpern in Flüssigkeiten aus dem
spezifischen Gewichte der Flüssigkeiten zu erklären, stellte *Galilei*
folgenden Versuch an. Er brachte eine Wachskugel in reines Wasser und
bemerkte, daß sie untersank. Erhöhte er darauf das spezifische Gewicht
der Flüssigkeit, indem er Salz darin löste, so stieg die Kugel bei
einem bestimmten Konzentrationsgrade wieder empor.
*Galilei* entwickelte ferner für die Beschaffenheit der Flüssigkeiten
eine Auffassung, die bis auf den heutigen Tag allen Untersuchungen
auf dem Gebiete der Hydromechanik als Grundlage gedient hat. Danach
bestehen die Flüssigkeiten aus isolierten Teilchen, die sehr beweglich
sind und deshalb dem geringsten Drucke folgen. Infolgedessen pflanzt
sich jeder Druck durch die ganze Masse der Flüssigkeit fort.
In dem Bestreben, die Mechanik der Flüssigkeiten auf die zunächst
an festen Körpern gewonnenen Grundsätze der allgemeinen Mechanik
zurückzuführen, wandte *Galilei* zum ersten Male das Prinzip der
virtuellen Geschwindigkeiten auf hydrostatische Verhältnisse an. Er
schuf damit für dieses Gebiet ein neues Beweisverfahren, das besonders
durch *Pascal* in seiner ganzen Bedeutung erfaßt und in vollem Umfange
angewandt wurde.
*Archimedes* hatte für die Untersuchung der statischen Verhältnisse
den Begriff des statischen Moments geschaffen und bei der Erklärung
der einfachen Maschinen sein Augenmerk vornehmlich auf die Gewichte
und ihre Abstände vom Drehpunkt gerichtet. *Stevin* und *Galilei*
dagegen faßten die statischen Verhältnisse vom dynamischen
Gesichtspunkt auf und betrachteten die Gewichte und deren bei einer
Verschiebung des Systems auftretende, also virtuelle, Falltiefen
oder vertikale Verschiebungsgrößen als maßgebend für die Beurteilung
der Gleichgewichtsbedingungen. Dieses Prinzip der virtuellen
Geschwindigkeiten oder Verschiebungen, wie man es genannt hat, läuft im
Grunde genommen auf den Satz hinaus, daß Gleichgewicht besteht, wenn
die Arbeit der Kraft gleich der Arbeit der Last ist, da ja das Produkt
aus dem Gewicht und der vertikalen Verschiebung als die geleistete
Arbeit betrachtet wird.
Am einfachsten und durchsichtigsten gestaltet sich bei *Galilei* die
Anwendung des Prinzips der virtuellen Geschwindigkeiten in dem Falle,
in dem es sich um das Eintauchen eines prismatischen Körpers in ein
gleichfalls prismatisches mit Flüssigkeit gefülltes Gefäß handelt.
*Galilei* vergleicht die Verschiebung oder, was sich dafür auch setzen
läßt, die Geschwindigkeit des Prismas mit derjenigen Verschiebung,
die der Flüssigkeitsspiegel in entgegengesetzter Richtung erfährt.
Offenbar verhalten sich die Verschiebungen oder die Geschwindigkeiten
des Prismas und des Spiegels umgekehrt wie die entsprechenden
Flächen, nämlich die Grundfläche des Prismas und die Oberfläche des
Flüssigkeitsspiegels. Wird das Prisma wieder herausgezogen, so findet
in entsprechender Weise ein Sinken des Spiegels statt. Das Produkt
aus Gewicht und Geschwindigkeit des eingetauchten Körpers wird dann,
wenn Gleichgewicht bestehen soll, gleich dem Produkte aus Gewicht
und Geschwindigkeit der gehobenen Flüssigkeitsmasse gesetzt und so
das Prinzip der virtuellen Geschwindigkeiten zur Anwendung gebracht.
*Galilei* dehnte es auch auf das Verhalten der Flüssigkeiten in
kommunizierenden Röhren aus. Die Analogie zwischen diesem Verhalten
und dem soeben geschilderten Vorgang konnte ihm nicht entgehen.
Entspricht doch dem Eintauchen des Prismas und dem dadurch bewirkten
Emporheben des Spiegels ein Herabdrücken der Flüssigkeit in der engeren
und ein Steigen in der weiteren Röhre, wobei sich gleichfalls die
Verschiebungen umgekehrt wie die Querschnitte verhalten.
Auch mit Erfindungen hat *Galilei* die Hydromechanik bereichert.
Er erfand eine hydrostatische Schnellwage und konstruierte eine
hydraulische Maschine, für die ihm Venedig ein Patent verlieh[111].
Wir haben hiermit die Art der Behandlung, die *Galilei* den Problemen
der Mechanik angedeihen ließ, kennen gelernt und werden ihm die
Berechtigung, von neuen Wissenszweigen zu sprechen, voll zugestehen
müssen. Durchdrungen von der Bedeutung des erschlossenen, auf der
innigen Verknüpfung des Versuches mit der mathematischen Ableitung
beruhenden neuen Weges, ruft er am Schlusse seines dritten Gespräches
aus: »Die in dieser Abhandlung vorgeführten Sätze werden, wenn sie
in die Hände anderer gelangen, immer wieder zu neuen, wunderbaren
Erkenntnissen führen. Und es wäre denkbar, daß in solcher Weise eine
würdevolle Behandlung sich allmählich auf alle Gebiete der Natur
erstreckte«. Diese Vorahnung sollte schon ein Menschenalter nach
*Galileis* Hinscheiden durch die Taten eines *Newton*, *Huygens* und
anderer Forscher der Erfüllung nahe gebracht werden. Indes schon
*Galilei* selbst hat sich durchaus nicht auf die Mechanik beschränkt,
sondern, wenn auch in bescheidenem Maße und mit geringerem Erfolge,
seine Untersuchungen den übrigen Gebieten der Naturlehre zugewendet.
Daß die Luft sich beim Erwärmen ausdehnt, war schon dem Altertum
bekannt. Beruhen doch auf diesem Verhalten manche physikalische
Schaustücke *Herons*. *Galilei* scheint trotz allen Dunkels, das die
Geschichte des Thermometers umgibt, der erste gewesen zu sein, der
diese Ausdehnung zum Messen des Wärmezustandes benutzt hat. Zwar
enthalten seine Schriften, soweit sie noch erhalten sind, kaum mehr als
eine Andeutung über diesen Gegenstand. So heißt es im »Dialog« an einer
Stelle, man dürfe nicht zweifeln, daß heißes Eisen beim Erkalten eher
von 10 Grad auf 9 Grad sich abkühle als von 10 auf 6. Indes ist unter
Grad hier jedenfalls nur eine ganz unbestimmt gelassene Einheit zu
verstehen.
Angaben der älteren Biographien weisen darauf hin, daß *Galilei*
schon vor 1597, als er sich mit den Werken *Herons* beschäftigte, ein
Thermoskop herstellte, das er bei seinen Vorträgen zeigte[112]. Es
bestand aus einer unten offenen und oben in eine Kugel endigenden Röhre
(Abb. 21), in der sich eine Flüssigkeit auf- und abbewegte. Letzteres
geschah, sobald die in der Kugel eingeschlossene Luft erwärmt oder
abgekühlt wurde, da sie dementsprechend einen größeren oder kleineren
Raum einnahm. Gleichzeitig mußte sich aber auch jede Schwankung des
Luftdrucks an diesem Instrument bemerkbar machen. Infolgedessen waren
nur innerhalb eines kurzen Zeitraumes angestellte Versuche vergleichbar.
[Illustration: Abb. 21. Galileis Thermoskop[113].]
Eine Verbesserung dieses Instrumentes bestand darin, daß man
der Röhre eine horizontale Lage gab und die Luft nur durch ein
Flüssigkeitströpfchen absperrte. Letzteres wurde bei den durch
Wärmeunterschiede hervorgerufenen Volumschwankungen hin- und
herbewegt[114]. Ein Freund *Galileis*[115] kam schon auf den
trefflichen Gedanken, ein solches, seinen Zwecken entsprechend
abgeändertes Thermoskop zur Bestimmung der Körperwärme von Kranken zu
benutzen.
Galileis Untersuchungen über den Schall.
*Galilei* hat auch unter den Neueren zuerst sich eingehender mit
akustischen Untersuchungen beschäftigt. Zwar rührt das erste neuere
Werk[116] über diesen Gegenstand von *Mersenne* her, während die
Untersuchungen *Galileis* nur gelegentliche Bemerkungen über
akustische Dinge bringen. Man muß jedoch annehmen, daß *Mersenne*,
der mit *Galilei* in regem Verkehr stand, seine Kenntnisse im
wesentlichen *Galilei* verdankte. *Mersenne* gebührt das Verdienst, die
Forschungsergebnisse des Meisters ausführlicher dargestellt und durch
eigene Untersuchungen vervollständigt zu haben.
*Galilei* behandelte im Anschluß an die von ihm entdeckten Gesetze
der Pendelschwingungen die Saitenschwingungen und zwar zunächst das
Phänomen des Mitschwingens[117], das im physikalischen Denken nicht
geschulte Zeitgenossen aus einer Art Sympathie erklären zu können
glaubten[118]. Die Abhängigkeit der Tonhöhe von der Schwingungszahl
erkannte *Galilei* durch folgenden Versuch. Er fuhr mit einem scharfen
Eisen über eine Messingplatte. Jedesmal, wenn er dabei einen deutlichen
Ton erhielt, waren auf der Platte, entsprechend den Schwingungen
des Eisens, eine Menge feiner Striche in völlig gleichen Abständen
eingegraben. Erzielte er durch Ändern der Geschwindigkeit einen höheren
Ton, so waren die Striche gedrängter; wurde der Ton dagegen tiefer,
so nahmen die Abstände zu und zeigten dadurch eine geringere Zahl
von Schwingungen an. Diese Schwingungen machten sich auch dadurch
bemerklich, daß das Eisen, jedesmal wenn beim Hinwegstreichen über die
Messingplatte ein Ton entstand, in der Faust erzitterte, so daß die
Hand ein Schauer durchfuhr. Der Vorgang, sagt *Galilei*, sei genau
derselbe, als wenn wir flüstern und laut sprechen. Nur im letzteren
Falle empfinde man im Kehlkopf und im Schlunde ein Zittern.
Die Zahl der in der Zeiteinheit bei bestimmten Tönen entstandenen
Striche bot nun *Galilei* das Mittel, einen vorher nur in seiner
physiologischen Wirkung bekannten Vorgang der messenden physikalischen
Untersuchung zu unterwerfen. Zunächst richtete es *Galilei* so
ein, daß zwei bestimmte Töne, die er auf seiner Messingplatte durch
schnelleres und langsameres Streichen erzeugte, den Zusammenklang
bildeten, den man in der Musik als Quinte bezeichnet. Als *Galilei*
darauf die Striche zählte und ihre Entfernung ausmaß, fand er, daß
auf 30 Striche, d. h. Schwingungen, des einen Tones 45 Striche oder
Schwingungen des anderen kamen.
Bisher hatte man die Tonhöhe nur in ihrer Abhängigkeit von der
Länge der schwingenden Saiten betrachtet und auch hierbei einfache
Beziehungen entdeckt. *Galilei* erkannte als das Grundgesetz der
Akustik, daß die Höhe eines Tones von der Anzahl der Schwingungen
abhängt, welche der tönende Körper in der Zeiteinheit macht. Er
fand durch jenen einfachen, soeben geschilderten Versuch, daß diese
Schwingungszahlen für den Grundton, die Quarte, die Quinte und die
Oktave sich verhalten wie 1 : 4/3 : 3/2 : 2 = 6 : 8 : 9 : 12.
*Galilei* untersuchte ferner die Töne schwingender Saiten in ihren
Beziehungen zur physikalischen Beschaffenheit dieser Saiten. Das
Ergebnis war folgendes: Bei gleicher Spannung und Beschaffenheit
entsteht die Oktave durch Verkürzung der Saite auf die Hälfte. Bei
gleicher Länge und Beschaffenheit erhält man die Oktave, wenn man
die Spannung vervierfacht. Will man bei gleicher Länge und Spannung
die Oktave erhalten, indem man die Saite feiner wählt, so muß man
ihre Dicke auf ein Viertel reduzieren. Indessen wird das akustische
Verhältnis, wie *Galilei* hervorhebt, nicht durch die Länge, die
Spannung und den Querschnitt der Saite verursacht, sondern durch die
Zahl der Schwingungen oder Lufterschütterungen, die unser Trommelfell
treffen und es im gleichen Tempo mitschwingen lassen.
Für diese Erscheinung des Mitschwingens oder der Resonanz gibt
*Galilei* folgende Erklärung: Die Schwingungen der Saite versetzen
die Luft in Bewegung. Jede mit der angeschlagenen gleich gestimmte
Saite fängt, weil sie im selben Tempo zu vibrieren vermag, beim
ersten Impulse an, sich ein wenig mit zu bewegen. Es werden nun aber
ein zweiter, dritter und viele andere Impulse hinzugefügt; und weil
sämtliche Impulse die Saite zur passenden Zeit treffen, so wird
schließlich die Schwingung der mitschwingenden Saite ebenso ergiebig
wie diejenige der angeschlagenen.
Auch die Erscheinung der Konsonanz und der Dissonanz sucht *Galilei*
aus dem Verhältnis der Schwingungszahlen und aus der Beschaffenheit
des Gehörorgans zu erklären. Konsonant seien diejenigen Töne, die in
einer gewissen Ordnung das Trommelfell erschüttern. Dissonante Töne
dagegen bewirkten, daß die Knorpel des Trommelfells sich in steter Qual
befänden, weil die Erschütterungen, die solche Töne hervorriefen, nicht
rhythmisch zusammenträfen.
Auch auf die Erscheinung der stehenden Wellen machte *Galilei*
aufmerksam. Er füllte ein Glas zum Teil mit Wasser und brachte das
Glas durch Streichen zum Tönen. Es zeigten sich dann Erhöhungen und
Vertiefungen der Oberfläche, die bestehen blieben, solange der Ton
dauerte. Sprang der Ton in die höhere Oktave über, so zerfiel jede
Welle in zwei Wellen.
Galileis optische und magnetische Untersuchungen.
Mit optischen Untersuchungen hat sich *Galilei*, abgesehen von seiner
Mitwirkung bei der Erfindung des Fernrohrs, kaum beschäftigt. Doch
zeugt es von Divinationsgabe, daß er eine endliche Geschwindigkeit des
Lichtes annahm, obgleich sein Versuch, sie zu messen, scheiterte. Der
Versuch selbst war so gut ausgedacht, daß wir ihn trotzdem schildern
wollen, weil er sich im Prinzip mit der später von *Fizeau* erdachten
erfolgreichen Versuchsanordnung deckt[119].
In beiden Fällen handelt es sich nämlich um ein rasches Hin- und
Hersenden von Lichtsignalen zwischen zwei weit voneinander entfernten
Orten. Bei *Galilei* erhielten zwei Personen Laternen. Sie wurden
zunächst auf kurze Entfernung einander gegenübergestellt. Jeder hatte
dann sein Licht wiederholt aufzudecken und sofort wieder abzublenden.
Das kurze Aufdecken erfolgte jedesmal, wenn der eine Beobachter das
Licht des zweiten Beobachters erblickte. Darauf wurde der Abstand
zwischen beiden Personen auf eine Meile vergrößert und das Experiment
wiederholt. Wäre dann die Beantwortung der Signale in einem langsameren
Tempo erfolgt, so hätte man daraus auf die Zeit, die das Licht zu
seiner Fortpflanzung gebraucht, schließen können. Die Entfernung war
indessen zu gering und der Wechsel erfolgte nicht rasch und nicht
gleichmäßig genug. Infolgedessen verlief der Versuch ohne Ergebnis.
Wir werden später sehen, daß *Fizeau* ein solches erzielte, ohne die
Entfernung erheblich zu vergrößern, und zwar dadurch, daß er eine
mechanische Vorrichtung ersann, die einen gleichmäßigen Wechsel der
Signale innerhalb des Bruchteils einer Sekunde ermöglichte.
Zur Beschäftigung mit den magnetischen Erscheinungen wurde *Galilei*
durch das Studium des *Gilbert*schen Werkes veranlaßt. Er ließ
sich dabei von dem Bestreben leiten, den Magnetismus, auf dessen
kosmische Bedeutung *Gilbert* zum ersten Male hingewiesen hatte, zur
Erklärung astronomischer Vorgänge zu verwerten. Betrachtungen über den
Magnetismus bilden daher einen nicht unwesentlichen Teil seines großen
Dialogs über die Weltsysteme[120]. Das erwähnte Bestreben offenbart
sich darin, daß er die unveränderliche Richtung der Erdachse aus der
magnetischen Natur der Erde zu erklären sucht und darauf hinweist, daß
der Mond »wie durch magnetische Kraft gebannt« stets ein und dieselbe
Seite der Erde zukehre[121]. *Gilbert* ging darin noch weiter und
suchte auch die Drehung der Erde um ihre Achse aus dem Magnetismus
zu erklären. Er nahm an, daß jede magnetische Kugel, wenn keine
Widerstände sie daran hindern, sich um sich selbst drehen müsse. Diese
Ansicht vermochte der in mechanischen Dingen *Gilbert* weit überlegene
*Galilei* indessen nicht zu teilen. Wohl aber erblickt er in den
Bewegungen, welche die Erde nach der koppernikanischen Lehre ausführt,
eine Analogie zu den Bewegungen des Magneten, der »in ähnlicher,
vielleicht in derselben Weise« eine horizontale und eine vertikale
Kreisbewegung (infolge der Deklination und Inklination) besitze[122].
In der Erkenntnis, daß »der Magnet dem menschlichen Verstande ein
weites Forschungsfeld« darbiete, hat sich *Galilei* auch mit der
Tragkraft des Magneten, sowie mit der Herstellung von Armaturen und
ihrer Wirkung eingehender befaßt. Durch Armierung eines Magnetsteins
verstärkte er seine Kraft auf das Achtfache. Den Grund dieser
Erscheinung erblickt er in dem Umstand, daß die geglättete Armatur das
angezogene Eisenstück in viel mehr Punkten berühre als die gröbere
und rauhere Substanz des Magnetsteins. In einem anderen Falle[123]
will *Galilei* durch Armierung die Tragfähigkeit auf das Achtzigfache
gesteigert und bewirkt haben, daß der Magnet 26mal soviel trug, als er
Gewicht besaß.
Im vorstehenden haben wir die Verdienste *Galileis* um die Begründung
der neueren Naturwissenschaft kennen gelernt und gesehen, wie überall
das mathematische und induktive Verfahren durch diesen Mann zum
Durchbruch kam. Fast sämtliche Gebiete der Naturlehre empfingen die
kräftigste Anregung. Vor allem aber wurde das ganze Gebiet dieser
Wissenschaft von den Auswüchsen metaphysischer Betrachtungsweise, mit
denen es vorher so sehr verquickt war, befreit. *Galileis* Eigenart
entsprach es nämlich, daß er sich stets der Grenzen der Naturforschung
bewußt blieb und sich darauf beschränkte, die Erscheinungen in ihrem
Verlaufe und in ihrem Zusammenhange mit verwandten Vorgängen scharf zu
erfassen, ohne in ein unfruchtbares Suchen nach den letzten Gründen
zu verfallen. Eine solche Beschränkung ist für die Erneuerung der
Naturwissenschaft, wie sie im Beginn des 17. Jahrhunderts erfolgte,
von höchstem Werte gewesen. Bevor wir uns dem weiteren Ausbau des von
*Galilei* geschaffenen Lehrgebäudes zuwenden, scheint es geboten, auch
der Persönlichkeit des einzigartigen Mannes gerecht zu werden.
Galileis Persönlichkeit und Schriften.
*Galilei* war nach den Berichten seiner Zeitgenossen groß, stark gebaut
und von ehrwürdigem Aussehen (siehe das Titelbild). Die Stirn war hoch,
der Blick voll Feuer und seine Rede angenehm und ausdrucksvoll. Dabei
war er kein einseitiger Gelehrter. Die Erholungsstunden widmete er der
Musik und der Malerei. Sogar einige Sonette sind von ihm vorhanden.
Diese künstlerische Veranlagung *Galileis* kam in seinen Schriften
dadurch zum Ausdruck, daß sie neben ihrer wissenschaftlichen Bedeutung
sprachlich zu dem Vollendetsten gehören, was die italienische Literatur
des 17. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Gelehrte Unterhaltungen führte
*Galilei* nur mit seinen Freunden, suchten Unberufene ihn in solche
hineinzuziehen, so wußte er geschickt abzulenken.
Die gegen ihn gerichteten Verfolgungen setzten sich bis über das Grab
hinaus fort. Sogar das letztere wurde ihm streitig gemacht. Erst
ein Jahrhundert nach *Galileis* Tode wurde seinem letzten Wunsche
gewillfahrt, indem man die irdischen Überreste des großen Forschers in
der Kirche Santa Croce zu Florenz bestattete. Ein prächtiges Denkmal
schmückt jetzt diesen Ort. Von gleicher Tragik war das Geschick der
handschriftlichen Hinterlassenschaft *Galileis*. Von seinem Sohne
sehr vernachlässigt, von einem Enkel in einer skrupulösen Anwandlung
zum Teil verbrannt, gelangte sie endlich in die Hände *Vivianis*,
der *Galilei* die letzten schlimmen Lebensjahre ertragen geholfen.
*Vivianis* Absicht, diese Geistesschätze durch eine Herausgabe zu
heben, wurde jedoch vereitelt. In Florenz, wo mit dem Enkel desjenigen
Mediceers, der *Galilei* in seinem Lande eine Ehrenstätte bereitete,
Andächtelei und Priesterherrschaft den Thron bestiegen hatten, war
der Name des großen Mannes geradezu verhaßt geworden. *Viviani* sah
sich schließlich in der Furcht, daß ihm auf obrigkeitlichen Befehl die
Schriften abgenommen werden könnten, genötigt, sie einem Verstecke
anzuvertrauen. Erst im nachfolgenden Jahrhundert wurden *Galileis*
Manuskripte wieder entdeckt. Sie sollten schon als Makulatur in die
Hände eines Krämers wandern, als man noch rechtzeitig ihren Wert
erkannte und wenigstens einen Teil in die Bibliothek zu Florenz
hinüberrettete.
Eine Gesamtausgabe der Werke *Galileis*[124] erschien um die Mitte
des 19. Jahrhunderts. Eine auf Grund der eingehendsten Vorarbeiten
veranstaltete neue Ausgabe besorgte *Favaro*. Sie wurde durch
staatliche Mittel ermöglicht und umfaßt zwanzig große Bände[125].
Um das Bekanntwerden der Werke *Galileis* hat sich ein Straßburger
Professor namens *Bernegger* verdient gemacht. *Bernegger* unterhielt
mit *Galilei* und mit *Kepler* einen lebhaften Briefwechsel[126]
und übersetzte mehrere Schriften *Galileis* ins Lateinische, um sie
dadurch der gelehrten Welt zugänglicher zu machen. *Galilei* selbst
hatte nämlich seine Werke zum großen Teil in der Muttersprache
veröffentlicht. Sein Hauptwerk, der »Dialog« über die beiden
hauptsächlichsten Weltsysteme (Deutsch von *E. Strauß* im Jahre
1891 herausgegeben), erschien in der lateinischen, von *Bernegger*
besorgten Ausgabe schon 1635, also nur wenige Jahre nach der ersten
Veröffentlichung durch *Galilei*[127].